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Dein Geheimnis ist entsetzlich.
Dein Plan ist raffiniert.
Doch: Dein Gegner hat dich längst im Visier ...
Sadisten, Psychopathen, Serienmörder - die forensische Psychologin Anna Salomon weiß um die dunklen Abgründe der menschlichen Natur. Sie gilt als Ausnahmetalent in der Behandlung von Straftätern und ist bekannt dafür, die undurchdringlichsten Fassaden zu durchschauen. Doch niemand ahnt, was sich hinter ihrer eigenen verbirgt. Denn ausgerechnet in den Mauern eines Hochsicherheitsgefängnisses jagt Anna ihrer ganz persönlichen Heilung hinterher. Auf der Suche nach der Wahrheit ist sie bereit, alles zu riskieren. Nur: Sie ist nicht die Einzige, die ein gefährliches Spiel spielt. Jemand spielt mit - der Einsatz ist Annas Leben ...
Der neue Thriller der Autorin des Erfolgsdebüts HAPPY END - eine fesselnde Reise in die dunkelsten Kammern der menschlichen Psyche
»Was für ein Debüt! HAPPY END ist eine emotionale Achterbahnfahrt (...) kaum ist sie zu Ende, möchte man vor Begeisterung rufen: Noch mal!« MIKE ALTWICKER, WDR
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Seitenzahl: 471
Veröffentlichungsjahr: 2025
Dein Geheimnis ist entsetzlich.
Dein Plan ist raffiniert.
Doch: Dein Gegner hat dich längst im Visier …
Sadisten, Psychopathen, Serienmörder - die forensische Psychologin Anna Salomon weiß um die dunklen Abgründe der menschlichen Natur. Sie gilt als Ausnahmetalent in der Behandlung von Straftätern und ist bekannt dafür, die undurchdringlichsten Fassaden zu durchschauen. Doch niemand ahnt, was sich hinter ihrer eigenen verbirgt. Denn ausgerechnet in den Mauern eines Hochsicherheitsgefängnisses jagt Anna ihrer ganz persönlichen Heilung hinterher. Auf der Suche nach der Wahrheit ist sie bereit, alles zu riskieren. Nur: Sie ist nicht die Einzige, die ein gefährliches Spiel spielt. Jemand spielt mit - der Einsatz ist Annas Leben …
Der neue Thriller der Autorin des Erfolgsdebüts HAPPY END - eine fesselnde Reise in die dunkelsten Kammern der menschlichen Psyche
»Was für ein Debüt! HAPPY END ist eine emotionale Achterbahnfahrt (…) kaum ist sie zu Ende, möchte man vor Begeisterung rufen: Noch mal!« MIKE ALTWICKER, WDR
Sarah Bestgen, Jahrgang 1990, lebt mit ihrer Familie im Rheinland. Sie studierte Psychologie in Köln und Bonn und arbeitete rechtspsychologisch und klinisch, bevor sie für eine renommierte Personalberatung in der Führungskräfteauswahl und -entwicklung tätig wurde. Neben ihrer Faszination für Menschen, ihre Geschichten und ihre psychischen Abgründe ist Schreiben ihre große Leidenschaft. Nach ihrem Thrillerdebüt HAPPY END, das von Lesern und Rezensenten begeistert aufgenommen wurde, hat sie mit SAFE SPACE ihren zweiten Thriller vorgelegt.
SARAH BESTGEN
SAFE SPACE
DER SICHERSTE ORTEINE TÖDLICHE FALLE
THRILLER
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Dieses Werk wurde vermittelt durch die AVA international GmbH Autoren- und Verlagsagentur, München. www.ava-international.de
Copyright © 2025 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln, Deutschland
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.
Textredaktion: Christiane Branscheid, Bremervörde
Umschlaggestaltung: Kristin Pang, München
Einband-/Umschlagmotiv: © Jaroslaw Blaminsky/Trevillion Images
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-8431-3
luebbe.de
lesejury.de
Drei Leben, für immer fest verwoben mit meinem –in Kindheit, Chaos, Liebe und Zeit.Für meine Schwestern Saskia, Hanna und Maria.Ich liebe euch.
Jeder von uns wird sterben.
Die Frage, wann, wo und wie wir sterben, ist eine der wichtigsten Fragen unseres Lebens, und doch stellen wir sie uns nicht. Zumindest nicht, wenn wir nicht müssen, denn obwohl wir als Menschen um die Unausweichlichkeit unseres Endes wissen, verdrängen die meisten von uns die sicherste Tatsache unseres Lebens, solange wir können.
Bis zu dem Moment, in dem der Tod Teil unseres Lebens wird.
Bis zu dem Moment, in dem wir nicht mehr verdrängen können.
Der natürliche Sterbeprozess eines Menschen, der an Altersschwäche stirbt, verläuft über mehrere Phasen.
Wochen bis Tage vor ihrem Tod, in der frühen Sterbephase, essen und trinken viele Sterbende hohen Alters kaum noch. Sie schlafen viel, weil ihr Stoffwechsel herunterfährt und die Energie nachlässt. Sie verabschieden sich auf diese Weise langsam auch von ihrem sozialen Umfeld, indem sie weniger sprechen und sich zunehmend zurückziehen.
Tage bis Stunden vor ihrem Tod, in der Terminalphase, tritt häufig eine unregelmäßige Atmung auf. Die Extremitäten werden kalt, Hände und Füße verfärben sich möglicherweise sogar, weil es zu Zirkulationsproblemen des Blutes kommt. Manche dieser Menschen wirken verwirrt oder leiden unter Halluzinationen.
In der unmittelbaren Phase vor dem Tod, Stunden bis Minuten vorher, wird häufig eine Rasselatmung beobachtet, weil die Sterbenden nicht mehr in der Lage sind, zu husten oder zu schlucken, und sich auf diese Weise Flüssigkeit in den Atemwegen ansammelt. Das Herz schlägt langsamer, und der Blutdruck sinkt stark ab. Auch das allgemeine sensorische Empfinden hat in den meisten Fällen inzwischen nachgelassen und damit auch die Schmerzempfindlichkeit.
Der natürliche Sterbeprozess bei Menschen in hohem Alter verläuft folglich in der Regel schmerzlos. Die meisten sterben bewusstlos, ihnen begegnet der Tod also sachte, langsam, wie ein alter Freund. Vielleicht ist man sogar erleichtert – erleichtert, dass die Antwort auf die quälende Frage nach dem Wann, Wo und Wie des Sterbens eine sanfte ist. Wie das liebevolle Zuklappen eines Buches, das man gern gelesen hat, das ein gutes und friedvolles Ende mit sich brachte.
Andere von uns reißt der Tod mitten aus dem Leben. Die Geschichte ist nur halb erzählt, und doch endet sie schlagartig – ohne Ausblick, wie sie weitergegangen wäre. Möglicherweise kommt der Tod sogar so schnell, dass die Frage nach dem Wie des Sterbens nicht mehr bewusst beantwortet werden kann. Manche von uns bekommen vielleicht gar nichts davon mit, weder vorher noch währenddessen, weil der Tod uns überfällt, hinterrücks. So schnell, dass das Gehirn keine Chance hat zu begreifen, was passiert. Vielleicht, weil wir bei einem Unfall oder durch eine Kugel sterben, die mit über vierhundert Metern pro Sekunde in unseren Körper einschlägt.
Vielleicht kriecht der Tod aber auch in Form einer Krankheit an uns heran, über Wochen oder Monate, vielleicht auch Jahre, während wir noch längst nicht bereit dafür sind. Dann bringt die Antwort auf die Frage nach dem Ende unseres Lebens vermutlich Angst, Trauer, Schock, Wut – und nicht selten auch Schmerz und Qual.
Und dann gibt es die, die nicht bereit sind, die Antwort auf die Frage nach dem Wann, Wo und Wie abzuwarten. Diejenigen, die den Wunsch verspüren, den elementarsten Bestandteil ihres Lebens in die eigene Hand zu nehmen. Diejenigen, die es mehr in den Tod als in das Leben zieht, denen die Bürde des Lebens schwerer als die des Todes erscheint. Diejenigen, die eine frühzeitige Entscheidung treffen – und die folgenschwerste, die es überhaupt für das eigene Leben geben kann.
Was aber, wenn deine Geschichte deshalb zu früh endet, weil ein anderer Mensch über deine Antworten auf die Fragen nach dem Wie und Wann deines Todes entscheidet? Was, wenn dir ein anderer Mensch die Chance nimmt, deine wahren Antworten auf dein Lebensende zu finden, indem er es selbst herbeiführt? Wenn du Glück hast, trifft dich seine Antwort auf deine Fragen mit jener Pistolenkugel, die deiner Lebenszeit binnen Sekunden ein Ende setzt, ohne dass du begreifst, was passiert. Diese Variante des Verrats hätte aufgrund des schnellen Endes noch irgendetwas Tröstliches oder Gnädiges. Womöglich bleibst du aber nicht unwissend – womöglich begreifst du im schlimmsten Fall, dass dieser Hochverrat an dir und deiner gesamten Existenz von einem Menschen begangen wird, dem du vertrautest. Erkennst einen Verrat, der so unglaublich und unbarmherzig ist, dass du ihn eigentlich nicht erkennen willst, nicht einmal in dem Moment, in dem er dich tötet.
Was also, wenn deine ganze Welt mit allem, was du geglaubt und gefühlt hast, in Schutt und Asche gelegt wird, bevor sie in Schwärze untergeht?
Ich bin einer dieser Menschen, die einen solchen Verrat erfahren haben.
Ich bin einer dieser Menschen, die doppelt sterben.
Denn der Tod frisst nicht nur meine Zukunft, wie Tode es nun einmal tun, sondern auch meine Vergangenheit. Er frisst mein Leben rückwirkend und jede Wahrheit, die je darin bestanden hat.
Ich heiße Anna Salomon und bin hier genau am richtigen Ort, denke ich und atme tief durch, während ich auf das Schild mit der Aufschrift »Justizvollzugsanstalt Weyer« starre. Meine Augen wandern über die schmutzig graue Gefängnisfassade und die nummerierten feinvergitterten Fenster, die eher kastigen Löchern als tatsächlichen Fenstern gleichen. Über allem ragen rundumverglaste Wachtürme mit Videokameras und bewaffneten Beamten auf. Die ersten meterhohen Betonmauern mit NATO-Drahtrollen habe ich bereits hinter mir gelassen, doch ich weiß, es werden noch weitere Sicherheitsvorkehrungen folgen.
Als dürfte niemand hineinkommen.
Ein spontaner Gedanke, den ich auch bei meinem ersten Besuch in diesem südlich von Köln gelegenen Gefängnis hatte, dabei ist mir natürlich klar, dass die zahlreichen Vorkehrungen einer Justizvollzugsanstalt mit höchster Sicherheitsstufe in Wahrheit dem Zweck dienen, niemanden hinauszulassen. Zumindest keinen der zweihundertdreiunddreißig männlichen Intensivstraftäter, die hier wegen schwerer Gewaltdelikte, Sexualstraftaten oder Organisierter Kriminalität einsitzen.
Ich recke mein Kinn und wende mich in Richtung Eingang. Als ich mich der Schleuse nähere, werden meine Hände schwitzig. Wann ich mich wohl daran gewöhnt haben werde?, frage ich mich, als ich durch die erste Tür trete, die sich mit einem elektrischen Surren öffnet. Ich konzentriere mich auf den Beamten hinter dem Sicherheitsglas und lächle freundlich, obwohl mein Puls in meiner Kehle pocht.
»Name und Anliegen?«, fragt er geschäftsmäßig.
»Anna Salomon. Ich bin die neue Anstaltspsychologin der sozialtherapeutischen Abteilung«, antworte ich und hoffe, dass meine Stimme fest genug klingt. In dieser Welt ist Nervosität keine gute Idee.
Ich bemerke, wie mich der Beamte mustert. Ich weiß ganz genau, was er nun denkt. Er wird nicht der Letzte sein, der sich fragt, wieso zur Hölle sich ausgerechnet eine junge, zierliche Frau Mitte zwanzig freiwillig unter Schwerverbrecher begibt. Schwerverbrecher, die die abscheulichsten Taten begangen haben und als kaum resozialisierbar gelten.
Auf die Antwort wird er niemals kommen. Denn hier, mitten unter ihnen, mitten unter Serienmördern, Vergewaltigern, Sadisten und Psychopathen, bin ich genau richtig.
»Ich rufe beim psychologischen Dienst an, Ihr Fachvorgesetzter holt Sie ab«, erwidert der Mann hinter dem Sicherheitsglas und greift zum Hörer.
Ich nicke und ziehe meinen blonden Pferdeschwanz fest.
Ich bin hier genau am richtigen Ort, denke ich auch noch, als ich etwa fünfzehn Minuten später im Austausch für mein Handy, das weggeschlossen wird, mein persönliches Notsignalgerät entgegennehme.
Die Luft in dem zweckmäßig eingerichteten Besprechungsraum ist stickig, auch die Polster der blauen Stühle strömen einen abgestandenen Geruch aus. Zwölf Personen sitzen oder stehen um den großen, mit glänzendem Buchenfurnier beklebten Tisch herum, Akten liegen neben Kaffeetassen, Gemurmel ist zu hören. An den Wänden stehen typische Büro-Sideboards, darüber hängen Kalender mit bunten Markierungen und Postkarten aus dem Urlaub, von außerhalb der Mauern, weit, weit weg. Irgendwie grotesk, denke ich und versuche die Tatsache, dass wir uns in einem Hochsicherheitsgefängnis befinden, mit fröhlichen Urlaubsgrüßen aus malerischen Küstenstädten zu verbinden.
Immer wieder werde ich gemustert, ebenso verstohlen, wie ich die anderen mustere. Ich lausche verschiedenen Gesprächen, während ich versuche, tiefe, langsame Atemzüge zu nehmen und auf diese Weise meine Nervosität zu senken.
Bestimmt werde ich mich gleich vor versammelter Mannschaft vorstellen müssen. Es ist doch verrückt, denke ich, dass mich Situationen wie diese immer wieder nervös machen. Wieso ist es so schwer, kurz über mich selbst zu sprechen? Ich weiß doch, wer ich bin.
Obwohl ich mir selbst erklären kann, weshalb ich trotzdem nervös bin, und obwohl ich weiß, dass das Adrenalin in meinen Adern meine Konzentration schärft, ärgere ich mich über mich selbst. In diesem Umfeld will ich nicht nervös wirken. Nicht nervös sein. Ich darf nicht. So vieles hängt davon ab. Und doch gehe ich wieder einmal und schon seit Minuten im Kopf die Sätze durch, die ich gleich sagen werde.
»Hallo, Sie sind neu hier, oder?« Jemand lässt sich auf den Stuhl rechts neben mir fallen.
Ich schaue auf. Braune Augen mit erstaunlich langen Wimpern begutachten mich durch eine randlose eckige Brille. Eine Brille, wie ich sie meist an Menschen ab fünfzig sehe, doch das Gesicht dahinter sieht jünger aus. Vielleicht Ende dreißig oder Anfang vierzig, schwer zu sagen, so ohne Bart.
»Ich bin Yves Vandenfeld«, sagt der große, dünne Mann und lächelt höflich. Er trägt ein zugeknöpftes hellblau gestreiftes Hemd, wie man es sich eher an Menschen in Bürojobs vorstellt, und hält sich kerzengerade auf seinem Stuhl. In den Händen hält er eine Kladde mit Registerkarten, die sauber beschriftet sind. Er nutzt keine Schreibschrift, sondern eine Druckschrift, die ihrem Namen alle Ehre macht.
Unwillkürlich richte auch ich mich auf. »Hallo, ich bin Anna Salomon, freut mich«, antworte ich schnell und trotzdem ein wenig zu spät und lächle ebenfalls. »Ja, ich bin neu hier. Ich bin Psychologin. Und Sie?«
»Mir war nicht klar, dass unsere neue Psychologin so jung ist.« Yves hebt die Augenbrauen. »Ich bin Sozialarbeiter.« Ich versuche, nicht so überrascht auszusehen wie er, obwohl der Mann eher wie ein Verwaltungsmitarbeiter als wie ein Sozialarbeiter wirkt. »Ich übernehme Gruppenangebote und helfe den Häftlingen bei den typischen Themen, bei Finanzfragen und so. Ach ja, Mentor bin ich natürlich auch. Solche Dinge. Sie wissen schon.« Yves winkt ab, doch der Stolz in seiner Stimme ist unüberhörbar. »Haben Sie schon mal in einem Gefängnis gearbeitet? Oder ist das Ihre erste Stelle?« Seine Augen verengen sich.
»Meine erste.« Ich räuspere mich. »Aber ich habe schon hospitiert, Praktika gemacht und neben dem Studium in einer forensischen Psychiatrie gearbeitet. Ganz unerfahren bin ich also nicht.« Ich hebe mein Kinn und halte den Blickkontakt zu dem jungen Mann mit dem konservativen Äußeren ganz bewusst und so lange, bis er derjenige ist, der wegschaut.
»Oh, da bin ich sicher, sonst hätte Herr Kirchfeld Sie nicht eingestellt.« Yves legt seine Mappe vor sich auf den Tisch und rückt mit seinem Stuhl nahe an die Tischkante heran. »Hier kann nicht jeder arbeiten.«
Noch bevor ich fragen kann, was genau er damit meint, schallt eine dunkle Stimme durch den Raum. »Ruhe bitte, es geht los!« Gunther Kirchfeld wirft die Tür hinter sich zu und bewegt sich schnell, aber schwerfällig zum Kopfende des Konferenztisches.
Ich kenne ihn von meinem Bewerbungsgespräch und habe ihn als ernsten, aber freundlichen Mann erlebt, und doch schnellt meine Nervosität augenblicklich in die Höhe. Scheinbar habe nicht nur ich als Neuling Respekt vor dem großen, massigen Mann, denn das Gemurmel verebbt fast sofort. Noch bevor sich der Anstaltsleiter und zugleich Leiter der sozialtherapeutischen Abteilung der JVA Weyer auf seinem Stuhl niedergelassen hat, haben sich auch die letzten noch stehenden Kollegen der ›SothA‹, wie sie im Team genannt wird, an den Konferenztisch gesetzt. Yves legt seine Hände in musterschülerartiger Manier vor sich auf den Tisch.
Stille breitet sich aus, während Gunther Kirchfeld ernst in die Runde blickt. Seine kleinen, aber schlauen Augen wandern über sämtliche Gesichter. Er lässt sich Zeit damit, bis er meines entdeckt.
»Ah, Frau Salomon«, sagt er ruhig und nickt genau einmal. »Heute ist also Ihr erster Tag.« Es ist keine Frage, sondern eine Feststellung.
Die Augen aller Anwesenden richten sich auf mich, nun ganz offiziell.
»Richtig. Ich freue mich, hier zu sein.« Erstaunlich, wie sicher ich klinge, denke ich, während ich meinen Puls in meinen Ohren hämmern höre.
»Wir freuen uns über Ihre Verstärkung«, antwortet der kräftige Mann und erhebt seine Stimme, als er fortfährt: »Frau Salomon unterstützt ab sofort den psychologischen Dienst der Abteilung. Sie hat ihr Psychologiestudium mit Schwerpunkt Recht und Forensik als Jahrgangsbeste abgeschlossen und verfügt über ausgezeichnete Qualifikationen.« Einige der Kollegen betrachten mich sichtbar skeptisch, ein paar lächeln mir wohlwollend zu. »Sie ist offensichtlich jung und hat sich ohne Zweifel eine herausfordernde Tätigkeit ausgesucht«, ergänzt der Anstaltsleiter, seine Augen bohren sich in meine. Von rechts höre ich Gekicher. Mein Gesicht bleibt ernst, genau wie das von Gunther Kirchfeld. »Ich erwarte von Ihnen allen«, schließt der Direktor an, ohne seinen Blick von mir zu lösen, »dass Sie Frau Salomon dabei unterstützen, möglichst schnell in ihre Rolle hineinzufinden. In unser aller Interesse.«
Ich halte seinem Blick stand, genau wie zuvor dem von Yves, und schlucke die Spucke, die sich unter meiner Zunge ansammelt, so unauffällig wie möglich hinunter. In unser aller Interesse? Ich kann mir denken, was er meint, und doch klingt dieser simple Satz seltsam unheilvoll. Ein paar Sekunden verstreichen.
»Nun denn – wir fangen an. Die Behandlungs- und Vollzugsplanüberprüfung steht vor der Tür. Herr Hilser, Sie haben das Wort«, übergibt Gunther Kirchfeld an den hageren Juristen, der neben ihm als stellvertretender Abteilungsleiter die Hauptverantwortung für die fünfunddreißig Häftlinge der sozialtherapeutischen Abteilung des Gefängnisses trägt. Die Rollenverteilung ist eher ungewöhnlich, normalerweise haben Juristen die höheren Funktionen in Justizvollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen. Wenn ich mir die beiden Männer jedoch so ansehe, verstehe ich, warum Kirchfeld und nicht Hilser der Direktor ist.
Bewegung kommt in die Runde, um mich herum werden Akten aufgeschlagen und Kugelschreiber gezückt.
Doch keine Selbstvorstellung. Ich versuche durchzuatmen, während meine neuen Kollegen unter Hilsers Moderation über ihre Bezugshäftlinge, deren abscheuliche Taten, zwischenzeitliche Suizidgedanken und günstige oder weniger günstige Behandlungsverläufe zu berichten beginnen.
Er beobachtet sie schon eine ganze Weile durch die Glaswände des abgetrennten Großraumbüros hindurch. Ohne dass sie es merkt, denn im Beobachten ist er geübt.
Irgendwann hat Leon aufgehört, das Leben zu leben. Manchmal kommt es ihm so vor, als stünde er nur noch an der Seitenlinie und schaue allen anderen beim Leben zu. Wie ein Spieler auf der Ersatzbank, der weiß, dass er nicht eingewechselt wird.
Er beobachtet auch ihn, den hässlichen bulligen Typen, der neben ihr im Foyer an der Information der Kölner Versicherungsgesellschaft steht und Löcher in die Luft starrt. Was will sie mit so einem?, denkt er und betrachtet erneut die hübsche junge Frau mit den kupferfarbenen Haaren, die mit den Fersen auf und ab wippt. Er wirft einen Blick auf die Uhrzeit auf dem Monitor seines Rechners. Sie warten nun seit zehn Minuten. Dannöffnet er den Kalender, studiert die Einträge und dreht sich zu seinem Arbeitskollegen Jeff um.
»Frau Giebach lässt die Kunden mal wieder warten.«
Jeff murmelt etwas Unbestimmtes, während er ungerührt mit seinem wurstigen Finger über das Display seines Smartphones streicht.
Auch Leon widmet sich nun wieder der Exceltabelle auf seinem Bildschirm. Vertieft sich in die endlosen Zahlenreihen, die sauber strukturiert und logisch sind. Er hat nie verstanden, weshalb Menschen Mathematik ablehnen. Mathematik ist logisch. Logik bedeutet Sicherheit. Eine Weile nehmen ihn die Ziffern gefangen, bis ihn ein Hämmern aus seinem Fokus reißt, das einen kurzen Adrenalinstoß in ihm auslöst.
Der bullige Typ steht jetzt direkt vor der Glasfront des Großraumbüros und stiert ihn an.
»Hallo!«, dringt es dumpf durch die Scheibe. Dumpf und gereizt. Die Faust donnert ein weiteres Mal gegen das Glas.
»Samu, lass das doch«, erklingt nun die Stimme der Frau, die noch immer am Empfangstresen steht. Ihre Wangen sind gerötet, das kann Leon selbst auf die Entfernung sehen, vermutlich schämt sie sich.
»Die sehen uns, Babe! Ich lass mich doch nicht verarschen!« Der kantige Mann mit der Statur eines Boxers stapft in Richtung Bürotür.
»Sieht nicht gut für uns aus«, witzelt Jeff mit dünner Stimme und schiebt sich mit seinem Drehstuhl ans hintere Ende seines Schreibtisches.
Noch bevor Leon etwas erwidern kann, fliegt die Tür auf und schlägt mit der Klinke gegen die Wand.
»Wir warten seit zwanzig Minuten!« ›Samu‹ schiebt sich in den Raum, sein Glatzkopf ist hochrot. »Seid ihr alle in der Kaffeepause? Geld kassieren, aber nicht arbeiten, oder wie?«
»Samu, bitte …«
»Halt den Mund, Babe!«, unterbricht er seine Freundin rüde und ballt die Hände zu Fäusten. Leon spürt, wie ihm Hitze in den Kopf schießt. »Babe« verstummt wie ihr befohlen und richtet ihren Blick zu Boden. »Diese Sesselfurzer halten sich vielleicht für was Besseres, aber unsere Zeit ist auch was wert, verdammt nochmal!«
Leon nimmt einen tiefen Atemzug gegen die plötzliche Beklemmung in seiner Brust. Dann macht er eine kurze Bestandsaufnahme: Stämmiger Körperbau, viel Testosteron, wenig Impulskontrolle. Absehbares Szenario mit einer nicht geringen Wahrscheinlichkeit für aggressive Übergriffe. Als er sich aus seinem Stuhl erhebt, stellt er fest, dass er den Typen namens Samu um mindestens einen Kopf überragt. Immerhin. Ein nicht irrelevanter Faktor, obwohl seine vergleichsweise schmächtige Statur wenig beeindruckend auf jemanden wirken dürfte, der der Optik nach den Großteil seiner Lebenszeit in Kraftsport investiert.
»Herr …?«, beginnt er so selbstsicher er kann. Dass es keineswegs in seiner Zuständigkeit liegt, sich um den Herrn zu kümmern, lässt er sicherheitshalber unerwähnt.
»Tut das was zur Sache?«
»Wenn ich Sie im System finden soll, ja.«
»Ihre Kollegin hat uns schon im System gefunden und ist dann auf Nimmerwiedersehen verschwunden!«
»Vermutlich konnte sie Ihre zuständige Ansprechpartnerin telefonisch nicht erreichen und ist sie holen gegangen.«
»Und hat sich auf dem Weg dorthin in der Kaffeeküche verlaufen?«
Möglich, denkt Leon, und würde jetzt schmunzeln, wenn die Situation nicht so aufgeheizt wäre. »Ich kann es gerne erneut telefonisch bei meiner Kollegin versuchen, in Ordnung? Setzen Sie sich doch in der Zwischenzeit. Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?« Er deutet auf eine kleine Couch neben der Glastür und sucht den Blick der jungen Frau, die die Szene beobachtet und nun näher kommt.
»Das ist sehr nett von Ihnen, vielen Dank. Tut uns leid, Sie haben sicher alle sehr viel zu tun«, sagt sie und klingt dabei schüchtern.
»Wir bleiben stehen, wo wir sind, Babe!«, keift ihr Freund und hebt eine Hand.
Bilder aus längst vergangenen Zeiten jagen Leon durch den Kopf.
Seine Augen sind böse. Ihre Augen sind leer.
»Neun! Du bist neun!«, zischt sein Vater und fuchtelt mit dem Laken vor seinem Gesicht herum. Es ist durchnässt. Es riecht eklig.
Leon senkt den Blick auf die Holzdielen. Kratzer und Furchen. Er weiß doch selbst, wie alt er ist.
»Das ist ekelhaft! Was ist dein verdammtes Problem, Junge? Du bist eine Enttäuschung! Eine absolute Enttäuschung! Geben wir dir nicht alles? Geben wir dir etwa nicht genug? Was willst du denn noch?« Er ragt vor ihm auf, beugt sich über ihn, seine Stimme schraubt sich in die Höhe.
Leon stellt sich vor, er selbst schraube sich in den Boden. Hinein in die Kratzer und Furchen. Seine Augen brennen, er blinzelt schnell. Weinen mag Vater gar nicht. Genauso wenig wie sein Pipi auf der Bettwäsche. Er weiß doch auch nicht, was mit ihm nicht stimmt.
»Hat deine Mutter nicht schon genug mit dir zu tun? Was willst du ihr noch alles aufbürden? Sieh mich an, wenn ich mit dir spreche!« Spucke fliegt in sein Gesicht.
Leon hebt den Kopf. Die Augen seines Vaters bohren sich in seine. Das Straßengrau darin ist stechend. Das ist nicht gut. Gar nicht gut. Er möchte den Kopf wieder senken, doch das darf er nicht. Auch Schwäche mag Vater gar nicht. Und er ist viel zu oft zu schwach.
Er sieht zu seiner Mutter hinüber. Bitte hilf mir, denkt er. Der Druck hinter seinen Augen wird stärker. Er beißt seine Zähne so fest zusammen, wie er kann. Das tut ein bisschen weh, weil er einen Wackelzahn hat. Seine Mutter steht hinter seinem Vater, schaut nicht zu ihm rüber, schaut auf den Boden. Auf die Kratzer und Furchen. Auch Leon möchte sich wieder in die Kratzer und Furchen flüchten.
Etwas fliegt durch die Luft. Es klatscht. Leon schreit auf, würgt den Laut jedoch sofort hinunter. Seine Wange brennt, er spürt jeden einzelnen Finger der Hand seines Vaters auf seiner Haut.
»Junge, sieh mich an!«, brüllt dieser.
Bitte hilf mir, Mama, betet Leon stumm. Beginnt zu weinen. Doch nur in seinem Kopf, nicht in echt. Schon länger nicht mehr in echt, zumindest nicht vor seinem Vater. Seine Mama wendet sich ab und verlässt den Raum. Leon dreht seinen Kopf wieder in Vaters Richtung. Seine Brust hebt und senkt sich zu stark und zu schnell. Er versucht, tiefer zu atmen, doch es funktioniert nicht. Er ist zu schwach. Schon wieder ist er zu schwach. Er weiß doch auch nicht, was mit ihm nicht stimmt.
»Du widerst mich an!«, grollt sein Vater, grollen seine Augen, und Leon weiß, was nun kommen wird.
»Ich nehme an, dass es nun schnell gehen wird?« Die Stimme des Boxers reißt Leon aus seinen Erinnerungen.
Der Mann namens Samu wirft ihm einen drohenden Blick zu. Leon braucht einen kurzen Moment, um sich zu sammeln, dann nickt er und zwingt sich zu einem dienstleistungsorientierten Lächeln, das ihm alles abverlangt. »Sicher. Ich kümmere mich persönlich darum.«
»Richtig so«, antwortet der Mann und verschränkt die Arme.
»Danke«, murmelt die junge Frau und wirft Leon einen erleichterten Blick zu.
»Gern«, antwortet Leon. Und würde am liebsten hinzufügen, dass er das nur für sie tut, nicht für den widerlichen Scheißkerl neben ihr.
Fünf Minuten später kommt Leon nicht nur mit Frau Giebach, sondern auch mit der zuständigen Ansprechpartnerin der jungen Frau zurück, die er beide tatsächlich in der Mitarbeiterküche gefunden hat. Kurz denkt er darüber nach, ›Samu‹ zuzustecken, dass er mit seiner höhnischen Bemerkung in Bezug auf die Kaffeeküche recht hatte. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Der Typ würde mit einer nicht unbedeutenden Wahrscheinlichkeit wütend reagieren. Während Leon noch überlegt, ob diese erneute Demonstration seiner mangelnden Impulskontrolle genug negative Wirkung bei der jungen Frau erzielen könnte, um sie dazu zu bringen, ihre Partnerwahl zu hinterfragen, entfernt sich das ungleiche Paar bereits mit seiner Kollegin.
Die hübsche junge Frau, die so verletzlich wirkt, schaut noch einmal über die Schulter und streicht sich eine kupferrote Haarsträhne aus der Stirn. Ihr Blick trifft Leon tief ins Herz.
26. März 2019
Liebes Tagebuch,
Samu und ich hatten gestern einen tollen Tag zusammen, er hat mich zum Essen ausgeführt und gesagt, dass ich nur das Beste verdient habe. Er gibt sich große Mühe, ich bin froh, dass wir uns wieder vertragen haben. Wir hatten letzte Woche einen weiteren Streit, und ich weiß wieder einmal nicht genau, wie wir hineingeraten sind. Man sagt ja, es gehören immer zwei dazu. Natürlich ist Samu aufbrausend und sagt manchmal gemeine Dinge. Aber er entschuldigt sich immer dafür, und das weiß ich sehr an ihm zu schätzen. Fehler sind menschlich. Wichtig ist, dass man sie erkennt, und er will an sich arbeiten, das hat er mir versprochen. Und ich weiß, dass ich auch nicht unschuldig bin. Ich glaube, ich klammere zu viel. Er ist mir einfach so wichtig, und ich will ihn nicht verlieren. Ich habe schon so viel falsch gemacht in meinem Leben, diesmal soll es anders laufen. Und Samu hat so vieles, was ich an ihm liebe. Er ist lustig und attraktiv, er verwöhnt mich, wo er kann, und er hat diese Haltung, dass er sich von nichts und niemandem etwas vorschreiben lässt, die ich bewundere. Auch wenn es nicht immer leicht ist, damit umzugehen.
Gerade ist er mit Sonny in der Kölner Innenstadt unterwegs, sie wollen in eine Bar an der Zülpicher Straße gehen und etwas trinken. Wenn die beiden unterwegs sind, höre ich immer erst am nächsten Tag etwas von Samu. Er rückt auch nie so recht mit der Sprache raus, was die zwei genau gemacht haben. Ich habe ein komisches Gefühl dabei. Aber Samu hat natürlich auch recht damit, dass er seine Freiheiten braucht. Vielleicht ist es auch meine eigene Unsicherheit, die mir da einen Streich spielt. Was ist schon dabei, wenn zwei Freunde abends ausgehen? Also habe ich ihm diesmal einfach nur viel Spaß gewünscht, ohne »Drama« zu machen, wie er es nennt. Als seine Freundin sollte ich mich darüber freuen, wenn er eine gute Zeit hat. Er kann schließlich nichts dafür, dass ich keine habe. Das ist auch nicht gesund, das weiß ich. Aber es ist alles so schwer seit Mamas Tod.
Dabei habe ich es wirklich versucht, seitdem ich wieder in Köln bin. Ich habe mich bei Ronja und Nadine gemeldet und gefragt, ob wir uns treffen wollen. Sie klangen nicht gerade begeistert, sind einem Treffen ausgewichen. Und ich kann das sogar verstehen, ich bin damals schließlich einfach ins Ausland abgehauen, ohne mich vernünftig zu verabschieden. Bin einfach abgetaucht, für viele Monate. Ich habe mich fehl am Platz gefühlt, wollte raus. Raus in die Welt, ja. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Heute ist mir klar, dass ich die Menschen, die mein Leben ausgemacht haben, im Stich gelassen habe, in Zeiten, in denen sie mich gebraucht hätten. Dass ich egoistisch gehandelt habe, indem ich mich nicht wenigstens ab und zu gemeldet habe. Und dass ich zu jung war, um das zu begreifen.
Viel schlimmer ist aber, dass ich nicht nur meine Freunde mit ihren Alltagssorgen im Stich gelassen habe, sondern meine Mama. Nicht mit Alltagssorgen, sondern mit ihrem Krebs. Auf die Ferne war es für mich leichter, damit umzugehen. Zu verdrängen. Dass sie sterben könnte, sterben würde, das wollte ich nicht wahrhaben. Und jetzt ist es zu spät.
Mama ist tot.
Ich werde sie niemals wiedersehen. Das tut noch immer unendlich weh. Die Zeit heilt nicht alle Wunden, diese wird nie verheilen, und ich kann nie wiedergutmachen, dass ich nicht da gewesen bin. Ich fühle mich traurig und einsam, aber ich weiß, ich habe es nicht anders verdient.
Ich versuche jetzt, mich abzulenken. Ich merke, wie die düsteren Gedanken wieder Oberhand nehmen. Vielleicht male ich mein Bild weiter und höre dabei meine neue Playlist, die ich mir zusammengestellt habe, das hat in letzter Zeit wenigstens ein bisschen geholfen. Ich habe sie »Leben fühlen« genannt. Musik ist so etwas Besonderes. Es gibt Lieder, die einen direkten Zugang zu meiner Seele finden, als würden sie das zum Schwingen bringen, was mein Herz nicht auszudrücken vermag. Deshalb »Leben fühlen«, auch wenn es schrecklich schwer ist.
XOXO an meine Mama im Himmel und alle, die ich enttäuscht habe.
»Obwohl Herr Kirchfeld als forensischer Psychiater die sozialtherapeutische Abteilung leitet – übrigens als einziger Psychiater in der Region, andere Gefängnisse müssen ihre Psychiater extern hinzuziehen –, hat er als Anstaltsleiter naturgemäß einen so vollen Terminkalender, dass ich hier vor Ort für ihn nach dem Rechten sehe«, führt Hilser aus.
Während der Jurist spricht, starrt er entweder auf einen imaginären Punkt knapp an meinem Gesicht vorbei oder vor sich auf den Boden. Sein Atem riecht nach Kaffee, was der Übelkeit, die ich schon den ganzen Morgen verspüre, nicht gerade zuträglich ist.
Kontaktstärke ist nicht so sein Ding, denke ich nicht zum ersten Mal während unseres Rundganges durch die sozialtherapeutische Abteilung des Gefängnisses, während dem mein neuer Vorgesetzter hauptsächlich Themen referiert, über die ich schon längst Bescheid weiß. Ich habe mich bis ins Detail vorbereitet und nichts dem Zufall überlassen.
»Wie Sie sicher wissen«, setzt er an – korrekt, denke ich, sage aber nichts –, »beherbergt die JVA Weyer 233 Insassen insgesamt, 156 davon in Strafhaft, 32 in Untersuchungshaft, 10 in Sicherungsverwahrung und 35 hier bei uns in der sozialtherapeutischen Abteilung. Da wir eine Einrichtung des geschlossenen Vollzugs mit höchsten Sicherheitsstandards sind«, doziert er weiter, »sind unsere Insassen hauptsächlich aufgrund von schweren Gewalttaten und Sexualdelikten verurteilt worden, oft mehrfach. Auch wenn das Ziel einer JVA mit höchster Sicherheitsstufe vor allem auch in der Sicherung der Allgemeinheit liegt, haben wir hier in der sozialtherapeutischen Abteilung natürlich den Anspruch, ausgewählten Inhaftierten zielgerichtete Behandlungen im Sinne der Resozialisierung anzubieten.«
Ich nicke und nehme meinen Mut zusammen. »Allerdings ist das ja eine spezielle Konstellation, oder? Sozialtherapeutische Abteilungen arbeiten doch normalerweise auch mit Vollzugslockerungen, damit die Insassen das Erlernte auch draußen anwenden können. Das ist hier aufgrund der Sicherheitsstufe nicht möglich, richtig?«
Hilser wirft mir einen Blick zu, den ich nicht ganz deuten kann. »Das ist nicht ganz korrekt, Frau Salomon. Vollzugsöffnende Maßnahmen kategorisch auszuschließen wäre rechtswidrig, weil der Vollzug rechtlich auf Resozialisierung ausgerichtet sein sollte.«
»Aber sie unterliegen zumindest sehr strengen Voraussetzungen«, ergänze ich meine Aussage von eben auf eine Weise, die nicht offenbart, dass ich mich falsch ausgedrückt habe, und ärgere mich über mich selbst. Es hängt so vieles davon ab, dass sie mich hier ernst nehmen und mich möglichst schnell mit den Gefangenen allein lassen. Auch wenn sich mir allein bei dem Gedanken daran der Magen herumdreht.
»Richtig. Wir prüfen Lockerungen sehr genau auf ihre Vertretbarkeit. Sie kommen nur für Gefangene mit sehr niedrigem Flucht- und Rückfallrisiko in Frage.« Ich nicke, und Hilser fährt fort. »Es ist ein Spannungsfeld. Wir haben die höchste Sicherheitsstufe und arbeiten mit Schwerstkalibern; aber auch oder gerade diese Kandidaten brauchen Behandlungsangebote, da stimmen Sie mir sicher zu.«
»Ja, auf jeden Fall«, werfe ich ein und folge Hilser, der sich bereits wieder in Bewegung gesetzt hat, über den breiten, mit dunkelgrauem Teppichboden ausgelegten Flur, von dem links und rechts die Hafträume der Insassen und die Gemeinschaftsräume abgehen. Der Jurist deutet auf die offenen Türen.
»Eine weitere Besonderheit unserer Abteilung ist der Aufschluss der Hafträume und der freie Zugang zu gemeinsamen Wohnräumen und Küche. Um in der SothA unterzukommen, muss der entsprechende Inhaftierte über eine ausreichend hohe Behandlungsmotivation verfügen und darf nicht akut fremdgefährdend sein. Sobald hier jemand gewalttätig reagiert, muss er gehen. Das kommt glücklicherweise aber eher selten vor. Die meisten unserer Häftlinge wissen schon, was sie an uns haben.« Der Jurist versucht sich an einem humorvollen Zwinkern, das sein Gesicht für einen kurzen Moment etwas verunglückt aussehen lässt. Ich lächle höflich.
Wir bleiben vor einem großen Glaskasten stehen.
»Hier haben wir einen der Behandlungsräume. Die Kollegen führen die psychologischen Einzelgespräche teilweise auch in ihren Büros durch, grundsätzlich sind aber die verglasten Räume dafür vorgesehen. Damit die Beamten des AVD, die hier für die Sicherheit zuständig sind, einen Blick auf alles haben.«
Er nickt einem der Männer vom Allgemeinen Vollzugsdienst zu, der ein paar Häftlinge im Gemeinschaftsraum beobachtet.
Ich sehe zu dem anderen großen Raum mit Glasfront am anderen Ende des Flurs, in dem sich drei weitere Beamte aufhalten – auch sie sind für die Sicherung, Überwachung und Betreuung der Gefangenen zuständig und gestalten teilweise auch die Behandlung der Inhaftierten mit. Sie wirken hochkonzentriert, als würde ihnen nichts entgehen. Ich weiß nicht, ob ich mich deshalb sicher oder beklommen fühlen soll.
»Aus demselben Grund führen wir die Gruppentherapieangebote immer zu zweit durch. Üblicherweise eine Kollegin oder ein Kollege des psychologischen Dienstes im Tandem mit einer Person des Sozialdienstes oder des AVD.« Auch das hat mir der Direktor bereits bei meinem Bewerbungsgespräch erklärt.
»Herr Kirchfeld sagte, dass ich demnächst eine Therapiegruppe mit Männern übernehmen soll, die für ähnliche Delikte verurteilt wurden?«
»Richtig, aber bitte immer der Reihe nach, Frau Salomon. Dazu komme ich gleich noch«, verhindert Hilser gekonnt meinen Versuch, ihm in seinem Referieren vorauszueilen, und schließt eine unscheinbare Tür zu unserer Linken auf.
»Hier haben wir Ihr Büro.«
Ich folge ihm, doch ich komme nicht weit. Das »Büro« gleicht eher einer Besenkammer, in die sie alte Möbel hineingestellt haben, die der Optik nach auch als Sperrmüll am Straßenrand hätten stehen können. Während ich überlege, ob ich den Raum wohl bereits mit zwei Schritten durchschreiten kann oder ob es doch ein bis zwei mehr braucht, mustere ich den abgenutzten Schreibtisch, auf dem ein offensichtlich altersschwacher Computer steht, und die traurige Topfpflanze daneben, die ihrem Leben mangels Sonnenlicht keinen Sinn mehr zuzusprechen scheint. Durch das kleine Fenster dringt aufgrund der davor verbauten massiven Gitterstäbe kaum Licht. Gleich hinter der Tür befindet sich ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen.
»Setzen wir uns doch einen Moment in die Besprechungsecke«, sagt Hilser, nachdem er die Tür geschlossen hat. Ich begreife erst, was er mit ›Besprechungsecke‹ meint, als er sich einen der Stühle heranzieht.
Ich folge seinem Beispiel und bin augenblicklich dankbar dafür, Einzelgespräche mit Inhaftierten nicht hier in diesem kleinen, düsteren Raum führen zu müssen. Auch wenn der Gedanke daran, in dem Glaskasten auf dem Flur durchgängig bei meiner Arbeit beobachtet zu werden, Unwohlsein in mir erzeugt, ist die Vorstellung von Gesprächen mit Schwerverbrechern in diesem Loch, das sie mein Büro nennen, weitaus weniger attraktiv. Ich versuche mich so zu platzieren, dass mein Knie nicht das meines neuen Vorgesetzten berührt.
»So, Frau Salomon, gibt es irgendwelche Fragen zu den Räumlichkeiten?«
»Nein, ich glaube nicht«, antworte ich. Meine Zunge fühlt sich seltsam schwer an.
»Bestens. Hier haben wir dann die Fachdienst-Richtlinien.« Hilser greift nach einem Ordner, der hinter ihm auf einem kleinen Regal bereitliegt, und platziert ihn ungelenk auf dem Tisch vor mir.
Ich öffne die obere Klappe. Es ist so viel Papier abgeheftet, dass die Metallbügel des Ordners nicht mehr bündig aufeinanderliegen, sondern einen kleinen gezackten Spalt lassen.
»Ich weiß, das sieht nach einer ganzen Menge aus. Es ist auch eine ganze Menge.« Der Mann kichert ein wenig in sich hinein. Ich fange an, seine schrullige Art trotz meiner Anspannung irgendwie sympathisch zu finden. »Bitte lesen Sie die Richtlinien gründlich, Frau Salomon. Dort haben wir alles festgehalten: was Sie zu beachten haben, wie Ihre Aufgaben konkret definiert sind, wie Stellungnahmen und Gutachten zu formulieren sind, was unsere Standards in der Diagnostik und in der Behandlung sind.« Er unterbricht sich und mustert mich. Der erneute plötzliche Blickkontakt bringt mich aus dem Konzept. »Sie kennen ja sicher einen der wichtigsten Standards zum Thema Diagnostik und Behandlung?«
Ich bin nicht sicher, welchen der vielen wichtigen Standards er meint, die mir in diesem Augenblick durch den Kopf schießen, und merke, wie sich mein Puls wieder beschleunigt. Er verengt die Augen.
»Natürlich«, beginne ich langsam und versuche dabei selbstsicher zu klingen. »Wenn ich die Behandlung eines Häftlings übernehme, bin ich nicht für die Diagnostik zuständig und andersherum.«
Der Jurist nickt. Meine Erleichterung darüber, dass ich die richtige Antwort gewählt habe, verfliegt jedoch einen Wimpernschlag später wieder, denn seine Augen bohren sich weiter in meine. »Und wieso ist das so?«
»Damit …« Ich hole möglichst geräuschlos Luft. »Damit möchte man Rollenkonflikte vermeiden. Wenn ich für die Diagnostik verantwortlich bin, bewerte ich zum Beispiel so etwas wie das Rückfallrisiko oder die psychische Verfassung des Insassen. Oder bereite beispielsweise Entscheidungen in Richtung Lockerungen vor.« Hilser hört mir konzentriert zu, seine Miene bleibt regungslos. »Wenn ich einen Häftling behandle, also psychologische Gespräche mit ihm führe, dann geht es darum, eine Vertrauensebene aufzubauen und an tiefer greifenden Themen zu arbeiten.«
»Aber auch da müssten Sie objektiv bleiben, oder nicht? Inwiefern schließt das eine das andere aus?«
Gute Frage. Hilser verfügt offensichtlich über einen scharfen Verstand. Ich schaue zur Seite und denke nach. »Auch als Behandlerin bleibe ich selbstverständlich objektiv. Aber trotzdem muss eine gewisse Nähe zum Häftling entstehen. Ich muss mit ihm in einen vertrauensvollen Kontakt kommen. Eine Verbindung herstellen, wertschätzend und vorurteilsfrei. Trotz der Taten, die er begangen hat. Der Gedanke, dass ich dabei gleichzeitig bewerten könnte, wie unsere Gespräche sich auf seine Zukunft auswirken, könnte zu einer ungewollten Befangenheit seitens des Häftlings führen.« Ein blutroter See blitzt durch meine Gedanken. Ich stocke kurz, weil mir schlagartig der Schweiß ausbricht. Als ich weiterspreche, zittert meine Stimme ein wenig. »Selbst wenn ich also immer um professionelle Distanz bemüht bin, hat ein Kollege oder eine Kollegin, denen das intensive Gespräch und der persönliche Austausch mit dem Insassen fehlen, trotzdem immer einen größeren Abstand. Einen noch objektiveren und unvoreingenommeneren Blick. Außerdem ist es schon allein aufgrund des Vieraugenprinzips wichtig, dass es mehr als einen Zuständigen für den Insassen gibt. Diagnostik und Behandlung zu trennen, ist also in jeglicher Hinsicht sinnvoll.«
Hilser nickt anerkennend. »Korrekt, gut.« Nun wirklich erleichtert, streiche ich mir eine Haarsträhne hinter die Ohren und unauffällig die Feuchtigkeit von meiner Stirn. Dann deutet mein neuer Vorgesetzter auf den Ordner. »Also, damit sind Sie sicher eine Weile beschäftigt. Ich würde vorschlagen, dass Sie sich zunächst damit befassen und dann um elf Uhr zu unserer Teambesprechung kommen. Eine solche Teambesprechung führen wir täglich durch, um Spaltungsversuche im Team zu verhindern.«
»Spaltungsversuche?«
»Ja. Leider passiert es immer wieder, dass unsere Häftlinge versuchen, uns untereinander auszuspielen, oder Sachverhalte anders äußern, als sie besprochen wurden. Wir haben es teilweise mit hochmanipulativen Persönlichkeiten zu tun. Aus diesem Grund bringen wir uns im Team täglich auf den aktuellen Stand.« Er hebt seinen Zeigefinger, während er redet. »Es ist das A und O, dass wir als geschlossene Einheit auftreten und uns über jede Erkenntnis vollumfänglich austauschen. Im Anschluss an unsere Besprechung gehe ich mit Ihnen die Häftlinge durch, für die Sie zuständig sein werden. Da haben Sie nochmal einiges an Aktenstudium vor sich, um sich vernünftig auf die ersten Einzelgespräche diese Woche vorzubereiten.«
»Noch diese Woche?«
»Ja, natürlich«, erwidert der hagere Jurist und beobachtet mich wortlos lange drei Sekunden. »Ist das ein Problem?«
»Nein, überhaupt nicht«, antworte ich, stolpere dabei aber über meine eigenen Worte. Ich versuche, ruhiger weiterzusprechen. »Ich freue mich darauf, loszulegen. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass ich so schnell starten kann, aber … aber umso besser.« Meine Stimme schnellt am Satzende in die Höhe, was ihr unglücklicherweise einen fragenden Ton verleiht.
»Ja, nun – uns ist eine gründliche Vorbereitung wichtig«, der Jurist deutet auf den großen Ordner vor mir auf dem Tisch. »Und ebenso eine gründliche Einarbeitung in die Akten jedes einzelnen Ihnen zugeteilten Häftlings.« Ich nicke. »Aber wir sind zugleich der Auffassung, dass zögerliche Haltungen hier nicht auf der Tagesordnung stehen sollten. Sie haben sich für diesen Job entschieden, also geht es mitten hinein, oder haben Sie Bedenken?«
Hilser wirkt schlagartig viel weniger vergeistigt und theoretisch. Seine Augen ruhen nun durchgängig auf mir, kein ausweichendes Verhalten mehr. Eigentlich beruhigend, wo er doch in einer JVA mit höchster Sicherheitsstufe arbeitet, denke ich.
»Nein, alles in Ordnung. Ich habe keine Bedenken.« Ich hole tiefer Luft und spreche erneut bewusst langsam. »Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich kein bisschen aufgeregt bin. Ich finde es aber gut, dass ich so schnell Verantwortung übernehmen und Ihnen beweisen kann, dass ich hier richtig bin. Wie … wie steht es um die deliktspezifische Therapiegruppe, die ich laut Kirchfeld übernehmen soll?«
Hilser nickt. »Kirchfeld hat Ihnen das so genannte BPS, das Behandlungsprogramm für Sexualstraftäter, zugewiesen. Das führen Sie zusammen mit Herrn Vandenfeld durch, unserem Sozialarbeiter. Ich kann Sie nachher bekannt machen.«
»Das ist nett, aber wir haben uns heute Morgen schon in der Konferenz kennengelernt«, antworte ich und denke an den bartlosen und im sozialen Kontakt etwas ungelenken Yves. Und daran, wie das wohl sein wird, als Frau Mitte zwanzig ausgerechnet für die Sexualstraftäter dieses Gefängnisses zuständig zu sein. Gemeinsam mit einem Mann, der dem Prototypen eines gemobbten Schülers entspricht, hallt eine für mich untypisch zynische Stimme durch meinen Kopf, und ich möchte lachen, obwohl mir überhaupt nicht nach Lachen zumute ist.
»Bestens. Ich werde Herrn Vandenfeld bitten, Ihnen entsprechendes Material zur Vorbereitung zur Verfügung zu stellen.«
»Das wäre toll. Ich habe in der Vergangenheit auch Achtsamkeitstrainings geleitet. Ist so etwas für die SothA auch relevant?«, frage ich und wähle bewusst die Abkürzung, die teamintern verwendet wird.
»Ja, sicher. Finden Sie sich aber erstmal ein, und dann schauen wir weiter, ob Sie noch Ressourcen haben. Es wird auf jeden Fall genug zu tun geben.«
Ich lächle und stelle gleichzeitig fest, dass meine Handflächen feucht sind. Hoffentlich verabschiedet sich Hilser gleich nicht mit einem Händeschütteln. »Da bin ich mir sicher«, antworte ich und versuche, meine Hände unauffällig an meiner Jeans zu trocknen.
»Gut, Frau Salomon. Das reicht fürs Erste. Oder haben Sie aktuell noch irgendwelche Fragen?«
»Nur eine«, antworte ich nach kurzem Zögern. »Wie findet die Zuteilung der Häftlinge zu den Kollegen statt? Wer entscheidet, welcher Psychologe wen behandelt oder diagnostisch überprüft?«
»Das ist eine interessante Frage. Ist das für Sie von Belang?«
Mehr als alles andere, denke ich. »Nein«, antworte ich. »Ich bin für alles offen. Ich bin nur daran interessiert, alle Abläufe und Prozesse zu verstehen.«
»Ihre Genauigkeit weiß ich zu schätzen. Die ist in Ihrem Job und in unserem Umfeld in der Tat sehr wichtig. Überlebenswichtig, könnte man sagen«, antwortet Hilser. »Tatsächlich ist es so, dass Herr Kirchfeld und ich die Zuteilung vornehmen. In vielen anderen Justizvollzugsanstalten teilen die Kollegen die Häftlinge untereinander auf, je nach Kapazität, wir fahren da aber eine etwas andere Strategie. Wir werden uns in den kommenden Wochen und Monaten ein Bild von Ihnen und Ihren Methoden machen und auf dieser Basis, genau wie bei Ihren Kollegen auch, entscheiden, welche Häftlinge Ihnen zum jeweiligen Zeitpunkt zugeteilt werden. Wir starten mit ein paar wenigen und steigern die Anzahl der Ihnen zugeteilten Häftlinge Schritt für Schritt.«
Mein Herz trommelt in meiner Brust. Kurz schaue ich an mir herunter in dem irrwitzigen Gedanken, man könnte es von außen sehen.
Dann verabschiedet sich Hilser. Ohne Händeschütteln.
Ich blinzle gegen das Brennen in meinen Augen an, das plötzlich einsetzt, als die Tür hinter dem Juristen ins Schloss fällt. Das erste Mal an diesem Tag bin ich für einen Moment allein. Die plötzliche Stille drückt auf meine Ohren. Eine Stille, die nur durch leises, dumpfes Gemurmel vom Flur draußen unterbrochen wird. Zitternd atme ich ein. Nicht jetzt, denke ich und taste nach der feinen goldenen Kette um meinen Hals.
Du bist hier genau am richtigen Ort, hämmert es in meinem Kopf. »Du bist hier genau am richtigen Ort«, flüstere ich den Satz aus meinen Gedanken auch in die Realität hinein und halte mich an ihm fest. »Du bist hier genau am richtigen Ort.« Dreimal. Viermal. »Du bist hier genau am richtigen Ort!«
Zumindest hoffe ich das.
Unwirsch wische ich die Tränen, die ich nicht aufhalten kann, von meinen Wangen und ziehe Hilsers Ordner zu mir heran.
Mit Geschirr beladen kehrt sie in das Wohnzimmer der Einliegerwohnung zurück, die sich im Erdgeschoss der alten Müngersdorfer Stadtvilla befindet, in der sie wohnt. Er duckt sich und geht ein paar Schritte weiter an der mannshohen Hecke entlang, die das Grundstück umrahmt. Es ist ein kühler Frühlingsabend, was ihm zugutekommt, denn kaum einer treibt sich draußen herum. Als er das hell erleuchtete, erfreulich große Rechteck ihres Wohnzimmerfensters gut im Blick hat, bleibt Leon stehen und richtet sich vorsichtig auf.
Sina heißt sie. Das hat er zusammen mit ihrer Kölner Wohnadresse dem Kundensystem der Versicherung entnommen. Seitdem er sie im Foyer der Versicherungsgesellschaft entdeckt hat, kann er an kaum etwas anderes denken. Er musste sie einfach wiedersehen.
Leon stellt sich auf die Zehenspitzen, um einen besseren Blick darauf zu haben, wie sie den Tisch deckt. Für zwei Personen. Für sich und den Kerl, der alles an Grobheit in sich vereint, was sie an Sanftheit in sich trägt. Er zieht die Augenbrauen zusammen. Kurz verliert er sich in der Vorstellung, wie es wohl wäre, wenn nicht der minderbemittelte Boxertyp in diesem Moment auf der Couch sitzen und auf das gemeinsame Abendessen warten würde, sondern er selbst. Mit ihm hätte sie es besser. Um Längen.
Leon ist nicht besonders partnerschaftserprobt. Für gewöhnlich meidet er soziale Kontakte, fühlt sich allzu oft unsicher. Dennoch hat er das Konzept einer Beziehung gut verstanden. Weiß, worauf es ankommt. Weiß nur allzu gut, wie es nicht laufen sollte. Eine Frau wie Sina gehört beschützt. Beschützt und geehrt, denkt er bei sich und stellt sich ein weiteres Mal vor, wie er und nicht dieser Boxer, der ihren Wert so gar nicht verstanden hat, an dem gedeckten Tisch Platz nimmt. Wie sie ihm statt Samu über die Schultern streicht. Wer heißt überhaupt Samu?
Sie beginnen zu essen. Leon kann von seiner Position aus nicht genau erkennen, was. Fleisch. Irgendein Gemüse, schätzt er. Sie scheinen nicht miteinander zu reden. Zumindest halten beide die Köpfe gesenkt. Dann scheint der Boxer irgendetwas zu sagen, denn Sina hebt den Kopf. Legt nach ein paar Sekunden ihr Besteck weg. Der Boxer wirkt aufgebracht. Denn auch er legt sein Besteck weg, allerdings anders als zuvor Sina. Schneller. Schärfer. Wut?, schlussfolgert Leon und schluckt. Sinas kantiger Freund schiebt seinen Teller weg. Stößt ihn weg, korrigiert sich Leon stumm und runzelt die Stirn. Das Rauschen der nahegelegenen Aachener Straße ist zu laut oder die Fenster zu dicht, er kann auf jeden Fall nichts von dem verstehen, was der Boxer von sich gibt. Immerhin ist er so laut, dass ein dumpfes Schimpfen durch das geschlossene Fenster dringt. Wieso wehrt sie sich nicht?, denkt er, als der Boxer so heftig aufspringt, dass sein Stuhl nach hinten fliegt.
Beide Männer ballen zeitgleich die Fäuste. Der eine draußen, unerkannt in der Dunkelheit, der andere drinnen, hell erleuchtet, im Zentrum des Geschehens. Ein mächtiger Arm fegt über den Esstisch.
Leons Atem gleicht einem Staccato.
Er hört das Klirren und Scheppern des zerbrechenden Porzellans so deutlich, als wäre er in diesem Moment mit im Raum, obwohl nur ein schwaches Echo des eskalierenden Streits nach außen dringt. Und wieder sind sie da, die Bilder von früher.
Es hat weh getan. Und Angst gemacht. Er weiß nie, wann Vater aufhören wird.
Seine Mama trägt Salbe auf die blauen Flecken auf seiner Haut auf. Es schmerzt noch immer, aber er hält ganz still, damit sie bloß nicht damit aufhört. Es fühlt sich ein bisschen wie streicheln an.
»Du musst besser auf ihn hören«, sagt sie nach einer Weile, tritt zurück und schraubt die Tube zu.
Leon bleibt stumm, weil er nicht weiß, was er sagen soll. Und weil er traurig ist, dass sie die Tube zugeschraubt hat. Er will ja auf Vater hören. Er weiß auch nicht, was mit ihm nicht stimmt.
»Ich wollte kein Pipi machen«, sagt er dann doch und senkt den Kopf, weil seine Augen wieder anfangen zu brennen.
Seine Mama erwidert nichts. Als Leon aufschaut, räumt sie gerade die letzten Teile des Verbandszeuges in die hellgraue Blechkiste, in der sie alles aufbewahrt, was sie zur Verarztung seiner Wunden braucht. Und ihrer eigenen. Allerdings hat sie schon länger keine Wunde mehr gehabt. Seit sie aufgehört hat, ihn zu beschützen, lässt Vater sie größtenteils in Ruhe. Das ist gut. Er will nicht, dass seine Mama weint. Das macht ihm mehr Angst als alles andere.
Der Fußboden knarzt leise, als sie sich auf die Zehenspitzen stellt, um die Kiste im oberen Fach des Küchenschranks zu verstauen. Gleich vor den großen Flaschen Alkohol, die Vater nicht sehen darf. Sie schließt den Schrank, streicht sich die Haare aus dem Gesicht und dreht sich zu ihm um. Ihr Gesichtsausdruck ist hart wie ein Stein. Leons Augen füllen sich mit Tränen. Er blinzelt schnell.
»Hast du deine Hausaufgaben gemacht?«
Er nickt.
»Gut. Das ist wichtig. Geh raus in den Garten, während ich das Essen mache. Ich habe Kopfschmerzen.«
Er nickt erneut. Wartet, ob noch etwas kommt. Doch seine Mama hat ihm bereits wieder den Rücken zugedreht und hantiert mit Töpfen und Pfannen. Langsam rutscht Leon von seinem Stuhl. Er bewegt sich ganz langsam, lässt sich extra viel Zeit. Bleibt hinter seiner Mutter stehen. Hebt seine Hand in Richtung ihres Rückens. So gerne würde er sie berühren.
»Bist du immer noch hier?«, zischt sie, ohne sich umzudrehen, wirft ein paar Kartoffeln auf ein Schneidebrett und massiert sich die Schläfen. »Ich möchte doch einfach nur meine Ruhe. Ist das einmal möglich?«
Leon starrt ihren Rücken an, der irgendwie fest aussieht. Schwere drückt ihn zu Boden, als würden Gewichte an seinen Schultern hängen. Vielleicht auch Anker. Das hat er in einem Piratenbuch gelesen. Dass Piraten ihre Feinde mit Ankern im Meer versenken. Oder waren es Steine, die an die Füße gebunden werden? Im Meer ist es kalt, und man bekommt keine Luft. Das fühlt sich bestimmt ganz ähnlich an wie das, was er gerade fühlt.
Da er seine Mama nicht erneut enttäuschen will, zieht er die Schultern hoch, so gut er kann, obwohl Anker an ihnen hängen, und geht aus dem Raum.
»Anna? Anna, wach auf!«
Alles ist rot. Ich kriege keine Luft. Das kann nicht sein. Das kann einfach nicht sein. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht.
»Anna!«
Ich kann nichts sehen. Nur rostroten Nebel, der mich zu ersticken droht. Der über mich drüberwalzt und mir jegliche Luft aus den Lungen presst, in mich eindringt, in jede meiner Poren strömt. Hilfe. Bitte. Verzweifelt strecke ich die Hände aus, ziehe mich über den Boden, der sich seltsam warm und weich anfühlt, doch ich komme kaum vorwärts, alles an meinem Körper ist schwer. Etwas rüttelt an meiner Schulter, ich drehe mich um, versuche, es abzuschütteln.
»Schatz, wach auf, das ist nur ein Traum!«
Ich höre eine Stimme, dumpf nur, irgendwie hallend, sie dringt kaum durch den Nebel, zieht ein gruseliges Echo nach sich. Mit letzter Kraft ziehe ich mich erneut nach vorne, irgendwo muss der feuchte Nebel ein Ende haben, und blinzle, als meine Hände in eine klebrige, warme Flüssigkeit eintauchen. Blutrot. Ein Ufer. Ein See. Ein See voller Blut. In der Mitte des Sees eine Zimmertür, groß, aufragend, unheilvoll.
Sie öffnet sich, ganz langsam nur, drängt die Massen aus Blut beiseite, Wellen schwappen über meine Hände. Ich reiße den Mund auf, höre mich schreien, gellend. Der Nebel wabert, pulsiert, vor mir, über mir, in mir, neben mir. Alles schmeckt nach Blei.
»Anna!«
Ein Ruck geht durch meinen Körper, ich schieße hoch, keuchend, plötzlich von jedem Gewicht befreit. Tränen laufen mir über die Wangen. Ich höre ein Rumpeln, dann dringt ein sanfter Lichtschein durch die Dunkelheit. Rot, nein, orange. Eher gelb. Weniger rot als eben. Eine warme Hand befühlt mein Gesicht.
»Schatz, Anna, es ist alles gut, du hast geträumt!« Wie paralysiert drehe ich meinen Kopf. »Es ist alles gut. Schau mich an, ich bin da«, wispert Jonathan, mein Freund, dessen Gesicht ich nur schemenhaft durch den Tränenschleier in meinen Augen erkennen kann. Katzenartig geformte grüne Augen betrachten mich besorgt. Ich wische mir über meine eigenen Augen, überall diese Feuchtigkeit, wie Blut. »Anna, es ist alles gut. Du bist in Sicherheit.« Ich nicke, bebend, während Jonathan mich an sich zieht und fest in seine Arme nimmt.
»Ich hatte wieder diesen Traum«, schluchze ich los. »Von dem … von dem …«
»Von dem Blutsee?«, beendet Jonathan meinen Satz und streicht mir über den Kopf. »Das tut mir leid, mein Schatz. Du bist in Sicherheit. Alles ist gut.«
Doch ich höre an seiner Stimme, dass gar nichts gut ist. Und ich weiß es ja selbst.
Die Albträume nehmen wieder zu.
Eine Stunde später sitzen wir am Küchentisch, früher als üblich, weil wir beide nicht mehr schlafen konnten. Der Wecker meines Handys geht erst jetzt los, müde und ausgelaugt greife ich danach und brauche mehrere Anläufe, um die schrille Melodie auszustellen.
Jonathan kommt mit zwei dampfenden Tassen Kaffee zurück zum Tisch, reicht mir meine und lässt sich neben mich auf seinen Stuhl sinken. Ich umschließe den Becher mit beiden Händen und genieße die Wärme, die er ausstrahlt, bevor ich einen großen Schluck nehme.
»Tut mir leid, dass ich dich schon wieder geweckt habe«, sage ich leise und beobachte Jonathan dabei, wie er erst nach der Müslipackung greift und dann nach der Milch. Sein Blick streift meinen. Auch er sieht müde aus, sein dunkelblondes Haar steht wirr in alle Richtungen ab.
»Du musst dich nicht entschuldigen, Anna, das weißt du«, erwidert er und streicht mir liebevoll über die Hand, bevor er seinen Löffel in seine Schüssel taucht, die nun randvoll gefüllt ist.
»Ja, aber es tut mir trotzdem leid«, setze ich nach und ziehe die Schultern nach oben. »Ich weiß selbst nicht, wieso ich in letzter Zeit wieder häufiger träume. Geht … geht aber bestimmt bald wieder vorbei.«
Nun bin ich diejenige, die nach dem Müsli greift, obwohl ich überhaupt keinen Hunger habe. Ich weiß ganz genau, wieso die Träume wieder häufiger kommen. Vor allem dieser eine, der mich seit sechs Jahren heimsucht. Nebel, ein See aus Blut und die Tür, durch die ich manchmal hindurchgehe und manchmal nicht.
Ich wünschte, ich wäre nie hindurchgegangen.
»Das dritte Mal in dieser Woche«, stellt Jonathan fest, und ich kann seinen Gesichtsausdruck nicht richtig deuten. »Vielleicht bist du etwas zu sehr gestresst? Wie läuft es denn in Weyer?« Er schiebt sich einen weiteren Löffel Müsli in den Mund.
Ich rühre in meiner Milch herum. »Ziemlich gut«, antworte ich und hoffe, locker genug zu klingen. »Natürlich ist alles aufregend und neu, aber es macht Spaß.«
In Wahrheit ist es viel schwieriger, als ich erwartet habe. Natürlich ist mir klar gewesen, dass es herausfordernd werden wird. Aber dass ich mich so angespannt fühlen würde, so beobachtet, hätte ich nicht gedacht. In der JVA Weyer zu sein, fühlt sich gleichzeitig so richtig und so falsch an. Ich suche Heilung an einem Ort, dem die Gefahr aus jeder Pore strömt, und weiß am Ende doch nicht sicher, ob mein Plan überhaupt aufgehen wird.
