Ruby 2: 1 Chaos-Queen und jede Menge Glitzerstaub - Susanne Fülscher - E-Book

Ruby 2: 1 Chaos-Queen und jede Menge Glitzerstaub E-Book

Susanne Fülscher

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Beschreibung

Das echte bunte Leben! Ruby kann ihr Glück kaum fassen: Die angehende Schauspielerin Lizzy zieht in die WG von Rubys Vater in Bunt-Berlin ein. Zusammen mit zwei zuckersüßen Hundewelpen, die Rubys Herz schmelzen lassen. Doch Lizzy ist eine echte Chaos-Queen. Sie ist ständig knapp bei Kasse, ihre Hunde machen dauernd Unsinn und dann hat sie auch noch Ärger mit dem Ex. Vielleicht kann der Job in Enricos Eiscafé ja helfen? Ruby und ihre Freundinnen sprudeln vor Ideen. Eine herrlich turbulente Mädchenreihe ab 11 mit viel Humor und Großstadtflair  

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Susanne Fülscher

Ruby – 1 Chaos-Queen und jede Menge Glitzerstaub

Mit Illustrationen von Isabelle Metzen

Ruby kann ihr Glück kaum fassen: Die coole Lizzy zieht in die WG von Rubys Vater in Bunt-Berlin ein. Zusammen mit zwei zuckersüßen kleinen Hunden, die Rubys Herz schmelzen lassen. Doch Lizzy, die ihre beiden Vierbeiner unbedingt zu Stars machen möchte, ist eine echte Chaos-Queen.

Und bei Rubys Mutter in Grün-Berlin? Da gibt es Reibereien, weil die Mädchen angeblich viel zu viel am Handy hängen. Pah! Dabei ist doch gerade erst Rubys Mutter das Telefon ins Klo gefallen!

Wohin soll es gehen?

Buch lesen

Viten

Sommer!

Was gibt es Genialeres als den Sommer? Wenn die Abende so hell und lau sind, dass man am liebsten nicht ins Bett gehen würde. So wie heute. Ich sitze mit meinem Mops Püppi draußen auf der Terrasse, wir lauschen dem Vogelgezwitscher und warten aufs Essen.

Das heißt, eigentlich warte nur ich. Püppi zappelt auf meinem Schoß herum und will zu Opa Ritschie, der in Arbeitshose und T-Shirt am Grill steht und mit seinen Mucki-Armen Gemüsespieße, Würstchen und Grillkäse wendet. Omimomi flitzt zwischen Haus und Terrasse hin und her, um Ketchup, Olivenöl, Balsamicoessig und keine Ahnung was noch zu holen. Mama erntet Johannisbeeren für den Nachtisch. Weil mir das alles zu lange dauert, schreibe ich mit meiner besten Freundin Linh, die bei mir um die Ecke wohnt.

Linh und ich kennen uns seit Ewigkeiten. Genauer gesagt, seit wir als Babys in der Krabbelgruppe wie kleine dicke Robben herumgerutscht sind. Schon damals haben wir uns heiß und innig geliebt und das ist zum Glück bis heute so geblieben. In der Woche, in der ich bei Mama und meinen Großeltern in Grün-Berlin wohne (meine Eltern sind geschieden), treffen wir uns in jeder freien Minute. In der Woche darauf, die ich in Papas Wohngemeinschaft in Bunt-Berlin bin, ziehe ich mit Charlie aus meiner Klasse los. Charlie ist meine andere beste Freundin. Aber auch mit Azra und Emily, die ebenfalls in unsere Klasse gehen, bin ich megadicke.

Morgen schaffe ich es nicht mehr,tippe ich ins Handy. Papa holt mich nach dem Mittagessen ab.

Schaaaaaaaaaade,antwortet Linh. Ich dachte, wir machen eine Radtour. Stichwort „süßer E Punkt“.

Mit „süßer E Punkt“ meint sie den Eisverkäufer in der Wuhlheide, der ihr manchmal Komplimente macht.

In meiner nächsten Mama-Woche. Versprochen, Linh.

Grmpfff.

Warum nimmst du nicht Kat und Ella mit? Dann ist der Eisverkäufer doch nicht weniger süß.

Aber mit dir machts am meisten Spaß!

Weil ich das so lieb von Linh finde, schicke ich ihr ein paar Herz-Emojis. Dann schreibe ich:

 

Wir kriegen Montag eine neue Mitbewohnerin in der WG und

Meine Nachricht flutscht weg, bevor ich sie zu Ende formulieren kann.

Und? Wie alt? Wie sieht sie aus? Was macht sie?

Keine Ahn

„Ruby!“, bohrt sich Mamas Sirenenstimme in meine Gehörgänge. So klingt sie oft, wenn ich etwas verbrochen habe.

„Wasssn?“, frage ich, ohne erst die Nachricht loszuschicken. Ich sitze brav auf meinem Stuhl. Von Verbrechen keine Spur.

Mama tritt mit den Johannisbeeren auf die Terrasse. Ihr korallenrot geschminkter Mund leuchtet in der Abendsonne. „Hatten wir nicht was vereinbart?“

„Hä?“

„Kein Handy beim Essen.“

„Wir essen doch noch gar nicht.“

Hungrig warten ist so ziemlich das Gegenteil von essen. Und es fällt mir leichter, wenn ich mir die Zeit mit meinem Telefon vertreibe.

„Aber gleich.“

„Ja, aber gleich ist nicht jetzt. Ich mein, jetzt, in dieser Sekunde. Da muss man schon genau sein. Das predigst du doch sonst immer.“

Meine Mama ist Journalistin und, was den Sprachgebrauch angeht, extrem pingelig.

„So, meinst du?“, erwidert sie mit einem megavorwurfsvollen Knautschgesicht. Genauso guckt Püppi, wenn man mit den Hundekeksen vor ihrer Nase herumwedelt, ihr aber nichts zu fressen gibt.

„Ja, meine ich“, sage ich und starre auf mein Handy.

„Putzig, wie ihr beiden euch immer kabbelt.“ Omimomi stellt die Pfeffermühle auf den Tisch. „Wie beste Freundinnen.“

„Komisch nur, dass ich mich mit meinen Freundinnen gar nicht kabbele“, entgegne ich. „Jedenfalls nicht so.“

Mama entknautscht ihr Gesicht, dann knufft sie mich und lacht. „Na komm, Ruby. Leg mal das Handy weg.“

„Nur noch ganz kurz“, bettele ich. „Bitte! Ich will Linh bloß noch antworten.“

„Gut, von mir aus, aber beim Essen möchte ich das Ding nicht auf dem Tisch sehen.“

Erleichtert flitzen meine Daumen über die Tastatur.

Keine Ahnung. Papa hat mir nur gesagt, dass eine Frau bei uns einzieht. Eher jung als alt.

Vielleicht eine berühmte Musikerin?!❤❤❤

Wehmütig denke ich an Nico Orlando, der im Frühjahr bei uns in der WG gewohnt hat. Karl und Enrico sind die Hauptmieter der riesigen Altbauwohnung in Bunt-Berlin und vermieten das Zimmer mit der wilden Blumentapete an Leute, die für kurze Zeit eine Bleibe suchen. Oder auf verrückte Tapeten stehen. Irgendwie war der Popstar am Ende nicht nur ein x-beliebiger WG-Kollege, sondern ein guter Freund, und ich fiebere dem Konzert entgegen, das er bald in Berlin gibt.

Wohl kaum,tippe ich. So viel Glück kann man nicht jedes Mal haben.🥺

Hauptsache, sie ist nett.

Das sehe ich genauso. Aber da sich die neuen Mitbewohner bei Enrico, Karl und Papa vorstellen, bin ich mir ziemlich sicher, dass die nur nette Leute aussuchen.

Tschau, Linh, wir essen jetzt.

Ich lege mein Handy mit der neuen grünen Hülle (ein Geschenk von Papa) auf das Beistelltischchen mit der Salatschüssel und den Soßen, dann ist das Gegrillte fertig und es geht los. Ich liebe Halloumi mit Omimomis selbst gemachter Zitronensoße, aber auch die bunten Gemüsespieße sind lecker. Püppi steht mehr auf stinknormale Würstchen und bettelt Opa Ritschie an, der sich gleich zwei Stück aufgeladen hat. Sie winselt. Und fiept. Und jault so herzerweichend, dass man ihr am liebsten den eigenen Teller hinstellen würde.

„Richard, gib ihr bitte nichts“, sagt Mama streng.

„Ach komm, nur ein klitzekleines Stückchen“, erwidert er. Opa macht immer auf bärenstarken Mann, doch bei Püppi wird er butterweich.

Mama verdreht die Augen, als er dem Mops einen Happs von seiner Wurst hinwirft. Niemand schafft es, Püppis Knautschgesicht zu widerstehen. Sie wird fetter und fetter und rollt bald durch die Gegend, wenn das so weitergeht.

Mein Handy piept und macht dabei einen Hüpfer auf dem Tisch. Bestimmt Linh, die noch was vergessen hat.

Mama wirft mir einen Blick zu, als wolle sie sagen, wehe, du gehst da jetzt ran, dann wirst du die nächsten zehn Jahre in einem fensterlosen Raum ohne Handyempfang verbringen müssen. Ich tue so, als ich hätte ich den Piepton nicht gehört.

„Ganz ehrlich, ich frage mich manchmal, wie wir das früher ausgehalten haben, nicht alle drei Sekunden mit der Freundin zu kommunizieren“, sagt Omimomi kauend.

„Ihr hättet euch doch anrufen können“, entgegne ich.

Omimomi fährt sich durch die rot gefärbten Haare. „Wo denkst du hin, mein Herz. Telefonieren war richtig teuer. Es gab keine Flatrates.“

„Wie grausam ist das denn?!“ Ein Stück Grillkäse flutscht mir beim Sprechen aus dem Mund und fällt auf den Boden, worüber sich Püppi riesig freut.

„Das ist ja noch gar nichts“, sagt Opa und schielt sein Würstchen an. „Wir hatten überhaupt kein Telefon und mussten uns per Rauchzeichen verständigen.“

„Echt jetzt?“, sage ich.

Er nickt bedächtig und reibt sich das stoppelige Kinn.

„Dann musstest du im Garten Feuer machen, um dich mit deinem Freund zu verabreden?“

Opa Ritschie lacht schallend auf. „Du hast das wirklich geglaubt, Ruby?“

„Ja, nein, keine Ahnung.“ Bei all den abstrusen Storys, die Opa so erzählt, kann man ja schon mal durcheinanderkommen.

Die Erwachsenen fallen in das Gegacker ein, ich denke noch darüber nach, wie es wohl damals für Omimomi und Opa Ritschie gewesen sein muss. Ganz ehrlich, ohne mein Handy würde ich verkümmern. Geistig, körperlich und überhaupt.

„Statt Kurznachrichten haben wir uns früher lange Briefe geschrieben“, erklärt Omimomi. „Die waren manchmal tagelang unterwegs.“

„Aber dann ist ja das, was man der Freundin erzählen will, schon dreimal um die Ecke“, sage ich empört.

„Ja, vielleicht“, erwidert Omimomi. „Dafür hat man sich nur Dinge geschrieben, die einen wirklich bewegt haben. Nicht jede Kleinigkeit.“

Ich nicke ihr zu, als würde ich sie verstehen, aber ganz ehrlich: Ich kann es nicht. Dass man sich jeden noch so unwichtigen Pups erzählen kann, ist doch gerade das Schöne, wenn man befreundet ist Und dass die Freundin mit einem genauso unwichtigen Pups antwortet.

„Außerdem kann man Briefe aufheben“, fährt Omimomi fort, „und wenn man alt ist, wieder rauskramen und lesen.“

„Hast du noch deine Briefe von früher?“

„Eine ganze Kiste voll.“ Sie beugt sich vor und flüstert mir kichernd ins Ohr: „Richard darf die niemals zu Gesicht bekommen. Da sind auch ein paar Liebesbriefe dabei.“

Es muss toll sein, Jahrzehnte später in den Briefen von damals zu schmökern. Ich besitze nur einen einzigen. Und zwar den, den Omimomi mir zu meiner Einschulung in Schönschrift geschrieben hat. Er liegt immer noch in Grün-Berlin in meiner Nachttischschublade.

Wieder meldet sich mein Telefon und ich schiele sehnsüchtig in Richtung Beistelltisch.

„Hab ich’s nicht gesagt?“ Mamas Hände flattern wie Vögel auf. „Meine Tochter ist süchtig. Handy-süchtig.“

„Bin ich nicht.“

„Bist du doch.“

„BINICHNICHT.“

Püppi schreckt hoch und kläfft mich vorwurfsvoll an. Sie mag es nicht, wenn Mama und ich uns in die Haare kriegen. Ob im Ernst oder im Spaß, das kann sie nicht unterscheiden.

„Alles gut, Püppi.“

Ich gebe ihr ein Stückchen von meinem Grillkäse, dann bringe ich mein Handy ins Wohnzimmer. Auch ich will lieber den Abend genießen, statt ständig alle naslang aufs Telefon zu glotzen. Die letzten Minuten mit Mama, Omimomi und Opa Ritschie auskosten, bevor es morgen wieder nach Bunt-Berlin geht. Zu Papa, dem Turtel-Pärchen Karl und Enrico und unserer Wohngemeinschafts-Katze Honey. Sosehr ich mich immer darauf freue, so traurig ist es andererseits, wenn ich von meiner Familie in Grün-Berlin und von Püppi Abschied nehmen muss. Weil ich meine beiden Familien über alles liebe und mir nicht vorstellen kann, auf eine von ihnen zu verzichten.

Später im Bett nehme ich mein Notizheft raus und schreibe:

Die Papa-Woche fängt schon mal gut an. Auf dem Weg zur Straßenbahn reißt der Riemen meines bleischweren Rucksacks. Damit ich ihn nicht wie ein Riesenbaby vor mir herschleppen muss, knote ich den Riemen notdürftig zusammen. Hoffentlich repariert Enrico mir den später irgendwann. Wenn er eine ruhige Minute im Café Sieben Törtchen hat. In unserer WG ist er der Einzige, der von handwerklichen Sachen Ahnung hat. Papa und Karl sind in dem Punkt so unbegabt wie Amöben. Und da tue ich den Amöben noch unrecht. Papa kann zwar supergut kochen (er schreibt Kochbücher), weiß jedoch bis heute nicht, wie man die Waschmaschine bedient. Genauso wenig Karl, der ein Genie auf der Geige ist und im Orchester musiziert. Leider hat er keine Ahnung, wie man den Staubsaugerbeutel wechselt. So was muss ich dann immer machen.

Nach der Schule haste ich zur Straßenbahn. Außer dass Azra auf Otto von Gallens glibberigem Ei-Sandwich ausgerutscht ist und sich das Knie aufgeschlagen hat, ist nichts Weltbewegendes passiert. Puh, ich erwische die frühere Tram und lasse mich schnaufend auf den Sitz fallen. Ich bin so was von gespannt, ob die geheimnisvolle neue Mitbewohnerin inzwischen bei uns eingezogen ist. Papa wusste nicht genau, wann sie eintrudelt. Und ob sie überhaupt schon heute kommt.

Enrico ist auf den letzten Drücker mit dem Renovieren des Zimmers fertig geworden. Die Dielen mussten geschliffen und die ramponierten Fußleisten gestrichen werden. Und dann die Heizung. Wahnsinn. Ganze Wollmäuse-Familien hatten sich in den Zwischenräumen eingenistet und ich habe kräftig mitgeholfen, den Staub wegzuputzen. Jetzt sieht alles wieder blitzblank aus und die wilde Blumentapete erstrahlt in neuem Glanz. Zum Glück haben Enrico und Karl sich dagegen entschieden, sie von den Wänden zu reißen. Sie gehört zu dem Zimmer wie die Samtsessel, die Orientteppiche und die Filmplakate zum Salon.

Kurz darauf schließe ich die Wohnungstür auf und zwei miniaturartige Fellwesen schießen auf mich zu. Sie springen quiekend an mir hoch, tanzen um mich herum und schlabbern mich an. Hilfe, sind DIE knuffig! Ich bin auf der Stelle schockverliebt. Noch nie, wirklich nie, habe ich so putzige Hunde gesehen. Nicht mal mein heiß geliebter Mops ist so niedlich wie diese beiden Kläffer. (Sorry, Püppi, das ist nicht persönlich gemeint.) Eigentlich sehen sie auch gar nicht aus wie echte Tiere, sondern wie lebende Plüschtiere. Ihr Fell ist graubraun und gefleckt, ihre Stummelbeine sind mittelbraun und ihre Augen leuchten so hellblau wie der Sommerhimmel über Bunt-Berlin.

„Hallo, wer seid ihr denn?“, flüstere ich so zärtlich, wie ich das sonst nur bei Püppi und unserer Wohngemeinschaftskatze Honey mache.

 

 

Im nächsten Augenblick schieben sich sechs weitere Beine in mein Blickfeld. Vier davon gehören Honey, die vorwurfsvoll miaut. (Klar, sie ist eifersüchtig.) Die beiden anderen einem menschlichen Wesen mit schmalen Fesseln. Um den linken Knöchel schmiegen sich drei silberne Fußkettchen mit bunten Perlen. Bevor ich hochschauen kann, bildet sich eine Pfütze auf den Dielen.

„Jimmy, was machst du denn da?!“, tönt eine glockenhelle Stimme und ich gucke hoch.

Über mir steht eine junge Frau mit einem Lächeln, das Gletscher zum Schmelzen bringen könnte. Wow, ist die hübsch! Blitzende Zahnspange, supersüßer Afro, winziger Glitzerstein im Nasenflügel.

„Das tut mir ja so leid!“ Sie zerrt ein Taschentuch aus den Jeansshorts und wischt damit auf dem Boden herum. „Jimmy ist eigentlich schon stubenrein, aber wenn er aufgeregt ist, hat er sich manchmal noch nicht im Griff. Im Gegensatz zu Jonny.“ Ihr Blick geht zu dem anderen Hund, der dunklere Schlappohren hat, dann guckt sie wieder zu mir. „Und du bist bestimmt Ruby, richtig?“

Ich will etwas erwidern, bringe aber nur ein Krächzen zustande. Gleich drei so wunderschöne Wesen, die seit heute bei uns wohnen – da hat es mir glatt die Sprache verschlagen.

„Ich heiße Lizzy.“

„Hi.“

„Tja, ich wohn jetzt hier“, sagt sie.

„Äh, cool“, erwidere ich.

„Dein Vater hat mir vorhin beim Hochtragen der Kartons geholfen. Ich soll dir schöne Grüße ausrichten. Er hat einen Termin beim Verlag. Die beiden anderen Männer sind noch nicht zu Hause. Herr Karl hat Orchesterprobe und Herr Enrico ist unten im Café.“

Ich wiehere los. Kein Mensch nennt meine Mitbewohner Herr Enrico und Herr Karl.

„Hab ich was Falsches gesagt?“

„Äh, nein. Aber du musst die beiden nicht siezen. Das sind einfach Enrico und Karl. Und mein Vater heißt Alexander.“

Lizzy lächelt ihr schmelzendes Wow-Lächeln. „Enrico hat mir vorhin eine Nachricht geschickt. Ich soll auf ein Eis im Café vorbeischauen.“ Sie kichert verlegen. „Damit wir uns besser kennenlernen können. Ich war ja nur einmal kurz hier, um mich vorzustellen.“

„Wenn du magst, komme ich mit“, schlage ich vor.

Offen gestanden könnte ich schon ein leckeres Nugateis vertragen. Die letzten beiden Stunden Englisch bei Mr Banana waren so furchtbar anstrengend, dass mein Hirn immer noch qualmt.

„Später vielleicht. Jimmy und Jonny sollen sich ein bisschen an ihr neues Zuhause gewöhnen.“

„Wie lange hast du die beiden schon?“, frage ich.

Lizzys Augenbrauen rücken enger zusammen. „Das ist eine längere Geschichte. Erzähl ich dir mal bei Gelegenheit.“

„Kann ich dir beim Auspacken helfen?“

„Danke. Ich bin fast fertig. Aber du könntest mir dein Zimmer zeigen. Wir wohnen ja nebeneinander, oder?“

Ich nicke. „Und wir teilen uns das Bad.“

In unserer Wohngemeinschaft hat jeder sein eigenes Reich. Es gibt zwei Bäder, eine geräumige Küche, den plüschigen Salon und ein Kino mit einer echten Leinwand und echten Kinosesseln.

Es grummelt lautstark in Lizzys Magen und sie legt ihre Hand auf den Bauch. „Ähm … Habt ihr vielleicht was zu futtern da? Ich hatte heute nur einen angeknabberten Schokoriegel.“

Und ob wir das haben. Bei uns wird immer gerne und gut gegessen. Enrico und Karl legen großen Wert auf frisch zubereitete Mahlzeiten und mein Papa sowieso. Er probiert andauernd neue Gerichte aus und wenn sie super schmecken, fotografiert er sie für sein nächstes Buchprojekt.

Ich versetze meinem kaputten Rucksack einen Schubs mit dem Fuß, dann nehme ich Lizzy mit in die Küche. Mein Zimmer kann sie sich später immer noch ansehen. Jimmy und Jonny trappeln neugierig hinter uns her; Honey bleibt auf dem Flur zurück. Und als ich mich kurz nach ihr umdrehe, guckt sie mich an, als wäre ich das schlimmste Scheusal aller Zeiten.

Keine fünf Minuten später sitzen wir an dem runden Holztisch und verputzen Quiche, Sauerteigbrot mit Käse und gesalzenem Erdnussmus, Radieschen, Gurken, Kirschen und Erdbeeren mit Joghurt. Jimmy und Jonny, die uns nicht von der Seite gewichen sind, wuseln herum und beschnüffeln alles. Ab und zu bekommen sie von uns einen Happen vom Tisch, auch wenn das keine gute Hundeerziehung ist. Weil Lizzy nach der Futter-Orgie immer noch so aussieht, als hätte sie Hunger, flitze ich rüber in den Salon und hole die Dose mit den Süßigkeiten.

Was ich alles über Lizzy erfahre:

Sie ist schon zwanzig (!), sieht aber aus wie achtzehn oder höchstens neunzehn.

Sie ist zweisprachig aufgewachsen (Deutsch und Spanisch).

Ihre Mutter stammt aus der Dominikanischen Republik, ihr Vater aus Rostock. Die letzten Jahre hat die Familie in einem Kaff in Brandenburg gewohnt.

Ihre Mutter ist Steuerfachangestellte, ihr Vater Busfahrer.

Lizzy hat die Schule kurz vorm Abitur geschmissen, eine Weile bei der Post gejobbt und ist dann mit ihren Ersparnissen nach Berlin gekommen, um …

Gerade, als sie erzählen will, was sie hier vorhat, scheppert, poltert und klirrt es in meinem Rücken. Ich fahre herum und sehe, wie Honey pfeilschnell aus der Küche saust. Sie muss sich hereingeschlichen und die geblümte Obstschale vom Schneideblock gefegt haben. Überall auf dem Boden liegen Scherben; Erdbeeren, Kirschen und Äpfel kullern durcheinander. Jimmy und Jonny haben sich vor Schreck auf Lizzys Schoß geflüchtet. Zwei Köpfchen gehen auf Tauchstation. Nur noch die Schlappohren sind zu sehen. Oje, das fängt ja gut an.

„Ist ja gut“, flüstert Lizzy und krault die Fellknäuel. „Das war doch nur die Katze.“

„Sorry. Honey hats nicht böse gemeint. Aber sie steht nicht so auf Hunde.“

„Nein?“ Lizzy hebt den Kopf und schaut mich aus großen Augen an.

„Okay, sie liebt sie nicht heiß und innig, aber sie findet sie auch nicht richtig schrecklich“, antworte ich. „Bei meiner Mutter habe ich einen Hund, einen Mops, mit dem versteht sie sich eigentlich ganz gut.“

Lizzys Stirn kräuselt sich. Dann guckt sie an die Decke, wo die weiße Küchenlampe wie ein Ufo schwebt.

»Ähm«, macht sie.

„Alles okay?“, frage ich.

Ihr Blick geht wieder zu mir. Sie sieht aus, als würde sie gleich losheulen. „Vielleicht … vielleicht kann ich dann ja gar nicht bleiben.“

„Ach Quatsch“, entgegne ich. „Honey kriegt das schon hin. Sie braucht nur etwas Zeit.“ Die Vorstellung, dass diese beiden knuffigen Fellwesen gleich wieder ausziehen müssen, bricht mir das Herz.

„Das meine ich nicht. Herr Enrico, Herr Karl und dein Vater …“, sagt sie so leise, dass ich sie kaum verstehen kann.

„Was ist mit denen?“

„Sie wissen nicht, dass ich die Hunde dabeihabe.“

„Wie bitte? Aber Papa hat dich doch reingelassen.“

„Jimmy und Jonny waren so lange bei meinem Ex-Freund Felix. Im Auto … Ich dachte, dein Vater sieht sie ja eh, wenn ich sie später mit hochnehme. Aber da war er schon weg.“

Das ist nicht gut. Das ist überhaupt nicht gut. In meinem Hirn rattert es; die Gedanken purzeln nur so durcheinander. Dann frage ich Lizzy, warum sie nicht gleich bei der Wohnungsbesichtigung was von ihren Hunden gesagt hat.

Lizzy versenkt ihre Nase in dem Fellbündel auf ihrem Schoß und kriegt prompt einen Hundekuss von Jonny.

„Weil … weil Herr Karl keine Haustiere will.“

Ups, ist das wirklich so? Davon wusste ich nichts. Allerdings hat auch bisher noch kein Untermieter ein Tier angeschleppt.

„Mir hats nur gleich so gut bei euch gefallen“, fährt Lizzy fort. „Und weil ich dringend ein Zimmer brauche … und es nicht so viel kostet … da hab ich eben gedacht …“ Ihre Schultern zucken auf und ab. „Ich dachte, dass schon niemand was dagegen hat, wenn Jimmy und Jonny erst mal da sind.“

Das sehe ich genauso. Die Hunde sind so knuddelsüß, dass man ein Gefühlsklotz sein muss, um sie nicht sofort ins Herz zu schließen. Allerdings kenne ich Karl. Der ist zwar supernett, kann aber auch ziemlich streng sein.

„Keine Panik“, sage ich lässig. „Wir werden Karl schon überreden.“

Lizzy schiebt sich das letzte bisschen Quiche in den Mund, dann setzt sie die Hunde auf den Fliesen ab.

„Ihr seid jetzt brav, comprendéis?“

Sie jaulen auf, als hätten sie sie verstanden.

Während ich den Handfeger aus dem Flurschrank hole und die Scherben zusammenfege, sammelt Lizzy das Obst auf. Nicht, dass Papa überraschend heimkommt, einen Schock kriegt und vielleicht auch findet, dass zwei Hunde nicht in unsere WG passen.

„Die beiden hören ja richtig auf dich.“

„Klar.“ Lizzy grinst geschmeichelt. „Jonny und Jimmy sind hyperintelligent. Sie verstehen Deutsch und Spanisch. Und meine Blicke.“

Genau wie Püppi, denke ich. Manchmal kommt es mir sogar so vor, als ob sie meine Gedanken lesen kann.

„Die Schale ersetze ich natürlich“, sagt Lizzy. Einen Wimpernschlag darauf verfinstert sich ihr Blick. „Also, wenn ich wieder flüssig bin. Im Moment siehts in meinem Portemonnaie echt mau aus.“

„Das musst du nicht. Im Keller steht jede Menge Geschirr von Karls Oma rum. Und von Enricos Familie aus Italien. Und überhaupt, eigentlich sollte ja Honey die Schale bezahlen.“

Lizzy kichert und ihre Zahnspange blitzt auf. „Du bist echt nett, Ruby, weißt du das?“

Ich grinse in mich hinein. Wie lieb von ihr, dass sie mir das sagt. Das Gleiche habe ich ja auch über sie gedacht.

„Zimmerbesichtigung?“, frage ich.

Lizzy nickt und während wir über den Flur gehen, erkundige ich mich, ob sie schon das Kino gesehen hat.

„Nur kurz. Herr Enrico musste dann …“

„Enrico“, falle ich ihr ins Wort. „Sag doch bitte Enrico. Und Karl. Und Alexander. Wir sind eine Wohngemeinschaft. Und kein Amt.“

„Sehr gern.“ Lizzy lächelt mich an. „Ich wollte nur nicht unhöflich sein.“

„Ich glaube, die Männer sind schwer beleidigt, wenn du sie siezt. Papa sagt immer, dass er sich dann so alt fühlt.“

Das Kino befindet sich am Ende des langen Flurs, schräg gegenüber von meinem Zimmer. Die Hunde sausen an uns vorbei, sie schlittern über die Dielen, als wären sie auf einer Eisbahn. Ich drücke die Klinke runter und bevor ich Licht machen kann,sind sie im dunklen Saal verschwunden.

„Wow, wow, wow!“, ruft Lizzy aus, als die Deckenlampe den Raum einen Mikromoment darauf in warmes Licht taucht. Ihr Blick gleitet über die vier Reihen. „Richtige Kinosessel. Wie cool ist das denn?!“ Sie tritt vor das hohe Regal, in dem sich Hunderte von Filmen stapeln. Karl sammelt seit seiner Studienzeit DVDs und wer auch immer zu Besuch kommt, staunt, dass ein einziger Mensch so viele Filme besitzen kann.