Ruby 1: Ruby - Susanne Fülscher - E-Book

Ruby 1: Ruby E-Book

Susanne Fülscher

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Beschreibung

Ruby wohnt jeweils eine Woche bei ihrer Mutter am grünen Stadtrand, die darauffolgende Woche bei ihrem Vater in einer WG mitten in Bunt-Berlin. Sie liebt es, zwischen den beiden Lebenswelten hin und her zu pendeln. Vor allem, als ein Zimmer in der WG des Vaters neu vermietet wird und ein gefeierter Popstar einzieht ... Als dann auch noch ihre Mutter einen peinlichen Zeitungsartikel über Ruby schreibt, ist das  Chaos perfekt. Zum Glück bequatschen die besten Freundinnen Ruby, sich mit einer Mail an die Zeitung zu wehren: "Wie es wirklich war"!

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Susanne Fülscher

Ruby – Fünf Freundinnen, zwei Familien und jede Menge Chaos

Mit Bildern von Isabelle Metzen

Ruby wohnt jeweils eine Woche bei ihrer Mutter am grünen Stadtrand, die darauffolgende Woche bei ihrem Vater in einer WG mitten in Bunt-Berlin. Sie liebt es, zwischen den beiden Lebenswelten hin und her zu pendeln. Vor allem, als ein Zimmer in der WG des Vaters neu vermietet wird und ein gefeierter Popstar einzieht ...

Als dann auch noch ihre Mutter einen peinlichen Zeitungsartikel über Ruby schreibt, ist das Chaos perfekt. Zum Glück bequatschen die besten Freundinnen Ruby, sich mit einer Mail an die Zeitung zu wehren: „Wie es wirklich war“!

Wohin soll es gehen?

Buch lesen

Viten

Das bin ich: Ruby. Zwölf Jahre alt, eichhörnchenbraune Haare, breiter Mund, Stupsnase, Schuhgröße siebenunddreißig, gummibärchen- und eissüchtig, Blecheimer-Lache.

Okay, das mit der Blecheimer-Lache stammt nicht von mir, das sagt meine beste Freundin Linh über mich. Linh muss es wissen. Sie hat schwarze glatte Haare, eine süße Zahnlücke (weshalb sie eine Zahnspange trägt) und lächelt von morgens bis abends wie die berühmte Mona Lisa auf dem Gemälde. Mit geschlossenen Lippen. Wenn sie aus Versehen mal laut lachen muss, hält sie sich rasch die Hand vor den Mund. Ganz im Ernst! Sie sitzt dann da und prustet so lange in die gekrümmte Hand, bis sie Luftnot kriegt und beinahe umkippt. Meine Theorie ist ja, dass sie sich wegen ihrer Spange schämt. Aber das braucht sie gar nicht. Zahnspangen sind cool. Allein in meiner Klasse tragen zwei Jungs und drei Mädchen eine. Zum Beispiel Anouk-Bernadette-Claudine. Unser Schneewittchen mit den langen dunklen Locken. Sie hat eine superteure Zahnspange mit bunten Gummis an den Brackets und gibt immer fürchterlich damit an. Ihrer Ansicht nach vergammeln die Zähne, wenn man ein günstigeres Modell nimmt. Aber ABC, wie wir sie heimlich nennen, ist sowieso eine blöde Kuh. Mit Tendenz zur Mega-Zicke.

Zum Glück gibt es andere Mädchen auf der Welt. Zum Beispiel Linh, die auf einer Skala von eins bis zehn eine glatte Dreizehn ist. Mindestens. Linh und ich kennen uns schon seit elfeinhalb Jahren. An die erste Baby-Zeit, als wir in der Krabbelgruppe wie Robben auf einer Decke herumgerutscht sind, kann ich mich zwar nicht erinnern, aber laut Mama waren wir schon in den ersten Lebensmonaten total dicke miteinander und haben uns Baby-Küsse gegeben. Und angeblich hatte Linh schon damals tolles schwarzes Haar. Ich war dagegen ein Glatzkopf mit eichhörnchenbraunem Flaum.

Linh und ich wohnen in Grün-Berlin. So nennt Omi Moni unseren Stadtteil Karlshorst. Weil es hier so grün ist wie irgendwo draußen auf dem Land. Dabei brauchen wir nur knapp sechzehn Minuten mit der S-Bahn bis zum Alexanderplatz und schon sind wir mitten im Trubel. Linhs Eltern haben ein paar Häuser weiter einen kleinen Obst- und Gemüseladen, in dem man auch leckere vietnamesische Sachen wie Glasnudeln, Reiscracker oder Erdnusskekse kaufen kann. Unten ist das Geschäft, eine Treppe rauf die Wohnung. Wenn ich mich beeile, bin ich in drei Minuten bei Linh, wenn ich trödele, in vier. Mit dem Rad sind es geschätzt siebzehn Sekunden. Das ist praktisch, weil wir uns so in der Woche, in der ich bei meiner Family eins in Grün-Berlin wohne, jeden Tag sehen können.

Wechsele ich in der Woche darauf zu meiner Family Nummer zwei ins trubelige Friedrichshain (Omi Moni sagt Bunt-Berlin zu dem Stadtteil), treffe ich mich mit Charlie aus meiner Klasse. Auch sie ist auf einer Skala von eins bis zehn eine Dreizehn. Mindestens. Das heißt, sie ist genauso meine beste Freundin wie Linh. Charlie und ich mögen beide Pommes Rot-Weiß, wir machen die Gegend unsicher und helfen uns gegenseitig bei den Hausaufgaben.

Charlie heißt eigentlich Charlotte, aber weil sie kürzere lockige Haare hat und am liebsten Jungsklamotten aus dem Secondhandladen anzieht, nennen sie alle nur Charlie. An den meisten Tagen im Jahr trägt sie einen schwarzen Hut vom Flohmarkt, manchmal auch noch eine Sonnenbrille in Herzform, was richtig cool aussieht.

Okay, das mit meinen zwei Familien muss ich erklären. Seit der Trennung von Mama und Papa pendele ich wochenweise zwischen ihnen hin und her. Anfangs war ich megatraurig und habe mich verloren gefühlt. Mittlerweile komme ich richtig gut klar. Es hat sogar ziemlich viele Vorteile:

Ich wohne in zwei coolen Zimmern, bekomme manchmal (aus Versehen) doppelt Taschengeld und habe in jeder Wohnung Anziehsachen für unerwartete Hitzewellen, Wintereinbrüche, Tornados und Monsunregenfälle. Dazu besitze ich zwei Turnbeutel, zwei Brotdosen, zwei Trinkflaschen und zwei Paar Hausschuhe.

Das Einzige, was ich nur einmal habe, ist mein Rucksack. Das olivgrüne Teil ist megaabgewetzt und hat Flecken, trotzdem ist es mein Ein und Alles. Für den Fall, dass ich jetzt sofort auf eine einsame Insel auswandern müsste, hätte ich alles dabei, was man zum Überleben braucht: einen warmen Kapuzenpulli, einen Kuschel-Schal für traurige Momente, meinen kleinen Glücksbären, den Schülerausweis und die Fahrkarte, Schulsachen, das Notizheft für meine Listen, Gummibärchen, zuckerfreie Energieriegel von Mama, ein dickes Buch, mein Handy, Hundepups-Beutel, Taschentücher, Haargummis, Lippenbalsam und noch vieles mehr.

Meine Family eins in Grün-Berlin besteht aus Mama und mir, Omi Moni (ich nenne sie nur Omimomi, weil ich ihren Namen als kleines Kind nicht richtig aussprechen konnte) und Opa Ritschie, unserem Mops Püppi, vier Gartenzwergen, einer Hundeskulptur mit abgebrochenem Schwanz und einem Igel, der manchmal auf der Terrasse vorbeischaut.

Mama hat genauso eichhörnchenbraune Haare wie ich (nur kürzer), immer rot geschminkte Lippen, sie lacht viel und gerne (daher ihre hundertsiebzigtausend Lachfältchen) und ist von Beruf freie Journalistin. Frei klingt nach viel Spaß und tun und lassen können, was man will, aber das stimmt nicht. Mama muss ganz schön viel arbeiten, damit wir alles bezahlen können, was wir brauchen.

Als Mama und Papa sich vor anderthalb Jahren haben scheiden lassen, bin ich mit Mama in die Einliegerwohnung in Omi Monis und Opa Ritschies Haus im Spatzenstieg gezogen. Die zusätzliche Wohnung mit dem extra Eingang haben meine Großeltern einbauen lassen. Um sie zu vermieten oder für Gäste. Und jetzt leben Mama und ich eben dort. Das Tolle daran ist, dass wir drei kuschelig-kleine Zimmer, eine Küche und ein Bad für uns allein haben, aber trotzdem viel Zeit mit Omi und Opa verbringen. Wir essen zusammen und quatschen oder sitzen auch mal im Garten um den Feuerkorb.

Früher, also als wir noch eine ganz normale Family waren, haben Papa, Mama und ich nur zwei Straßen weiter gewohnt. In einem Reihenhaus mit aufblasbarem Swimmingpool im Garten. Der Pool liegt nun verpackt im Keller und da darf er von mir aus weiter schmoren. So mega finde ich es nicht mehr, darin herumzuplanschen.

Meine Family zwei im Zentrum von Berlin besteht aus Papa und mir, Karl und Enrico (das sind die Hauptmieter der großen Altbauwohnung), ihrer Katze Honey (sie heißt so wegen ihres honigfarbenen Fells) und einem weiteren Mitbewohner, der sich meist nur für ein oder zwei Monate bei uns einquartiert.

Papa … hm, keine Ahnung, wie ich meinen Vater beschreiben soll. Papa ist eben Papa! Er ist durchschnittlich groß, hat stoppelige braune Haare und trägt stinknormale Sachen (Jeans und T-Shirt oder Hemd). Das einzig Außergewöhnliche an ihm sind seine abstehenden Dumbo-Ohren und sein Beruf. Während andere Väter ganz normal in ein Büro gehen, denkt sich Papa als Kochbuch-Autor Rezepte aus, kocht sie zur Probe und verwandelt die Küche dabei regelmäßig in ein Schlachtfeld.

Karl und Enrico sind ein Paar. Das heißt, sie lieben sich, so wie sich Mama und Papa früher mal geliebt haben. Mit dem kleinen Unterschied, dass die beiden sich immer noch lieben und in absehbarer Zukunft heiraten wollen. Das ist ziemlich romantisch, aber manchmal macht es mich auch ein wenig traurig. Weil ich dann an Mama und Papa denken muss, bei denen es anders gelaufen ist. Die zwei werden sich bestimmt nicht wieder zurückverlieben, ein zweites Mal heiraten und ein Geschwisterchen für mich bekommen. Dabei wünsche ich mir nichts sehnlicher! Eine nervige kleine Schwester oder einen nervigen kleinen Bruder, das wäre mir völlig egal.

Zum Glück komme ich mit Karl und Enrico supergut aus. Sie sind die besten Mitbewohner, die man sich nur vorstellen kann, und so was wie Papa zwei und Papa drei für mich. Ganz ehrlich, zwei Ersatz-Väter zu haben ist fast wie ein Sechser im Lotto. Besonders, wenn sie so lässig drauf sind wie die beiden. Sie haben immer ein offenes Ohr für mich und ich darf jederzeit ohne zu fragen an ihre Vorratsdose mit Süßigkeiten gehen. Dort gibt es immer die leckersten Naschsachen: Lakritz, englische Toffees, Pfefferminzschokolade, Weingummi und Ingwerstäbchen mit dunklem Schokoüberzug. Und wenn ich die beiden nur lieb anlächele, erlauben sie mir, im Gegensatz zu Papa, beinahe alles.

Karl ist fast zwei Meter groß, hat grau melierte Locken und trägt schon morgens beim Frühstück ein weißes, picobello gebügeltes Hemd zur eleganten schwarzen Anzughose. Dabei braucht er den Anzug erst abends, wenn er im Orchester Geige spielt. Enrico ist einen Kopf kleiner als Karl, hat einen Genuss-Bauch (wie er selbst sagt) und betreibt unten im Haus das Café Sieben Törtchen. Wie die Jungs in meiner Klasse liebt er Rapper-Klamotten und Sneakers. Das sieht richtig cool an ihm aus.

Karl und Enrico leben schon seit ewigen Zeiten in der Altbauwohnung in Bunt-Berlin. Weil sie mit den sieben Zimmern, zwei Bädern und der geräumigen Küche für zwei Leute zu groß ist, vermieten sie drei Zimmer unter. Zwei davon bewohnen Papa und ich. Das dritte Zimmer – es hat eine wilde Blumentapete und liegt gleich bei mir nebenan – nehmen Leute, die nur für eine kurze Zeit eine Bleibe in Berlin suchen. Oder auf wilde Blumentapeten stehen, was weiß ich. Zuletzt hat dort ein Yogalehrer gehaust, der beim Essen fürchterlich geschmatzt hat. Davor eine Opernsängerin mit Dauererkältung, davor eine Studentin mit zwei verschmusten Ratten, die unsere Katze Honey fast erledigt hätte … Dabei tut sie sonst keiner Fliege etwas zuleide.

Aber das Irrste an der Wohnung ist das kleine Kino. Enrico liebt Filme und hat es vor ein paar Jahren extra einbauen lassen. Es gibt eine richtige Leinwand, vier Reihen mit kuscheligen Kinosesseln, und immer, wenn ich Lust habe, darf ich meine Freundinnen zum Filmgucken einladen. Dann machen wir richtig Party mit Salzstangen, Limo und Kicheranfällen, die manchmal noch durch die Wand zu hören sind. So nice!

Es ist Freitag der Dreizehnte, und seit dem Aufstehen habe ich ein komisches Gefühl im Bauch. An einem Freitag dem Dreizehnten ist mein Kanarienvogel Fräulein Zwitscher gestorben. An einem Freitag dem Dreizehnten habe ich mein Freundschaftsband, das ich von Linh bekommen habe, verloren. Und an einem Freitag dem Dreizehnten hat Opa Ritschie beim Einparken meinen Rucksack plattgewalzt. (Damals hatte ich noch einen braunen mit rosafarbenen Wölkchen drauf, um den es nicht wirklich schade war.)

Aber es gibt auch Ausnahmen. So hat unser Mops Püppi an einem Freitag dem Dreizehnten zum ersten Mal Männchen gemacht. Leider hat das Kunststück nur circa eine Sekunde gedauert. Danach ist Püppi wie ein Mehlsack auf die Pfoten geplumpst.

Das wars dann aber auch schon. Mehr großartige Erlebnisse fallen mir dazu nicht ein. Also ist die Wahrscheinlichkeit, dass heute wieder was Schlimmes passiert, ziemlich groß. Zum Glück ging bisher alles katastrophenfrei über die Bühne. Was aber auch daran liegt, dass ich erst seit siebeneinhalb Minuten wach bin und mich gerade erst im Bad fertig mache. Waschen und Zähneputzen – das ist relativ ungefährlich.

„Ruby?“, ruft Mama mit schriller Sirenenstimme. „Kommst du bitte frühstücken?“

„Ja, gleich!“

Vorhin beim Aufwachen war ich so todmüde, dass ich es auch mit der größten Anstrengung nicht gleich aus dem Bett geschafft habe. Ich musste mir x-mal gut zureden, bis ich endlich die Decke zurückgeschlagen habe und aus den Federn gekrochen bin. Das rächt sich, weil mir jetzt kaum noch Zeit für mein Müsli bleibt. Ich trockne mich eilig ab, dann husche ich rüber in mein Zimmer, um mich anzuziehen. Püppi kommt angehoppelt, springt an meinem Bein hoch und begrüßt mich schwanzwedelnd.

„Ja, ich hab dich auch lieb, mein Dickerchen“, sage ich und schlüpfe in meine Jeans-Latzhose. Fürs Streicheln bleiben heute nur ein paar Sekunden.

„Soll ich dich heute Abend mit dem Auto zu Papa fahren oder nimmst du nach der Schule die Tram?“, tönt wieder Mamas Stimme durch die Wohnung.

„Ich fahr gleich zu Papa. Wir kriegen doch einen neuen Mitbewohner.“

„Okay, alles klar!“

Ups, das klang ziemlich fröhlich. Ich gehe jede Wette ein, dass Mama insgeheim schon ein bisschen traurig ist. Freitag ist mein Pendeltag, aber wenn ich zu Papa in die WG wechsele, verbringe ich den Nachmittag trotzdem meist bei Mama. Weil sie es lieber so hat. Ich finde es auch irgendwie gemütlich, wenn wir nach der Schule noch zusammen essen. Danach packe ich dann so langsam meine Sachen und meistens gibt es ein Stück selbst gebackenen Kuchen bei Omimomi. Mama hat immer eine Mörderangst, dass sich in der Wohngemeinschaft niemand um mich kümmert (haha!), und versucht mich vorher bis zum Abwinken zu bespaßen. Wenn sie ihre traurigen fünf Minuten bekommt oder Linh und ich was vorhaben, übernachte ich manchmal sogar in Grün-Berlin. Papa holt mich dann samstagfrüh mit seinem altersschwachen Auto ab.

Noch vor ein paar Monaten hat Papa immer draußen auf der Straße gewartet, halb hinter einem Baum versteckt. Die Zeiten sind zum Glück vorbei. Jetzt klingelt er, begrüßt Mama freundlich (an besonderen Tagen sogar mit Küsschen auf die Wange) und die beiden wechseln ein paar freundliche Worte miteinander. Das ist schön. Noch viel schöner wäre es allerdings, Mama würde Papa in die Wohnung bitten und wir würden alle drei zusammen in der Küche sitzen, Tee trinken und quatschen. So wie früher. Als ich nur ein Zuhause hatte.

Mama sitzt im Bademantel und mit Wärmflasche auf dem Schoß am Laptop und haut in die Tasten, als ich in Püppis Begleitung in die Küche tapse. Freitags weicht die Hündin nie von meiner Seite. Sie hat superfeine Antennen und scheint auch ohne Handy und Terminkalender zu wissen, wann der Abschiedstag gekommen ist.

„Wer zieht denn heute bei euch ein?“, fragt Mama, ohne hochzusehen.

„Keine Ahnung. Irgendein Mann. Papa wusste auch nicht mehr.“

Ich hoffe nur, dass er nett ist. Und nicht so crazy wie der Yogalehrer, der andauernd Kopfstand auf dem Flur geübt hat. Ein paar Mal bin ich fast über ihn drübergestolpert.

„Du arbeitest schon?“, frage ich und nehme die Milchpackung aus dem Kühlschrank.

Mama hat ein paar Apfelschnitze in meine Schale geschnibbelt und das Müsliglas auf den Tisch gestellt. Sie selbst trinkt morgens nur literweise Kaffee und isst erst später eine Kleinigkeit, wenn ich schon in der Schule bin.

„Nein. Das heißt, ja.“ Sie klappt den Laptopdeckel runter und schmiegt sich lächelnd an die Wärmflasche. „Ich hatte gerade eine Idee für meine neue Kolumne.“

„Ähm, und was soll das sein?“ In der Schule haben wir schon ein paar Textformen durchgenommen, aber Kolumne sagt mir nichts.

Mama zieht die Stirn kraus. Als würde es sie wahnsinnig anstrengen, am frühen Morgen darüber nachzudenken. „Also, hm … wart mal.“

„Ja, ich warte.“

Eilig nehme ich mir vom Müsli, gieße Milch dazu und fange an zu essen. Es bleiben mir exakt sieben Minuten, dann muss ich los.

„Wenn du’s nicht weißt, kann ich auch Frau Hänselmann fragen“, sage ich mit vollem Mund. Komisch. Mama arbeitet schon seit ihrer Schulzeit für die Zeitung und kann mir das nicht genauer erklären? In Deutsch würde ich für so eine Leistung eine glatte Sechs bekommen.

„Nein, musst du nicht.“ Lachfältchen fächern sich rund um Mamas Augenwinkel auf. „Eine Kolumne erscheint regelmäßig, hat einen festen Platz in der Zeitung und ist in der Ich-Form verfasst.“

„Dann ist das so eine Art Aufsatz?“

„Ja, könnte man so sagen. In erster Linie geht es darum, die Leserinnen und Leser zu unterhalten.“

„Und worüber willst du schreiben?“

Mama nippt an der Kaffeetasse. „Darüber denke ich ja gerade nach.“

„Aber du sagtest doch, du hast schon eine Idee.“

„Ich erzähls dir, wenn es spruchreif ist, einverstanden?“

Ich nicke. So brennend interessiert es mich nun auch wieder nicht. Mama schreibt ziemlich viel. Über Politik und Wirtschaft. Und das meiste davon finde ich grottenlangweilig.

Mama schiebt mir die Brotdose rüber. „Vollkornbrot mit Frischkäse, getrockneten Tomaten und Salat. Ist das okay? Oder willst du noch ein Brot mit Schnittkäse?“

„Danke, Mama. Alles super.“

„Dein Lieblingsriegel … der mit Erdnüssen und Datteln … ist auch drin. Und eine Banane.“

Ich schmatze ihr ein Küsschen zu.

„Soll ich dir noch Studentenfutter mitgeben?“

„MAMA!“ Ich stöhne genervt. „Nur weil ich in die WG fahre, musst du keine Angst haben, dass ich verhungere. Papa kocht rund um die Uhr. Und ich kann alles probieren.“

„Aber ihr esst abends immer erst so spät.“

Das stimmt. Während es in Grün-Berlin schon um sechs Abendbrot gibt, wird es in der WG meistens halb acht oder noch später.

„Ich weiß sogar, wo der Kühlschrank steht“, sage ich. „Und stell dir vor, ich kann ihn ganz allein aufmachen. Einfach den Griff nach vorne ziehen.“

Mama lacht. „Du hast recht, Ruby. Ich bin eine grauenhafte Glucke.“

Ich nicke übertrieben. „Mit Hang zum Terror.“

„Ich vermisse dich eben so, wenn du nicht da bist.“ Sie seufzt leise.

„Ich dich doch auch“, erwidere ich.

Klar vermisse ich meine Mama. Jeden Abend beim Einschlafen. Aber wenn ich bei Papa bin, versuche ich einfach, nicht dran zu denken. Und wenn ich bei Mama bin, versuche ich nicht dran zu denken, dass ich Papa vermisse. Ich glaube, alles andere wäre nicht normal.

Bevor Mama und ich noch komplett gefühlsduselig werden, esse ich schnell auf und räume die Müslischale in den Geschirrspüler. Dann flitze ich rüber in mein Zimmer, um mein Buch zu holen. Es ist fürchterlich dick und wird meinen Rucksack noch schwerer machen, als er sowieso schon ist. Aber ich kann nicht einschlafen, ohne abends ein paar Seiten zu schmökern.

Mama hat sich eine Strickjacke über den Schlafanzug geworfen, Boots angezogen und hellroten Lippenstift aufgetragen, als ich in die Küche zurückkehre. Am Abschiedstag besteht sie darauf, mich bis zur Gartenpforte zu begleiten, und das geht nur mit Lippenstift (peinlich, peinlich). Dort drückt sie mich dann so fest an sich, als würden wir uns erst im nächsten Leben wiedersehen. Dabei bin ich nur eine Woche weg. Sieben Tage, an denen wir uns gefühlt hundert Mal am Tag schreiben und lustige Emojis schicken. Aber so ist meine Mama nun mal und irgendwie habe ich sie genau deswegen so lieb.

Ich erwische die Straßenbahn auf den letzten Drücker. Glück gehabt! Hechelnd schlüpfe ich in den Waggon, ergattere einen freien Platz und setze den bleischweren Rucksack zu meinen Füßen ab. Mein Blick geht aus dem Fenster, als die Tram surrend anfährt.

Ich liebe Straßenbahnfahren! Man kann in die Wolken gucken und träumen, auf dem Handy daddeln (ohne dass Mama meckert) oder Listen schreiben (was ich sowieso am allerliebsten tue). Von Grün-Berlin bis zu meiner Schule fährt die Straßenbahn acht Minuten. Von der Schule nach Bunt-Berlin neun. Die Schule liegt also ziemlich genau zwischen Mama und Papa.

Ich nehme mein Listenheft raus, kaue einen Moment am Stift, dann schreibe ich:

Meine Freundin Charlie wartet an der Tramstation auf mich, als ich kurz darauf schon wieder aussteige. Das macht sie häufiger so und ich freue mich jedes Mal riesig, die paar Minuten zusammen mit ihr zur Schule zu laufen. Heute steckt sie in einer übergroßen Anzugjacke, die sie von ihrem Onkel geerbt hat. Sie sieht ziemlich cool aus.

„Na endlich!“, sagt sie statt einer Begrüßung und klopft mir so kraftvoll auf die Schulter, dass ich fast hinfalle. „Ich dachte, du nimmst eine Bahn früher.“

„Ging nicht. Ich musste noch packen.“ Ich schultere meinen Rucksack. „Keine Sorge, wir kommen rechtzeitig zu Mr Banana.“

Mr Banana ist unser Englischlehrer und heißt in Wirklichkeit Herr Schmitt mit zwei T (worauf er großen Wert legt). Aber weil er immer so krumm auf seinem Stuhl hängt, haben wir ihn Mr Banana getauft. Ich wäre ja für Mr Schluffi gewesen, denn das trifft es noch viel besser. Abgesehen davon ist Mr Banana aber ziemlich nett. Manchmal bringt er seine Gitarre mit in den Unterricht. Dann setzt er sich aufs Pult und singt mit uns englische Songs, die wir später übersetzen und interpretieren.

Charlie hebt prüfend meinen Rucksack an. „Hilfe, was hast du da bloß alles drin?“ Sie lacht scheppernd. „Eines Tages brichst du noch zusammen.“

„Ging nicht anders. Ich brauche eben so viel Krams, wenn ich bei Papa bin.“

„Heißt das, du fährst heute nicht noch mal nach Hause?“

Mit nach Hause meint Charlie unser Häuschen in Grün-Berlin. Das liegt wohl daran, dass ihr Vater die Familie verlassen hat, als ihre Mutter mit ihr schwanger war, und sie sich ein Zuhause, in dem man mit dem Vater wohnt, gar nicht vorstellen kann.

Ich schüttele den Kopf.

Ein Mann mit einer Bierdose in der Hand stolpert an uns vorbei und wir müssen ihm ausweichen. Er ist einer der Obdachlosen, die in dem kleinen Park neben der Tramhaltestelle leben. Die Leute tun mir schrecklich leid, weil sie keine Wohnung und kein kuschelig warmes Bett haben, und wenn ich doppelt Taschengeld kriege, gebe ich ihnen manchmal fünfzig Cent ab.

„Dann kannst du ja nach der Schule mit zur Schnupperstunde Kickboxen kommen.“ Charlie hüpft rückwärts vor mir her und ihre Anzugjacke schlackert.

„Äh, weiß nicht …“ Bestimmt ziehe ich ein wenig begeistertes Gesicht.

Meine Freundin liegt mir schon seit Wochen mit der neuen AG in den Ohren, die angeblich ein megacooler Sportstudent namens Daniel leitet. Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass mir Boxen Spaß machen würde. Ganz abgesehen davon, dass ich sowieso keine Sportskanone bin.

„Azra kommt auch mit.“

„Echt? Darf die das?“

„Warum denn nicht? Weil sie Muslima ist?“

„Na ja, irgendwie schon“, murmele ich.

Azras Familie ist gläubig und seit Anfang des Schuljahres trägt Azra genau wie ihre ältere Schwester ein Kopftuch.

„Ihre Oldies werden es ihr schon erlaubt haben.“ Charlie zieht ihren Hut tiefer in die Stirn. „Komm, Ruby, gib dir einen Ruck! Das wird bestimmt supergut!“

„Heute gehts nicht“, erwidere ich, als wir in einem Pulk lärmender Schüler in die Schule gespült werden. „Wir kriegen einen neuen Mitbewohner.“

„Den kannst du dir doch auch später angucken.“

„Aber ich hab nicht mal Sportsachen dabei!“

„Schon kapiert. Du willst nicht.“

Charlie guckt mich so traurig an, als hätte ich ihr gerade die Freundschaft gekündigt. Dabei habe ich sie noch genauso lieb wie vor zwei Minuten. Ich finde nur, auch beste Freundinnen müssen nicht immer alles zusammen unternehmen.

Bevor ich ihr das verklickern kann, überholt uns Anouk-Berndadette-Claudine. Wie immer ist ihr Hofstaat, bestehend aus der schönen Mimi, der schönen Chiara und der schönen Emily, dabei. ABCs Freundinnen sind alle schön. Wobei sie penibel darauf achtet, dass sie trotzdem die Allerallerschönste und damit konkurrenzlos ist.

„Habt ihrs schon gehört?“, fragt sie mit ihrer ultrahohen Pieps-Stimme.

„Was denn?“

„Herr Schmitt ist krank. Frau Wood macht Vertretung. Und die letzten beiden Stunden Kunst fallen auch aus.“

„Juchhu!“, ruft Charlie.

„Freu dich nicht zu früh“, sagt Anouk und schleudert ihre Schneewittchen-Haare nach hinten. „Wir schreiben einen Test.“

„Bitte nicht!“ Charlie hängt sich an meine Schulter, woraufhin ich fast zusammenbreche. Meine Freundin plus Rucksack – das ist einfach zu viel.

Stimmt, da war ja noch was: Freitag der Dreizehnte. Und der Englischtest ist vielleicht erst der Anfang.

In der Pause stehen Charlie und ich auf dem Schulhof zusammen und jammern. Das heißt, ich jammere, Charlie beschwert sich lautstark und mit viel Gestöhne.

Ja, der Test war die Vollkatastrophe. Er war viel zu schwer und es kam Grammatik dran, die wir noch nicht durchgenommen haben. Okay, vielleicht hat Mr Banana sie mal kurz angerissen. Aber kurz angerissen bedeutet noch lange nicht erklärt.