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Im Schatten des Kalten Krieges verschwimmen Leben und Tod. Berlin, 2003: Eine Serie rätselhafter Selbstmorde führt das Ermittlerduo Roya Rauch und Dante Wagner in die Schatten geheimer Experimente im West-Berlin der 1980er-Jahre. Was damals entfesselt wurde, fordert Jahrzehnte später seinen Preis.Je näher sie der Wahrheit kommen, desto enger zieht sich das Netz aus Schuld, Manipulation und Paranoia. Gibt es einen Zusammenhang zwischen all dem und Royas Migräneattacken? Und was haben John Lennon, Italo Calvino und Joseph Beuys damit zu tun? Ein düsterer, vielschichtiger Thriller über Vergangenheit, Schuld und die Grenzen der Wirklichkeit.
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Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Florian Kugel
Thriller
»Roya« © 2025 Florian Kugel, alle Rechte vorbehalten. Umschlaggestaltung: Perpicx Media Design, www.perpicx.de Veröffentlichung: © 2025 Suspense Verlag Höhenstraße 18, D-61267 Neu-Anspach E-Mail: [email protected]
chaptune
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Ihre Schwester war mit ihrem Wagen von der Straße abgekommen und frontal in einen Baum gekracht. Nichts würde das rückgängig machen. Und vielleicht hatte sie es sogar verdient. Natürlich erwähnte Roya das ihren Eltern gegenüber nicht, als sie sich vor Stunden von Aidas Beerdigung verabschiedet und die beiden einen riesigen, tränenerstickten Zirkus veranstaltet hatten. Und auch zu Dante sagte sie kein Wort davon, als er bei ihrem Erscheinen im Büro sein erwartbares, sentimentales Theater spielte: »Das kann nicht dein Ernst sein! Bist du dir sicher? Es ist doch viel zu früh, wieder in den Dienst einzusteigen – deine Schwester ist heute beerdigt worden!« So war er. Und das konnte sie ebenso wenig ändern, wie ihre Trauer Aida wieder lebendig machte. Jedenfalls hatte Roya sich nicht nehmen lassen, Dante zu der Vernehmung zu begleiten.
Normalerweise verfrachtet eine Gesellschaft ihre Kollateralschäden an die Peripherie, dorthin, wo sie möglichst niemand sieht und sie niemanden stören. Das St. Hedwig glich daher einem galaktischen Narrenschiff, das mitten im aufblühenden Stadtkern der neuen alten Hauptstadt notgelandet war. Die Psychiatrie lag nur einen Steinwurf vom Hackeschen Markt und dem Alexanderplatz entfernt. Trotz ihres Renommees und ihres hohen Alters war sie ein Fremdkörper.
Nachdem die Ermittler den mitraförmigen Eingang in der ganz mit Efeu bewachsenen Fassade aus roten Backsteinen passiert hatten, wurden sie, angeführt von einem Psychiater und umschwärmt von einer Trabantenschar von Pflegerinnen und Pflegern, zu dem Zimmer geführt, in dem Dr. Rosenheim untergebracht war.
Dr. Oliver Rosenheim war Neurologe und vor langer Zeit mal eine Koryphäe auf dem Gebiet der Neurobiologie gewesen. Er hatte bloß noch spärliches, nikotingraues Haar, das sich um eine breite Tonsur gruppierte, die sich von der Stirn bis zum Hinterkopf zog. Obwohl er recht dünn war, hatte er ein teigiges Gesicht mit runden Backen und eine knollige Nase. Er wirkte hilflos, wie er da saß in seinem Krankenhauskittel, die grauen Augen bar jeder Hoffnung. Im Zimmer roch es nach Desinfektionsmittel, Thymian und Rosen.
Nach dem Suizid seiner Frau befragt, sagte Dr. Rosenheim: »Wir haben einen Fehler gemacht. Ich habe sie allein gelassen. Glauben Sie mir, ich wollte ja zurückkommen und ihr helfen. Wenn ich einen Weg gefunden hätte, dass es aufhört! Aber es hört nicht auf!« Er fasste sich langsam, starrte gedankenversunken in eine Ecke des Raumes und wisperte mit tonloser Stimme: »Es hört einfach nicht auf.«
»Können Sie sich vorstellen, warum Ihre Frau sich das Leben genommen hat?«, fragte Dante.
»Sie hat sich …« Er unterbrach sich selbst, schüttelte den Kopf. »Sie wollte sich nicht umbringen.«
Roya verschränkte die Arme. »Und wie erklären Sie sich die Überdosis?«
»Sie hatte Angst. Schreckliche Angst. Ich hätte bei ihr bleiben sollen …!«
Dante warf Roya einen flüchtigen Blick zu. »Und warum sind Sie nicht geblieben?«
Schluchzend vergrub der Mann das Gesicht tiefer in den Händen.
»Dr. Rosenheim?«
»Ich konnte nicht. Ich musste weg.«
»Warum?«
»Ich hatte auch Angst.«
»Angst wovor?«, fragte Roya und dann abermals: »Wovor hatten Sie Angst?«
Keine Antwort.
»Was können Sie uns über Richard Garner sagen?«
Dr. Rosenheim hörte auf zu wippen und starrte die Ermittler an, offensichtlich überrascht, diesen Namen zu hören. Aber nur für einen Moment, dann begann er wieder zu wippen. »Das verstehen Sie nicht.«
Dante räusperte sich: »Richard Garner ist seit fast zwei Wochen tot, wir höchstpersönlich haben seine Leiche geborgen – er kann mit dem Tod Ihrer Frau nichts zu tun haben.«
Rosenheim kicherte kränklich. »Da sehen Sie es. Sie verstehen es nicht. Sie können das nicht verstehen!«
»Dann erklären Sie es uns, bitte.«
Dr. Rosenheim blickte die Ermittler starr an. »Sie wissen gar nichts. Und Sie sollten dankbar dafür sein.«
»Dr. Rosenheim, wir müssen Ihnen diese Frage stellen.« Roya konnte die Schärfe in ihrer Stimme nicht verbergen. »Haben Sie etwas mit dem Tod Ihrer Frau zu tun?«
Die Worte trafen Dr. Rosenheim wie Ohrfeigen. »Ich!? Nein! Ich meine … ich … ich habe sie geliebt! Er war es!«
»Garner?«
»Richard Garner ist tot«, sagte Dante kalt.
»Wohin wollten Sie, als Sie das Haus verließen?«
»Ich … ich weiß es nicht mehr genau …«
»Was ist mit Ihrer Frau passiert?«
»Meine Frau ist tot!«
»Wo wollten Sie hin?«
»Ich wollte Hilfe holen!«
»Hilfe? Was für Hilfe? Die Polizei? Einen Krankenwagen? Sie hätten anrufen können.«
»Ich …«
Dante bohrte weiter: »Waren Sie dabei, als Ihre Frau die Pillen genommen hat?«
»Woher kennen Sie Richard Garner?«, fragte Roya.
Rosenheim schlug sich mit beiden Fäusten gegen den Kopf und schrie.
»Ich fürchte, wir müssen das hier abbrechen«, sagte der Psychiater und bedeutete den Ermittlern, ihm nach draußen zu folgen. »Das geht so nicht«, sagte er vor der Tür. »Dr. Rosenheim zeigt alle Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Kein Wunder nach dem Tod seiner Frau. Er gibt sich irgendwie die Schuld daran, aber sein Gedächtnis ist gestört. Er weiß zum Beispiel nicht, wo er hinwollte, als er das Haus verließ.«
Dante runzelte die Stirn. »Oder er will, dass wir das glauben. Was denken Sie, Doktor: Hat er etwas mit dem Tod seiner Frau zu tun?«
Der Arzt zuckte die Achseln. »Offen gestanden, nein. Er ist schwer traumatisiert und hat wirklich Angst. Ausgeschlossen ist es natürlich nicht.«
»Haben Sie eine Ahnung, warum er sich selbst hier eingewiesen hat?«, fragte Roya.
»Er hat sich nicht wirklich selbst eingewiesen. Die Polizei griff ihn hier ganz in der Nähe aufgrund ungewöhnlichen Verhaltens auf. Weil er vollkommen desorientiert und von der Rolle war, dachten die Polizisten, es handle sich um einen unserer Patienten, und brachten ihn her. Und seit er hier ist, bittet er um Medikamente. Zuerst verlangte er ein Präparat, das mir unbekannt ist. Als er merkte, dass es aussichtslos war, wollte er starke Opiate. Stellen Sie sich vor, er wollte sogar, dass wir ihn in Narkose oder ein künstliches Koma versetzen.«
»Was?!«
»Er hat mehrfach darum gebeten. Als er einsah, dass wir das nicht machen würden, gab er an, heftige Schmerzen zu haben. Aus schierer Hilflosigkeit verabreichte ich ihm zunächst ein Placebo, das er aber sofort als solches erkannte. Er gab solange keine Ruhe, bis ich ihn endlich sedierte. Zu meiner Verteidigung: Er schien wirklich Schmerzen zu haben. Jedenfalls beruhigte es ihn. Wenige Minuten nach der Gabe rief er: ›Das ist es! Das hilft! Er ist weg!‹
»Was meinte er?«
Der Psychiater hob abwehrend die Hände. »Ich habe nicht die geringste Ahnung. Er sprach von diesem Richard Garner, wer immer das sein mag.«
»Ein Toter«, antwortete Dante.
31. Januar 2003
Am Morgen erwachte Roya Rauch in ihrem Haus, das nur erfüllt war vom Nachhall labyrinthischer Albträume. Es fühlte sich an, als würde jemand ihre Augenhöhlen mit einem Eispickel auskratzen. Sie kannte das, seit sie ein kleines Mädchen war, aber so schlimm war es lange nicht gewesen. Der Schmerz war so intensiv, dass er sich zwischenzeitlich in grellen Lichtblitzen manifestierte, die, wenn es ganz schlimm wurde, Gestalt annehmen und sich zu echten Halluzinationen auswachsen konnten. In der Nacht hatte sie mehrfach Aida gesehen: vor ihrem Bett stehend, bleich und schweigend, oder auf dem Weg zur Toilette regungslos auf dem Treppenabsatz.
Als sie im Büro erschien, fand sie Dante in höchster Aufregung. Kurz zuvor hatte er sich anscheinend als Erstes einen großen Schluck Kaffee am Mund vorbei auf sein Hemd geschüttet, schien es aber gar nicht bemerkt zu haben. Sobald er Roya sah, rief er ohne zu grüßen: »Diese Sache wird immer verrückter: Er hat wirklich eine Ärztin umgebracht!«
Roya rieb sich den stechenden Kopf. »Langsam, Dante, wovon sprichst du?«
»Na, von Richard Garner, wovon denn sonst?«
»Also glauben wir jetzt auch an Geister?«
»Sei nicht albern, die Sache liegt Jahre zurück. Wurde nie aufgeklärt, bis jetzt, da die Forensik bei einem routinemäßigen Abgleich Garners Fingerabdrücke auf der damaligen Tatwaffe identifizierte.«
»Und wer war das Opfer?«
»Dr. Alina Terglach«, sagte Dante und warf ihr ein Foto hin – zierliche Frau, hellblondes Haar, ungewöhnlich blass, stechend blaue Augen. »Ärztin im Ruhestand. Hat früher im Virchow-Klinikum gearbeitet, vor der Wende, als es noch West-Berliner Krankenhaus hieß.«
Dann zeigte er ihr ein anderes Foto. Er schien den Effekt genau berechnet zu haben. Die toten Augen starrten ins Nichts, das Haar war blutverklebt, der Mund in einem ewigen Angstschrei eingefroren, der aus dem Jenseits noch durch das Foto herüberzutönen schien.
»Sie wurde damals in einem verwilderten Garten am Nordufer gefunden. Ihr Mann gab an, sie sei dort gern spazieren gegangen. Die beiden wohnten in der Nähe. Die Tatwaffe konnte zwar am Tatort sichergestellt, aber die Fingerabdrücke bis heute nicht zugeordnet werden.«
Roya überflog die Akte. »Keine Spuren einer Vergewaltigung. Es wurde nichts gestohlen. Sie wurde einfach auf bestialische Weise erstochen. Gibt es eine Verbindung zwischen Garner und dieser Ärztin?«
»Bisher nicht, außer dass sie im selben Bezirk wohnten.« Dante schüttelte betroffen den Kopf. »Sieh dir an, was er mit dieser armen Frau gemacht hat. Das ist doch krank. Schon komisch, dass sie Ärztin war, oder?«
»Wieso das?«
»Na ja, ich musste sofort an Dr. Schallick denken.«
»Du meinst, weil sie Psychologin war?«
»Komm schon, Roya: Vor zwei Wochen bringt sich Richard Garner um, vor wenigen Tagen dann diese Psychologin. Ihr Mann behauptet, Garner sei schuld an ihrem Tod. Und jetzt stellt sich heraus, dass er tatsächlich mal eine Ärztin ermordet hat, als er noch am Leben war. Schon ein komischer Zufall, meinst du nicht?«
Roya winkte ab und begann, in ihrer Handtasche zu wühlen. »Das Leben ist ein komischer Zufall – und doch existieren wir.«
»Du glaubst, das hat alles nichts miteinander zu tun?«
Sie schaute auf. »Ich weiß es nicht, aber solange ich keinen handfesten Hinweis habe, verlasse ich mich auf Okhams Rasiermesser.«
»Was?«
»Scholastik. Hätte mich gewundert, wenn du es kennst.« Roya war gut darin, ihrem Partner das Gefühl zu geben, der letzte Trottel zu sein. Sie begegnete der Welt meist mit einem Gesicht aus Stein und Worten wie Faustschlägen. Das machte die Zusammenarbeit mit ihr nicht immer leicht. Trotzdem mochte Dante sie. Er ahnte, dass sie sich diese Attitüde im Laufe eines Lebens als arabischstämmige, christlich erzogene Frau angeeignet hatte, in dem sie einerseits von ihrer Familie und andererseits von der Gesellschaft andauernd und von allen Seiten mit Klischees und Anforderungen bombardiert worden war, in die sie nicht passte oder nicht passen wollte. Dass sie dann auch noch Philosophie studiert hatte, um schlussendlich bei der Mordkommission zu landen, setzte dem Ganzen die Krone auf. Ihre Diplomarbeit war eine Rechtfertigung des Pessimismus gewesen. Es wurde eine Apologie. Seit sie bei der Polizei war, kippte ihr ohnehin schon nicht rosiges Weltbild vollends Richtung Misanthropie. Kein Wunder: Jeden Tag sah sie die sonst sorgsam verdeckte hässliche Fratze der Menschheit, Gewalt und Sinnlosigkeit. Erst neulich hatte ein Mann seine Frau niedergestochen, sie mit einem dicken Seil an die Anhängerkupplung seines Wagens gebunden und so lange durch die Nachbarschaft eines Berliner Vorortes gezogen, bis sie tot und ihre Nase regelrecht abgeschmirgelt war. Obwohl ihre Eltern sie sehr religiös erzogen hatten, war Roya fest davon überzeugt, dass das Leben eine Art Missgeschick war, ebenso sinnlos wie diese von ihrem Mann geschändete Frau, ebenso gleichgültig wie Aidas Asche.
»Gemäß Okhams Rasiermesser, ist von mehreren Theorien die einfachste stets allen anderen vorzuziehen. Also, vergessen wir mal Dr. Schallick und ihren verrückten Mann. Halten wir uns an die Fakten und konzentrieren wir uns, wenn überhaupt, darauf, eine Verbindung zwischen der ermordeten Ärztin und Richard Garner zu finden. Es muss irgendeine Verbindung geben. Eifersucht vielleicht?«
»Oder Geld? Was Finanzielles?«
»Bei siebzehn Messerstichen? Das deutet auf eine große Portion Emotion hin.«
Dante sprang auf und schnappte sich seine Jacke. »Das Spekulieren führt zu nichts. Kümmern wir uns darum.«
»Wo willst du hin?«
»Zu Garners Schwester, Renate Schmidt. Ist, soweit ich das sehe, die einzige Angehörige. Sie kümmert sich auch um den Nachlass. Stellen wir ihr ein paar Fragen, kann nicht schaden.«
»Ernsthaft? Du willst dieser Sache weiter nachgehen?«
»Korrigier mich, aber warst du es nicht, die beim Fund von Garners Leiche plötzlich so ein komisches Gefühl hatte? Jetzt haben wir einen handfesten Mord.«
Es stimmte. Als sie vor gut zwei Wochen Richard Garners fliegenumschwärmte Leiche in der dunklen Erdgeschosswohnung im Wedding gefunden hatten, hatte sie plötzlich die merkwürdige Ahnung beschlichen, dass etwas nicht stimmte. Eigentlich war Roya rational wie Rechenpapier, weshalb sie das Gefühl auf subliminale Wahrnehmungen zurückführte, ausgelöst durch den Gestank, das Summen der Fliegen und die paranoiden Bücher über UFOs und Außerirdische sowie die Notizbücher mit allerhand wirren Aufzeichnungen, wie beispielsweise über Seiten hinweg die Wiederholung immer gleicher Namen berühmter Persönlichkeiten. Ein verrückter alter Sonderling, der schließlich an den zerklüfteten Abgründen seiner Psychose zerschellt war. Ein verblichenes Foto, das eine jüngere Version Garners neben seiner geschiedenen Ehefrau und der gemeinsamen Tochter zeigte, war die einzige Spur eines glücklicheren Lebens gewesen.
»Was ist mit Garners Frau?«, fragte Roya. »Die von dem Familienfoto.«
»Habe ich abgecheckt. Melissa Garner ist tot. Schon ziemlich lange sogar. Hirnschlag. Tragische Geschichte.
Roya verzog die Mundwinkel und nickte anerkennend. »Sehr fleißig, Herr Wagner. Und was ist mit dem Kind?«
»Das kann uns hoffentlich die Schwester sagen. Die und ihr Mann haben die Kleine nach dem Tod der Mutter bei sich aufgenommen.«
Eine Garage voller Erinnerungen
Sie hatten eben zu Abend gegessen. Während Richard und Melissa sich um den Abwasch kümmerten, hatte Renate sich ins Wohnzimmer zurückgezogen, um wie jeden Abend die Tagesschau zu sehen. »Ich helfe dir gerne danach beim Spülen«, hatte sie zu Melissa gesagt. Aber die war so müde, dass sie einfach nur noch die Küche fertigmachen und sich dann auf die Couch legen wollte, um nicht mehr aufzustehen, bis Richard sie später zusammengerollt schlafend ins Bett tragen würde. Der hatte sich überraschend bereit erklärt, seine Schwester beim Spüldienst zu vertreten.
»Es hat auch sein Gutes, schwanger zu sein«, sagte sie und beobachtete fasziniert, wie das Wasser die dunkle Bratensoße vom Weiß des Tellers wusch. »Ich glaube, du hast mir noch nie beim Abwasch geholfen.«
Richard lächelte, nahm sie in den Arm. »Ich bin ja auch dein Mann, nicht deine Haushaltshilfe.«
Sie heftete ihm ein bisschen Schaum an die Nasenspitze und legte die noch vom Spülwasser nassen Hände an seine Wangen. Ungerührt schaute er sie an wie ein unabwendbares Verhängnis. »Sind wir fertig?«
Sie lachte. Er küsste sie auf die Stirn und streichelte sanft die schon pralle Rundung ihres Bauches.
»Können wir einen Deal machen?«, fragte Melissa.
»Kommt ganz darauf an.«
»Lass uns in Zukunft immer zusammen spülen, auch wenn das Kind da ist.«
»Ist das jetzt ein neuer feministischer Spleen?«
»Ach komm schon, wir essen gemeinsam und dann waschen wir gemeinsam ab. Ich finde das schön. Wirklich. Warum auch nicht? Nur weil du ein Mann bist? Ich dachte, darüber sind wir langsam hinaus.«
Er küsste sie wieder. »Wenn du mir versprichst, dass nicht Katja dir diese Sache eingeredet hat, dann spülen wir ab jetzt gemeinsam. Wir können auch gerne zusammen kochen …«
»Nein danke. Glaubst du, ich habe vergessen, was du den Nudeln angetan hast? Aber wenn du in Zukunft die Kartoffeln schälen willst und all so was …«
»Oh mein Gott!«, rief Renate plötzlich aus dem Wohnzimmer. »Melissa! Kommt schnell!« Sie schauten sich verdutzt an. Das war echte Panik in ihrer Stimme. »Melissa!«
Rasch trockneten sie sich die Hände ab und gingen ins Wohnzimmer. Renate saß da, zeigte auf den Fernseher und bedeutete ihnen, ruhig zu sein. Sie schien in dieser Geste eingefroren. Die Tagesschau lief: Die NATO spekulierte über die möglichen Absichten der rund 30 sowjetischen Divisionen an der Grenze zu Polen, weshalb der ewige Streit, wer innerhalb des Bündnisses zu wenig Geld für Rüstung ausgebe, auf den nächsten Tag verschoben werden müsse.
»Was ist denn passiert?«, fragte Richard genervt, weil seine Schwester sie in der Küche unterbrochen hatte.
Renate wirkte vollkommen derangiert. »Gleich kommt es. Er hat es eben in der Zusammenfassung erwähnt. Das kann nicht wahr sein. Guter Gott …!«
Richard massierte seine Schläfen. »Ich muss mal«, sagte er abwesend und ging. Melissa wusste, dass die sensationsheischende Attitüde seiner Schwester ihn schon als Kind aufgeregt hatte. Er hatte seine eigene Art, damit umzugehen, indem er das Gegenteil von dem machte, was sie verlangte.
»Beeil dich, gleich kommt es!«
Melissa stand schweigend hinter dem Sofa.
Die Tagesschau spulte ihr steifes Programm ab: Die Sowjetunion war unruhig wegen der polnischen Solidarnosc-Bewegung; Finanzierungsprobleme der Bundeswehr beim neuen Kampfflugzeug Tornado, der plötzlich weit teurer war als ursprünglich geplant; Großfahndung im Entführungsfall der 11jährigen Cornelia Becker …
»Jetzt!«, rief Renate. »Da!«
Ein Foto flimmerte über den Bildschirm, während der Tagesschausprecher verkündete:
»Der britische Popmusiker und Komponist, John Lennon, fiel im Alter von 40 Jahren einem Mordanschlag zum Opfer. Er gilt allgemein als Initiator und treibende Kraft der Beatles, der bisher erfolgreichsten Band in der Geschichte der Popmusik. In unmittelbarer Nähe des Tatorts wurde ein 25-Jähriger unter dringendem Mordverdacht verhaftet. Er wird hier mit einem Tuch über dem Kopf abgeführt. (Bilder des vermummten Verdächtigen). Es handelt sich um den Fotografen Mark Chapman. Er gilt als Wirrkopf und hatte anscheinend auch kein klares Tatmotiv. Die Nachricht vom Tod John Lennons verbreitete sich in Windeseile. Noch in der Nacht versammelten sich vor seinem Haus hunderte trauernder Beatles-Fans. Die letzte Langspielplatte von John Lennon und seiner japanischen Frau Yoko Ono hatte sich der Attentäter noch wenige Stunden vor dem Anschlag signieren lassen … John Lennon war von Anfang an der Intellektuelle der Beatles. Er schrieb die besten Lieder, er veränderte die Gruppe, er war es schließlich auch, der 1970 die Trennung wollte. John Lennon wurde engagierter Pazifist. Sein Auftreten blieb außergewöhnlich. So gab er zeitweise Interviews im Bett, um gegen den Krieg zu demonstrieren. Seine Frau Yoko Ono unterstützte und beeinflusste ihn. Erst vor einem Monat hatten sie mit einer Schallplatte gemeinsam sein künstlerisches Comeback eingeleitet. Aus Frankfurt jetzt die Wettervorhersage für morgen, Mittwoch, den 10. Dezember.«
»Richard!«, rief Melissa, als sie den ersten Schock verdaut hatte.
»Erschossen. Einfach so«, jammerte Renate. »Wer macht so was? Hast du das gehört? Er hat sich noch die Platte signieren lassen und kurz danach erschießt er ihn. Was ist das für eine Welt?«
Melissa gab keine Antwort. Sie dachte an ein Beatles Konzert, das sie Mitte der 60er Jahre im Rahmen der BRAVO-Beatles-Blitztournee gesehen hatte. Weil die Fab Four keine Auftritte in Westberlin geplant hatten, fuhr Melissa gemeinsam mit ihrer Schwester und deren Freund und späterem Ehemann Dieter nach Hamburg. Sie war gerade 16 Jahre alt geworden, es war, als wäre es gestern gewesen. Weil sie es war, die Marlene auf die Tour aufmerksam gemacht hatte, blieb der älteren Schwester nichts anderes übrig, als sie mitzunehmen. Das Konzert fand vor nicht mal 6000 Menschen in der Ernst-Merck-Halle statt; ihre Tickets hatten 17,50 Mark gekostet, das wusste sie noch genau, obwohl sie ihre nachträglich zum Geburtstag bekommen hatte. Sie hatten Day Tripper und Paperback Writer gespielt. Noch immer ihre Lieblingssongs. Nicht ihr Lieblings-Lennon-Song. Das war Imagine.
Sie setzte sich zu Renate und legte einen Arm um sie, während der Wetter-Sprecher der Tagesschau etwas von ungewöhnlich starken Sonnenstürmen schwadronierte. Melissa wusste, dass Richards Schwester die Beatles ebenso geliebt hatte wie sie, wenn nicht mehr. Auch sie war damals in Hamburg gewesen, wie sie erst vor Kurzem herausgefunden hatten.
»Richard!«, rief sie, begierig darauf, ihm diese schockierenden Neuigkeiten zu erzählen.
Renate schniefte und verzog das Gesicht. »Ist der auf dem Klo eingeschlafen?«
Sich die Tränen aus dem Gesicht wischend ging Melissa in den Flur. »Richard?!«
Das orange Licht der in kürbisförmiges Glas gefassten Lampen lag auf der Wandtäfelung und dem dunklen Schrank, der, wie Melissa nach wie vor fand, zu groß für den schmalen Flur war.
Sie horchte in die Stille. Im Türrahmen hinter ihr rief Renate. »Hey Richard! Hat’s dich aus Versehen das Klo runtergespült?«
Nichts, nur der im Hintergrund murmelnde Wettersprecher.
»Richard!? Liebling!« Melissa ging nach oben. Plötzlich überschlug sich ihre Stimme: »Oh mein Gott, Richard, was ist mit dir!?«
Renate eilte ihr nach. Sie fand die beiden im Schlafzimmer. Richard hatte sich auf dem Bett zusammengerollt, hielt sich den Kopf und zitterte am ganzen Leib. Melissa saß neben ihm, tätschelte ihm die Schulter und redete auf ihn ein: »Was ist denn mit dir? Richard, sprich mit mir, Liebling!«
Renate stürzte zum Telefon, um einen Krankenwagen zu rufen.
»Was ist denn los?«, fragte Melissa eindringlich, wobei ihr Mund beinahe Richards Ohr berührte.
Alles, was ihr Mann von sich gab, war ein verkrampftes Prusten. Er schien etwas sagen zu wollen, bekam die Zähne aber nicht auseinander.
Aus dem Treppenhaus Renates Stimme: »Der Krankenwagen ist auf dem Weg!« Ihr Schatten im Zimmer. »Ist er ansprechbar? Grundgütiger, Lissy, schau dir an, wie er die Hände an den Kopf presst – die Fingernägel sind ja ganz weiß! Was, wenn es ein geplatztes Aneurysma oder so was ist!?«
Melissa fing an zu weinen. Sie hielt den Kopf ihres Mannes wie eine zerbrechliche Keramik. Ihre größte Angst war, dass er an seiner Zunge erstickte. Sie wusste nicht, woher sie diese Vision nahm. Bilder ihres ungeborenen Kindes, wie es ohne Vater aufwachsen würde. Als könnte er ihre Gedanken hören, bäumte Richard sich auf. Seine vor Panik geweiteten Augen irrten ziellos durch den Raum, als suchten sie Halt, einen Ausweg. Er zitterte, atmete wie ein alter geräuschvoller Blasebalg, schien wieder etwas sagen zu wollen, aber alles, was sich seiner Kehle entrang, war ein gequälter langgezogener Laut. Dann plötzlich erschlaffte er, als hätte jemand den Stecker gezogen. Ruhig atmend, wie schlafend, lag er da.
»Richard, komm zu dir, Richard!« Melissa tätschelte seine Wangen, die Stimme zitternd vor Angst und Tränen. »Richard, geht es dir gut? Was ist denn mit dir?«
Er öffnete die Augen und als er erkannte, was los war, setzte er sich ruckartig auf. Als draußen das ohrenbetäubende Geheul des Krankenwagens verstummte, beteuerte er längst, alles sei in bester Ordnung, was die beiden Frauen weniger verwunderte als wütend machte.
Die Sanitäter fühlten den Puls, leuchteten ihm in die Augen und boten an, ihn zur weiteren Untersuchung mit ins Krankenhaus zu nehmen. Richard hielt das für unnötig. »Hab wohl einfach etwas zu tief ins Glas geschaut.«
Melissa war außer sich: »Das ist doch Unsinn! Warum sagst du das? Du hast doch bloß ein Gläschen Wein getrunken!«
»Ja«, pflichtete Renate ihr bei. »Wir haben uns Sorgen gemacht!«
Richard beachtete sie nicht. Er wandte sich an die Sanitäter: »Diese ganze Aufregung tut mir furchtbar leid. Sie müssen die beiden entschuldigen. Haben Sie schon das mit John Lennon gehört?« Er lehnte sich vertraulich vor. »Ich glaube, deshalb sind die so hysterisch.«
31. Januar 2003
»Später erfuhr ich von Melissa, dass Richard bereits vorher diese Anfälle hatte. Sie hatten das verschwiegen, weil er sich schämte. Sie musste es ihm versprechen. Er war so: Bloß niemals Schwäche zugeben. Melissa glaubte damals, dass es mit all diesen Mitteln und Giften zu tun hatte, die er bei seiner Arbeit benutzte.«
»Was arbeitete er denn?«, fragte Roya.
»Er war Kammerjäger.«
Renate Schmidt lebte mittlerweile gemeinsam mit ihrem Mann Ulrich in einer schmucken Villa am Dämeritzsee. Roya und Dante waren gerne raus nach Erkner gefahren, um der Stadt für ein paar Stunden zu entkommen, obwohl die Frau ihnen am Telefon angeboten hatte, zur Befragung in die Keithstraße zu kommen.
»Jedenfalls hat es mit diesen Anfällen angefangen, der Abend hat sich mir eingebrannt: erst die Sache mit John Lennon und dann Richards Zusammenbruch. In den folgenden Jahren wurde es immer schlimmer. Irgendwann fingen die Halluzinationen an. Er sah und hörte Dinge. Tote Menschen und so was. Ganz schlimm.«
Dante nickte fachkundig. »Klingt nach Psychose.«
Roya fühlte sich an ihre eigenen Migräneattacken erinnert. Glücklicherweise wirkte die Handvoll Ibuprofen, die sie runtergespült hatte, mittlerweile. »Hat er sich keine Hilfe gesucht?«, fragte sie, ohne auf ihren Kollegen zu achten.
»Was denken Sie denn? Er war im Krankenhaus, Neurologie. Die haben ihn gründlich untersucht, konnten aber nichts finden. Sei was Psychisches, hieß es. Er begab sich in Behandlung.«
»Wissen Sie, wo?«
Renate Schmidt schüttelte den Kopf. »Nein, da hatten wir schon kaum mehr Kontakt miteinander.«
»Hatte Ihr Rückzug einen Grund?«
Die alte Frau stöhnte und blickte gedankenverloren zu Boden. »Es war umgekehrt: Es war Richard, der sich immer weiter zurückgezogen hat, bis es mir zu blöd war, ihn weiter zu belästigen. Ich glaube, er wollte einfach nichts mehr mit mir zu tun haben. Und nicht nur mit mir – von allen hat er sich zurückgezogen.«
»Nachdem seine Frau gestorben ist, haben Sie und Ihr Mann das Kind aufgenommen«, stellte Roya fest.
Bei der Erwähnung des Todes der Ehefrau und der gemeinsamen Tochter, wurden Renates Augen glasig.
»Lassen Sie das Mädchen da raus!«, brummte Ulrich Schmidt, der gerade von draußen kam, wo er dem Gärtner bei der Arbeit zugeschaut hatte. »Barbara hat schon genug durchgemacht. Dieser kranke Bastard ist jetzt tot. Und das ist gut so.«
Die Ermittler warfen sich Blicke zu.
Bevor ihn ein schwerer Autounfall an den Rollstuhl kettete, hatte Ulrich Schmidt ein Vermögen im Immobiliengeschäft gemacht. Schwerfällig schob er sich durch die Küche, und wo andere bemitleidenswert gewirkt hätten, strahlte er eine Kraft und einen Stolz aus, als sei er Hegels in Gestalt Napoleons manifestierter Weltgeist. Dass er kurz vorher den Gärtner zurechtgestutzt hatte, weil er die Bäume nicht wunschgemäß beschnitt – Roya und Dante hatten es bei ihrer Ankunft gehört –, hätte man dabei fast vergessen können.
Der Anblick des Rollstuhls ließ Roya an Aidas Unfall denken. Sie biss sich auf die Lippe.
Renate klärte ihren Mann über die überraschende Wendung auf, die der Selbstmord ihres Bruders genommen hatte. Die Art, in der sie mit ihm sprach, ließ sie eher wie seine Praktikantin und nicht seine Ehefrau wirken. »Er ist ein Mörder, Ulli«, sagte sie, als würde ihn diese Neuigkeit aufheitern.
Und tatsächlich legte sich ein ungeahnter Sonnenstrahl über dieses irgendwo zwischen Menschenhass und Selbstmitleid verkantete Gesicht. »Tja«, stieß er hervor, den Blick auf seine Frau geheftet. »Hat er am Ende wohl doch recht gehabt!«
»Ulli!«
»Was meinen Sie?«, fragte Roya.
Er schüttelte den Kopf und grummelte etwas in sich hinein. Er schaute hinter sich zur Balkontür, als sei er eigentlich gar nicht in das Gespräch involviert und in Gedanken noch bei seinem Gärtner, diesem Nichtsnutz. »Wen hat er denn umgebracht?«, knurrte er.
»Diese Frau.« Dante zeigte ein Foto. »Alina Terglach. Vielleicht kennen Sie sie?«
Kopfschütteln.
»Hat er sich deswegen aufgehängt?«, fragte Ulrich.
»Wir denken nicht«, antwortete Dante. »Die Sache liegt schon eine Weile zurück.«
Renate wendete den Blick nicht von dem Foto ab, als wäre es ein Wimmelbild, auf dem es noch etwas zu finden galt. »Und Sie sind ganz sicher, dass Richard der Mörder ist?«
»Könnte es sein, dass die beiden vielleicht ein Verhältnis miteinander hatten?«, wollte Roya wissen.
Ulrich Schmidt lachte schallend auf. »Richard? Ein Verhältnis? Gott, Sie haben ihn nicht gekannt! Ich habe mich immer gefragt, wie er Barbara gezeugt hat. Aber wahrscheinlich ist sie gar nicht sein Kind. Ich würde es ihr gönnen.«
Renate wollte etwas sagen. Ihr Blick verlor sich in noch weiteren Fernen der Erinnerung. Ulrich schien es zu merken. »Am besten, Sie sprechen mit meiner Frau«, sagte er. »War schließlich ihr Bruder. Ich hatte mit diesem Versager nie viel zu tun. Wenn Sie Fragen an mich haben, ich bin draußen.«
»Entschuldigen Sie meinen Mann«, sagte Renate Schmidt, als Ulrich die Balkontür hinter sich geschlossen hatte und nur noch seine tiefe grantige Stimme zu ihnen hereindrang, die dem Gärtner Befehle zurief. »Er konnte Richard von Anfang an nicht leiden. Ich weiß auch nicht genau, was sein Problem mit ihm war – zumindest anfangs, als alles noch normal war. Na ja, vielleicht hat er was geahnt. Und jetzt, klar, jetzt ist er vor allem sauer, wie Richard Barbara verstoßen hat.«
»Verstoßen?«
»Er wollte sie nicht mehr sehen. Nach Melissas Tod … Er war plötzlich wie ausgewechselt, gab sich, warum auch immer, die Schuld. Ich glaube, daran ist er zerbrochen. Da begann sein radikaler Rückzug von allen, die ihn liebten, inklusive seiner eigenen Tochter.« Wieder war Renate Schmidt den Tränen nah. Sie wirkte zerbrechlich, hatte jene glasige und zugleich noch weiche Haut, die manche Menschen im Alter entwickeln.
»Lebt Barbara noch bei Ihnen?«, fragte Roya.
»Nein, sie ist in eine WG in der Stadt gezogen, studiert an der Humboldt.«
»Wären Sie so freundlich, uns die Adresse zu geben?«
Renate Schmidt kniff die Augen zusammen, als hätten die Ermittler ihr plötzlich mit einer grellen Taschenlampe ins Gesicht geleuchtet. »Wieso? Was wollen Sie denn von ihr?«
»Erst mal gar nichts, aber es könnte sein, dass wir noch mit ihr sprechen müssen. Richards Nachbarin hat ausgesagt, kurz bevor er gestorben ist, eine junge Frau vor dessen Tür gesehen zu haben, die wohl begierig darauf war, mit ihm zu sprechen.«
»Und sie glauben, das war Barbara?«
Roya begegnete ungerührt dem Blick der Frau. »Wäre doch möglich?«
»Schon, aber warum sollte sie …? Um Himmels Willen, dass bloß Ulrich nichts davon mitbekommt! Warum sollte sie zu Richard gehen? Sie wusste ja, dass er nichts von ihr wissen will.«
»Na ja, gerade das könnte ein Grund sein«, spekulierte Roya. »Sie ist immerhin seine Tochter und lebt in derselben Stadt. Also, ich würde hingehen. Vielleicht wollte sie endlich wissen, warum ihr Vater sie weggegeben hat.«
Renate Schmidt wurde sehr nachdenklich. »Kann sein. Ich habe selbst befürchtet, dass das irgendwann passieren würde. Ich werde Ihnen die Adresse aufschreiben. Ist in Kreuzberg, Nähe Südstern. Aber vor nächster Woche brauchen Sie da nicht aufzutauchen. Sie ist mit Freunden in Schottland unterwegs. Und bitte informieren Sie uns, falls Sie vorhaben, sie zu befragen. Sie weiß noch nichts … also von dieser Sache mit Richard. Sie weiß noch nicht, dass er tot ist.«
»Wir werden Sie auf dem Laufenden halten, Frau Schmidt. Eine Frage noch: Hat Richard je den Namen Dr. Schallick erwähnt?«
»Nicht, dass ich wüsste. Wer ist das?«
»Möglicherweise eine Psychologin, bei der Ihr Bruder in Behandlung war. Wir wissen es leider nicht.«
Renate Schmidt dachte kurz nach. »Sehen Sie, Ulli ist fast durchgedreht, aber ich habe es nicht übers Herz gebracht, Richards Wohnung einfach räumen zu lassen. Ich habe ein Umzugsunternehmen engagiert und das Zeug erst mal herbringen lassen, schließlich haben wir eine große Garage, die leer steht, seitdem Ulli kein Auto mehr fährt. Er könnte noch, aber will es nicht mehr. Ohne Beine macht es keinen Spaß, sagt er. Er würde es nie zugeben, aber ich weiß, dass er Angst hat. Jedenfalls glaube ich, da gibt es eine Kiste mit Tagebüchern. Wenn Sie wollen, nehmen Sie sie gerne mit. Vielleicht finden Sie darin Antworten.«
Auf dem Rückweg vom Dämeritzsee wirkte Dante sehr nachdenklich. Still saß er auf dem Beifahrersitz und ließ die Landschaft an sich vorbeiziehen: Wälder, das geschlossene Strandbad Müggelsee, Friedrichshagen, das dalag wie ein alter schlafender Hund. Roya wusste, dass das, was mit Richard Garner geschehen war, ein paar tiefsitzende Ängste in ihrem Partner berührte; die Schilderungen von Garners Niedergang hatten seine Neugier für diesen Fall mit einem Schlag erstickt.
Dante Wagner stammte aus schwierigen Verhältnissen. Sein Vater war hochrangiger Offizier bei der Bundeswehr. Die Mutter stammte aus Italien. Die Familie musste oft umziehen. Als Dante fünf Jahre alt war, trennten sich die Eltern. Er lebte anschließend eine Weile mit seiner Mutter in Neapel, bevor er zu seinem Vater zog, weil die Mutter infolge eines Lebensstils, dessen harmloseste Ausprägung im heftigen Mischkonsum von Alkohol und verschiedensten Tabletten bestand, in der Psychiatrie gelandet war. Niemand, nicht einmal Dantes Frau Lisa, wusste, was ihm in den zwei Jahren widerfahren war, die er bei seiner promiskuitiven Mutter verbracht hatte. Ob es einen Zusammenhang dieser Zeit mit den Eskapaden seiner Jugend gab, konnte nur gemutmaßt werden. Jedenfalls pflegte er als Jugendlicher selbst einen exzessiven Lebensstil. Es kam einem Wunder gleich, dass sein Strafregister sauber blieb. Sogar als er schon bei der Polizei angefangen hatte, sprach er noch immer in ungesundem Maße Alkohol und Amphetaminen zu. Erst, als er Lisa kennenlernte, ließ er sich zu einem Entzug überreden. Eine Zeit lang verlief sein Leben in geordneten Bahnen. Doch kurz bevor Roya Rauch seine Partnerin wurde, verlor er einen Kollegen im Dienst und erlitt einen Rückfall. Heinrich Padgovic wurde von einem Fixer mit mehreren Schüssen aus einer 9-mm niedergestreckt. Dante gab sich die Schuld. Es ging um den Mord an einer 17-Jährigen. Sein Partner und er hatten auf seine Initiative hin die Verfolgung aufgenommen, weil seiner Meinung nach sämtliche Indizien auf den jungen Mann als Täter wiesen. Als sich später herausstellte, dass er zwar am Tatort gewesen war und die Leiche der jungen Frau nach Geld abgesucht, sie aber nicht vergewaltigt und erstochen hatte, begab Dante sich aufgrund seiner Schuldgefühle einige Monate lang in psychiatrische Behandlung. Roya vermutete in all dem die Wurzel seines plötzlichen Wunsches, diesen Fall schnellstmöglich abzuschließen. Er hatte sich in der Zwischenzeit gemeinsam mit Lisa eine beschauliche bürgerliche Existenz aufgebaut, an die er sich klammerte wie ein Ertrinkender an eine algenbedeckte Planke. Er wusste, wie tückisch die Unterströmungen des Lebens sein konnten. Garner hatte es ihm erneut vor Augen geführt.
Ganz anders Roya: Ab dem Moment, in dem sie von Richard Garners Migräneattacken gehört hatte, war ihr vorheriges Desinteresse geradezu in Euphorie umgeschlagen. Nur auf ihre Initiative hin lag der Karton mit Richard Garners Tagebüchern im Kofferraum. Und das, obwohl Dante sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte. Er war sich nicht einmal zu schade gewesen, zu diagnostizieren, Royas frisch aufgeflammter Aktionismus habe allein damit zu tun, dass sie sich vom Tod ihrer Schwester ablenken wolle. Mit diesem Ausspruch hatte er allerdings seine eigene Kapitulation eingeleitet. Denn auf Royas funkelnde Blicke hin kam nichts mehr außer Entschuldigungen über seine Lippen.
Paranoia
Als Hubertus Terglach von der Arbeit kam, war seine Frau, wie eigentlich immer, noch nicht zu Hause. Er beneidete seine Freunde. Die wurden nach Feierabend mit einem Kuss empfangen und das Essen stand auf dem Tisch. Zumindest sagten sie das. Aber er hatte eine Ärztin heiraten müssen. Ausgerechnet eine Ärztin. Warum nicht eine Sekretärin? Die wäre sicher auch besser im Bett. Es kam ihm vor, als ob Alina ihr Liebesleben rein als eheliche Pflicht betrachtete und abhandelte. Abhandeln, das war das richtige Wort. Aber das Allerbeste war, dass sie ihm, wenn sie Streit hatten, vorwarf, sie fresse eine steigende Frustration in sich hinein, weil sie sich im Bett begrapscht fühle wie ein industrieller Sack Mehl. War das zu fassen? »Du arbeitest, verdienst mehr als ich«, entgegnete er. »Kein Wunder, dass das zwischen uns in der Kiste nicht richtig läuft. Weißt du eigentlich, dass meine Kumpels sich hinter meinem Rücken über mich lustig machen? Sie sagen, du seist hier der Ernährer, eigentlich müsstest du mich ficken …«
Ein Gutes hat das Ganze ja, dachte er, als er das Essen – in der Mikrowelle aufgewärmte Rouladen mit Kartoffelpüree und Rotkohl, die Alina am Samstag gemacht hatte – auf den Tisch stellte: Zumindest kann ich für mich selbst sorgen, während meine Freunde allesamt große Kinder sind. Er schaltete das ZDF ein, gerade rechtzeitig um die Hitparade mit Dieter Thomas Heck zu sehen. Beinahe zeitgleich mit dem Zischen des Kronkorkens, den er mit dem schweren knochenförmigen Flaschenöffner von seinem Kindl löste, fing das Telefon an zu klingeln. Erst nach dem fünften Mal raffte er sich auf und schlurfte in den Flur, wo der Festnetzapparat stand.
»Terglach? … Nein, die ist nicht zu Hause. … Soll ich ihr was ausrichten? Soll sie Sie zurückrufen? … Danke gleichfalls, auf Wiederhören.«
Er ließ sich wieder in den Sessel fallen, schnappte sich sein Bier, nahm einen tiefen Schluck und war froh, dass Manuel und Kathrin bei seiner Mutter waren. Mehls hatte der Anrufer gesagt. Was er wohl von Alina wollte?
Als seine Frau mitten in der Nacht nach Hause kam, lag Hubertus längst im Bett. Er wurde wach, hörte, wie sie auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer kam und ihre Kleider fein säuberlich auf den Herrendiener hängte, obwohl sie am nächsten Tag in die Wäsche wandern würden – das machte sie immer so. Kurz verspürte er den Impuls, sie zu fragen, warum sie heute so spät sei, doch er stellte sich schlafen. Das Fenster war offen, die tropische Nachtluft trug das Raunen der Stadt ins Zimmer.
13. August 1980
»Gestern Abend hat jemand für dich angerufen«, sagte Hubertus beim Frühstück.
Draußen rauschte ein heftiger Sommerregen, der in einem solchen Trommelfeuer auf die Dächer prasselte, dass feine Gicht über allem lag. Auf den Straßen strömten Rinnsale zusammen, vereinigten sich zu kleinen Bächen, die in die Gullys abflossen.
Alinas Reaktion machte ihn misstrauisch. Sie wurde kreidebleich, schien einen Moment aus der Fassung zu sein. »So? Wer denn?«
»Mehls – oder so ähnlich. Meinte, er würde sich nochmal melden. Wer ist das?«
Der Regen schwoll an. Ihre Wohnung lag unterm Dach, sodass das wütende Rauschen alles durchdrang.
»Ein Patient.«
Hubertus füllte seinen Kaffee nach, obwohl die Tasse noch halb voll war. Dieses unterschwellige Zittern in Alinas Stimme …
»Seit wann rufen Patienten dich zu Hause an?«
»Du hast recht«, nickte seine Frau und griff nach der Butter. »Normalerweise machen wir so etwas nicht, aber der Mann hat ein sehr seltenes Leiden. Wahrscheinlich hat er vorher versucht, mich in der Klinik zu erreichen. Er wartet auf wichtige Untersuchungsergebnisse. Ich habe da eine Notiz mit meiner privaten Nummer hinterlegt. Für alle Fälle.«
»Warum hat er dich denn im Krankenhaus nicht erreicht?«
Sie zuckte mit den Achseln. »Ich habe dir doch von dem neuen Projekt erzählt, bei dem ich auf Dr. Schreibers Wunsch mitwirken soll.«
»Und?«
»Wurde gestern vorgestellt. Wir hatten eine längere Besprechung und vorher noch einen kleinen Auswahltest. Nicht alle, die vorgeschlagen wurden, sind sicher dabei. Da wird nochmal gesiebt. Deshalb war ich nicht erreichbar.«
»Und? Bist du dabei?«
»Ich denke schon. Wir waren anschließend noch gemeinsam anstoßen, und da meinte Dr. Schreiber, ich hätte mich wohl ganz gut geschlagen.«
