Ruhm - Daniel Kehlmann - E-Book

Ruhm E-Book

Daniel Kehlmann

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Beschreibung

«Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und eine andere beginnt. In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt.»

Ein Mann kauft ein Mobiltelefon und bekommt Anrufe, die einem anderen gelten, nach kurzem Zögern beginnt er ein Spiel mit der fremden Identität. Ein bekannter Schauspieler wird von einem Tag auf den nächsten nicht mehr angerufen, als hätte jemand sein Leben an sich gerissen. Ein Schriftsteller macht zwei Reisen in Begleitung einer Frau, deren größter Alptraum es ist, in einer seiner Geschichten vorzukommen, ein verwirrter Internetblogger wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal Romanfigur zu sein. Ein weltweit gelesener Esoterik-Guru steht kurz vor dem Selbstmord, eine Krimiautorin geht auf einer abenteuerlichen Reise in Zentralasien verloren, eine alte Dame auf dem Weg in den Tod hadert mit dem Schriftsteller, der sie erfunden hat, und ein Abteilungsleiter in einem Mobiltelefonkonzern verliert über seinem Doppelleben zwischen zwei Frauen Arbeit und Verstand.
Neun Episoden ordnen sich nach und nach zu einem romanhaften Gesamtbild: ein raffiniertes Spiel mit Realität und Fiktionen, ein Buch über Ruhm und Verschwinden, Wahrheit und Täuschungen.
«Ein Buch von funkelnder Intelligenz.» FAZ
«Ruhm strotzt vor Raffinement. Daniel Kehlmann scheint alles zu können.» NZZ
«Daniel Kehlmann hat mit seinem neuen Roman Weltliteratur geschaffen.» Die Weltwoche
«Verteufelt gut ... brillant ...» NZZ am Sonntag
«Hochintelligent und zugleich ein Lesevergnügen ...» Deutschlandradio Kultur
«Ein literarisches Bravourstück ...» Die Welt
«Das Buch ist eine Wucht – virtuos und witzig geschrieben. Jede einzelne der neun Geschichten ein Diamant.» ZDF heute journal

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Seitenzahl: 208




Daniel Kehlmann

Ruhm

Ein Roman in neun Geschichten

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Ein Schriftsteller mit der unheilvollen Neigung, Menschen, die ihm nahestehen, zu Literatur zu machen, ein verwirrter Internetblogger, ein Abteilungsleiter mit Doppelleben, ein berühmter Schauspieler, der lieber unbekannt wäre, eine alte Dame auf der Reise in den Tod: Ihre Wege kreuzen sich in einem Geflecht von Episoden zwischen Wirklichkeit und Schein. Ein Spiegelkabinett voll unvorhersehbarer Wendungen – komisch, tiefgründig und elegant erzählt vom Autor der «Vermessung der Welt».

 

«Ein Buch von funkelnder Intelligenz.» FAZ

 

«Ruhm strotzt vor Raffinement. Daniel Kehlmann scheint alles zu können.» NZZ

 

«Daniel Kehlmann hat mit seinem neuen Roman Weltliteratur geschaffen.» Die Weltwoche

 

«Verteufelt gut … brillant …» NZZ am Sonntag

 

«Hochintelligent und zugleich ein Lesevergnügen …» Deutschlandradio Kultur

 

«Ein literarisches Bravourstück …» Die Welt

 

Über Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, lebt in Wien und Berlin. Sein Werk wurde unter anderem mit dem Candide-Preis, dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, dem WELT-Literaturpreis, dem Per-Olov-Enquist-Preis, dem Kleist-Preis und dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet. Sein Roman «Die Vermessung der Welt», übersetzt in über vierzig Sprachen, ist einer der größten Erfolge der deutschen Nachkriegsliteratur.

 

Frühere Veröffentlichungen: Beerholms Vorstellung. Roman. 1997 Unter der Sonne. Erzählungen. 1998 Mahlers Zeit. Roman. 1999 Der fernste Ort. Novelle. 2001 Ich und Kaminski. Roman. 2003 Die Vermessung der Welt. Roman. 2005 Wo ist Carlos Montúfar? Über Bücher. 2005 Diese sehr ernsten Scherze. Poetikvorlesungen. 2007

Stimmen

Noch bevor Ebling zu Hause war, läutete sein Mobiltelefon. Jahrelang hatte er sich geweigert, eines zu kaufen, denn er war Techniker und vertraute der Sache nicht. Wieso fand niemand etwas dabei, sich eine Quelle aggressiver Strahlung an den Kopf zu halten? Aber Ebling hatte eine Frau, zwei Kinder und eine Handvoll Arbeitskollegen, und ständig hatte sich jemand über seine Unerreichbarkeit beschwert. So hatte er endlich nachgegeben, ein Gerät erworben und gleich vom Verkäufer aktivieren lassen. Wider Willen war er beeindruckt: Schlechthin perfekt war es, wohlgeformt, glatt und elegant. Und jetzt, unversehens, läutete es.

Zögernd hob er ab.

Eine Frau verlangte einen gewissen Raff, Ralf oder Rauff, er verstand den Namen nicht.

Ein Irrtum, sagte er, verwählt. Sie entschuldigte sich und legte auf.

Am Abend dann der nächste Anruf. «Ralf!» rief ein heiserer Mann. «Was ist, wie läuft es, du blöde Sau?»

«Verwählt!» Ebling saß aufrecht im Bett. Es war schon zehn Uhr vorbei, und seine Frau betrachtete ihn vorwurfsvoll.

Der Mann entschuldigte sich, und Ebling schaltete das Gerät aus.

Am nächsten Morgen warteten drei Nachrichten. Er hörte sie in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Eine Frau bat kichernd um Rückruf. Ein Mann brüllte, daß er sofort herüberkommen solle, man werde nicht mehr lange auf ihn warten; im Hintergrund hörte man Gläserklirren und Musik. Und dann wieder die Frau: «Ralf, wo bist du denn?»

Ebling seufzte und rief den Kundendienst an.

Seltsam, sagte eine Frau mit gelangweilter Stimme. So etwas könne überhaupt nicht passieren. Niemand kriege eine Nummer, die schon ein anderer habe. Da gebe es jede Menge Sicherungen.

«Es ist aber passiert!»

Nein, sagte die Frau. Das sei gar nicht möglich.

«Und was tun Sie jetzt?»

Wisse sie auch nicht, sagte sie. So etwas sei nämlich gar nicht möglich.

Ebling öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Er wußte, daß jemand anderer sich nun sehr erregt hätte – aber so etwas lag ihm nicht, er war nicht begabt darin. Er drückte die Auflegetaste.

Sekunden später läutete es wieder. «Ralf?» fragte ein Mann.

«Nein.»

«Was?»

«Diese Nummer ist … Sie wurde aus Versehen … Sie haben sich verwählt.»

«Das ist Ralfs Nummer!»

Ebling legte auf und steckte das Telefon in die Jackentasche. Die S-Bahn war wieder überfüllt, auch heute mußte er stehen. Von der einen Seite preßte sich eine fette Frau an ihn, von der anderen starrte ein schnurrbärtiger Mann ihn an wie einen verschworenen Feind. Es gab viel, das Ebling an seinem Leben nicht mochte. Es störte ihn, daß seine Frau so geistesabwesend war, daß sie so dumme Bücher las und daß sie so erbärmlich schlecht kochte. Es störte ihn, daß er keinen intelligenten Sohn hatte und daß seine Tochter ihm so fremd vorkam. Es störte ihn, daß er durch die zu dünnen Wände immer den Nachbarn schnarchen hörte. Besonders aber störten ihn die Bahnfahrten zur Stoßzeit. Immer so eng, immer voll, und gut gerochen hatte es noch nie.

Seine Arbeit aber mochte er. Er und Dutzende Kollegen saßen unter sehr hellen Lampen und untersuchten defekte Computer, die von Händlern aus dem ganzen Land eingeschickt wurden. Er wußte, wie fragil die kleinen denkenden Scheibchen waren, wie kompliziert und rätselhaft. Niemand durchschaute sie ganz; niemand konnte wirklich sagen, warum sie mit einemmal ausfielen oder sonderbare Dinge taten. Man suchte schon lange nicht mehr nach Ursachen, man tauschte einfach so lange Teile aus, bis das ganze Gebilde wieder funktionierte. Oft stellte er sich vor, wieviel in der Welt von diesen Apparaten abhing, von denen er doch wußte, daß es immer eine Ausnahme war und ein halbes Wunder, wenn sie genau das taten, was sie sollten. Abends im Halbschlaf beunruhigte ihn diese Vorstellung – all die Flugzeuge, die elektronisch gesteuerten Waffen, die Rechner in den Banken – manchmal so sehr, daß er Herzklopfen bekam. Dann fragte Elke ihn ärgerlich, warum er nicht ruhig liege, da könne man sein Bett ja ebensogut mit einer Betonmischmaschine teilen, und er entschuldigte sich und dachte daran, daß schon seine Mutter ihm gesagt hatte, er sei zu empfindsam.

Als er aus der Bahn stieg, läutete das Telefon. Es war Elke, die ihm sagte, er solle noch Gurken kaufen, heute abend auf dem Heimweg. Im Supermarkt in ihrer Straße gebe es die jetzt besonders billig.

Ebling versprach es und verabschiedete sich schnell. Das Telefon läutete wieder, und eine Frau fragte ihn, ob er sich das gut überlegt habe, auf so eine wie sie verzichte man nur, wenn man ein Idiot sei. Oder sehe er das anders?

Nein, sagte er, ohne nachzudenken, er sehe das genauso.

«Ralf!» Sie lachte.

Eblings Herz klopfte, sein Hals war trocken. Er legte auf.

Den ganzen Weg bis zur Firma war er verwirrt und nervös. Offensichtlich hatte der ursprüngliche Besitzer der Nummer eine ähnliche Stimme wie er. Wieder rief er beim Kundendienst an.

Nein, sagte eine Frau, man könne ihm nicht einfach eine andere Nummer geben, es sei denn, er bezahle dafür.

«Aber diese Nummer gehört jemand anderem!»

Unmöglich, antwortete sie. Da gebe es – 

«Sicherungen, ich weiß! Aber ich bekomme ständig Anrufe für … Wissen Sie, ich bin Techniker. Ich weiß, daß sich bei Ihnen dauernd Leute melden, die von nichts eine Ahnung haben. Aber ich bin vom Fach. Ich weiß, wie man –»

Sie könne gar nichts tun, sagte sie. Sie werde sein Anliegen weiterleiten.

«Und dann? Was passiert dann?»

Dann, sagte sie, werde man weitersehen. Aber dafür sei sie nicht zuständig.

An diesem Vormittag konnte er sich nicht auf die Arbeit konzentrieren. Seine Hände waren zittrig, und in der Mittagspause hatte er keinen Hunger, obwohl es Wiener Schnitzel gab. Die Kantine hatte nicht oft Wiener Schnitzel, und normalerweise freute er sich schon am Tag vorher darauf. Diesmal jedoch stellte er sein Tablett mit dem halbvollen Teller in die Stellage zurück, ging in eine stille Ecke des Eßsaals und schaltete sein Telefon ein.

Drei Nachrichten. Seine Tochter, die vom Ballettunterricht abgeholt werden wollte. Das überraschte ihn, er hatte gar nicht gewußt, daß sie tanzte. Ein Mann, der um Rückruf bat. Nichts an seiner Nachricht verriet, wem sie galt: ihm oder dem anderen. Und dann eine Frau, die ihn fragte, warum er sich so rar mache. Ihre Stimme, tief und schnurrend, hatte er noch nie gehört. Gerade als er ausschalten wollte, läutete es wieder. Die Nummer auf dem Bildschirm begann mit einem Pluszeichen und einer zweiundzwanzig. Ebling wußte nicht, welches Land das war. Er kannte fast niemanden im Ausland, nur seinen Cousin in Schweden und eine dicke alte Frau in Minneapolis, die jedes Jahr zu Weihnachten ein Foto schickte, auf dem sie grinsend ihr Glas hob. Auf die lieben Eblings stand auf der Rückseite, und weder er noch Elke wußte, wer von ihnen eigentlich mit ihr verwandt war. Er hob ab.

«Sehen wir uns nächsten Monat?» rief ein Mann. «Du bist doch auf dem Locarno-Festival? Die werden das nicht ohne dich durchziehen, nicht unter diesen Umständen, Ralf, oder?»

«Bin wohl dort», sagte Ebling.

«Dieser Lohmann. War ja zu erwarten. Hast du mit den Leuten von Degetel gesprochen?»

«Noch nicht.»

«Wird aber Zeit! Locarno kann uns sehr helfen, wie Venedig vor drei Jahren.» Der Mann lachte. «Und sonst? Clara?»

«Jaja», sagte Ebling.

«Du altes Schwein», sagte der Mann. «Ist ja unglaublich.»

«Finde ich auch», sagte Ebling.

«Bist du erkältet? Du klingst komisch.»

«Ich muß jetzt … was anderes machen. Ich rufe zurück.»

«Schon gut. Änderst dich nie, was?»

Der Mann legte auf. Ebling lehnte sich an die Wand und rieb seine Stirn. Er brauchte einen Moment, bis er sich wieder zurechtfand: Dies war die Kantine, rings um ihn aßen die Kollegen Schnitzel. Gerade trug Rogler ein Tablett vorbei.

«Hallo, Ebling», sagte Rogler. «Alles klar?»

«Na sicher.» Ebling schaltete das Telefon aus.

Den ganzen Nachmittag war er nicht bei der Sache. Die Frage, welcher Teil eines Computers defekt war und wie es zu den Fehlern hatte kommen können, die die Händler in ihren kryptischen Schadensmeldungen beschrieben – Kunde sagt, Resettaster betätigt wg. Abschalten kurz v. Displäy, aber zeigt Zerro an –, interessierte ihn heute einfach nicht. So fühlte es sich also an, wenn man etwas hatte, auf das man sich freute.

Er zögerte es hinaus. Das Telefon blieb ausgeschaltet, während er mit der S-Bahn nach Hause fuhr, es blieb ausgeschaltet, als er im Supermarkt Gurken kaufte, und auch während des Essens mit Elke und den zwei einander unter dem Tisch tretenden Kindern ruhte es in seiner Tasche, aber er konnte nicht aufhören, daran zu denken.

Dann ging er in den Keller. Es roch modrig, in einer Ecke stapelten sich Bierkisten, in einer anderen die Teile eines provisorisch zerlegten IKEA-Schranks. Ebling schaltete das Telefon ein. Zwei Nachrichten. Als er sie gerade anhören wollte, vibrierte das Gerät in seiner Hand: Jemand rief an.

«Ja?»

«Ralf.»

«Ja?»

«Was denn jetzt?» Sie lachte. «Spielst du mit mir?»

«Würde ich nie tun.»

«Schade!»

Seine Hand zitterte. «Du hast recht. Eigentlich würde ich … gerne mit dir …»

«Ja?»

«… spielen.»

«Wann?»

Ebling blickte sich um. Diesen Keller kannte er wie nichts anderes auf der Welt. Jeden Gegenstand hier hatte er selbst hingestellt. «Morgen. Du sagst, wann und wo. Ich bin da.»

«Ist das dein Ernst?»

«Finde es raus.»

Er hörte sie tief einatmen. «Im Pantagruel. Um neun. Du reservierst.»

«Mache ich.»

«Du weißt, daß es nicht vernünftig ist?»

«Wen interessiert das?» fragte Ebling.

Sie lachte, dann legte sie auf.

Diese Nacht faßte er zum ersten Mal seit langem wieder seine Frau an. Zunächst war sie nur verblüfft, dann fragte sie, was denn los sei mit ihm und ob er getrunken habe, dann gab sie nach. Lange dauerte es nicht, und während er sie noch unter sich spürte, war ihm, als täten sie etwas Ungehöriges. Ihre Hand klopfte an seine Schulter: Sie kriege keine Luft. Er entschuldigte sich, aber es dauerte noch ein paar Minuten, bevor er von ihr abließ und sich zur Seite rollte. Elke machte Licht, sah ihn vorwurfsvoll an und zog sich ins Badezimmer zurück.

Natürlich ging er nicht ins Pantagruel. Den ganzen Tag ließ er das Telefon ausgeschaltet, und um neun Uhr abends saß er mit seinem Sohn vor dem Fernseher und sah einem Fußballspiel der zweiten Liga zu. Er spürte ein elektrisches Prickeln, ihm war, als ob ein Doppelgänger von ihm, ein Vertreter seiner selbst in einem anderen Universum, gerade ein teures Restaurant aufsuchte und eine große, schöne Frau traf, die aufmerksam seinen Worten folgte, die lachte, wenn er etwas Geistreiches sagte, und deren Hand hin und wieder, wie aus Versehen, die seine berührte.

In der Halbzeit stieg er hinunter in den Keller und schaltete das Telefon ein. Keine Nachricht. Er wartete. Niemand rief an. Nach einer halben Stunde erst schaltete er es wieder aus und ging zu Bett; er konnte nicht mehr so tun, als ob das Fußballspiel ihn interessierte.

Er fand keinen Schlaf, und kurz nach Mitternacht stand er auf und tappte, barfuß und im Unterhemd, zurück in den Keller. Er schaltete das Telefon ein. Vier Nachrichten. Noch bevor er sie abhören konnte, kam ein Anruf.

«Ralf», sagte ein Mann. «Entschuldige, daß ich so spät … Ist aber wichtig! Malzacher besteht darauf, daß ihr euch übermorgen seht. Das ganze Projekt wackelt! Morgenheim wird auch dabei sein. Du weißt, was auf dem Spiel steht!»

«Mir egal», sagte Ebling.

«Bist du irre?»

«Wird sich herausstellen.»

«Du bist wirklich verrückt!»

«Morgenheim blufft», sagte Ebling.

«Mut hast du jedenfalls.»

«Ja», sagte Ebling, «den habe ich.»

Als er die Nachrichten anhören wollte, läutete es schon wieder.

«Das hättest du nicht tun sollen!» Ihre Stimme war heiser und gepreßt.

«Wenn du wüßtest», sagte Ebling. «Ich hatte einen schrecklichen Tag.»

«Lüg nicht.»

«Warum sollte ich lügen?»

«Das ist doch wegen ihr! Das geht doch … jetzt wieder … mit euch?»

Ebling schwieg.

«Gib es wenigstens zu!»

«Sei nicht albern!» Er fragte sich, welche der Frauen, deren Stimmen er kannte, sie wohl meinte. Er hätte gerne mehr über Ralfs Leben gewußt; schließlich war es zu einem kleinen Teil nun auch seins. Was tat Ralf wohl, wovon lebte er? Warum bekamen einige alles und andere wenig; manchen gelang so viel, anderen nichts, und mit Verdienst hatte das nichts zu tun.

«Entschuldige», sagte sie leise. «Es ist oft … schwer mit dir.»

«Das weiß ich.»

«Aber einer wie du … ist eben nicht wie die anderen.»

«Ich wäre gern wie alle», sagte Ebling. «Aber ich wußte nie, wie man das macht.»

«Also morgen?»

«Morgen», sagte Ebling.

«Wenn du wieder nicht kommst, ist es vorbei.»

Während er sich lautlos auf den Weg nach oben machte, dachte er darüber nach, ob es diesen Ralf wirklich gab. Plötzlich kam ihm unglaubhaft vor, daß Ralf da draußen existierte, seinen Angelegenheiten nachging und nichts von ihm wußte. Womöglich war Ralfs Dasein ja immer schon für ihn bestimmt gewesen, vielleicht hatte nur ein Zufall ihrer beider Schicksale vertauscht.

Es läutete erneut. Er hob ab, hörte ein paar Sätze und rief: «Absagen!»

«Bitte?» fragte eine erschrockene Frauenstimme. «Er ist extra angereist, wir haben so lang auf dieses Treffen hingearbeitet, damit –»

«Ich bin nicht auf ihn angewiesen.» Von wem mochte die Rede sein? Er hätte viel dafür gegeben, es zu wissen.

«Doch, das bist du!»

«Wird sich zeigen.» Eine Euphorie, wie er sie nie gekannt hatte, erfüllte ihn.

«Wenn du meinst.»

«Allerdings meine ich!»

Ebling mußte der Versuchung widerstehen, sich zu erkundigen, worum es überhaupt ging. Er hatte herausgefunden, daß er alles sagen konnte, solange er keine Fragen stellte, die Leute aber sofort Verdacht schöpften, wenn er etwas wissen wollte. Gestern hatte ihm eine Frau, deren rauhe Stimme ihm besonders gefiel, auf den Kopf zugesagt, daß er nicht Ralf sei – und zwar nur, weil er sich erkundigt hatte, wo in Andalusien sie denn eigentlich gewesen seien in jenem Sommer vor drei Jahren. So würde er wohl nie mehr über jenen Mann erfahren. Einmal war er vor dem Plakat des neuen Films mit Ralf Tanner stehengeblieben und hatte sich für ein paar schwindelerregende Sekunden vorgestellt, daß er womöglich die Telefonnummer des berühmten Schauspielers hatte, daß es dessen Freunde, Mitarbeiter und Geliebten waren, mit denen er seit einer Woche sprach. Möglich war es ja: Tanners Stimme und die seine waren sich ähnlich. Aber dann hatte er den Kopf geschüttelt und war schief lächelnd weitergegangen. Lange konnte es ohnehin nicht mehr dauern. Er machte sich keine Illusionen, früher oder später würde der Fehler korrigiert werden und das Telefon verstummen.

«Ach du schon wieder. Ich konnte nicht ins Pantagruel kommen. Sie ist wieder da.»

«Katja? Du meinst … du bist wieder mit Katja?»

Ebling nickte und schrieb den Namen auf ein Blatt Papier. Er vermutete, daß die Frau, mit der er sprach, Carla hieß, aber er hatte noch nicht genug Indizien, um es wagen zu können, sie so anzureden. Leider nannte niemand mehr am Telefon den eigenen Namen: Die Nummern wurden angezeigt, und jeder ging davon aus, daß der andere vor dem Abheben schon wußte, wer anrief.

«Das verzeihe ich dir nicht.»

«Es tut mir leid.»

«Blödsinn. Es tut dir nicht leid!»

«Nun ja.» Ebling lehnte sich lächelnd an die Seitenwand des IKEA-Schranks. «Vielleicht nicht. Katja ist erstaunlich.»

Sie schrie eine Weile. Sie fluchte und drohte, und dann weinte sie auch noch. Aber da es ja schließlich Ralf war, der dieses Chaos angerichtet hatte, mußte Ebling kein schlechtes Gewissen haben. Mit klopfendem Herzen hörte er ihr zu. Er war der Seele einer aufregenden Frau noch nie so nahe gekommen.

«Nimm dich zusammen!» sagte er scharf. «Es konnte nicht funktionieren, das weißt du genau!»

Nachdem sie aufgelegt hatte, stand er eine Weile mit sanftem Schwindelgefühl da und horchte in die Stille, als wäre irgendwo noch Carlas Schluchzen zu hören.

Als er in der Küche Elke begegnete, blieb er verwundert stehen. Für einen Moment war es ihm vorgekommen, als stamme sie aus einem anderen Dasein oder einem Traum, der mit dem wirklichen Leben nichts zu tun hatte. Auch diese Nacht zog er sie an sich, und auch diesmal gab sie zögernd nach, und währenddessen stellte er sich eine vor Leidenschaft hilflose Carla vor.

Am nächsten Tag, er war allein zu Hause, rief er zum ersten Mal eine der Nummern zurück. «Ich bin es. Wollte nur fragen, ob alles in Ordnung ist.»

«Wer ist denn dran?» fragte eine Männerstimme.

«Ralf!»

«Welcher Ralf?»

Ebling drückte schnell die Auflegetaste, dann versuchte er es mit einer anderen Nummer.

«Ralf, mein Gott! Ich habe gestern probiert, dich … Ich habe … Ich …»

«Langsam!» sagte Ebling, enttäuscht, daß es keine Frau war. «Was ist?»

«Ich kann so nicht weitermachen.»

«Dann hör auf.»

«Es gibt keinen Ausweg.»

«Es gibt immer einen.» Ebling mußte gähnen.

«Ralf, willst du mir etwa sagen, daß ich … endlich die Konsequenzen ziehen soll? Daß ich bis ans Ende gehen muß?»

Ebling schaltete durch die Fernsehkanäle. Aber er hatte kein Glück, überall schien es nur Volksmusik zu geben und Tischler, die Holzplatten bearbeiteten, und Wiederholungen von Serien aus den achtziger Jahren: die Trübseligkeit des Nachmittagsprogramms. Wieso konnte er das eigentlich sehen, warum war er zu Hause und nicht bei der Arbeit? Er wußte es nicht. War es möglich, daß er einfach vergessen hatte hinzugehen?

«Ich schlucke die ganze Schachtel!»

«Ja, nur zu.» Ebling griff nach dem Buch, das auf dem Tisch lag. Der Weg des Selbst zu seinem Selbst von Miguel Auristos Blancos. Auf dem Umschlag eine Sonnenscheibe. Es gehörte Elke. Mit spitzen Fingern legte er es weg.

«Dir fällt immer alles zu, Ralf. Du bekommst alles. Du hast keine Ahnung, was es heißt, immer der Zweite zu sein. Immer einer von vielen, immer dritte Wahl. Du kennst das nicht!»

«Das stimmt.»

«Ich tue es wirklich!»

Ebling schaltete das Telefon aus, für den Fall, daß der armselige Mensch ihn zurückrufen würde.

In dieser Nacht träumte er von Hasen. Sie waren groß, sie waren nicht putzig anzusehen, sie kamen aus dichtem Waldgestrüpp, sahen mehr wie dreckige Lumpenwesen aus als wie die netten Kerlchen aus dem Zeichentrickfilm und blickten ihn mit glimmenden Augen an. Hinter ihm im Dickicht krachte etwas, er fuhr herum, aber seine Bewegung störte alles auf, die Wirklichkeit zerrann, und er hörte Elke sagen, es sei ja nicht auszuhalten, wie könne einer so laut atmen, sie wolle endlich ihr eigenes Schlafzimmer.

Vom nächsten Morgen an war das Telefon stumm. Er wartete und horchte, aber es wollte nicht läuten. Als es dann endlich doch am frühen Nachmittag läutete, war bloß sein Chef in der Leitung, der wissen wollte, warum er denn nicht gekommen sei in den letzten zwei Tagen, was ihm fehle und ob womöglich seine Krankschreibung verlorengegangen sei. Ebling entschuldigte sich und hustete zur Bekräftigung, und als sein Chef sagte, es sei ja nicht schlimm, das komme vor, keine Aufregung, er sei doch ein verdienter Mitarbeiter, und man wisse, was man an ihm habe, stiegen ihm vor Wut die Tränen in die Augen.

Am nächsten Tag sabotierte er drei Computer und stellte eine Festplatte so ein, daß sich genau einen Monat später alle Daten darauf löschen würden. Das Telefon schwieg.

Ein paarmal war er nahe daran, eine der Nummern anzurufen. Sein Daumen lag auf der Wähltaste, und er stellte sich vor, daß nur ein Moment ihn davon trennte, wieder eine jener Stimmen zu hören. Wäre er mutiger gewesen, er hätte den Knopf gedrückt. Oder irgendwo Feuer gelegt. Oder nach Carla gesucht.

Wenigstens gab es zu Mittag Wiener Schnitzel. Zweimal in acht Tagen – ein seltener Glücksfall. Ihm gegenüber saß Rogler und kaute entschlossen. «Der neue E14», sagte er mit vollem Mund. «Da wird man ja wahnsinnig. Bei dem funktioniert noch gar nichts. Wer den kauft, ist selbst schuld.»

Ebling nickte.

«Aber was soll man machen?» rief Rogler. «Er ist neu. Ich will ihn auch haben! Es gibt doch sonst nichts.»

«Das stimmt», sagte Ebling. «Es gibt sonst nichts.»

«He», sagte Rogler. «Hör auf, dein Telefon anzustarren.»

Ebling zuckte zusammen und steckte es in die Tasche.

«Vor kurzem wolltest du noch gar keins, und jetzt machst du keinen Schritt mehr ohne. Aber entspann dich, so dringend ist sicher nichts.» Rogler zögerte einen Moment. Er schluckte, dann schob er sich ein Stück Schnitzel in den Mund. «Versteh das jetzt bitte nicht falsch. Aber wer sollte dich schon anrufen?»

In Gefahr

«Ein Roman ohne Hauptfigur! Verstehst du? Die Komposition, die Verbindungen, der Bogen, aber kein Protagonist, kein durchgehender Held.»

«Interessant», sagte Elisabeth müde.

Er sah auf die Uhr. «Wieso haben wir schon wieder Verspätung? Gestern war es genauso, was machen die nur, wieso passiert das immer wieder?»

«Das passiert eben.»

«Hast du gesehen, der Mann da drüben sieht aus wie ein Hund auf zwei Beinen! Aber woher kommen diese Verspätungen, warum kann man nicht einmal, als Versuch nur, einfach so, warum kann man nicht einmal pünktlich abfliegen?»

Sie seufzte. In der Wartehalle waren über zweihundert Menschen. Viele schliefen, ein paar lasen in schlecht gedruckten Zeitungen. Von der Wand grinste das Porträt eines bärtigen Politikers unter einer sehr bunten Fahne. In einem Kiosk lagen Magazine, Krimis, Lebenshilfebücher von Miguel Auristos Blancos und Zigaretten aus.

«Glaubst du, diese Maschinen sind sicher? Ich meine, das sind doch alte Flugzeuge, die ihnen die Europäer verkaufen. Die dürfen bei uns gar nicht mehr aufsteigen, das ist kein Geheimnis, oder?»

«Nein.»

«Bitte?»

«Das ist kein Geheimnis.»

Leo rieb sich die Stirn. Er räusperte sich, öffnete und schloß den Mund, schneuzte sich umständlich. Dann sah er sie mit wäßrigen Augen an. «War das ein Scherz?»

Sie antwortete nicht.

«Das hätten die mir vorher sagen müssen, die hätten mich doch nicht einladen dürfen, ich meine, gibt es da keine Regeln? Die können mich nicht einladen, wenn das nicht sicher ist! Hast du die Frau da drüben gesehen, die schreibt gerade etwas auf. Warum? Was schreibt die? Aber sag, du hast doch einen Scherz gemacht, diese Maschinen sind nicht wirklich gefährlich, oder?»

«Nein, nein», sagte sie. «Keine Angst.»

«Das sagst du jetzt nur, um mich zu beruhigen!»

Sie schloß die Augen.

«Das wußte ich. Das sehe ich doch. Schau mal da drüben! Wenn das hier eine Geschichte wäre, würden wir zu dieser Gruppe gehören, und vor dem Abflug würde man uns vergessen. Wer weiß, was draus werden könnte!»

«Was sollte schon draus werden? Wir würden die nächste Maschine nehmen.»

«Wenn es eine gibt!»

Elisabeth schwieg. Sie hätte gerne geschlafen, es war noch früh, aber sie wußte, das würde er erst nach der Landung zulassen. Den ganzen Flug über würde sie ihm erklären müssen, daß Fliegen ganz ungefährlich und kein Absturz zu befürchten sei. Danach müßte sie sich ums Gepäck kümmern, und im Hotel wäre es an ihr, mit dem Rezeptionisten zu sprechen und dafür zu sorgen, daß der Zimmerservice etwas brachte, das auch Leo mit seinen kindischen Eßgewohnheiten für genießbar hielt. Und am späten Nachmittag hätte sie sicherzustellen, daß Leo bereit war, wenn man ihn zu seinem Vortrag abholte.

«Ich glaube, es geht los!» rief er.

Vorne am Ausgang der Halle hatte eine junge Frau Posten an einem der Stehpulte bezogen. Einige Leute standen auf, rafften ihr Gepäck zusammen und schlurften hinüber.

«Das dauert noch», sagte Elisabeth.

«Wir versäumen den Flug!»

«Sie fangen gerade erst an. Das dauert noch eine halbe Stunde.»

«Die fliegen ohne uns!»

«Warum bitte sollten sie –»

Aber er war schon aufgesprungen und stellte sich an. Sie verschränkte die Arme und sah zu, wie seine schmale Gestalt langsam vorrückte. Schließlich war er an der Reihe, zeigte seine Bordkarte und verschwand im Gang zum Flugzeug. Sie wartete. Fünfzehn, zwanzig, dreißig Minuten vergingen, immer noch wurden Passagiere abgefertigt. Als niemand mehr dastand, erhob sie sich und war Sekunden später in der Maschine. Sie schob sich durch den Mittelgang und setzte sich neben Leo.