Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Sachmet Die Rache der Löwin - Katharina Remy

Der Kampf der großen Göttinnen Isis und Sachmet, ihr Ringen um Ägyptens Wohl, sowie die Herrschaft über die Seelen der Hohepriesterin Sahu-Re ist nicht zu Ende. Pharao Echnatons Regentschaft, aber auch das Leben von Bent, hängen allein von der Gnade der mächtigen Göttinnen ab. 2011 AD.: Deutschland Die Archäologin Anna Berger, erschüttert von einem brutalen Mord in ihrem Freundeskreis, macht während des Arabischen Frühlings eine schauderhafte Entdeckung. Die einst von ihr im Arbeiterdorf Deir el Medine gefundene Statue verkörpert in den Wirren dieser unruhigen Zeiten das absolut Böse. Sachmet selbst offenbart sich und Anna muß in Luxor um ihr Leben fürchten. 1350 v.Chr.: Uaset, Kemet Bent, innerlich noch immer mit den Wunden ihrer grausamen Vergangenheit gezeichnet, führt als angesehene Hohepriesterin Sahu-Re seit mehr als zwanzig Jahren ein bescheidenes, genügsames Leben im Tempel der Isis. Doch die unruhigen Zeiten von Pharao Echnatons Herrschaft, der Glaubenskampf um die Reichsgötter Amun und Aton, verlangen Bents ganzen Mut. Willensstark und kämpferisch tritt sie für die alten rechtmäßigen Götter und den altehrwürdigen Glauben ein. Doch in dem unerbittlichen Kampf fordert noch eine Göttin - Sachmet - erbarmungslos ihre uneingeschränkte Macht zurück. Die Herrin der Angst reißt Bents Seele abermals in blutrünstige Abgründe. Die Dame des roten Tuches, die Tochter des Re verlangt von Bent absoluten Gehorsam und nimmt grausam Rache.

Meinungen über das E-Book Sachmet Die Rache der Löwin - Katharina Remy

E-Book-Leseprobe Sachmet Die Rache der Löwin - Katharina Remy

Das Buch:

Der Kampf der großen Göttinnen Isis und Sachmet, ihr Ringen um Ägyptens Wohl, sowie die Herrschaft über die Seele der Hohepriesterin Sahu-Re ist nicht zu Ende. Pharao Echnatons Regentschaft, aber auch das Leben von Bent hängen allein von der Gnade der mächtigen Göttinnen ab.

2011 AD:

Deutschland

Die Archäologin Anna Berger, erschüttert von einem brutalen Mord in ihrem Freundeskreis, macht während des Arabischen Frühlings eine schauderhafte Entdeckung. Die einst von ihr im Arbeiterdorf Deir el Medine gefundene Statue verkörpert in den Wirren dieser unruhigen Zeiten das absolut Böse. Sachmet selbst offenbart sich und Anna muß in Luxor um ihr Leben fürchten

1350 v. Chr.:

Uaset, Kemet

Bent, innerlich noch immer mit den Wunden ihrer grausamen Vergangenheit gezeichnet, führt als angesehene Hohepriesterin Sahu-Re seit mehr als zwanzig Jahren ein bescheidenes, genügsames Leben im Tempel der Isis.

Doch die unruhigen Zeiten von Pharao Echnatons Herrschaft, der Glaubenskampf um die Reichsgötter Amun und Aton verlangen Bents ganzen Mut. Willensstark und kämpferisch tritt sie für die alten, rechtmäßigen Götter und den altehrwürdigen Glauben ein. Doch in dem unerbittlichen Kampf fordert noch eine Göttin – Sachmet – erbarmungslos ihre uneingeschränkte Macht zurück. Die Herrin der Angst reißt Bents Seele abermals in blutrünstige Abgründe. Die Dame des roten Tuches, die Tochter des Re verlangt von Bent absoluten Gehorsam und nimmt grausam Rache

FÜR MEINE MUTTER

Isis, Herrin des Lebens

Vorwort der Autorin

Ein Platz für Träume!

Einfach den Sonnenuntergang auf der Terrasse des Winter Palace Hotels in Luxor genießen, sieht nicht unbedingt nach Schriftstellerei aus. Tatsächlich aber war der Besuch an den Originalschauplätzen meiner Romane äußerst hilfreich um örtliche Gegebenheiten genauer zu beschreiben. In Ägypten, vor den mächtigen Ruinen, bekam ich auch ein besseres Gespür dafür, wie die Menschen von damals lebten. Ich erzähle schließlich in meinen Romanen von diesem Lebensgefühl, von der Lebens- und Denkweise der alten Ägypter, ihrem unerschütterlichen Glauben an die Götter und an Maat, die alles im Gleichgewicht hält. Es geht mir beim Schreiben darum, diese Empfindungen zu vermitteln und nicht nur trockenes Wissen in einen historischen Roman zu verpacken. Wobei ich selbstverständlich wissenschaftliche Fakten berücksichtige (sie manchmal auch zu meinen Gunsten etwas verbiege) und die historischen Tatsachen genau recherchiere.

Bei Sachmet 2 Die Rache der Löwin habe ich dieses Mal auch völlig neue Wege beschritten. Neun bedeutende Szenen und die einzelnen Hauptkapitel werden jeweils von einem Bild illustriert, die Elke Bassler in liebevoller, zeitaufwendiger Arbeit erstellt hat.

Ich bin im Saarland geboren, verheiratet und als freischaffende Künstlerin tätig. Das antike Ägypten ist meine Leidenschaft seit ich Kind war. Meine Passion für Ägypten, insbesondere die Zeit der 18. Dynastie, schlug sich im Jahr 2000 in meinem ersten erfolgreichen Roman Am Horizont der Sonne nieder. Deshret - Rote Erde folgte im März 2003. Sachmet kam 2009 heraus. 2010 erschienen meine drei Romane in 2. überarbeiteter Auflage und auch als E-Book.

EIN BESONDERS

HERZLICHER DANK GEHT AN

ELKE BASSLER.

Elke hat durch ihre, mit viel Liebe, Zeit und Aufwand erstellten, wundervollen Bildern meine Heldin Bent zum Leben erweckt, ihre altägyptische Welt und den Tempel der großen Zauberin Isis auf phantastische Weise in Szene gesetzt.

Neben den in liebevoller Arbeit hergestellten neun Bildern zu jeder bedeutsamen Szene, gestaltete Elke ebenso die drei Inkarnationen der Bent für die Kapitelüberschriften. Außerdem hat sie mir ihre schöne Poserfigur der Bent für das Cover zur Verfügung gestellt.

Selbstverständlich möchte ich mich an dieser Stelle auch für die schöne Zeit unserer kreativen Zusammenarbeit ganz herzlich bei Elke bedanken!

Ein inniger, liebevoller Dank geht an Jürgen, der mir wie immer mit seinen Ideen und guten Ratschlägen zur Seite stand

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Deutschland, Saarbrücken

Kemet, Uaset

Luxor

PROLOG

Ägypten, Kairo

Januar 2011 A.D.

„Wo ist dein Mann?“

Nef schaute von ihrer Arbeit hoch. Ihre Schwester fragte beiläufig, griff an der Garderobe nach ihrer Handtasche, der Sonnenbrille und dem Schal.

„Was?“, plärrte Nef aus der Küche, drehte den Gesang Mustafa Sandals leiser, kam Paprika kauend aus der Küche in die große Diele. „Ja bleibst du nicht zum Essen? Wo willst du denn hin? He, Süße, es ist Zeit zum Abendessen.“

„Ich muß etwas erledigen und habe keine Zeit zum Essen. Also wo ist er?“

„Wer?

„Dein Mann!“

Nef bekam ein abfälliges Schnaufen zustande, als sie sich wieder dem Kochen zuwandte. Ein atemberaubender Duft von Zwiebeln, Knoblauch, Zimt und Koriander stieg ihr in die Nase; die Schwester folgte ihr in die Küche. Kunterbunt türmte sich das Gemüse auf der Arbeitsplatte, in der Pfanne auf dem Herd schmurgelte Lamm vor sich hin. Mustafa Sandal quäkte weiter von Liebe und Schmerz. Entschlossen drehte die Schwester den CD-Spieler ab. „Wo ist er?“

„Oooh!“ Nef verdrehte die Augen, schnippelte weiter Paprika. „Du weißt doch, daß mich das wenig interessiert. Ich hab ihn seit Jahren nicht gesehen. Wo soll er sein? Wenn er nicht irgendeinem Tornado nachjagt oder Gewitter fotografiert, wird er irgendwo in der Gegend sein. Ist jetzt Saison für Tornados?“

„Keine Ahnung. Hol ihn her, es ist wichtig!“

„Klar doch, Isi!“ Die Ironie tropfte nur so von Nefs Lippen. „Ich ruf ihn an oder suche ihn per Google. Keine Frage, meine Große. Ich hoffe, er hat sein Handy eingeschaltet, denn bei Google wird es ein Problem...“

Sie hielt inne, als die Türglocke anschlug.

„Ich geh‘ schon“, hörte sie es fröhlich durch die Diele, denn der kleinwüchsige Hausangestellte rannte auf kurzen, aber flinken Beinen eilig zur Tür, an die mittlerweile heftig geklopft wurde. Mit lautem Poltern wurde sie nun aufgestoßen, jemand klackerte auf hohen Hacken flott durch den Hausflur, in die Diele und in Richtung Küche. Ein roter Schal wehte herein, eine rote Handtasche knallte auf die Ablage neben dem Gemüse, lackschwarze, hochhackige, elegante und vor allem teure Pumps traten entschlossen auf dem Granitboden auf. Schwarze, feurige Augen, dick mit Kajal umrandet, blickten ironisch zwinkernd auf die Schwestern herab. Der zarte Schal schwebte kurz über dem langen seidig schwarzen Haar, dann sank er achtlos neben das Gemüse, von schlanken Fingern mit langen, gepflegten Nägeln gehalten.

„Ich faß‘ es nicht!“, bemerkte die elegante Besucherin bissig. „Ihr kocht? Wie löblich! Ganz den Pflichten einer Hausfrau erlegen! Nur nicht einmischen. Schön den Ballen flach halten und alles aussitzen.“ Gelassen knöpfte sie sich den fußlangen Mantel auf. Auch er war schwarz wie die Nacht.

„Was willst du?“ Nef blieb gelassen, pickte einen Zipfel des Schals von ihrem Paprika. Der Mantel wurde achtlos auf die Ablage geworfen und Nef betrachtete kritisch das feuerrote, knallenge - und zu für ihre Begriffe viel zu kurze - Kleid der Cousine. „Gut, daß die Sitten heutzutags so sind, wie sie sind. Vergiß bloß nie den Mantel überzuziehen, sonst haben dich die Sittenwächter gleich!“

„Laß das nur meine Sorge sein!“, kam die verächtliche Antwort zurück.

„Ich sitze nichts aus“, rief Isi, „und ich koche auch nicht, ich war schon auf dem Weg zu dir, meine Liebe.“ Isi blieb gelassen, während Nef verblüfft von ihrer Schwester zu ihrer Cousine schaute.

„Und wenn du nicht ständig dem Schnulzensänger da zuhören würdest, sondern auch mal den Nachrichten im Radio, dann wüßtest du es. Auf dem Tahrirplatz ist der Teufel los...“

„Auf dem Platz der Freiheit? Aber wieso? Was ist denn?“

„Es ist der Tag des Zorns! Sie wollen den Alten stürzen, er soll weg, aber er weigert sich. Ach, als die Algerier anfingen, ahnte ich schon sowas. Das wird nicht gut ausgehen!“

Entgeistert ließ sich Nef auf einen Küchenstuhl sinken. Oh, nun verstand sie die Frage nach ihrem Gatten, jetzt wußte sie warum die Cousine da war.

Aber so schnell? Solange hatten sie sich nicht gesehen. Wo war sie nur all die langen Jahre gewesen? All die geruhsamen, gelassenen Jahre der Unaufmerksamkeit, der Schläfrigkeit und des süßen Nichtstuns. Träumen gleich verrann die Zeit, ohne Sorgen, nur geprägt vom Taumel der Stadt, verdöst in der Hitze des Sommers, verschlafen in der angenehmen Kühle des Winters. Die Zeit verrann im Pulsschlag der Jahreszeiten und Nef hatte sich wie ihre Schwester treiben lassen. Dem Nichtstun hatten sie gehuldigt, dem zuckersüßen Müßiggang. Lauschten von der Terrasse des großen Penthouses dem ewigen Konzert des Lebens, selbst weitab davon.

„Wo sind die beiden anderen?“ Der Cousine scharfer Ton weckte Nef aus ihren Überlegungen.

„Keine Ahnung“, erwiderte sie tonlos. „Selk ist mit Neith irgendwo in Indien, seit Ewigkeiten schon, und...“

„Ja ja“, kam es höhnisch zurück, der Paprika flog durch die gesamte Küche, „und du spielst die Herrin des Hauses formvollendet!“

Plötzlich legte sich ein beklemmendes Schweigen über die drei Frauen. Der kleine Hausdiener stand betreten in der Küchentür.

„Unsere Männer!“ Nefs Stimme klang plötzlich belegt, sie räusperte sich. „Unsere Männer werden kommen...“

„Ja!“, fauchte die Cousine triumphierend, „Sie werden kommen, angezogen wie die Fliegen von verrottendem Aas werden sie bald da sein!“

„Wie du schon da bist!“, fuhr Nef böse geworden von dem Küchenstuhl hoch, fuchtelte wild mit dem Küchenmesser vor der Cousine Nase herum. „Da wo du auftauchst, ist der Ärger nicht weit!“

Blitzschnell wich sie der vorschnellenden Hand der Cousine aus, die Katzengleich nach ihr schlug und gleichzeitig boshaft zischte: „Und ich werde mir holen, was mir gehört! Die Zeit ist reif!“

„Hört sofort auf!“ Isi ging dazwischen. „Du machst nur Ärger und Nefs Mann auch. Aber mein Mann... er nimmt sie mit!“

„Wir müssen ihnen helfen!“ Nef wurde wachsam. „Das Schlimmste verhindern. Keiner von euch soll reiche Beute machen.“

„Nun“, die Cousine griff entschlossen nach ihrem Mantel, „ich weiß, was zu tun ist! Ich muß jetzt nach Luxor. Zu lange haben wir geträumt!“

„Wo lang jetzt?“ Sie schaute sich unwirsch um. Das Taxi hatte sie beide am Bahnhof raus gelassen. Ihr Begleiter grinste anzüglich, aber das war bei ihm nichts Neues. Schon eine geraume Weile hatte sie sich wegen ihm und den Umständen in Rage gebracht. „Daß ich zu Fuß gehe, ist alleine schon eine Frechheit! Sieh zu, daß du einen Wagen auftreibst! Alles ist umgebaut! Man kennt sich ja kaum noch aus! Wo sind wir?“

„Da runter geht’s zum Ipet Resit.“

„Meinst du, die Fähren legen noch da ab? Wir sind auf der falschen Seite.“

Er nickte gelassen und spazierte los. Wütend folgte sie ihm. Verflucht, bei allem, was ihr heilig war. Zu lange hatten sie gewartet, zu lange geträumt und zu lange sich dem Müßiggang hingegeben. Warum auch immer Isi - aller Hoffnung beraubt, denn zu wenige hatten noch zu ihnen gestanden - damals aufgegeben hatte, blieb ihr immer noch schleierhaft. Die wertvolle Zeit war sinnlos verronnen und alles Wichtige war in Vergessenheit geraten. Niemand erinnerte sich noch an die alten Zeiten und die alte Ordnung. Nur sie neun waren noch von der großen Familie übrig geblieben. Aber sie selbst würde nicht aufgeben. Verlangte mit ihrem unbändigen Willen ihre einstige Macht zurück. Dunkel erinnerte sie sich, wo sie suchen mußte. Und sie würde Verbündete suchen und finden.

Ein alter, schmieriger, schmutziger Bettler tauchte vor ihr auf, riß sie aus ihren bösen Gedanken.

„Du bist schuld!“, kreischte der alte Mann. „Schuld an meinem Elend!“

Sie gab ihm so heftig eine schallende Ohrfeige, daß der alte Mann rückwärts auf den Bürgersteig fiel. Erst jetzt nahm sie ihre Umwelt wieder voll wahr:

Gerade eben lag die Straße völlig ruhig vor ihr, doch jetzt erhob sich Tumult wie ein Sturm. Wütende Hunde bellten hinter einer Hecke, die Pferde vor den Kutschen wurden scheu und gingen durch. Fußgänger pöbelten sich an, Autos bogen noch aggressiver um die Ecke beim Luxortempel. Polizeiautos jagten hupend hinterher. Eine Bande Jugendlicher rannte über die Straße, warf Steine und begann zu randalieren. Irgendwo klirrte eine Schaufensterscheibe. Ihr Begleiter war zuverlässig. Laut sagte sie: „Hör sofort damit auf!“

„Ich gehe doch ganz ruhig hier!“

„Du weißt genau was ich meine!“

Ja, er war zuverlässig.

Zuverlässig Bösartig!

DEUTSCHLAND, SAARBRÜCKEN

April 2011 A.D.

Es war wie verhext in dieser lauen Frühlingsnacht. Zahllose Nachtschwärmer bevölkerten den St. Johanner Markt, rund um den Brunnen saßen junge Leute, Punker, ein paar Pennbrüder, manche von denen mit Hund oder Gitarre. Sämtliche Tische draußen vor den Lokalen waren besetzt. Und doch, in dieser wild wogenden Menge meinte Anna ein bekanntes Gesicht zu erkennen. Vor der Weinstube, unter den Kastanien saß sie. Tatsächlich, er steuerte den Tisch an, an dem sie alleine saß.

„Anna?“

Überrascht blickte sie zu ihm hoch: „Ja ist es denn die Möglichkeit…? Alex!“ Sie fiel ihm freudestrahlend um den Hals. „Hast du Zeit? Komm setz dich. Ach, wie schön dich zu treffen!“

„Was machst du denn hier? Wo ist Georg?“ Er betrachtete den Tisch; nur ein Glas Weißwein, der Aschenbecher und ein Windlicht standen da. Offensichtlich saß die Frau seines besten Kumpels alleine da.

„Ich hab euch ja ewig nicht gesehen, erzähl mal, Süße! Wo ist der alte Sack?“ Grinsend ließ er sich nieder. Anna kramte in ihrer Handtasche, packte Zigaretten und Feuer aus, steckte sich eine an.

„In Berlin“, sagte sie.

„Hat er wieder zu tun? Sucht er Altbauten, die er sanieren kann?“

„Er wohnt da, in einem Protzbau. Und ich bin wieder hier.“

„Komm, Süße, red‘ keinen Scheiß, du sagst damit doch nicht, daß ihr auseinander seid?“

„Ich hab es da nicht mehr ausgehalten, Alex. Ich bin, obwohl ich soviel unterwegs bin, eben sehr heimatverbunden. Ich hatte einfach Heimweh. Und dann ging noch vor zwei Jahren dieser Rummel mit dem Film los, deshalb hab ich dort alle Brücken hinter mir abgebrochen und bin wieder in unser altes Haus zurück. Dort bin ich nun seit ein paar Wochen wieder daheim. Komme gerade aus Ägypten. Du weißt ja, wie unruhig es im Moment da ist.“

„Ja, und ich kenn deinen staubigen Tick“, Lex grinste freundschaftlich. Mit Annas Arbeit konnte er sich überhaupt nicht identifizieren. In all diesem alten Krempel, der seit Jahrtausenden vom Sand verschluckt war, herumzuwühlen, war nicht sein Ding. Anna wußte das. Sie wußte aber auch, daß Alex ihre Arbeit würdigte, deshalb nahm sie ihm seine Späße nicht übel. Sie scherzte zurück:

„In Kom el Hetan, mit Eimerchen, Schaufelchen und Siebchen und hundert anderen buddel ich da im Sand.“

„Hä? Wo?“

„Westlich von Luxor, im Tempel von Amenhotep des Dritten.“

„Aha! Keine Ahnung, wovon du redest.“ Lex winkte der Bedienung. Anna hatte es längst aufgegeben, dem herrlich ignoranten Freund ihre Arbeit schmackhaft zu machen. Daher machte es ihr einfach großen Spaß ihn jetzt ein bißchen mit Fachwissen zu ärgern:

„Ein riesengroßer Tempel der wahrscheinlich durch ein Erdbeben dem Erdboden gleich gemacht wurde. Lediglich zwei große Statuen stehen heut noch. Die sogenannten Memnonkolosse. Aber hundert andere zerborstene Statuen finden sich auch noch dort. Wir versuchen gerade sie wieder zusammenzusetzen. Hoffentlich ändert sich die politische Lage in Ägypten bald… du hörst ja doch nicht zu, du alter Ignorant, bestell mir bitte noch einen Wein und dann erzähl mal von euch. Wie geht’s Karen?“

Die Bedienung war derweil an den Tisch getreten. Lex hielt einen Moment inne, anscheinend völlig von ihrer Frage aus der Bahn geworfen. Schlagartig war seine offensichtlich mühsam aufrecht gehaltene Beherrschung dahin. Barsch bestellte er zwei doppelte Cognac und den Wein.

„Ich hab einen Scheißfall am Hals, Anna“, gab er ihr völlig zusammenhanglos zur Antwort, kramte in seiner Hemdtasche nach den Zigaretten. Mit zitternden Fingern schaffte er es nur mühsam, sich eine anzuzünden. „Eine alleinstehende Geschäftsfrau, hier aus der Bahnhofstraße. Und wir kommen einfach nicht weiter.“

Anna nickte, wartete darauf, daß er weitersprach. Die Bedienung brachte die Getränke, kassierte ab und verschwand wieder. Und jetzt war es ihm wohl scheißegal wie es auf Anna wirkte – er kippte den Cognac ex, stellte das Glas hart zurück.

„Karen ist tot!“, sagte er laut. Zu laut! Denn er erschrak plötzlich vor seiner eigenen Stimme. Aus Annas Gesicht wich jegliche Farbe. Schweigend trank sie den zweiten Cognac.

„Du hast den Weg doch gut gefunden!“ Sie erwartete ihn an Tür, führte ihn in das große Wohn- Eßzimmer, drückte ihn auf die Couch, stellte ihm eine Flasche kaltes Mineralwasser hin, entschuldigte sich kurz und verschwand in der Küche. Lex schaute sich um. Hier hatte sich nichts verändert, seit sie nach Berlin gezogen waren. Dort hatten sie sich komplett neu eingerichtet und dieses Haus über zwei Jahre dem Dornröschenschlaf und der Pflege eines Hausmeisters überlassen. Mit Annas Anwesenheit lebte es nun wieder auf. Lex schnupperte; Anna war für ihre Köstlichkeiten berühmt! Gespannt darauf, was sie ihm, dem Überraschungsgast, wohl anbieten würde, lehnte er sich auf der breiten Couch zurück, betrachtete den schön eingedeckten Eßtisch: gelbe Tulpen, gelbe Servietten mit grünen Schleifchen und Kerzen, dem weißem Tischtuch und dem weißem Geschirr. Allerdings stimmte ihn der Anblick zweier fehlender Gedecke traurig. Wieviele gemütliche Abende hatten sie hier zu viert zusammen gesessen, gelacht und geschlemmt. Oft waren sie zu sechst gewesen. Birgit und Friedrich – auch ein Paar aus ihrer alten Clique – machten die lustige Runde manchmal erst komplett. Anna hatte am Telefon erzählt, daß Friedrich vor ein paar Wochen plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben sei.

„Dabei waren sie eine Woche vorher noch im Urlaub!“, rief sie nun aus der Küche. „Im Schwarzwald, und dann sowas. Ich bin immer noch total geschockt!“ Sie kam ins Wohnzimmer mit einem Teller voller kleiner Vorspeisen.

„Trinkst du ein Glas Champagner mit? Oder…“

„Anna, es ist mir scheißegal, mit was ich meine Leber ruiniere. Du brauchst nicht höflich oder rücksichtsvoll zu sein. Ich weiß, daß ich saufe, aber ich kann mich benehmen!“

„Ok, aber vielleicht versuchst du, es einzuschränken. Ich habe keine Lust, noch weitere Freunde zu verlieren. Komm, setz dich, ich laß derweil den Korken knallen.“

Lex mußte nun doch lachen. Nach alter Manier öffnete Anna die Terrassentür und ließ den Korken mit lautem Juchzen weit in den Garten fliegen.

„Damit die blöden Nachbarn wieder was zum Lästern haben!“, scherzte sie und schenkte zwei Gläser voll.

Der Vorspeisenteller war schnell geleert und Anna wollte nun genau wissen, um was es Lex ging. Der Hauptkommissar legte die Serviette beiseite.

„Wir fanden Frau Marquard letzte Woche tot in der Saar. Sie hat in der Fußgängerzone ein kleines, aber luxuriöses Antiquitätengeschäft; direkt an der Straßenecke. „ars vivendi“ prangt in goldenen Buchstaben auf dem Schaufenster. Vielleicht kanntest du sie?“

Anna schüttelte den Kopf.

„Ein Stich ins Herz mit einem langen, dünnen Gegenstand – ein Stilett vielleicht. Genau wie beim letzten Mal – denn es war dieselbe Waffe mit der Karen erstochen wurde!“

Anna schwieg entsetzt. Und sie sah ihm an, daß es besser war, kein weiteres Wort über Karen zu verlieren um seinen fürchterlichen Schmerz nicht unnötig aufzuwühlen. An seiner dünnen mit Mühe und Not errichteten Politur sollte man besser nicht kratzen. Er berichtete ihr, daß sie in Frau Marquards Wohnung hinter einer Tapetentür, die zusätzlich noch von einem Regal versteckt war, eine Besenkammer entdeckt hätten.

„An allen drei Wänden standen einfache Regale, voll mit Figuren von Käfern, Katzen, schwarzen Hunden und kleinen Statuen, die freundlich lächeln. Dazu unzählige Aktenordner und Dokumentmappen, die anscheinend wichtige Unterlagen enthalten; und volle Schachteln und Kisten. Meine Kollegin fragte noch: ‚Was in aller Welt ist das?‘ Ich sagte: Donnerwetter! Das ist ein Fall für Anna!“, grinste er.

Jetzt holte er mehrere Fotos hervor und Anna studierte sie genau.

„So ein Unwissender bist Du ja doch nicht, mein Lieber. Du hast richtig vermutet. Das sind ägyptische Uschebtis, Skarabäen, Bastet- und Anubisstatuen, Fragmente von Wandmalereien und Reliefs. Ob das echt ist, kann ich natürlich anhand der Fotos nicht beurteilen. Obwohl, die Ägypter können so gute Duplikate herstellen, daß mancher Gutachter schon verzweifelt ist.“

Lex zauberte aus seiner großen Tasche weitere Ordner und Unterlagen. Anna schaute konzentriert die Akten an. Gutachten, Expertisen, Zolldokumente, Einfuhrpapiere.

„So weit ich das sehe, scheint alles seine Ordnung zu haben, Alex. Es sieht nicht nach Antiquitätenschmuggel aus.“

„Weißt du auch, was das hier ist?“ Er hielt ihr ein weiteres Foto hin.

„Eine Schreiberpalette.“

„Wie?“

„Ein Tuschkasten, wenn du so willst. Hier, diese sechs runden Vertiefungen enthielten die feste Farbe. In dieser langen Vertiefung steckten die „Pinsel“. Die alten Ägypter nahmen dazu dünne Binsen, damit wurde geschrieben. Aber erst, nachdem man kräftig in die Farbe gespuckt hatte. Es war ein ähnliches Prinzip wie heute die Wasserfarben für Kinder. Scheint mir Elfenbein zu sein. Habt ihr nur die Palette oder habt ihr auch die Pinsel und den Glätter, der üblicherweise dazu gehört.“

„Nur das hier“, Lex klang traurig. „Es gehörte Karen, wir haben das nicht bei Frau Marquard gefunden.“

Annas Gesicht bekam einen schuldbewußten Ausdruck:

„Ich hab sie damit angesteckt“, sagte sie nun leise. „Sie hat sich so für das alte Ägypten interessiert. Immer wieder fragte sie mich danach. Sie fand es so faszinierend, wie die Menschen damals gelebt haben. Es kam ihr so drollig vor, daß die Damen vor dreitausend Jahren sogar schon Lockenwickler, Pinzetten und Schminke verwendet hatten. Oder medizinische Instrumente, von denen manche bis heute unverändert übernommen worden sind. Es waren die kleinen Dinge, die Karen so spannend fand, nicht die großen Ausgrabungen, sondern die Menschen von damals fanden ihr Interesse. Einmal hab ich ihr vom Schreiberberuf erzählt, daß es so ziemlich der angesehenste Beruf der damaligen Zeit war. Und von den Anwälten, die damals schon praktiziert hatten. Ihr Kerls habt da drüben auf der Couch gesessen, einen Kasten Bier geleert, dem Fußballspiel im Fernsehen zugeschaut und mitgegröhlt. Hast du keine Kaufbelege gefunden? Vielleicht hat Karen diese Palette bei Frau Marquard gekauft?“

„Das Ding ist nicht mehr im Haus. Nachdem wir gestern diese Artefakte gefunden haben, habe ich mich an diese Palette erinnert und nachgesehen. Ich habe sie nicht gefunden. Nur dieses Foto, das wir damals für die Versicherungsunterlagen machten. Aber ich kann mich nicht erinnern, daß da noch was dabei gewesen ist. Wie sehen die Pinsel aus?“

„Gemeinerhin sind es dünne Binsenstengel, es gibt aber auch Pinsel aus anderen Materialien.“ Anna vertiefte sich wieder in das Foto mit der Schreiberpalette: „Gott, was ist das Ding alt und abgenutzt.“

„Naja“, warf Lex ein, „alt ist es schon. Karen sagte damals was von über dreitausend Jahren.“

„So meine ich nicht. Es sieht alt aus, weil es offensichtlich lange benutzt worden ist, richtig abgewetzt ist es. Siehst du das nicht? Es wurde viel gebraucht. Oh“, rief sie plötzlich und verschwand schnell in der Küche. Es roch lecker. Lex räumte die Papiere zur Seite, da kam sie schon mit vollen Tellern zurück: Wachteln mit Weinkraut und Kartoffeln.

„Mädchen, du spinnst!“, lacht er.

„Mir macht es Spaß, das weißt du doch. Guten Appetit!“

Als sie mit dem Nachtisch fertig waren – ein leckeres Eis aus ihrer Kühltruhe – wandte sich Anna wieder dem Foto mit der Schreiberpalette zu.

„Da stehen Hieroglyphen am Rand“, bemerkte sie, stand auf, kramte in einer Schublade, kehrte mit einer Lupe zurück. Schweigend studierte sie eine Zeitlang die eingravierten Schriftzeichen. Mit zitternden Händen legte sie schließlich Lupe und Foto zur Seite.

„Nein, mein Lieber, ich kann dir nicht helfen! Dafür bin ich viel zu gaga!“

„Was ist denn nun los?“, fragte Lex verblüfft. Die sonst so taffe Anna saß bleich geworden wie ein Häufchen Elend ihm gegenüber.

„Ich bin nicht so ganz kapitelfest, also seelisch… ein bißchen neben der Spur, wenn du so willst. Ich kann dir nicht helfen. Oh, wenn du wüßtest… nein, dreimal nein!“

„Jetzt laß mich doch nicht als vollkommenen Idioten da stehen! Was ist denn los?“

„Ich glaube nicht, daß du meine Aussagen verwenden könntest. Also laß es gut sein!“

„Eine kurze Erklärung könntest du mir wenigstens geben!“

Anna schenkte sich ein weiteres Glas Champagner ein; sie trank es in einem Zug leer:

„Ich soll mich vor dir outen, aber du hast es nicht mal geschafft, mir von Karens Tod zu berichten! Sie war unsere Anwältin, sie war meine Freundin. Ein kurzer Anruf wäre doch das mindeste gewesen! Und so einem soll ich jetzt erzählen, daß ich diesen Menschen“, sie hämmerte mit dem Finger auf das Foto, „dessen Namen ich eben auf der Palette entziffert habe, persönlich getroffen habe! Aber, ha!“, sie lachte laut und bitter, „diese Person ist seit über dreitausend Jahren tot! Ich bin nicht ganz richtig im Kopf, vergiß, was ich dir erzählt habe!“

Jetzt fehlten dem Hauptkommissar tatsächlich die Worte.

„Persönlich getroffen?“, brachte er dann doch heraus. „Willst du mir davon erzählen?“

„Das soll wohl ein Verhör werden?“ Annas Stimme bekam einen scharfen Klang.

„Nein! Aber diese seltsame Verbindung meines Falls; diese verschwundene Palette; dieser ganze ägyptischen Kram, Anna, du mußt doch zugeben, daß das eigenartig ist.“

„Ich rede nicht gern darüber, was mir vor über zehn Jahren passiert ist. Es hat mich völlig aus der Bahn geworfen.“

„Ich versichere dir, ich werde nichts weitergeben. Schließlich ist es deine Privatsache. Aber vielleicht kannst du mir einen groben Überblick verschaffen. Ich habe von solchen Dingen keine Ahnung. Du könntest mir wirklich ein klein bißchen helfen. Wem gehörte dieses Ding?“

Anna seufzte. Kleinlaut sagte sie: „Einem Mann, der anscheinend nicht gestorben ist. Er lebte vor dreitausend Jahren in Ägypten und war ein hochrangiger Beamter. Am Neujahrstag 2000 sprach er mich an und drohte mir. Bis heute habe ich kein Wort darüber verloren.“

Lex wartete geduldig, daß sie weitersprach.

„Ich hatte“, erzählte sie weiter, „von August 1999 bis zu diesem Neujahrsmorgen eine schreckliche Zeit. Alpträume und Halluzinationen plagten mich. Kannst du dich noch an die Sonnenfinsternis erinnern?“

Lex nickte.

„Da begann es, während dieser Finsternis, in dem Moment, als die Sonne völlig vom Mond bedeckt war. Ich schrieb es damals meinem Streß zu. Vermutete den Beginn der Wechseljahre, schob es auf Georg – du weißt, wie er manchmal ist – dachte an die schlimmsten Krankheiten. Ich stand völlig neben mir, vergrub mich mehr denn je in meine Arbeit. Und je mehr ich über den Ausgrabungen saß, desto schlimmer wurde es. Ich fand damals eine Statue. Eine eigenartige Figur, Engel und Teufel in einer Person, wenn du so willst. So kam sie mir jedenfalls immer vor. Der Raum, in dem diese Statue gestanden hatte, war ursprünglich zugemauert; die Schrift auf der Mauer erzählte von einem schauderhaften Fluch.“

Sie lauerte auf eine Reaktion bei Alex, doch er hörte ihr nur gespannt zu.

„Diese Beschwörung erwähnte einen Mann, der ‚Millionen von Jahren umherirren soll‘. Ich glaube nicht an altägyptische Flüche, sie sind meistens einfach wissenschaftlich zu erklären. Doch der Name dieses Mannes ist der gleiche, wie auf deiner Palette. Amenophis, Sohn des Hapu!“

Lex stand auf, nahm die Wasserflasche vom Couchtisch, trank sie leer und packte seine Unterlagen zusammen.

„Sie hat diese Palette tatsächlich bei Frau Marquard gekauft. Daran erinnere ich mich jetzt. Und du sagtest vorgestern, daß du in einem Tempel bei Ausgrabungen dabei bist. Dabei nanntest du einen ähnlichen Namen, Ameno-blabla, ich kenn‘ mich da nicht aus. Ist das derselbe Typ?“

„Nein, aber zufälligerweise der gleiche Name. Der, dem die Palette gehört, hat diesen Tempel damals geplant und gebaut. Amenophis Hapu war Baumeister, Schreiber, Vermögensverwalter, Großwesir. Zum guten Schluß wurde er sogar noch als Gott verehrt.“

„Also muß ich wohl nach einem Spinner suchen, der glaubt, Gott Amenophis zu sein. Nun auf ihr tapferen Recken – es ist meine einzige Spur!“

Lachend schloß sie die Haustür hinter ihm. Sie war ihm dankbar, daß er nicht näher auf ihr seelisches Problem eingegangen war, sondern quasi die Schuld einem anderen zuschusterte. Sie schenkte sich das letzte Glas Champagner aus und stellte den Geschirrspüler an. Mit einem Stapel Fachzeitschriften, den sie noch nicht durchgesehen hatte, und dem vollen Glas bewaffnet, trat sie hinaus auf die Terrasse. Der Abend war so lau; es tat so gut, den Frühling zu spüren. Ein leises „Miau“ weckte sie aus ihren Gedanken. Nachbars Katze strich ihr um die Beine.

„Na Mädchen? Genießt du es auch?“ Das behagliche Schnurren reichte Anna als Antwort. Sie nahm die oberste Zeitung vom Stapel, trank einen Schluck, griff zu der nächsten und kraulte dem Stubentiger, Marke getigerter Landadel, auf ihrem Schoß das Fell. Noch bevor sie sich auf die Zeitschrift konzentrieren konnte – irgendetwas lenkte ihre Aufmerksamkeit auf ein weiteres Titelblatt – läutete es an der Haustür. Alex hatte doch nichts liegenlassen?

Sie glaubte sich verhört zu haben, als sie den Namen durch die Sprechanlage hörte. Daher fragte sie nochmal.

„Ahmed! Mach schon auf!“

Verwirrt drückte sie den Türöffner. Und da stand er wirklich vor ihr, mit seinem frechen Grinsen in seinem schönen Gesicht, ein Lausbub wie er im Buche stand. Seinen Rucksack knallte er einfach auf den Boden.

„Inschallah!“, seufzte er. „Endlich hab ich dich. Sag mal, hast du kein Telefon? Handy? I-Phone? E-Mail? Skype? Wohnst du auf dem Mond? Muß ich bettelarmer Student mich in ein Flugzeug setzen, hierherfliegen um dich persönlich aufzusuchen?“

Sie war viel zu verdattert, um ihm eine richtige Antwort zu geben:

„Am Handy war der Akku leer, Festnetz ist abgemeldet, zum E-Mail abhören bin ich nicht gekommen. Aber was zum Geier ist Skype… sag mal, spinnst du? Was machst du hier?“

„Hunger und Durst und brennende Füße!

„Du bist unglaublich frech!“

„Ja, und seit Stunden unterwegs. Ich konnte von Glück sagen, daß einige Plätze in der Maschine frei waren. Sind ja kaum noch Touris da. Weil ich dich telefonisch nicht erreichen konnte, fragte ich nach einem Flug. Allah ist großmütig und gewährte mir einen!“

„Aber warum?“

“Hunger und Durst!“

„Och, Junge, nun rede doch!“

„Ich zieh‘ die Schuhe aus!“

„Wirst du wohl! Auf deine Lümmelfüße, die den ganzen Tag in den Turnschuhen steckten, hab ich keinen Bock!“

„Das ist die reine Höflichkeit, Anna!“

„Laß es gut sein. Magst du Wachteln?“

„‘iss‘n das?“

„Kleine Vögelchen, mit Sauerkraut und Kartoffeln. Mehr hab ich nicht. Wasser?“

„Hast du keine Cola?“

„Verwöhnter Bengel! Ich sage dir, wenn du nicht bald redest, erklär‘ ich dir den Kampf!“

Ahmed umarmte sie liebevoll und hauchte ihr ins Ohr:

„Oh du schönste Rosenblüte meines Gartens! Du, die beste aller meiner vielen Mütter, süßer als Marzipan ist dein Lächeln! Glätte dein gesträubtes Gefieder, du prächtigster aller Paradiesvögel; reiche mir dein köstliches Wasser, dein saures Kraut und deine kleinen Vögel und ich werde dir alles erzählen!“

Drei Wachteln und eine Flasche Cola später begann er endlich zu erzählen:

„Wie du weißt, sind wir mit den Aufräumarbeiten im Ägyptischen Museum soweit durch. Solch ein Chaos! Solch ein Verlust antiker Schätze. Acht wertvolle Stücke sind verschwunden. Sechs aus der Amarna-Zeit und zwei von Tut-Ench-Amun. Aber ich vermute, es sind noch viel mehr Artefakte verschwunden! Manchmal packte mich die reinste Wut. Den Hawass haben sie mittlerweile geschaßt. Aber dann kam einer als Aufsicht, der alles besser wußte. So ein Stubenhengst ist mir noch keiner untergekommen. Ich glaub, der scheißt sogar Radiergummis. Jedenfalls kramte er in allen Schubladen, wenn du so willst. Und er wollte den Keller aufräumen!“

„Oh weh!“, warf Anna lachend ein. Es lagerten dort bestimmt fast vierzigtausend unsortierte und nicht katalogisierte Einzelteile.

„Ja, du kennst den Keller auch. Dort steht dein ‚Mädchen‘…“

„Sie ist nicht ‚mein Mädchen‘! Sie gehört der ganzen Welt!“

„Egal! Du hast sie gefunden, sie wird immer dein bleiben. Sie sollte ja ab Januar auf große Tournee gehen, deshalb hat man sie vorab schon mal in den Keller gebracht, bis die Kisten fertig gebaut sind und so. Allah sei Dank, daß sie da unten stand, denn auf ihrem ursprünglichen Platz wäre sie der Revolution zum Opfer gefallen. Sie stand ja ganz vorne, als toller Blickfang, fast im Foyer. Nun denn, ich muß oft in den Keller neuerdings. Ich laufe an ihr vorbei, rede ein wenig mit ihr, sie guckt ja auch so nett. Aber… Anna, was ich dir jetzt erzähle, wirst du nicht glauben wollen…“

„Ist sie kaputt?“

„Nein! Sie…“, er druckste herum, zog die langen Beine in den Jeans unter sich, kuschelte sich in die Ecke der Couch.

„Nun mach’s doch nicht so spannend, Mensch!“

„Sie kleckert!“

„Was?“

„Kleckert! Der Stein gibt was ab.“

„Was ab?“ Anna roch an Ahmeds Glas. Cola, einwandfrei.

„Irgendwas fällt da aus. Keine Ahnung. Ich bin kein Geologe. Ein Mineral, ein Salz, wer weiß? Wir ließen das Zeugs untersuchen. Aber bei uns ticken die Uhren anders als sonst wo. Unsere Laboranten kamen zu der Überzeugung, es sei Blut.“

„Sie ist aus Gips!“ Anna traute ihren Ohren nicht. Ahmed flunkerte zwar gern was das Zeug hielt, aber er würde mit einer solch wichtigen Sache keine Scherze treiben. „Und Leinwand“, fuhr Anna fort, „Holz, Stroh, ja sogar ein Herz aus Glas fand der CT heraus. Was soll da ausfällen? Salpeter? Schimmel?“

„Es ist schmierig und rot, Anna. Es ist kein Salpeter und kein Rotschimmel. Du mußt doch davon gehört haben, es ging durch die ganze Presse.“

„Ich habe nichts gehört, Ahmed. Ich habe mein Haus und den Garten auf Vordermann gebracht. Hier hat zwei Jahre keiner gewohnt, die letzte Saison war ich in Luxor, es sah schlimm aus. Und gerade eben setzte ich mich nieder, um meine Zeitschriften durchzusehen, da kamst du.“

Sie stand auf um nach der Illustrierten zu greifen, die eben ihr Interesse geweckt hatte.

Da! Groß auf dem Titelblatt sprang ihr die Statue entgegen. So bunt und schön, wie sie sie in Erinnerung hatte; ihr langes, schwarzes Haar, das herbe Gesicht, die geöffneten Arme, das weiße Kleid, der schöne Schmuck. Aber…

„Oh Gott, was ist denn das?“ Anna glaubte nicht, was sie da sah – über die gesamte Brust der Statue rann offensichtlich Blut! Darüber die reißerische Überschrift:

„Die blutende Göttin! Die Rache der Revolution?“

Sie hatten erst einmal ausgeschlafen. Am Morgen sieht die Welt anders aus, dachte Anna, während sie den Frühstückstisch deckte und den Nachrichten im Radio zuhörte. Dabei versuchte sie gar nicht erst, die Illustrierte anzusehen, die umgedreht auf der granitenen Arbeitsplatte lag.

„Blödes Ding!“, zischte sie dem Kaffeevollautomaten zu, der zuerst nach Wasser verlangte, ihr schließlich durch ein Lämpchen mitteilte, daß der Tresterbehälter voll sei. Als dann noch das Servicelämpchen aufleuchtete, kramte sie, sauer geworden, tief im Schrank nach ihrer alten Filtermaschine. „Scheißtechnik!“

Endlich zog köstlicher Kaffeeduft durch die Küche. Jetzt war sie zufrieden.

Von oben polterte es; Ahmed war also wach.

Da kam der gute Junge den ganzen weiten Weg zu ihr geflogen, um ihr von diesen unheimlichen Vorkommnissen zu berichten. Sie war so stolz auf ihn und erinnerte sich an das klapprige Bürschchen von damals. So dünn war er gewesen, als Ibrahim ihn ihr brachte. So ausgehungert nach Leben und Liebe, daß sie nicht anders konnte, als ihn aufzunehmen. Er blieb damals, vor fast zwölf Jahren, bei ihnen im Camp, machte sich bald unentbehrlich. Zwischendurch, wenn die Ausgräber auf Heimaturlaub gingen oder sonst niemand richtig Zeit für ihn hatte, fand er bei Ibrahims Familie Anschluß. Ibrahim regelte auch behördlich alles was zu einer ordentlichen Pflegefamilie gehörte. So fand Ahmed endlich ein vernünftiges zu Hause, ging regelmäßig zur Schule, machte seinen Abschluß, lernte fleißig weiter, ging schließlich zur Universität. Seinen Lebensunterhalt verdiente er, indem er bei Ausgrabungen half oder im Ägyptischen Museum in Kairo als Führer oder Mitarbeiter tätig war. Dabei half ihm, neben seinem Fachwissen, auch sein Talent für Sprachen; mit deutsch und englisch kam er weit und war mittlerweile einer der beliebtesten Führer im Museum. Dieses Wunderkind verlangte jetzt lautstark nach Kaffee und Brötchen.

„Wie geht es Fatme?“ Anna schaute ihm ungeduldig zu, wie er in aller Seelenruhe Marmelade auf sein Brötchen schmierte.

„Gut!“, hörte sie ihn kauend murmeln. „Es geht allen gut. Ibrahim schimpft. Er hat nichts zu tun. Keine Gäste, kein Rummel. Deshalb bleibt er zu Hause. Er hat zuviel Freizeit und geht Fatme damit gewaltig auf den Wecker. Warum sie jetzt Wäsche waschen will, wo er mit ihr ausgehen will, wie lange es dauert, bis das Essen auf dem Tisch steht und warum sie gerade jetzt einkaufen will, wo er doch ein Nickerchen machen will. Und so weiter. Fatme hat schon gedroht, ganz auf die Dachterrasse zu ziehen, wenn er länger zu Hause bleibt.“ Ahmed schmunzelte: „Und Oma geht mit!“

Anna lachte: „Und die anderen?“

„Sie sind ja fast alle weg. Nur unsere Arbeiter und Archäologen sind noch da, und Andrea. Sie ist geblieben. Du weißt ja, sie hat vor nichts Angst. Außerdem kann sie da in Ruhe weiterbuddeln. Es ist wirklich gespenstisch. Wir haben kaum Touristen in Luxor. Stell dir vor, sie legten alle Gäste zusammen auf die Pharao. Ein Schiff, Anna, für alle Gäste!“

„Und es sind über achtzig Schiffe“, warf Anna ein.

„Ich flog von Kairo erst nach Luxor. Mußte ein paar Sachen holen, Fatme Bescheid geben und fuhr auch kurz zur Westbank rüber um zu sehen wie es dort geht. Sie heben die gigantische Statue weiter mit den Luftkissen an und es sieht gut aus. Sie machen große Fortschritte. Die schöne Teje-Statue ist ganz gesäubert und Andrea hat mal wieder was gefunden! Sie hat es dir per Mail geschickt“

„Nein?“

„Doch!

Gespannt schaute Anna auf ihren Computerbildschirm. Die e-Mail von Andrea brauchte eine Weile, bis sie vollständig heruntergeladen war. Ahmed trippelte hinter ihrem Bürostuhl unruhig auf und ab.

„Highspeed-Internet ist schon erfunden!“, jammerte er in ihrem Rücken. „Sie hätt’s ja besser gemorst, das wär wesentlich schneller gegangen!“