Sanctuary – Letzte Zuflucht - Andreas Kammel - E-Book

Sanctuary – Letzte Zuflucht E-Book

Andreas Kammel

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Beschreibung

Zwei mysteriöse Ereignisse erschüttern die Welt: Mitten in Tansania breitet sich rasend schnell eine kilometerhohe Barriere aus, eine tiefschwarze Wand, die alles verschluckt, was sich ihr in den Weg stellt. Gleichzeitig entsteht im Pazifik ein neuer, üppig bewachsener Kontinent. Der Lehrer Christopher hat die Geburt der Wand hautnah miterlebt. Während er nun gemeinsam mit seiner Ex-Freundin Max und dem Waisenmädchen Mtoto vor der Schwärze flieht, arbeitet die US-Beamtin Catherine Strive fieberhaft an der Erschließung der neuen Welt, immer fester davon überzeugt, dass einzig der neue Kontinent einem kleinen Kreis von Menschen Schutz bieten kann. Massive politische Umwälzungen stellen dabei ihre Entschlossenheit auf eine harte Probe – bis sie erkennt, dass sie die Menschheit nur retten kann, wenn sie dafür ihre eigene Menschlichkeit aufs Spiel setzt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1115

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Andreas Kammel

Sanctuary – Letzte Zuflucht

Thriller

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Wettlauf gegen die Wand

 

In Afrika breitet sich eine dunkle Barriere aus, die alles und jeden verschlingt. Für Christopher, seine Ex-Freundin Max und die kleine Mtoto, die ersten Augenzeugen der »Wand«, beginnt eine dramatische Flucht in Richtung USA.

Dort arbeitet die Regierungsbeamtin Catherine wie besessen daran, einen neuen, mitten im Pazifik entstandenen Kontinent für ihr Land zu erschließen. Während die Öffentlichkeit noch hingehalten wird, ist sie fest davon überzeugt, dass einzig dieser den Menschen Hoffnung bieten kann.

Ein erbitterter Kampf entbrennt: Um die verbliebenen Ressourcen, um die Wahrheit …

Inhaltsübersicht

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Karte

Dankesworte

Kapitel 1

Christopher starrte auf die fußballgroße, schwarze Kugel, die ein paar Handbreit über dem Abhang schwebte, so, als sei dies das Normalste auf der Welt. Feine Rillen durchzogen ihre Oberfläche und ließen sie im Halbschatten der Mangobäume glitzern. Der Wind frischte auf. Er zeichnete Muster in das hohe Gras der Savanne, doch die Kugel stand noch immer regungslos in der Luft.

Christophers Augenbrauen zogen sich zusammen. Ihm schien es, als wollte ihn an diesem Sonntag die ganze Welt verhöhnen. Widerwillig nur war er Mtoto gefolgt, als das Mädchen vor ein paar Minuten an die Tür seiner Basthütte gehämmert und atemlos von einer schwebenden Kugel berichtet hatte. Christopher hatte das natürlich für Unfug gehalten. Doch da Mtoto eine seiner besten Schülerinnen war, konnte er schlecht nein sagen, selbst wenn der Zeitpunkt ungünstig war. Seine Freundin Max und er hatten sich ein paar vielsagende Blicke zugeworfen, waren Mtoto dann aber in die grelle Nachmittagssonne gefolgt.

Das Mädchen hatte sie aus dem Dorf geführt, vorbei an den Maisfeldern, hin zu einem lichten Mangohain, in dem sie oft mit ihrem Bruder spielte und an dessen Rand sich ein kleiner Bach tief in die Erde eingeschnitten hatte. Der letzte Regenguss hatte hier besonders kräftig gewütet. Die Blätter der Bäume glitzerten, zahlreiche Pfützen sprenkelten den rostroten Boden. In einer von ihnen trieb achtlos der kleine Stoffball, mit dem die Kinder wohl eben noch gespielt hatten.

Ein paar Meter weiter, am Bach, war es zu einem Erdrutsch gekommen. Eine Halde aus Lehmbrocken staute das Schlammwasser hüfthoch auf und hinterließ am Steilufer ein Loch von der Größe eines Kleinwagens. Und just dort schwebte nun diese Kugel, völlig bewegungslos, als wäre sie im Boden vergraben gewesen, bloß darauf wartend, endlich freigelegt zu werden.

 

Zu viert standen sie an der Abbruchkante: Christopher, Max, Mtoto und ihr Bruder, neun und vierzehn die beiden, jeweils mit einem Azonto, einem neumodischen Mix aus Afro und Rastalocken, der bei Mtoto halb unter einer giftgrünen Baseballkappe verschwand. Sie alle starrten auf das Ding unter ihnen.

Christopher empfand die absolute Ruhe der Kugel als verstörend. Unnatürlich. Beängstigend. Als wollte sie ihn damit provozieren – und sich nebenbei mal eben über die Grundgesetze der Physik lustig machen. Nichts auf der Welt konnte so ruhig in der Luft stehen, erst recht nicht bei diesem Wind. Und dennoch schwebte dieses Ding hier vor ihnen. Vielleicht wurde es ja von hauchdünnen Fäden an Ort und Stelle gehalten? Christopher kniff die Augen zusammen. Er konnte keine erkennen. Er tastete über der Kugel in der Luft herum, stets darauf bedacht, ihr nicht zu nahe zu kommen. Nichts. Oder hatte es etwas mit Magneten zu tun?

Er fragte sich, woher die Kugel überhaupt gekommen war, ausgerechnet hier, im Nirgendwo Südosttansanias.

Aus den Augenwinkeln sah Christopher zu Max hinüber. Ihr brauner Pferdeschwanz wippte hin und her, als sie den Kopf schüttelte, fast unmerklich zunächst, dann immer schneller. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen.

»Na, sieh mal einer an«, sagte sie an die beiden Kinder gewandt. »Ihr zwei hattet recht. Das ist tatsächlich eine beeindruckende Entdeckung.«

Christopher war sprachlos. Wie schaffte sie es nur, bei so etwas derart souverän zu bleiben? Zugleich war er von sich selbst überrascht, wie sehr er sie dafür bewunderte.

Mtoto sah empört zu Max hoch. »Natürlich hatten wir recht, Frau M’x.« Sie verschluckte das »ä« in der englischen Aussprache von »Max«, wie es viele Suaheli-Sprecher taten. »Wir würden Sie nie stören, außer es ist was ganz Wichtiges!«

Ihr Bruder beugte sich derweil etwas weiter über die Kante.

Max runzelte die Stirn. »Sei bitte vorsichtig, Kukinga.«

Christopher beobachtete Max eingehender. Sie war normalerweise ganz und gar nicht der Typ, der andere zur Vorsicht mahnte.

Ihre Worte zeigten Wirkung. Widerwillig machte der schlaksige Junge einen Schritt zurück und knabberte dann auf seiner Unterlippe herum, sichtlich bemüht, sein Temperament im Zaum zu halten. Mtoto gab ihm einen Kuss auf die Wange, als wolle sie ihn damit unterstützen. Kukinga ließ es geschehen – völlig untypisch für einen Jungen am Beginn der Pubertät, wie Christopher sie dutzendfach aus seinen Klassen kannte. Christopher wusste allerdings auch, dass die beiden eine besondere Historie hatten. Vor etwa einem Jahr, kurz bevor Max und er New York den Rücken gekehrt hatten, um an dieser kleinen Dorfschule im Herzen Afrikas einen Neuanfang zu wagen, hatten die beiden ihre Eltern verloren – Christophers und Max’ Vorgänger im Amt. Seitdem kümmerte sich Kukinga um Mtoto. Er war alles, was sie noch hatte. Und vielleicht war deshalb ihr Verhältnis so innig.

Max schien zu spüren, dass Christopher sie musterte. Sie sah in seine Richtung, doch als sich ihre Blicke trafen, senkte sie rasch den Kopf. Ihr Lächeln verschwand und wurde prompt durch ein anderes, künstliches ersetzt, das vor allem für die Kinder gedacht war, die Traurigkeit in ihren Augen aber nicht verbergen konnte. Christopher zuckte innerlich zusammen. Mit einem Schlag kam alles zurück, was die Kugel zwischenzeitlich verdrängt hatte.

»Herr Christopher?« Mtoto zerrte an einem Zipfel seiner Leinenhose und sah ihn dabei mit großen Augen an. »Was machen wir denn jetzt?«

Obwohl ihm nicht danach zumute war, musste Christopher lachen. Als ob er das wüsste!

Er strich mit Daumen und Zeigefinger durch seinen nicht vorhandenen Bart. »Wir gehen genauso vor, wie ich es euch in der Schule beigebracht habe«, sagte er schließlich mit gespielter Begeisterung. »Wir beobachten und dokumentieren die Kugel jetzt ganz exakt und schauen, ob wir so etwas über sie in Erfahrung bringen können.«

Kukinga stöhnte ein bisschen, aber Mtoto nickte eifrig. Der Anflug eines echten Lächelns huschte über Max’ Gesicht. Doch Christopher selbst war ganz und gar nicht wohl zumute. Er beäugte die Kugel. Für einen Moment glaubte er, die Rillen in ihrer Oberfläche pulsieren zu sehen. Christopher kniff die Augen zusammen. Nein, es musste Einbildung gewesen sein. Da war nichts.

Er stemmte seine Hände in die Hüften und schaute zu den beiden Kindern herab. »Noch wissen wir nicht, was es ist. Es könnte giftig sein oder vielleicht so etwas wie eine Mine! Das heißt, ihr werdet das Ding auf gar keinen Fall berühren, versprochen?«

»Versprochen«, sagte Mtoto.

Kukinga sah nicht zu ihm auf, aber auch er nickte.

Max berührte Mtoto leicht an der Schulter. »Komm, wir schauen mal, ob wir in den Lehmbrocken da unten noch andere merkwürdige Dinge finden.«

Max stieg über die Kante und versuchte, mit ihren Sandalen zwischen Erde und Gras etwas Halt zu finden. Mtoto sprang kichernd hinterher. Eine Hand am Abhang, rutschten und kletterten sie die paar Meter bis zu dem kleinen Stausee, der durch den Erdrutsch entstanden war.

Christopher wandte sich an Kukinga. »Und wir beide filmen die Kugel und dokumentieren damit unseren Fund.«

Kukinga rieb sich vor Aufregung die Hände. Christopher kramte nach seinem Smartphone und betätigte den Aufnahmeknopf der Videokamera. Doch als er die Linse auf die Kugel richtete, bemerkte er, dass Kukinga sich einen dünnen, knapp zwei Meter langen Ast geschnappt hatte – und diesen nun mit ausgestrecktem Arm waagerecht über die Kugel hielt, so nah, dass die Spitze des Astes nur ein paar Zentimeter über ihrer Oberfläche schwebte.

»Kukinga!«, rief Christopher.

Aber es war zu spät. Noch bevor die Spitze des Astes sie berührte, gerade in dem Moment, als das rote Aufnahmelicht der Kamera aufleuchtete, veränderte sich die Kugel. Ein gleißender Punkt aus purem Licht brach von innen durch ihre Oberfläche. Am Fuß des Abhangs japste Mtoto auf und verzerrte das Gesicht, als würde ihr die schiere Helligkeit bereits Schmerzen bereiten. Weitere Punkte, dann ganze kleine Bereiche der Kugel begannen zu schimmern und schließlich weiß zu glühen. Unter ständigem Pulsieren breiteten sich diese Flecken weiter aus, wurden kräftiger und vereinigten sich miteinander, so dass letztlich die gesamte Oberfläche blendend hell leuchtete. Innerhalb weniger Augenblicke floss diese Hülle aus purem Licht nun an der Kugel entlang nach unten und sammelte sich dort in einem einzigen Punkt, aus dem unter ohrenbetäubendem Zischen ein gleißender Lichtstrahl in den Boden raste. Sekundenbruchteile später schoss ein zweiter Lichtstrahl von unten aus der Erde hervor und in die Kugel zurück.

Kukinga schrie auf und ließ den Ast fallen. Alle vier machten einen Satz zurück.

Christopher blinzelte. Für einen kurzen Moment war ihm, als würde das Abbild der Welt vor seinen Augen flimmern, als wäre es überlagert von anderen Eindrücken, Bildern, die er nicht einmal ansatzweise identifizieren konnte. Dann kehrte seine normale Sicht zurück.

Die Kugel leuchtete noch einmal hell auf und verlor dann jegliche Textur. Kein Glänzen mehr, keine Spiegelungen, keinerlei erkennbare Oberfläche oder Tiefe. Christopher konnte sich nicht daran erinnern, jemals ein derart reines Schwarz gesehen zu haben. Als söge die Kugel alles Licht in sich auf, erschien sie nun aus jedem Blickwinkel wie eine absolut runde, unglaublich dunkle Scheibe.

Ihr einziger sichtbarer Makel war der Ast, dessen Ende nun wie der Schaft einer schwebenden Fackel in ihr steckte, fast horizontal und ohne jeden Bodenkontakt. Es war ein alberner Anblick: Der Ast war fünfmal so lang wie die Kugel und fast halb so breit, er sollte ihr eigentlich ein erhebliches Übergewicht verleihen. Und doch blieb er an Ort und Stelle.

Kukinga hatte sich als Erster von dem Schock erholt und griff nun nach dem Stück Holz. Trotz Mtotos Protest zog er daran, doch die Kugel gab keinen Millimeter des Astes frei. Erst als Kukinga ihn schob, bewegte er sich und drang tiefer in die Kugel ein, widerstandslos, ohne ein Geräusch, ohne ein Kräuseln ihrer Oberfläche oder sonst eine wahrnehmbare Reaktion. Mit offenem Mund beobachtete Christopher, wie der Ast einige Zentimeter weit in der Kugel verschwand, bis er sich auch in dieser Richtung nicht mehr bewegte – so, als sei er von innen an die andere Seite gestoßen. Nun zog der Junge wieder, doch abermals bewegte sich der Ast keinen Millimeter aus der Kugel heraus. Als hätte sie Widerhaken, als gäbe sie nichts mehr her, was sie einmal erwischt hatte.

Christopher reichte es. Etwas unsanft zog er den Jungen mit einem Arm von der Kugel fort und beäugte bang ihre neue Erscheinungsform.

»Ich wollte den Ast doch überhaupt nicht reinstecken«, verteidigte sich Kukinga. »Nur schauen, was passiert, wenn er der Kugel nahe kommt.«

»Das hast du jedenfalls geschafft«, stöhnte Christopher.

Max und Mtoto kamen hinzu. Auch sie waren baff angesichts der vollkommenen Schwärze, in die sich die Kugel nun verwandelt hatte.

Um sie herum war es still geworden. Das übliche Geschrei der Vögel und das Gezirpe der Insekten waren verstummt. Auch von den Ziegen, die sonst die wenigen Grasbüschel im Halbschatten der Bäume klein hielten, war nichts zu hören. Nur der Wind raschelte durch die feuchten Blätter über ihnen und wehte einzelne warme Wassertropfen auf ihre Schultern.

Einer der Tropfen fiel auf die Kugel. Mühelos schien er in sie einzudringen – und doch kam er unten nicht mehr aus ihr heraus.

Max’ Augen weiteten sich. Christopher kannte diesen Blick.

»O nein«, sagte er, kaum hörbar. »Max, bitte …«

Doch sie ignorierte ihn. Mit einer Armbewegung wie beim Brustschwimmen schob sie die beiden Kinder ungeachtet derer Proteste hinter sich und machte einen langen Schritt auf die Kugel zu. Direkt an der Abbruchkante ließ sie sich auf alle viere nieder. Christopher folgte ihr, wenn auch zögernd. Erst beim Hinknien bemerkte er, dass er wie in Trance noch immer die Kamera auf die Kugel gerichtet hielt. Er schaltete die Aufnahme aus.

Beide lagen fast ausgestreckt auf dem Boden, nur noch auf ihre Ellbogen abgestützt, keinen halben Meter von der Kugel entfernt. Die Erde unter ihnen fühlte sich merkwürdig an. Dort, wo die Sonne den Lehm durch die lichten Baumkronen hindurch erreichte, hatte sich eine dünne, harte Kruste gebildet, bedeckt von dem allgegenwärtigen roten Staub der Savanne. Der Rest des Bodens war feucht und dampfte in der nachmittäglichen Schwüle. Noch immer hing der Geruch von Regen in der Luft und vermischte sich mit den Aromen von nasser Erde, halb verfaulten Mangos und den allgegenwärtigen Exkrementen der Ziegen. Christopher spürte, wie sich seine Hose mit Schlamm vollsog. Max erging es nicht anders – bloß, dass es ihr nichts auszumachen schien, mit beiden Beinen in einer stinkenden Pfütze zu liegen.

Ihr Brustkorb hob und senkte sich, schwerer als sonst. Sie kniff die Augen zusammen, um irgendetwas auf der Oberfläche der Kugel zu erkennen. Er widerstand dem Impuls, ihr eine Hand auf den Arm zu legen oder seine Schulter an ihre zu schmiegen.

»Was auch immer das ist«, sagte Max, die Stimme gesenkt, »wenn es uns verletzen wollte, hätte es bereits die Chance dazu gehabt.«

»Wir haben doch gar keine Ahnung, wozu es imstande ist.« Weil Max flüsterte, tat es Christopher auch. »Es könnte alles Mögliche sein.«

Max zuckte mit den Achseln. »Wir können es ja einfach mal fragen.« Sie schmunzelte und winkte dann der Kugel zu. »Hallo! Kannst du uns hören?«

Die Kugel reagierte nicht. Wahrscheinlich hatte auch Max nichts anderes von ihr erwartet, trotzdem jagte sie Christopher damit einen Riesenschrecken ein.

Er funkelte sie an. »Wir müssen vorsichtiger sein, solange wir nicht mehr über das Ding wissen.« Doch dann lächelte er wieder, bemüht, Geborgenheit auszustrahlen. »Bitte, lass in Zukunft mich vorgehen, okay?«

Max sah zu ihm hinüber, die Augen zu Schlitzen verengt. »Du mit deinem selbstgefälligen Grinsen! Du hast heute Morgen auch gar nichts verstanden, oder? Ich brauche keinen Beschützer!«

Christopher wich ihrem Blick aus und fuhr sich ein paarmal durch das strubbelige, viel zu lang gewordene Haar. Angestrengt starrte er auf die Kugel, um nicht Max anschauen zu müssen. Aber je länger er das tat, desto mehr wurde sein Blick von dem merkwürdigen Gegenstand vereinnahmt, desto mehr verspürte er ein instinktives Bedürfnis, ihm näherzukommen. Unsinn. Warum sollte er das tun? Und doch … Er wollte die Kugel ja gar nicht berühren. Nur … ja, was? Sie näher verstehen? Eine gewisse Aura umgab sie schon, diese makellose Schwärze, die regungslos im Raum stand.

Wie in Trance schloss Christopher seine Augen. Ganz langsam bewegte er seine freie Hand nach vorn. Millimeter für Millimeter näherte er sich der Kugel. Und tatsächlich, er spürte etwas. Ein leichtes Vibrieren vielleicht? Oder ein Summen, ein tausendfaches … Flüstern? Es war so schwach, dass es genauso gut Einbildung sein konnte, aber es fesselte ihn, band ihn förmlich an die Kugel. Er versuchte, sich mit aller Kraft darauf zu konzentrieren, bis sich plötzlich etwas mit Gewalt um sein Handgelenk schloss. Christopher riss die Augen auf. Es war Max, die mit entsetztem Blick seinen Arm festhielt.

»Was zum Teufel soll das?«, blaffte sie ihn an.

»Ich …« Er stockte. Seine Hand war nur noch ein paar Zentimeter von der Kugel entfernt. Näher, als er gedacht hatte. Näher, als er ihr hatte kommen wollen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Christopher konzentrierte sich, sah weg, blinzelte, sah wieder hin. Zunächst dachte er, seine Augen würden ihm einen Streich spielen. Er blinzelte noch einmal, doch der Eindruck hatte ihn nicht getäuscht. Das Ding hatte sich bewegt!

Wie konnte er das übersehen haben? Die Kugel wurde größer. Ganz langsam, Millimeter für Millimeter, verschluckte sie den Ast, der in sie hineinragte.

»Das Ding wächst«, sagte Max.

Christopher sagte gar nichts, und doch rumorte es in ihm. Er war wütend, wütend auf die Kugel, darauf, dass sie überhaupt existierte, obwohl sie in seinem Weltbild nichts verloren hatte. Und wütend auf Max, weil sie mit dem unerklärlichen Auftreten dieser Kugel, von der er sich bloß verhöhnt fühlte, so viel besser klarkam als er selbst.

»Was ist passiert? Habt ihr was herausgefunden?« Die Kinderstimmen waren für Christophers Geschmack viel zu nahe an seinem Ohr, sprich, zu nahe an der Kugel.

»Geht bitte ein paar Schritte zurück. Was auch immer das Ding hier ist, es wird größer.«

Christopher und Max standen auf. Weitgehend erfolglos versuchten sie, den Schlamm und die Erde von sich abzuschütteln. Als sie es schließlich aufgaben, war die Kugel wieder merklich gewachsen. Nur noch wenige Zentimeter trennten sie vom Erdboden.

»Schau mal, Herr Christopher«, quietschte Mtoto. Ihr Blick sprang zwischen ihm und der Kugel hin und her. »Das Ding wird immer schneller.«

Christopher ging in die Knie, auf Augenhöhe zu Mtoto. Er versuchte, sein gewinnendstes Lächeln aufzusetzen. »Das kann sein. Aber weißt du was? Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.« Er nahm ihr die Baseballkappe vom Kopf, begutachtete das Logo, ohne es sich wirklich anzuschauen, wuschelte durch ihre wilden Locken und setzte ihr die Kappe wieder auf. »Wir kriegen schon noch raus, was es damit auf sich hat.«

Er warf unauffällig einen Blick zurück zur Kugel. In der Tat, das Ding schien sich ein kleines bisschen schneller auszudehnen als noch vor einer halben Minute.

Er wagte es nicht, Max anzusehen. Stattdessen blickte er leicht an ihr vorbei. »Pass bitte auf die Kinder auf, okay? Ich gebe im Dorf Bescheid, was hier los ist.« Christopher räusperte sich. »Wenn das überhaupt möglich ist.«

Dann reichte er Max sein Handy, noch immer bemüht, ihrem fragenden Blick auszuweichen, und joggte los.

 

»Was zum …?« Christopher traute seinen Augen kaum.

Schon auf dem staubigen Pfad an den Maisfeldern entlang, noch Hunderte Meter von Max und den Kindern entfernt, hatte er sich eingebildet, etwas Dunkles unter den Mangobäumen zu erkennen. Als er sich dem Hain näherte, eine Reihe von Leuten aus dem Dorf im Schlepptau, schlug dieser Eindruck in Gewissheit um. Keine zehn Minuten war er weg gewesen, doch die Kugel – die Hälfte von ihr, die noch aus dem Boden ragte – hatte sich in dieser Zeit enorm aufgebläht und wie eine gigantische Blase aus Pech Kukingas Ast längst vollständig verschluckt. Wie hoch mochte sie mittlerweile sein, acht Meter, zehn? Es fehlte nicht mehr viel, und ihre Kuppe würde bis an die ersten Zweige der Mangobäume heranreichen.

Max stand etwas abseits, die Kinder im Arm, und sah dem Treiben einfach nur zu. Neben der Blase wirkte sie noch kleiner als sonst. Christopher legte die letzten hundert Meter im Laufschritt zurück.

»Was ist passiert?«

»Nun, das Ding ist größer geworden«, sagte sie lakonisch. Vielleicht ließ sie sich nur aufgrund der Kinder nichts anmerken, aber besonders geschockt wirkte sie nicht. Besonders begeistert aber auch nicht.

Mtoto hingegen war ausgesprochen nervös. Sie zappelte und flutschte schließlich aus Max’ Griff, um auf Christopher zuzulaufen. »Herr Christopher, was tun wir denn jetzt?«

Christopher atmete tief aus. Wie sollte er das wissen?

»Ich fürchte, es gibt nicht viel, was wir tun können«, sagte er. »Wir können beobachten, was weiter passiert. Und wir können Leuten Bescheid geben, die vielleicht mehr davon verstehen als wir.«

»Du meinst Nkombe?«

Nkombe war der Bürgermeister ihres Dorfes. Auch wenn das Wort Stammeshäuptling wohl besser passte.

»Nein, Nkombe ist gerade unterwegs. Und ich fürchte, auch er weiß nicht genug von solchen Dingen. Dafür brauchen wir echte Wissenschaftler.«

»Also Amerikaner, so wie du?«

Christopher lachte, unterbrach sich aber sofort, als er sah, wie grimmig ihn Mtoto anblickte. »Tut mir leid, ich wollte dich nicht auslachen. Nicht alle Amerikaner sind Wissenschaftler. Genau genommen die wenigsten. Ich bin ja auch keiner. Wenn ich von Wissenschaftlern rede, denke ich eher an Leute von der Universität von Nairobi. Nur brauchen wir dafür ein Satellitentelefon, ich bekomme nämlich selbst im Dorf keinen Empfang.« Christopher grinste schief und versuchte damit, die Sorgen zu überspielen, die sich ihm immer tiefer in die Mundwinkel gruben. »Wahrscheinlich ist mal wieder die Palme ausgefallen.«

Besagte Palme war der höchste Baum im Dorf, den sie als Mobilfunkmast missbrauchten, weil ein echter Mast zu teuer gewesen wäre.

Hinter Christopher stieg der Lautstärkepegel abrupt an. Er schaute über seine Schulter; die ersten Dorfbewohner hatten die Blase erreicht. Sie unterhielten sich aufgeregt, wahrten aber trotz ihrer Verblüffung einen respektvollen Abstand von dem Ding. Einer ging kopfschüttelnd im Halbkreis um es herum, andere liefen schnurstracks auf Max zu, wahrscheinlich, um sich erklären zu lassen, was hier vor sich ging.

»Entschuldigt mich bitte. Ich versuche mal, an das Telefon ranzukommen.« Christopher schritt einem nicht mehr ganz jungen Mann mit breiten Schultern und noch breiterem Bauch entgegen, der gerade mit einer großen Kiste in den Armen auf ihn zukam, einer Last, an der er außerordentlich schwer zu tragen schien. Christopher erkannte ihn sofort am Gang – so träge bewegte sich nur Mhubiri, der Hausmeister ihrer Dorfschule. Wenigstens hatte der Anblick der Blase das ewig zufriedene Grinsen aus seinem Gesicht vertrieben, bei dem Christopher immer den Eindruck bekam, Mhubiri wisse etwas, das er nicht wusste. Christopher eilte ihm zu Hilfe und nahm ihm die Kiste aus den Händen. So schwer war sie eigentlich nicht. Trotzdem keuchte Mhubiri.

Christopher brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um zu verstehen, was der Mann murmelte: »Hab die Instrumente, die du wolltest.« Oder so etwas Ähnliches. Sobald die Leute kein reines Suaheli mehr benutzten, sondern es mit ihren Stammessprachen vermengten, stieg Christopher aus. Er war schon froh, dass er wenigstens die Hochsprache beherrschte, gut genug zumindest, um den Kindern damit Englisch beizubringen.

»Danke«, sagte Christopher. Dann legte er Mhubiri einen Arm um die Schulter und führte ihn etwas von den anderen fort. Er senkte die Stimme. »Mhubiri, kannst du mir einen Gefallen tun?«

Der Mann runzelte die Stirn.

»Ich möchte, dass du zurück ins Dorf läufst und mit dem Satellitentelefon von Nkombe – sofern er es dagelassen hat – die Universität von Nairobi anrufst. Lass dir am besten Professor Solomon Haki aus dem Physikdepartment geben und beschreibe ihm ganz genau, was hier vor sich geht. Und erzähl ihm auch, dass dieses Ding immer schneller wächst! Wenn er dir nicht glaubt, dann sag ihm, dass ich dich geschickt habe.«

Mhubiri zögerte kurz, als müsse er das Gehörte erst verarbeiten. Dann nickte er und wandte sich zum Gehen.

»Ach, eines noch: Versuch, die Behörden zu alarmieren. Ich weiß nicht, wen du da am besten anrufst, aber schau, dass du sie davon überzeugt bekommst, dass hier etwas passiert, das sie sich unbedingt ansehen müssen. Völlig gleich, wie du das anstellst!«

Mhubiri nickte und lief dann los.

Christopher warf einen verstohlenen Blick zu Max, doch sie war gut damit beschäftigt, einem Pulk von Dorfbewohnern ihre Beobachtungen zu schildern. Mtoto und Kukinga unterstützten sie dabei mit wilden Armbewegungen. Christopher huschte ein Lächeln übers Gesicht. Die beiden Kinder schienen in ihrer Rolle als Erzähler voll aufzugehen.

Christopher nutzte die Chance. Er kniete sich hin und öffnete die Kiste. In ihr lag der Stolz seiner Schule: die wissenschaftlichen Instrumente. Doch keines von ihnen schien dazu zu taugen, diesem Ding auf den Grund zu gehen: ein langes Maßband, eine Stoppuhr, ein Fernrohr, ein verrostetes Strommessgerät, eine Wetterstation mit Luftdruckmesser und Thermometer sowie ein alter Geigerzähler sowjetischer Bauart, der wahrscheinlich bereits Sammlerwert hatte.

Ein Geigerzähler! Christopher lief es kalt den Rücken hinunter. Daran hatte er überhaupt nicht gedacht. Was, wenn diese Blase radioaktiv war? Der Lichtblitz vorhin, war das vielleicht der Beginn einer Kettenreaktion gewesen? Was, wenn sie alle längst verstrahlt waren? Christopher wurde schwindelig. Er griff mit zitternden Händen nach dem Gerät, auch wenn er keine Ahnung hatte, wie man es bediente. Max hätte damit sicher keine Schwierigkeiten, aber er wollte sie nicht beunruhigen, solange es nicht ein falscher Alarm sein konnte. Er drehte das Rohr in seinen Händen hin und her, bis er den einzigen Schalter fand und ihn mit klammen Fingern betätigte. Tack. Tacktack. Tack. Der Geigerzähler schien noch zu funktionieren.

Christopher hielt ihn auf die Erde. Der Abstand zwischen den Geräuschen blieb derselbe. Dann atmete er tief ein und versuchte, den Zähler so unauffällig wie möglich auf die Blase zu richten. Tack. Tack. Tacktack. Kein Trrrrrrr, kein Rattern. Er zielte noch einmal neu, doch wenn überhaupt, dann schlug der Geigerzähler sogar weniger an als zuvor. Mit einem Pfeifen ließ Christopher die Luft zwischen seinen Zähnen entweichen. Sein Körper entspannte sich.

Er rief nach Max und winkte sie zu sich. Sie sah ihn fragend an, wühlte sich dann aber durch die Menschentraube, die sich um sie und die beiden Kinder gebildet hatte.

»Ja?«, fragte sie, als sie sich neben ihn auf den Boden setzte.

Christopher drückte ihr den Geigerzähler in die Hand. Sie richtete das Gerät ohne zu zögern auf die Blase, dann auf sich selbst. Etwa ein- bis zweimal in der Sekunde knackte es, nicht mehr.

»Wenigstens eine gute Nachricht«, seufzte sie. »Das hätte uns gerade noch gefehlt.«

Sie sah sich um, dann beugte sie sich zu ihm. »Die Ausbreitung von diesem Ding macht mir Sorgen«, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Ich will hier keine Panik schüren, aber das Ding wird immer schneller.« Sie deutete hinter sich, wo die Kugel fast ortsfest schien. »Mittlerweile ist es schon deutlich mehr als ein Meter in der Minute.«

Christopher riss die Augen auf. »Ein Meter?!«

Ein paar der Leute drehten sich zu ihnen um. Sonderlich besorgt wirkten sie allerdings nicht.

»Hast du …?« Max sah mit gerunzelter Stirn zu den Dorfbewohnern hinüber.

Christopher nickte. »Sie sind gewarnt. Ich habe ihnen strikt verboten, sich der Kugel zu nähern. Oder Blase, oder was auch immer das ist.« Er sah an Max vorbei. Zwei junge Männer bückten sich gerade nach kleinen Steinen, die sie dann mit voller Gewalt in das Ding pfefferten. Geräuschlos verschwanden die Kiesel in der Schwärze. Ein dritter näherte sich mit einem Ast.

»Hey!«, rief Christopher ihnen zu. »Was habe ich gesagt? Lasst den Mist!«

Die Männer maulten ein bisschen und warfen ihm feindselige Blicke zu, gesellten sich dann aber zu Christophers Überraschung tatsächlich wieder zu der Gruppe rund um Mtoto.

Max fuhr sich mit den Händen übers Gesicht und massierte sich die Schläfen. »Egal was es ist, wir sollten dringend herausfinden, wie rasch sich seine Wachstumsgeschwindigkeit erhöht.«

»Und wie sollen wir das anstellen?«

»Damit«, sagte sie und holte die Maßbandrolle aus der Kiste. »Und damit.« Sie kramte Christophers Handy aus ihrer Tasche.

Ohne ein weiteres Wort lief Max auf die Blase zu und beschwerte dort den Anfang des Maßbands mit einem Stein. Dann rollte sie das Band so sorgfältig wie möglich in gerader Linie ab.

»Zwanzig Meter«, sagte sie zu Christopher, als sie wieder bei ihm angekommen war. »Das reicht hoffentlich.«

Sie scheuchte ihn in Richtung Blase. »Du gibst mir alle fünfundzwanzig Zentimeter ein Zeichen. Danach messe ich mit deinem Handy die verstrichene Zeit. Und dann sehen wir ja, wie sich die Geschwindigkeit entwickelt.«

Christopher war von ihrem Plan nicht überzeugt – und erst recht nicht darauf erpicht, sich für das Ablesen der Entfernungsmarkierungen so nahe an dem Ding aufzuhalten –, aber er tat, was sie sagte.

Entsprechend penibel achtete er darauf, dass die Blase nie näher als einen halben Meter an ihn herankam, und verdrängte die merkwürdigen Gefühle, die er in ihrer Nähe gelegentlich zu spüren glaubte. Ab und an musste er einen kleinen Schritt zurück machen, um den Abstand wiederherzustellen. Die Blase kümmerte das nicht. Sie kroch mit einer unnatürlichen Gleichmäßigkeit am Boden entlang und fraß das Maßband Strich für Strich auf, völlig geräuschlos und unspektakulär.

»Jetzt«, rief Christopher, als der nächste Viertelmeter erreicht war.

Einige Zentimeter kam die Blase in jeder Sekunde voran. Zwischen den Messpunkten blieb ihm etwas Zeit, sich umzusehen. Ein paar der Dorfbewohner schauten Max und ihm belustigt oder mit unverhohlener Neugierde zu, andere hatten sich einige Meter von dem ganzen Spektakel entfernt und diskutierten mit gesenkten Stimmen. Unter ihnen waren auch die drei Rabauken von eben. Christopher warf ihnen einen Blick zu, von dem er hoffte, dass er sie stark genug einschüchtern würde, um weitere Dummheiten zu unterlassen.

»Jetzt!«

Die meisten Menschen jedoch, gerade die immer zahlreicher werdenden Neuankömmlinge, standen noch immer um die beiden Kinder herum und lauschten ihren Berichten, die sie in ihrer Stammessprache vortrugen. Hoffentlich, dachte Christopher, erzählt Kukinga nicht zu viel von dem Ast, mit dem er sich dem Ding genähert hatte. Nicht, dass sie den Jungen am Ende noch für das Ganze verantwortlich machen!

Er erhaschte einen Blick auf die Männer, die direkt vor Mtoto und Kukinga standen. Sie wirkten verwirrt und vielleicht auch ein bisschen verängstigt, hörten aber ohne Drängen zu, sichtlich bemüht, das Unbegreifliche zu verstehen. Es machte nicht den Anschein, als hätten die beiden Kinder irgendetwas zu befürchten. Zumindest nicht von den Männern …

»Jetzt!«

Christopher strich sich eine Strähne aus der Stirn. Der Wind war merklich stärker geworden. Dunkle Wolken zogen dicht über dem Horizont heran. Die Blätter über ihm begannen wieder zu rascheln. Christopher richtete den Blick nach oben. Obwohl sie in gut zehn Metern Höhe hängen mochten, hatte die Blase die ersten Äste der Baumkronen erreicht. Eine besonders starke Bö drückte einen Ast, dicht beladen mit überreifen Mangos, die wie Glocken an ihm hin und her schwangen, tief in die Blase hinein. Die Bö ließ bald wieder nach, doch der Ast schwang nicht mehr zurück. Wie angeklebt verharrte er in seiner neuen Position.

»Jetzt!«

Für einen Moment setzte der Wind aus, die Blätter in den Bäumen kamen zur Ruhe. Und doch wehte noch eine Brise, ganz schwach, aber sehr gleichmäßig. Christopher spürte sie, wenn er seine Hand nahe genug an die Blase hielt. Dieser Wind unterschied sich von den Böen, die chaotisch um ihn herumgewirbelt hatten, er war konstant auf die Blase gerichtet, so, als würde stets ein kleines bisschen Luft in sie hineinströmen.

»Jetzt!«

Kaum, dass er Max von Neuem zugerufen hatte, spürte Christopher erst ein Kitzeln und dann einen Stich an seinem rechten großen Zeh. Er schaute hinab und sah, wie unzählige Termiten in zwei, drei großen Strömen kreuz und quer über seinen Fuß flüchteten, manche von der Blase fort, manche aber auch direkt auf sie zu. Fluchend sprang er auf und ab, bis er den Großteil der Tiere losgeworden war. Er klopfte seine Sandale aus und blickte dann dem Rest der Ströme hinterher. Verdammt! Wo waren die alle hergekommen? Es sah fast so aus, als wäre ein ganzer Termitenhaufen auf der Flucht.

»Jetzt!«

Beinahe hätte er seinen Einsatz verpasst. Verdammt, die Blase wurde tatsächlich schneller. Deutlich schneller …

 

Einige Dutzend Rufe und eine gefühlte Verdoppelung der Ausbreitungsgeschwindigkeit später – die ersten Mangobäume waren vollends in der Blase verschwunden – winkte Max ihn zu sich. Falten hatten sich auf ihrer Stirn gebildet. Trotz ihrer braungebrannten Haut sah sie bleich aus.

»Alles okay?«, fragte Christopher, als er vor ihr stand.

Sie reichte ihm das Handy. »Guck dir das an.«

Christopher nahm das Gerät in seine linke Hand, und beschattete es mit seiner rechten, um vom Display ablesen zu können.

Max deutete auf eine Reihe von etwa vierzig Balken, die nach rechts rasch größer wurden. »Das sind die aus den gemessenen Zeiten berechneten Geschwindigkeiten, eine nach der anderen aufgetragen. Jeder Balken ist ein Messwert.«

Christopher beugte sich über das Gerät. Die Balken waren sauber nebeneinander aufgereiht. Jeder war ein Stückchen höher als der vorhergehende, auch wenn diese Höhenunterschiede bei den späteren Messwerten etwas kleiner zu werden schienen.

Max zeigte auf die linke untere Ecke. »Für den Nullpunkt habe ich einfach die Anfangszeit von deinem Handyvideo genommen. Den Moment, als sich die Blase verändert hat.«

Christopher nickte. »Und die rote Linie hier, die die höchsten Punkte der Balken miteinander verbindet und nach dem letzten Balken weiter ansteigt?«

»Das ist die Kurve, die das Programm aus den ganzen Messwerten berechnet hat.«

Christopher nahm sich Zeit, noch einmal genauer hinzusehen. Diese sogenannte Kurve war eher eine steil ansteigende Gerade. Nur ein kleines bisschen schien sich die Entwicklung im Laufe der Zeit abzuflachen.

»Was du siehst, ist quasi eine Prognose«, erklärte Max, »für die zukünftige Geschwindigkeit.«

»Das ist mir durchaus klar«, sagte er, bemüht, sich seinen Ärger nicht anmerken zu lassen, und zoomte mit Daumen und Zeigefinger aus der Grafik heraus. Der Trend setzte sich fort. Die Geschwindigkeitskurve wurde immer flacher und mündete, nachdem er abermals herauszoomte, in eine konstante Höchstgeschwindigkeit – bei viel zu hohen Werten.

»Und du bist dir damit sicher?«, fragte Christopher. Worauf hoffte er eigentlich? Darauf, dass Max ihn anlog?

»Ja, ich bin mir sicher.« Sie wagte nicht, ihn anzusehen. »Die Blase wird von Minute zu Minute schneller. Deutlich schneller. Wenigstens scheint sie auf eine Höchstgeschwindigkeit zuzusteuern.« Die Lehrerin in Max erwachte. Ihre Aussprache wurde ruhiger, akzentuierter. Sie hob ihren Blick. »Stell dir einen Autofahrer vor, der voll aufs Gaspedal tritt. Das Auto wird am Anfang sehr rasch an Tempo gewinnen, aber dann tut es sich immer schwerer, noch schneller zu werden, obwohl der Fahrer das Gaspedal weiterhin voll durchdrückt. Irgendwann ist eben ein Maximum erreicht.«

»Und bei der Blase verhält es sich genauso?«

Max sagte nichts. Sie nickte bloß.

»Dann ist, neben dem Fahrer des Wagens, die alles entscheidende Frage …«

»… die nach dem Wert seiner Höchstgeschwindigkeit«, vollendete Max den Satz.

Christopher suchte auf dem Display seines Handys nach dem Höchstwert der roten Linie. Er fuhr mit dem Finger nach links, zur Achsenbeschriftung. In seinem Hals bildete sich ein Kloß. 1,6 Meter pro Sekunde. Das waren fast sechs Kilometer in der Stunde. Mehr als Schrittgeschwindigkeit.

Er versuchte, nicht daran zu denken, wie dieses Ding aussehen würde, wenn es mit sechs Stundenkilometern auf ihn zukäme.

»Das ist natürlich mit Unsicherheiten verbunden.« Max’ Stimme klang belegt. Sie wusste genauso gut wie er, dass das nur ein theoretisches Argument war. Dass diese Unsicherheiten das Endergebnis nicht wesentlich beeinflussen würden, es vielleicht nur noch katastrophaler machten.

Was klar war, jenseits aller Messfehler: Solange sich nicht etwas Fundamentales an der Blase änderte, würde dieses Ding schon bald unangenehm schnell werden. Christopher und Max sahen einander an. Max’ allgegenwärtiger Optimismus war aus ihren Augen verschwunden. Als wäre etwas in ihr zerbrochen.

Christopher musste den Blick abwenden. Benommen schaute er in Richtung der Dorfbewohner, von denen die meisten noch immer zwischen ihm und der Blase beisammenstanden, manche ängstlich oder unsicher, andere äußerlich unbeeindruckt. Einer schien gerade einen Witz gemacht zu haben. Einige der Männer lachten.

Christopher fühlte sich ihnen so fern wie nie zuvor. Zeitgleich mit Max richtete er den Blick nach oben, zum höchsten Punkt dieser mehr als baumgroßen, pechschwarzen Barriere, die unaufhaltsam näher rückte. Und er fühlte sich auf einmal unendlich klein.

Plötzlich ging ein Raunen durch die Menge. Dann ein Schrei. Christopher war schlagartig hellwach. Das war Mtotos Stimme! Doch er konnte sie nicht sehen. Er rannte auf die Gruppe zu, dicht gefolgt von Max.

»Was ist los?«, schrie er. Niemand antwortete ihm, alle riefen durcheinander und deuteten auf diese Blase … diese schwarze Wand. Christopher kämpfte sich einen Weg durch die Menge und stieß zwei Frauen unsanft beiseite. Endlich hatte er freien Blick auf das Geschehen dahinter.

»Kukinga?« Christophers Augen weiteten sich. »Kukinga!«

Der Junge lag ausgestreckt auf dem Boden, die rechte Hand um einen kleinen Stoffball geschlossen, die linke in die Erde gekrallt, Panik in seinen Augen. Mtoto kniete neben ihm und zerrte unter Tränen an seiner Schulter. Christopher wurde auf einen Schlag eiskalt. Das linke Bein des Jungen steckte bis zum Unterschenkel in der Wand … und verschwand jede Sekunde tiefer in der Schwärze.

Kapitel 2

Ein Lächeln umspielte Catherines Lippen, als sie auf die Uhr sah. Kurz vor sieben, an einem Sonntag. Ganz Washington, D.C., schlief noch, doch sie selbst war schon wieder fit. Und das nach einer solchen Nacht. Hastig stieß sie ihre Decke auf die andere, stets ordentlich bezogene Seite des Doppelbetts, um nicht in Versuchung zu geraten, sich noch einmal umzudrehen.

Nur in ihren dünnen Morgenmantel gehüllt, die Balkontür weit aufgerissen, um die erquickende Frische des Frühsommermorgens hereinzulassen, setzte sie sich vor die Bildschirmreihe, die eine ganze Wand in ihrem ansonsten spärlich eingerichteten Loft einnahm. Ihre Kommandozentrale, wie Besucher es gern nannten – wenn sie denn mal welche hatte.

Catherines Finger flogen über die Tasten, gaben hundertfach geübte Zeichenfolgen ein. Eine Reihe von tristen, schwarzen Konsolen trat an die Stelle der farbenfrohen Hintergrundbilder ihres Systems. Catherine tippte ihre Anmeldedaten ein, steckte den Ausweis des Department of Defense in den dafür vorgesehenen Schlitz an einer kleinen Box auf ihrem Schreibtisch und wartete auf ihre Authentifizierung. Weiße Buchstaben- und Zahlenkolonnen wanderten Zeile für Zeile über ihren Hauptbildschirm.

Catherine lehnte sich zurück. Der kalte Rauchgeruch in ihren Haaren wich dem Duft frisch gemahlener Kaffeebohnen, als die Maschine neben ihr zu zischen begann. Auf den drei Monitoren vor ihr bauten sich derweil zahllose Fenster auf, in denen Streifen für Streifen Aufnahmen von Spionagesatelliten aus aller Welt erschienen. Falschfarbenbilder der Vegetation auf Luzon, der größten Insel der Philippinen. Infrarotaufnahmen des nächtlichen Peru. Turkmenistan. Marokko. Projekte, an denen sie mitgearbeitet hatte, oder die sie noch begleitete.

Catherine nippte an ihrem Cappuccino. Ihr zentraler Bildschirm zeigte nun Satellitenbilder aus der Rub al-Khali, einer Wüste im Südosten Saudi-Arabiens, in der – so hatte sie Freitagnachmittag erfahren – die US Air Force eine geheime Drohnenbasis errichten wollte. Catherines Auftrag war es nun, den perfekten Ort dafür zu finden; eine Position, die sowohl gut zu versorgen als auch leicht zu verbergen sein musste. Dies war Catherines bislang wichtigster Job – auch unter moralischen Gesichtspunkten. Immerhin sollten in ein, zwei Jahren von dieser Basis aus Offensiven auf Terrorzellen im Jemen starten. Angriffe, bei denen Kollateralschäden nicht immer auszuschließen waren, ganz zu schweigen von dem neuerlichen Hass auf Amerika, der damit geschürt werden würde.

Zumindest wären dies die Argumente, die Christopher jetzt anbringen würde … Catherine war froh, dass ihr Ex nichts von diesem Auftrag wusste. Er würde sie dafür verachten, den Job überhaupt in Erwägung zu ziehen. Auch Catherine hatte zunächst geschluckt, das Angebot aber dennoch angenommen. Unterm Strich war sie davon überzeugt, dass diese Angriffe mehr Leben retten als kosten würden. Und nicht zuletzt war es einfach die größte und spannendste planerische Herausforderung, der sie bislang gegenübergestanden hatte – was auch einer der Gründe war, weshalb sie sich schon am Wochenende darauf stürzte, obwohl das selbst im Pentagon niemand erwartete.

Catherine nahm einen weiteren Schluck aus ihrer Tasse und schaltete mit ein paar Klicks stoßweise neue Informationsebenen dazu. Geländeneigung, Wind- und Temperaturverhältnisse, Bodenbeschaffenheit, Vegetation. Das Satellitenbild wurde von so vielen Schraffuren und Farbebenen überlagert, dass ein Laie bestenfalls noch moderne Kunst darin erkannt hätte.

Plötzlich stockte Catherine. Sie ließ Maus und Tastatur los. Irgendetwas war nicht in Ordnung. Noch war sie sich nicht sicher, was es war. Es war mehr eine Ahnung. Irgendetwas am Rande ihrer bewussten Wahrnehmung. Sie ließ ihren Blick über die Bildschirme gleiten, bis er schließlich an dem linken Monitor hängen blieb. Fenster für Fenster überprüfte sie, was er anzeigte.

Da! Da war es. In der linken unteren Ecke. Ein einfaches Wärmebild des nächtlichen Pazifiks südlich von Hawaii, komplett in Schwarzweiß gehalten.

Auf Hawaii hatte die Morgendämmerung gerade erst begonnen. Das Land war über Nacht auf knapp zwanzig Grad Celsius ausgekühlt, während der Ozean der Skala zufolge noch immer sechsundzwanzig Grad warm war. Entsprechend dunkel erschien er auf den Infrarotbildern.

Catherine erkannte sofort die Ostküste von Big Island links oben in der Infrarotaufnahme, ein hellgrauer Streifen, der sich merklich vom wärmeren, dunkelgrau dargestellten Meer ringsherum abhob.

Doch das war nicht das Problem. Der andere hellgraue Streifen war es.

Er war gigantisch. Das gesamte untere Drittel des Satellitenbildes, eine Fläche weit größer als die Hawaiis, war in verschiedene, helle Grautöne getaucht, die innerhalb der Fläche fließend ineinander übergingen, sich aber an ihrem sanft geschwungenen Rand scharf von dem monotonen Dunkelgrau des Pazifiks abhoben. Wolken konnten es nicht sein, dafür waren die Temperaturen in dem Streifen zu hoch und die Strukturen zu ungleichmäßig. Catherine vermutete eher eine abstruse Sensorstörung, wahrscheinlich durch einen kleinen Sonnensturm. Das kam schon mal vor.

Catherine öffnete ein anderes Fenster. Die Sonnenaktivität lag praktisch bei null. Sie spürte, wie sich ihre Rückenmuskulatur anspannte, wie sie sich noch aufrechter setzte und mit ihrem Bürostuhl näher an die Bildschirme heranrollte. Das konnte nur ein Fehler in der Bildauswertung sein. Eine Störung im System. Bestenfalls ein dummer Scherz eines Programmierers.

Sie tippte eine Reihe von Befehlen in ihre Konsole, rief die Daten anderer Satelliten ab. Das aktuelle Übersichtsbild aus der Region war eine achtundfünfzig Minuten alte Aufnahme des zivilen Geostationary Operational Environmental Satellite, kurz GOES 15, eines Wettersatelliten, der ebenfalls im Infrarotband arbeitete. Catherine zoomte in das Bild und wählte zur besseren Vergleichbarkeit denselben Ausschnitt wie eben. Keinerlei Ungewöhnlichkeiten. Trotzdem wagte Catherine nicht, sich zu entspannen. Erst wollte sie die nächste Aktualisierung von GOES 15 abwarten.

Das würde nicht allzu lange dauern. Der Satellit befand sich im geostationären Orbit, so weit von der Erde entfernt, dass er ortsfest über einem Punkt schwebte und in vergleichsweise kurzen Abständen von stets demselben Bereich Bilder an die Bodenstation sandte. Im Fall von GOES 15 geschah dies einmal jede volle Stunde. In ein paar Augenblicken würde Catherine also mehr wissen.

Sieben Uhr. Die neue Aufnahme baute sich auf, Block für Block, derselbe Bereich wie eben. Catherine stockte. Da war es wieder. Am gleichen Ort, mitten im Ostpazifik, einige hundert Kilometer südlich von Hawaii. Verschiedene Grautöne, scharf abgegrenzt von dem einheitlichen, dunkleren Anthrazit des Ozeans. Also kein Scherz. Der hellgraue Bereich war nun sogar noch größer, umfasste fast die Hälfte des Bildausschnitts. Catherine zoomte zurück zum Übersichtsbild. Ihre Augen weiteten sich. Der hellgraue Streifen stellte nur einen winzigen Teil einer weit umfassenderen, perfekt runden Anomalie dar. Das Gebilde war riesig, mehr als siebenhundert Kilometer im Durchmesser, gut die doppelte Größe von Texas.

An ihren Cappuccino dachte Catherine längst nicht mehr. Während der zu ihrer Linken langsam abkühlte, rief sie die Umlaufbahnen einer ganzen Phalanx von Spionagesatelliten ab, die derzeit den Pazifik überflogen. Allerdings waren diese militärischen Spähaugen auf eine möglichst hohe räumliche Auflösung ausgelegt, was bedeutete, dass sie zu nahe über der Erde kreisten, um stationär über einem Punkt bleiben zu können. Neunzig Minuten dauerte typischerweise jeder Umlauf, doch bis sie genau über der Stelle schwebten, die einen Beobachter gerade interessierte, musste dieser meist deutlich länger warten. Catherines Hoffnung lag daher in der schieren Menge an Satelliten, die dort draußen kreisten.

Die Liste erschien. Catherine verzog das Gesicht. Es würde fast eine halbe Stunde dauern, ehe ein weiterer hochauflösender Satellit wieder über demselben Gebiet kreuzte. Bis dahin war sie auf die Aufnahmen von GOES 15 angewiesen, sofern sie noch weitere finden konnte. Doch zu ihrem Glück lagen auf dem Server nicht nur die offiziellen stündlichen Aufnahmen, sondern noch weitere, unaufbereitete Bilder, die im Fünfzehn-Minuten-Takt gemacht worden waren.

Sie klickte sich durch das Archiv. Vor einer Dreiviertelstunde – Viertel nach zehn Weltzeit, also Viertel nach sechs Washingtoner Zeit –: keine Auffälligkeiten. Ebenso um halb sieben. Vielleicht war es doch nur eine Reflexion. Oder tatsächlich eine Störung im Auswertungssystem. So etwas konnte in einer außergewöhnlichen Situation durchaus auch zwei Satelliten betreffen. Immerhin war die Anomalie perfekt rund; das bestärkte den Verdacht, dass es sich hierbei um einen künstlichen Effekt handelte.

Doch dann lud das Bild von Viertel vor sieben, und Catherine wurde schlagartig bewusst, dass es sich nicht um einen einfachen Fehler handeln konnte. Dieselben Strukturen mitten im Ozean, dieselben Grautöne wie auf den Aufnahmen eine Viertelstunde später, nur etwa auf den halben Durchmesser beschränkt.

Catherines Gedanken rasten. Was auch immer sie da beobachtete, es war innerhalb einer Viertelstunde in allen Richtungen um fast dreihundert Kilometer gewachsen. Dreihundert Kilometer in fünfzehn Minuten! Das entsprach beinahe der Schallgeschwindigkeit. Und dabei waren die Strukturen im inneren Teil dieselben geblieben. Das Ding hatte sich also nicht einfach aufgebläht, wie man es vielleicht bei einer technischen Störung vermuten mochte – es war eindeutig gewachsen.

Catherines Augen musterten die drei Bilder, die sie von der Anomalie hatte: das des Spionagesatelliten von 6.57 Uhr. Die beiden von GOES 15, von 6.45 Uhr und 7.00 Uhr. Catherine montierte die Aufnahmen notdürftig übereinander. Die Entwicklungsgeschwindigkeit war frappierend. Und dabei lag das Epizentrum, wenn man den Mittelpunkt dieser scheibenförmigen Anomalie so nennen konnte, nur etwas mehr als eintausend Kilometer südöstlich von Hawaii. Wenn sich die Anomalie weiter so schnell ausbreitete, würde sie die Insel in fünfzehn Minuten erreichen. Catherine zwang sich, ruhig zu bleiben, kontrolliert ein- und auszuatmen. Sollte sie jemanden warnen? Wenn ja, wen? Die Behörden auf Hawaii, an einem Sonntag, um zwei Uhr nachts Ortszeit? Ihren Vorgesetzten?

Und wovor genau sollte sie warnen, einem hellgrauen Fleck auf einem Infrarotbild, der sich fast mit Schallgeschwindigkeit über den Pazifik ausbreitete? Fernab aller Schifffahrtsrouten, fernab der Zivilisation?

Sie brauchte dringend mehr Daten. Für eine Sekunde schloss sie die Augen. Da! Ein neues Bild traf ein, viel früher als erwartet. Ganz offenbar konzentrierte die Leitstelle von GOES 15 jetzt die volle Bandbreite des Satelliten auf den entscheidenden Bereich zwischen Hawaii und den Osterinseln. Catherine zoomte gerade hinein, als sich das Bild erneut aktualisierte. Sie stockte. Zum ersten Mal wich das Objekt von seiner perfekt runden Form ab. An seinem nördlichen Rand hatte sich ein Einschnitt gebildet. Ein kleiner Teil seiner Frontlinie hatte sich innerhalb der letzten halben Minute nicht mehr weiter in den Pazifik vorgefressen.

Das nächste Bild traf ein. Der Trend bestätigte sich, an der Ausbuchtung im Norden ging es nicht mehr voran. Und auch im Südwesten hatten sich Teile der Front der Anomalie nicht weiter fortbewegt. Andernorts jedoch breitete sie sich noch immer ringförmig aus, so dass das gesamte Gebilde zunehmend einer Pizza ähnelte, in deren Rand wahllos hineingebissen worden war.

Catherine fieberte dem nächsten Bild entgegen, ihre Zeigefinger fest an die Schläfen gepresst. Da! Weitere Teile der Front waren ortsfest geblieben, nun auch im Osten. Bei der darauffolgenden Aufnahme hatte bereits mehr als die Hälfte des Randes gestoppt, und noch ein Bild später schien die Anomalie vollends angehalten zu haben. Catherine ließ sich in ihrem Sitz ein paar Zentimeter nach unten gleiten, schloss die Augen und atmete langsam aus. Doch das Bild auf ihrem Monitor ging ihr nicht mehr aus dem Kopf: Die Anomalie, so, wie sie sich jetzt präsentierte, war gigantisch, etwa halb so groß wie Australien, mit einer Form, die entfernt an ein Herz erinnerte, oder auch an den Umriss Afrikas.

Catherine öffnete die Augen. Eine Schaltfläche am rechten Rand ihres Monitors blinkte. Jason-2. Ein NASA-Satellit zur Höhenmessung des Meeresspiegels mittels Radar. Die Anomalie war so stark gewachsen, dass er sie viel früher als erwartet streifen würde.

Zeile für Zeile baute sich das Höhenbild des Satelliten auf. Rot stand für Abweichungen nach oben, Blau für solche nach unten. Alles dazwischen, ein oder zwei Meter rund um den durchschnittlichen Meeresspiegel, war grün oder gelb. Das Blickfeld von Jason-2 hatte den Rand der Anomalie noch nicht ganz erreicht. Eine weitere Zeile Ozean erschien. Das Bild bestand ausschließlich aus Grüntönen. Catherine atmete erleichtert auf. Die Meeresoberfläche blieb ruhig. Wenigstens zu einem Tsunami würde es wohl nicht kommen.

Die nächsten Zeilen bauten sich auf. Jason-2 erreichte den Rand der Anomalie – und auf einen Schlag war alles tiefrot. Am Anschlag der Skala. Catherine legte wieder ihre Zeigefinger an die Schläfen und starrte angestrengt auf den Bildschirm. Was auch immer sich hier befand, es ragte mindestens zweihundert Meter aus dem Wasser – ohne dass es den Ozean unter sich verdrängt hatte. Es hatte ihn einfach … ersetzt, wie auch immer so etwas möglich war.

Noch einmal rief Catherine das Wärmebild von GOES 15 auf. Die kühleren Bereiche hier stimmten mit den höher aufragenden Gebieten in der Radaraufnahme überein. Und auch die Muster, die Nuancen in den Schattierungen, die verzweigten Strukturen, die sich innerhalb der Anomalie befanden, kamen ihr seltsam vertraut vor. Hundertfach gesehen.

Catherine sprang so schnell auf, dass der Stuhl unter ihr wegrutschte und scheppernd auf die Seite fiel. Mit einem Schlag war ihr klargeworden, was sie da eben entdeckt hatte. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wie das passieren konnte oder warum, doch die Faktenlage war eindeutig.

Mit rasendem Puls in ihrer Wohnung auf und ab gehend, versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen, Gegenargumente gegen ihre Theorie zu finden. Doch es gab keine.

Catherine schnappte sich ihr Handy. Viertel nach sieben. Sie würde ihn aus dem Bett schmeißen. Egal. Das hier war einfach zu wichtig.

Doch gerade, als sie die Kurzwahltaste ihres Chefs drücken wollte, vibrierte ihr Handy. Eingehender Anruf – unbekannte Nummer, stand auf dem Display. Sie zögerte kurz, verärgert über die Unterbrechung, nahm den Anruf dann aber doch an.

»Catherine Strive.«

»Miss Strive, hier ist Mister Wilson.«

Catherine versuchte, sich zu konzentrieren. Sollte sie einen Mr. Wilson kennen? Der Mann nuschelte ein bisschen, klang ansonsten jedoch nicht unsympathisch. Die Stimme kam ihr vage vertraut vor.

»Sie kennen mich noch nicht persönlich«, sagte der Mann. »Zumindest nicht in meiner wahren Position. Ich bin, wenn Sie so wollen, der inoffizielle Chef Ihres Chefs.«

Catherine hatte keine Ahnung, was sie mit dieser Information anfangen sollte.

»Mister Wilson, freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen«, sagte sie. »Ich … nun, wenn ich ehrlich bin, habe ich noch nicht besonders viel von Ihnen gehört.« Catherine presste die Lippen zusammen. Verdammt. Ihre Gedanken waren eindeutig bei etwas anderem.

Doch der Mann am anderen Ende der Leitung lachte nur. »Das hat durchaus System, Miss Strive. Ich vertrete nicht gerade den öffentlichkeitsaffinsten Teil des Verteidigungsministeriums.« Er räusperte sich, klang danach bestimmter. »Weshalb ich Sie anrufe, Miss Strive: Ich möchte Ihnen ein Jobangebot unterbreiten. Eine Beförderung, wenn Sie so wollen.«

Catherine atmete tief aus. »Ich höre Ihnen zu.«

»Nun, Miss Strive, Sie müssen erst zusagen, danach kriegen sie die Details.«

Sie stockte. »Das ist etwas … unorthodox. Selbst für meine Verhältnisse.«

Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte wieder. »Das stimmt.«

Catherine ließ sich auf einen ihrer Küchenstühle sinken. »Können Sie mir nicht zumindest die grobe Richtung verraten?«

»Nun ja, sagen wir so: Es bleibt bei Ihrem bisherigen Tätigkeitsbereich. Fernerkundung, wahrscheinlich auch Infrastruktur- und Logistikplanung.«

Catherine wollte sich eben schon über die vagen Informationen beschweren, als plötzlich die Puzzleteile zusammenfielen. Ihr klappte die Kinnlade herunter, als sie begriff, was man ihr gerade vorschlug.

»Miss Strive? Sind Sie noch dran?«

»Ja, ich bin noch dran.« Ihr Herz schlug bis zum Hals. »Mehr noch: Ich nehme Ihr Angebot an.«

Sie stand auf und sperrte den Computer, indem sie ihren Ausweis aus dem Schlitz zog, eilte ins Schlafzimmer und riss den Kleiderschrank auf.

»Sie wissen, dass es kein Zurück gibt?«

Sie wäre schön blöd, wenn sie sich die Chance, bei dem Ereignis des Jahrtausends dabei zu sein, entgehen lassen würde! Hastig stieg sie in ein Paar Jeans und zog sich den erstbesten BH an, das Handy zwischen Kopf und Schulter eingeklemmt.

»Ja, das ist mir sehr wohl bewusst.«

Catherine warf sich eine Bluse über. Zuknöpfen konnte sie sie unterwegs. Dann griff sie nach ihrer Handtasche und dem Mantel, während sie in ihre Schuhe schlüpfte.

»Hervorragend«, tönte aus ihrem Handy. »Dann kann ich Ihnen ja jetzt erzählen, worum es geht.«

Catherine lächelte. Sie war selbst erstaunt, wie ruhig sie auf einmal war. Nein, nicht ruhig. Fokussiert. Hinter ihr fiel die Tür ihres Apartments ins Schloss.

»Ich glaube, das wird nicht nötig sein, Mister Wilson. Ich bin in zehn Minuten bei Ihnen. Und ich denke, ich weiß bereits, worum es bei diesem Job gehen wird …«

 

Selten war Catherine so froh gewesen, dass sie sich ein Apartment in der Nähe ihres Arbeitsplatzes gesucht hatte. Tatsächlich dauerte es keine zehn Minuten, bis sie die Steintreppe vor dem pompösen, halb im Nebel versunkenen Haupteingang des Pentagons emporeilte.

Catherine nickte den wachhabenden Soldaten zu. Einen der beiden kannte sie: Ramirez, ein Schrank von einem Mann, den sie noch nie schlecht gelaunt erlebt hatte. Er lächelte und winkte sie einfach durch, ohne ihren Ausweis auch nur anzuschauen. Der andere Corporal starrte steif an ihr vorbei.

Ihre Schritte hallten durch den Empfangssaal. Marmorböden und Säulen schmückten den überlebensgroßen Raum. Catherine hatte die Architektur des Pentagons nie gemocht. Zu groß, zu kalt, zu undemokratisch. Nicht dem angemessen, was es schützen sollte. Sie hielt ihren Ausweis an das Lesegerät und trat dann durch die Personalschleuse. Die wachhabende Offizierin machte keine Anstalten, sich von ihrem Stuhl zu erheben. Sie blickte Catherine nur missbilligend an und wirkte froh, als sie endlich durch war.

In den inneren Ringen wurde das Gebäude langsam freundlicher. Dreißigtausend Menschen arbeiteten im Verteidigungsministerium, mehr als in so mancher Kleinstadt wohnten. Entsprechend wirkte der Gebäudekomplex eher wie ein Einkaufszentrum als wie eine Regierungsbehörde. Zu ihrer Linken erschien ein Burger King, rechts der Starbucks, bei dem sie schon ein halbes Vermögen gelassen hatte. Beide Geschäfte lagen sonntags um sieben Uhr dreißig wie ausgestorben vor ihr. Catherine konnte sich nicht erinnern, das Pentagon jemals so leer erlebt zu haben. Andererseits – wie oft war sie schon um diese Zeit hier?

Der Gebäudekomplex bestand aus fünf Ringen, Catherine erreichte gerade den dritten. Sie bog nach rechts ab und nahm den Aufzug. US Air Force – Installations, Environment & Logistics, stand neben dem Knopf, den sie schon hundertfach gedrückt hatte.

Sie zog ihren Ausweis durch einen weiteren Schlitz. Der Lift setzte sich in Bewegung. Als sich die Türen ein paar Sekunden später wieder öffneten, stand bereits eine Frau mit wallenden roten Locken vor ihr und strahlte sie an. Sie war vielleicht Ende dreißig, ausgesprochen schlank und trug einen Tablet-PC unter dem Arm.

»Doktor Strive«, sagte sie und zeigte dabei ihre blendend weißen Zähne. Catherine richtete sich unwillkürlich auf. »Schön, dass Sie da sind. Mein Name ist Jennifer. Wenn Sie mir bitte folgen wollen, ich bringe Sie dann zu den anderen.«

Bevor sich Catherine erkundigen konnte, welche anderen sie meinte, hatte Jennifer bereits auf dem Absatz kehrtgemacht und sich in Bewegung gesetzt. Dafür, dass sie einen viel zu engen Minirock und absurd hohe Absätze trug, war sie erstaunlich schnell. Catherine musste sich beeilen, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Missbilligend schaute sie der Frau auf den Hintern. Fehlte nur noch eine Brille und ein Klemmbrett anstelle des Tablets, und Jennifer hätte die perfekte Klischee-Sekretärin abgegeben, stets aufgedonnert und mit einem verführerischen Lächeln auf den Lippen. Catherine wischte diese Gedanken beiseite. Und wenn schon. Sie selbst kam auch ohne eine solche Figur gut genug bei den Männern an.

Hinter einer Glastür, in einem Bereich, in dem sich Catherine noch nie aufgehalten hatte, war zum ersten Mal so etwas wie Aktivität festzustellen. In einem kleinen Besprechungsraum saßen eine Handvoll Leute. Sie alle schauten auf eine große Leinwand.

Jennifer öffnete Catherine die Tür und schloss sie hinter ihr wieder, ohne selbst den Raum zu betreten. Catherine ging auf die u-förmige Bestuhlung zu. Ihre Absätze waren auf dem Steinboden gut zu hören, und auch als sie schließlich Handtasche und Handy nebeneinander auf die schwere Tischplatte legte, lief das ziemlich geräuschvoll ab. Und doch drehte sich keiner nach ihr um. Die Blicke aller Anwesenden waren auf die Leinwand gerichtet, auf der eine Reihe von Satellitenbildern dargestellt war. Catherine erkannte die unregelmäßige Form in der Mitte sofort wieder.

Ein rundlicher, älterer Afroamerikaner mit kurzen weißen Locken und breitem Mund erhob sich von seinem Platz und lenkte so die Aufmerksamkeit der anderen auf Catherine. Der Mann watschelte ihr regelrecht entgegen, die Knie weit nach außen gedreht, und trotzdem strahlte er eine ungemeine Autorität aus. Er trug eine dunkelblaue Uniform, die über seinem Bauch spannte, an den Schulterklappen jedoch mit vier Sternen protzte. Und ja, er kam ihr tatsächlich bekannt vor. Von wegen Mister Wilson. General Wilson! Anders als Catherines direkter Chef war dieser Mann kein Zivilist. Sie wunderte sich, dass er sich ihr nicht mit seinem militärischen Dienstgrad vorgestellt hatte.

Der General musterte Catherine mit wachen, hellgrauen Augen. Dann lösten sich seine strengen Gesichtszüge, und lächelnd streckte er ihr die Hand entgegen. »Doktor Strive. Freut mich, Sie persönlich kennenzulernen.«

Sein Händedruck war kräftig, vielleicht etwas zu kräftig. Auf Männer gemünzt. Aber Catherine war das im Pentagon bereits gewohnt, verzog keine Miene und deutete im Gegenzug eine leichte Verbeugung an. »General.«

Dschänäräl. Es klang nicht so respektvoll, wie es hatte klingen sollen.

Der General machte keine Anstalten, ihre Hand wieder loszulassen. Im Gegenteil. Er drehte sich rechts neben sie und legte ihr auch noch seine linke Hand auf die Schulter.

»Meine Damen und Herren«, wandte er sich an das kleine Grüppchen vor ihm. »Darf ich Ihnen Miss Catherine Strive vorstellen, Ihre neue Chefin.«

Unwillkürlich stellte sich Catherine ein bisschen aufrechter hin und verschränkte die freie Hand hinter dem Rücken. Mit dieser Entwicklung hatte sie nicht gerechnet. Ganz offenbar war sie damit nicht die Einzige. Ein Raunen ging durch den Raum.

General Wilson ignorierte die Reaktionen. »Miss Strive ist eine unserer fähigsten Kräfte auf dem Gebiet von Fernerkundung, Basiskonstruktion und genereller Infrastrukturplanung. Harvard. Doktor am MIT. Und vier grandiose Jahre im DoD, auch wenn ich Ihnen davon leider wenig erzählen darf.« Er grinste. »Aber Sie wissen ja, wie das bei uns läuft.«

Endlich ließ der General von ihr ab. Catherine begann, ihre neuen Mitarbeiter zu mustern. Durchgehend Männer. Keiner von ihnen war nur annähernd so jung wie sie. Ein paar kannte sie aus ihrer Abteilung, als Leiter von eigenen kleinen Teams, doch Catherine hatte nie den Kontakt zu ihnen gesucht.

Die Männer erwiderten Catherines Blick, manche neutral oder skeptisch, andere – darunter ein indischstämmiger Mann mit schütterem Haar – offen feindselig. Catherine versteifte sich innerlich. Das würde keine leichte Aufgabe werden.

Sie setzte ein Lächeln auf, von dem sie hoffte, dass es gewinnbringend wirkte, strich sich eine Strähne aus den Augen, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte, und breitete die Hände aus, so dass ihre Handflächen zu sehen waren.

»Meine Herren, ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit Ihnen und mit Ihren jeweiligen Gruppen.«

Keine Reaktion.

Schließlich ergriff General Wilson wieder das Wort. Er wandte sich direkt an Catherine. »Miss Strive, Sie sind bestimmt gespannt, worin genau Ihre Aufgabe besteht. Im Gegensatz zu Ihrem neuen Team sind Sie schließlich noch nicht über die Situation unterrichtet worden. Schauen Sie!« Er deutete auf den Bildschirm hinter sich. »Vor einer guten Stunde hat sich etwas absolut Ungeheuerliches zugetragen.«

»Ich weiß.« Diesmal war Catherines Lächeln echt, sehr echt. »Im Pazifik ist ein neuer Kontinent entstanden.«

Raunen. Ungläubige Blicke.

Und obwohl Catherine ihn selbst ausgesprochen hatte, klang dieser Satz in ihren Ohren falsch, regelrecht absurd.

General Wilsons Verblüffung verwandelte sich rasch in ein anerkennendes Grinsen. »Ausgezeichnet! Ich sehe, Ihnen eilt Ihr Ruf zu Recht voraus, Miss Strive.« Er räusperte sich. »Dann wissen Sie sicher auch, was diese Entwicklung bedeutet?«

Nein, das wusste sie nicht. Noch nicht.

Catherine sah ihm in die Augen, hielt aber den Mund.

»Natürlich wissen Sie das«, sagte der General, klopfte ihr grinsend auf die Schulter und drehte sich dann zu den anderen um. »Es ist eine gigantische Option, eine Chance, Geschichte zu schreiben. Und eine Chance, die wir rasch ergreifen müssen. Glauben Sie mir, auch die Chinesen schlafen nicht. Das Wettrennen hat bereits begonnen.«

Catherine schluckte. Allmählich begriff sie die Dimensionen, um die es hier ging.

General Wilson stützte sich mit beiden Fäusten auf dem Tisch ab. »Wir müssen jetzt handeln, sofort, solange alle anderen noch unter Schock stehen.« Dann lehnte er sich lachend zurück. »Heilige Scheiße, da draußen ist eben ein neuer Kontinent entstanden! Und fragen Sie mich bitte nicht, wie. Das kann Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt bestenfalls der liebe Gott erklären. Aber solange nicht alle unsere Satelliten zugleich spinnen, ganz zu schweigen von dem Radar unserer Fregatte, ist das da draußen real. Und sehr bald haben wir dafür auch einen handfesten Beweis.«

Er erhob seine Stimme. »Meine Dame, meine Herren. Vor zehn Minuten ist eine F/A-18 von der USS Ronald Reagan gestartet. Die Ronald Reagan befindet sich derzeit keine zweihundert Seemeilen von dem nordöstlichsten Punkt dieses Objektes entfernt.« Er strahlte. »Das bedeutet: Wir rechnen jede Minute mit den ersten Bildern.«

General Wilson zelebrierte den Moment, als er mit übertriebener Langsamkeit die Fernbedienung auf den Bildschirm richtete. Die Ansicht aus dem Cockpit eines Militärjets erschien, doch viel mehr war bislang nicht zu erkennen. Das Flugzeug befand sich inmitten dichter Wolken. Die Stimme eines Offiziers der USS Ronald Reagan dröhnte aus den Lautsprechern. »Massives Radarecho zehn nautische Meilen voraus. Der Pilot geht in den Sinkflug über.«

Auf dem Monitor war noch nichts zu sehen. Trotzdem wandte niemand den Blick ab, selbst dann nicht, als einige weitere Männer in den Raum kamen und wortlos Platz nahmen. Auch Catherine setzte sich.