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Ruby Redfort ist ein ganz normales Mädchen. Und gleichzeitig die jüngste Geheimagentin der Welt! Zieht Ruby Redfort, die jüngste Geheimagentin der Welt, das Verbrechen magisch an? Oder hat die Geheimdienstorganisation Spektrum Ruby mit Absicht zu einem Tauchlehrgang geschickt? Plötzlich wird ein toter Taucher an Land gespült, Haie attackieren Menschen, und Seevögelschwärme fliegen ins Landesinnere. Ruby entdeckt eine heiße Spur – und schwebt in Lebensgefahr … Auch im zweiten Band überzeugt Lauren Child mit witzigen Dialogen, spannender Handlung und einem originellen Plot – rundum intelligente Unterhaltung für clevere Mädchen! Super-intelligent, super-clever, super-sympathisch ... Super-Ruby löst ihren zweiten Fall! Bei Antolin gelistet Alle Abenteuer von Ruby Redfort: Ruby Redfort – Gefährlicher als Gold (Bd. 1) Ruby Redfort – Kälter als das Meer (Bd. 2) Ruby Redfort – Schneller als Feuer (Bd. 3) Ruby Redfort – Dunkler als die Nacht (Bd. 4) Ruby Redfort – Giftiger als Schlangen (Bd. 5) Ruby Redfort – Tödlicher als Verrat (Bd. 6)
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Seitenzahl: 414
Veröffentlichungsjahr: 2024
Lauren Child
Ruby Redfort ist ein ganz normales Mädchen. Und gleichzeitig die jüngste Geheimagentin der Welt!
Zieht Ruby Redfort, die jüngste Geheimagentin der Welt, das Verbrechen magisch an? Oder hat die Geheimdienstorganisation Spektrum Ruby mit Absicht zu einem Tauchlehrgang geschickt? Plötzlich wird ein toter Taucher an Land gespült, Haie attackieren Menschen, und Seevögelschwärme fliegen ins Landesinnere. Ruby entdeckt eine heiße Spur – und schwebt in Lebensgefahr …
Super-intelligent, super-clever, super-sympathisch ... Super-Ruby löst ihren zweiten Fall!
Bei Antolin gelistet
Alle Abenteuer von Ruby Redfort:
Ruby Redfort – Gefährlicher als Gold (Bd. 1)
Ruby Redfort – Kälter als das Meer (Bd. 2)
Ruby Redfort – Schneller als Feuer (Bd. 3)
Ruby Redfort – Dunkler als die Nacht (Bd. 4)
Ruby Redfort – Giftiger als Schlangen (Bd. 5)
Ruby Redfort – Tödlicher als Verrat (Bd. 6)
Weitere Informationen finden Sie unter www.fischerverlage.de/kinderbuch-jugendbuch
Lauren Child, geboren 1967, wuchs in Wiltshire auf, einer Grafschaft im Süden Englands. Sie studierte an der City and Guilds Art School in London. Danach hatte sie verschiedene Jobs, bis sie 1999 ihr erstes Kinderbuch veröffentlichte. Heute ist Lauren Child eine der bekanntesten Kinderbuchautorinnen und -illustratorinnen Englands.
Anne Braun lebt in Freiburg und übersetzt Literatur und Sachbücher aus dem Französischen, Englischen und Italienischen. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis.
[Widmung]
[Aus einer alten Seefahrerlegende]
Auftauchen zum Luftholen
Ein gewöhnliches Kind
Etliche Jahre später …
1. Kapitel Nicht abhauen wollen, sonst halten sie dich für ihre Beute
2. Kapitel Schon ein Tropfen kann einem das Leben retten
3. Kapitel Plankton und Seegurken
4. Kapitel Der immer wiederkehrende Traum
5. Kapitel Ein hübsch gefalteter Kondor
6. Kapitel In Panik schwimmen
7. Kapitel Delphine, Haie – alles dasselbe
8. Kapitel N wie Nachsitzen
9. Kapitel Nix Fisch
10. Kapitel In der Marinesektion
11. Kapitel Höchst sonderbar
12. Kapitel Konsequenzen
13. Kapitel
14. Kapitel Ein weiteres Opfer
15. Kapitel Der rettende Strohhalm
16. Kapitel Nicht nach hinten schauen!
17. Kapitel Etwas Gefährliches im Wasser …
18. Kapitel Weißes Rauschen
19. Kapitel Seltsam und altmodisch
20. Kapitel Ein aufgeblasener Windbeutel
21. Kapitel Zuko muss ran!
22. Kapitel Keine Nachrichten sind gute Nachrichten
23. Kapitel Liebe braucht keine Worte
24. Kapitel Riesenglück
25. Kapitel Nur einmal alle Jubeljahre
26. Kapitel Schräge Töne
27. Kapitel Ein unfehlbarer Riecher
28. Kapitel Ich sage die Wahrheit
29. Kapitel Ein Anfängerfehler
30. Kapitel Die Zehen der Schwestern
31. Kapitel Die Seahorse und ein goldener Vogel
32. Kapitel Dem sicheren Tod entrinnen
33. Kapitel Zeit für einige Antworten
34. Kapitel Lach ruhig, du Ignorant!
35. Kapitel Einzelne Punkte verbinden
36. Kapitel Seltsame Kreaturen in der Tiefsee
37. Kapitel Eine indigoblaue Wolke
38. Kapitel Nur Rauschen und Knistern
39. Kapitel Mamis größter Schatz
40. Kapitel Das gibt Ärger …
41. Kapitel Blind schwimmen
42. Kapitel Was ist mit Plan B?
43. Kapitel Gleich getan ist viel gespart …
44. Kapitel Zeit schinden
45. Kapitel Ein Freund, ein guter Freund
46. Kapitel M steht für Martha
47. Kapitel Wo ist ein Apfelfass, wenn man eines braucht?
Kein Traum
48. Kapitel Die Wahrheit ist indigoblau
49. Kapitel Die Wahrheit kommt ans Licht
50. Kapitel Nicht einfach zu erklären
Ein echter Notfall
Lösungen
Anmerkung zum Musikcode auf Chime Melody
Anmerkung zum Rausch-und-Knister-Code des Grafen von Klapperstein
Wer ist Arvo Pärt?
Danke
[Der nächste Band]
[Leseprobe]
Für Helena
Aus einer alten Seefahrerlegende:
Es heißt, das Ungeheuer könne ein Kind in ein wässriges Grab locken und selbst den stärksten Mann erdrosseln. Manche behaupten sogar, es bringe jeden dazu, auch sein dunkelstes Geheimnis zu enthüllen.
Die Sonne glitzerte auf dem Meer und ritzte helle Rauten aus Licht in die indigoblaue Wasseroberfläche. Ein dreijähriges Mädchen stand an der Reling einer Segelyacht und spähte neugierig ins Wasser. Die einzigen Geräusche, die die Kleine hörte, waren das Gelächter ihrer Eltern, eine sonore Männerstimme und Wellen, die rhythmisch an den Bootsrumpf klatschten.
Nach und nach wurden die Geräusche leiser und undeutlicher, bis die Kleine schließlich mit dem Meer allein war. Es schien sie zu sich zu locken, an sich zu ziehen – indem es ihr ein Geheimnis erzählte, ganz leise, fast im Flüsterton.
Die Kleine merkte kaum, dass sie sich immer weiter nach vorn beugte und am Ende in das samtweiche Wasser plumpste.
Die Arme und Beine wie Tentakel bewegend, wand und drehte sie sich im Wasser, das glatt und eisig kalt war; Fische und kleine silbrige Dinge flitzten an ihr vorbei, und ihr Atem blubberte in durchsichtigen Blasen nach oben.
Doch dann waren wie durch ein Fingerschnipsen plötzlich alle Fische verschwunden, es gab nur noch das kleine Mädchen in dem großen, weiten Ozean.
Doch es war nicht ganz allein.
Da war noch etwas.
Etwas, das die Kleine rief, doch sie konnte nicht sehen, was es war. Dieses Etwas mit seinen uralten Augen sah sie jedoch genau, und es bewegte sich mit gleichmäßigen Bewegungen in dem blauen Wasser auf sie zu, den Blick unverwandt auf sie gerichtet. Es war ein Etwas mit sehr, sehr langen, dicken Schlangenarmen, das nun zwischen ihr und dem Nichts schwebte.
Und dann schlängelte das Etwas einen seiner geschmeidigen Tentakel um ihren Knöchel und zog die Kleine unbarmherzig in die Unendlichkeit hinunter. In Tiefen, die keinen Namen mehr hatten.
Upps, dachte die Kleine und versuchte, sich dem eisernen Griff zu entwinden. Luftblasen stiegen blubbernd an ihrem Kopf vorbei nach oben, der zu pochen begann, als ihr die Luft ausging.
Und dann – schwupp! – wurde sie am Arm gepackt, von einem Menschen, keinem Etwas mehr. Die Kreatur mit den Schlangenarmen gab sie frei; es ging plötzlich steil und schnell nach oben, und ehe die Kleine wusste, wie ihr geschah, war ihr Kopf auf einmal wieder über der Wasseroberfläche.
Wie eine Makrele platschte sie auf das heiße Deck der elterlichen Yacht und hustete das Salzwasser aus ihren Lungen. Sie schlug ihre grünen Augen auf und lächelte in zwei besorgte Gesichter über ihr. Sie spürte das Wasser aus ihren Ohren tröpfeln und hörte die Möwen oben am Himmel kreischen.
Als Ruby Redfort im zarten Alter von vier Jahren las, was auf der Rückseite der Cornpops-Packung stand, fiel ihr etwas auf, das normalerweise keinem Menschen auffiel. Was jedes andere frühstückende Kind für ein Wortsuchspiel gehalten hätte, erkannte sie auf Anhieb als eine Art Botschaft – eine verschlüsselte Botschaft. Nach fünf Tagen und sieben weiteren Portionen Cornpops hatte Ruby den Code geknackt und konnte Folgendes lesen:
Wenn du diesen Coupon ausfüllst, bekommst du zeitlebens Cornpops zugeschickt, gratis! Die Anschrift ist irgendwo auf dieser Packung versteckt. WARNUNG: Du wirst ganz schön lange suchen müssen …
Es dauerte genau zweiunddreißig Sekunden, bis Ruby die Adresse gefunden hatte. Sie schnitt den Coupon aus, schrieb ihren Namen und ihre Adresse darauf, steckte ihn in einen Umschlag und bat ihren Vater, den Brief für sie einzuwerfen.
Er vergaß es.
Doch das entdeckte Ruby erst dreizehndreiviertel Monate später, als sie in den Taschen ihres Vaters nach den Hubble-Yum-Kaugummis suchte, die er beschlagnahmt hatte. In seinem grauen Anzug fand sie den leicht ramponierten Umschlag mit ihrer Handschrift und der Briefmarke in der oberen rechten Ecke. Der Einsendeschluss war natürlich längst vorbei.
Ruby nahm den Brief in ihr Zimmer hinauf und versteckte ihn in ihrem Geheimversteck neben dem Türrahmen. Zu schade, dass ihr die lebenslange Gratislieferung von Cornpops entgangen war, sie waren nämlich ihr Lieblingsfrühstück.
»Das Wetter ist perfekt für Haie«, erklärte der Tauchlehrer. »Wundert euch also nicht, wenn ihr ein oder zwei Exemplare trefft – aber geratet ja nicht in Panik!«
Ruby Redfort spuckte in ihre Tauchermaske und rieb an dem Glas herum, während sie sie mit Meerwasser ausspülte. Ihre Kurskameraden überprüften ihre Gerätschaften, zogen den Reißverschluss ihrer Neoprenanzüge zu und zwängten die Füße in Schwimmflossen.
Ruby, die frischgebackene Spektrum-Agentin, besuchte einen Tauchkurs an einem abgeschiedenen Strand auf einer der vielen Inseln Hawaiis. Ihr Tauchlehrer war ganz nett. Er hatte im Laufe seiner Tätigkeit so viele Agenten trainiert, dass er sie gar nicht mehr unterscheiden konnte – mit einer Ausnahme: Ruby.
Agentin Redfort war definitiv anders als der Durchschnitt.
Eine dreizehnjährige Schülerin, selbst mit Schwimmflossen nur knapp einen Meter fünfzig groß, die glatten dunklen Haare seitlich gescheitelt und über dem rechten Auge mit einer Haarspange zurückgesteckt – wie hätte man sie übersehen können? Ruby war die einzige Kursteilnehmerin, der man ansah, dass sie garantiert noch zur Schule ging; alle anderen hatten ihr Abitur längst in der Tasche und arbeiteten Vollzeit bei Spektrum. Ruby dagegen hatte bis vor sechs Wochen noch nicht mal gewusst, dass es Spektrum überhaupt gab!
Das war an sich nicht weiter überraschend. Die wenigsten Leute hatten jemals von Spektrum gehört. Diese Organisation war sehr, sehr geheim, und damit es so blieb, wurde der Zugang zum Hauptquartier manchmal von einem Tag zum anderen und bisweilen sogar von einer Stunde zur anderen verlegt. Wer das HQ verließ, wusste nie ganz genau, ob er jemals wieder zurückfand, aber genau darauf hatte Spektrum es angelegt.
Spektrum – eine Geheimdienstorganisation, deren Hauptaufgabe es war, die finsteren Pläne und Komplotte abgrundtief böser Spitzenhirne zu vereiteln, die sich auf Raub und Diebstahl größeren Ausmaßes, Erpressung, Betrug und Mord spezialisiert hatten – beschäftigte nur Topleute, die hundertprozentig clever und hundertprozentig diskret waren. Wie hatte LB es so schön ausgedrückt? »Ein Fehler, und du kannst deine Sachen packen.«
LB – der Boss, der große Zampano, die Chefin, die Spektrum 8 leitete – war knallhart und kannte keine Gnade, wenn jemand etwas vermasselt hatte. Folglich war die Chance, gefeuert zu werden, ziemlich groß, und auch Ruby wäre nach ihrem ersten Probeeinsatz bei Spektrum gefeuert worden, noch bevor sie richtig angefangen hatte, wäre da nicht eine klitzekleine Kleinigkeit gewesen: Ruby war unglaublich clever.
Nein, unglaublich clever war noch untertrieben. Ruby Redfort war ein Genie: Ihr Spezialgebiet waren Rätsel und Codes. Mit gerade mal sieben Jahren hatte sie den Junior-Code-Erfinder-Wettbewerb gewonnen, was ihr ein Jahr später das Angebot einbrachte, an der berühmten Harvard University zu studieren. Ruby hatte jedoch abgelehnt, weil sie – wie sie sagte – keine durchgeknallte Fachidiotin werden wollte.
Wegen ihres phänomenalen Talents im Codeknacken hatte sich LB in einer Notlage gezwungen gesehen, Ruby als Agentin zu rekrutieren. Dabei war die Chefin von Spektrum 8 wahrlich nicht erpicht darauf gewesen, einen Teenager einzustellen, da sie aus eigener, leidvoller Erfahrung wusste, dass Kinder nur Ärger bedeuten. Aber was war ihr anderes übriggeblieben? Ihre beste Codeknackerin, Agentin Lopez, war einem Mordanschlag des Grafen von Klapperstein zum Opfer gefallen, eines Fieslings ersten Ranges, der so gefürchtet war, dass Insider schon eine Gänsehaut bekamen, wenn sie seinen Namen nur hörten!
Deshalb hütete sich jeder in der Branche, seinen Namen auszusprechen, wenn es nicht unbedingt nötig war!
Vor etwa einem Monat hatte Ruby die Bekanntschaft von LB gemacht, bei ihrem ersten Besuch im Spektrum-Hauptquartier. Die Agenten-Chefin, von Kopf bis Fuß weiß gekleidet, saß hinter einem riesigen Schreibtisch, der ihr komplett weißes Büro dominierte. Ihre rotlackierten Fußnägel waren die einzigen Farbtupfer im ganzen Raum gewesen. LB war sicher schon über fünfzig, sah aber immer noch phantastisch aus – und hatte eine extrem einschüchternde Art. Sie war eine Frau, mit der sicherlich nicht gut Kirschen essen war. Doch selbstbewusst und unerschrocken wie Ruby war, hatte sie auf Anhieb gespürt, dass LB und sie etwas gemeinsam hatten: Auch LB war ein hochintelligenter Mensch, der Dummköpfe nicht mochte. Ja, sie war geradezu allergisch gegen Dummheit.
Allerdings muss an dieser Stelle gesagt werden, dass Ruby sich während der Wochen, als sie an ihrer ersten Spektrum-Mission arbeitete, nicht unbedingt strikt an LBs Anweisungen gehalten hatte. Aber immerhin hatte sie die Pläne der Katzengoldbande durchkreuzt und verhindern können, dass der Graf von Klapperstein den unglaublich wertvollen Jadebuddha von Khotan aus dem Museum von Twinford stehlen konnte.
Aufgrund dieses Geniestreichs war LB bereit gewesen, Ruby Redfort eine zweite Chance zu geben – und nur deshalb war Ruby zu diesem Spektrum-Tauchlehrgang geschickt worden.
»Falls ihr einem unserer Ozeanfreunde direkt ins Auge blickt«, fuhr der Kursleiter fort, »bleibt, wo ihr seid. Erschreckt nicht und kommt ja nicht auf die Idee, die Flucht zu ergreifen. Und wenn sich der Hai euch nähert, schwimmt ihm entgegen. Dann begreift er die Botschaft normalerweise.«
»Ach ja?«, sagte Ruby. »Und wie lautet diese?«
»Dass ihr nicht sein Mittagessen seid, denn das schwimmt in der Regel eilends in die andere Richtung«, erklärte der Tauchlehrer augenzwinkernd.
»Aber was ist, wenn es sich um ein begriffsstutziges Exemplar handelt?«, fragte Ruby weiter. »Was dann?«
»Dann«, sagte der Tauchlehrer gedehnt, »wird er vermutlich versuchen, euch mit den Zähnen zu erforschen – Haie erforschen ihre Umwelt nun mal mit den Zähnen. Nur dass das nicht sehr angenehm wäre, denn hinterher hat man eventuell einen Arm oder ein Bein weniger zum Schwimmen.«
»Hmm, eigentlich hänge ich sehr an meinen Gliedmaßen, wenn ich es mir genau überlege«, meinte Ruby.
»Aus diesem Grund rate ich euch auch, diesen Stock mit nach unten zu nehmen.« Der Tauchlehrer hielt eine ausziehbare Aluminiumstange hoch. »Wenn euch besagter Hai zu nahe kommt, stecht damit zu, und er wird mit großer Wahrscheinlichkeit Leine ziehen.«
»Und wenn nicht?«, fragte einer der Kursteilnehmer, ein junger Mann namens Bosco. Er versuchte ganz lässig zu klingen, aber man merkte ihm an, dass ihn der Gedanke an Haie doch ziemlich irritierte.
Der Trainer schmunzelte. »Dann versucht, so auszusehen, als würdet ihr alles andere als lecker schmecken.«
Ruby verdrehte die Augen.
»Keine Angst, Redfort«, fuhr der Trainer grinsend fort. »Du hast von einem Hai nichts zu befürchten – klein und dünn, wie du bist.«
»Andererseits …«, sagte Kip Holbrook, ein weiterer Kursteilnehmer, »hat Ruby vielleicht genau die richtige Größe für einen kleinen Zwischenimbiss.«
»Witzig, selten so gelacht!«, maulte Ruby. Sie zog sich die Maske übers Gesicht und ließ sich rückwärts vom Boot ins Wasser fallen.
Eine Ruby Redfort fürchtete sich doch nicht vor Haien – zumindest bisher nicht.
Ganz leicht war es natürlich nicht, noch zur Schule zu gehen und quasi im Nebenberuf als Geheimagentin tätig zu sein. Das größte logistische Problem bestand für Ruby darin, unterrichtsfrei zu bekommen, damit sie ihren Geheimdienstaufgaben nachgehen konnte.
Aber was wäre das Leben ohne Herausforderungen? Ruby Redfort war eine echte Überredungskünstlerin und konnte den Leuten fast alles weismachen – na ja, zumindest den meisten. Dabei vermied sie es tunlichst, die Unwahrheit zu sagen, sie verschwieg lieber das eine oder andere Detail. Ihre Taktik bestand darin, gewisse Einzelheiten auszulassen und sich vage auszudrücken; dann war es kein Lügen, sondern eher ein sparsamer Umgang mit Fakten. Was den Tauchkurs betraf, den sie im Moment besuchte, so glaubten ihre Freunde, sie mache mit ihrer Familie Osterurlaub. Dabei hatte Ruby nie behauptet, sie würde mit ihrer Familie verreisen. Sie hatte auch nichts von einem Urlaub erzählt. Ihre Freunde hatten sich einfach aus Rubys sparsamen Erklärungen etwas zusammengereimt und waren von allein zu diesem Schluss gekommen.
Rubys Eltern dagegen glaubten, ihre Tochter nehme an einem von der Schule organisierten Tauchkurs teil. »Eine einmalige Gelegenheit« – mit diesen Worten hatte Ruby ihnen das Camp verkauft. Sie hatte nicht ausdrücklich gesagt, dass er von der Schule organisiert wurde, aber so, wie Ruby ihnen davon erzählt hatte, waren ihre Eltern davon ausgegangen.
REGEL 65: DIE LEUTE GLAUBEN, WAS SIE GLAUBEN WOLLEN.
Mit anderen Worten: Wenn sie denken, dass du einen von der Schule organisierten Tauchkurs machst, vermuten sie dich auch dort.
Einzelunterricht hatte Ruby bei Agentin Kekoa. Ruby hatte Kekoa nie anders gesehen als im Sportbadeanzug oder im Taucheranzug, die langen, schwarzen, glatten Haare stets zurückgebunden, weil es vermutlich die praktischste Lösung war.
Kekoa war eine energische, eher wortkarge Frau; als redselig konnte man sie jedenfalls nicht bezeichnen. Sie redete nur, wenn es tatsächlich etwas zu sagen gab. Vielleicht hatte sie sich das beim Tauchen angewöhnt, wo man ja nicht reden kann. Vielleicht hatte sie aber auch einen Beruf gewählt, der ideal war für jemanden, der nicht sehr gesprächig war.
Ruby dagegen quasselte für ihr Leben gern – manchmal fiel es ihr echt schwer, die Klappe zu halten, und deshalb kam sie mit Agentin Kekoas ruhiger Art nicht so recht klar.
»Was ist, wenn ich dringend etwas sagen muss? Ganz dringend, meine ich?«, fragte Ruby.
»Handzeichen«, erwiderte Kekoa.
»Ja, aber mal ehrlich, wie viele Handzeichen gibt es insgesamt?«
»Genügend.«
»Aber was ist, wenn ich etwas sagen muss, für das es kein Handzeichen gibt?«
»Dann heb’s dir für später auf.«
»Soll das heißen, dass es kein Spezialgerät gibt, mit dem man unter Wasser reden kann?«
»Doch, gibt es«, erwiderte Kekoa, »aber ich benutze es nicht. Es ist viel besser, wenn man mit den Ohren, Augen, Händen zuhört. Benutze all deine Sinne, und lass den Mund zu. Einfach …« Kekoa hielt sich den Zeigefinger an die Lippen. Das war eine klare Ansage: Klappe, Schnauze oder Maul halten – je nachdem, wie viel Höflichkeit man von ihr in einer bestimmten Situation erwartete.
Mit einem Schulterzucken steckte sich Ruby den Atemschlauch in den Mund und verschwand unter den Wellen. Kekoa hatte natürlich recht, Handzeichen oder andere Signale erfüllten auch ihren Zweck. Hier in der Tiefe bedurfte es keiner Worte, und obwohl Ruby ein mitteilsamer Mensch war, genoss sie die Unterwasserwelt, in der es ganz andere Geräusche gab als Stimmen.
Als Ruby und Kekoa in die Tiefen des Ozeans vordrangen, sahen sie eine ganz eigene, unglaublich faszinierende Welt. Sie kamen an Korallenburgen vorbei und trafen auf Meeresbewohner, die zum größten Teil atemberaubend schön waren, ein paar wenige von ihnen giftig und etliche beides zugleich. Es war nützlich, den Unterschied zu kennen, doch die wichtigste Regel lautete: Nicht anfassen! Die Berührung einiger dieser Kreaturen führte zu höllischen Verbrennungen und konnte manchmal sogar lebensgefährlich sein.
Sollte man allerdings das Pech haben, mit giftigen Tentakeln in Berührung zu kommen, war das kein Weltuntergang. Jeder Spektrum-Agent war mit einer winzigen Ampulle eines Gegengifts namens Miracle ausgestattet, das bei sofortiger Einnahme lebensrettend war. Es war in einem kleinen fluoreszierenden orangefarbenen Beutelchen, mit einer winzigen Fliege als Logo, und musste stets am Zipper vom Reißverschluss des Taucheranzugs befestigt sein. Dort sah es sehr unauffällig aus, fast so, als gehörte es mit zum Design.
Auf dem Beutelchen stand:
GEGENGIFT BEI TÖDLICHEN UNTERWASSERVERLETZUNGEN
Wirkt nur bei sofortiger Einnahme.
ENTHÄLT 1 DOSIS.
Gefolgt von der Anweisung:
Am Reißverschluss des Taucheranzugs befestigen und NICHT GRUNDLOS ENTFERNEN!
Kekoa hatte ihr das mehrfach eingeschärft. »Das Ding muss immer am Reißverschluss deines Taucheranzugs hängen. Nimm es ja nie ab. Die paar Tropfen, die drin sind, könnten die wichtigste Flüssigkeit sein, die jemals über deine Lippen kommt, verstanden?«
Ruby hatte genickt. Sie hatte nicht die Absicht, sich von dieser kleinen lebensrettenden Tinktur zu trennen – warum auch? Nur ein kompletter Trottel würde absichtlich auf einen Teil seiner Ausrüstung verzichten, der ihm im Notfall das Leben retten konnte.
Nachdem Ruby die Grundkenntnisse des Tauchens erlernt hatte, durfte sie zu den Feinheiten übergehen. Sie lernte, wie man sich unter Wasser orientierte, bei Tageslicht oder im Mondschein, und schließlich auch, wie man sich in pechschwarzer Dunkelheit durch eine Unterwasserhöhle bewegte. Dieser letzte Punkt war das Einzige, was Ruby zu schaffen machte.
Kleine, enge Räume. Räume, in denen eventuell zu wenig Luft war. Räume, in denen man eventuell nach Luft ringen musste. Räume, in denen man sterben könnte.
Schon bei dem Gedanken daran brach Ruby der Angstschweiß aus, denn sie litt an Klaustrophobie – auch Platzangst genannt.
Wie Ruby schnell herausfand, war es für jemanden, der an Klaustrophobie litt, eine fast übermenschliche Herausforderung, sich in eine Unterwasserhöhle zu wagen. Beim Höhlentauchen ging es zuerst einmal darum, den Zugang zu finden: oft nur eine Felsspalte, die zu verborgenen Höhlen führte, an Orte, die nur von Meeresgetier bewohnt waren. Diese Felseingänge waren nicht selten unglaublich schmal und eng, und nur wer sich entsprechend verrenken konnte und die nötige Geschicklichkeit besaß, schaffte es hinein und danach hoffentlich auch wieder heraus. Worauf man achten musste, um anschließend wieder ins Freie zurückzufinden, war natürlich ein wichtiger Teil des Trainings. Ruby war nur selten in ihrem Leben dankbarer gewesen, etwas zu lernen.
Je weniger Zeit sie in Unterwasserhöhlen verbringen musste, desto besser – ehrlich gesagt, hoffte sie von ganzem Herzen, dass ihr dieses Schicksal für immer erspart bleiben würde und sie nie in eine dieser tückischen Höhlen schwimmen musste.
Doch es ist allgemein bekannt, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen …
Während der Tauchstunden wurde Ruby unter anderem in Unterwasserkampftechniken ohne Waffen ausgebildet. Das war schwieriger, als es vielleicht klingt. Unter Wasser zuzuschlagen ist ähnlich schwierig, wie im Weltraum zu rennen. Es geht darum, seinen Gegner schachmatt zu setzen, indem man ihm die Luftzufuhr abschneidet oder ihm die Gewichte abnimmt. Kekoa war echt gut darin: Sie war gelenkig und schnell, und es dauerte nicht lange, bis auch Ruby eine Meisterin im Ausweichen, Zupacken und Angreifen war.
Agent Kip Holbrook war Rubys Trainingspartner. Die beiden waren einander ebenbürtig und taten nichts lieber, als sich gegenseitig aufzuziehen.
»Redfort, das soll ein Boxhieb sein? Ich hätte geschworen, dass mich Plankton an der Nase gekitzelt hat.«
»Holbrook, das soll eine Nase sein? Ich hätte geschworen, dass ich eine besonders seltene und hässliche Seegurke berührt habe!«
Die beiden verstanden sich jedenfalls blendend und hatten viel Spaß miteinander.
Am meisten aber freute sich Ruby immer auf die Mahlzeiten. Sie mochte zwar der Zwerg unter den Kursteilnehmern sein, aber in punkto Futtern war sie die Größte, und das Essen im Spektrum-Tauchcamp war überraschend gut. Alles in allem war es eine schöne Zeit; die anderen Kursteilnehmer waren nett, und zwei Wochen auf einer hawaiischen Insel waren auch nicht zu verachten. Eigentlich war alles bestens.
Wäre da nicht Sergeant Cooper gewesen, der Ausbildungs-Unteroffizier …
»Redfort! Schwing deinen lahmen Hintern aus der Koje, bevor ich auf drei gezählt habe, sonst wirst du die nächste Nacht im Stehen verbringen!«
Dieser dumme Spruch – den sich Ruby jeden Morgen bei Tagesanbruch von Sergeant Cooper anhören musste, der bei Spektrum für die Motivation und den nötigen Drill zuständig war – ging ihr tierisch auf den Geist.
Au Mann, dachte Ruby. Sie war von Haus aus keine Frühaufsteherin, und es kostete sie jeden Morgen große Überwindung, sich von ihrer unbequemen Pritsche zu erheben. Mehr als einmal hatte sie deshalb zur Strafe schon auf allen vieren den Fußboden des Waschraums mit einer orangefarbenen Zahnbürste (ihrer eigenen!) schrubben müssen.
Wenn Sergeant Cooper schon Rubys Unpünktlichkeit auf die Palme brachte, dann ihre Missachtung der Kleidervorschriften erst recht. Am meisten hasste er ihr T-Shirt mit dem Spruch: WIE BITTE? HAB NICHT ZUGEHÖRT …
»Redfort! Wie oft hab ich dieses T-Shirt schon moniert?«
»Bedaure, Sergeant Cooper, habe nicht mitgezählt. Aber es scheint Ihnen wirklich wichtig zu sein.«
Sergeant Cooper ließ keine Gelegenheit aus, Ruby die Leviten zu lesen. Er ging nämlich irrtümlicherweise davon aus, dass man dieser Göre nur mit eiserner Disziplin etwas Respekt beibringen könne.
Damit lag er falsch.
So auch, als Ruby beim Freitauchen besonders schlecht abgeschnitten hatte – unter Freitauchen, auch Freediving genannt, versteht man die Kunst, ohne Sauerstoffgerät und mit nur einem Atemzug so lange wie möglich unter Wasser zu bleiben. Rubys Eltern waren große Fans dieser Sportart; ihr Vater Brant hatte sogar mit einem Freediving-Stipendium an der Stanton University studieren dürfen.
Beim Freitauchen hatten sich Rubys Eltern auch kennengelernt. Brant hatte damals für einen berühmten italienischen Meeresbiologen gearbeitet, auf dessen Segelyacht vor der Küste Italiens. Sabina hatte ganz allein einen Segeltörn rund ums Mittelmeer gemacht und war bei einem ihrer Tauchgänge auf Brant gestoßen. Genau wie er war auch sie unheimlich gut darin, unter Wasser die Luft anzuhalten, rekordverdächtig gut.
Logischerweise wusste Ruby deshalb eine Menge über minutenlanges Luftanhalten, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wieso ein vernünftiger Mensch so schwachsinnig sein und freiwillig versuchen sollte, den Atemreiz bewusst zu unterdrücken. Das fand sie total unnatürlich. Ohne Sauerstoff in siebzig Meter Tiefe runtergehen und fünf oder gar zehn Minuten unten zu bleiben? Nein danke, ohne sie! Der absolute Albtraum für jeden Klaustrophobiker. Zum Freitauchertraining gehörte eine langwierige, gründliche Vorbereitung – über Jahre hinweg, genau gesagt. Man musste eine schwierige und gefährliche Technik erlernen, und Ruby hatte absolut keine Lust, ihr Leben für etwas zu riskieren, das sie so bescheuert und überflüssig fand. Mit Taucherausrüstung und Druckluftflasche bis tief hinunterzugehen: kein Problem. Nur mit Schnorchel und Tauchflossen tauchen: ein Kinderspiel. Von ihr aber zu verlangen, die Luft länger anzuhalten als eine Minute und eine Sekunde? Keinesfalls! Dafür hatte sie nicht die nötige Lungenkapazität, und gekoppelt mit der Dunkelheit in großen Tiefen – nein, ohne sie. Da bekam sie echt Platzangst.
Als sie am zweiten Donnerstag wieder beim Auftauchen war, marschierte gerade Sergeant Cooper vorbei. Diese zufällige Begegnung stand unter keinem guten Stern.
COOPER: »Sieh an, sieh an! Wen haben wir denn da? Agentin Redfort schnappt wieder mal nach Luft!«
REDFORT: »Himmel, warum bin ich nicht ein paar Minuten länger unten geblieben?«
COOPER: »Kannst du doch gar nicht, Redfort! Wie ich höre, schaffst du es gerade mal eine Minute lang. Wahrlich nicht beeindruckend!«
REDFORT: »Wenn ich gewusst hätte, dass ich beim Auftauchen eine Riesenseegurke vor mir sehe, hätte ich mich bestimmt mehr angestrengt.«
COOPER: »Du weißt doch gar nicht, was es heißt, sich anzustrengen, Redfort! Oh, wenn ich da an Bradley Baker denke! Der konnte die Luft bis zu sieben Minuten lang anhalten, wie ich hörte. Aber dazu bedarf es natürlich Jahre harter Arbeit und eisernen Trainings.«
REDFORT: »Wow! Und Sie standen da und haben sein Handtuch gehalten?«
COOPER: »Es wäre mir eine Ehre gewesen, diesem jungen Mann das Handtuch zu reichen. Merk dir eines, Kleine: Baker war ebenfalls blutjung, als er zu Spektrum kam – jünger als du und auch klüger.«
REDFORT: »Ach nee? Was juckt es mich?«
Aber natürlich juckte es sie. Dieser Bradley Baker war wirklich eine Plage. Klar, das alles war lange her, er war längst erwachsen und der vielseitigste und genialste Agent geworden, den Spektrum jemals ausgebildet hatte, von allen bewundert und geschätzt – und das wurde Ruby immer wieder unter die Nase gerieben. Was die Sache aber noch schlimmer machte, war die Tatsache, dass Bradley Baker auf tragische Weise ums Leben kam, bei einem Flugzeugabsturz während eines seiner Einsätze, und folglich war er den Heldentod gestorben. Bradley Baker spukte zwar nicht als Gespenst herum, doch sein legendärer Status verfolgte Ruby auf Schritt und Tritt.
Selbstverständlich duldete es Sergeant Cooper nicht, dass jemand ihm gegenüber diesen Ton anschlug, und so kam es, dass Ruby während der nächsten drei Tage sämtliche Latrinen des Camps putzen musste. Kip Holbrook, der trotz seiner ständigen Hänseleien ein ganz netter Kerl war, hatte Erbarmen mit Ruby und half ihr freiwillig. Dabei wusste er selbst nicht, warum er diese Göre aus Twinford ins Herz geschlossen hatte.
»Darf ich dir einen guten Rat geben, Redfort?«, fragte er am dritten Tag des Latrinenschrubbens. »Du solltest lernen, deine Klappe nicht immer so aufzureißen, sonst wirst du im Leben von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpern.«
»Ich sage immer, was ich denke«, erklärte Ruby. »So bin ich nun mal.«
»Dann leg dir ein Paar gute Gummihandschuhe zu, denn es sieht ganz so aus, als würdest du im Laufe der nächsten Jahre noch ganz schön viele Latrinen schrubben«, meinte Holbrook trocken.
Nachdem Ruby zwei Wochen lang den Schikanen von Sergeant Cooper ausgesetzt gewesen war, brach es ihr nicht direkt das Herz, als sie eines Tages nach ihrer Rückkehr von einem Tauchgang ein Zeichen erblickte.
Nun ja, für Ruby Redfort war es ein Zeichen; für gewöhnlich Sterbliche wäre es nur ein Teller mit einem Donut gewesen, dessen Zuckerstreusel zufällig ein paar Zahlen bildeten. Sie erkannte die Zahlen auf Anhieb, ohne sie erst umstellen zu müssen: In der richtigen Reihenfolge ergaben sie eine Telefonnummer, die sie bestens kannte. Ohne zu zögern, stopfte sie sich den Donut in den Mund und rannte zu den Telefonzellen vor der Kantine.
In einer der Telefonzellen stand ein halbausgetrunkener Milchshake auf dem Apparat, und daneben lag eine Handvoll Münzen. Ruby hob den Hörer ab und wählte die Nummer. Beim dritten Klingeln wurde abgenommen.
»Double Donut, Marla am Apparat.«
»Hey, Marla, ich bin’s, Ruby.«
»Ah, Moment, ich hol ihn her.«
Eine Minute und zwanzig Sekunden später hörte Ruby eine Männerstimme.
»Hallo!«, sagte die Stimme.
»Was gibt’s?«, fragte Ruby.
»Kleine, kann ein Mensch nicht in Ruhe in seiner Lieblingskneipe einen Donut essen, ohne belästigt zu werden?«
»Ich glaube, Sie wollten, dass ich anrufe«, sagte Ruby.
»Hey, freut mich, dass du noch Zeichen lesen kannst«, antwortete er. »Erzähl, wie geht’s dem Plankton?«
»Oh, Plankton ist okay, aber mit der Seegurke hab ich ständig Ärger.«
»Sergeant Cooper?«
»Mhmm.«
»Ich hatte befürchtet, dass er nicht dein größter Fan ist.«
»Beruht auf Gegenseitigkeit.«
»Oh, dann hast du heute einen Glückstag, Redfort. Der Tauchkurs ist für dich vorbei, und die Twinford Junior Highschool möchte dich am Montag pünktlich um acht Uhr wiedersehen. Also wirf deine Schwimmflossen weg, dein Flieger nach Twinford geht in … oh, in siebzehn Minuten.«
Ruby Redfort schmunzelte, doch bevor sie auflegte, fragte sie noch: »Sagen Sie mal, Hitch, warum haben Sie nicht wie ein normaler Mensch eine Nachricht bei der Camp-Leitung hinterlassen? Warum diese Geheimnistuerei? Jeder weiß, dass Sie und ich Partner sind.«
»Kleine, du kannst dir ja einbilden, dass du einen Partner hast, aber bis du dich mit mir, LB oder sonst jemandem von Spektrum messen kannst, musst du noch einiges dazulernen.«
»Okay, Mann, war doch nur ein Scherz. Ich hab nicht vergessen, dass Sie der Spektrum-Geheimagent Nummer eins, numero uno sind. Trotzdem: Warum diese Geheimnistuerei?«
»Damit du nicht aus der Übung kommst, Kleine. Wir wollen doch nicht, dass du nachlässig wirst.«
Ruby grinste vor sich hin. Tja, das war typisch für Hitch – er konnte einem ziemlich auf den Geist gehen!
Begonnen hatte der Traum wie immer: Ruby war allein, strampelte im Wasser eines bodenlosen Meeres, und eine ätherische Stimme flüsterte ihr etwas zu, das fast wie ein Singsang klang. Doch obwohl sie sich beinahe den Hals verrenkte, konnte sie das Ding erst sehen, als es zu spät war. Denn da hatte es sie schon am Bein gepackt und zog sie abwärts, tiefer und tiefer in die indigoblauen Tiefen. Der winzige Mann, der plötzlich mit ihr im Wasser war, konnte sie auch nicht retten. Und die ganze Zeit war dieses Rufen zu hören, das klang, als würde jemand dem Ozean ein Lied zuflüstern.
Beim Aufwachen hatte Ruby immer das Gefühl, das Ganze sei wirklich passiert – so lebensecht war der Traum. Das Flüstern hatte so vertraut geklungen, dass sie glaubte, sie hätte es schon mal gehört, vor langer, langer Zeit, vielleicht in einem früheren Leben.
Ruby setzte sich im Bett auf. Sie war verschwitzt, obwohl ihr kalt war, und ihr Kopf hämmerte zum Zerspringen. Blindlings tastete sie nach ihrer Taschenlampe. Doch in dem hellen Strahl wirkte alles noch beängstigender, noch schlimmer. Ruby tastete herum, bis sie den Schalter der Nachttischlampe gefunden hatte.
Klick.
Nun war der Raum in helles Licht getaucht, und Ruby bekam endlich wieder Luft. Obwohl sie ihre Umgebung ohne Brille nur verschwommen sehen konnte, war sie beruhigt: Auf ihrem Schreibtisch lag das Comicheft, das sie gerade studierte; in den hohen Regalen standen ihre Hunderte von Büchern – Sachbücher und Romane, Comics, Code-Bücher und Rätselhefte. Ihr Plattenspieler, ihre Schallplatten, ihre Kollektion an Telefonen – ausgefallene Modelle wie das Eichhörnchen im Smoking oder das Muscheltelefon –, alles war da, wo es sein sollte. Auf dem Fußboden lagen mehrere Klamottenhaufen. Gut, sie war also definitiv in ihrem Zimmer und schwamm nicht in den Tiefen des Ozeans in indigoblauem Wasser herum.
Mit einem zufriedenen Seufzer sank Ruby wieder auf ihr Kopfkissen und schlief weiter, diesmal ganz traumlos und mit der Brille noch auf der Nase. Sie schlief tief und fest bis zu dem Moment, als ihr Unterbewusstsein einen Schrei wahrnahm, der eindeutig aus dem Garten hinter dem Haus kam.
Ruby sprang aus dem Bett, stolperte über einen Kleiderhaufen und taumelte ans Fenster. Ein riesiger Schwarm Möwen stürzte gerade vom Himmel herunter. Die Luft war voll mit dem Rauschen von Flügelschlägen, als die Vögel mit ausgestreckten Füßen zur Landung ansetzten. Möwen sind ziemlich große Vögel, und als sie sich nun in Scharen auf das Haus und auf den Garten der Redforts stürzten, berührten sie mit ihren grauen und weißen Federn fast die Fensterscheibe, so dass Ruby instinktiv zurückwich.
Dabei machten die Vögel einen solchen Lärm, dass sie die meisten anderen Geräusche übertönten, nicht aber das Geschrei, das aus dem Mund einer kleinen älteren Frau kam, die wütend durch den Garten rannte und einen Besen schwang.
Es war Mrs Digby.
Mrs Digby war die Haushälterin der Redforts, die schon ewig zur Familie gehörte, sprich: schon lange vor Rubys Geburt und auch der von Sabina, Rubys Mutter. Ohne Mrs Digby wäre alles zusammengebrochen, und deshalb wollte keiner auf sie verzichten, denn sie war die Seele des Hauses.
Fasziniert beobachtete Ruby nun, wie die kleine, resolute Person unerschrocken den Kampf gegen die Vogelschar aufnahm. Sie beschimpfte sie in den höchsten Tönen und rief ihnen zu, sie sollten gefälligst dorthin gehen, wo der Pfeffer wächst. Offenbar hatten die Vögel die Frechheit besessen, sich auf den frisch gewaschenen Bettlaken niederzulassen, und wenn es etwas gab, was Mrs Digby nicht duldete, dann das!
»He, ihr Mistviecher, ich bin nicht um sechs Uhr früh aufgestanden und hab mir die Finger wund gewaschen, nur damit ihr jetzt auf die blütenweiße Wäsche kackt!«
Es war weder zu überhören noch zu übersehen, dass Mrs Digby fuchsteufelswild war.
In diesem Moment trat ein gepflegt aussehender junger Mann auf den Plan. In seinem perfekt sitzenden Anzug betrat er seelenruhig den Garten, einen kleinen Gegenstand in der Hand. Diesen hob er hoch, drückte auf einen Knopf … und mit einem ohrenbetäubenden Kreischen erhoben sich auf einen Schlag sämtliche Vögel in die Luft und verzogen sich unter lautem Protest wieder in Richtung Meer.
Ruby öffnete das große Panoramafenster, das fast die ganze Wand neben ihrem Schreibtisch einnahm (das Haus der Redforts war ein Meisterwerk modernster Architektur), und lehnte sich hinaus.
»Wow!«, rief sie leicht ironisch. »Ich wusste gar nicht, dass Sie mit Tieren reden können!«
Der Mann blickte zu ihr hoch und sagte augenzwinkernd: »Hallo, Kleine. Wundert mich, dass du vor zwölf Uhr mittags schon wach bist.«
»Ach, Sie wissen doch, Hitch – der frühe Vogel fängt den Wurm und so weiter.«
»Zu spät für Würmer«, erklärte Hitch, ohne eine Miene zu verziehen. »Die haben sich die Möwen schon geholt, aber ich könnte dir ein paar Pfannkuchen machen.«
Ruby zog sich eilends an: Jeans, Sneakers und ein T-Shirt mit der Aufschrift SCHREI VOR GLÜCK, SCHREI VOR KUMMER – ODER MEINETWEGEN AUCH, WENN DIR ALLES WURST IST. Sie hüpfte die Treppe hinunter, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Mrs Digby und Hitch waren inzwischen in der Küche und sprachen über den unerwarteten Möwenüberfall.
»Was war das vorhin?«, fragte Ruby und setzte sich an den Tisch. »Eine Art Vogel-Vertreibungs-Spezialgerät?«
»Ja, arbeitet nach dem gleichen Prinzip wie eine Hundepfeife – erzeugt Töne, die das menschliche Ohr nicht hören kann und die die Vögel nicht ausstehen können«, erklärte Hitch und verstaute das kleine Ding in seiner Brusttasche.
Ruby war beeindruckt – ein nützliches Gerät, das man bei sich haben sollte, für den Fall, dass die Vogelwelt mal wieder durchdrehte.
»So was brauch ich auch«, sagte Mrs Digby mit Nachdruck. »Wo haben Sie es her – von SmartMart?«
»Nun, dort kriegt man ja fast alles«, sagte Hitch ausweichend.
»Eines kann ich dir sagen, Kind«, wandte sich Mrs Digby nun sehr ernst an Ruby. »Ein Glück, dass deine Eltern nicht hier sind und ihnen dieser Anblick erspart blieb. Deine Mutter wäre im Viereck gesprungen, wenn sie gesehen hätte, was diese elenden Viecher ihrer Bettwäsche angetan haben.«
Mr und Mrs Redfort waren derzeit – wie so oft – auf Reisen, diesmal auf einer Minikreuzfahrt entlang der Küste von Twinford, organisiert vom Städtischen Geschichtsverein. Dora Shoering würde auf dieser mehrtägigen Exkursion Vorträge über Schmugglerhöhlen, berühmte Schiffswracks und die diversen Seefahrerlegenden der Gegend halten.
»Halb so schlimm, Mrs D«, versuchte Hitch die aufgebrachte Haushälterin zu beruhigen. »Ich lasse die Wäsche von der Reinigung abholen – Sie sollten Ihre Energie nicht damit vergeuden, die ganzen Sachen ein zweites Mal zu waschen.«
»Sapperlot und tüddeldü«, sagte Mrs Digby, was eigentlich nichts bedeutete, in diesem Fall aber so etwas wie Na schön, wenn Sie meinen … hieß.
Hitch arbeitete noch keine zwei Monate als Haushaltsmanager bei den Redforts (beziehungsweise als Butler, wie Sabina Redfort gern sagte), aber Mrs Digby tat inzwischen so, als gehörte er zum Inventar des Hauses. Sie hatte ihn auf Anhieb ins Herz geschlossen, und wehe, jemand würde es wagen, ein böses Wort über ihn zu sagen! Ihrer Meinung nach war er der allerbeste Butler, Haushaltsmanager (oder wie immer er sich auch nennen wollte) weit und breit.
Natürlich wusste Mrs Digby nicht, dass Hitch in Wirklichkeit ein Undercoveragent war, eine Art Kontakt- und Verbindungsmann, der Ruby im Auftrag von Spektrum zu beschützen hatte. Zu schade, dass sie nicht wissen durfte, dass sein Butler-Job nur Tarnung war – sie als große Thriller- und Krimiliebhaberin wäre garantiert tief beeindruckt, wenn sie wüsste, dass er in Wirklichkeit ein Spitzenagent war.
Doch Spektrum hatte ihn und Ruby zu größter Geheimhaltung verpflichtet, und deshalb durfte Mrs Digby nie erfahren, ja, nicht einmal ahnen, dass dieser unglaublich attraktive junge Mann nicht der war, für den er sich ausgab. Ruby und Hitch waren nach gewissen Anfangsschwierigkeiten inzwischen ein eingespieltes Team. LB hatte es vorausgesehen: Sie war eine kluge Frau und wusste, dass unerschütterliche Loyalität gute Agenten auszeichnete – und Agenten, die sich gut verstanden, waren das Beste, was einer erfolgreichen Geheimorganisation passieren konnte.
»Und?«, wandte sich Hitch nun an Ruby. »Was willst du heute anstellen beziehungsweise lieber nicht anstellen?«
»Ich hab nicht groß was vor«, antwortete Ruby. »Mir ist nach einem ruhigen Tag. Vielleicht treffe ich mich mit Clancy … Ja, genau!«
Sie ging zum Küchentelefon, nahm ab und wählte eine Nummer, die sie in ihrem Leben vermutlich schon mehrere tausend Mal gewählt hatte.
»Hey, Kumpel, üblicher Treffpunkt, so bald wie möglich.« Sie legte wieder auf.
»Und da behaupten manche Leute, es gäbe keine gepflegten Umgangsformen mehr«, kommentierte Hitch trocken und schlug die Tageszeitung auf.
Mrs Digby musterte Ruby von der Seite und schüttelte den Kopf. »Eine Schande, nicht wahr? Von Manieren halten diese jungen Leute gar nichts mehr. Ich habe versucht, dieses Kind zu einem höflichen Menschen zu erziehen, aber ich fürchte, es ist mir nicht gelungen.«
»Och, das stört Clance nicht«, erklärte Ruby. Und es stimmte: Clancy Crew war Ruby Redforts bester und engster Freund, und er und sie verstanden sich auch ohne große Worte – obwohl sie in einer Tour quasselten, wie Mrs Digby manchmal sagte.
Aus diesem Grund gab es nur wenig, was Clancy Crew nicht von Ruby Redfort wusste – was vermutlich auch daran lag, dass sie so gut wie nichts vor ihm verheimlichen konnte. Irgendwie kam er ihr immer auf die Schliche, und das, obwohl Ruby unheimlich gut darin war, ein Geheimnis für sich zu behalten. Trotzdem hatte es nicht lange gedauert, bis Clancy herausgefunden hatte, dass Ruby neuerdings für Spektrum arbeitete. Als LB es mitbekam, hatte Ruby ihr hoch und heilig versprechen müssen, von nun an noch vorsichtiger zu sein und Clancy kein Sterbenswörtchen mehr zu verraten, sondern zu schweigen wie ein Grab. Es verstehe sich von selbst, dass Geheimhaltung bei einer Geheimdienstorganisation oberste Priorität hätte. Stichwort: Klappe halten!
Hitch dagegen hatte längst begriffen, dass Ruby dieses Versprechen niemals würde halten können. Deshalb hatten sie beide eine Absprache getroffen: LB durfte nie erfahren, dass Clancy alles wusste, und Clancy hatte Ruby sein großes Indianerehrenwort geben müssen, die Klappe zu halten. Dass er dichthalten konnte, stand außer Frage. Selbst unter Folter hätte Clancy Crew kein Wort ausgeplaudert.
Allerdings hatte Ruby ein Geheimnis, von dem nicht einmal Clancy Crew etwas wusste.
Dieses Geheimnis war unter den Fußbodenbrettern ihres Zimmers verborgen, und kein Lebewesen außer vielleicht einer Spinne oder einem Käfer wusste davon. Seit ihrem fünften Lebensjahr schrieb Ruby alles Mögliche in kleine gelbe Hefte. Es handelte sich allerdings nicht um Tagebücher; Ruby notierte sich einfach nur alles, was sie gesehen oder sonstwie aufgeschnappt hatte – und das konnten seltsame oder auch ganz alltägliche Dinge sein. Sie hatte gerade ihr Notizheft Nummer 623 vollgeschrieben, das nun bei den anderen 622 Heften in ihrem Versteck im Boden lag. Heft Nummer 624, mit dem Ruby inzwischen angefangen hatte, lag ebenfalls in einem Geheimfach, einem kleinen Hohlraum neben dem Türpfosten ihres Zimmers.
Ruby ging nach oben und holte ihr aktuelles Heft heraus.
Ihrer Meinung nach konnte man nie wissen, ob etwas Belangloses das fehlende Bindeglied und damit der Schlüssel zu einer wichtigen Sache werden konnte. REGEL 16: AUCH HINTER ETWAS BANALEM KANN SICH EIN GEHEIMNIS VERBERGEN. Obwohl es meist nur belanglose Fakten waren.
Sie schlug ihr Heft auf und schrieb:
Sechzig oder siebzig Seemöwen sind in unseren Garten eingefallen.
Sie fügte weitere wichtige Details hinzu, die ihr aufgefallen waren, und ließ das Heft dann wieder in seinem Versteck verschwinden. Sie wollte gerade auf die übliche Art ihr Zimmer verlassen, durch das Fenster nämlich, als sie Mrs Digby rufen hörte.
»Ruby, du ungezogenes Kind! Klettere ja nicht aus dem Fenster! Komm herunter, aber wie ein normaler Mensch über die Treppe, und zwar dalli!«
Mrs Digby war eine der wenigen Personen, die Ruby nicht immer um den Finger wickeln konnte. Deshalb blieb Ruby manchmal nichts anderes übrig, als ihr zu gehorchen, und heute schien leider so ein Tag zu sein …
Nachdem Ruby ungefähr fünfundvierzig Minuten lang alles Mögliche erledigt und aufgeräumt hatte, konnte sie sich endlich auf ihr Rad schwingen und die kurze Strecke zum Amster Green Park fahren, wo eine große, alte Eiche mit ausladenden Ästen stand. Ruby lehnte ihr Rad ans Geländer und schaute sich kurz um, um ganz sicherzugehen, dass niemand sie beobachtete. Dann schwang sie sich auf den untersten Ast und war auch schon verschwunden. Im Schutz des dichten Laubwerks kletterte sie wieselflink hoch und immer höher.
»Warum so spät? Was hat dich aufgehalten?«, rief eine Jungenstimme ihr vom Wipfel des Baums entgegen.
»Mrs Digby«, sagte Ruby und kletterte weiter.
»Oh«, sagte die Stimme. »Ich wollte schon wieder gehen. Ich habe dir gerade eine Nachricht geschrieben.«
»Echt? Und was steht drin?«, fragte Ruby, während sie weiterkletterte.
»Hier«, sagte die Stimme, und ein Blatt Papier flatterte ihr entgegen, so gefaltet, dass es die Form eines Kondors hatte. Ruby faltete es auseinander.
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»Im Ernst?«, sagte Ruby beeindruckt. Das Blatt Papier war wie die meisten Nachrichten, die sie und Clancy einander schrieben, auf Origami-Art gefaltet, und die Botschaft selbst war in ihrem eigenen Redfort-Crew-Code geschrieben, den niemand, wirklich niemand knacken konnte.
»Na, wie war dein Kurs?«, fragte Clancy.
»Gut«, antwortete Ruby.
»Gut? Mehr nicht?«
Schweigen, und dann tauchte Rubys Kopf zwischen den Blättern auf. Sie rutschte auf dem Ast entlang bis zur Mitte, wo ein dünner Junge saß, mit einem Fernglas um den Hals und einer Sonnenblende auf dem Kopf.
»Schön, dich zu sehen, Clance. Wie geht’s?«
»War ehrlich gesagt ziemlich langweilig ohne dich, aber ich hab’s überlebt«, erklärte Clancy.
»Freut mich zu hören!«, sagte Ruby grinsend.
Clancy war sehr gespannt darauf, etwas über Rubys Geheimdienst-Tauchkurs zu erfahren, doch sie ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. Sie löcherte ihn mit Fragen darüber, was in den letzten zwei Wochen in Twinford so alles passiert war, was er gemacht hatte und ob er Dolly, seinen Hund, endlich dressiert hatte. Und ob seine Schwester Minny noch mehr Unfug gemacht hatte und nun für den Rest ihres Lebens Hausarrest hatte.
Clancy merkte, dass Ruby keine Lust hatte, von sich zu erzählen, und wenn sie keine Lust hatte, nützte es auch nichts, sie ausfragen zu wollen.
So kam es, dass sie hauptsächlich über das redeten, was Clancy in den letzten vierzehn Tagen gemacht hatte. Anschließend ging es darum, was sich im Hause Redfort zugetragen hatte, und speziell darum, dass Consuela, die ausgezeichnete, aber auch ziemlich temperamentvolle Diätköchin, mit der Mrs Digby von Anfang an auf Kriegsfuß gestanden hatte, auf höchst spektakuläre Weise gekündigt hatte und nun bei den Stanwicks arbeitete.
Und nachdem sie all diese Themen durchgekaut hatten, redeten sie noch über das aufregende Ereignis, das vor genau einem Monat passiert war – die Sache mit dem Museum, der Bank, dem Gold und dem Jadebuddha von Khotan. In diesem Zusammenhang sprachen sie natürlich auch über Valeria Capaldi, die Katze mit den sieben Leben, und den diamantenbesetzten Revolver, den sie Clancy an die Schläfe gedrückt hatte.
Sie redeten auch über Babyface Marshall, der inzwischen im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses weit weg von Twinford einsaß. Und sie bekamen beide eine Gänsehaut bei dem Gedanken an den Grafen, der immer noch auf freiem Fuß war und sicher schon sein nächstes Verbrechen plante – wo er sich wohl versteckte?
Erst als die Sonne unterging und es langsam kühl wurde, kletterten Ruby und Clancy von der Eiche herunter, stiegen auf ihre Räder und fuhren in unterschiedliche Richtungen davon.
»Bis morgen!«, rief Ruby zum Abschied.
»Bei dir oder bei mir?«, rief Clancy zurück.
»Bei mir!«, rief Ruby, während sie schon um die Ecke bog.
[1]
Geschrieben im Vigenère-Code, Auflösung am Ende des Buches
Am nächsten Tag stieg das Thermometer überraschend auf Rekordhöhe, und ganz Twinford klappte die Sonnenliegen auf und plante abendliche Grillfeste.
Ruby Redfort und Clancy Crew saßen auf dem riesigen Flachdach des Redfort’schen Hauses und schmökerten in Rubys Comics. Es war schon später Nachmittag, aber noch warm, und Clancy trug eine Sonnenbrille mit herzförmigen Gläsern, die seiner Schwester Lulu gehörte. Es war natürlich nichts dagegen einzuwenden, dass ein dreizehnjähriger Junge eine Herzchenbrille trug, nein, ganz und gar nicht; viele Jungs in seinem Alter, die hip und stylish sein und ihre Individualität unterstreichen wollen, würden durchaus eine Sonnenbrille mit herzförmigen Gläsern tragen. Clancy trug sie jedoch bestimmt nicht aus diesem Grund, sondern schlichtweg deshalb, weil sie die erstbeste Sonnenbrille war, die ihm vorhin in die Hände gefallen war. Eitelkeit konnte man ihm wahrlich nicht vorwerfen – er trug immer das, wonach ihm gerade war, egal, wie lächerlich er damit auch aussah. Und das war einer der Punkte, die Ruby so sehr an ihm liebte.
»Du, Ruby«, sagte er, doch Ruby war so in ihre Lektüre vertieft, dass sie gar nicht reagierte.
»Ruby! Hast du gehört?« Er stupste sie an.
»Hmm?« Sie blinzelte zu ihm hinauf. Ihr Gesicht war zur Hälfte von der Krempe eines roten Schlapphuts verdeckt, und dadurch sah sie komisch und hip zugleich aus – beides unbeabsichtigt. Genau wie Clancy trug sie immer, worauf sie gerade Lust hatte, doch im Gegensatz zu ihm hatte sie ein angeborenes Stilempfinden. Sogar ihr T-Shirt hatte eine gewisse Eleganz, trotz des nicht gerade eleganten Aufdrucks: SCHNAUZE, FREUNDCHEN! Rubys T-Shirts waren fast alle mit frechen Sprüchen bedruckt – was nicht nur Rubys Mutter missfiel.
»Und?«, fragte Clancy.
»Was, und?«, fragte Ruby zurück.
»Du wolltest mir doch von deinem Tauchkurs auf Hawaii erzählen, weißt du nicht mehr?«
»Ach so«, sagte Ruby gedehnt. »Das ist ehrlich gesagt ziemlich vertraulich, wie du dir denken kannst.«
Clancy fuchtelte mit den Armen. »Was soll das jetzt bitte heißen: ziemlich vertraulich? Du hast versprochen, dass du mir alles erzählst, du Ratte!«
»War doch nur ein Scherz, mach dir nicht gleich ins Hemd«, sagte Ruby grinsend.
Sie legte das Buch Der erdrosselte Fremde unter ihren Liegestuhl, holte Luft und presste dann die Lippen zusammen. Das tat sie nicht nur, um Clancy auf die Folter zu spannen, sondern auch, weil … na ja, weil das, was sie ihm gleich erzählen würde, streng vertraulich war. Topsecret. Spektrum hatte ihr verboten, auch nur einer Menschenseele ein Sterbenswörtchen davon zu erzählen, dass sie für sie als Codeknackerin und Undercoveragentin tätig war. Aber Clancy Crew war schließlich nicht irgendwer. Ruby wusste, dass er eher sämtliche Tode sterben würde, als ein Geheimnis auszuplaudern.
Geräuschvoll schlürfte sie die letzten Tropfen ihrer Bananenmilch durch den Knick-Trinkhalm, schluckte und sagte dann endlich: »Okay, in dem Kurs ging es hauptsächlich ums Sporttauchen. Mit und ohne Atemgerät.«
»Wow!«, sagte Clancy. »Ganz schön cool. Du warst echt im Pazifik tauchen?«
»Mann, klar, Clance. Natürlich im Pazifik. Hast du gedacht, wir würden in einem Planschbecken herumhüpfen?«
Clancy hatte eine tiefverwurzelte Angst vor dem Meer. Nicht nur wegen der Haie, sondern überhaupt.
Aber hauptsächlich schon wegen der Haie. Als er noch kleiner gewesen war, hatte er ein Buch gelesen, einen Roman, der ihm manche schlaflose Nacht bereitet hatte. Zugegeben, das Buch hatte eigentlich seiner Mutter gehört und war nicht für Viertklässler geeignet – aber er hatte es auf ihrem Nachttisch entdeckt, und der große Haifischkopf auf dem Einband, der mit leeren Augen einen einsamen Schwimmer anstarrte, hatte ihn wie magisch angezogen. Clancy konnte das Buch kaum noch aus der Hand legen und las die ganzen 649 Seiten in nur vier Sitzungen, bei denen er sich jedes Mal im Badezimmer eingeschlossen hatte. Dafür bezahlte er allerdings einen hohen Preis: In den darauffolgenden 1366 Tagen war er Nacht für Nacht im Traum von dem großen weißen Monster heimgesucht worden.
Wie oft hatte Ruby ihm seine Angst schon auszureden versucht!
»Clance«, sagte sie dann immer, »Haifische stehen nicht auf Menschenfleisch – die meisten Angriffe sind nur ein unglücklicher Zufall. Wenn ein Haifisch einen Schwimmer erblickt, hält er ihn vielleicht versehentlich für einen Seehund und schwimmt auf ihn zu, um die Sache zu überprüfen. Problematisch wird es, weil Haie zum Testen nur ihre Zähne haben – in den meisten Fällen knabbern sie ihre vermeintliche Beute an und überlegen es sich dann anders.«
»Das klingt ja total beruhigend – da fühle ich mich doch gleich besser –, ich bin drauf und dran, mich ins Meer zu stürzen, um es zu testen.«
