RÜCKKEHR NACH BABYLON - F. Scott Fitzgerald - E-Book

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F.Scott Fitzgerald

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Beschreibung

Die Kurzgeschichte „Rückkehr nach Babylon“ erschien zunächst am 21. Februar 1931 in der „Saturday Evening Post“ und wurde dann Teil des Erzählungsbandes „Taps at Reveille“, 1935. Als wohl eine der besten und bekanntesten von über 160 Kurzgeschichten Fitzgeralds, datiert sie nicht in die erste Hälfte der 1920er Jahre, also in das ‚Jazz Age‘, dem der Autor den Namen gab, sondern beleuchtet, im Dezember 1930 entstanden, einen Wendepunkt sowohl in der US-amerikanischen Geschichte als auch in Fitzgeralds Schaffen und Privatleben. Der Wirtschaftsboom und der verschwenderische Lebensstil der 1920er Jahre waren beendet; in der allgemeinen Krise lag eine Besinnung auf neue wirtschaftliche und moralische Werte. Auch Fitzgerald befand sich in einer tiefen persönlichen Krise: Seine Ehe war zerrüttet, seine Frau Zelda hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten (1935 sollte sein eigener folgen), und die durch chronischen Geldmangel erzwungene Massenproduktion von Kurzgeschichten hatte seine schöpferische Substanz angegriffen. Nicht zufällig steht deshalb „Rückkehr nach Babylon“ (Originaltitel: Babylon Revisited ) zeitlich und thematisch in der Mitte zwischen den großen Romanen „Der große Gatsby“, 1925, und „Zärtlich ist die Nacht“, 1934.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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F. Scott Fitzgerald

RÜCKKEHR NACH BABYLON

10 Erzählungen (1931-1932)

Als wohl eine der besten und bekanntesten von über 160 Kurzgeschichten Fitzgeralds, datiert "Rückkehr nach Babylon" nicht in die erste Hälfte der 1920er Jahre, sondern beleuchtet einen Wendepunkt sowohl in der US-amerikanischen Geschichte als auch in Fitzgeralds Schaffen und Privatleben.

F. Scott Fitzgerald

RÜCKKEHR NACH BABYLON

10 Erzählungen

(1931-1932)

Impressum

F. Scott Fitzgerald: Rückkehr nach Babylont, 10 Erzählungen (1931-1932)

Neu übersetzt aus dem Amerikanischen von Peter Eckhart Reichel nach den Veröffentlichungen der rechtefreien Originaltexte des Project Gutenberg of Australia.

Titelgestaltung: ebuchedition words&music unter Verwendung einer Titelblattgrafik eines Vanity Fair-Covers: Featuring a Man Fastening von Eduardo Garcia Benito. Dezemberausgabe 1930. Coverschrift gesetzt aus der Dusty Rose NF

© 2025 hoerbuchedition words & music

Alle Rechte vorbehalten.

www.words-and-music.de

ebuchedition words & music

Inhaber: Peter Eckhart Reichel

Hohenzollernstrasse 31

D-14163 Berlin

Germany

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten. Das Werk in dieser deutschsprachigen Übersetzung einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar.

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Kennwort: F. Scott Fitzgerald: Rückkehr nach Babylon

Der Titel „Rückkehr nach Babylon“ spielt auf die bekannteste Erzählung der Sammlung an (Originaltitel: Babylon Revisited). In dieser Geschichte kehrt der Protagonist Charlie Wales nach Paris zurück, um sich mit seiner Vergangenheit und den Folgen seiner ausschweifenden Lebensweise in den Roaring Twenties auseinanderzusetzen. Die Kurzgeschichte erschien zunächst am 21. Februar 1931 in der „Saturday Evening Post“ und wurde dann Teil des Erzählungsbandes „Taps at Reveille“, 1935. Als wohl eine der besten und bekanntesten von über 160 Kurzgeschichten Fitzgeralds, datiert sie nicht in die erste Hälfte der 1920er Jahre, also in das ‚Jazz Age‘, dem der Autor den Namen gab, sondern beleuchtet, im Dezember 1930 entstanden, einen Wendepunkt sowohl in der US-amerikanischen Geschichte als auch in Fitzgeralds Schaffen und Privatleben. Der Wirtschaftsboom und der verschwenderische Lebensstil der 1920er Jahre waren beendet; in der allgemeinen Krise lag eine Besinnung auf neue wirtschaftliche und moralische Werte. Auch Fitzgerald befand sich in einer tiefen persönlichen Krise: Seine Ehe war zerrüttet, seine Frau Zelda hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten (1935 sollte sein eigener folgen), und die durch chronischen Geldmangel erzwungene Massenproduktion von Kurzgeschichten hatte seine schöpferische Substanz angegriffen. Nicht zufällig steht deshalb „Rückkehr nach Babylon“ zeitlich und thematisch in der Mitte zwischen den großen Romanen „Der große Gatsby“, 1925, und „Zärtlich ist die Nacht“, 1934.

Dieser Band vereint einige seiner besten Erzählungen aus dieser privaten wie auch wirtschaftlich schwierigen Epoche seines Lebens. Sie entstanden alle nach dem Börsencrash von 1929, der auch für Fitzgerald und sein Schaffen eine Zäsur darstellte und fast alle seine Erzählungen reflektieren biographische Bezüge. Es gelangen ihm nach 1930 trotz aller gesundheitlichen und finanziellen Probleme immer wieder kleine Prosa-Meisterwerke, die uns heute noch faszinieren und berühren. Seine Fähigkeit, komplexe menschliche Beziehungen und gesellschaftliche Dynamiken mit einer einzigartigen sprachlichen Brillanz darzustellen, macht ihn zu einem Meister der Kurzform.

Inhalt:

1. Fifi, das Hotel Kind (1931) 2. Rückkehr nach Babylon (1931) 3. Ein noch unbeschriebenes Blatt (1931) 4. Seelischer Bankrott (1931) 5. Die Ausgrenzung (1931) 6. Einer von Sechs (1932) 7. Familie im Sturm (1932) 8. Was für ein hübsches Paar! (1932) 9. Verrückter Sonntag (1932) 10. Ein Interner (1932)

FIFI, DAS HOTELKIND

THE HOTEL CHILD

Es ist ein Ort, an dem man instinktiv einen Grund dafür angeben muss, warum man dort ist – „Oh, sehen Sie, ich bin hier, weil –“ Wenn das nicht gelingt, sind sie leicht verdächtig, weil diese Ecke Europas im Normalfall keine Menschenseele anzieht; vielmehr werden sie dort akzeptiert, ohne dass sie allzu viele unbequeme Fragen beantworten müssen – Leben und leben lassen. Hier kreuzen sich die Wege – Menschen, die zu Privatkliniken oder Tuberkulose-Resorts in den Bergen unterwegs sind, Menschen, die in Italien oder Frankreich nicht mehr zur persona grata gehören. Und wenn das alles wäre …

Doch während eines Galaabends im „Hotel des Trois Mondes“ würde ein Neuankömmling die unterschiedlichen Strömung unter der Oberfläche kaum bemerken. Beim Tanzen sieht man eine Galerie von Engländerinnen in einem bestimmten Alter, mit Nackenbändern, gefärbten Haaren und rosa-grau gepuderten Gesichtern; eine Galerie amerikanischer Frauen eines bestimmten Alters, mit schneeweißen Gesichtern, schwarzen Kleidern und kirschroten Lippen. Das ganze Hotel hat jedenfalls schon mitbekommen, dass Fifi in dieser Nacht achtzehn Jahre alt geworden ist.

Die Farbe ihrer Wangen und Lippen sind echt und stechen dicht aus der Oberfläche aus dem starken, jungen Schlagen ihres Herzens hervor. Ihr Körper ist so selbstbewusst und angemessen, dass man einen Zyniker sagen hörte, dass sie immer so aussehen würde, als hätte sie nichts unter ihren Kleidern an; aber er hatte wahrscheinlich Unrecht, denn Fifi war von Menschen ebenso gründlich für ihre Schönheit gerüstet worden wie von Gott selbst ausgestattet. Solche Kleider – Kirschrot für Chanel, Lila für Molyneux, Rosa für Patou; Dutzende von ihnen, eng an den Hüften, schwankend, rollend, zusammenfaltend, nur einen Zentimeter über der Tanzfläche. Heute Abend gab sie sich als eine Frau von dreißig Jahren in strahlendem Schwarz mit langen weißen Handschuhen, die von ihren Unterarmen tropften. „So ein grässlicher Geschmack“, sagte das Flüstern. „Die Bühne, das Schaufenster, die Parade der Puppen. Was denkt sich ihre Mutter nur dabei? Aber schauen Sie sich doch ihre Mutter an.“

Ihre Mutter saß abseits mit einer Freundin und dachte an Fifi und Fifis Bruder und an ihre anderen Töchter, die inzwischen alle verheiratet waren und die sie für noch hübscher hielt als Fifi. Mrs. Schwartz war eine schlichte Frau; sie war Jüdin, und es war ihr absolut gleichgültig, was die Leute im Hotel über sie sagten. Eine andere große Gruppe, die sich nicht darum scherte, waren die jungen Männer - Dutzende von ihnen. Sie verfolgten Fifi den ganzen Tag über in, auf und aus Motorbooten, Nachtclubs, Binnenseen, Autos, Teestuben und Seilbahnen und sagten: „He, sieh mal, Fifi!“ und gaben vor ihr an, wenn sie ihr zuriefen: „Küss mich, Fifi“ oder sogar: „Küss mich noch mal, Fifi“ oder beschimpften sie und versuchten, sich mit ihr zu verloben. Die meisten von ihnen waren jedoch zu jung, da diese kleine Stadt aus irgendeinem unlogischen Grund einen angesehenen Ruf als Bildungszentrum genießen sollte.

Fifi war nicht kritisch, und sie war sich auch nicht bewusst, dass sie selbst kritisiert wurde. Heute Abend beobachtete die Galerie im großen, kristallenen Hufeisensaal ihre Geburtstagsfeier und war etwas irritiert über Fifis Auftritt. Der Tisch war im letzten einer Reihe von Speisesälen gedeckt worden, die alle von der zentralen Halle aus zugänglich waren. Aber Fifi, die in ihrem schwarzen Kleid lautstark auf sich aufmerksam machte, kam durch den ersten Speisesaal herein, gefolgt von einer ganzen Schar junger Männer aller möglichen Nationalitäten und Herkünften, und führte sie in einer Art kleinem Schaulauf an, bei dem sie ihre runden Hüften wiegte und ihren schönen Kopf schwenkte, im Zickzack durch den ganzen Saal, während die alte Männer fast an Fischgräten erstickten, die Gesichtsmuskeln der alten Frauen erschlafften und der Protest im Gefolge der Prozession sich fast zu einem Brüllen steigerte.

Sie hätten ihr nicht so viel übel nehmen müssen. Es war eine schlechte Party, weil Fifi meinte, sie müsse alle unterhalten und es müsse unbedingt ein Dutzend Leute sein, also redete sie mit ganzen Tischgesellschaften und unterbrach jedes Gespräch, wenn ein neues begann, egal wie weit weg von ihr es auch stattfand. Niemand hatte also eine gute Zeit, und die Leute im Hotel hätten sich auch nicht so sehr darum gekümmert, dass sie jung und furchtbar glücklich war.

Anschließend schwebten im Salon viele der überzähligen Männer vorübergehend an andere Tische. Unter ihnen befand sich auch der junge Graf Stanislas Borowki mit seinen hübschen, leuchtend braunen Augen wie ein ausgestopfter Hirsch und seinem schwarzen Haar, das bereits von markanten Strähnen durchzogen war, wie die Tastatur eines Klaviers. Er ging zum Tisch einiger angesehener Leute namens Taylor und setzte sich mit einem leisen Seufzer, der sie zum Lächeln brachte.

„War es schrecklich?“ er wurde gefragt.

Die blonde Miss Howard, die mit den Taylors reiste, war fast so hübsch wie Fifi, aber mit etwas mehr Feingefühl ausgestattet. Sie hatte sich bemüht, nicht die Bekanntschaft von Miss Schwartz zu machen, obwohl sie die Aufmerksamkeit einiger der gleichen jungen Männer auf sich lenkte. Die Taylors waren Karrieristen im diplomatischen Dienst und befanden sich nach der Konferenz des Völkerbundes in Genf auf dem Weg nach London. Sie stellten Miss Howard in dieser Saison bei Hofe vor. Sie waren sehr europäisierte Amerikaner; in der Tat hatten sie eine Position erreicht, in der man kaum noch sagen konnte, dass sie überhaupt noch zu einer bestimmten Nation gehörten; sicherlich nicht zu einer Großmacht, sondern eher vielleicht zu einer Art balkanähnlichem Staat, der aus Leuten wie ihnen selbst bestand. Sie hielten Fifi nicht wert für eine Empörung, wie etwa einen neuen Streifen auf einer Flagge.

Die große Engländerin mit der langen Zigarettenspitze und dem halb gelähmten Pekinesen stand sofort auf, teilte den Taylors mit, dass sie eine Verabredung in der Bar habe, und schlenderte davon, wobei sie ihren gelähmten Pekinesen mit sich trug und im Vorbeigehen eine abkühlende Pause in dem brodelnden Babytalk verursachte, der um Fifis Tisch herum tobte.

Gegen Mitternacht schaute Herr Weicker, der stellvertretende Geschäftsführer, in die Bar, wo Fifis Plattenspieler neue deutsche Tangos in den Rauch und das Geklapper dröhnte. Er hatte ein kleines Gesicht, das die Dinge schnell erfasste, und in letzter Zeit hatte er jeden Abend einen flüchtigen Blick in die Bar geworfen. Aber er war nicht gekommen, um Fifi zu bewundern, sondern um herauszufinden, warum es im „Hotel des Trois Mondes“ in dieser Sommersaison nicht so gut lief.

Und da war da natürlich auch der ständig schwächelnde American Stock Exchange. Da so viele Hotels darum bettelten, gebucht zu werden, waren die Kunden inzwischen wählerischer, anspruchsvoller und beschwerdefreudiger geworden, und Herr Weicker hatte in letzter Zeit viele sehr schwierige Entscheidungen treffen müssen. Eine große Familie war wegen des nächtlich lärmenden Phonographen, der Lady Capps-Karr gehörte, abgereist. Außerdem war vermutlich ein Dieb im Hotel tätig. Es gab Beschwerden über entwendete Handtaschen, Zigarettenetuis, Uhren und Ringe. Gäste sprachen sogar Herrn Weicker manchmal an, ob sie gerne auch mal seine Taschen durchsuchen dürften. Es gab einige leer stehende Suiten, die in diesem Sommer hätten eigentlich nicht unbelegt bleiben durften.

Sein Blick fiel im Vorbeigehen mürrisch auf Graf Borowki, der mit Fifi Billard spielte. Graf Borowki hatte seine Rechnung seit drei Wochen nicht bezahlt. Er hatte Herrn Weicker gesagt, dass er seine Mutter erwarte, die alles arrangieren würde. Und dann war da noch Fifi, die ein unerwünschtes Publikum anzog - junge Studenten, die von ihren elterlichen Apanagen lebten und oft Getränke bestellten, aber nie dafür bezahlten. Lady Capps-Karr hingegen war eine grande cliente; man konnte mit Bestellungen von drei Flaschen Whisky pro Tag für sie und ihrem Gefolge rechnen, und ihr Vater in London war für jeden guten Tropfen zu haben. Herr Weicker beschloss, noch in dieser Nacht ein Ultimatum über Borowkis Rechnung zu stellen, und zog sich zurück. Sein Besuch hatte etwa zehn Sekunden gedauert.

Graf Borowki legte sein Queue weg und kam auf Fifi zu, die ihm etwas zuflüsterte. Sie ergriff seine Hand und zog ihn in eine dunkle Ecke in der Nähe des Plattenspielers.

„Mein amerikanisches Traummädchen“, sagte er. „Wir müssen dich in Budapest so malen lassen, wie du heute Abend aussiehst. Du wirst zusammen mit den Porträts meiner Vorfahren in meinem Schloss in Siebenbürgen hängen.“

Man könnte annehmen, dass ein normales amerikanisches Mädchen, das verhältnismäßig schon viele Kinofilme gesehen hatte, in Graf Borowkis beharrlichem Werben einen vagen Anflug von Vertrautheit entdeckt hätte. Aber das „Hotel des Trois Mondes“ war voll von Menschen, die tatsächlich reich und adelig waren, Menschen, die feine Stickereien machten oder in geschlossenen Räumen Kokain konsumierten und inzwischen Anspruch auf europäische Throne und ein halbes Dutzend mediatisierter deutscher Fürstentümer erhoben, und Fifi wollte nicht an demjenigen zweifeln, der ihrer Schönheit den Hof machte. Heute Abend wunderte sie sich über gar nichts mehr: nicht einmal über seinen überstürzten Vorschlag, noch in dieser Woche zu heiraten.

„Mama will nicht, dass ich erst in einem Jahr heirate. Ich habe nur gesagt, dass ich mich mit dir verloben würde.“

„Aber meine Mutter will, dass ich heirate. Sie ist hartgesotten, wie ihr Amerikaner sagt; sie übt Druck aus, damit ich Prinzessin Dies und Gräfin Das heirate.“

Währenddessen erlebte Lady Capps-Karr am anderen Ende des Raumes ein überraschendes Wiedersehen. Ein großer, gebeugter Engländer, staubig von der Reise, hatte gerade die Tür der Bar geöffnet, und Lady Capps-Karr krächzte nur ein „Bopes!“ und hatte sich schon auf ihn gestürzt: „Bopes, sage ich!“

„Capps, Darling. Hallo, Rafe ...“, zu ihrem Begleiter. „Schön, dich zu treffen, Capps.“

„Bopes! Bopes!“

Ihre Ausrufe und ihr Lachen erfüllten den Raum, und der Barkeeper flüsterte einem neugierigen Amerikaner zu, dass der Neuankömmling der Marquis Kinkallow sei.

Bopes machte es sich auf mehreren Stühlen und einem Sofa bequem und rief nach dem Barmann. Er gab bekannt, dass er ohne Zwischenstopp direkt aus Paris gekommen sei und am nächsten Morgen weiterreisen werde, um in Mailand die einzige Frau zu treffen, die er je geliebt habe. Er schien nicht in der Verfassung zu sein, überhaupt jemanden zu treffen.

„Oh, Bopes, ich war so blind“, sagte Lady Capps-Karr erbärmlich. „Tag für Tag für Tag. Ich bin von Cannes hierher geflogen, um einen Tag zu bleiben, und traf hier Rafe und einige andere Amerikaner, die ich kannte, und es sind zwei Wochen vergangen, und jetzt sind alle meine Tickets nach Malta ungültig. Bleiben Sie hier.“ und retten Sie mich! Oh, Bopes! Bopes! Bopes!“

Der Marquis Kinkallow blickte sich mit müden Augen in der Bar um.

„Ah, wer ist das?“ verlangte er zu erfahren. „Die schöne Jüdin? Und wer ist dieser Gegenstand bei ihr?“

„Sie ist eine Amerikanerin“, sagte die Tochter von hundert Grafen. „Der Mann ist eine Art Schurke, aber anscheinend ist er ein echter Kater; er ist ein großer Freund von Schenzi in Wien. Ich habe neulich bis fünf Uhr nachts mit ihm hier in der Bar zweihändig chemin de fer gespielt, und er schuldet mir eine Mille Swiss.“

„Ich muss mal mit diesem Weibsbild reden“, sagte Bopes zwanzig Minuten später. „Du arrangierst das für mich, Rafe, du bist ein gutes Mädchen.“

Ralph Berry hatte Miss Schwartz kennengelernt, und da sich nun die Gelegenheit bot, sie ihr vorzustellen, erhob er sich zuvorkommend. Die Gelegenheit bestand darin, dass ein Chasseur soeben die Anwesenheit des Grafen Borowki im Büro erbeten hatte; es gelang ihm also, zwei oder drei junge Männer aus ihrer Nähe zu entfernen.

„Der Marquis Kinkallow möchte Sie unbedingt kennenlernen. Können Sie sich nicht uns anschließen?“

Fifi blickte durch den Raum, ihre feine Stirn legte sich in Falten. Irgendetwas warnte sie, dass ihr Abend bereits schon jetzt gut ausgelastet war. Lady Capps-Karr hatte nie mit ihr gesprochen; Fifi glaubte, sie sei eifersüchtig auf ihre Kleidung.

„Kannst du ihn nicht hierher bringen?“

Eine Minute später setzte sich Bopes neben Fifi, und ein Schatten feiner Toleranz legte sich auf sein Gesicht. Dafür konnte er nichts, er kämpfte sogar ständig dagegen an, aber es war etwas, das immer dann mit seinem Gesichtsausdruck passierte, wenn er Amerikanern begegnete. „Die ganze Sache ist zu viel für mich“, schien es sagen zu wollen. „Vergleichen Sie mein Selbstvertrauen mit Ihrer Unsicherheit, meine Bildung mit Ihrer Naivität, und doch ist die ganze Welt in Ihre Macht geraten.“

In späteren Jahren stellte er fest, dass sein Tonfall, wenn er nicht sorgfältig darauf achtete, einen schwelenden Groll enthielt.

Fifi beäugte ihn strahlend und erzählte ihm von ihrer glamourösen Zukunft. „Als nächstes gehe ich nach Paris“, sagte sie und kündigte den Fall Roms an, „um vielleicht an der Sorbonne zu studieren. Dann werde ich vielleicht heiraten; man kann es nicht wissen. Ich bin erst achtzehn Jahre alt. Ich hatte heute Abend achtzehn Kerzen auf meiner Geburtstagstorte. Ich wünschte, du wärst hier gewesen… Ich habe wunderbare Angebote bekommen, auf die Bühne zu gehen, aber natürlich wird über ein Mädchen, das auf der Bühne steht, so viel geredet.“

„Was machst du heute Abend?“, fragte Bopes.

„Oh, später kommen noch viel mehr Jungs. Bleib doch hier und feiere mit.“

„Ich dachte, wir beide könnten etwas unternehmen. Ich fahre morgen nach Mailand.“

Auf der anderen Seite des Raumes war Lady Capps-Karr über die Desertion etwas schlecht gelaunt.

„Immerhin“, protestierte sie, “ein Chep ist ein Chep, und ein Kumpel ist ein Kumpel, aber es gibt gewisse Dinge, die man einfach nicht tut. Ich habe Bopes noch nie in so einem furchtbaren Zustand gesehen.“

Sie starrte auf den Dialog am anderen Ende des Raumes.

„Kommen Sie mit mir nach Mailand“, sagte der Marquis. „Kommen Sie mit nach Tibet oder Hindustan. Wir werden sehen, wie sie den König von Äthiopien krönen. Wie auch immer, lass uns jetzt einen Ausflug machen.“

„Ich habe hier zu viele Gäste. Außerdem gehe ich nicht sogleich mit allen Leuten aus, wenn ich sie zum ersten Mal treffe. Ich soll eigentlich verlobt werden. Mit einem ungarischen Grafen. Er wäre sicher sehr wütend und würde dich wahrscheinlich zu einem Duell herausfordern.“

Mrs. Schwartz kam mit entschuldigender Miene durch den Raum auf Fifi zu. „John ist weg“, verkündete sie. „Er ist wieder nach oben gegangen.“

Fifi stieß einen genervten Schrei aus. „Er hatte mir sein Ehrenwort gegeben, dass er nicht gehen würde.“

„Jedenfalls ist er gegangen. Ich habe in seinem Zimmer nachgesehen, und sein Hut ist weg. Es war der Champagner beim Abendessen.“ Sie wandte sich an den Marquis. „John ist kein bösartiger Junge, aber sehr, sehr schwach.“

„Ich werde ihm wohl nachgehen müssen“, sagte Fifi resigniert.

„Ich hasse es, euch den Spaß zu verderben, aber ich weiß nicht, was ich sonst tun soll. Vielleicht würde dieser Herr mit Ihnen gehen. Sehen Sie, Fifi ist die Einzige, die mit ihm klarkommt. Sein Vater ist tot und es braucht wirklich einen Mann, um mit einem Jungen umzugehen.“

„Ganz recht“, sagte Bopes.

„Kannst du mich mitnehmen?“ fragte Fifi. „Er ist gleich oben in der Stadt in einem Café.“

Er stimmte bereitwillig zu. Draußen in der Septembernacht, während ihr Duft durch einen Hermelincap drang, erklärte sie weiter:

„Irgendeine Russin hat sich seiner bemächtigt; sie behauptet, eine Gräfin zu sein, aber sie hat nur einen Silberfuchspelz, den sie zu allem trägt. Mein Bruder ist erst neunzehn, und immer, wenn er ein paar Gläser Champagner getrunken hat, sagt er ihr, er werde sie heiraten, und Mutter macht sich deshalb große Sorgen.“

Bopes Arm fiel ungeduldig um ihre Schulter, als sie den Hügel hinauf zur Stadt fuhren.

Fünfzehn Minuten später hielt der Wagen einige Blocks hinter dem Café, und Fifi stieg aus. Das Gesicht des Marquis zierte nun ein langer, unregelmäßiger Fingernagelkratzer, der diagonal über seine Wange verlief, in einigen skizzenhaften Zick-Zack-Linien über seine Nase lief und in einer Art großer Endspur auf seinem Unterkiefer endete.

„Ich mag es nicht, wenn sich jemand so dumm anstellt“, erklärte Fifi. „Sie müssen nicht warten. Wir können ein Taxi nehmen.“

„Warten!“, rief der Marquis wütend. „Auf eine gewöhnliche kleine Person wie Sie? Man sagte mir, Sie seien die Lachnummer des Hotels, und ich verstehe jetzt auch, warum.“

Fifi eilte die Straße entlang ins Café und blieb vor der Tür stehen, bis sie ihren Bruder sah. Er war eine Reproduktion von Fifi ohne ihre große warme Ausstrahlung; im Moment saß er an einem Tisch mit einem gebrechlichen Exilanten aus dem Kaukasus und zwei serbischen Schwindsüchtigen. Fifi wartete darauf, dass sich ihr Zorn auf einen exekutiven Ton steigerte; dann überquerte sie die Tanzfläche, auffällig wie eine Gewitterwolke in ihrem leuchtend schwarzen Kleid.

„Mama hat mich nach dir geschickt, John. Hol deinen Mantel.“

„Oh, was beißt sie denn?“, fragte er mit einem vagen Blick.

„Mama sagt, du sollst einfach mitkommen.“

Widerwillig stand er auf. Die beiden Serben erhoben sich ebenfalls; die Gräfin rührte sich nicht; ihre Augen, die tief in den mongolischen Wangenknochen steckten, waren fest auf Fifis Gesicht fixiert; ihr Kopf hockte in dem Silberfuchspelz, von dem Fifi wusste, dass er das Taschengeld ihres Bruders für den letzten Monat darstellte.

Während John Schwartz unsicher schwankend dastand, begann das Orchester mit Ich bin von Kopf bis Fuß. Fifi tauchte in das Durcheinander der Tischgesellschaft ein, ergriff den Arm ihres Bruders, führte ihn zur Garderobe und dann hinaus zum Taxistand.

Es war spät, der Abend war gelaufen, ihr Geburtstag war vorbei, und auf der Rückfahrt zum Hotel, mit John an ihrer Schulter, verspürte Fifi plötzlich eine Depression. Aufgrund ihrer stabilen gesundheitlichen Konstitution war sie nie ein Sorgenkind gewesen, und sicherlich lebte die Familie Schwartz schon so lange in ähnlichen Verhältnissen, dass Fifi im „Hotel des Trois Mondes“ keine Unzulänglichkeit verspürte – und doch fühlte sich der Abend plötzlich ganz verkehrt an.

Mussten Abende nicht manchmal mit einem Höhepunkt enden und nicht in Bars ausklingen? Jeden Abend nach zehn Uhr überfiel sie das Gefühl, dass sie das einzige reale Wesen inmitten einer Geisterkolonie wäre, das sie von völlig ungreifbaren Wesen umgeben war, die sich sofort zurückzogen, sobald sie ihre Hand ausstreckte.

Der Portier begleitete ihren Bruder zum Aufzug. Als sie dazu stieg, erkannte Fifi zu spät, dass sich noch zwei weitere Personen darin befanden. Bevor sie John wieder herausziehen konnte, waren beide an ihr vorbeigelaufen, als hätten sie Angst, sich anzustecken. Fifi hörte „Gnade!“ von Mrs. Taylor und „Wie ekelhaft!“ von Miss Howard. Der Aufzug fuhr hoch. Fifi hielt den Atem an, bis er in ihrem Stockwerk anhielt.

Vielleicht war es der Eindruck dieser letzten Begegnung, der sie dazu veranlasste, hinter der Tür der dunklen Wohnung ganz still stehen zu bleiben. Dann hatte sie das Gefühl, dass sich noch jemand anderes in der Dunkelheit vor ihr aufhielt, und nachdem ihr Bruder nach vorne gestolpert war und sich auf ein Sofa geworfen hatte, wartete sie immer noch, dass etwas geschehen würde.

„Mama“, rief sie, aber es kam keine Antwort, nur ein Geräusch, das schwächer als ein Rascheln war, als würde ein Schuh über den Boden schleifen.

Einige Minuten später, als ihre Mutter die Treppe hinaufkam, riefen sie den Valet de Chambre und gingen gemeinsam mit ihm durch die Zimmer, aber da war niemand. Dann standen sie Seite an Seite in der offenen Tür ihres Balkons und blickten auf den See hinaus mit dem hell erleuchteten Evian am gegenüberliegenden französischen Ufer und den weißen Schneekappen auf den Bergen.

„Ich denke, wir sind schon lange genug hier“, sagte Mrs. Schwartz plötzlich. „Ich denke, ich werde John diesen Herbst in die Staaten zurückbringen.“

Fifi war entsetzt. „Aber ich dachte, John und ich würden zur Sorbonne nach Paris gehen?“

„Wie kann ich ihm in Paris vertrauen? Und wie könnte ich dich dort allein zurücklassen?“

„Aber wir sind es mittlerweile gewohnt, in Europa zu leben. Warum habe ich Französisch gelernt? Warum Mama, wir kennen zu Hause doch gar keine Leute mehr.“

„Wir können immer neue Leute kennenlernen. Das haben wir schon immer getan.“

„Aber du weißt, dass es anders ist; alle sind dort so bigott. Ein Mädchen hat nicht die Chance, die gleichen Männer kennenzulernen, selbst wenn es welche gäbe. Jeder beobachtet einfach alles, was du tust.“

„Das tun sie auch hier“, sagte ihre Mutter. „Dieser Herr Weicker hat mich gerade in der Halle aufgehalten; er hat dich mit John kommen sehen und hat mir gesagt, dass du dich von der Bar fernhalten sollst, weil du noch so jung bist. Ich habe ihm gesagt, dass du nur Limonade trinkst, aber er meinte, das sei egal; Szenen wie heute Abend würden die Leute dazu bringen, das Hotel zu verlassen.“

„Oh, wie gemein!“

„Also denke ich, wir fahren doch besser wieder nach Hause.“

Die leeren Worte klangen trostlos in Fifis Ohren. Sie legte ihre Arme um die Taille ihrer Mutter und stellte fest, dass sie und nicht ihre Mutter, die Vergangenheit fest im Griff hatte, dass sie völlig im Universum verloren war. Auf dem Sofa schnarchte ihr Bruder, der bereits in die Welt der Schwachen, der Zusammengedrückten eingetreten war und deren stinkende und quecksilbrige Wärme er als ausreichend empfand. Aber Fifi blickte weiter in den fremden Himmel, weil sie wusste, dass sie ihn durchdringen und ihren eigenen Weg durch Neid und Korruption hindurch finden konnte. Zum ersten Mal erwog sie ernsthaft, Borowki sofort zu heiraten.

„Willst du nach unten gehen und den Jungs gute Nacht sagen?“, schlug ihre Mutter vor. „Viele von ihnen sind immer noch da und fragen, wo du bist.“

Aber die Furien waren jetzt hinter Fifi her – hinter ihrer kindlichen Selbstgefälligkeit und ihrer Unschuld, ja sogar hinter ihrer Schönheit –, um alles aufzuschlüsseln und in den passenden Schmutz zu ziehen. Als sie den Kopf schüttelte und mürrisch in ihr Schlafzimmer ging, hatten sie ihr schon für immer etwas weggenommen.

II

Am nächsten Morgen ging Mrs. Schwartz in das Büro von Herrn Weicker, um den Verlust von zweihundert Dollar zu melden. Sie hatte die Summe auf ihrem Chiffonnier liegen lassen, als sie sich zur Ruhe begab; als sie aufwachte, war das Geld verschwunden. Die Wohnungstür war zwar von ihr verriegelt worden, aber am Morgen fand man den Riegel geöffnet, und keines ihrer Kinder war davon in der Nacht wach geworden. Glücklicherweise hatte sie ihren Schmuck in einem Samtbeutel mit ins Bett genommen.

Herr Weicker entschied, dass in dieser Situation mit absoluter Diskretion umgegangen werden müsse. Es gab nicht wenige Gäste im Hotel, die sich in einer schwierigen Lage befanden und zu verzweifelten Maßnahmen neigten, aber er musste langsam und vorsichtig dabei vorgehen. In Amerika hat man Geld oder hat es eben nicht; in Europa kann es sein, dass der Erbe eines Vermögens bis zum Zusammenbruch seines Cousins fünften Grades einen Schuldenschnitt nicht ertragen kann, aber dennoch ein sicheres Risiko eingeht und sich nicht leicht beleidigen lässt. Als Herr Weicker das Büroexemplar des Almanachs von Gotha aufschlug, entdeckte er Stanislas Karl Joseph Borowki am Ende eines Eintrages, der älter als die Krone des heiligen Stephan war. Heute Morgen war er in Reitkleidung, die so elegant war wie die Uniform eines Husaren, mit der überaus korrekten Miss Howard ausgeritten. Andererseits bestand kein Zweifel darüber, wer ausgeraubt worden war, und Herr Weickers Verdacht konzentrierte sich zunehmend auf Fifi und ihre Familie, die ihm diese Mühe vielleicht erspart hätten, wenn sie sich schon vor einiger Zeit aus dem Staub gemacht hätten. Es war sogar denkbar, dass der ausschweifende Sohn John das Geld gestohlen hatte.

Auf jeden Fall fuhren die Schwartzes nach Hause. Drei Jahre lang hatten sie in Hotels gelebt - in Paris, Florenz, St. Raphael, Como, Vichy, La Baule, Luzern, Baden-Baden und Biarritz. Überall hatte es Schulen gegeben - immer neue Schulen - und beide Kinder sprachen perfektes Französisch und ein paar dürftige Fragmente Italienisch.

Fifi war von einem groß gewachsenen Kind von vierzehn Jahren zu einer Schönheit herangewachsen; John hatte sich zu etwas eher Trübem und Verlorenem entwickelt. Beide spielten Bridge, und irgendwo hatte Fifi mit dem Stepptanz angefangen. Mrs. Schwartz hatte das Gefühl, dass das alles irgendwie unbefriedigend wäre, aber sie wusste nicht woran das lag. So kündigte sie zwei Tage nach Fifis Party an, dass sie ihre Koffer packen und nach Paris reisen würden, um dort neue Herbstkleider zu kaufen, um anschließend nach Hause zu fahren.

Am selben Nachmittag kam Fifi in die Bar, um ihr Grammophon zu holen, das sie am Abend ihrer Party dort zurückgelassen hatte. Sie setzte sich auf einen hohen Hocker und sprach mit dem Barmann, während sie ein Ginger Ale trank.

„Mutter will mich nach Amerika zurückbringen, aber ich gehe nicht mit.“

„Was werden Sie tun?“

„Oh, ich habe selbst ein wenig Geld gespart, und dann werde ich vielleicht heiraten.“ Launisch nippte sie an ihrem Ginger Ale.

„Ich habe gehört, dass Ihnen Geld gestohlen wurde“, bemerkte er. „Wie ist das passiert?“

„Nun, Graf Borowki meint, der Mann sei früh in die Wohnung gekommen und habe sich zwischen den beiden Türen zwischen unser und der nächsten Wohnung versteckt. Dann, als wir schliefen, nahm er das Geld und ging hinaus.“

„Ha!“

Fifi seufzte. „Nun, ihr werdet mich wohl nicht mehr in dieser Bar sehen.“

„Wir werden Sie vermissen, Miss Schwartz.“

Herr Weicker steckte seinen Kopf in die Tür, zog ihn zurück und kam dann langsam herein.

„Hallo“, sagte Fifi kalt.

„A-ha, junge Dame.“ Er wedelte mit gespieltem Scherz mit dem Finger. „Wusstest du nicht, dass ich mit deiner Mutter darüber gesprochen habe, dass du eigentlich die Bar nicht betreten darfst? Es ist nur zu deinem eigenen Besten.“

„Ich trinke nur ein Ginger Ale“, sagte sie entrüstet.

„Aber niemand kann wissen, was du da trinkst. Vielleicht ist es Whisky oder was auch immer. Es sind die anderen Gäste, die sich darüber beschweren.“

Sie starrte ihn entrüstet an - das Bild unterschied sich so sehr von ihrem eigenen - das Fifi als lebhaften Mittelpunkt des ganzen Hotels zeigte, das Fifi in Kleidern, die das Auge betörten, wie sie prächtig und unerreichbar inmitten ganzer Scharen sie bewundernder Männer da stand. Plötzlich machte sie das unterwürfige, aber feindselige Gesicht Herrn Weickers wütend.

„Wir verschwinden aus diesem Hotel!“, stieß sie hervor. „Ich habe noch nie in meinem Leben einen so engstirnigen Haufen Leute gesehen, die immer alle kritisieren und sich schreckliche Dinge über sie ausdenken, egal was sie selbst tun. Ich glaube, es wäre gut, wenn das Hotel Feuer fangen und abbrennen würde, mit all den bösen Katzen darin.“

Sie ließ ihr Glas auf den Boden fallen, schnappte sich den Plattenspieler und stürmte aus der Bar.

Im Foyer sprang ihr ein Portier zu Hilfe, aber sie schüttelte nur den Kopf und eilte weiter durch den Salon, wo sie auf Graf Borowki traf.

„Oh, ich bin so wütend!“, rief sie. „Ich habe noch nie so viele alte Katzen gesehen! Ich habe Herrn Weicker gerade gesagt, was ich von ihm halte!“

„Hat es jemand gewagt, unhöflich mit Ihnen zu sprechen?“

„Ach, das spielt doch keine Rolle mehr. Wir gehen weg.“

„Ihr reist ab!“ Er fing an nach Luft zu schnappen. „Wann?“

„Jetzt gleich. Ich will nicht, aber Mama sagt, wir müssen.“

„Ich muss ernsthaft mit Ihnen darüber reden“, sagte er. „Ich habe gerade in Ihrem Zimmer angerufen. Ich habe Ihnen ein kleines Verlobungsgeschenk mitgebracht.“

Ihre Stimmung kehrte zurück, als sie das hübsche Zigarettenetui aus Gold und Elfenbein entgegennahm, in das ihre Initialen eingraviert waren.

„Wie schön!“

„Hören Sie; was Sie mir soeben mitteilten, macht es noch wichtiger, dass ich sofort mit Ihnen spreche. Ich habe gerade einen weiteren Brief von meiner Mutter erhalten. Man hat in Budapest ein Mädchen für mich ausgesucht - ein reizendes Mädchen, reich und schön und von meinem Rang, das sich über die Verbindung sehr freuen würde, aber ich bin in Sie verliebt. Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber ich habe mein Herz an eine Amerikanerin verloren.“

„Warum nicht?“, sagte Fifi empört. „Hier nennt man Mädchen schön, wenn sie gute Eigenschaft besitzen. Und wenn sie dann schöne Augen oder Haare haben, dann haben sie meistens auch O-Beine oder keine schönen Zähne.“

„Du hast keinen einzigen Makel oder Fehler an dir.“

„Oh, doch“, sagte Fifi bescheiden. „Ich habe eine ziemlich große Nase. Würden Sie daran erkennen, dass ich Jüdin bin?“

Mit einem Anflug von Ungeduld kam Borowki auf seine Argumentation zurück: „Sie üben also Druck auf mich aus, damit ich Sie heirate. Davon hängen Erbschaftsfragen ab.“

„Außerdem ist meine Stirn zu hoch“, bemerkte Fifi gedankenlos. „Sie ist so hoch, dass sie sowas wie Falten wirft. Ich kannte einen schrecklich lustigen Jungen, der mich immer 'die Hochkarätige' nannte.“

„Das Vernünftigste wäre also“, fuhr Borowki fort, “wenn wir sofort heiraten würden. Ich sage Ihnen ganz offen, dass es nicht weit von hier andere amerikanische Mädchen gibt, die nicht zögern würden.“

„Mama würde verrückt werden“, sagte Fifi.

„Darüber habe ich auch schon nachgedacht“, antwortete er ihr eifrig. „Sag es ihr nicht. Wenn wir heute Nacht über die Grenze fahren würden, könnten wir morgen früh schon heiraten. Dann kommen wir zurück und zeigen deiner Mutter die kleinen vergoldeten Kränze, die auf deinem Gepäck aufgemalt sind. Ich persönlich bin der Meinung, dass sie begeistert sein wird. Da stehen Sie nun, mit einer in Europa unübertroffenen gesellschaftlichen Stellung. Meiner Meinung nach hat deine Mutter wahrscheinlich schon darüber nachgedacht und sagt sich vielleicht: 'Warum nehmen diese beiden jungen Leute die Sache nicht selbst in die Hand und ersparen mir die ganze Aufregung und die Kosten für eine Hochzeit? ' Ich glaube, sie würde uns mögen, weil wir so hartgesotten sind.“

Er brach ungeduldig ab, als Lady Capps-Karr, die mit ihrem Pekinesen aus dem Speisesaal kam, überraschend an ihrem Tisch stehen blieb. Graf Borowki war verpflichtet, sie einander vorzustellen. Da er weder von der Abtrünnigkeit des Marquis Kinkallow am Vorabend noch von der Verwundung Seiner Lordschaft in Mailand am nächsten Morgen wusste, ahnte er nicht, was noch auf ihn zukommen würde.

„Mir ist Miss Schwartz aufgefallen“, sagte die Engländerin mit klarer, prägnanter Stimme. „Und natürlich sind mir auch die Klamotten von Miss Schwartz aufgefallen.“

„Wollen Sie sich nicht setzen?“, sagte Fifi.

„Nein, danke.“ Sie wandte sich an Borowki. „Miss Schwartz' Kleidung lässt uns alle etwas eintönig erscheinen. Ich weigere mich immer, mich in Hotels zu extravagant zu kleiden. Das kommt mir so geschmacklos vor. Finden Sie nicht auch?“

„Ich finde, die Leute sollte immer gut aussehen“, sagte Fifi und errötete.

„Natürlich. Ich habe nur gesagt, dass ich es für geschmacklos halte, sich extravagant zu kleiden, außer in den Häusern von Freunden.“

Sie sagte „Good-by-e-e“ zu Borowki und ging weiter, wobei sie eine Rauchwolke und einen schwachen Whiskydunst ausstieß.

Die Beleidigung hatte die Wirkung eines Peitschenknalls, und als Fifis Stolz auf ihre Garderobe von ihr hinweggefegt wurde, hörte sie alle Kommentare, die sie bisher nicht wahrgenommen hatte, in einem einzigen lauten, wieder auflebenden Getuschel. Darin hieß es, dass sie ihre Kleider nur deshalb hier trug, weil sie sie nirgendwo anders würde tragen können. Weil sie sonst nirgendwo etwas zum Anziehen hätte. Das war der Grund, warum das Howard-Mädchen sie für vulgär hielt und sich nicht für sie interessierte. Deshalb hielt das Howard-Mädchen sie für vulgär und wollte sie nicht kennen.

Einen Moment lang war sie wütend auf ihre Mutter, weil sie es ihr nicht gesagt hatte, aber sie sah, dass auch ihre Mutter es nicht wusste.

„Ich finde sie so altmodisch“, zwang sie sich, laut zu sagen, aber innerlich zitterte sie. „Was ist sie denn überhaupt? Ich meine, wie hochstehend ist ihr Titel? Sehr hoch?“

„Sie ist die Witwe eines Baronets.“

„Ist das hoch?“ Fifis Gesicht wirkte wie erstarrt. „Höher als eine Gräfin?“

„Nein. Eine Gräfin ist viel höher – unendlich mal höher.“ Er rückte seinen Stuhl näher heran und begann intensiver zu reden.

Eine halbe Stunde später stand Fifi mit unentschlossenem Gesichtsausdruck auf.

„Um sieben sagen Sie mir auf jeden Fall Bescheid“, sagte Borowki, „und um zehn werde ich mit einem Wagen abfahrbereit sein.“

Fifi nickte. Er begleitete sie durch den Raum und sah, wie sie hinter einem dunklen Flurspiegel in Richtung des Aufzugs verschwand.

Als er sich abwandte, sprach Lady Capps-Karr, die allein bei ihrem Kaffee saß, ihn an:

„Ich möchte mit Ihnen sprechen. Haben Sie Herrn Weicker durch einen Hinweis etwa angedeutet, dass ich im Falle von Schwierigkeiten für Ihre Rechnungen bürgen würde?“

Borowki errötete. „Vielleicht habe ich so etwas angedeutet, aber ...“

„Nun, ich habe ihm die Wahrheit gesagt - dass ich Ihnen bis vor zwei Wochen noch nie zuvor begegnet bin.“

„Ich habe mich natürlich an eine gleichrangige Person gewandt ...“

„Gleichrangig! Was für eine Frechheit! Die einzigen Titel, die noch übrig sind, sind englische Titel. Ich muss Sie bitten, meinen Namen nicht noch einmal zu verwenden.“

Er verbeugte sich. „Solche Unannehmlichkeiten werden für mich bald der Vergangenheit angehören.“

„Wollen Sie sich mit diesem vulgären kleinen Amerikaner anlegen?“

„Ich bitte um Verzeihung“, sagte er steif.

„Seien Sie nicht böse. Ich reiche Ihnen einen Whisky mit Soda. Ich bereite mich gerade auf Bopes Kinkallow vor, der soeben angerufen hat, dass er hierher zurückkommt.“

Währenddessen sagte Mrs. Schwartz oben zu Fifi: „Jetzt, wo ich weiß, dass wir abreisen, freue ich mich schon sehr darauf. Es wird so schön sein, die Hirsts und Mrs. Bell und Amy und Marjorie und Gladys wiederzusehen, und das neue Baby wird sich auch sehr glücklich sein; du hast vergessen, wie sie sind. Du hast vergessen, dass du und Gladys einst gute Freunde ward.

„Oh, Mama, rede nicht darüber“, rief Fifi kläglich. „Ich kann nicht zurückgehen.“

„Wir müssen nicht dort bleiben. Wenn John auf einem College wäre, wie sein Vater es wollte, könnten wir vielleicht nach Kalifornien gehen.“

Aber für Fifi konzentrierte sich die ganze Romantik des Lebens auf die letzten drei beeindruckenden Jahre in Europa. Sie erinnerte sich an die hochgewachsenen Gardisten in Rom und an den alten Spanier, der sie in der Villa d'Este in Como zum ersten Mal auf ihre Schönheit aufmerksam gemacht hatte, und an den französischen Marineflieger in St. Raphael, der ihr aus seinem Flugzeug heraus einen Brief in den Garten geworfen hatte, und an das Gefühl, das sie manchmal hatte, wenn sie mit Borowki tanzte, dass er glänzende Stiefel und einem weißpelzigen Dolman trug.

Sie hatte viele amerikanische Kinofilme gesehen und wusste, dass die Mädchen dort immer den treuen Jungen aus der alten Heimat heirateten, und danach gab es nichts mehr.

„Ich werde nicht gehen“, sagte sie entschieden.

Ihre Mutter drehte sich mit einem Stapel Kleider in den Armen um. „Was redest du denn da, Fifi? Meinst du, ich könnte dich hier allein lassen?“ Da Fifi nicht antwortete, fuhr sie mit einer Miene von Endgültigkeit fort: „Das Gerede von dir klingt nicht nett. Jetzt hör auf, dir Sorgen zu machen und solche Dinge zu sagen, und besorge mir diese Liste mit Dingen aus der Innenstadt.“

Aber Fifi hatte sich entschieden. Es ging also um Borowki und die Chance, ein erfülltes und abenteuerliches Leben zu führen. Er könnte in den diplomatischen Dienst eintreten, und wenn sie dann eines Tages Lady Capps-Karr und Miss Howard auf einem Gesandtschaftsball begegnen würden, könnte sie die Bemerkung von sich geben, die ihr im Moment so notwendig erschien: „Ich hasse Leute, die immer so aussehen, als ob sie auf dem Weg zu oder von einer Beerdigung wären.“

„Also geh schon“, fuhr ihre Mutter fort. „Und sieh in dem Café nach, ob John da oben ist, und lade ihn zum Tee ein.“

Fifi nahm die Einkaufsliste mechanisch entgegen. Dann ging sie in ihr Zimmer und schrieb eine kleine Notiz an Borowki, die sie auf dem Weg nach draußen beim Concierge abgeben würde.

Als sie herauskam, sah sie ihre Mutter, wie sie sich mit einem Koffer abmühte, und sie tat ihr furchtbar leid. Aber da waren Amy und Gladys in Amerika, und Fifi fror innerlich bei diesem Gedanken ein.

Sie ging die Treppe hinunter und erinnerte sich auf halbem Weg daran, dass sie in ihrer Ablenkung einen offiziellen Blick in den Spiegel unterlassen hatte; aber an der Wand direkt vor dem großen Salon hing ein weiterer großer Spiegel, und vor diesem blieb sie stehen.

Sie war schön - das wurde ihr einmal mehr bewusst, aber jetzt machte es sie traurig. Sie fragte sich, ob das Kleid, das sie heute Nachmittag trug, geschmacklos war und ob es der Überlegenheit von Miss Howard oder Lady Capps-Karr dienen würde. Es schien ihr ein wunderschönes Kleid zu sein, weich und sanft im Schnitt, aber in der Farbe von einem harten, hellen, metallischen Puderblau.

Dann durchbrach ein plötzliches Geräusch die Stille der düsteren Halle und Fifi stand plötzlich atemlos und regungslos da.

III

Um elf Uhr fühlte sich Herr Weicker müde, aber in der Bar herrschte noch immer reger Besucherandrang, und er wartete darauf, dass es sich bald beruhigen würde. Im muffigen Büro und in der leeren Lobby gab es nichts zu tun, und der Salon, in dem er den ganzen Tag über lange Gespräche mit einsamen Engländerinnen und Amerikanerinnen geführt hatte, war jetzt menschenleer; also ging er zur Vordertür hinaus und begann einen Rundgang um das Hotel zu machen. Ob es an seinem Rundgang lag oder an seinen häufigen Blicken hinauf zu den funkelnden Lichtern in den Schlafzimmern und zu den einfach vergitterten Fenstern der Küchenetage, solch ein Spaziergang gab ihm immer das Gefühl, das Hotel zu beherrschen, angemessen verantwortlich zu sein, als wäre es ein Schiff, das er von einem Achterdeck aus überblickte.

Er ging vorbei an einer Flut aus Lärm und Gesang aus der Bar, vorbei an einem Fenster, wo zwei Busjungen auf einer Pritsche saßen und bei einer Flasche spanischen Weins Karten spielten. Irgendwo oben war ein Plattenspieler zu hören, und eine Frauengestalt verdeckte ein Fenster; dann war da noch der ruhige Flügel, und als er um die Ecke bog, kam er wieder an seinem Ausgangspunkt an. Und vor dem Hotel, im schummrigen Licht der Porte-Cochère, sah er plötzlich Graf Borowki.

Irgendetwas ließ ihn innehalten und beobachten - etwas Ungewöhnliches - Borowki, der seine Rechnung nicht bezahlen konnte, hatte einen Wagen und einen Chauffeur. Er gab dem Chauffeur gerade einige detaillierte Anweisungen, und dann bemerkte Herr Weicker, dass sich auf dem Vordersitz eine Tasche befand, und er trat nach vorn ins Lampenlicht.

„Sie verlassen uns, Graf Borowki?“

Borowki zuckte zusammen, als er die Stimme hörte. „Nur für die Nacht“, antwortete er. „Ich werde meine Mutter treffen.“

„Ich verstehe.“

Borowki sah ihn vorwurfsvoll an. „Mein Koffer und meine Hutschachtel sind in meinem Zimmer, das werden Sie feststellen. Dachten Sie, ich würde vor meiner Rechnung davonlaufen?“

„Gewiss nicht. Ich hoffe, Sie haben eine angenehme Reise und finden Ihre Mutter gesund vor.“

Aber drinnen schickte er vorsichtshalber sofort einen Valet de Chambre, um nachzusehen, ob das Gepäck tatsächlich noch da war.

Er döste vielleicht eine Stunde lang. Als er aufwachte, zerrte der Nachtportier an seinem Arm und in der Lobby roch es stark nach Rauch. Es dauerte einige Augenblicke, bis ihm klar wurde, dass ein Flügel des Hotels in Flammen stand.

---ENDE DER LESEPROBE---