Sakura - Kim Kestner - E-Book

Sakura E-Book

Kim Kestner

4,8
13,99 €

Beschreibung

Es ist die einzige Chance, die sie je haben wird: Als der Kaiser zur „Blüte“ aufruft, weiß Juri, was sie zu tun hat. Aber das Auswahlverfahren, bei dem am Ende nur die Vollkommenen einen Platz an der Oberfläche erhalten, ist hart und unbarmherzig - und Juri nicht makellos genug, um daran teilzunehmen. Trotzdem kann sie nichts davon abhalten. Die dunkle Höhle, in der sie ihr ganzes Leben verbringen musste, will sie um jeden Preis verlassen. Verkleidet als Junge, schmuggelt sie sich unter die Probanden. Doch ausgerechnet der Sohn des Kaisers wird auf sie aufmerksam. Hat er Juris Tarnung durchschaut? Oder spielt auch der Prinz ein doppeltes Spiel?

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EPUB

Seitenzahl: 503




Kim Kestner

SAKURA

Die Vollkommenen

1. Auflage 2017 © 2017 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Dieses Werk wurde vermittelt durch die AVA international GmbH Autoren- und Verlagsagentur, München Covergestaltung: punchdesign/Johannes Wiebel ISBN: 978-3-401-80697-6

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Inhaltsverzeichnis

Ebene 1 : Verwertung und Wiederaufbereitung

Das letzte Licht

Die Götterfrucht

Der elfte Finger

Die Legende von Amaterasu

Das Märchen von Juri

Ebene 2 : Viehzucht und Fischerei

Hüter und Hühner

Der Zuckerblütenprinz

Ratten und raten

Ebene 3 : Fabrikation und Wertstoffe

Reis und Wertstoffe für die Ewigkeit

Sieben Teile, ein Ganzes

Zuckerblütengeschichten

Ebene 4 : Ordnung und Sicherheit

Mädchensachen

Daumen hoch

Je höher, desto tiefer

Ebene 6 : Medizin und Wissenschaft

Von Wundern und Heilung

Von Fischen und Fugus

Ebene 4 : Ordnung und Sicherheit

Ein Lichtblick

Ein Schnipsel

Ebene 5 : Lebenserhaltung und Wartung

Rattenlabyrinth

Fluchtinstinkt

In der Falle

Ebene 4 : Ordnung und Sicherheit

Einer von uns

Sonne, liebe Sonne

Das große Ganze

Ebene 10 : Rat und Versammlung

Honne und Tatemae

Offenheit und Gefühle

Mythos und Wahrheit

Ebene 12 : Erholung und Kultur

Der Tag der Blüte

Die nackte Wahrheit

Viele Augen, ein Gehirn

Ebene 0

Brücke zur Welt

Was mir am Herzen liegt

Danksagung

EBENE 1 : VERWERTUNG UND WIEDERAUFBEREITUNG

Das letzte Licht

Heilige Amaterasu! Ich werde zu spät kommen!

Und meine Toten warten nicht. Sie fallen einfach durch die Schleuse. Zzzzck-bumm. Zzzzck, wenn die Klappe sich öffnet. Bumm, wenn sie unten aufkommen. Einer nach dem anderen, bis die Schleuse verstopft ist. Und dann kann ich zusehen, wie ich sie wieder herausbekomme. All die zerbrechlichen Körper. Und natürlich möglichst in einem Stück.

Niemand traut einen so schweißtreibenden Job einem Mädchen zu. Aber ich bin groß und stark. Jedenfalls für meine siebzehn Jahre und die Umstände, in denen wir leben. Außerdem wird die Arbeit gut bezahlt. Zwei Tüten Reis und eine doppelte Ration Wasser. Das ist mehr, als viele Familien haben. Ich kann also wirklich froh sein und will den Job um keinen Preis aufs Spiel setzen.

Bloß ist gerade kein Weiterkommen. Ich stecke selbst in einer Schleuse, genauer gesagt in der Gasse, die auf den Marktplatz zuläuft. Eingeklemmt zwischen Hunderten mageren Körpern. Kein besonders angenehmer Zustand.

Vorsichtshalber nehme ich den Proviantbeutel von meiner Schulter und presse ihn an mich. Nichts bewegt sich schneller als erbeutetes Essen durch Kinderhände. Egal wie eng es ist.

Ich stelle mich beunruhigt auf die Zehenspitzen. Verfluchte … – Die Menschen stehen ja bis zum Marktplatz! Wir nennen ihn das Gerippe, weil von dem Was-immer-es-einmal-war nur ein Stahlgerüst geblieben ist. Die Händler haben sich in ihm bis hoch unter die Decke angesiedelt.

Es wimmelt an dieser Stelle immer von Menschen. Gerade um diese Zeit stehen, sitzen und liegen überall Bettler, Kranke, Krüppel und Kinder mit verdreckten, ausgemergelten Gesichtern. Aber heute sind es noch mehr. Viel, viel mehr. Sie sind wegen der Fremden gekommen. Es hat sich schneller als ein Feuer verbreitet, dass sie da sind. Doch wieso sie da sind, das weiß keiner.

Zwei dieser Fremden kann ich jetzt am Gerippe stehen sehen. Man erkennt sie sofort, sogar von Weitem. Männer, in strahlend gelber Kleidung, eingewickelt in ein knielanges Hemd, darunter eine enge Hose, die in wadenhohen Stiefeln steckt.

Es sind Männer von der Oberfläche.

Ich reiße mich von ihrem Anblick fort. Es hat keinen Sinn. Ich muss hier durch, sonst bin ich meinen Job los. Ohne die Hand von der Tasche zu nehmen, nur mit meinen Ellenbogen, mache ich mir Platz. Freiwillig rückt niemand zur Seite. Leider. Ich kann ihre Körper an mir spüren. Es widert mich an. Ihr Gestank, die Wärme, der Schweiß, der an mir kleben bleibt. Ich muss sie zur Seite schieben, einen nach dem anderen. Niemand nimmt Rücksicht. Sobald es ums Überleben geht, ist sich eben jeder selbst der Nächste. Und hier geht es nur darum. Immer, jeden Tag.

Wir sind ganz unten. Wir sind die Letzten der Letzten und leben auf dem Grund einer tiefen, weit ausgedehnten Höhle. Eine Welt unter der Welt, das ist Ebene eins. Über uns sind noch fünf andere Ebenen, aber es gibt keine Möglichkeit, sie zu erreichen. Jede ist streng abgeriegelt. Über Ebene sechs kommt die Oberfläche. Dort lebt der Himmlische Kaiser mit all den anderen Nachkommen Amaterasus, der Sonnengöttin. Aber wir hier unten haben kein Recht auf ihren Schein. Deshalb werden wir nie die Sonne sehen, nie unsere Ebene verlassen und uns nie satt essen können.

Wir sind anders. Wir stammen nicht von Amaterasu ab, sondern von ihrem verhasstem Bruder Susanoo, dem Sturmgott. Er hat beinahe die Welt vernichtet. Deshalb lässt uns seine Schwester für seine Taten büßen, indem sie uns in diese Höhle verbannt hat. Das ist sehr lange her. Bevor mein Vater geboren wurde und seiner und dessen und … Es ist so lange her, dass keiner mehr sagen kann, wie viel Zeit vergangen ist. Auf jeden Fall büßen wir schon sehr, sehr lange und werden es wohl noch bis in die Ewigkeit tun. Egal wie viel wir beten oder opfern oder was auch immer.

Hier sind alle krank und hungern. Wir leben in einem Dreckloch, und weil Amaterasu noch nicht mal unseren Anblick ertragen kann, hat sie es dem Kaiser überlassen, sich um uns zu kümmern. Was er nicht macht. Er versorgt uns nicht einmal mit dem Nötigsten an Reis und Wasser.

Es gibt ein Sprichwort, das sagt: Das Leben ist beschissen – und dann stirbt man. Und genau so ist es.

Ich dränge mich weiter ohne viel Rücksicht durch die stehende Menschenmasse. Es ist trotzdem mühsam. Auf halben Weg entdecke ich eine Karre, auf der sich Kisten stapeln, Waren für den Markt, nehme ich an. Es ist eine gute Gelegenheit. Und ich bin gut im Klettern. Der Händler kann gar nicht so schnell losschimpfen, wie ich über seine Kisten auf eines der Gebäude gestiegen bin. Es sind feste Bauten, in denen die Menschen wohnen, die mehr haben.

Die Leute schreien mir wüste Beschimpfungen hinterher. Bis ich über die Blechdächer beim Gerippe angelangt bin, sind es so viele Beleidigungen, ich wäre satt, hätte ich für jede ein Reiskorn bekommen. Reis gibt es allerdings nur, wenn man für den Kaiser arbeitet oder wenn man etwas anzubieten hat, um es hier auf dem Markt zu tauschen.

Die Stimmung ist unheimlich. Es ist zu ruhig. Solange die Beleuchtung eingeschaltet ist, tobt sonst am Gerippe das Leben oder das, was davon übrig ist. Es wird geschrien, Ware angepriesen, laut gefeilscht und gezankt. Heute sind die Menschen hier, weil sie neugierig sind, weil sie Hoffnung haben. Schließlich war noch nie jemand von der Oberfläche auf Ebene eins.

Aber man spürt auch die Angst. Man erkennt sie an der Stille. Alle warten ab, was geschehen wird. Ich habe weder Hoffnung noch Angst, nur ein mieses Gefühl.

Normalerweise sieht man am Marktplatz keine Hüter. Sie bewachen nur die wichtigen Gebäude wie die Fürsorge, wo Reis und Wasser ausgegeben werden. Jetzt zähle ich neben den sieben Männern von oben noch jeweils zwei mit Pistolen bewaffnete Hüter. Wie es aussieht, sind sie zum Schutz der Fremden da. Diese stehen erhöht auf Kisten und blicken mit undurchdringlicher Miene über die Menge. Man sieht, dass sie keine Nachfahren Amaterasus sind, sondern genauso zu Susanoos bunt gemischter Brut gehören wie wir. Warum es ihnen trotzdem erlaubt ist, oben zu leben, verstehe ich nicht. Wahrscheinlich dienen sie nur dem Kaiser. Jedenfalls prangt auf ihrer Brust eine aufgestickte Sonne. Ich kenne diese Kleidung, wenn auch nur aus der Leichenverbrennung. Wer das Siegel des Kaisers trägt, lässt sich auf anderen Wegen nicht zu uns herab. Umso beunruhigender ist es, dass diese Männer jetzt auf unserem Marktplatz herumstehen.

Seit Tagen gibt es Gerüchte, weshalb sie gekommen sind. Um uns rauszulassen, ist nur eines davon. Tja, die Hoffnung stirbt eben nach einem.

Der köstliche Geruch von gerösteten Kakerlaken steigt mir in die Nase und mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. Ich befühle das Säckchen Reiskörner in meiner Umhängetasche. Mein Erspartes. Dafür bekäme ich locker fünf Kakerlakenspieße.

Aber wie fast immer kämpfe ich den Hungerdämon nieder. Den Reis werde ich später gegen ein paar Pushs tauschen. Die machen zwar nicht satt, aber man lebt länger durch sie.

Seufzend kämpfe ich mich weiter durch die Leute, bis ich in der Gasse bin, die zu Zone acht führt. Dort, ganz am Rande der Höhle, liegt Das letzte Licht, die Leichenverbrennung. Zweitausend Schritte liegen vor mir, vorbei an der Fäkalienentsorgung und der Wasserwiederaufbereitungsanlage. In ihnen wird das Wasser grob gereinigt, verdampft und über dicke Rohre wieder hochgeleitet.

Soviel ich weiß, hat jede Ebene ihre Aufgabe. Keine Ahnung, welche. Unsere ist für den Dreck von oben zuständig. Leichen, Kloake, Schmutzwasser … alles landet bei uns zur Wiederaufbereitung. Nicht umsonst nennen wir unsere Ebene Das Scheißhaus des Kaisers.

Endlich kommt das letzte Licht in Sichtweite. In meiner Vorstellung war das deckenhohe Gebäude einmal strahlend weiß. Jetzt ist es schmutzig grau, fast schwarz, wie alles hier. Es hebt sich nur durch seine klare, runde Form von den ganzen zusammengeflickten, krummen Bauten drum herum ab.

Der Hüter am Tor verzichtet darauf, sich meinen Nachweis zeigen zu lassen. Eine Karte mit dem Symbol des Kaisers. »Schnell, Juri. Du bist spät!«

»Ich weiß. Sind es schon viele?«

Er hebt die Hände. »Hab nicht nachgesehen.«

Ich bedanke mich mit einem flüchtigen Lächeln und hetze weiter bis zu der Tür mit der Acht. Das ist die Zahl, bei der zwei Ringe übereinanderstehen. Ein paar Zeichen kann ich lesen. Natürlich keine ganzen Wörter, das können nur die Hüter.

Kaum dass ich im Raum bin und sich die Tür hinter mir schließt, höre ich, wie eine andere sich öffnet. Zzzzzzck! Ich verharre in der Bewegung, horche. Bumm! Verdammt! Der war schwer! Schnell stelle ich meine Tasche ab.

Die Tür der Schleuse klemmt. Schon immer. Man muss sie nach oben hochstemmen und ich brauche jedes Mal meine gesamte Kraft, um sie aufzubekommen. Der Taster an der Wand funktioniert schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Niemand weiß, wie man ihn repariert.

Uff! Geschafft! Ruckelnd gibt die Tür endlich nach.

»Oh, schei–!« Ich fluche nicht vor den Toten, zumindest nicht laut. Doch ein flüchtiger Blick hat gereicht – sie stapeln sich schon.

Die oberste Leiche ist noch massiger, als sie sich angehört hat. Ein Mann, der fast die gesamte Schleuse einnimmt. Das letzte Licht für den Arsch! Unwillkürlich halte ich die Luft an. Mann, den hat es nicht erst gestern erwischt. Dem Gestank nach muss er schon einige Tage tot sein. Die Gase, die beim Zersetzungsprozess entstehen, haben ihn aufgebläht wie eine verwesende Ratte hinterm Ofen. Wie soll ich den nur heil bis zur Verbrennung kriegen?

Ich schleudere meine Jacke von mir, hänge mir die zerschlissene, bleischwere Schutzschürze um und mache mich an die Arbeit.

Rasch schiebe ich eine Bahre vor die Luke der Schleuse. Sie liegt in der Mitte des Gebäudes, in der die Toten von den oberen Ebenen ankommen. Die werden von den Schiebern, die darüber arbeiten, auf die Sektionen verteilt. Bevor ich überhaupt dazu komme, öffnet sich die Klappe erneut. Zzzck! Und eine Frau fällt auf den Dicken.

»Könnt ihr da oben mal ein bisschen langsamer machen?«, brülle ich. Statt einer Antwort geht die Klappe wieder zu.

Die Frau liegt quer über dem dicken Bauch. Ihr Rückgrat durchgebogen. Sie ist nackt. Das Gesicht zeigt nach oben. Ein Blick genügt, um zu sehen, dass sie an der Knochenfresser-Krankheit krepiert ist. Wie die meisten. Auf der Oberfläche stirbt niemand daran. Zumindest habe ich noch keine Leiche von dort so gesehen.

Man sagt, die Krankheit sei nicht ansteckend, trotzdem erwischt sie fast jeden von uns. Jedenfalls auf Ebene eins. Auch mich irgendwann, obwohl ich alles versuche, um den Tod noch eine Weile fernzuhalten. Ich denke, es liegt am schlechten Essen, deshalb ernähre ich mich, so gut es eben geht, und tausche alles, was mir die Toten hinterlassen, gegen Pushs. In den alten Geschichten heißt es, heilen könne uns nur die Sonnengöttin selbst. Nur sie habe die Macht dazu. Mit ihrem Licht vertreibe sie die knochenfressenden Dämonen, spende Leben, könne aber auch zerstören.

Schnell binde ich mir meine geflochtenen Haare zu einem Knäuel zusammen. Wenn ich an den Dicken will, muss ich erst die Frau herausziehen. Vorsichtig hebe ich sie hoch und lege ihren Körper auf die Bahre. Die Frau ist so leicht, ich habe wirklich Angst, dass sie unter meinen Händen zerbricht. Wut steigt in mir hoch. Dort oben sitzt der Kaiser und ist noch fetter als mein nächster Toter in der Schleuse. Mein Hass ist so groß, dass ich unseren Herrscher mit Vergnügen ins Feuer werfen würde! Aber das würde mir Amaterasu nie vergeben. Immerhin ist der Kaiser ihr direkter Nachkomme.

Bevor ich die Frau den Flammen übergeben kann, muss ich erst noch den Dicken rausziehen. Ich hole eine weitere Bahre.

Er ist schwer. Keuchend zerre, schiebe und hieve ich, halte immer wieder den Atem an. Zur Hölle mit dem letzten Licht! Jetzt mach schon. Erst als ich die große Flachschaufel zum Reinigen der Schleuse als Hebel benutze, lässt sich die Leiche bewegen. Unsanft landet der Tote auf dem Wagen, der unter dem Gewicht ächzt. Zum Glück bricht kein Rad.

Nur noch zwei Körper in der Schleuse. Beides bis auf die Knochen abgemagerte Männer, kaum bekleidet. Ich kann also kurz verschnaufen, etwas trinken. Die Tasche mit meinen wichtigsten Habseligkeiten hänge ich wie immer an einen rostigen Haken, die halb volle Wasserflasche stelle ich danach möglichst weit weg vom Ofen. Alles, was ich trinke, schwitze ich ohnehin wieder aus. Den Eimer in der Ecke brauche ich so gut wie nie.

Danach lege ich, wie in jeder Schicht, eine halbe Handvoll Reiskörner auf ein schmales Brett neben der Tür – dem kleinen Altar für die Toten – und bitte um ihre Vergebung. Gäbe ich mehr, würde ich bald selbst zu ihnen gehören. Es muss reichen.

Schließlich wende ich mich der Frau zu. Obwohl mir klar ist, woran sie gestorben ist, betrachte ich sie eingehend wie jede Leiche. Manchmal verrät der Tod etwas darüber, wie sie gelebt haben.

Derart abgemagert und krank ist die Frau sicher von Ebene eins. Sie muss um die fünfundzwanzig sein, ihrer verbrannt wirkenden, blutunterlaufenen Haut nach zu urteilen, die sich über ihr poröses Gerippe spannt. Als hätte man einen Eimer heißes Öl über sie geschüttet. Am Unterschenkel sticht ein spitzer Knochen durch. Wahrscheinlich nur einer von etlichen, die gebrochen sind. Ich bin diesen Anblick gewohnt. Trotzdem. Es gibt mir jedes Mal einen Stich zu sehen, was der Knochenfresser-Dämon noch von uns übrig lässt. Egal. Jetzt ist sie endlich erlöst.

Ich bemühe mich, achtsam mit ihr zu sein, als ich sie in das Feuer gebe, und sehe zu, wie ihr geschundener Körper in Flammen aufgeht. Eigenartig, aber die Toten sind mir viel näher als die, die noch leben.

Im Gegensatz zu der Frau stammt der dicke Mann von der Oberfläche. Das sehe ich sofort. An drei Dingen. Zunächst gibt es bei uns nicht genug Essen, als dass ein Mensch je fett werden könnte. Dann seine Haut, sie ist glatt wie bei einem Neugeborenen und leicht gebräunt, nicht so madenweiß wie die der Leute hier unten. Vor allem aber trägt der Mann die typischen Merkmale von Amaterasus Nachfahren. Ihre Züge sind anders als unsere. Sie haben breite und flache Gesichter, die Augen sind schmal, das Haar schwarz, dabei vollkommen glatt. Es ist selten, dass ein Mitglied der Kaiserlichen Familie bei mir landet. Ich verstehe nicht, wieso sie ihre Verstorbenen einfach zu uns in die Höhle werfen. Sie scheinen keine Achtung vor dem Tod zu haben. Vielleicht würden sie es lassen, wenn sie wüssten, was mit den Körpern geschieht.

Für die makellose Haut des Mannes würde man auf dem Markt Pushs für zwei oder drei Wochen bekommen oder Reis für vier … aber, nein, verdammt, so etwas mache ich nicht. Das würde die Toten entehren. Deshalb nehme ich nur das, was sie am Körper tragen, sofern sie nicht nackt sind wie die meisten. Ich ziehe mein Messer aus dem Gürtel und schneide dem Mann vorsichtig die Kleidung vom Leib, wobei ich sie so wenig wie möglich beschädige.

Als die Flammen sich beruhigt haben, kippe ich den Dicken mit einem letzten Gruß in den Ofen und wende mich wieder der Schleuse zu, berge die beiden anderen Männer und gebe sie mit ihrer Kleidung ins Feuer. Für die Fetzen hätte ich ohnehin nichts mehr bekommen.

Zzzzck! Oh, nein! Ich fahre herum und beiße mir auf die Lippe. Nicht schon wieder!

Ein fester Kloß sitzt mir plötzlich im Hals. Ich habe den Tod schon in allen erdenklichen Formen gesehen, aber je jünger die Toten sind, desto näher geht es mir. Dies ist die vierte verkrüppelte Babyleiche innerhalb weniger Tage. Ein übergroßer Kopf, verstümmelte Gliedmaßen, das Rückgrat gekrümmt. Wie es aussieht, wurde es höchstens einen halben Tag alt. Ich schlucke hart. Ein Schnitt an der Halsschlagader und der blutleere Körper sprechen eine klare Sprache. Sie haben es getötet. Ich nehme an, weil es entstellt ist.

Vorsichtig hebe ich das Baby heraus. Eigenartig. Ihm hat man die Hände um etwas zusammengebunden. Als ich das Band durchtrenne, sehe ich, was es ist: »Heilige Amaterasu!« Eine Grabbeigabe. Eine Frucht! So etwas gibt es nur auf der Erdoberfläche. Was für ein Glück!

Prall und fast rund ist sie. Und orange. Eine Farbe, die man nur selten sieht. Meine Finger gleiten ehrfürchtig über die Schale. Sie fühlt sich glatt an und glänzt. In Momenten wie diesen scheint uns Amaterasu doch nicht ganz vergessen zu wollen. Nie zuvor habe ich so etwas gesehen. Mein wertvollster Fund …

Trotzdem zögere ich, die Frucht einzustecken. Womöglich ziehe ich doch den Zorn der Toten auf mich … Es ist besser, sie zu besänftigen. Also hole ich den Reis aus meiner Tasche, den ich gegen Pushs tauschen wollte, außerdem drei Reisbällchen, mein Mittagessen, und lege alles auf den Altar. Erst dann nehme ich die Frucht. Meine Hände zittern dabei. »Es tut mir leid, aber ich brauche sie nötiger …«

Die Götterfrucht

Endlich ist meine Schicht beendet und ich kann mit der Frucht zum Gerippe laufen, um sie zu tauschen. Nicht lange, und um mich wimmelt es wieder von Menschen. Die verdammte Enge schnürt mir die Kehle zu! Ich reiße an meinem Kragen und schiebe mich durch die Menge. Dabei stolpere ich fast über einen Kranken, der neben einem Verschlag am Boden liegt. Obwohl täglich so viele Menschen sterben, werden wir immer mehr und Platz ist fast so wertvoll wie Reis.

Schon bevor ich den Marktplatz erreiche, sehe ich die Fremden vom Morgen. Mein Bündel mit der Götterfrucht presse ich fest an mich und hoffe, dass man mir meinen Diebstahl nicht anmerkt. Kurz darauf bin ich in eine weniger bevölkerten Seitengasse abgetaucht. Vorbei an den Totensammlern mit den vergitterten Karren, auf denen sich ihre Beute des Tages stapelt.

Die Behausungen in diesem Viertel sind zu ausgefransten Wohnhaufen verwachsen und durch abenteuerliche Konstruktionen aus Abfall, Plastikbrettern, Leitern und Hängebrücken miteinander verbunden. In jeder winzigen Baracke hausen mindestens zehn Menschen. Die Bewohner nennen diese Zone das Labyrinth, weil sie sich rasend schnell verändert. Gassen, die gestern noch betreten werden konnten, sind heute zugebaut und umgekehrt.

Um auf den Marktplatz zu kommen, muss ich durch ein Tor, hinter dem ein größerer Schrein für Amaterasu liegt. Er wird genauso oft bestohlen, wie mit der Bitte um Vergebung geopfert wird. Ich fühle mich nicht gut wegen der Frucht und schleiche mich, statt zu beten, an dem Schrein vorbei zum Gerippe.

Das Gedränge der dreckigen, schwitzenden und stinkenden Menschen ist kaum zu ertragen. Ständig greifen kranke Bettler nach mir und die Händler halten mich fest, weil sie das Stoffbündel sehen, das ich zusammen mit meiner Tasche fest an mich presse. Dabei habe ich die wertlosesten Fetzen, die ich den Toten heute genommen habe, obenauf gelegt und den schönen Stoff mit der Frucht tief unten versteckt. Würde die jemand zu sehen bekommen, läge ich sicher im nächsten Moment erschlagen zwischen zwei Baracken. Entschlossen wehre ich alle Angriffe ab und versuche, noch schneller voranzukommen.

Ich muss zu einem Händler, dem ich halbwegs vertraue. Seine Hütte ist ganz oben, wo die kleinsten Geschäfte wie Spinnweben unter der Decke kleben, gestützt von all den verrammelten Bauten darunter. Es gibt keine Leitern, nur blank getretene Stahlträger. Mal ein feuchtes, rutschiges Blechdach, mal ein sprödes Plastikbrett. Der Weg ist nie derselbe. Ständig brechen ganze Teile aus dem Stahlgerippe. Traurig für die unzähligen Menschen, die unter dem Schutt begraben werden. Andererseits trauert niemand lange, wenn jemand zu den Ahnen geht. Eher ist man froh über den Platz, den er hinterlässt. Oder erleichtert, weil er nicht mehr leiden muss. Schlechter als den Lebenden hier kann es keinem Toten ergehen.

Ich finde eine ruhige Ecke und schnüre mir das Bündel auf den Rücken. Dann nehme ich, so schnell ich kann, Stockwerk für Stockwerk. Gut zwanzig Mannslängen über dem Höhlengrund kralle ich mich fest. Die Menschen unten wirken wie eine schlammige Masse, die in jede Ritze spült. Mit gelben Spritzern darin: den Fremden. Nach hier oben werden sie nicht kommen. Das trauen sich noch nicht mal die Hüter.

Fast kann ich die Decke berühren. Ein drei Armlängen durchmessender Ventilator wirbelt wunderbar frische Luft in den feuchtheißen Dunst. Ventilatoren sind überall angebracht und versorgen unsere Ebene mit Atemluft.

Den Fuß auf der Kante eines Stahlträgers, ein dickes schwarzes Stromkabel, das von der Decke hängt, um die Hand gewickelt, wische ich mir den Schweiß aus dem Gesicht und blicke in das spitze Gesicht von Pinky, dem Händler, dem ich beinahe vertraue. Ich kenne ihn, seit er sich mit neun Jahren hier angesiedelt hat. Jetzt ist er zwölf und in wenigen Jahren wird er es nicht mehr hier raufschaffen. Die wenigsten können sich in meinem Alter noch so gut bewegen.

Pinky verfolgt aufmerksam, wie ich das Bündel aufknüpfe. »Hey, Juri. Siehst toll aus heut. Wie von der Sonne geküsst«, schmeichelt er überflüssigerweise.

»Du willst doch nur, dass ich an dich verkaufe«, schnappe ich zurück.

Er grinst schief. »Haste recht.«

Ganz vorsichtig lege ich die Frucht frei und halte sie Pinky auf ausgestreckter Hand entgegen.

Seine Augen weiten sich jäh. »Ich glaub’s nich, das is ja ’ne Götterfrucht! Woher haste die?« Er grapscht danach.

Schnell ziehe ich meine Hand zurück. »Geht dich nichts an!« Wenn ich ihm sage, dass die Götterfrucht eine Grabbeigabe war, will er sie vielleicht nicht mehr.

»Lässte mich mal dran riechen?«

Ich nicke und er schließt die Augen, während er genüsslich den fruchtig süßen Duft einzieht. Unsere Körper lechzen danach und ich ertappe mich dabei, mir vorzustellen, in das Obst hineinzubeißen, statt es gegen staubtrockene Pushs zu tauschen.

Andere Kinder schwingen sich durch das Gerippe zu uns. Sie alle starren die Götterfrucht an. Ich lächle innerlich, weil ich weiß, dass sie sich mit dem, was sie haben, überbieten werden. Mühelos bekomme ich drei Röhrchen Pushs angeboten.

Pinky winkt inzwischen seine kleine Schwester heraus, die Tag und Nacht seinen Laden bewacht. Klein ist dabei noch übertrieben. Das Kind ist winzig. Vielleicht so lang wie mein Arm. Eines von unzähligen Krüppelkindern. Sie kriecht aus dem Dunkel der vollgestopften Blechhütte und steckt ihren viel zu großen Kopf zwischen an Schnürsenkeln zusammengebundenen Schuhen hindurch, die vor dem Eingang baumeln.

»Hey, Juri«, begrüßt sie mich schüchtern. Alle nennen sie Kanisterkopf. Sie hat keinen richtigen Namen und spricht kaum. Da hat sie was mit mir gemeinsam.

Bevor ich den Gruß erwidern kann, meint Pinky: »Sie hat seit drei Tagen nix gefuttert. Wenn du mit mir tauschst, geb ich die Götterfrucht meiner Schwester.«

»Blödsinn!«

»Bestimmt«, versichert er mit treuherzigem Blick, den ich ihm nicht abnehme.

Aber auch wenn ich mir sicher bin, dass seine Schwester nicht mal an der Frucht wird riechen dürfen, stimme ich dem Tausch zu. Im Gegensatz zu mir ist Kanisterköpfchen körperlich nicht in der Lage zu arbeiten. Dieses Schicksal teilt sie mit vielen, die krank oder missgebildet sind. Wer nicht für den Kaiser arbeiten kann, muss von dem leben, was es hier an Essbarem gibt, Ratten, Pilze und so, und das verseuchte Wasser aus den Kanälen trinken, die die Höhle von dem Becken in der Mitte strahlenförmig durchziehen. So gesehen ist es gut, dass Pinky seine Schwester benutzt, um Mitleid zu erwecken. Dadurch überlebt sie. Wobei Mitleid mit einem Kranken oder Krüppel, der wertvollen Platz wegnimmt, eigentlich mit Verblödung gleichzusetzen ist.

Als ich mich auf den Weg nach unten machen will, legt mir das Mädchen mit ihren winzigen Fingern ein gelbes, rund geschliffenes Stück Glas in die Hand. »Für dein Schrein.«

Ein Mosaik von der Sonnengöttin, das halb fertig in meinem Unterschlupf klebt und an dem ich seit vielen, vielen Jahren arbeite. Das erste Stück habe ich an meinem sechsten Geburtstag gefunden. Ein blauer Knopf, der zu Amaterasus linkem Auge geworden ist …

Diesen Tag werde ich nie vergessen. Normalerweise schenken wir unserem Geburtstag keine Beachtung, denn älter zu werden, ist kein Grund zur Freude. Der sechste wird allerdings gefeiert, als wenn es der letzte sei, und im Grunde ist er das auch. Mit diesem Tag endet nämlich unsere Kindheit. Ab da müssen wir für unsere Eltern sorgen. Oder für unsere älteren Geschwister, falls kein Elternteil mehr lebt.

Das Fest ist das einzige in unserem Leben und daher ein großes Ereignis. Es beginnt mit einer Opferzeremonie. Als Zeichen dafür, dass wir bereit sind, unsere Kindheit hinter uns zu lassen, geben wir am Abend vor dem Geburtstag all unsere Spielsachen den Eltern. Die tauschen es dann auf dem Markt gegen Zuckerblüten. Viele kriegen sie nicht dafür, denn kaum ein Kind besitzt mehr als ein paar Kugeln, eine Puppe aus Stofffetzen, eine Rassel oder Schleuder. Trotzdem ist es für die meisten hart, sich davon zu trennen, und es fließen Tränen.

Die sind auch gewollt. Die Bewohner nennen sie Opfertränen. Gleichgültig, wie sehr das Kind weint, darf niemand es trösten. Es soll lernen, mit dem Schmerz umzugehen, denn von nun an wird es viele Opfer für die Familie bringen müssen. Am nächsten Morgen, aber nur wenn das Kind nicht mehr weint, bekommt es von den Eltern die Zuckerblüten, die sie gegen das Spielzeug getauscht haben.

Dann wird den ganzen Tag gegessen. Es gibt Reis in allen erdenklichen Formen wie Reisbällchen oder aus Reismehl gemachte Nudeln. Dazu isst man getrocknete Pilze, frisches Rattenfleisch und man bekommt sogar kleine Geschenke wie Schuhe, eine Tasche, ein Messer oder einen Kamm. Jeder aus der Familie trägt etwas zu diesem Fest bei und man wird besonders hübsch herausgeputzt. Es ist ein Tag voller Zuckerblüten.

Mein sechster Geburtstag war ganz anders. Für mich war es der Tag, ab dem ich aufhörte, den Menschen zu vertrauen.

Meine Kindheit habe ich in der Nähstube meines Vaters verbracht, nur zwei Gassen entfernt vom Markt. Sein Laden war bekannt für Lederwaren, die eine Menge aushielten, und die Leute brachten alles Mögliche dafür zum Tauschen. Er war ein guter Mann. Allerdings hatte er ein viel zu weiches Herz.

Meine Mutter war faul und selbstsüchtig, noch nicht mal besonders hübsch, sondern klein, mager und zerbrechlich. Ich nehme an, sie hat so etwas wie einen Beschützerinstinkt in ihm geweckt, als sie bei ihrer ersten Begegnung versuchte, ihm ein wertvolles Stück Leder zu entreißen, das Vater gerade auf dem Markt erstanden hatte. Er nahm das abgemagerte Mädchen mit nach Hause und gab ihr etwas zu essen, statt sie zum Rand der Höhle zu jagen, wie er es hätte tun sollen. Da sie nicht wieder ging, kümmerte er sich um sie und sie wurde seine Frau. Keine Ahnung, welcher Dämon von ihm Besitz ergriffen hatte.

Ein Jahr später, mit sechzehn, brachte sie mich auf die Welt. Die Nachbarn haben mir erzählt, die Geburt hat drei Tage und Nächte gedauert, weil ich nach meinem Vater kam und viel zu groß für den schmalen Körper meiner Mutter war. Beinahe wäre sie deswegen verblutet. Sie ist danach zwar noch ein paar Mal schwanger geworden, aber hat das Kind immer in den ersten Wochen verloren.

Ich habe das alles damals natürlich noch nicht begriffen, aber trotzdem gemerkt, wie die Nachbarn tuschelten, wir würden Hunger leiden, wenn meine Mutter nicht bald mehr Kinder zur Welt brächte.

Doch es hungerte niemand. Das Geschäft meines Vaters lief gut. Wir hatten Essen und Platz. Es gab sogar einen kleinen Schlafraum. Er war durch eine Wand aus Stoff von dem Geschäft abgetrennt. Ich schlief trotzdem meistens auf den Stoffbergen in der Nähstube, denn meine Mutter duldete mich nicht in ihrer Nähe.

Immer wieder kommt dieses eine Bild in mir hoch, wenn ich an sie denke – die Schatten meiner Eltern hinter der Stoffwand. »Sie ist ein Dämon!«, zischte meine Mutter. »Was glaubst du, wieso ich keine Kinder mehr kriegen kann? Sie hat mich bei der Geburt fast zerrissen. Es ist ihre Schuld!« Damals begriff ich nicht, was sie mit kriegen meinte. Wir kriegten Stoffe und Leder, aber doch keine Kinder. Was ein Dämon war, wusste ich aber sehr wohl. Jemand, der Leid bringt. Ich verkroch mich in den Stoffen und weinte still.

Aber auch meine Mutter war krank und litt. Durch den Vorhang drang oft ihr Stöhnen. In der Dunkelheit hörte ich, wie sie sich unruhig auf ihrem Lager hin und her wälzte. Auch das furchtbare Schaben der Nägel auf ihrer Haut. Sie konnte nicht aufhören, sich zu kratzen. Wenn es zu schlimm wurde, kroch sie zu uns in die Nähstube und ich kauerte mich unter den Tisch. Ihre Krankheit machte mir Angst, ihre eingefallenen Wangen, die aufgerissene, entzündete Haut, die unruhig flackernden Augen, ihre Raserei, wenn mein Vater nicht genug zum Tauschen für ihre Medizin zusammenbekam. Es war, als wäre sie der Dämon, nicht ich.

An Tagen, an denen das Geschäft gut lief, schickte mein Vater mich los, um den Händler zu suchen, der die Medizin meiner Mutter gegen unsere Lederwaren tauschte. Er war ein grober Mann, ein zahnloser Riese, vor dem sich alle fürchteten. Er trieb sich immer irgendwo auf dem Markt herum, die Medizin in seiner übergroßen Manteltasche, die weite Kapuze über den kahlen Kopf gezogen, ein kurzes schwarzes Stromkabel in der Hand. Damit schlug er seine Botenjungen ins Gesicht, wenn sie schlecht arbeiteten. Er sah aus wie der leibhaftige Tod.

Ich weiß noch genau, wie groß meine Angst vor ihm war. Aber wenn er die Medizin schließlich zu uns nach Hause brachte, meine Mutter sie in ihrer kleinen dunklen Holzpfeife rauchte, hörte ihr Stöhnen und Kratzen für einen wunderbaren, friedlichen Moment auf.

Allerdings konnten wir uns das Heilmittel immer seltener leisten. Meinem Vater, der einige Jahre älter als meine Mutter war, ging es seit einer Weile schlechter. Es begann damit, dass ich für ihn das Garn in die Nadel fädeln musste, später konnte er seine Finger nur noch unter Schmerzen krümmen und schließlich stand er oft gar nicht erst auf und ich saß allein in der Näherei und musste die Kunden nach Hause schicken.

Ich wusste natürlich, was los war, kannte den Anblick von blutunterlaufender Haut und abgemagertem Fleisch. Für mich war die Knochenfresser-Krankheit schon damals etwas Normales. Jeder Zweite in den Gassen hatte sie. Sie bedeutete, dass das Leben zu Ende ging. Aber mein sechster Geburtstag stand ja bevor und ich würde damit beginnen können, für meine Mutter zu verdienen, was sie so sehr brauchte. Ich war fest entschlossen, härter zu arbeiten als all die Kinder, die auf uns gezeigt hatten, weil meine Mutter nur mich gekriegt hatte. Ich wollte ihr beweisen, dass ich kein Dämon war.

Zwei Abende vor meinem sechsten Geburtstag starb mein Vater. Meine Mutter brachte ihn nicht in die Verbrennung, sondern in die Gerberei. Zum Glück wusste ich damals noch nicht, woraus zuvor mein Vater die Lederwaren genäht hatte.

Tags darauf kam der Zahnlose mit einigen Männern, die die Möbel aus der Nähstube trugen. Meine Mutter stand zwischen den Stoffen, schaufelte mit ihren zerkratzten Armen zusammen, was sich gegen die Medizin tauschen ließ. Ich weiß noch genau, dass ich hoffte, alles möge auf irgendeine Weise mit den Opfertränen zu tun haben, die ich an diesem Abend vergießen sollte. Also holte ich meine Puppen, die mein Vater für mich genäht hatte, und gab sie dem Zahnlosen. Zuckerblüten erwartete ich keine dafür. Mir war klar, es würde kein Fest zu meinem sechsten Geburtstag geben. In den vergangenen Monaten hatte es kaum für Reis gereicht.

Als die Nähstube ausgeräumt war, holte der Zahnlose die kleine Waage aus seiner Manteltasche, mit der er die Medizin immer abwog. Es war eine ordentliche Menge. Eine halbe Reistüte voll.

Meine Mutter haschte danach, dann sah sie zu mir. »Was ist mit dem Kind?«

Mit mir? Ich brauche doch keine Medizin, dachte ich noch, da spürte ich, wie der Händler mich genauso bewertend betrachtete wie zuvor die Nähtische und Stoffe.

Er zeigte sein zahnloses Grinsen. »Is ’n kräftiger Junge. Ich geb dir fünfzig Gramm für ihn.«

»Is gut. Nimm das Kind gleich mit«, hörte ich meine Mutter sagen. Sie hatte sich ihre Pfeife angezündet und sank erlöst gegen die Wand.

Unfähig klarzustellen, dass ich doch ein Mädchen war, flüchtete ich erschüttert und verängstigt in eine Ecke. Und obwohl mir all diese Momente klar in Erinnerung sind, gibt es einen besonderen: als mein Blick auf einen Knopf fiel, der auf dem staubigen Boden lag. Mit schlechtem Gewissen ließ ich ihn in meiner Tasche verschwinden, weil ich das Gefühl hatte, ihn meiner Mutter zu unterschlagen, sie zu verraten. Ich sie. Die mich eben verkauft hatte. Aber ich brauchte etwas, an dem ich mich festhalten konnte. Um zu überleben …

Kanisterköpfchen hat das Mosaik nicht vergessen, obwohl es eine Zeit her ist, dass ich ihr davon erzählt habe. Ich nicke zum Dank. Ein warmes Prickeln läuft mir über die Arme, weil sie an mich gedacht hat, aber das lasse ich mir nicht anmerken. Seit ich damals begreifen musste, dass ich mich nur auf mich selbst verlassen kann, habe ich drei Regeln aufgestellt.

Erstens: Tue alles, um zu überleben!

Zweitens: Beende dein Leben, sobald die Krankheit dich erwischt! Niemals will ich so kriechend oder elendig zugrunde gehen wie meine Eltern.

Und drittens, die wichtigste: Halte dich von Menschen fern, gehe keine Bindungen ein, sei für niemanden verantwortlich. Und vertraue niemandem!

Der elfte Finger

Jeder Heimweg führt mich über die Fürsorge. Nur dort kann ich Reis und Wasser für meine verdienten Marken bekommen. Es sind fünf, wenn die Schleuse am Abend leer und sauber ist.

Roher Reis ist unser häufigstes Tauschmittel. Für ihn bekommt man alles, auch die vielen Köstlichkeiten, die von unzähligen Händlern angeboten werden: geröstete Ratten, getrocknete Maden, Zuckerblüten, frische Pilze und – mein Lieblingsessen – knusprige Schaben. Mir zieht sich der Magen bei dem Duft zusammen, immerhin habe ich mein Mittagessen den Toten geopfert. Ich kann diesmal nicht widerstehen und tausche eine Tagesration Pushs gegen eine Tüte Schaben.

Eine Handvoll verzehre ich noch auf dem Weg zur Kaiserlichen Fürsorge. Ein Gebäude, das fast so aussieht wie die Leichenverbrennung. Groß und rund und in acht Sektionen unterteilt. Nur riecht es hier besser. Ich komme vorbei an den Garküchen, wo man seinen ungekochten Reis in gekochten tauschen kann. Natürlich zu einem denkbar schlechten Verhältnis. Außerdem nehmen die meisten Garküchen schlecht geklärtes Kanalwasser, das in das große Becken hinter der Fürsorge fließt. Ich verzichte und koche meinen Reis später wie immer selbst.

Wo die knappen Rationen verteilt werden, wimmelt es von Hütern. Die Hungersnot ist zu groß und der Reis zu wertvoll, als dass es hier ansonsten geordnet und gerecht zugehen würde. Bis ich mich endlich in eine Schlange vor einer Sektion einreihen kann, habe ich über zwanzig der Fremden gezählt. Allein hier stehen neun, zwei davon direkt bei der Ausgabe.

Noch immer ist nicht klar, was sie hier wollen, aber dass sie etwas – oder jemanden – suchen, ist offensichtlich. Manche von ihnen halten sich saubere weiße Tücher vor Mund und Nase, scheinbar können sie die Luft der Höhle nicht ertragen.

Durch das Gezanke und Gemurmel kann ich ein paar Mal den Namen Yamamoto hören, der unseren ach so fürsorglichen Kaiser benennt. Statt ihn wie sonst zu verfluchen oder zumindest laut über ihn zu jammern, tuscheln die Menschen heute nur. Die Verunsicherung ist groß.

Sogar die Bettler haben sich verzogen. An jedem anderen Tag winseln sie die Abgefertigten um einen Schluck Wasser oder ein paar Reiskörner an. Oder wollen mehrere Flaschen selbst geklärtes, hellbraunes Kanalwasser gegen einen Becher klares von der Fürsorge tauschen. Heute schleicht nur ein Händler herum, der die Situation auszunutzen versucht und Bilder mit Yamamotos Gesicht anbietet.

Wir alle kennen das Bild. Normalerweise putzen wir uns mit Genugtuung den Hintern damit ab. Der Kaiser ist fetter als jede Made und verhüllt in mehrere Lagen goldener Gewänder, die zwei komplette Familien bekleiden könnten. Ein starres, überhebliches Lächeln auf dem viel zu jungen Gesicht. Yamamoto kann auf dem Foto nicht älter gewesen sein als sein Sohn, Haruto, es in sieben Tagen wird, nämlich achtzehn.

Prinz Haruto … Ein Sprichwort hier unten heißt: Du glaubst wohl noch an den Zuckerblütenprinzen. Es bedeutet so viel wie, dass man, ohne nachzudenken, einfach alles glaubt. Da es von Yamamoto mehr Bilder gibt, als uns lieb ist, von seinem Sohn, dem Prinzen, aber noch nie jemand eins gesehen hat, glauben nur Kinder daran, dass es ihn wirklich gibt. Trotzdem feiern die Leute ihn. Denn jedes Jahr am Geburtstag des angeblichen Prinzen lässt unser Kaiser gezuckerte Blüten von der Decke rieseln.

Keine Ahnung, wie es auf den anderen Ebenen ist, aber hier unten wird es zu einem Schlachtfeld. Zuckerblüten sind neben Pushs das wertvollste Tauschgut und die Hungernden trampeln dafür alles nieder. Oder töten sogar. Der Geburtstag des Prinzen ist der einzige Tag im Jahr, an dem wir nicht arbeiten müssen. Der einzige, an dem ich meinen Unterschlupf nicht verlasse.

Als der Händler auf mich zustrauchelt, um mir den Kaiser unter die Nase zu halten, fauche ich, er könne ihn sich dahin stecken, wo es noch dunkler ist als hier unten. Der Kerl ist besoffen wie eine Fliege im Sake. Im nächsten Moment nimmt er auch noch meinen Zopf zwischen seine dreckigen blutunterlaufenen Finger. »Hey … feines Haar … Kriegst ’ne viertel Flasche Sake und ’nen scheiß Kaiser dazu.«

Ich balle die Fäuste. »Nimm deine Drecksfinger von mir! Oder ich brech dir jeden einzelnen.« Ich meine es ernst. Ich bin stark, er ist bereits krank, seine Knochen sind brüchig. Und ich bin es so was von leid, ständig um Abstand kämpfen zu müssen.

Er stiert immer noch auf meinen Zopf. Meine Haare sind eine Seltenheit in der unteren Welt. Lange hellblonde Haare, groß gewachsen, muskulös – deshalb werde ich angesprochen. Nicht weil ich hübsch bin oder so. Meine Haare sind das Schönste an mir und außerdem mein wertvollster Besitz. Ich pflege sie, so gut ich kann, denn sobald die Knochenfresser-Krankheit mich erwischt, werde ich sie mir abschneiden, um sie gegen eine ganze Handvoll Früchte zu tauschen. Wenn ich mich schon umbringe, dann mit vollgestopftem Magen. Nur eine viertel Flasche Sake zu bieten, ist eine Frechheit. Ich stülpe die Kapuze über und drehe mich weg.

»Komm schon, was will ’n Typ mit langem Haar?«, brüllt der Händler, zu betrunken, um zu begreifen, wie kurz er davor ist, sich eine zu fangen. Nur die Anwesenheit der Fremden hält mich davon ab. Dass er mich für einen Jungen hält, schert mich dabei weniger. Das passiert immer wieder. Ich sage mir, es ist auch von Vorteil. Kerle lassen dann jedenfalls die Finger von mir.

Langsam rückt die Schlange vor. Als ich wieder zu den Fremden hinüberblicke, entdecke ich ein bekanntes Gesicht. Seit einiger Zeit lebt sie im selben Unterschlupf wie ich. Ihr Name ist Rebecca und sie ist so hübsch, dass meine blonden Haare gleich niemanden mehr interessieren werden. Jetzt hat sie mich ebenfalls entdeckt und schlendert mit wiegenden Hüften auf mich zu.

Die Leute lassen sie durch, grinsen, rufen ihr anzügliches Zeug hinterher und grapschen nach ihr. Kein Wunder. Rebecca trägt ein gefährlich kurzes Kleid aus bunten Stofffetzen, welches viel zu viel von ihrer bislang noch makellosen Haut zeigt und kaum ihre perfekt geformten Brüste verdeckt. In ihr braunes Haar sind rote Bänder geflochten. Ein eindeutiges Zeichen für ihren käuflichen Körper. Sogar die Fremden verrenken sich den Hals, um ihr nachzusehen. Rebeccas volle Lippen lächeln geschäftsmäßig, zumindest, bis sie neben mir steht. Erst dort verdreht sie ihre großen grünbraunen Augen. Sie ist wirklich eine Schönheit.

»Kommt’s mir nur so vor oder geht hier heute alles scheißlangsam?«

Der Händler deutet leicht schwankend auf die Fremden. »Liegt an denen. Wiegen an der Ausgabe jetzt jedes Reiskorn ab. Ganz nach Vorschrift. Das dauert.«

Rebecca verzieht den Mund. »Sprech ich mit dir, oder was? Zisch ab!«

»Paar Jahre noch und du machst es mir für ein Reisbällchen.« Er stößt mit seiner Zunge in die Backentasche. Eine eindeutige Geste.

Rebecca holt aus, woraufhin der Händler sich schnell einige Schritte weitertrollt. Glück für ihn. Sie hätte ohne Frage zugeschlagen. Fremde hin oder her.

»Hast du eine Ahnung, was die wollen?«, raune ich. Meine Lippen bewegen sich kaum dabei.

Sie deutet ein Kopfschütteln an. »Aber die kommen bestimmt von weit oben.«

»Ich weiß. Von ganz oben.«

Ihre Augen weiten sich. »Echt? Sicher? Die sind doch wie wir.«

Ich tippe mir auf meine flache Brust. »Absolut. Siehst du das Kaiserwappen?«

»Heilige Scheiße«, haucht sie. Was von weiter oben kommt, egal was, fasziniert uns, aber von der Erdoberfläche – das verunsichert jetzt sogar Rebecca.

Endlich sind wir an der Reihe. Ich fühle, wie jede unserer Bewegungen beobachtet wird, und lege Riku von der Fürsorge meine Marken hin. Im Gegenzug erhalte ich eine Papiertüte mit ungekochtem Reis und eine Flasche Wasser. Mir steht wegen meiner schweißtreibenden Arbeit in der Verbrennung die doppelte Menge zu, was dieser Sohn einer Kakerlake dort hinter dem Tresen auch genau weiß. Er ist jeden Tag hier. Heute jedoch lässt er sich meine Zugangskarte zeigen. Erst danach rückt er die zweite Ration raus. Angeblich soll das Wasser alles enthalten, was wir zum Leben brauchen. Wer das glaubt, glaubt auch noch an den Zuckerblütenprinzen.

Gerade, als wir uns möglichst unauffällig an den Fremden vorbeischieben und mit der Menschenmenge verschmelzen wollen, legt einer der Typen – ein drahtiger Kerl, der mir kaum bis zum Kinn reicht – seine Hand auf Rebeccas Schulter. Er hat recht helle Haut für einen, der unter der Sonne leben darf. Auf seiner Nase und seinen Wangen sitzen dafür komische, winzig braune Flecken. Die kurzen, nach oben stehenden Haare sind von einem so intensiven Rot, wie ich es noch nie gesehen habe.

Rebecca starrt ihn erschrocken an. Der Mann befiehlt ihr mitzukommen. Hilfe suchend greift sie nach meinem Arm und ich lasse mich gegen alle Vernunft mit in die Fürsorge ziehen.

Ich war noch nie hier drinnen. Kurz fällt mein Blick auf Unmengen von Reissäcken, alle mit dem Siegel des Kaisers versehen, und mein immer noch hungriger Magen verrenkt sich vor Schmerzen.

Ein zweiter Mann kommt hinzu. Er ist so groß wie ich, hat graue Haare und ist vermutlich älter als jeder Mensch hier unten. Sie drängen uns hinter eine Mauer aufeinandergestapelter Kisten aus graugrünem, wiederaufbereitetem Plastik, in denen sich unsere Wasserrationen befinden. Die Fremden tragen ein Messer mit besonders langer, leicht gebogener Klinge in ihrem Gürtel. Niemand würde sehen, wenn sie uns damit die Kehle durchschneiden. Und wenn doch, würde es niemanden einen Dreck interessieren. Ich trage zwar ebenfalls mein Messer bei mir, aber gegen beide zusammen hätte ich keine Chance.

Der Grauhaarige weist mich mit einer Handbewegung in eine Ecke. Zögernd gehe ich rückwärts, während sie schweigend Rebecca betrachten. Ihre Hände zittern vor Anspannung, das kann ich deutlich sehen. Mir geht’s kaum anders. Nach einer Weile nickt der Größere dem Kleineren zu. Bei was auch immer, sie sind sich einig.

»Wie alt bist du? Fünfzehn, sechzehn?«, schätzt der Feuerkopf. Seine Stimme ist für einen Mann viel zu hoch, fistelig und trotzdem voller Verachtung.

»Dreizehn«, lügt Rebecca. Sie ist fünfzehn, aber jünger zu sein, ist fast immer von Vorteil.

»Krankheiten oder Beschwerden?«

Sie schüttelt den Kopf.

»Antworte!«

»Scheiße, nein, ich bin gesund!«

Die Fremden werfen sich einen Blick zu. Der Grauhaarige nimmt eines der roten Bänder in Rebeccas Haaren zwischen seine Finger. Selten habe ich so saubere Hände gesehen. »Auch keine Geschlechtskrankheiten?«, vergewissert er sich. Seine Stimme ist, genau wie bei dem anderen, viel zu hoch für einen Mann.

»Willste gucken?«, giftet Rebecca und zieht provokant ihr Kleid hoch. Darunter ist sie nackt. Innerlich stöhne ich auf. Rebeccas Heißblütigkeit kann sie umbringen. Das hätte sie wirklich nicht tun sollen.

Schon schnellt die Hand des Kleineren nach vorn, greift ihr aber nicht zwischen die Beine, sondern presst nur Rebeccas Wangen zusammen, sodass sie gezwungen ist, ihren Mund zu öffnen. Mit vor Wut funkelnden Augen versucht sie, ihn zu beißen. Begierde huscht über sein Gesicht.

Ich taste nach meinem Messer.

Er grinst. »Gute Zähne. Vollständiges Gebiss. Glatte Haut, glänzendes Haar. Aber sehr dumm, nach der Kaiserlichen Garde zu beißen.«

Kaiserliche Garde? Heilige Amaterasu! Schlagartig lasse ich mein Messer los. Die Situation ist noch gefährlicher, als ich angenommen habe. Der Ruf der Kaiserlichen Garde hat sich bis zu uns herabgesprochen. Was hier unten die Hüter sind, sind oben die Gardisten und wenn man die Geschichten über sie glaubt, haben sie mit Susanoos Nachfahren keine Gnade, obwohl sie selbst von ihm abstammen. Kurz gesagt: Wer von uns ihnen dumm kommt, dem wird die Kehle durchgeschnitten. Da reicht ein falsches Wort. Jetzt hört auch Rebecca auf, sich wie wild zu gebärden.

»Es ist nicht an uns, ihre Intelligenz zu beurteilen«, weist der Grauhaarige den Feuerkopf zurecht, woraufhin der Rebecca loslässt. Seine Fingerabdrücke zeichnen sich weiß auf ihrer wutroten Haut ab.

Rebecca sieht, ihr Kleid immer noch hochgezogen, von einem zum anderen. »Drei Reistüten. Fünf für euch beide. Acht, wenn ihr auf schräge Sachen steht.« Sie reibt sich die Wangen.

Ihr Angebot ist eine Beleidigung, aber ich meine, den Größeren leise lachen zu hören. Und dann sagt er etwas, das alles verändert: »Möchtest du gern die Sonne sehen?«

Rebecca starrt mit offenem Mund zu ihm hoch. Und ich starre genauso. Seine Worte hallen in mir nach und ich suche nach Ironie oder Sarkasmus in seiner Stimme. Der will uns doch nur noch mehr erniedrigen! Sich über uns lustig machen! Doch er bleibt ernst. »Vielleicht sogar auf der Oberfläche leben?«

Rebecca zieht ihren Rock runter, während mir die Luft wegbleibt. »Was muss ich dafür tun?«, fragt sie misstrauisch.

Der Kleinere holt einen Stapel Plastikkarten hervor, die eine rosa Blüte zeigen. Eine davon reicht er Rebecca und deutet Richtung Ausgang. »Zeig die morgen bei Tagesanbruch hier vor.«

Vor Aufregung kriege ich kaum einen Ton raus. »Ka…kann ich auch mit? Eine Karte kriegen? Was soll ich machen?« Ich sehe den Grauhaarigen flehend an.

Er wirft dem anderen einen Blick zu. Für einen Moment steht der Ausgang unserer Höhle einen klitzekleinen Spalt offen, ich bin auf einmal nur eine Winzigkeit davon entfernt, mein Leben nicht mehr in Elend und Krankheit verbringen zu müssen … dann schließt sich der Spalt unter dem gehässigen Lachen des Feuerkopfs. Mir bleibt die Hoffnung im Halse stecken.

»Oeee! Was glaubst du denn? Wir suchen das hässlichste aller Weiber? Eine, die aussieht wie ein Junge? Zieh doch auch mal das Höschen runter. Vielleicht hast du ja sogar einen«, er wackelt mit dem Zeigefinger, »elften Finger.«

So ein Arschloch! Ich will ihm tausend Dinge ins Gesicht schreien. »Ich kann hart arbeiten. Und ich bin stark«, bettle ich stattdessen. Scheiß auf meine Würde!

Der größere Gardist bringt mich mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Sieh’s ein. Du bist zu groß, zu muskulös. Kann nicht jede schön sein.«

Deswegen? Aus diesem Grund muss ich hier unten verrecken, während Rebecca leben darf?

Der kleinere Gardist hält sie am Arm fest, während ich nach draußen gescheucht werde und das erste Mal dankbar für die Menschenmassen bin, in denen ich verschwinden kann. Gottverdammt! Jetzt ist es mir nicht mehr gleichgültig, dass man mich für einen Jungen halten kann. Ich remple mich durch die Menge. Dabei schwimmen mir Tränen in den Augen, wie damals, als man mich das erste Mal für einen Jungen hielt …

Wie sich herausstellte, handelte der Zahnlose, der Vaters Nähstube ausgeräumt und meine Mutter mit den Drogen versorgt hatte, auch mit Kindern, die niemanden mehr hatten, der für sie sorgte oder für den sie sorgen mussten. Ich war jetzt eines davon, sein Besitz. Meine Mutter sah ich nie wieder.

Seine Handlanger rissen mich aus meinem Zuhause, warfen mich in einen vergitterten Karren und brachten mich in einen dunklen Verschlag, der von ihnen bewacht wurde. Durch die Bretter drang kaum Licht von außen herein. Es stank wie in einer Pinkelgasse und es dauerte eine Weile, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann sah ich die anderen Kinder. Vier magere Jungen, alle etwa in meinem Alter, sie kauerten auf der Erde und blickten stur auf den Boden, vor Angst. Nur einer sah auf und fragte mich nach Wasser. Ich schüttelte den Kopf und da erkannte ich an der Hoffnungslosigkeit in seinen Augen, wie wenig unser Leben wert war. Noch nicht einmal eine Ration Wasser.

Obwohl uns unsere aussichtlose Lage verband, wollte ich mit den anderen Kindern nichts zu tun haben. Ich rollte mich in einer Ecke zusammen und weinte, sobald die anderen schliefen.

In der übernächsten Nacht zerrte uns der Händler aus dem Verschlag. Zwei der Jungen konnten sich kaum noch auf den Beinen halten. Er schlug sie mit dem Stromkabel blutig.

Wir wurden einem Mann vorgeführt, der mir deutlich weniger Furcht einflößte als der Zahnlose. Er war einen ganzen Kopf kleiner als der Händler und wirkte zumindest nicht gefährlich.

»Ich such eigentlich keine Jungs«, meinte er, während er uns musterte. »Werden zu schnell groß und bleiben stecken.«

Der Händler zuckte mit den Schultern. »Gib ihnen wenig zu essen, dann wachsen sie nicht.«

»Du solltest ihnen etwas mehr zum Essen geben, wenn du noch ein Geschäft machen willst«, hörte ich den anderen antworten. Er war sicher kein Menschenfreund, sondern nur jemand, der sorgsam mit seiner Ware umging. Dennoch kam er mir wie mein Retter vor. »Wie gesagt, ich suche Mädchen«, meinte er und drehte sich zum Gehen.

»Ich bin ein Mädchen«, brach es aus mir heraus. Um keinen Preis wollte ich wieder zurück in den Verschlag.

Ich weiß noch, wie ungläubig mich der Zahnlose anstarrte und dann meine Hose runterriss, um nachzusehen. Mir liefen vor Scham die Tränen herunter. So nackt dazustehen, konnte ich nur ertragen, weil es mein Überleben bedeutete.

Im nächsten Moment spürte ich den Schmerz. Das Kabel hatte ich nicht kommen sehen. Es peitschte etliche Male über meinen Hinterkopf und dann auf meine Hand, die ich hochriss, bis ich Blut spürte. Ich verstand das nicht. Der Händler konnte doch jetzt ein Geschäft machen. Und das tat er dann auch. Wieder wurde ich verkauft.

Über seine Beweggründe habe ich mir noch oft Gedanken gemacht. Ich nehme an, ich hatte ihn bloßgestellt. Oder er war einfach nur wahnsinnig. Was auch immer, wichtig ist nur, dass ich ihn etwa zwei Jahre später auf einem Karren wiedergesehen habe – ganz oben auf dem Stapel Leichen. Und genau dahin wünsche ich jetzt auch die beiden Gardisten.

Die Legende von Amaterasu

Ich werde mein Zuhause nicht mehr rechtzeitig erreichen, bevor das Licht erlischt. Der Schein der Beleuchtungseinheiten ist kaltweiß, beinahe bläulich. Unter ihm sehen sogar die Gesunden krank aus. Zum Glück sind die meisten Lampen längst kaputt. Nicht selten kommt es zu Bränden, weil ausnahmslos jede Behausung ihren eigenen Strom von den Hauptadern unter der Decke abzwackt. Wir nutzen den Strom für vieles. Zum Beispiel erhitzen wir damit Wasser oder garen hauchdünn geschnittenes Rattenfleisch, das schon in Sekunden nicht mehr rot und roh, sondern grau und damit schmackhafter ist.

Als ich meine Zone erreiche, glimmen in der ansonsten vollständigen Finsternis nur noch wenige kleine Lichter an der Decke. Ich habe mal ein Bild gesehen, wie nachts, wenn Amaterasu schläft, andere Götter am Himmel wachen. Man sieht ihren Schein. Kleine leuchtende Punkte, die Sterne genannt werden. Es sollen so viele sein, dass man sie nicht einmal zählen kann. Deshalb nennen wir die Lichter unseren Sternenhimmel. Sie spenden gerade genug Helligkeit, um sich noch halbwegs zu orientieren.

Mein Schlafplatz ist in einer wenig beliebten Gegend. Er liegt tiefer als alle anderen, in einem riesigen Wurm aus Metall, der sich unter den Steinboden gewunden und Menschen gefressen haben soll, die dann gefangen waren in seinem endlosen Leib. Er soll die ganze Ebene durchkreuzt und hier und da wieder welche ausgespuckt haben. Das sind zumindest die Geschichten, die man sich nachts in der Finsternis zuraunt, und ein Grund, weshalb die meisten hier kein Auge zumachen würden.

Der andere ist der beißende Gestank nach Kloake. Er steigt aus dem Schacht, den ich mich nun Stufe für Stufe zu dem Wurm heruntertaste, immer darauf bedacht, auf niemanden zu treten, der sich auf der langen Treppe zusammengekauert hat. Jede Zone hat einige Pinkelgassen. Unsere liegen links und rechts vom Wurm, meinem Schlafplatz. Es sind die Gänge, die halb verschüttet ins Unbekannte führen. Irgendwohin muss man ja machen.

Aus dem Wurm kommen die vertrauten Geräusche der Nacht. Husten, leise Gespräche, das Ächzen und Stöhnen der Kranken, das Röcheln der Sterbenden, weinende Kinder und Schreie einer Frau, die gerade einen Balg auf die Welt bringt. Und mitten unter ihnen vergnügen sich andere und sorgen dafür, dass es nicht der letzte ist.

Der Wurm liegt leicht gekippt auf der Seite und ich muss einen großen Satz machen, um hineinzukommen. Er besteht aus einzelnen Gliedern wie bei einem Finger. Mein Platz ist seit jeher ganz hinten, dort wo es am meisten stinkt und deswegen am wenigsten Menschen liegen. Rebecca hat sich gleich neben mir niedergelassen. Ich bin froh darüber. Sie ist ein geringeres Übel, als es andere wären. Und zusammen haben wir immerhin so viel Platz, dass jeder auf dem Rücken liegen kann, ohne den anderen zu berühren.

Viele, mit denen ich mir den Platz im Wurm teile, schlafen schon. Vorsichtig schiebe ich mich an ihnen vorbei und krieche in meine Ecke. Eine wackelige Bank begrenzt unseren Bereich. Der Boden ist dick mit Lumpen ausgelegt, die ich ordentlich ausgeräuchert habe, damit sich das Ungeziefer verzieht. Inzwischen ist es trotzdem wieder da. Das bleibt nicht aus, wenn man mit Menschen dicht an dicht lebt, deren geringstes Problem lästige Viecher sind.

Neben mir an der Wand klebt das Mosaik von Amaterasu. Mein eigener, kleiner Schrein. Er wird von einer Laterne beschienen, die ich so aufgehängt habe, dass es aussieht, als würde die Sonnengöttin wirklich leuchten. In vielen Abbildungen strahlt sie zwar gelb, in meiner Vorstellung ist die Sonne jedoch rot wie auf dem Wappen des Kaisers.

Ich kaue ein paar Körner aus meiner Reistüte durch, um das gelbe Stück Glas von Kanisterköpfchen an Amaterasus Kleid festzukleben. Obwohl es lange noch nicht vollständig ist, sieht man, wie es einmal aussehen soll: gelb und orange und prächtig, für eine Göttin gemacht. Denn Amaterasu soll so wunderschön sein, dass am Tage jeder andere Stern in ihrer Nähe verblasst. Sie hat die komplette Himmelsweite für sich allein.

Eigentlich haben wir keinen Grund, Amaterasu anzubeten. Immerhin verkümmern wir ihretwegen in dieser Höhle, aber die Göttin steht für ein Leben an der Oberfläche. Oder besser gesagt, sie steht für das Leben an sich.

Vor unzähligen Zeiten wurden Himmel und Erde zwischen den beiden Geschwistern aufgeteilt. Den Himmel bekam Amaterasu und wurde damit zur Sonnengöttin, ihr stürmischer Bruder Susanoo erhielt die Erde. Susanoo war neidisch, weil seine Schwester es besser getroffen hatte, weswegen er wie ein trotziges Kind herumwütete, statt sich um sein Reich zu kümmern.

Es dauerte lange, bis er sich beruhigt hatte und beschloss, sich doch auf den Weg zur Erde zu machen. Vorher wollte er sich allerdings noch von seiner Schwester verabschieden. Zumindest hat Susanoo das behauptet. Die Sonnengöttin glaubte ihrem Bruder natürlich kein Wort. Sie war sich sicher, dass er ihr das Himmelsreich stehlen wollte, und rechnete fest mit einem Kampf. Also bereitete sie sich vor, veränderte sogar ihr Aussehen dafür in das eines Mannes.

Und sie sollte recht behalten. Kaum dass ihr Bruder in ihrer Nähe war, zerstörte er nicht nur Amaterasus Himmlische Reisfelder, sondern er schiss ihr auch noch auf den Reis, den sie gerade probieren wollte, und warf gehäutete Ratten in ihre Webhalle, was ihre Lieblingsdienerin zu Tode erschreckte.

Ich verstehe, warum Amaterasu ihrem Bruder das sehr übel genommen hat. Was ich nicht begreife, ist, wieso sie dann nicht gekämpft hat, wie sie es vorhatte. Stattdessen zog sie sich in eine Höhle zurück, worauf es überall stockfinster wurde.

Ohne die Sonne begann die Erde, langsam zu sterben, weswegen andere Götter verzweifelt versuchten, Amaterasu herauszulocken. Sie haben alles Mögliche angestellt. Gesungen, getanzt, sie beschenkt, ihr einen Spiegel vorgehalten, damit sie ihre Schönheit betrachten konnte. Wie auch immer. Irgendwann gelang es ihnen. Amaterasu hörte auf zu grollen und kam aus ihrer Höhle.

Erst schien damit alles gut zu sein, aber dann warf sie einen Blick auf die Erde und sah, dass ihr Bruder dort in der Zwischenzeit die Menschheit erschaffen hatte. Also ging der Streit weiter und weiter. Susanoo tobte und wütete und schickte Stürme über die Erde, bis sie beinahe vernichtet war.

Da reichte es der Sonnengöttin! Sie schickte ihren Enkel hinab, damit er ihrem Sturmbruder die Macht entriss. Die überlebenden Kinder ihres Bruders sammelte Amaterasu von allen Teilen der Erde und warf sie zusammen mit Reis und Wasser für die Ewigkeit in die Höhle, in der sie sich zuvor in ihrem Leid zurückgezogen hatte. Zu guter Letzt bat sie ihren Enkel, eigene, bessere Nachfahren zu erschaffen, woraufhin er einen Sohn zeugte. Sein Name war Jimmu. Er war nicht nur Amaterasus Urenkel, sondern wurde später auch der erste Himmlische Herrscher.

Seither müssen die Kinder Susanoos in der Dunkelheit der Höhle für dessen Taten büßen, während Amaterasus Kinder, also die Familie des jetzigen Kaisers Yamamoto, sich in ihrem Schein sonnen dürfen. Wenn wir zu Amaterasu beten, dann sicher nicht aus Dankbarkeit über unser beschissenes Leben, sondern um sie anzuflehen, ihrem Bruder endlich zu vergeben und uns hinauszulassen.

»Sie sieht immer hübscher aus.«

Ich zucke, noch ganz in Gedanken, zusammen. »Rebecca!«

»Ich wollte dich nicht erschrecken«, flüstert sie und kauert sich neben mich. Gemeinsam betrachten wir das Mosaik. Nach einer Weile fragt Rebecca: »Meinst du, sie wird mich wirklich da oben leben lassen? Ich meine, wegen Susanoo und so …«

»Weiß nicht«, antworte ich ehrlich, obwohl ich mit meinen Gedanken lieber alleine wäre. »Ich wüsste nicht, wieso sie ihm oder uns plötzlich verziehen haben sollte.«

»Aber die Gardisten … Das sind doch Susanoos, wie wir, und die dürfen trotzdem unter Amaterasu leben.«

Da hat sie recht. Ich setze mich so, dass ich in Rebeccas Gesicht sehen kann. »Was haben die beiden noch gesagt?«

»Nichts.«

»Nichts?«

»Sag ich doch.«

Das begreife ich nicht. »Die müssen dir doch erzählt haben, was sie mit dir vorhaben.«

Rebecca schüttelt den Kopf. »Nur was von einer Blüte oder so.«

»Was für eine Blüte?«

»Keine Ahnung, ’ne Blüte eben. Die auf der Karte, schätze ich. Der eine hat gemeint, wenn ich jetzt noch schlau wär, könnte ich eine Blüte werden.«

»Und du hast nicht gefragt, was er damit meint?«

»Nein, verdammt!«

»Aber Feuerkopf hat dich festgehalten, als ich –«

»Nicht um zu reden«, fällt Rebecca mir ins Wort.

»Oh!« Natürlich … ihren Körper zu verkaufen, ist Rebeccas Job, nur dachte ich nicht, dass einer von der Oberfläche sich mit einer von uns einlassen würde.

»Ich nenne ihn Fußi«, meint sie, schon wieder versöhnt. »Und rate, warum.«

Ich schüttele den Kopf. Mir ist nicht nach Raten.

»Er steht auf meine Füße, sagt, es wären die schönsten, die er je gesehen hat.« Grinsend wackelt sie mit ihren nackten, dreckigen Zehen. »Auf jeden Fall ist er ganz verrückt nach ihnen. Will immerzu daran saugen und ich muss Fußi dann befehlen, doller zu machen.«

Abwehrend hebe ich die Hand. »Das will ich mir gar nicht vorstellen.«

»Pass auf, das ist noch nicht alles«, erzählt Rebecca trotzdem. Dabei sieht sie mich an, als würde sie gleich einen Kupfertank in die Luft fliegen lassen.

Ein Teil von mir will nur seine Ruhe haben, nicht mehr reden, nur endlich die Augen schließen, um sich, wie jeden Abend, ein Leben unter der Sonne zu erträumen. Raus aus dieser Enge, dieser ewigen Düsternis, dem Gestank sterbender Menschen und den unvorstellbar weiten Himmel sehen! Er soll so groß sein wie … wie … ich weiß es nicht, aber in meinem Kopf ist er überall, wohin ich auch schaue. Ich kann mich frei bewegen, habe dank der Sonnengöttin genug zu essen und werde niemals an der beschissenen Knochenfresser-Krankheit eingehen.