Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Fremdsprachen Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2010

Runaway E-Book

Oscar Hijuelos

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E-Book-Beschreibung Runaway - Oscar Hijuelos

Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011!Harlem in den späten 60er Jahren. Rico hat die Nase voll. Er ist es leid, von den Latinos nicht anerkannt zu werden, weil er so helle Haare und eine helle Haut hat. Und er ist es leid, von den Schwarzen als Weißer verprügelt zu werden. Um dem Ärger aus dem Weg zu gehen, lässt er sich immer seltener in der Schule blicken. Als seine Eltern ihn deswegen auf eine Militärakademie schicken wollen, haut er ab …Pulitzer-Preisträger Oscar Hijuelos erschafft in seinem ersten Roman für junge Leser einen Helden, der mit seiner Suche nach Identität und dem Sinn des Lebens zum Spiegelbild des Lesers wird.

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E-Book-Leseprobe Runaway - Oscar Hijuelos

Oscar Hijuelos

Runaway

Herausgegeben von Tilman Spreckelsen

Roman

Aus dem Amerikanischen von Günter Ohnemus

Fischer e-books

FISCHER – DIE BÜCHER MIT DEM BLAUEN BAND

Für Lori Carlson

Teil 1Vor dem Haus

DARK DUDEI. Von Farbigen benutzte Bezeichnung für einen Jungen oder Mann mit heller Hautfarbe (umgangssprachlich, Harlem 1965–1979). 2. Jemand, der wegen seiner hellen Haut mit Misstrauen betrachtet wird, besonders in kriminellen Kreisen. 3. Jemand, der nicht als clever gilt, nicht als »streetwise«. 4. Ein Weißer, der nicht als »hip« gilt. Vergl. »spießig« »Uncool«. 5. Ein Außenseiter, besonders aus der Sicht von Ghettobewohnern.

THE DICTIONARY OF AMERICAN SLANG

Eins

Also, wenn es auch immer heißt, dass das Leben beschissen sein kann, hat man in Wirklichkeit noch nicht mal die Hälfte von diesem Spruch kapiert, bevor man nicht ein Plumpsklo ausgeräumt hat. Das war jetzt das vierte Mal in zwölf Monaten, dass ich mich da reingekniet habe, in den ganzen Mansch und alles – und ich hatte die Schnauze voll. Aber ich hab es für meinen alten Kumpel aus unserer alten Gegend getan, für Gilberto, und das nicht bloß, weil er mir sonst eins über den Schädel gegeben hätte, sondern als Dank dafür, dass er mich so lange auf seiner Farm wohnen ließ. Ganz richtig, auf einer Farm.

Aber egal, ich will euch jetzt erzählen, wie ein Typ aus New York City, nämlich ich, fast um die Ecke von seinem Zuhause gelandet ist, nur ungefähr tausend Meilen entfernt, in Wisconsin.

 

Erst mal müsst ihr jetzt Musik hören – nichts mit schmalzigen Geigen und Trompeten, sondern vielleicht ein bisschen coolen Motownsound –, also was viel Besseres als dieses flache Countrygedudel und Polkazeugs, das hier draußen die Radios überschwemmt, so dass man wie verrückt am Knopf drehen muss, wenn man mal was anderes hören will. Und dann müsst ihr euch vorstellen, dass die Zeit zurückläuft, dass alles zurückgespult wird, nicht bis zu den Dinosauriern oder zu irgendwelchen mittelalterlichen Rittern, die Drachen erschlagen wollen, sondern bloß ein paar Jahre zurück.

Und jetzt stellt euch mich auf der Treppe vor unserem Haus vor, an einem heißen New Yorker Sommernachmittag, mit zwei zusammengerollten Comicheften in der Gesäßtasche – Spider-Man und Die fantastischen Vier –, die unbedingt gelesen werden wollen. Auf der Straße spielen ein paar Leute Stickball, und ich bin auf der Treppe festgeschweißt, weil ich mit meiner Moms zum A&P gehen soll, aber sie braucht ewig, bis sie von da wieder heimkommt, wo sie grade ist.

Ich sitze ganz brav da wie der Ministrant, der ich früher war, obwohl ich mir gerade im Schreibwarenladen die beiden Hefte »ausgeliehen« habe, und auf meinem Gesicht liegt ein frommer Ausdruck, den ich immer aufsetze, wenn ich mal was richtig Abgefahrenes tun will, vom Dach Wasserbomben auf ahnungslose Leute werfen oder einen Mülleimer runterkippen, aber ich trau mich solche Sachen einfach nie.

Ich bin also dagesessen, als mein Kumpel Gilberto Flores in seiner ganzen Länge von einsachtundachtzig und mit dem breitesten Grinsen, das ich je im Leben gesehen habe, den Hügel von der Amsterdam Avenue heraufgetänzelt kam.

Niemand sah so aus wie Gilberto. Er hatte einen riesigen Afro, eine lange Narbe im Gesicht, große Ohren, und er lächelte die ganze Zeit.

Ich habe mich immer gefreut, wenn ich ihn sah.

»He, Gilberto, wieso bist du denn so gut drauf?«

Er konnte sich kaum einkriegen.

»Rico, Mann«, sagte er. Er hatte einen Zahnstocher zwischen den Lippen und strich sich seinen Spitzbart, wie er es immer machte, wenn ein Mädchen mit einem hübschen Hintern vorbeiging. »Ich bin reich!«

»Wie meinst du das, ›reich‹?«, fragte ich, weil ich ja jede Menge Scheiß von ihm gewohnt war.

Er kam mit großen Schritten zu mir herüber und pflanzte einen seiner Füße, Größe 45, auf die oberste Stufe. »Weißt du noch, dass ich vor ein paar Wochen dieses Lotterielos in Jacks Schreibwarenladen gekauft hab?«

»Klar, ich war doch dabei«, sagte ich und nickte.

»Naja«, sagte er dann und beugte sein dürres Gestell zu mir herüber. »Ich hab den Jackpot abgeräumt. Und ich meine abgeräumt!«

»Ohne Scheiß?«, sagte ich und sprang auf. »Du meinst, so was wie ne Million?«

»Nee, Mann. Ich hab nicht alle Zahlen gehabt«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Aber es hat für einen massigen Schwung Dollars gereicht!« Er hob die Hand, und wir klatschten uns ab.

»Wie massig denn?« Ich erwartete, dass es vielleicht ein paar tausend Dollar waren.

»Viel!«, sagte er. »Genug, dass ich von hier abhauen kann!«

»Ja? Wie viel denn?«, fragte ich noch einmal.

Er sah sich auf der Straße um. Dann zog er einen kleinen Block aus der Gesäßtasche und schrieb eine Zahl darauf.

»Verarsch mich nicht!« Ich schlug mir an die Stirn. »Verdammt, Gilberto, ist das wirklich wahr? Fünfundsiebzigtausend Dollar?«

»Hey, nicht so laut!«, sagte er. »Und behalt es für dich, ja?«

»Ist das wirklich wahr?« Ich spürte, wie mein Gesicht heiß wurde.

»Aber sicher doch«, sagte er und grinste von einem Ohr zum andern. »Jedenfalls hab ich was für dich, Kleiner.«

Er langte in eine andere Tasche und holte ein paar Geldscheine heraus, hielt sie fest in der Faust, als wären es Drogen, und legte sie dann in meine Hand.

»Das sind zweihundert, aber sag niemandem, dass das von mir kommt, ja?«

Zweihundert Dollar! Ich schaut nicht einmal hin, steckte die Scheine einfach in die Tasche.

»Aber wieso schenkst du mir das denn?«, fragte ich.

»Weil du dabei warst, als ich das Los gekauft hab! Weißt du noch, wie ich dir den Kopf gerubbelt habe? Es hat funktioniert, Mann! Du hast mir Glück gebracht!«

»Ja?«, fragte ich und war stolz auf meinen Kopf.

»Ganz bestimmt!« Dann nahm er mich in den Schwitzkasten und rubbelte mir den Kopf, als wollte er diesen Augenblick noch mal durchleben. Ich fand diesen altmodischen stoppligen Bürstenschnitt, den ich mir wegen meiner Mutter jeden Sommer verpassen lassen musste, absolut nervig, aber hey, er hat schließlich Gilberto Glück gebracht.

Er packte mich an der Schulter, wirbelte mich ein paarmal herum und sagte dann: »Kauf deiner Moms ein neues Kleid oder irgendwas anderes. Kauf dir einen Schwung von diesen Science-Fiction-Heften, auf die du so scharf bist, okay?«

»Verdammt«, sagte ich. »Mir hat noch nie jemand so ne Menge Geld geschenkt.« Ich wär am liebsten einfach herumgesprungen. »Dank dir dafür.«

»Ah, nicht der Rede wert.« Er klopfte mir auf die Schulter. »Du bist einfach mein Kleiner. Mein kleiner Bruder, das ist alles.«

Naja, das stimmte irgendwie. Gilberto war achtzehn, drei Jahre älter als ich, und er war wie der große Bruder, den ich nicht hatte. Ich meine, er hat mir immer etwas beigebracht.

Zum Beispiel, wie man auf dem Dach eines Wohnhauses einen Drachen fliegen lässt, ohne dass man runterfällt.

Und wie man mit einem Besenstiel und einem roten Taschentuch Tauben zähmt.

Wie man aus Balsaholz Spielzeugautos schnitzt, und wie man richtig laut pfeift.

Wie man sich samstagnachmittags in das Kino an der 110ten Straße schwindelt.

Dass Mädchen Jungs vertrauen, die Mokassins tragen.

Und wie man merkt, wenn Mädchen Einlagen im BH haben (»Ihre Titten geben dann irgendwie nach«).

Gilberto ist ein erstklassiger Eisschnellläufer, und er wollte mich sogar mal (irgendwie) zum Schlittschuhlaufen anstiften und hat mich mit zum Wollman Rink im Central Park genommen, wo er sich immer mit seinen schicken Freundinnen von der East Side getroffen hat. Egal, wie oft es mich hingehauen hat, er hat mir immer wieder aufgeholfen und gesagt: »Probiers noch mal, Rico, beim nächsten Mal klappts bestimmt.«

Ich meine, wenn Gilberto nicht gewesen wäre, dann wäre ich wahrscheinlich nie aus unserer Gegend rausgekommen, weil meine Moms ja furchtbar ängstlich war, aber er hat ihr immer gesagt, dass er auf mich aufpasst. Er schaute sie dabei so ernst und vertrauenswürdig an, dass sie mich immer wegließ, solange sie wusste, dass ich mit ihm zusammen war. Wir waren wirklich wie Brüder, obwohl wir nicht so aussahen. Gilberto ist ein ganz dunkler Puerto Ricaner, und ich bin, naja, ich bin der hellste cubano, der je auf diesem Planeten gelebt hat. Ehrlich.

Gilberto war eigentlich der Einzige, der mich nicht damit aufgezogen hat, dass ich wie ein Weißer aussehe. Manchmal ist er Leuten ins Gesicht gesprungen, die mich als Milchbrötchensaftsack bezeichnet haben, und er hat sogar ein paarmal meinetwegen irgendwelche Ärsche durch die Mangel gedreht.

Und jetzt sind wir auf der Treppe vor meinem Haus gesessen und haben versucht, kühl zu bleiben. Ich meine nicht cool, sondern wirklich kühl, weil es nämlich verdammt heiß war. So heiß, dass die Tauben ganz rammdösig wirkten, als sie auf dem Bürgersteig herumpickten. So heiß, dass es wahnsinnig aus den Gullys stank.

»Mensch, Mann, ich muss jetzt los«, sagte er und stand auf. »Ich hab ein Date.« Und er machte eine Handbewegung, als würde er die Formen eines richtig scharfen Mädchens in die Luft zeichnen. »Ich seh dich später, Rico. Okay?«

»Ja. Viel Spaß, Mann«, sagte ich. »Und danke für die Moneten, Gilberto«, sage ich dann noch, weil ich mir plötzlich reich vorkam. Er ging fröhlich pfeifend zur Avenue hinunter, und ich war überhaupt nicht neidisch auf seinen großen Gewinn, so wie ich es vielleicht bei jemand anderem gewesen wäre. Es war einfach genau richtig – es hätte keinem netteren Typ passieren können.

 

Eine Zeitlang habe ich noch beim Stickball zugeschaut, wie die Jungs den Hügel runter gespielt haben, bloß mit Besenstielen und rosa Gummibällen für fünfunddreißig Cent, und sie haben sich wirklich mächtig reingehängt und zwischen den Innings einen Joint geraucht. Sie kümmerten sich wirklich um nichts und niemanden, waren völlig rücksichtslos. Ich meine, dieser Puerto Ricaner, Poppo, ist einfach auf die Kühlerhaube eines Wagens gesprungen, um einen Flugball zu fangen, und hat da seine Schuhabdrücke und Dellen hinterlassen, als wäre das nichts und scheißegal! Man konnte sogar sehen, wer von ihnen ein Junkie war, zum Beispiel dieser Typ, den sie Bumpy nannten. Er hat einfach ewig gebraucht, bis er da auf dem Kanaldeckel zurechtgekommen ist, der ihr Homeplate war. Er hatte eine unangezündete Zigarette zwischen den Lippen und bewegte sich ganz langsam, als wäre er ein Taucher im Ozean oder ein Astronaut, der auf dem Mond herumstakst.

Aber auf Moms zu warten, wurde langsam öde, und ich habe ja schon gesagt, dass es heiß war. So verdammt heiß, dass ich am liebsten vor den offenen Hydranten auf der anderen Seite des Hügels gelaufen wäre. Meine Treppe war genau oben an der Straße, und ich sah die kleinen Kinder, die durch das hochzischende Wasser liefen, um der Hitze zu entkommen. Und eins kann ich auch sagen: Das Wasser sah ganz verdammt verführerisch aus. Aber ich fand wohl, dass ich schon ein bisschen zu alt dafür war, obwohl ich wirklich gern hingelaufen wäre. Also hab ich mich von der Treppe verzogen und bin nach oben gegangen, weil ich dachte, dass meine Moms früher oder später schon auftauchen würde.

Zwei

Ich hab mich immer ganz prima gefühlt, wenn ich mich mit Gilberto getroffen habe, aber als ich jetzt in unsere Wohnung im dritten Stock gegangen bin, war meine gute Laune weg. Bis aufs Wohnzimmer, das zur Straße hinausging, war alles dunkel, weil meine Moms dauernd die Glühbirnen rausdrehte, um bei der Stromrechnung zu sparen. Als ich die Birne im Flur festgedreht hatte, sah ich als Erstes gerahmte Bilder von Jesus, der sein strahlendes Herz in der Hand hält, dann einen Haufen Familienfotos aus Kuba, wo ich nie gewesen bin – für mich war das bloß diese krokodilförmige Insel südlich von Florida, die man von Landkarten kennt – , dann noch ein paar Fotos von mir, zusammen mit meiner Familie.

Meine Mutter hatte braune Haare, und ihre Hautfarbe lag irgendwo zwischen zimtfarben und café con leche. Das Gleiche gilt für meine pummlige kleine Schwester Isabel. Und mein Pops hatte wellige dunkle Haare und braune Augen. Und dann ich. Hellbraune Augen, blonde Haare, helle Haut und Sommersprossen! Völlig aus der Art geschlagen – und dann auch noch mit Brille! Meine eigenen Cousins und Cousinen nannten mich immer »blanquito« und »Pinky« und hatten noch ein paar andere Sachen auf Lager.

Ich meine, mein Aussehen war schon ein Schlag ins Gesicht. Als ich auf mein Zimmer ging, war es, als würde ich immer noch hören, was unsere Gäste immer sagten, wenn sie mich zum ersten Mal sahen.

»Oh, was für ein hübscher, bezaubernder weißer Junge.«

»Ist das wirklich euer Sohn?«

»¿No me digas? Aber er sieht so … so … anders aus als ihr!«

Und dann musste ich noch an etwas denken, das meine Moms mir mal erzählt hat.

»Mamá«, hatte ich sie damals gefragt. »Wieso seh ich denn so anders aus?«

»¿Qúe?«, fragte sie mich auf spanisch.

»Wieso bin ich denn so hell?«

»¡Es nada!«, sagte sie zu mir. »Das ist eben so. Du hast bloß Glück gehabt, das ist alles. Tienes que tener orgullo de ser tan blanco. Du solltest stolz darauf sein, dass du so weiß bist.«

»Aber wie ist das denn passiert?«

»Wie? Was tut das schon zur Sache? Du wirst es leichter haben im Leben.«

»Aber ich will es wissen.«

Sie hat dann eine kleine Show abgezogen. »Wenn du es unbedingt wissen musst, hijo, ich hab dich in der Mülltonne vor genau diesem Hause hier gefunden.«

»Was?«

»Ríe, es un chiste«, sagte sie. »Komm jetzt und lach. Das war ein Witz!«

Schließlich, als sie sah, dass ich das nicht so witzig fand, erzählte sie mir die ganze Geschichte.

»Es ist ganz einfach«, sagte sie. »Einer deiner Urgroßväter war ein Ire – un irlandés. Du hast sein Blut, me entiendes?«

Ich nickte, weil es ja logisch klang, und ich stellte mir vor, wie ein blonder Ire vor hundert Jahren irgendwo in Kuba vom Schiff stieg und in meine Familie eingeheiratet hat. Aber trotzdem habe ich mich gefragt: Wieso denn ich und niemand sonst?

Ich habe viel darüber nachgedacht, sogar wenn ich es gar nicht wollte.

Zum Beispiel immer, wenn ich in einem anderen Viertel in eine Bodega gegangen bin und ein paar Latinos mich böse angeschaut haben, als hätte ich da nichts verloren. Oder wenn ich mit meiner Moms in einem Kaufhaus die Sonderangebote durchschaute und die Leute zu uns herübersahen, als würden sie überlegen, was diese Kubanerin wohl mit diesem Jungen zu tun hatte, ob sie vielleicht ein Hausmädchen war, das auf mich aufpasste. Und ich will gar nicht von den vielen Malen anfangen, wenn ich in den Harlem Park zum Softballspielen gegangen bin: Ich habe immer ein bisschen Geld dabeigehabt, mit dem ich mich freikaufen konnte, weil ich nicht nur Latinos, sondern auch schwarze Abzockspezialisten anzog, für die meine Haut so was wie eine blinkende Neonschrift war: »Raub mich aus.«

Ich bin so oft abgezogen worden, dass ich am liebsten eine Maske getragen hätte wie ein Superheld, damit ich meine Ruhe hätte.

 

Und ich musste mich noch mit anderen Gespenstern in unserem Flur abgeben. Jedes Mal, wenn ich reinkam, musste ich daran denken, wie mein Pops sternhagelvoll heimkam, und wie er dann immer eine Ewigkeit brauchte, bis er die Tür aufgesperrt hatte, und wie er einmal gegen das Bücherregal im Flur gerumst ist und ihm der ganze Scheiß entgegenkam, die ganzen Glastiere und die billigen Porzellanfiguren, die meine Moms gesammelt hat und aus irgendeinem Grund im Flur aufbewahrte, und wie sie das damals sehr, sehr traurig gemacht hat.

Und dann sehr, sehr zornig.

Aber egal, mein kleines Zimmer lag am Ende dieses langen und schmalen Flurs, neben dem Zimmer meiner Schwester. Ich bewahrte darin meine Lieblingssachen auf: meine Comichefte, meine lädierte Stella-Gitarre, mein Kofferradio und ganze Stapel von antiquarischen Science-Fiction-Taschenbüchern und Horrorheften.

Mann, war es heiß hier drin. Ich nahm die Kombizange auf meiner Kommode, damit ich das Fenster aufmachen konnte. Weil mein Zimmer auf die Feuertreppe hinausgeht, hat meine Mutter vom Hausmeister ein paar Löcher in die Fensterrahmen bohren lassen, damit sie die Fenster mit diesen 10 Zentimeter langen Nägeln sichern konnte, falls jemand einsteigen wollte. Sie hat diesen Tick entwickelt, nachdem letzten Sommer jemand bei uns eingebrochen hatte und die paar Sachen aus der Wohnung mitgehen ließ, die überhaupt ein bisschen was wert waren: die Goldkette meiner Mutter mit dem Kreuz, einen goldenen Ring, zwei von den Timex-Uhren meines Pops, und aus irgendeinem Grund auch noch das Hänsel-und-Gretel-Wetterhäuschen, das uns eine unserer Nachbarinnen geschenkt hat, als sie es in unserer Gegend nicht mehr aushielt und für immer weggezogen ist.

Meine Mutter regte sich sowieso schon über einen ganzen Haufen Sachen auf, aber dieser Einbruch hat ihr den Rest gegeben. Plötzlich mussten alle Fenster zu sein, wenn wir aus der Wohnung gingen, sogar im Sommer. Das hat mich verrückt gemacht. Abgesehen davon, dass es in der ganzen Bude heiß wie in einem Backofen war, musste ich jedes Mal, wenn ich mein Fenster aufmachen wollte, diese großen Nägel mit einer Kombizange rausziehen.

Als ich das jetzt machte, habe ich den Kopf rausgestreckt, weil ich sehen wollte, ob mein anderer Kumpel da war – Jimmy.

»Hey, Jimmy, bist du da?«, rief ich nach unten.

Jimmy wohnte auf der anderen Seite des Hinterhofs in einer Kellerwohnung des Hauses, in dem sein Vater Hausmeister war. Es war ein düsterer Ort, man konnte sich ganz gut vorstellen, dass Dracula da unten hauste. Ich wusste nicht, wie Jimmy damit zurechtkam, dass er neben einem Heizkeller und tickenden elektrischen Zählern in einer Wohnung ohne Fenster wohnte, aber er kam damit zurecht. Er hatte in letzter Zeit besonders blass ausgesehen. Ich glaube, das Leben da unten hatte ihm allmählich zugesetzt, und ich hätte schwören können, dass er nach Keller roch – nach Asche und elektrischen Leitungen und Heizöl. Ich bin da nie gerne hingegangen. Deswegen kam Jimmy meistens zu mir hoch, wenn wir uns trafen.

»Hey, Jimmy, bist du da?«, versuchte ich es noch mal.

Zuerst habe ich nichts gehört. Ich dachte, dass er vielleicht irgendwo anders im Haus war und den Gang fegte.

Aber nach ein paar Augenblicken sah ich ihn aus dem Kellerdurchgang kommen. Er war zur Hälfte Ire und zur Hälfte Puerto Ricaner, ein ganz dünner Typ, hatte ein ärmelloses T-Shirt und Jeans an, hielt sich die Hand über die Augen wie ein indianischer Kundschafter und blinzelte hinter seiner Brille, weil er von der Helligkeit geblendet wurde. Er trug eine dünne Kette mit einem Kreuz um den Hals. Und er hielt einen Besen in der Hand.

»Hey, Rico, was gibts?«, rief er.

»Hast du ne Sekunde Zeit? Ich muss dir was erzählen!«

»Ja gut, aber ich muss für meinen Pops arbeiten«, sagte Jimmy, als würde er das als Schinderei empfinden.

Während ich wartete, nahm ich die Geldscheine, die Gilberto mir geschenkt hatte, und breitete sie auf meinem Bett aus. Zweihundert Mäuse! Zwanzig phantastische Zehn-Dollar-Scheine. Ich steckte hundert Dollar in einen Socken und bunkerte ihn unter meinem Bett als eiserne Reserve für schlechte Zeiten. Dann überlegte ich, dass ich meinem Pops vielleicht vierzig Dollar geben sollte, weil er immer knapp bei Kasse war, nachdem er letztes Jahr krank geworden war und einen seiner zwei Jobs gekündigt hatte. Und meiner Moms sollte ich vielleicht ein paar Dollar geben, damit sie sich ein neues Kleid kaufen könnte, und Isabel einen Zehner, damit ihr die Hershey-Schokolade nicht ausging, die sie so gerne aß. Und mir wäre immer noch genug übrig geblieben, damit ich mir die hübsche alte Harmony-Gitarre kaufen konnte, die ich mir in einem Pfandhaus an der 125sten Straße angeschaut hatte, die fünfzehn Dollar kostete und viel besser war als die billige Stella, die ich hatte.

Dann überlegte ich, dass ich Jimmy zwanzig Dollar rüberlassen sollte, damit er sich erstklassige Sachen zum Zeichnen kaufen konnte, also zum Beispiel richtiges Zeichenpapier und gute Tuschfedern statt dem billigen gelben Papier und den Kugelschreibern, die er für die Illustrationen in unseren selbstgemachten Comics benutzte. Ich schrieb die Sachen, und er zeichnete. Ich meine, der Junge konnte zeichnen! Und zwar so ziemlich alles – von irgendwelchen Miezen im Playboy bis zu Szenen aus unserer Gegend. Und es war ein Kinderspiel für ihn, zum Beispiel Betty und Veronica aus den Archie-Heften zu nehmen und sie zu zeichnen, wie sie ohne Klamotten aussahen. Und wenn er Spider-Man und den Unglaublichen Hulk abzeichnen sollte, dann konnte ihm keiner das Wasser reichen. Er hat sogar an der Highschool ein paar Preise für seine Zeichnungen gewonnen. Das war, bevor er von der Schule abgegangen ist, damit er seinem Vater im Haus helfen konnte – Mülltonnen rausbringen und die Gänge fegen und wischen. Und dafür konnte er dann zu Hause wohnen und essen.

Wie Jimmy mit seinem Pops zurechtkam, war mir ein Rätsel.

Einmal war ich dabei, als Jimmy seinem Vater dieses wahnsinnige Bild zeigte, das er im Riverside Park gemalt hatte – eine Zeichnung, die er mit Wasserfarben coloriert hatte. Sein Pops hat kaum hingeschaut, als er sagte: »Na, und was ist das wert? Zehn Cent?«

Und er hat Jimmy ein Zehn-Cent-Stück hingeworfen.

Dann weiß ich noch das andere Mal, als Jimmy ein völlig blutunterlaufenes Gesicht hatte, weil sein Pops ein Typ war, der einem eine reingehaut oder einen schlägt, bloß weil man ihn falsch anschaute. So viel zu: »Dann hat man einfach Pech gehabt.«

Aber obwohl sein Pops ihm das Gefühl gab, dass er bloß ein Stück Scheiße war, hat Jimmy sich davon beim Zeichnen unserer Comics nicht beeindrucken lassen, hat sich stundenlang in meinem Zimmer verkrochen und vor sich hin gearbeitet. Einer unserer Superhelden hieß »El Gato« oder »Die Katze«, und dieser Typ konnte sich in ein superathletisches Katzenwesen verwandeln und überall hinkommen – die Wände hoch, Aufzugschächte runter, über Hausdächer, und er konnte sogar fliegen – solang er diese Katze war. Wir haben mal eine achtseitige Geschichte gemacht, in der die Katze sich in eine Hundefrau verliebt hat, und die Geschichte hat uns so gefallen, dass wir in der Schule mit einem Vervielfältigungsapparat vierzig Abzüge gemacht haben. Okay, es ist alles ganz blau und verschwommen geworden, und es hat nach Farbe gerochen wie Schulaufgabenvorlagen, aber wir waren so stolz auf »Die Abenteuer El Gatos«, dass wir das Heft vor der U-Bahn und an Straßenecken für zehn Cent das Stück verkaufen wollten.

Als wir bloß zehn Stück verkauft hatten, war Jimmy ziemlich geknickt, weil es ihm so vorkam, als wäre das Ganze die Mühe nicht wert.

»Wer will denn das Zeug schon haben?«, sagte er, als ich ihm das letzte Mal von einer neuen Idee erzählt hatte.

»Zum Beispiel einer von den großen Comic-Verlagen! Die wollen das haben!«, sagte ich. »Ich meine, Superman ist von zwei Leuten in unserem Alter erfunden worden! Und schau, was mit dem Typ passiert ist! Hab ich recht, oder was?« Ich musste Jimmy immer wieder einbläuen, dass das eben Teil eines Lernprozesses war.

Er zuckte bloß die Achseln, als wäre alles egal.

Und jedes Mal, wenn ich eine neue Idee hatte, musste ich ihm zureden, damit er seinen Hintern in Bewegung setzte und sich an die Arbeit machte.

Und jetzt, als ich Jimmy an die Tür klopfen hörte und ihn reinließ, schwitzte er wie verrückt, und zwar so stark, dass ihm seine Brille, die er mit Klebestreifen zusammengeklebt hatte, immer wieder die Nase runterrutschte.

»Verdammt, ist das heiß, Rico«, sagte er. »Das ist ja unglaublich.«

Es war so brutal heiß, dass sogar die Fliegen nur mühsam auf dem Fenstersims entlangkrabbelten, und die billigen Linoleumfliesen auf unseren Fußböden verzogen sich und richteten sich auf, als würden sie am liebsten abhauen.

»Also, was gibts?«, fragte er.

»Ich hab was für dich«, sagte ich und zeigte mit dem Kopf auf mein Zimmer.

Ich wollte ihm unbedingt das mit Gilberto erzählen, aber ich hielt erst mal die Klappe.

Er ließ sich auf mein Bett plumpsen, und ich sagte: »Du hast doch immer von diesen Zeichensachen geredet, die du kaufen wolltest, oder?«

»Ja, und was ist damit?«

»Naja, ich hab die Knete.«

»Ehrlich?«

Ich gab ihm zwei Zehn-Dollar-Scheine.

»Wo hast du die denn her?«

»Ein Vögelchen hat mir das zugesteckt«, sagte ich aufgekratzt.

»Was denn für ein Vögelchen?«

»Hey, ist das so wichtig?«

Er schaute die beiden Scheine wieder an. »Und ich muss es dir nicht zurückzahlen?«

»Nee, das ist für dich, und meinen Segen hast du noch dazu«, sagte ich.

Er faltete die Scheine ganz winzig zusammen, bevor er sie in die Tasche steckte. Dann steckte er sich eine Zigarette an. Er raucht schon, seit er zehn war, sieben Jahre waren das jetzt.

»Aber, Jimmy«, sagte ich. »Ich geb dir das, damit du dir dieses Spezialpapier und die anderen Sachen kaufst.«

»Ja, klar, Bristolkarton und den ganzen Scheiß.« Er nickte.

»Und wenn du erst mal richtig in Schwung bist«, sagte ich begeistert, »dann machen wir ein richtig professionelles Comic und zeigen es den Verlagen. Hörst du mich?« Wir klatschten uns ab. »Dann sind wir ein richtiges Team!«

Aber er wirkte nicht sehr begeistert.

»Nein, ich meine das wirklich. Das wäre eine echte Chance für uns, oder?«

Okay, ich hatte nicht erwartet, dass er vor lauter Freude rumspringt und mir den Hintern küsst als Dank für mein Geschenk, aber dass es ihm so egal war, hat mir ziemlich die Luft rausgelassen.

»Klar, Rico«, sagte er mit einem leichten Seufzen. »Wie du willst.«

»Wenn du willst«, sagte ich, »dann geh ich morgen mit dir in den Laden für Künstlerbedarf.«

Der Laden war in der Stadt, am Broadway, irgendwo in den Achtzigern.

»Nee, lass mal«, sagte er und tupfte sich seinen nassen Kopf mit einem Zipfel seines T-Shirts ab. »Es zu verdammt heiß dafür. Wir machen das ein andermal, ja?«

Dann langte er in die Tasche seiner Jeans und holte einen Joint heraus. Er wollte ihn anzünden.

»Jimmy, mach mal langsam«, sage ich. »Meine Moms hat ne Nase wie ein Spürhund. Und glaub mir, sie weiß, wie yerba riecht.«

»Okay, gehn wir aufs Dach.«

Obwohl ich immer Angst hatte, dass uns jemand erwischt, zum Beispiel Mr Casey, der Hausmeister, war das Jimmy völlig egal. Er schaute sich einfach gerne Harlem von oben an, mit den ganzen Wassertürmen und den Türmen der Kirchen, die in der Sonne ganz golden glänzten. Er mochte das besonders, wenn er high war. Aber als wir durch den Flur gingen, ging die Wohnungstür auf, und meine Moms kam rein. »Na, hallo, Jeemy«, sagte sie freundlich. »Wie geht’s?« Aber mich schaute sie verärgert an. »¿Ay, pero Rico, por qué no me estabas esperando?« – »Wieso hast du nicht auf mich gewartet?« Sie schüttelte den Kopf. »Warum hast du mich die Treppen rauflaufen lassen?«

»Ma«, sagte ich. »Ich hab mich bloß mit Jimmy unterhalten.«

»Ja, unterhalten«, sagte sie. »Aber jetzt gehen wir zum A&P.«

Danach ging Jimmy, und während meine Moms im Bad war und da drin die ganze Zeit vor sich hin redete und sich über mich beklagte, fing ich langsam an, mir alles noch mal zu überlegen – nicht das mit Jimmy, sondern ob ich wirklich Geld für ein Kleid ausgeben sollte.

Drei

Jimmy hat diese Zeichensachen nie gekauft, aber ich hab ihm deswegen nicht zugesetzt. Ein Monat verging, und dann hatte die ganze Gegend von Gilbertos Großzügigkeit Wind bekommen. Wenn sein Lotteriegewinn ein Geheimnis sein sollte, dann blieb er das nicht lange. Gilbertos Mutter gab in dem Schönheitssalon damit an, in dem meine Mutter arbeitete, und erzählte allen und jedem, ihr Sohn hätte ihr genug Geld geschenkt, dass sie sich davon ein kleines Häuschen in Puerto Rico kaufen könnte, falls sie das wollte.

Und Gilberto konnte der Versuchung nicht widerstehen, den kleinen Kindern in unserer Straße alles mögliche Spielzeug zu kaufen, besonders diese Springstöcke – sehr angesagt. Man konnte nicht durch die Straße gehen, ohne dass man Kinder auf den Bürgersteig entlang oder vom Bordstein hüpfen sah, oder sie verschwanden eine Kellertreppe hinunter, und dabei tauchten ihre Köpfe immer wieder auf und verschwanden wie hüpfende Basketbälle. Ich meine, seinetwegen waren sie alle Springstock-verrückt. Aber er war auch sonst freigebig, spendierte den Kindern ein Eis, wenn der Eiswagen mit seinem Kling-kling-ding-ding vorbeikam. Er verteilte sogar Zwanzig-Dollar-Scheine an ein paar von den ärmeren Leuten in unserem Block, die von Sozialhilfe lebten.

Er schien in Dollars zu schwimmen. Ich rechnete halb damit, dass er mit einem nagelneuen Mustang oder einer Harley-Davidson aufkreuzt, aber das passierte dann doch nicht.

Einmal, als ich zufällig Gilberto auf der Straße traf, juckte es mich einfach, ihn zu fragen, was er mit dem Geld vorhatte.

»Naja, Mann, das Allerklügste auf der Welt!«, sagte er und legte mir den Arm um die Schulter, als wir den Hügel nach oben zu meiner Treppe gingen. »Ja, mein Lieber, Ende September fang ich an diesem richtig schnuckligen kleinen College im Mittelwesten zu studieren an.«

»College? Du gehst aufs College? Im Mittelwesten? In unserem Mittelwesten? Du machst Quatsch, oder?«

»Nein, ich mach keinen Quatsch. Es ist ein College im südlichen Mittelwesten.«

Mir blieb fast die Luft weg. Wisconsin? Das Erste, was mir dabei in den Kopf kam, war etwas, das ich in der vierten Klasse für Schwester Hillary gemacht hatte – oder Schwester Hillarious, wie wir diese pummlige Dominikanernonne aus Sinsinawa in Wisconsin nannten. Ich musste aus Pappkarton das Modell einer Farm in Wisconsin basteln, mit Silos, Getreidefeldern und, oh ja, Guernsey-Rindern und Holsteiner Kühen. Ich konnte nie auseinanderhalten, welche Kühe welche waren. Irgendwie konnte ich mir Gilberto da nicht vorstellen – überhaupt nicht.

Ich kratzte mich an der Nase.

»Aber wieso zum Teufel denn Wisconsin? Stehen da nicht überall diese ganzen Kühe rum?«, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf, als verstehe er nicht, wie man so eine verrückte Frage stellen konnte. »Schau mal, ich zeig dir was.«

Und er langte in die Gesäßtasche seiner Jeans und zog einen Hochglanzprospekt heraus. Der Prospekt war ganz zerknittert, als hätte er ihn schon eine Million Mal auseinandergefaltet und wieder zusammengelegt. Wir hockten uns auf die Treppe vor unserem Haus. Als ich den Prospekt auf meinem Schoß auseinanderfaltete, sah ich unter den Worten »Milton College. Wo Träume wahr werden!« unheimlich hübsche Fotos von grünen Grasflächen, schattigen Weidenbäumen und gesunden jungen Leuten in weißen Klamotten, die auf dem gepflegten Rasen an einem Teich saßen, Bücher lasen und sich unterhielten. Im Hintergrund standen diese hübschen Gebäude, die aussahen wie Kirchen, mit Bogenfenstern. Und auf jedem Foto sah man ein großes Stück eines heiteren blauen Himmels, der vor Sonnenlicht nur so brummte, als würde die Zukunft auf diese Studenten herunterstrahlen.

»Na, wie findest du das?«, fragte mich Gilberto genau in dem Augenblick, als eine Ratte aus dem Keller kam und an uns vorbei auf die Straße lief.

»Was? Hässlich, Mann«, sagte ich und sah, wie die wachsamen Augen der Ratte unter einem geparkten Auto herausschauten. Gilberto klatschte mir aufs Knie.

»Nein, nicht das Viech da, Blödmann, das College!«

»Doch, sieht gut aus«, sagte ich und schaute mir den Prospekt noch mal an. »Aber ist das wirklich was für dich? Ich meine, es sieht echt langweilig aus.«

Gilberto fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, wie er es immer machte, wenn er sich über mich ärgerte.

»Langweilig? Wie zum Teufel willst du das denn wissen?«

Er hatte recht, aber das konnte ich nicht zugeben. Ich glaube, mich störte schon jetzt die Vorstellung, dass er wegging.

»Und was willst du da drüben überhaupt studieren?«, fragte ich und warf noch mal einen Blick auf den Prospekt. »Tierzucht?«

Das war eines der »Hauptfächer«, die in dem Prospekt aufgeführt waren, zusammen mit »Gartenbau«, »Agrarwissenschaften« und »anderen reizvollen Wissensgebieten«.

Er schüttelte bloß den Kopf.

»Schau, Rico, was ich dann schließlich studiere, ist ganz verdammt unwichtig für mich. Worauf es ankommt, ist, dass ich es im Leben ein bisschen weiterbringe.«

Dann packte er mich an den Schultern.

»Ich will dich jetzt was fragen«, sagte er, und sein Gesicht hatte diesen Schau-mich-an-und-hör-mir-genau-zu-Ausdruck. »Wenn du in meiner Haut stecken würdest und die Chance hättest, von diesem ganzen Scheiß hier wegzukommen, würdest du das denn nicht wollen?«

»Doch, ich glaub schon«, antwortete ich, auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, irgendwo anders zu leben.

»Ich meine, was soll ich denn tun, soll ich auf ewig in dieser Gegend rumhängen?« Er stand auf, fing an, auf dem Bürgersteig hin und her zu gehen und prüfte die Räder eines geparkten Oldsmobile, als wollte er herausfinden, wo die Ratte steckte. »Ich weiß bloß, dass das jetzt eine richtig gute Gelegenheit für mich ist. Und als ich die Leute da drüben angerufen und ihnen gesagt habe, dass ich den Tipp mit ihrem College von einem meiner Lehrer habe und dass ich nicht an einem öffentlichen College landen möchte, waren sie wahnsinnig nett. Wenn ich ein Abschlusszeugnis von der Highschool hätte, würden sie mich aufnehmen, auch so kurzfristig. Und was noch schöner ist« – er lächelte wieder und strich sich über seinen Spitzbart –, »sie haben mir sogar ein Teilstipendium angeboten, weil Typen wie wir ja sozial benachteiligt sind und alles.«

»Das ist cool«, gab ich zu.

»Ich meine, das ist ein normaler Ort, wo Leute normale Sachen machen, und du musst nicht dauernd aufpassen, dass einer von hinten ankommt. Es gibt keine Gangs, keine Drogen, keine Räuber, keine dampfigen U-Bahnen, verstehst du?«

Er war so in Fahrt geraten, dass er wie ein Prediger klang.

»Also, wer wird denn, wenn er bei Verstand ist, so eine Chance sausen lassen?«, sagte er dann. »Das ist ne tolle Gelegenheit, eine Möglichkeit, dass dieser Typ hier wieder ein bisschen Power tankt.« Während er mit seinem Zahnstocher auf mich zeigte, sagte er noch: »Ich will noch was anderes sehen als diese abgestürzte Gegend hier, und ich will nicht, dass das am Ende noch Vietnam ist.«

Ich schaute auf meine Schuhe hinunter und wusste, dass Gilberto recht hatte. Ich versuchte zu lächeln, aber es ging nicht.

»Wieso schaust du denn so verdammt finster?«, fragte Gilberto. »Du solltest dich für mich freuen.«

»Das tu ich doch, es ist bloß – «

»Rico«, sagte er, legte den Arm um mich und schaute mich mit einem breiten Grinsen an wie ein Bruder. »Wenn du Angst hast, dass ich hier abhaue und meinen kleinen cubano hier vergesse, meinen Kumpel, dann schlag dir diesen Blödsinn aus dem Kopf, verstanden?«

Aber es ließ sich nicht ändern. Ich hatte Mitleid mit mir selber. Gleichzeitig wusste ich, dass das absolut idiotisch war und dass ich es locker nehmen musste. Schließlich quälte ich mir ein Lächeln ab und sagte zu Gilberto, es wäre eine der tollsten Sachen auf der Welt, dass er aufs College ging.

Vier

In einer anderen verdammt heißen Nacht, an einem Samstag, als seine Moms im Norden war und ihre Schwester in Albany besuchte, gab Gilberto eine Abschiedsparty. Ich hatte ihm den Nachmittag über geholfen, den Aufschnitt, die Chips, die Limos und das Bier zu besorgen. Danach, in der Wohnung seiner Moms, fand Gilberto, dass er mir ausgerechnet Unterricht in lateinamerikanischen Tänzen geben sollte.

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte ich.

»Weil es an der Zeit ist. Du siehst vielleicht nicht so aus, aber du bist zu hundert Prozent kubanisch. Und als guter cubano musst du diese Bewegungen beherrschen, klar?«

Ich musste ihm zustimmen und nickte. Schließlich gelten die Kubaner als mit die besten Tänzer der ganzen Welt.

»Außerdem wird es eine verdammt scharfe Party. Okay, Bruder?«

Ich nickte noch einmal, ganz kleinlaut und bedripst. Die Wahrheit war, dass meine Moms und mein Pops mir aus irgendeinem Grund nie das Tanzen beigebracht hatten – was hätte ich also tun sollen? Besonders, weil das meine erste Party war, auf der getanzt wurde.

Also wartete ich, während Gilberto die Mambo- und Cha-Cha-Cha-Plattensammlung seiner Moms durchging, die sich auf dem Musikschrank im Wohnzimmer stapelte, und eine alte zerkratzte Platte auf die Spindel des Plattenwechslers steckte.

Dann drehte er an ein paar Knöpfen. Das Radio ging an: »Splish, splash, I was taking a bath, bap bap bap pa boom!«, schmetterte es aus dem Lautsprecher. Dann drückt er auf den Schalter für den Plattenspieler. Die Platte rutschte an der Spindel nach unten, landete mit einem gedämpften Geräusch auf dem Plattenteller, die Nadel glitt in die Rillen: ritsch, ritsch, ratsch, ratsch, heiße Rhythmen von einem Klavier, dann wieder ein Ratschen, klagende Trompeten, dann Trommeln und Bongos und eine Kuhglocke, die durchdrehte, ritsch, ritsch, ratsch, ratsch, der Rhythmus ging Dat dat dat – dat dat, aber richtig schnell und auf eine Art, die mich jetzt schon ganz durcheinanderbrachte.

»Na, komm jetzt, Mann«, sagte Gilberto und zog mich hoch.

Und da stand ich nun vor Gilberto und kam mir ganz beschissen brav vor – (genauer gesagt: wahnsinnig kleinlaut und schüchtern und voller Angst, wie ein Trottel dazustehen). Wir fingen trotzdem an.

»Als Erstes musst du den einfachen Latin Shimmy lernen«, sagte er. »Das heißt, wie du die Hüften bewegst. Und dann machst du jetzt das mit den Füßen, du setzt den rechten Fuß nach vorne, als würdest du dich vor jemandem verbeugen, dann wieder zurück, dann den linken Fuß raus, dann wieder zurück, dann trittst du mit dem rechten Fuß wieder zurück, während du auf den Fersen rollst, aber immer im Takt, eins, zwei, drei, eins, zwei, und immer in den Hüften kreisen. Hast du das, Rico?«

»Ich glaub schon«, antwortete ich kleinlaut.

»Und vor allem, Bruder, musst du dir vorstellen, dass du mit dem schärfsten Mädchen der Welt tanzt. Ich meine, du musst deine huevos zeigen. Musst zeigen, dass du Eier hast, kapiert?«

»Okay«, sagte ich und zuckte die Achseln.

Naja, ich bin ziemlich rumgestolpert und habe Fehler gemacht, als hätte ich Sandsäcke an den Beinen. Ich konnte hauptsächlich Rock ’n’ Roll tanzen und das nicht besonders elegant. Aber Gilberto ließ nicht locker, wiederholte immer wieder wie ein Ausbilder bei den Marines: »Eins, zwei, drei, eins, zwei!« und »Geh in die Knie und beweg die Hüften!« und »Sei kein Schlappschwanz!« und »Nein! Wir tanzen hier keinen verdammten Mashed Potato!«

Wir machten das eine Stunde lang, und die ganze Zeit habe ich mir überlegt, was wohl die Leute dachten, die von der Straße in Gilbertos Fenster reinschauten und einen ungeschickten, weißen, linksfüßigen Dödel sahen, der Mambo zu tanzen versuchte.

❙ ❙ ❙

Weil das meine erste Party war – wenn sie nicht bei Gilberto stattgefunden hätte, dann hätte meine Moms mich nie gehen lassen –, verbrachte ich Stunden vor dem Spiegel im Badezimmer. Es dauerte so lange, dass meine kleine Schwester anfing, sich über mich lustig zu machen.

»Rico ist verliebt! Rico ist verliebt!«, sagte Isabel immer wieder und dehnte dabei das Wort »verliebt« auf ungefähr zehn Silben.

Ich putzte mir dreimal die Zähne, ertränkte meine Haare mit dem Vitalis Haarwasser meines Pops und klatschte mir jede Menge Old Spice ins Gesicht, so viel, dass ich einen Niesanfall bekam. Ich zog ein neues Hemd an, dann die bügelfreie Hose, die nie knittert, und schwarze Wildlederschuhe, und ich hoffte, dass ich damit richtig cool aussah. Aber jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaute, wünschte ich mir, es würde einen Knopf geben, auf den ich drücken könnte, damit meine Haut ein paar Stufen dunkler würde, meine hellbraunen Augen richtig braun würden und meine Haare schwarz, eben so, wie man bei einem Fernseher die Helligkeit regulieren kann.

 

Ich kam ungefähr um acht auf die Party, nachdem mich meine Moms gründlich bearbeitet hatte.

»Ich möchte nicht, dass du Zigaretten rauchst – oder sonst was!«, warnte sie mich. »Und du lässt dich nicht mit den schlimmen Jungs ein! Und du bist um elf wieder zu Hause. Wenn es später wird, kannst du dich auf was gefasst machen.«

»Aber mamá, es ist doch bloß auf der anderen Straßenseite.«

»Das ist mir egal! Wenn du nicht um elf zu Hause bist, schick ich deinen Poppy rüber, damit er dich holt. Me prometes, okay?«

»Okay, okay.«

Aber ich musste mir deswegen eigentlich keine Sorgen machen: Als mein Pops von seiner Doppelschicht im Havana-Seville-Restaurant nach Hause gekommen war, döste er auf der Wohnzimmercouch vor sich hin, weil die Hitze und die beiden eiskalten Biere, die er gleich nach dem Heimkommen getrunken hatte, ihn mattsetzten. Sogar an meinem Ende des Flurs und trotz der lauten Stimmen, die von irgendeiner blöden Gameshow aus unserem Schwarzweißfernseher kamen, konnte ich ihn vor sich hin schnarchen hören. Wenn ich Glück hatte, schlief er die ganze Nacht durch.

Als ich mit Jimmy, der mal wieder im Zeitlupentempo neben mir her schlich, in Gilbertos Wohnung ankam, ging es schon hoch her. Es waren so viele Leute da, dass man fast nicht vom Fleck kam, und weil in alle Lampen bunte Glühbirnen eingeschraubt waren, konnte man fast nichts erkennen. Allen lief schon der Schweiß herunter, obwohl die Fenster offen standen und Gilberto überall Ventilatoren angeschmissen hatte. Eine Mischung aus Soul und lateinamerikanischer Musik kam laut aus dem Wohnzimmer, und ein paar der besten Mädchen aus unserer Gegend und Mädchen, die ich noch nie gesehen hatte, tanzten in einem verrückten Durcheinander von Körpern den Watusi oder den Mashed Potato oder einen Boogaloo in lateinamerikanischem Stil, und alle bogen und bewegten sich zur Musik und glitten in alle Richtungen.

Viele der Jungs aus dem Viertel standen in kleinen Gruppen zusammen und unterhielten sich lautstark – erzählten Witze, klatschten sich ab und machten einfach so vor sich hin. Sie tranken Gilbertos Spezialpunsch mit Rum, Gin und Wodka, als wären sie Kamele und als wäre der Punsch das einzige Wasser in der Wüste. Jedes zweite Ding, über das geredet wurde war »fucking dies« und »fucking das«. Wenn ein Mädchen vorbeikam, wurden sie noch ein bisschen ruppiger und versuchten, ihre Sprüche loszuwerden. (Die Typen in Armeesachen bekamen es am besten hin.) Es war irgendwie gleichzeitig chaotisch und aufregend, besonders, als dieser Typ, Chops, von der Hitze oder vom Alkohol bewusstlos wurde, an die Wohnzimmerwand knallte und ein paar Familienbilder mitriss, und als zuerst alle lachten und dann klatschten, als er von alleine wieder hochkam.

Dann kamen eine Weile nur lateinamerikanische Platten. Gleich am Anfang schleppte Gilberto mich auf die Tanzfläche und stellte mich dieser schönen cubanita vor, Alicia, die mich misstrauisch beäugte. Sie war so scharf, dass ich nicht auf die Tanzfläche gegangen wäre, wenn ich nicht vorher etwas von Gilbertos atomstarkem, gigantischem Keiner-kommt-hier-lebend-raus-Wunderpunsch getrunken hätte. Ich kippte ein Glas runter, dann noch eines.

Und ich kann euch sagen, mit dem Zeug hätte man ein Raumschiff zum Planeten Krypton schicken können. Ich fühlte mich fast von einem Moment auf den anderen so locker, dass ich durch das Zimmer hätte schweben können. Ein paar Songs lang war ich der tollste Tänzer auf der Welt, auch wenn ich Alicia manchmal auf die Füße gestiegen bin. Ich wollte cool bleiben, aber es hat nicht hingehauen: Ich meine, durch diesen ganzen Punsch habe ich irgendwann Elefantenbeine gekriegt und konnte nicht mal den Takt halten.

Alicia ist bald irgendwo zwischen den anderen Leuten verschwunden.

Aber das machte mir eigentlich nichts aus. Mir hatte es hauptsächlich dieser Punsch angetan. Ein paar Schluck, und schon war der Plastikbecher wieder leer. Und dann, wie durch Zauberei, war immer jemand da, der nachschenkte. Mann, das Zeug hat mir vielleicht die Zunge gelockert: Ich erzählte jedem, dass Jimmy und ich eines Tages die Comic-Welt erobern würden. Und ich erzählte von meinem Gitarrespiel und davon, wie mein Nachbar Mr Lopez mir die ersten Akkorde beigebracht hatte, als ich erst sieben Jahre alt war. Und ich gab damit an, dass ich so ziemlich alles spielen könnte – Beatles Songs, Dylan, die Temptations –, aber keiner nahm mir das wirklich ab.

Ein bisschen später verlor ich mein Zeitgefühl. Ich wusste nicht immer, wo Jimmy gerade steckte. Einen Augenblick stand er neben mir, klopfte mit dem Fuß zum Rhythmus der Musik auf den Boden, und im nächsten Moment stand er am Fenster und rauchte. Dann war er selber auf der Tanzfläche, und seine Hüften schwangen wie ein Pendel, als er einen Latin Shimmy hinlegte, obwohl er dabei Bier aus der Flasche tankt. In einem Augenblick war er ein Zombie und im nächsten wie unter Strom.

Es war wie so ein Clark-Kent-Superman-Doppelleben. Als er wieder neben mir stand, war er nicht besonders in Fahrt. Er hing so ein bisschen da, als würde ihn die Schwerkraft runterziehen. Und dann, als er was von dem Joint in die Nase bekam, den jemand draußen auf der Feuertreppe rauchte, verschwand er wieder.

Als ich ihm nachging, sah ich, wie er hinten auf die Feuertreppe rauskletterte. Die Leute hielten mir den Joint hin, aber mir reichte der Punsch.

Gilberto steuerte jetzt direkt auf uns zu.

»Na, wie läufts bei dir, James? Rico hier sagt, dass ihr zwei zusammen Comics macht.«

»Ja, schon. Rico ist das Hirn hinter dem Ganzen.«

»Ach was«, antwortete Gilberto. »Vergiss das Hirn, aufs Talent kommt es an! Ich hab ein bisschen was von deinen Sachen gesehen. Das ist verdammt klasse!«

»Ja, aber ich hab das bloß abgezeichnet …«

»Ich kann nur sagen, dass ich das nicht könnte«, sagte Gilberto. »Also rede dein Talent mal nicht so klein, ja?«

Und Gilberto spielte jetzt wieder den älteren Bruder, zog mich an sich und erdrückte mich fast.

»Noch eins, Jimmy«, sagte er und erwürgte mich fast mit seinem Arm. »Ich hau hier sehr bald ab. Und ich will dich nur um eines bitten – wirklich ernsthaft bitten –, nämlich dass du auf meinen kleinen Kumpel hier aufpasst. Ich meine, ich will nicht, dass er in Schwierigkeiten gerät, und vor allem will ich nicht, dass er sich auf irgendwelchen Blödsinn einlässt – keine Drogen, kein Heroin, verstehst du?«

Jimmy schob seine Brille hoch und nickte.

Dann drückte Gilberto Jimmy den Finger in die Brust.

»Es ist mir ernst damit. Wenn ich weg bin, will ich nämlich, dass jemand auf den Jungen hier aufpasst.«

»Geht klar«, sagte Jimmy und zuckte dabei fast zurück.

»Prima!«, sagte Gilberto.

Und er gab Jimmy so einen Schlag auf die Schulter, dass Jimmys Brille auf den Boden fiel.

 

Ich blieb noch ein paar Stunden länger da. Ich tanzte, die Mädchen leuchteten rosa wie herumschwebende Luftballons. Ich hörte immer wieder ha, ha, die ganze Nacht, wenn Gilbertos Freunde sich nicht mehr einkriegten über den braven fünfzehnjährigen Rico, der über die Tanzfläche stolperte.

Das Zimmer drehte sich wie verrückt auf alle möglichen Arten.

Ich musste mich zweimal übergeben.

Als ich schließlich auf die Wanduhr schaute, konnte ich nicht mehr sehen, wie spät es war, weil die Zeiger herumzappelten wie komische Tierchen in einem Comic, auch wenn ich die Augen zusammenkniff. Jimmy war da schon weg, mit zehn Dollar, die ich ihm geliehen hatte. – Ich wusste nicht, wohin.

Dann passierte etwas Verrücktes.

Gilbertos Türklingel läutete. Nicht bloß, bing, bing, wie bei jemandem, der noch spät vorbeikommt, jemand drückte fest und anhaltend auf den Klingelknopf. Keiner reagierte. Dann klopfte es an der Tür. Und eine schrille weibliche Stimme rief: »¡Abre la puerta!« – »Macht die Tür auf!« – auf spanisch, immer und immer wieder.

Weil ich keine Uhr hatte, fragte ich Eddie, wie spät es war.

»Drei Uhr morgens.«

Oh du liebe Scheiße!, dachte ich.

Dann wurde das Klopfen stärker, bis schließlich jemand die Tür aufmachte. Naja, und da spazierte meine Moms herein, mit einem Besen in der Hand. Und sie sah ganz verdammt sauer aus. Sie schob sich durch die Leute und als Erstes scheuerte sie mir eine und schrie mich auf spanisch in einer Geschwindigkeit von tausend Wörtern pro Minute an. Dann zog sie mich am rechten Ohr raus, obwohl Gilberto angelaufen kam und ihr zu erklären versuchte, dass das alles bloß ein harmloses Vergnügen war.

»Oh, ja? Ich sollte die Polizei rufen!«, sagte sie zu ihm.

Als ich aus Gilbertos Wohnung ging, hörte ich wieder Gelächter, und draußen auf der Straße machte sich meine Moms mit diesem Besen schwer über mich her, drosch mich auf den Rücken und auf den Hintern, als hätte ich eine Bank ausgeraubt und nicht einfach nur getan, was die meisten Leute in meinem Alter in unserer Gegend taten. Und während sie auf mich einschlug, fragte ich mich, warum sie so scheißwütend auf mich war. Während sie schrie und schrie, wünschte ich mir, ich könnte mir ein Raumschiff bauen und zum Mond abhauen, oder ich könnte mich in einer der Mülltonnen auf dem Bürgersteig verstecken, und am liebsten wäre ich einfach in eine andere Zeit und an einen anderen Ort verschwunden wie Flash Gordon oder Green Lantern.

 

Ein paar Tage darauf half ich Gilberto, seine Koffer runterzutragen. Unten wartete ein Wagen, der ihn zum Flughafen bringen sollte. Ein Gypsy-Taxi ohne Lizenz. Ich schaute zu, wie Gilberto zum Abschied seine Mutter küsste. Es war komisch: Sie heulte und heulte, als würde er in den Krieg ziehen.

Und mir war auch ein bisschen zum Heulen.

Wir sagten »Auf Wiedersehn« oder »Machs gut« oder was man eben so sagt, wenn jemand aufs College geht. Ich meine, es war eine große Sache. Die New York Amsterdam News