Ruhm von Daniel Kehlmann. Königs Erläuterungen. - Daniel Kehlmann - E-Book

Ruhm von Daniel Kehlmann. Königs Erläuterungen. E-Book

Daniel Kehlmann

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Beschreibung

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 145




KÖNIGS ERLÄUTERUNGEN

Band 351

Textanalyse und Interpretation zu

Daniel Kehlmann

RUHM

Rüdiger Bernhardt

Alle erforderlichen Infos für Abitur, Matura, Klausur und Referat plus Musteraufgaben mit Lösungsansätzen

Zitierte Ausgabe: Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2010, 30. Auflage 2018, Nr. 24926 (seitenidentisch mit der Hartcoverausgabe von 2009).

Über den Autor dieser Erläuterung: Prof. Dr. sc. phil. Rüdiger Bernhardt lehrte neuere und neueste deutsche sowie skandinavische Literatur an Universitäten des In- und Auslandes. Er veröffentlichte u. a. Studien zur Literaturgeschichte und zur Antikerezeption, Monografien zu Henrik Ibsen, Gerhart Hauptmann, August Strindberg, Peter Hille und Julius Mosen, gab die Werke Ibsens, Peter Hilles, Hermann Conradis und anderer sowie zahlreiche Schulbücher heraus. Von 1994 bis 2008 war er Vorsitzender der Gerhart-Hauptmann-Stiftung Kloster auf Hiddensee. 1999 wurde er in die Leibniz-Sozietät gewählt, 2018 erhielt er den Vogtländischen Literaturpreis.

1. Auflage 2019

ISBN 978-3-8044-7048-4

© 2019 by Bange Verlag GmbH, 96142 Hollfeld Alle Rechte vorbehalten! Titelabbildung: Heino Ferch als Ralf Tanner in der Verfilmung von 2012© Little Shark Entertainment

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INHALT

1. Das Wichtigste auf einen Blick – Schnellübersicht

2. Daniel Kehlmann: Leben und Werk

2.1 Biografie

2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Daniel Kehlmanns Verhältnis zur Geschichte

Revolution der Medien

Literarische Traditionen

Kehlmanns Meinung zu Bertolt Brecht

2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken

3. Textanalyse und -Interpretation

3.1 Entstehung und Quellen

3.2 Inhaltsangabe

Die Romankapitel in ihrer Abfolge

1. Geschichte: Stimmen

2. Geschichte: In Gefahr

3. Geschichte: Rosalie geht sterben

4. Geschichte: Der Ausweg

5. Geschichte: Osten

6. Geschichte: Antwort an die Äbtissin

7. Geschichte: Ein Beitrag zur Debatte

8. Geschichte: Wie ich log und starb

9. Geschichte: In Gefahr

Dreiergruppen der Geschichten unter dem Aspekt des Spiels

1. Gruppe: Geschichten 1, 4, 8: das Spiel mit Identitäten

2. Gruppe: Geschichten 2, 5, 9: das Spiel mit Wirklichkeiten

3. Gruppe: Geschichten 3, 6, 7: das Spiel mit Biografien

3.3 Aufbau

Gattung und Titel

Der Prolog und der erste Satz

Der Erzähler

Handlungsablauf

Spiegel, Spiegelbild, Kaleidoskop

Zahlensymbolik, Zahlenmystik

Romantik und romantische Requisiten

Ironie

Satire und Karikatur

3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken

Ebling (Techniker)

Leo Richter (Schriftsteller)

Elisabeth (Ärztin)

Rosalie (ehemalige Lehrerin, fiktive Figur Richters)

Ralf Tanner (Schauspieler)

Maria Rubinstein (Krimiautorin)

Miguel Auristos Blancos (Bestsellerautor)

Mollwitz (Blogger und Troll)

„Boss“ von Mollwitz (Ehebrecher)

Lara Gaspard (Ärztin und fiktive Figur Richters)

Ein dünner Mann

3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen

3.6 Stil und Sprache

Wortfelder

Klimax

Sprachgeschehen

Sprachliche Versatzstücke

Stilistik des Widerspruchs

3.7 Interpretationsansätze

Wirklichkeits- und Identitätsverlust durch mobile Kommunikation

Der Begriff Ruhm

Identitätstausch, Technik und Kunst

Doppelbilder und Doppelgänger

4. Rezeptionsgeschichte

5. Materialien

6. Prüfungsaufgaben mit Musterlösungen

Aufgabe 1 **

Aufgabe 2 ***

Aufgabe 3 **

Aufgabe 4 ***

Literatur

Zitierte Ausgabe

Primärliteratur

Interviews und Reden Daniel Kehlmanns

Sekundärliteratur

Verfilmung

1. Das Wichtigste auf einen Blick – Schnellübersicht

Damit sich jeder Leser in diesem Band zurechtfindet und das für ihn Interessante gleich entdeckt, folgt eine Übersicht.

Im 2. Kapitel wird Daniel Kehlmanns Biografie beschrieben und auf denzeitgeschichtlichen Hintergrund verwiesen:

Daniel Kehlmann wurde 1975 in München geboren und wuchs in Wien auf. Mit dem Roman Die Vermessung der Welt (2005) schrieb der deutsch-österreichische Autor einen Weltbestseller, es folgte Ruhm mit einem ebenfalls überwältigenden Erfolg.

Seine Gestalten in Ruhm leiden nicht an vergangenen Ereignissen oder ihrer Familiengeschichte, sondern an der überbordenden Herrschaft der medialen Kommunikation (Internet, Handy, E-Mail, iPod) über den Menschen in der Gegenwart, der damit verbundenen Fragwürdigkeit von Ort und Zeit und der Austauschbarkeit der Individualität.

Ruhm beschreibt die zunehmende Verunsicherung des Menschen und wie sich unter dem Einfluss der medialen Techniken nachdrücklich das Leben ändert.

Der Mensch erlebt dadurch einen Höhepunkt der Entfremdung, da er nicht mehr die ihm übertragene und anvertraute Arbeit durchschaut, versteht und bewältigen kann; Ergebnisse sind Zufall.

Symbole der Entfremdung sind Spiegel (Wandspiegel) und Doppelgänger.

Die Technik beginnt, den Menschen zu beherrschen.

Ruhm – Entstehung und Quellen:

Vier Jahre nach dem Welterfolg Die Vermessung der Welt erschien 2009 Daniel Kehlmanns Roman Ruhm, der sich auf den Umgang mit Wirklichkeit, Fiktion und Kunst unter dem Einfluss der modernen Kommunikationstechnik konzentriert. Die verwirrenden technischen Möglichkeiten führen bis zum Zerfall bzw. zur Verdopplung von Gestalten. Eine Vorstufe war die Geschichte Sein Porträt (2008). In dem Roman beschäftigt sich Kehlmann mit literarischen Traditionen von Franz Kafka bis Ernest Hemingway.

Inhalt:

Neun Geschichten „ohne Hauptfigur“ (25) sind miteinander durch „Komposition“ (Handlungselemente), „Verbindungen“ (Personen) und einen „Bogen“ (die Austauschbarkeit der Individualitäten) verbunden. Indem Gestalten und Vorgänge auf hervorstechende Merkmale konzentriert wurden, entstehen statt plastischer Menschen und Handlungen Spielfiguren und -abläufe.

Chronologie und Schauplätze:

Die Handlungszeit der neun Geschichten ist um das Jahr 2000 – die Ärzte ohne Grenzen sind seit 1971 im Einsatz, Sterbehilfe in der Schweiz gibt es seit 1998 –, die realen Handlungsorte befinden sich in Deutschland, Südamerika, der Schweiz, Asien und Afrika. Es werden auch fiktive Handlungen verbreitet (aus Paris, Madrid, Berlin, Chicago, Caracas; 174), um ein anderes Leben führen zu können

Aufbau:

Traditionelle Gattungsbegriffe (Roman, Erzählung) werden in Frage gestellt.

Die neun Geschichten sind vielfältig miteinander verzahnt und durch einen Prolog Stimmen eröffnet.

Mit zahlreichen künstlerischen Mitteln (Spiegelbild, Doppelgänger, Zahlensymbolik usw.) werden Beziehungsgeflechte und Parallelgesellschaften entwickelt.

Ironie, Satire und Karikatur spitzen Vorgänge zu.

Bezüge zur Romantik und Verwendung romantischer Requisiten mit Gegenposition

Personen:

Ebling, Techniker

Leo Richter, Schriftsteller

Elisabeth, Ärztin

Rosalie, Lehrerin und fiktive Figur Richters

Ralf Tanner, Schauspieler

Maria Rubinstein, Krimiautorin

Miguel Auristos Blancos, Schriftsteller von Lebensratgebern

Mollwitz, Mitarbeiter in einer Telekommunikationsfirma

„Boss“ von Mollwitz, Abteilungsleiter in einer Telekommunikationsfirma, lebt mit zwei Frauen

Lara Gaspard, Ärztin und fiktive Figur Richters

ein dünner Mann, merkwürdige Gestalt mit teuflischen Attributen

Stil und Sprache in Ruhm:

Wortfelder begleiten die Texte.

Einzelne Sprachporträts fallen aus dem Rahmen (Mollwitz u. a.)

Die Sprache ist nüchtern, klar und objektbezogen.

Interpretationsansätze:

Technik beunruhigt, ist „kompliziert und rätselhaft“, „niemand durchschaute sie ganz“ (9 f.).

Ein Höhepunkt der Entfremdung wird erreicht, da der Mensch nicht mehr die ihm übertragene und anvertraute Arbeit völlig beherrscht; Ergebnisse sind Zufall.

Ein weiteres Thema ist die Begegnung von Technik (Kommunikationstechnik) mit Kunst (vorwiegend Literatur und darstellende Kunst).

Diese Themen werden in einem Spannungsrahmen von Doppelbildern und Doppelgängern behandelt.

Rezeptionsgeschichte:

Der Roman stellt die Bedrohung des Menschen durch eine technische Lebenswelt dar, „der wir nicht entkommen können“[1].

Ruhm wurde zuerst weitgehend zustimmend aufgenommen, doch stellten sich auch kritische bis ablehnende Stimmen ein.

Eine orientierende Überschau gab Felicitas von Lovenberg, in der sensibel die unterschiedlichen Möglichkeiten der Bewertung angesprochen wurden.

2. Daniel Kehlmann: Leben und Werk

Daniel Kehlmann (geb. 1975) © ullstein bild – Sven Simons

2.1 Biografie

JAHR

ORT

EREIGNIS

ALTER

1975

München

Daniel Kehlmann am 13. Januar als Sohn des in Wien geborenen Regisseurs Michael Kehlmann (1927–2005) und der Schauspielerin Dagmar Mettler geboren. K. besitzt die deutsche und die österreichische Staatsangehörigkeit. Kindheit in einem großbürgerlichen Künstlerhaushalt. „Großvater väterlicherseits, Eduard Kehlmann, ein getaufter Jude“, war der Autor zweier expressionistischer Romane.[2]

1981

Wien

Umzug der Familie, da der Vater das Theater in der Josefstadt leiten soll, Intrigen verhindern das.

6

1991

Wien

Begeisterung für E. L. Doctorows Roman Billy Bathgate; beginnt seine Romanvorstellungen zu entwickeln.

16

Wien

Schulabschluss am Kollegium Kalksburg, eine Jesuitenschule.

Wien

Studium der Philosophie und Germanistik. Promotion über Immanuel Kant abgebrochen.

1997

Wien

Erster Roman: Beerholms Vorstellung. Darin beschreibt er sein Verhältnis zur Zauberkunst.

2001

Mainz

Gastdozent für Poetik an der Universität.

26

2005

Reinbek bei Hamburg

Der Roman Die Vermessung der Welt wird ein Welterfolg, allein im deutschsprachigen Raum ca. 2,5 Millionen Exemplare. Übersetzungen in 40 Sprachen.

30

Berlin-Kreuzberg

Zweiter Wohnsitz neben Wien.

2005/06

Wiesbaden

Poetik-Dozentur an der Fachhochschule.

31

2006

Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, Heimito von Doderer-Literaturpreis, Kleist-Preis.

31

2007

Astana

Über Weihnachten zu Besuch bei seiner Frau, einer spanischen Diplomatin, in Kasachstan, wo sie seinerzeit arbeitete. WELT-Literaturpreis.

32

2008

Augsburg

Per-Olov-Enquist-Preis, Thomas-Mann-Preis.Die Vermessung der Welt (Hörspiel –Regie: Alexander Schuhmacher, Sprecher: Michael Rotschopf u. a.). Juli: Eröffnungsrede des Festivals Augsburg Brecht Connected.

33

2009

Reinbek bei Hamburg

19. Januar: Der RomanRuhmerscheint. Wird in kurzer Zeit ebenfalls zum Bestseller: Mitte Februar bereits 300.000 verkaufte Exemplare.

34

Salzburg

Festrede zu den Salzburger Festspielen: K. wendet sich gegen das Regietheater und bis zur Unkenntlichkeit verfremdete Stoffe und fordert stattdessen „Enthüllung“, große Diskussion.

2010

Tübingen

Gast der Poetik-Dozentur (mit Jonathan Franzen und Adam Haslett).

35

2010

Reichenau

Festspiele: Uraufführung der Dramatisierung vonRuhm. Bearbeitung: Anna Maria Krassnigg.

35

Köln

Dezember: Literator Dozent für Weltliteratur am IK Morphomata der Universität.

35

2011

Frankfurt a.M.

In der F.A.Z. bekennt er sich zu E. L. Doctorow, Verfasser von Billy Bathgate und Ragtime.

36

2012

New York

Gastprofessur am German Department der Universität, Nestroy-Theaterpreis für Geister in Princeton.

37

2013

Roman F, wird schnell zum Bestseller.

2014

Frankfurt a.M.

Poetik-Vorlesungen an der J.-W.-Goethe-Universität. Erscheinen unter dem Titel Kommt, Geister.

39

Mainz, Hamburg, Darmstadt

Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur, der Freien Akademie der Künste Hamburg und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

2017

Reinbek bei Hamburg

Roman Tyll; Lesereise damit in Frankfurt a. M., Köln, Lüneburg, Hamburg, München, Berlin und Göttingen.

42

2018

Frank-Schirrmacher-Preis.

43

New York

Fellow am Cullman Center for Writers and Scholars der New York Public Library.

Wien

6. September, Theater in der Josefstadt, Uraufführung: Die Reise der Verlorenen.

Homburg

Friedrich-Hölderlin-Preis.

Linz

Brucknerfest – Festrede; K. kritisiert die Regierung des österreichischen Bundeskanzlers Kurz wegen ihrer Flüchtlingspolitik und erinnert an die im Dritten Reich geflüchteten Österreicher.

2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

ZUSAMMENFASSUNG

Daniel Kehlmann ist Jahrgang 1975 und hat daher wesentliche Erfahrungen des 20. Jahrhunderts nicht persönlich machen können. Andererseits begreift er Historisches als aktuell und stellt sich damit in die Reihe der Schriftsteller, die Literatur über die ästhetische Anlage hinaus als Dokumentation eines sowohl nationalen als auch weltweiten Geschichtsverlaufes begreift, eine Haltung, die im 19. Jahrhundert im Umkreis der Realisten aufkam.

Für Daniel Kehlmann sind literarische Traditionen wichtig, einerseits indem er sie bewusst gerade nicht bedient, andererseits weil er sich auf sie beruft. Literatur nimmt bei Kehlmann teilweise die Stelle des Wirklichkeitserlebnisses ein. Zeitereignisse sind für ihn Literaturereignisse, die von der Huldigung der lateinamerikanischen Literatur bis zur Abwertung von Bertolt Brecht reichen.

Daniel Kehlmanns Verhältnis zur Geschichte

Kehlmanns Geburtsjahr 1975 ist Orientierung: Für den deutsch-österreichischen Schriftsteller sind Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit, Gründungen zweier deutscher Staaten und anderes kaum von Bedeutung, mindestens nicht als persönlich erlebte Vorgänge. In einem 2018 geführten Gespräch konstatiert er unter Anspielung auf das Ende des Kalten Krieges und die deutsche Wiedervereinigung vielmehr: Die Welt, als er sie bewusst wahrzunehmen begann, „wurde erst einmal (…) besser, demokratischer und fortschrittlicher“[3]. Historisches spielt in seinen Werken, die sich aktuellen Themen widmen, nur dann eine Rolle, wenn ein Schicksal aus der Vergangenheit sich als aktuell relevant erweist (allerdings betont er in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen Kommt, Geister von 2014 ausführlich die Bedeutung der gesellschaftskritischen Nachkriegsliteratur für die Aufarbeitung der NS-Zeit). Das trifft zum Beispiel bei seinen Überlegungen zum Schicksal seines Vaters Michael Kehlmann zu, der während der NS-Zeit Häftling in einem Nebenlager des Konzentrationslagers Mauthausen war. Der Sohn gab seiner Rede, in der er 2018 über das Schicksal des Vaters sprach, den Titel „Es ist gerade erst geschehen“[4].

Geschichte ist für Daniel Kehlmann Gegenwart, wie er gerade im Zusammenhang mit seinem jüngsten Roman Tyll, der während des Dreißigjährigen Krieges spielt, mehrfach betonte:

„Ich bin immer wieder überrascht, wie nah uns historische Ereignisse sind. Es ist überraschend, aber sechs Generationen reichen, und man ist bei jemandem, der Napoleon gekannt hat. (…) Die Welt war so anders, aber all das ist uns zeitlich näher, als man denkt.“[5]

Auch die gesellschaftsverändernden Auswirkungen der Programme und Politik der Achtundsechziger sind für ihn zur selbstverständlichen Gegenwart geworden; die europäischen Veränderungen und die deutsche Wiedervereinigung 1990 erlebte er als Jugendlicher. So bietet sich Daniel Kehlmann eine Welt mit mancherlei Vorzügen, in der er jedoch auch apokalyptische Züge entdeckt, die er einerseits aus historischem Wissen erklärt, andererseits aus der fortwährenden technologischen Entwicklung. In dieser sieht er durchaus auch eine ferne Möglichkeit, dass die menschliche Intelligenz einmal von einer technischen abgelöst wird, dass „auf die zellenbasierte Intelligenz eine silikonbasierte folgt“[6].

Revolution der Medien

Das prägende Erlebnis wurden für Daniel Kehlmann die Revolutionierung der Medien (Internet, Handy, E-Mail, iPod) und die inflationistischen Veränderungen durch die Kommunikationstechnik seit Ende des 20. Jahrhunderts, die das Leben grundsätzlich verändert haben. In der 8. Geschichte von Ruhm wird dieser Unterschied auf eine einfache Formel gebracht: „Wirkliche und festgesteckte Plätze im Raum, die gab es, bevor wir kleine Funkgeräte hatten und Briefe schrieben, die in der Sekunde des Abschickens schon am Ziel sind.“ (173)

Parallel zu Kehlmanns Kindheit und Jugend entwickelte sich die Technik des Mobiltelefons, die um 1990 einen ersten Höhepunkt erreichte. Aufgrund der technologischen Entwicklungen sieht Kehlmann eine globale Entwicklung das Individuum bedrohen: die Entpersönlichung des Menschen. Er weiß sich damit im Einvernehmen mit dem US-Autor Jonathan Franzen (Die Korrekturen, 2001), der dieser Technik ebenfalls misstrauisch gegenübersteht. Ein anderes Thema Kehlmanns entwickelte sich im Schatten dieser Thematik: Die Gefährdung des Individuums erscheint zwar als ein von den neuen Medien und sozialen Netzen bestimmter Vorgang. Aber an den schrecklichen Vernichtungsszenarien der Menschheit um des ökonomischen Vorteils willen, hat sich auch nach Ende des Kalten Krieges nichts geändert. Krieg erscheint als gefährlichstes, aber auch bedrohlichstes Mittel, wie der Roman Tyll thematisiert. Durch die neuen Medien wird der Krieg nur noch technisierter und „unmenschlicher“.

Die Veränderungen in der Kommunikationstechnik sind jedoch nur ein Teil der gewaltigen Veränderungen, die sich durch die Automatisierung der Industrie, aber auch der sozial-gesellschaftlichen Vorgänge vollzogen haben. Kehlmann vergleicht diesen Vorgang mit der Verwirrung, die mit der Erfindung der Druckerpresse (um 1440) entstanden sei und die dadurch massenhaft möglichen Flugschriften. Damals wie heute seien die Menschen nicht in der Lage gewesen, mit dem neuen Medium „ganz umzugehen“, Hetze und Hass entstanden, damals durch Flugschriften und heute etwa durch die Newsfeeds bei Facebook, man denke etwa an die Debatte über Fake News. In beiden Fällen haben die Menschen erst allmählich Wahrheit und Lüge unterscheiden gelernt. Standards hätten sich später gebildet oder würden sich bilden: „Ein Teil der Verwirrung und Wut, die wir derzeit überall sehen, hat damit zu tun, dass wir gerade erst lernen, mit einem neuen Massenmedium umzugehen.“[7]

In Kehlmanns Roman Ruhm werden unterschiedliche Stufen dieses Lernprozesses miteinander konfrontiert: Stellen einige Geschichten den inzwischen erreichten europäischen Standard der Kommunikation aus (Stimmen, Ein Beitrag zur Debatte, Wie ich log und starb), so wird in anderen noch der Gegensatz von Kommunikationsferne einerseits und notwendiger höchster Kommunikationsmöglichkeit andererseits gegenübergestellt (In GefahrI, In GefahrII). Eine Geschichte beschreibt, wie sich beides auch heute noch ausschließen kann (Osten). Durch diese Kommunikationsmedien erhöht sich in Teilen der Welt  die Automatisierung der Industrie, die zu Massenproduktion und Überproduktion führt, in deren Gefolge andererseits in bestimmten Teilen der Welt die Armut sich verschlimmert, dort aber auch diese Modernität der Kommunikation weder vorhanden noch entwickelt ist.

Literarische Traditionen

Als passionierter Leser sucht Daniel Kehlmann seine Lektüre beim kritischen Realismus und bekennt sich, beispielhaft, zu Leo Tolstoi. Doch nennt der Autor noch zahlreiche weitere Vorbilder, so Leo Perutz (1882–1957), Franz Kafka (1883–1924) und Ernest Hemingway (1899–1961), aber auch Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1621–1676) und den bedeutenden Wiener Sprach- und Medienkritiker Karl Kraus (1874–1936). Ebenfalls hier anführen lassen sich sagenhafte Gestalten, die Kehlmann literarisch produktiv gemacht hat, wie Till Eulenspiegel (Tyll), oder Autorengrößen, mit denen er sich in Vorträgen und Essays beschäftigt hat, von Ingeborg Bachmann, Günter Grass und Vladimir Nabokov über Shakespeare bis hin zu Vertretern der aktuellen südamerikanischen Literatur und sogar J. R. R. Tolkien. Nimmt man noch hinzu, welche Autoren die Sekundärliteratur Kehlmann vergleichend zuordnet – von den Italienern Luigi Pirandello (Sechs Personen suchen einen Autor, UA 1921) und Italo Calvino bis zu Philip Roth, dessen Lektüre Kehlmann zusätzlich zu Ruhm angeregt habe[8]