Verlag: Pendragon Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2009

Samstags, wenn Krieg ist E-Book

Klaus-Peter Wolf

4.61111111111111 (18)

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E-Book-Beschreibung Samstags, wenn Krieg ist - Klaus-Peter Wolf

Die Ichtenhagener Ultras sind voll auf Hass. Die Gruppe um Anführer Wolf Kleinhaupt ist gewaltbereit und skrupellos. In der verschlafenen Kleinstadt mischen sie Partys auf, schänden einen jüdischen Friedhof und verbreiten Angst und Schrecken. Als die Schwester eines Mitgliedes der Ultras ermordet wird, schwören die Neonazis Rache. Der vermeintlich Schuldige ist schnell ausgemacht: Gino, der Sohn des italienischen Pizzeriabesitzers. Eine erbarmungslose Hetzjagd beginnt. Mit diesem Szenario eskalierender Gewalt beschreibt Klaus-Peter Wolf authentisch, wie der Aufbau von Terrorgruppen funktioniert – und offenbart dabei, dass die Arbeit mit V-Leuten in der rechten Szene die Täter eher schützt, anstatt sie zu entlarven. Eine akribisch recherchierte Geschichte über junge Neonazis. Hart. Verstörend. Hochaktuell.

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E-Book-Leseprobe Samstags, wenn Krieg ist - Klaus-Peter Wolf

Klaus-Peter Wolf · Samstags, wenn Krieg ist

Ohne den moralischen Zeigefinger zu heben, erzählt Wolf von Hass und Gewalt in einer deutschen Provinzstadt. In der Woche gehen die jungen Männer ihren normalen Berufen nach, aber „Samstags, wenn Krieg ist“, planen sie den großen Big Bang ... Als ein Mord passiert, steht Kommissarin Vera Bilewski vor einem Rätsel: Viele falsche Spuren und eine Gruppe junger Männer, für die Randale der Sinn ihres Lebens ist.

Verfilmt von Roland Suso Richter mit Heino Ferch und Angelica Domröse in den Hauptrollen.

Klaus-Peter Wolf, geboren 1954 in Gelsenkirchen lebt heute in Ostfriesland. Er schreibt Kriminalromane und Psychothriller und auch Kinderbücher. Seine Werke wurden in 24 Sprachen übersetzt und mehr als acht Millionen mal verkauft. Seine Bücher und Filme wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet, u.a. Anne-Frank-Preis (Amsterdam), Magnolia Award (Shanghai), Rocky Award (Banff, Kanada), Erich-Kästner-Preis (Berlin). Zuletzt erschienen: „Ostfriesenkiller“, „Ostfriesenblut“ und „Ostfriesengrab“.

Mehr über den Autor erfahren Sie auf der Homepage: www.klauspeterwolf.de

Klaus-Peter Wolf

Samstags, wenn Krieg ist

Mit einem Nachwort über die seltsamen Erfahrungen mit Buch und Film von

Je mehr ein Konflikt sich zuspitzt, um so größer werden die strittigen Themen vereinfacht. Am Ende geht es nur noch um Gut oder Böse. Wer tötet wen? Der Krieg beginnt damit, dass wir aufhören, in jedem Einzelnen das Individuum zu sehen

1

Er hat lange genug im Dunkeln gestanden und zugesehen. Es wird Zeit, ins Licht zu treten.

Die anderen werden schon unruhig, halten es hinterm Gartenzaun nicht länger aus. Sie wollen endlich ran ans Bier und ans kalte Buffet. Sie wollen ihre Musik auflegen. Den Rhythmus verändern. Sofort.

„Schlimme Lieder. Böse Texte. Ja, so soll es sein“, summt er. Wie eine Tonbandspule, die sich immer wiederholt, kreist heute dieser Song von den Böhsen Onkelz in seinem Kopf.

„Los!“ drängt Siggi. „Übernehmen wir die Fete.“

Aber Wolf deutet an, dass sie noch warten sollen. Nur einen Moment. Er entscheidet, wann es losgeht.

Er genießt die Vorfreude.

Wie aufgeblasen diese Typen herumlaufen. Wie sie balzen. Sich wichtig tun.

„Nach Ibiza kann man ja wirklich nicht mehr fahren. Diese überfüllten Strände.“

„Wir haben das Haus jetzt renovieren lassen. Das alte Fachwerk ist geblieben. Aber Doppelglasscheiben. Fußbodenheizung.“

Sie haben sich fein eingerichtet mit ihren dreizehn Monatsgehältern. Ihren Lebensversicherungen und Eigenheimen. Für Typen wie uns ist kein Platz in ihrer beschissenen Demokratie. Die Party läuft ohne uns. Aber wir sind da. Man kann uns nicht wegdiskutieren. Wir lassen uns nicht besoffenreden.

Er weiß genau, was gleich passieren wird, wenn er aus dem Gebüsch kommt, über den Gartenzaun steigt und wie selbstverständlich auf das kalte Buffet zugeht. Wie ein geladener Gast.

Sie werden zunächst so tun, als ob sie ihn nicht sähen. Das machen sie immer so. Das haben sie so gelernt, Probleme erst mal zu ignorieren. Vielleicht wird es ja nicht so schlimm werden. Vielleicht wird es bald vorüber sein, einen anderen treffen.

Von denen steht keiner so einfach ein für seine Sache. Oh nein, Fäuste hoch und Mann gegen Mann, das kennen die nur aus Filmen.

Sie werden ihm den Weg freimachen. Eine richtige Schneise wird sich im Garten bilden, bis zum Buffet. Er wird um sich herum immer mindestens zwei Meter Platz haben. Alle werden woandershin schauen. Er wird versuchen, ihnen in die Augen zu sehen. Es gelingt nur sehr selten. Bei den Frauen öfter als bei den Männern. Die Männer fürchten die Herausforderung zum Duell. Sie haben doch bisher in ihren Büros gelebt, als ob es so etwas nicht mehr gäbe.

Manchmal, in den seltenen Momenten, wenn er Blickkontakt bekommt, dann genießt er ihr unterwürfiges Lächeln. Sie wollen ihn dazu bringen, zurückzulächeln. Ihn für sich einnehmen. Soll er sich doch ruhig ein paar Würstchen nehmen. Und bitte, hier noch vom Lachs oder den Räucherforellen.

Sie wollen keinen Ärger, das ist alles. Ein paar Flaschen Bier. Bitte. Hauptsache, wir haben dann wieder unsere Ruhe und alles bleibt friedlich.

Manchmal versucht ein ganz Mutiger, ihm ein Gespräch aufzudrängen, so in die Richtung: Ich habe ja Verständnis für die Jugend. Ganz vorurteilsfrei, versteht sich. Er sei früher nämlich auch ganz ausgeflippt herumgelaufen. Also, keine Glatze, ha, ha, ha. Eher schon das Gegenteil: lange Haare bis hierhin. Ja. Wirklich wahr. Sehe man ihm heute nicht mehr an. Joints habe er geraucht! Das sei natürlich zwanzig Jahre her.

Er bietet Bier an und eine Zigarette und während Wolf schweigend zuhört und alles nimmt, kapiert der andere immer noch nicht: Es hat keinen Zweck. Wir sind nicht zu überzeugen. Nicht zu gewinnen. Wir werden dir alles wegnehmen, wenn du nicht kämpfst. Alles. Deine Party wird unsere Party. Deine Gäste werden gehen. Unsere kommen. Ich bin nicht allein. Siehst du. Da sind die anderen.

Hast du noch mehr Bier im Haus? Aber klar. Wussten wir doch, dass du großzügig bist. Jetzt spielst du unsere Musik. Aber sicher, gerne. Du bist doch offen für alles Neue. Schade, dass so viele deiner Gäste gerade jetzt gehen müssen. Aber so ist das eben. Kaum wird’s gemütlich, hauen alle ab. Keine Angst. Wir bleiben.

Bevor wir gehen, werden wir dir alles nehmen. Deine Ehre. Deine Illusionen. Und am Ende deine Frau.

Ja, die Frauen gehören dem Sieger. Glaub es mir. Das ist auch bei den Tieren so. Der stärkste Löwe bekommt alle Weibchen.

Ja, das ist tief drin in den Weibern. Die haben das im Blut. Tu nicht so, als ob du es nicht wüsstest. Du hast es immer gewusst. Du hast nur versucht, es zu vergessen.

Und wenn wir dir alles genommen haben, dann kotzen wir in dein Wohnzimmer.

Ach nein, da verabschiedet sich der Herr Ingenieur auch schon, und das nette Lehrerehepaar.

Klar, ruf ruhig die Polizei. Die werden dir nicht helfen. Du hast uns doch eingeladen. Du hast unsere Musik aufgelegt. Du hast uns Bier und Brote aufgedrängt und über unsere Scherze gelacht. Wir haben niemandem etwas getan. Wir sind einfach nur da, mit unserer Entschlossenheit.

Das kannst du nicht ertragen, weil du keine Kampfbereitschaft in dir hast. Das ist es. Und deshalb werden wir alles bekommen. Kampflos. Du wirst es sehen.

Beim letzten Mal hat so eine alternative Tussi versucht, ihn vollzulabern. Richtig angebaggert hat sie ihn. Ob er das nötig hätte, mit diesen Männlichkeitssymbolen. Sie redete und redete.

Je nervöser sie werden, um so schneller schießen sie ihre Sätze ab, er kennt das. Am Ende will sie mit einem wie ihm nur zu gerne mal ins Bett. Der Tiger auf der Matratze ist ihr nämlich eine willkommene Abwechslung.

Sie hat diese Gefühle, und sie fürchtet sich davor. Sie lässt es nie raus. Aber dass der Softie, neben dem sie seit Jahren schläft, in Wirklichkeit nur ein Langweiler ist, das weiß sie, wenn sie ihn sieht: Wolf, den Söldner.

Also gut. Es kann losgehen. Er gibt den anderen ein Zeichen. Sie sollen noch warten, denn er liebt diese Soloauftritte. Als er über den Gartenzaun steigt, spürt er eine Erektion. Bei jedem Schritt reibt die Unterhose an seinem steifen Glied.

Alles geschieht, wie er es vorausgesehen hat. Nichts Neues. Der Hausherr tut, als hätte er ihn sowieso eingeladen.

Jetzt kommen die anderen. Langsam treten sie aus dem Schatten hervor. Wie lebende Tote. Gerade den Gräbern entsprungen. Zombies.

Der Hausherr versucht, sich freizukaufen. Immerhin. Ein mutiger Schritt. Mit hundert Euro, einem Kasten Bier und einem guten Anteil vom kalten Buffet.

„Hier, Jungens, nehmt das. Davon könnt ihr euch noch woanders einen trinken. Ihr müsst das verstehen, hier geht es heute wirklich nicht. Also, ich habe nichts gegen euch und eure Musik. Aber … Nun nehmt schon das Bier und amüsiert euch woanders.“

„Was macht denn der Nigger da auf einer deutschen Party?“, fragt Wolf.

Der Hausherr schluckt, versucht zu lachen, als hätte Wolf einen Witz gemacht. Hat Wolf aber nicht.

„Ach, der. Das ist der Chefarzt der Chirurgie vom Marienhospital.“

Siggi tritt neugierig hinzu.

„Ist der Arzt?“

„Ja. Arzt. Genau.“

„Und? Ist hier jemand krank?“, zischt Siggi.

Der Hausherr windet sich. Er will den Schwarzen nicht rauswerfen. Aber er will auch keinen Ärger.

Man kann nicht alles haben.

Siggi spielt dem Opa am Schlips. Blaue Seide mit roten Punkten. Der Schlips war teurer als alle Klamotten, die Siggi am Körper trägt. Bis auf die Schuhe. Siggis Ein und Alles. Die haben ein Vermögen gekostet. Sechzehn Loch.

An Siggis Fingern klebt noch der Senf. Er wischt sie an dem Schlips ab, und das Arschloch lächelt auch noch.

Einmal, denkt Siggi, einmal möchte ich es erleben, dass einer von euch brüllt: Bis hierher und nicht weiter! Schluss! Aus! Hört sofort auf, oder ich polier euch die Fresse!

Warum tut ihr das nicht? Warum lasst ihr uns machen?

2

Yogi legt den Kopf schräg und lauscht. Er hört die Geräusche. Sie kommen vom Friedhof oder vom Wald. Er weiß es nicht genau. Aber sie sind echt. Wirklich da. Nicht nur in seinem Kopf.

Yogis rechter Fuß zittert. Der Fuß zittert immer, wenn Yogi nicht so genau Bescheid weiß. Der Fuß sagt es ihm. Das Zittern wird mit der Unsicherheit stärker.

Jetzt wackelt schon sein Knie. Wenn er seinen Bruder nicht bald findet, wird sein ganzer Körper zittern.

Er versucht, seine Schultern festzuhalten. Siggi mag es nicht, wenn er solche Verrenkungen macht.

„Steh nicht da wie Pik Sieben!“, schimpft Siggi dann.

Yogi weiß, was Pik Sieben ist. Eine Spielkarte. Früher hat er oft Karten gespielt. Mit Siggi, mit Papa, und da waren noch andere. Wie hießen die? Er hat ihre Namen vergessen. Aber das Spiel hieß Skat. Ja, er weiß es wieder.

„Skat! Skat! Skat!“, will er rufen. Aber es hört sich an wie „Schad! Schad! Schad!“

Yogi wischt sich Speichel vom Kinn. Wenn er redet, spuckt er. Besonders mit vollem Mund darf er nicht reden und auch nicht lachen. Er beschlabbert dann sein Hemd.

Den Schnodder an seiner Nase bemerkt er nie. Manchmal vergisst er, dass er eine Nase hat. Siggi putzt ihm oft den grünen Schleim ab. „Bah!“, sagt Siggi dann, oder: „Der leckt schon wieder seine eigene Rotze.“

Siggi meint das nicht böse. Siggi ist lieb. Meistens. Auch wenn er Yogi nicht mehr gerne beim Kartenspielen mitmachen lässt.

Die Zeichen auf den Karten sind für Siggi sehr wichtig. Er schaut sie immer ganz genau an. Aber es macht ihm nicht wirklich Spaß, die Karten auf den Tisch zu werfen. Eine nach der anderen. Oder alle auf einmal. Kartenschnee. Schneekarten. Schlitten-As. Pik Sieben.

Yogi lehnt sich gegen die Friedhofsmauer. Seine Jacke schabt an den Steinen vorbei. Er fühlt sich wie ein Zug auf den Schienen. Die Mauer leitet ihn. Sie hält ihn. Führt ihn hin. Er drückt sich dagegen, während die Beine ihn vorwärts schieben.

Dann erreicht er das schmiedeeiserne Tor. Er umklammert die Stäbe wie ein Gefangener. Er drückt sein Gesicht zwischen die Stangen. Er lacht. Es ist so schön kühl an den Wangen.

Sie sind da. Im fahlen Licht einer entfernten Straßenlaterne kann Yogi die Gesichter nur schemenhaft erkennen. Ein Geistertanz mit Glatzen, auf denen sich das Mondlicht spiegelt.

Siggi zündet ein Feuer an.

„Ah“, macht Yogi. Jetzt sieht er mehr.

Wolf schwingt den Vorschlaghammer. Der Grabstein splittert auseinander. Und schon der nächste.

Wolf zielt immer genau auf die Sterne. Wolf ist stark. Er hechelt wie der kleine Hund, den Yogi einst hatte. Der mit dem weichen Fell. Der leider überfahren wurde.

Peter sprüht auf die Friedhofsmauer:

Hier liegen alles nur Schweine

6 Millionen Lügen

Heil Hitler

Dann mit großen Buchstaben: PLO.

„Äi, du Arsch! Hast du sie nicht mehr alle, oder was?“, brüllt Wolf.

Peter steht einen Moment starr. Er weiß nicht, was er falsch gemacht hat. Doch er fürchtet Wolfs Wut.

Wolf hält den Hammer, als wäre er sein dritter Arm. Angewachsen. Eine stählerne Verlängerung.

„Wieso, was ist denn?“

Wolf lässt den Hammer sinken und zeigt auf die frischen Buchstaben.

Siggi tritt hinzu.

Peter lacht listig: „Das ist eine Täuschung. Ein Trick. Sie werden glauben, dass die Araber es waren.“

Jetzt wirkt Wolf, als würde er am liebsten mit dem Hammer einen Scheitel auf Peters Kopf ziehen. Peters Haare sind ihm sowieso zu lang. Pennerfrisur.

Aber Wolf lässt den Hammer unten. Er schlägt mit links ansatzlos gegen Peters Stirn.

„Was glaubst du, warum wir das hier machen?“, faucht er.

Peter wackelt, weich wie eine angestochene Gummipuppe. Er kennt den Tonfall der Frage. Er hasst Fragen. Mit Fragen hat er so seine Erfahrungen. Nie hat ihn jemand etwas wirklich gefragt. Wer etwas wissen will, fragt nicht. Nicht ihn. Wer ihn fragt, will nur vorführen, was Peter nicht weiß. Peter, der Idiot. Peter, der Nichtskönner. Keine Ahnung von nichts. Mit jeder Frage mühelos bloßzustellen.

Jetzt kommen auch noch die anderen Kameraden.

„Was ist denn los?“

„Der Idiot hat PLO an die Mauer gesprüht!“, schimpft Siggi. Er lässt die Worte verächtlich fallen, wie schimmlig gewordenes Obst. Fleisch mit Maden.

„Ich … ich wollte … eine falsche Fährte legen!“, stammelt Peter. Sein Blick ist ein Heischen nach Anerkennung. Ein Flehen um Verzeihung.

„Ich habe dich was gefragt! Warum, glaubst du, tun wir das?“

Der Ton ist lauernd. Ein falsches Wort, und der zermatscht mir das Gesicht, denkt Peter. Ich hab nur die Spraydose.

„Na, weil … weil wir es den Judensäuen zeigen wollen.“

Er sieht sich um. Eisige Gesichter.

„Weil … ja. Wir müssen ein Fanal setzen.“

Wolf lässt den Hammer fallen. Packt Peter und drückt ihn gegen die Mauer. „Wir sind die Ichtenhagener Ultras. Die Retter Doitschlands! Es wird Zeit, dass die Welt etwas von uns erfährt! Uns kennt noch niemand. Aber dieses Ding hier wird uns berühmt machen. Die Kameraden sollen nicht mehr sagen: Ichtenhagen? Das ist doch der Pickel vom Arsch der Welt.“

Wolf schaut in die Gesichter der anderen. Seine Augen glänzen. Er wird ihnen zurückgeben, was ihnen in den zermürbenden Jahren der Jugend genommen wurde: ihren Stolz.

„Ah, seht nur, wird man sagen. Da sind die Froinde aus Ichtenhagen. Die Ultras. Die Härtesten der Harten. Die Radikalsten der Radikalen. Ichtenhagen – dieser Name wird Glanz bekommen.“

Für solche Worte lieben sie ihn. Er weiß es. Er braucht Männer, die bereit sind, sich für ihn in Stücke reißen zu lassen.

Er ballt seine Fäuste, seine Muskeln werden hart.

„Niemand soll sagen, das hier waren die Kameltreiber. Nein! Wir waren das.“

„Hauptsache Randale“, sagt Dieter. Mehr sagt er selten.

„Man wird ganz schön sauer auf uns ein“, gibt Siggi zu bedenken, und gleich tun seine Worte ihm leid.

„Sauer?“, schreit Wolf. „Sauer? Ja, bestimmt! Die Juden. Die Ausländerschweine und die linken Zecken. Aber die anderen. Die richtigen Doitschen. Die jetzt noch brav schweigen und die Faust in der Tasche ballen. Die werden sagen: Solange es noch solche Kerle gibt, ist Doitschland nicht verloren. Nicht verraten und verkauft.“

Siggi will seine Bemerkung ungeschehen machen. Er nimmt den Benzinkanister und malt mit der Flüssigkeit ein großes Hakenkreuz auf den Rasen, dort, wo die Sitzbank steht. Es wird krumm und schief. Aber alle können es erkennen.

Seine Schuhe werden feucht. Scheiße. Ausgerechnet.

Siggi reißt ein Streichholz an, hält es hoch wie eine Fackel und will es in die Benzinpfütze werfen. Da weht der Wind das Hölzchen aus.

Er versucht es noch einmal. Wieder nichts.

Von dem kleinen Lagerfeuer am anderen Ende des Friedhofs holt er brennende Äste. Jetzt klappt es. Das Feuer scheint aus der Erde hochzuzüngeln. Blaue, helle Flammen. Blut und Boden.

Es frisst sich durchs Gras. Die grünen Fasern bäumen sich auf wie kleine Leiber. Dann brennt das Hakenkreuz vollständig. Endlich.

Fast andächtig schauen sie zu. Es ist, als würde Marschmusik erklingen. Irgendwie erhaben.

Da hören sie vom Eisentor Yogis hysterisches Lachen.

Siggi weiß sofort, wer es ist, aber Wolf zuckt zusammen, greift den Hammer.

Dieter fasst in seine Jackentasche. „Die Scheißpunks!“

Sie haben ihm schon zwei Zähne rausgehauen. Aber diesmal ist er nicht allein. Jetzt sollen sie ruhig kommen.

Siggi rennt zum Tor. Wolf hinterher, den Hammer schlagbereit.

„Yogi, was machst du denn hier? Ich habe dir doch gesagt, du sollst zuhause bleiben!“

Yogi streckt durch die Gitterstäbe die Hände nach seinem Bruder aus. An einem Nasenloch hat sich eine dicke Blase gebildet. Sie droht zu platzen, so schnell atmet Yogi. Schon hat Siggi ein Taschentuch in der Hand und wischt Yogi die Nase ab.

Wolf macht Siggi an. Wolf ist geladen wie eine Handgranate.

„Kannst du deinen dämlichen Bruder nicht an die Kette legen? Der verrät uns ja noch alle! Bring lieber deine Schwester mit.“

„Renate macht, was sie will. Du weißt doch, wie sie ist.“

„Ja!“, bläfft Wolf, und es klingt wie ein Fluch. Er hebt die Faust gegen Yogi. Es ist kein Angriff. Nur eine Drohgebärde.

Yogi tritt vom Tor zurück. Sein Gesicht verfinstert sich. Er versteht die Worte nicht, aber sie machen ihm Angst.

„Lass ihn“, sagt Siggi. „Der ist doch harmlos.“

„Und wenn ihm jemand gefolgt ist? Zum Beispiel deine Alten?“, zischt Wolf.

„Ach.“

„Ach? Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?“

Voller Wut donnert Wolf den Hammer auf den nächsten Grabstein. Der zerbricht nicht. Es bröckelt nur eine Ecke ab.

„Abflug!“, kommandiert Wolf. Er hat nicht vor, diesen Sieg in eine Niederlage umkippen zu lassen.

Sie haben eine Fete übernommen, sich vollaufen lassen und allen Angst gemacht. Sie haben diesen Friedhof verwüstet. Das reicht für heute. Wo ist schon mehr los? Soll sich ja keiner beschweren. Solange er das Sagen hat, läuft auch etwas.

Yogi rennt weg. Wolf stößt das Tor auf.

Siggi zögert einen Moment. Soll er seinem Bruder nach oder mit seinen Kameraden …

Wolf nimmt ihm die Entscheidung ab. Er zieht ihn mit sich.

Oben am Hügel, wo die ersten Einfamilienhäuser stehen, drehen sie sich um. Von hier aus kann man das brennende Hakenkreuz sehen.

Wolf atmet tief. „Morgen“, so prophezeit er, „wird nichts mehr sein, wie es war.“

Es darf einfach nichts mehr so sein, nach dieser Tat. Er fühlt sich großartig. Das Gefühl schwappt auf alle über, wie eine euphorische Energie, die sie alle durchströmt und stark macht und stolz. Sie können es auf der Haut spüren. Es kribbelt. Besonders am Rücken, zwischen den Schulterblättern.

Diese Nacht ist noch lange nicht zu Ende. Es wird die erste wirklich triumphale Nacht seines Lebens werden, das ahnt Wolf. Schade, dass Renate ihn so nicht sehen kann.

Renate …

3

Willi, von den „Froinden“ Wotan genannt, hat einen Raum für die Ichtenhagener Ultras reserviert. Er trennt die Skins gerne von den übrigen Gästen. So gibt es keinen Ärger.

Probleme mit den Jungens hat er noch nie gehabt. Und sie sorgen dafür, dass sich die Alternativen hier nicht blicken lassen. Die Autonomen. Die Punks. Die Ökos und die Schicki-Micki-Linken.

Manchmal gesellen sich die Kameraden an der Theke zu Alfred oder Karl. Die Jungens hören gerne zu, wenn die Alten von damals erzählen.

„Es war nicht alles schlecht unter Hitler, lasst euch das nur nicht weismachen. Vieles war besser als heute. Man konnte sich nachts alleine auf die Straße trauen. Da wurde keine Frau belästigt. Es herrschte Ordnung und Disziplin. Die Irren saßen hinter Gittern, wo sie hingehören. Die Türken waren in der Türkei. Und die Juden so klein mit Hut.“

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