Beschreibung

Der 5. Fall auf Langeoog Das Leben als Inselpolizist ist beschaulich. Auf Langeoog geschehen keine großen Verbrechen. Zumindest hatten Polizeimeisterin Lotta Dönges und ihr Kollege Onno Federsen dies bisher immer geglaubt. Als am letzten Arbeitstag vor dem Heiligen Abend die örtliche Inselbank das Ziel eines Überfalls wird, können die beiden es kaum fassen. Wer ist so dumm und überfällt auf einer Insel mit eingeschränktem Fährbetrieb eine Bank? Oder handelt es sich in Wahrheit um ein ausgetüfteltes Husarenstück?

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Micha KrämerSand in den Wunden

Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de© 2020 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8374-3

Micha KrämerSand in den Wunden

Micha Krämer wurde 1970 in Kausen, einem kleinen 700 Seelen Dorf im nördlichen Westerwald, geboren. Dort lebt er noch heute mit seiner Frau, zwei mittlerweile erwachsenen Söhnen und seinem Hund. Der regionale Erfolg der beiden Jugendbücher, die er 2009 eigentlich nur für seine eigenen Kinder schrieb, war überwältigend und kam für ihn selbst total überraschend. Einmal Blut geleckt, musste nun ein richtiges Buch her. Im Juni 2010 erschien „KELTENRING“, sein erster Roman für Erwachsene, und zum Ende desselben Jahres folgte sein erster Kriminalroman „Tod im Lokschuppen“, der die Geschichte der jungen Kommissarin Nina Moretti erzählt. Was als eine einmalige Geschichte für das Betzdorfer Krimifestival begann, hat es weit über die Region hinaus zum Kultstatus gebracht. Inzwischen findet man die im Westerwald angesiedelten Kriminalromane in fast jeder Buchhandlung im deutschsprachigen Raum.Neben seiner Familie, dem Beruf und dem Schreiben gehört die Musik zu einer seiner großen Leidenschaften.

Prolog

Insel Langeoog 23.12.2019

Morgen war Weihnachten. Noch einmal schlafen bis Heiligabend. Zum Glück musste er aber bis zur großen Bescherung nicht mehr so lange warten. Wenn heute alles glattlief, und das würde es, dann säße er am zweiten Weihnachtstag am Strand von Buenos Aires, schlürfte einen leckeren Cocktail nach dem anderen und bohrte seine Zehen in den warmen schneeweißen Sand. So wie es sich für einen gemachten Mann gehörte. Natürlich mit zwei oder drei braun gebrannten Superschnecken in den Armen und einer dicken kubanischen Zigarre in der Hand. Wobei er ja eigentlich gar nicht rauchte. Aber wie hatte sein Opa schon immer gesagt? „Wat mutt, dat mutt.“ Und er musste jetzt endlich auch reich werden und sich ein Stück vom Kuchen abschneiden.

Er hatte alles ganz genau geplant. Von dem Ding, das er drehen würde, konnten diese doofen Insulaner noch ihren Urenkeln erzählen. Besonders diese beiden Inselbullen würden ganz schön blöd aus der Wäsche gucken. Er checkte den Revolver mit den Platzpatronen. Rumballern wollte er mit dem alten Eisen nicht. Nein, er war ja kein Mörder oder Gewalttäter. Die alte Kanone musste lediglich als Drohmittel ihren Zweck erfüllen. Wenn man den Leuten so ein bisschen mit dem Schießeisen vor der Nase herumfuchtelte, dann wurden die auch gleich wesentlich kooperativer.

Donald verstaute die Kanone in seiner Tasche und holte die beiden Masken, die sie letzte Woche in Hamburg bei einem Händler für Scherzartikel erstanden hatten, aus der Plastiktüte. Es konnte losgehen.

Er sah aus dem Fenster. Draußen war ekelhaftes Schietwetter. So ziemlich genau das Gegenteil von dem, was ihn in Südamerika erwarten würde. Doch für das, was er gleich vorhatte, war es optimal. Ja, es schien fast so, als wäre selbst Petrus auf seiner Seite.

„Angie, bist du so weit?“, rief er seine Partnerin bei deren Codenamen.

„Moment, Donald“, antwortete sie zu seiner Zufriedenheit. Klar hieß Angie eigentlich gar nicht Angie. Genau wie er nicht Donald hieß. Nein, solch einen doofen Namen hatten nur Enten aus Entenhausen und Präsidenten.

Die Sache lief bisher wie am Schnürchen. Das Einzige, was ihm ein wenig Kopfzerbrechen bescherte, war das, was nach ihrem Supercoup unweigerlich folgen würde. Das Teilen der Beute. Wenn er eines in seinem Leben noch nie gekonnt hatte, dann waren das Teilen und Verlieren. Schon im Sandkasten hatte er immer alle Förmchen, die Schaufel sowie den kleinen bunten Plastikeimer für sich alleine beansprucht. Da hatte es auch nichts geholfen, dass seine Oma immer wieder versucht hatte, ihm einzureden, wie wichtig es doch sei, das, was man habe, mit anderen zu teilen. Nein, er fand Teilen und Abgeben einfach nur dämlich.

Im Bad war die Toilettenspülung zu hören. Irgendwie konnte er Angie ja schon gut leiden. Aber es half ja nichts.

Er atmete mehrmals tief ein und aus und flüsterte noch einmal die Weisheit von Opa Hans: „Wat mutt, dat mutt.“

Kapitel 1

Insel Langeoog/Praxis Dr. Bechersheim23.12.2019

Es war am Ende doch alles viel schneller gegangen, als Doktor Jan Martin Bechersheim es sich vorgestellt hatte. Nun stand er am Fenster seines Sprechzimmers und beobachtete die Schneeflocken, die der heftige Nordwind an die Scheibe wehte, wo sie zuerst kleben blieben, dann langsam dahinschmolzen, um schließlich vereint mit ihren Artgenossen als immer dicker werdende Wassertropfen herunterzurinnen. So manch einer würde das, was sich da draußen abspielte, mit Fug und Recht und ziemlich abwertend als Schietwetter bezeichnen. Ein Begriff, an den er sich als Rheinländer im norddeutschen Exil sehr schnell gewöhnt hatte. Er mochte dieses Schietwetter auch in der Realität. Es war ihm egal, ob da draußen die Sonne schien, ob es regnete oder wie heute schneite. Ja, selbst als letztens dieser Sturm über das kleine Eiland in der Nordsee gefegt war, hatte dies einen gewissen Reiz auf ihn ausgeübt. Egal, was sich da draußen auf dem Meer gerade zusammenbraute – es machte ihm nichts aus.

Als er vor etwas mehr als sieben Monaten zum ersten Mal den Fuß auf Langeoog setzte, war er wahrlich reif für die Insel gewesen. Drei Jahre lang hatte er zuvor, tagein, tagaus in einem fensterlosen OP der Ubbo-Emmius-­Klinik in Aurich gestanden und an Leuten herumhantiert, als seien die eine defekte Maschine. Operieren am Fließband. Er hatte so viele Überstunden angesammelt, dass, wenn er diese hätte abfeiern sollen, er sich mindestens für ein Jahr hätte freinehmen können. Stattdessen hatte er jedoch nach seinem ersten Besuch auf der Insel gleich Nägel mit Köpfen gemacht und fristgerecht zwei Wochen zum Quartalsende gekündigt. Schluss, aus, vorbei. Keine zehn Pferde würden ihn wieder zurück in den Operationssaal einer Klinik bekommen. Und auch nicht sein Vater, der feine Herr Professor und Chef einer eigenen Düsseldorfer Schönheitsklinik, könnte an seinem Entschluss etwas ändern.

Sein alter Herr hatte zuerst schon ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt, als Jan Martin ihm von seinem Plan, eine alteingesessene Allgemeinarztpraxis auf einer Nordseeinsel zu übernehmen, berichtet hatte. Nachher, als er merkte, dass es seinem Sohn tatsächlich ernst damit war, hatte er dann getobt wie ein wilder Stier. Er sei von Sinnen … der Verstand sei ihm wohl in die Hose gerutscht … bla bla.

Nun gut, dass er, Jan Martin, derzeit ein wenig hormongesteuert agierte, musste er selbst zugeben. Amors Pfeil hatte ihn so getroffen wie nie zuvor in seinem Leben. Aber vermutlich wäre er auch nach Langeoog gegangen, wenn er Gina Marie von Schlechtinger nicht begegnet wäre. Wobei, nein … wenn er sie nicht getroffen hätte, wäre er an dem Wochenende im letzten Mai erst gar nicht herübergeflogen, sondern auf dem Festland geblieben. Dann hätte er diese Insel niemals besucht und sich in sie verliebt. Also, in die Insel jetzt und nicht in Gina Marie … wobei er in die ja natürlich auch total verschossen war. Nein, er war schlichtweg reif für die Insel gewesen. Und wenn nicht für diese, dann für eine andere. Aber alles war nun gut, so wie es war. Er seufzte und freute sich darauf, gleich nach Hause zu gehen, wo Gina Marie bereits auf ihn warten würde. Draußen schob sich derweil die Dunkelheit wie ein schwarzes Tuch über die Insel. Der Sturm wurde heftiger und ließ die Fensterscheibe leicht zittern.

Vorgestern war der kürzeste Tag des Jahres gewesen. Wintersonnenwende. Das hieß jedoch im Umkehrschluss, dass es ab jetzt wieder aufwärtsging. Nun würde die Sonne jeden Tag ein paar Minütchen länger am Himmel stehen. Und bevor man es sich versah, stand dann der Frühling vor der Türe.

An der Türe seines Sprechzimmers klopfte es jetzt ebenfalls. Jan Martin wandte seinen Blick vom Fenster ab und richtete seinen Kittel, bevor er den oder die Anklopfende hereinbat. Isabela Hensen, seine Sprechstundenhilfe, steckte ihre blonde Wuschelmähne durch den Türspalt.

„Herr Doktor, da ist doch noch ein Patient gekommen. Empfangen Sie den noch? … Ist ja eigentlich schon Feierabend … aber es scheint ein Notfall zu sein.“

„Ja, natürlich tut der mich noch empfangen tun“, donnerte von hinter Isabela eine Stimme aus dem Flur, die Jan Martin nur allzu gut kannte.

Er musste unweigerlich lächeln, als sich Martin von Schlechtinger, dicht gefolgt von Lumpi, der Border-­Collie-Hündin, an der Sprechstundenhilfe vorbei in den Behandlungsraum zwängte, die Blondine dann zurück in den Flur schob und ihr die Türe vor der Nase zumachte.

„Moin, Martin“, begrüßte Jan Martin erst einmal seinen zukünftigen Schwiegervater, der dreinschaute, als sei jemand gestorben oder zumindest kurz davor. Wie immer trug das Kölner Urgestein eine seiner blauen Arbeitslatzhosen, auf deren Latz noch immer das Logo seiner alten Firma GAS-WASSER-HEIZUNG VON SCHLECHTINGER KÖLN KALK prangte.

„Moin moin, Jan Maddin“, grüßte der Kölner friesisch echt zurück.

„Nun … wo drückt denn der Schuh?“, fragte der und schüttelte dem Vater seiner Angebeteten die Pranke.

„Ja, Schuh is gut. Et is ja tatsächlich dat Pfötchen. Dat Lumpi is eben am Strand in eine Glasscherbe getreten“, jammerte Martin, während er sich hinkniete und nach Lumpis Pfote griff.

Erst jetzt bemerkte Jan Martin die blutigen Pfotenabdrücke auf dem hellen Linoleumboden.

Jan Martin hatte ein Herz für Tiere. Natürlich würde er sich um die Verletzung des Hundes kümmern. Er ging also neben dem Klempner in die Hocke und betrachtete die Wunde. Der Schnitt war nicht groß und befand sich genau zwischen den Ballen. Nähen musste man da nichts, das würde auch so wieder heilen. Einzig der Sand, der in und um die Verletzung herum klebte, gehörte entfernt, bevor man einen Verband anlegte. Sand in den Wunden war ein echtes Problem hier auf der Insel. Was aber auch kein Wunder war, da es ihn schließlich überall gab. Wenn man die Sache mal rein objektiv betrachtete, lebten sie alle hier auf einem riesengroßen Haufen Sand mitten im Meer. Wenn er zu Hause die kleine Wohnung fegte, war da nachher auf dem Kehrblech ein Häufchen Sand. In den Ritzen des Sofas, in den Schuhen – überall Sand.

Jan Martin erhob sich und ging zu der alten weiß vergilbten Metallvitrine, die vermutlich noch von seinem Vorvorvorgänger stammte, und entnahm ihr das Desinfektionsmittel, einige Tupfer und Verbandszeug.

„Du weißt schon, dass ich in Teufels Küche komme, wenn jemand erfährt, dass ich hier in der Praxis einen Hund behandle?“, äußerte er seine Bedenken, als er sich zu Martin und Lumpi auf den Boden setzte. Den Hund im Stehen auf der Liege zu verarzten, auf der er morgen wieder seine Patienten behandelte, kam nicht infrage. So etwas ging gar nicht.

„Aber dat Lumpi gehört doch zur Familie. Dat is doch wie ein Mensch“, beschwerte der Urkölner sich.

„Ich weiß, deshalb bekommt sie ja auch eine Sonderbehandlung, die aber unter uns bleibt“, erklärte Jan Martin.

Familie. Das war etwas, das er bisher so auch noch nicht gekannt hatte. Klar hatte auch er eine Mutter, einen Vater, eine Schwester und sogar noch Großeltern. Die waren seine Familie … zumindest in der Theorie. In der Praxis sah das Ganze jedoch anders aus. Als er zehn war, hatten seine Eltern beschlossen, ihn in ein Internat in der Schweiz zu stecken. Ob er das auch wollte, danach hatte keiner gefragt. Nur in den Ferien war er anfangs nach Hause an den Rhein gekommen. Später, mit sechzehn, auch das nicht mehr regelmäßig. Über die Jahre waren ihm die Eltern und Verwandten immer fremder geworden. Seine Lehrer und Mitschüler waren ihm am Ende seiner Schulzeit näher als seine Familie gewesen. Nach dem Abi dann das Studium in Berlin. Er hatte nie ernsthaft einen Gedanken daran verschwendet, irgendwann einmal zurück nach Düsseldorf zu gehen, um an der Seite seines Vaters in dessen Schönheitstempel anzuheuern. Nein. Er war Arzt geworden, um anderen Menschen zu helfen, gesund zu werden, und nicht, um sie wider die Natur umzugestalten.

„Meinst du, dat wird wieder heil?“, war Martin sehr besorgt um seinen Vierbeiner und kraulte Lumpi dabei hinter den Ohren.

„Natürlich wird das wieder“, entgegnete Jan Martin, während er die Wunde reinigte.

Er musste an Hannah denken. Nicht auszumalen, wie die reagieren würde, wenn sie von Lumpis verwundeter Pfote erfuhr.

Wenn man es ganz genau nahm, gab es in seinem Leben nämlich mittlerweile sogar zwei Frauen, die er liebte. Zum einen Gina Marie, mit der er seit dem Sommer verlobt war. Und dann war da ja auch noch die kleine Hannah, Gina Maries Tochter, die ihn vor drei Wochen gefragt hatte, ob er nicht ihr Papa sein wollte und ob sie in Zukunft auch Papa zu ihm sagen dürfte. Da hatte Gina Marie aber mal ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt. Natürlich hatte Jan Martin ohne lange zu zögern zugestimmt. Und so kam es, dass er seit diesem Tag eine Tochter von bereits sechs Jahren hatte. Also zumindest fast sechs Jahren … denn Hannahs Geburtstag war ja erst am fünften Januar.

Hannahs bester Freund war Lumpi, der Hund ihres Opas Martin von Schlechtinger. Wo sich nun wieder der Kreis schloss. Lumpi gehörte zur Familie. Ende. Punkt. Aus.

„Ist Gina Marie eigentlich noch im Büro?“, erkundigte er sich bei seinem Schwiegervater in spe und legte eine Kompresse auf den Ballen der Pfote. Lumpi war wirklich sehr tapfer und hielt ganz still.

„Natürlich. Bis sechs wird ja noch gearbeitet. Dat Frau Annemarie ist da sehr genau“, wusste Maddin.

*

Endlich Feierabend. Es wurde auch wahrhaftig Zeit. Inselpolizistin Lotta Dönges nahm ihre Jacke vom Haken und griff sich die Handschuhe samt der neuen Dienstmütze von der Heizung. Draußen war aber auch ein Schietwetter dieser Tage. Sie schloss die Türe der Wache, schnappte sich ihr Fahrrad und radelte los. Die nassen Schneeflocken, die der Sturm ihr ins Gesicht wehte, waren äußerst unangenehm. Aber es gab wahrlich Schlimmeres, als nach einem geruhsamen Arbeitstag ohne größere Zwischenfälle nach Hause zu fahren. Das Leben als Inselpolizistin würde sie, zumindest hinter vorgehaltener Hand, als ziemlich ruhig bezeichnen. Große Verbrechen gab es auf dem kleinen Eiland Langeoog eher selten. Das Tagesgeschäft von Lotta und ihrem Kollegen Onno Federsen bestand in der Hauptsache aus der Aufnahme von Fahrradunfällen, mit und ohne Personenschäden. Natürlich hatte es auch in den letzten Jahren einige spektakuläre Fälle auf der Insel gegeben, an deren Aufklärung Lotta nicht ganz unbeteiligt gewesen war. Von Mord, über Schiffsexplosionen, bis hin zum organisierten Verbrechen war alles dabei. Seit Mai dieses Jahres war aber nun irgendwie gar nichts mehr außerhalb der täglichen Routine passiert. Lotta hatte sich sogar schon mehrfach dabei ertappt, dass sie sich, zumindest so ein kleines bisschen, mehr Action herbeisehnte. Es mussten ja nicht gleich Mord und Totschlag sein. Aber wenigstens so eine klitzekleine Gaunerei. Letztens waren sie und Onno zu einem vermeintlichen Pferdediebstahl gerufen worden. Da hatte sie sich schon total gefreut, dass endlich mal was los war. Leider war der Gaul, ein Hengst in den besten Jahren, lediglich ausgebüchst, um den Stuten auf der Nachbarweide einen Besuch abzustatten.

Wenn man es genau nahm, war Lotta mittlerweile ja nur noch eine halbe Inselpolizistin. Also von morgens um acht bis mittags. Seit der Geburt des kleinen Eike arbeitete sie nämlich nur noch halbtags. Dass sie heute einmal einen ganzen Tag Dienst geschoben hatte, lag alleine an der Tatsache, dass ihr Kollege Onno Federsen, seines Zeichens Inhaber einer ganzen Stelle, Urlaub hatte. Okay, Onno war nicht verreist, sondern lag vermutlich gerade zu Hause auf dem Sofa oder kümmerte sich um seinen Onkel Albert, der überraschend einige Tage zu Besuch auf die Insel gekommen war. Aber egal, Urlaub war nun einmal Urlaub, und der stand jedem Beamten zu. Ob der jetzt verreisen, einfach nur einmal einen Tag am heimischen Strand in der Sonne liegen oder zum Beispiel sein Haus renovieren wollte. Wobei es heute mit am Strand in der Sonne liegen nun eh nichts war. Wie gesagt: Schietwetter. Und wenn man dem glauben sollte, was die vom Deutschen Wetterdienst vorhersagten, dann braute sich über der Nordsee gerade heftig etwas beisammen.

In Onnos Fall war es die bucklige Verwandtschaft gewesen, die den Kollegen dazu gebracht hatte, einen Urlaubsantrag einzureichen. Ende Februar musste Onno im Gegenzug dafür den Laden auch mal zwei Wochen alleine schmeißen. Dann nämlich, wenn Lotta Urlaub hatte und gemeinsam mit Krischan und dem kleine Eike ihre Freundin Nina Moretti im Westerwald besuchen würde. Lotta hatte schon immer mal Karneval feiern wollen. Martin erzählte da ja die dollsten Geschichten aus seiner Heimatstadt. Auf den Ausflug mit Nina zum Kölner Karneval freute sie sich deshalb schon seit dem Abend im Mai, als sie dies vereinbart hatten.

Lotta trat in die Pedale. Dabei schweiften ihre Gedanken wieder, wie so oft dieser Tage, zum anstehenden Weihnachtsfest ab. Es gab noch so viel, was sie dafür besorgen und erledigen musste. Dieses Jahr würde sich nämlich die gesamte Familie am Heiligen Abend bei ihnen zu Hause in dem alten Friesenhaus am Rande des Dorfes treffen. Da gab es im Vorfeld wahrlich einiges zu organisieren. Morgen bliebe die Wache daher unbesetzt. An der Türe hing dann lediglich ein Zettel mit ihrer Telefonnummer. Sollte wider Erwarten doch einmal etwas passieren, war sie zu Hause erreichbar und innerhalb von wenigen Minuten zur Stelle. Aber was sollte schon groß geschehen?

Lotta war so vertieft in ihre Festplanung, dass sie die beiden seltsamen Gestalten erst bemerkte, als die ihr fast schon in ihr Fahrrad gerannt waren. Sie legte eine gekonnte Vollbremsung hin und kam nur wenige Zentimeter vor dem einen zum Stehen.

„Hey, geht’s noch!“, schrie sie und stand dann auch schon fest mit beiden Beinen auf dem Boden.

In ihrer Aufregung brauchte sie einen Augenblick, um zu verstehen, was gerade ablief. Das Bild, das sich ihr bot, war einfach zu grotesk, um wahr zu sein. Vor ihr auf der Straße standen Donald Trump und Angela Merkel und zielten mit schweren Trommelrevolvern auf Lotta. Eine Szene wie in einem Wildwestfilm.

Irritiert blickte Lotta von dem einen zur anderen und dann zur Filiale der Friesischen Inselbank, aus der die beiden gerade herausgestürmt waren. Frau Merkel löste sich als Erstes aus ihrer Starre, packte Donald und zog ihn mit sich fort.

„He … Sie … Moment mal“, rief Lotta, als sie nun endlich zumindest im Ansatz begriff, was hier ablief. Ein Banküberfall! Sie ließ den Lenker ihres Dienstrades los, das augenblicklich und mit einem lauten Scheppern auf das rote Klinkerpflaster knallte. Hektisch zog auch Lotta ihre Pistole, die sie zugegebenermaßen seit Jahren nicht mehr benutzt hatte, aus dem Gürtelholster. So ungeübt und dann auch noch mit den Winterhandschuhen und der dicken Outdoorjacke war dies gar nicht so einfach. Vor allem kam es ihr vor wie eine gefühlte Ewigkeit, bis sie das Schießeisen endlich in den Händen hielt. Dann rannte sie los.

Die beiden waren, das musste Lotta zugeben, schnell zu Fuß. Bereits nach den wenigen Sekunden, die sie selbst mit dem Ziehen der Pistole vertrödelt hatte, waren die schon ein gutes Stück gelaufen und flitzten gerade um die Ecke zur nächsten Querstraße, wo es in Richtung des „Hauses der Insel“ ging. Lotta sprintete hinterher. Früher in der Schule war sie im Sport, trotz ihrer gerade einmal eins sechzig Körpergröße, immer eine der Schnellsten gewesen. Jetzt gerade rächte sich allerdings das gemütliche Inselleben, gepaart mit dem leckeren Essen, das Krischan ihr ständig auftischte. Der war ein begnadeter Koch.

*

Als Martin von Schlechtinger die Arztpraxis verließ, hatte er sich, den Umständen entsprechend, schon wieder so einigermaßen beruhigt. Aber sollte er noch einmal jemanden erwischen, der achtlos eine Bier-, Wein- oder wie auch immer geartete andere Flasche arglos wegwarf oder zerdepperte, dann konnte derjenige sich auf etwas gefasst machen. Auf der gesamten Insel verteilt gab es überall Behältnisse für Müll. Warum nur konnten einige Mitmenschen ihren Mist nicht einfach dort entsorgen, wo er hingehörte? Im Falle von Glasflaschen war das nun mal der Altglascontainer. Bei Mehrwegflaschen gab es im Getränkemarkt sogar noch Geld zurück, wenn man die leeren Pullen wieder abgab. Aber nein, stattdessen schlugen die Leute im Suff, oder einfach nur so aus Spaß, alles kurz und klein. Es ging ja nicht nur darum, dass Tiere, wie seine Lumpi, in die Scherben traten. Nein. Erst letztens hatte ihm Horst, einer der hessischen Sanis von der Rettungswache, erzählt, dass es durchaus sehr häufig vorkam, dass Urlauber, die barfuß den Sand und das Meer spüren wollten, in eine Scherbe traten. Natürlich wurde der Strand von Langeoog regelmäßig gereinigt. Unfassbar, was sich in dem Behälter des Strandrechens alles für ein Unrat fand. Aber man konnte ja einfach nicht so schnell aufräumen, wie manche Zeitgenossen Dreck machten.

Draußen schneite es noch immer. Wobei das ja nun kein richtiger Schnee, sondern mehr so eine nasse Pampe war, die da vom Himmel fiel und sich sofort wieder auflöste, wenn sie den Boden berührte. Mittlerweile kam der Schnee nicht mehr direkt von oben, sondern mehr so horizontal herangefegt. Der Wind war wahrlich nicht von schlechten Eltern. Martin schlug den Kragen seiner Jacke hoch. Den Rand seiner rot-weißen 1. FC Köln-Strickmütze zog er so weit herunter, dass er gerade noch etwas sehen konnte.

Die Versorgung von Lumpi hatte sein zukünftiger Schwiegersohn, soweit Martin als Nichtmediziner dies beurteilen konnte, sehr anständig erledigt. Die Pfote des braven Tieres zierte nun ein weißer Verband, der gegen die Nässe mit einer durchsichtigen Plastiktüte geschützt worden war. Lumpi hinkte immer noch, doch Martin war nun zuversichtlich, dass das wieder werden würde.

Er zuckte heftig zusammen, als es plötzlich laut hinter ihm knallte. Er wirbelte herum und sah, wie zwei finstere Gesellen in seine Richtung stürmten. Vor ihren richtigen Gesichtern trugen die beiden Gummimasken, die Martin irgendwie bekannt vorkamen. Der eine war ein Mann mit einer blonden Spoilerfrisur. Die andere stellte eine hässliche Frau mit einem Kinn wie eine Bulldogge dar … Oder war das doch auch ein Mann? Martin war sich da nicht ganz sicher. Sicher war er sich allerdings, dass die Dinger in den Händen der beiden Pistolen waren. Diese großen Kanonen, wie man sie aus amerikanischen Western kannte. Als seien sie auf der Flucht, stürmten die beiden nur wenige Meter an ihm und Lumpi vorbei. Es war gut, dass er Lumpi heute ausnahmsweise einmal angeleint hatte. Die regte sich nämlich ansonsten immer so auf, wenn Menschen hektisch waren.

Martin überlegte noch, ob derzeit wohl ein Krimi auf der Insel gedreht wurde, als er eine dritte Person erkannte, die den anderen beiden hinterherhetzte. Lotta Dönges! Ihres Zeichens Inselpolizistin und die bessere Hälfte seines Lieblingskollegen Krischan.

„Halt! Polizei! Stehen bleiben oder ich schieße!“, schrie Lotta und war, bevor er es sich versah, bereits an ihm vorbei den anderen beiden hinterher. Die befanden sich nun auf Höhe des als Denkmal ausgestellten alten Seenotrettungsschiffes „Langeoog“ gegenüber dem „Haus der Insel“. Martin war nicht in der Lage, sich zu bewegen. Er stand einfach da und glotzte den dreien hinterher. Die Frau blieb nun stehen, wirbelte herum und schoss. Augenblicklich erwachte Martin aus seiner Starre und warf sich bäuchlings auf den Boden. Ja, war die olle Schabracke denn von Sinnen? Auch Lotta ging hastig in Deckung. Erneut krachte es. Diesmal schien der Mann mit der seltsamen blonden Spoilerfrisur aus dem Laufen heraus gefeuert zu haben. Martin zog Lumpi an der Leine zu sich und drückte den Hund, der immer noch kläffte und sich aufregte wie ein Berserker, zu Boden. Ja, er hatte tatsächlich Schiss, dass Lumpi etwas passieren könnte. Lotta, die immer noch geduckt hinter einem der Betonklötze, auf denen die „Langeoog“ ruhte, in Deckung gegangen war, zielte nun auf das Gaunerpärchen, das einfach weiterrannte und ohne zu gucken nach hinten feuerte. Lotta schoss zurück. Einmal, zweimal, dreimal drückte die toughe kleine Person ab. Martin hörte in dem Tumult, wie die Frau mit dem Gummigesicht aufschrie, an ihren Oberarm fasste, aber dennoch weiterrannte. Nur den Bruchteil einer Sekunde später waren die beiden um die Ecke herum hinter der gläsernen Fassade des „Hauses der Insel“ verschwunden. Lotta folgte ihnen. Als alle weg waren, erhob Martin sich schwerfällig und klopfte sich den Schmutz von seiner nun völlig durchnässten Latzhose und der Jacke.

„Sach ma, Lumpi … wat wor dat da jetzt?“, fragte er seine Begleiterin, die noch immer knurrte und die Zähne fletschte. Martin war so geschockt von alldem, dass er für einen Moment sogar glaubte, er habe sich das alles nur eingebildet. War das eben tatsächlich passiert? Eine Schießerei – auf seiner beschaulichen Insel?

„Is ja jod, mein Mädchen … et es ja noch immer alles jot gegangen … nur hoffentlich tut der Lotta nix passieren tun“, beruhigte er die Hündin und machte sich jetzt ernsthaft Sorgen um die kleine Polizistin, die ihm in den letzten Jahren doch sehr ans Herz gewachsen war. Martin sah in die Richtung, in die Lotta den Gaunern gefolgt war. Wo hatte er die beiden bloß schon mal gesehen? Die Gesichter waren ihm dermaßen bekannt vorgekommen. Besonders der Kerl, der ihn ein wenig an seinen gelben Ford Capri erinnerte. Das Wägelchen hatte nämlich, genau wie der Blonde, auch einen gelben Spoi­ler. Allerdings war der bei seinem Auto hinten auf dem Kofferraumdeckel und nicht vorne über der Stirn.

Egal, Martin musste jetzt irgendetwas unternehmen. Er kramte sein Mobiltelefon aus der Jackentasche und wählte die Nummer seines Kumpels Onno Federsen. Onno würde schon wissen, was zu tun war.

Kapitel 2

Insel Langeoog/Haus von Tine Humbold 23.12.2019

Onno wusste einfach nicht, was er tun sollte. Hätte er sich doch bloß keinen Urlaub genommen! Urlaub ohne zu verreisen war ja so etwas von langweilig. Er hatte in seiner Verzweiflung sogar schon überlegt, dass er sich für solche Fälle einmal ein Hobby zulegen könnte. Nur welches? Eigentlich war er ja auch nur wegen Onkel Albert zu Hause geblieben. Die Idee dazu hatte Tine, Onnos Lebensgefährtin, gehabt.

„Nimm dir doch einfach mal ein paar Tage frei und zeig deinem Onkel unsere schöne Insel“, hatte sie gemeint.

Hätte er geahnt, dass Onkel Albert die halbe Zeit alleine und auf eigene Faust losziehen würde, wäre er dem Wunsch seiner Liebsten bestimmt nicht nachgekommen.

Gut, Urlaubsanspruch hatte Onno schon noch genug. Dieses Jahr hatte er bisher nur zwei Tage in Anspruch genommen, um mit Tine ein Musical in Hamburg zu besuchen. Sein bester Kumpel Martin von Schlechtinger und dessen Frau Annemarie Hansen waren auch mit von der Partie gewesen. Zusammen hatte sie ein wirklich lustiges Wochenende in der Hansestadt verbracht. Ein Ausflug, den sie im nächsten Jahr sicherlich noch einmal wiederholen würden. Dann vielleicht in eine andere Stadt. Martin schwärmte ja immer so von Köln und dem Dom. Den würde Onno sich tatsächlich einmal gerne ansehen. Tatsächlich könnte er es sich sogar vorstellen, später einmal das Reisen zu seinem Hobby zu machen. In einigen Jahren würde er in Pension gehen und die Dienstmütze an den Nagel hängen können … müssen. Viele Pensionäre kauften sich ein Wohnmobil und machten damit die Welt unsicher. Das Problem war nur, dass er das Autofahren so gar nicht mochte. Außerdem drängte es ihn, wenn er denn mal ein paar Tage weg war, immer wieder schnell nach Hause zu kommen. Was ja nur logisch war. Immerhin wohnte er bereits auf dem schönsten Fleckchen Erde, das man sich vorstellen konnte. Was sollte er da in der weiten Welt? Und nur um für zwei Tage im Jahr mal nach Hamburg oder Köln zu fahren – nein, dafür war so ein Wohnmobil eindeutig zu teuer.

Onno faltete die Hände auf der Brust und sah zum Fenster. Es war schon richtig duster draußen. Vorhin hatte er sogar kurz geglaubt, es würde donnern. Wobei, im allerersten Moment hatte er sogar gedacht, er habe Schüsse gehört, diesen Gedanken aber dann doch sofort wieder verworfen. Die Einzigen, die auf der Insel herumballerten, waren Jäger. Die jagten aber zum einen nicht im Dorf, sondern weiter draußen in den Dünen, und zum anderen bestimmt auch nicht bei diesem Sauwetter. Nein, die im Radio behaupteten, dass sich da draußen heftig was zusammenbraute. Bei so etwas irrten die Wetterfrösche eher selten. Es würde ihn wundern, wenn der Fährbetrieb zum Festland nicht schon eingestellt wäre oder zumindest in Kürze eingestellt würde. Was im Prinzip auch nicht schlimm war, da er weder zum Festland musste noch Besuch von dort erwartete. Onkel Albert wollte auch erst nach Weihnachten zurück in seine bayrische Provinz. Spätestens an Silvester wären sie ihn dann endlich wieder los. Was jetzt nicht daran lag, dass er den jüngsten Bruder seiner Mutter nicht mochte. Nein, dem war nicht so. Aber er gehörte einfach auch nicht hierhin in dieses Haus. Außerdem hatte er das Gefühl, dass der alte Charmeur seiner Freundin Tine ein paar Komplimente zu viel machte. Kurzum, Onno war eifersüchtig und tierisch genervt von dem Besuch. Was er allerdings nicht zugeben würde. Zumindest nicht gegenüber Tine und Onkel Albert.

Aus der Küche hörte er, wie Tine leise sang. Sie hatte eine tolle Stimme. Früher, als sie noch in Bottrop wohnte, hatte sie in einem Chor gesungen. Sogar als Solistin. Heute trällerte sie nur noch zu Hause oder dienstags beim Dünensingen im Dünental zwischen dem Wasserturm und dem Hauptbad. Onno könnte ihr stundenlang zuhören. Es war ein Jammer, dass im Winter, von Ende Oktober bis April, nicht in den Dünen gesungen wurde. Er seufzte und schloss die Augen. Was könnte er denn jetzt bloß einmal anstellen? Seine Pistole, die er nie benutzte, hatte er in den letzten Tagen schon zweimal gereinigt. Der Schuppen im Garten war so sauber, dass man vom Boden essen könnte. Die Weihnachtsdekoration im und ums Haus strahlte und glänzte. Eine Idee kam ihm. Vielleicht sollten sie heute nach dem Abendessen mal schauen, was Martin und Annemarie so trieben. Sie könnten auch gemeinsam mit den Freunden zu einem Absacker in die Düne 13. Natürlich ohne Onkel Albert. Ja, das war doch mal ein guter Gedanke.

Onno griff nach seinem Mobiltelefon, das neben ihm auf dem Beistelltischchen lag. Er suchte bereits nach der eingespeicherten Nummer von Martin, als das Ding plötzlich in seinen Händen zu klingeln begann. Er musste lächeln, als er sah, wer da gerade anrief. Seltsam, da dachte er gerade an Martin, und schwups … rief der doch tatsächlich bei ihm an.

„Moin, Maddin“, begrüßte er den Freund.

„Onno, dat tust du nit glauben, wat hier los ist“, polterte der Kölner sofort los.

„Ja, was ist denn los?“, hakte der Polizist sofort nach und musste lächeln. Es amüsierte ihn immer wieder, wenn Martin sich über Kleinigkeiten ereiferte.

„Die ballern hier rum wie bei den Cowboys“, antwortete Martin und klang total aufgebracht.

„Wer ballert … wo rum?“, wollte Onno jetzt erst einmal genau wissen.

„Na, der Kerl mit den blonden Haaren, die Frau mit dem komischen Gesicht und dat Lotta“, ereiferte Martin sich.

„Ja, und auf wen schießen die?“ Onno verstand nicht wirklich, was Martin ihm sagen wollte.

„Die anderen haben angefangen, und dat Lotta hat dann zurückgeballert“, erklärte Martin.

Onno spürte, wie er nervös wurde. Das Donnern vorhin fiel ihm wieder ein. Sollten das doch Schüsse gewesen sein?

„Wo ist Lotta jetzt?“ Seine Stimme überschlug sich. Er sprang auf, rannte in den Flur, öffnete die oberste Schublade der Kommode und holte die frisch gewienerte und geölte Pistole heraus. Gebannt hörte er Martin weiter zu, als der ihm noch einmal die Geschehnisse am „Haus der Insel“ erklärte. Er riss seine Jacke vom Haken, streifte sie über und merkte erst als er bereits auf der Straße war, dass er lediglich die von Tine selbst gehäkelten Hüttenschuhe an den Füßen trug.

Er machte kehrt, streifte die äußerst bequemen und nun völlig durchnässten Schuhe ab und schlüpfte der Einfachheit halber in seine Gummistiefel. Tine stand in der Küchentür und starrte ihn fragend an.

„Eine Schießerei … Lotta … ich muss los“, erklärte er und rannte dann hinaus in den Sturm.

*

Lottas Herz pochte wie wild. Sie keuchte und japste nach Luft. Hektisch sah sie sich um. Es war nun fast komplett dunkel geworden. Der Wind peitschte ihr ein Gemisch aus Schnee und Regen ins Gesicht. Die beiden Ganoven waren aus der Inselbank gekommen und ihr direkt vor das Fahrrad gelaufen. Was für ein Zufall! Natürlich war ihr klar, dass die in der Bank bestimmt kein Konto eröffnet hatten. Nein, die waren zum Geldabheben im großen Stil dort gewesen. Dafür sprach auch die rucksackähnliche Tasche, die Angela Merkel mit dabei gehabt hatte. Hektisch wanderte Lottas Blick umher. Von den Gaunern war weit und breit nichts mehr zu sehen. Wo die wohl hin waren? Links ging es zum Strand. Aber was sollten die beiden am Strand? Nein, das ergab keinen Sinn. Überhaupt ergab es keinen Sinn, bei diesem Wetter alleine weiterzusuchen. Was sie jetzt brauchte, war Verstärkung. Am besten eine oder mehrere Hundertschaften mit Suchhunden, Hubschraubern und dem ganz großen Programm. Sie mussten die Insel komplett abriegeln. Keine Maus durfte hier mehr fort, ohne genau unter- und durchsucht worden zu sein. Sie holte ihr Telefon aus der Jacke und wählte der Einfachheit halber die 110. Sekunden später meldete sich der Kollege von der Leitstelle in Wittmund. Mit knappen Worten schilderte sie, was passiert war.

„Das ist jetzt aber schlecht“, antwortete der Beamte, nachdem Lotta geendet hatte.

„Wie, das ist schlecht?“, schrie sie gegen das lauter werdende Tosen des Windes.

„Na, weil wir vor zwanzig Minuten die Meldung hereinbekommen haben, dass der Fährverkehr von und zur Insel bis auf Weiteres eingestellt wurde“, erklärte er.

„Dann müssen die Kollegen eben mit dem Heli kommen“, ereiferte Lotta sich, obwohl ihr in diesem Moment bereits bewusst war, wie die Antwort lauten würde.

„Meine Güte … Frau Dönges. Sie wissen doch selbst am besten, dass die Piloten bei diesem Sturm nicht fliegen können“, kam auch prompt die Antwort.

„Und was mach ich jetzt?“, keifte sie und hätte das Telefon dabei am liebsten mit Karacho gegen die nächste Hauswand gepfeffert.

„Ich denke, ich verbinde Sie am besten mit der Dienststellenleitung. Die werden wissen, was zu tun ist“, antwortete der Beamte und drückte sie einfach weg.

„Hallo? Haaaaallllooo“, rief sie in das Gerät, bekam aber keine Antwort mehr. Es tutete. Der hatte sie einfach aus der Leitung ins Nirwana gekickt. So ein Mist! Sie war nun also auf sich alleine gestellt. Wobei … nein … nicht ganz. Entschlossen wählte sie die Nummer von Polizeihauptmeister Onno Federsen und musste enttäuscht feststellen, dass der wohl gerade telefonierte. Auch bei ihrem zweiten Versuch, nur Sekunden später, war immer noch besetzt.

Egal, zuerst musste sie zurück zur Inselbank, um zu erfahren, was dort genau passiert war. Im leichten Laufschritt, so wie sie es immer beim Joggen tat, trabte sie in die Richtung zurück, aus der sie gekommen war.

Lotta war schon ein wenig erleichtert, als sie um die Ecke des „Hauses der Insel“ bog und Onno entdeckte, der sich gerade mit einem wild gestikulierenden Martin und einigen anderen Passanten unterhielt.

„Lotta, Mädchen, da bist du ja“, stieß der Kölner erleichtert aus, als er Lotta entdeckte.

„Die kamen aus der Inselbank. Zwei. Die Merkel hat zuerst geschossen“, polterte Lotta indes los.

„Wer? Du kanntest die?“, fragte Onno erstaunt.

Lotta schüttelte den Kopf.

„Nein. Quatsch. Die hatten ja Masken auf. Der eine sah aus wie Donald Trump. Der oder die andere wie Angela Merkel … wobei ich mir fast sicher bin, dass die auch tatsächlich eine Frau war“, erklärte sie.

„Daher hab ich die gekannt. Lumpi … dat wor die Frau Bundeskanzlerin. Und ich denk noch, die kennst du doch irgendwoher“, meinte Martin und kraulte Lumpi hinter den Ohren.

„Mit dir ist aber alles in Ordnung?“, wollte Onno wissen und musterte Lotta von Kopf bis Fuß.

„Jaja. Alles noch dran. Aber ich glaube, ich hab die Merkel erwischt … an der Schulter … oder am Oberarm … hier so“, stammelte sie und deutete auf ihre eigene rechte Schulter.

„Du hast die angeschossen? Das würde uns eine Identifizierung natürlich ungemein erleichtern“, fand Onno.

„Erst mal müssen wir zur Inselbank und schauen, was da los war“, schlug Lotta vor.

„Ja, gerade hat mich auch schon Polizeirat Dörner aus Wittmund angerufen. Die Bank hat einen Notruf abgesetzt. Die warten auf uns.“

*

Heidrun Hessler zitterte noch immer am ganzen Leib. So hatte sie sich die Vertretung für die erkrankte Kollegin bei der Filiale der Friesischen Inselbank auf Langeoog nicht vorgestellt.

Zusammengesunken hockte sie nun an ihrem Schreibtisch und wartete. Die Tasse mit dem heißen Tee in ihren Händen, die ihr Chef Hajo Nissen ihr eingeschenkt hatte, war schon beinahe halb leer, obwohl sie noch nicht einen einzigen Schluck davon getrunken hatte.

„Das gibt es doch nicht! Wo bleibt denn die Polizei, wenn man sie mal braucht?“, schimpfte Nissen und rannte immer wieder zu der Glastür, um nach draußen zu sehen.

Als die beiden Räuber eben die Filiale gestürmt hatten, war Heidrun das alles so unwirklich vorgekommen wie ein schlechter Traum.

„Das ist Überfall“, hatte der Kerl mit der Donald-Trump-Maske in gebrochenem Deutsch gerufen und ihr die Pistole direkt vor das Gesicht gehalten. Die andere, die, die ausgesehen hatte wie die Frau Bundeskanzlerin, war einfach an ihr vorbei in das Büro von Nissen gestürmt.

„Geld da reinmachen“, brüllte Trump sie derweil an, und Heidrun hatte getan, was er wollte. Sie war noch nie besonders mutig gewesen. Musste sie auch nicht. Mehrfach hatte man ihr während ihrer Ausbildung erklärt, dass es, im Falle eines Falles, das Beste sei, dem Willen der Bankräuber nachzugeben. So mancher Mutige hatte seine vermeintliche Heldentat nämlich am Ende mit dem Leben bezahlt. Für nichts und wieder nichts. Weil, eigentlich war ja überhaupt nichts weg. Das, was die Bankräuber nämlich erbeutet hatten, würde die Versicherung wieder ersetzen. Dennoch konnte sich Heidrun einfach nicht beruhigen. Sie hätten alle tot sein können – da gab es nichts zu beschönigen.

„Verdammt, Heidrun, kannst du nicht aufpassen? Du versaust ja alles“, schrie Hajo sie gereizt an, entwand ihr die Teetasse mitsamt der Untertasse und stellte sie mit einem lauten Klirren zurück auf den Tisch.

Sofort musste sie noch mehr schluchzen. Warum nur war der blöde Kerl bloß immer so grob zu ihr? Dabei versuchte sie doch immer ihm alles recht zu machen.

„Ming Dern, nu is doch ma gut. Wir leben ja noch“, meinte der alte Käpt’n Piet Dönges, der im Wartebereich zwischen den Palmen auf einem der zwei Besucherstühle saß. Die Kundin auf dem Stuhl neben ihm nickte emotionslos und sah dabei irgendwie sehnsüchtig auf den Flachmann, an dem der Alte immer wieder nippte. Auch ihr war der Schrecken noch deutlich anzusehen. Der alte Seemann und die Frau um die vierzig, deren Namen Heidrun nicht kannte, waren die einzigen beiden Kunden gewesen, die sich während des Überfalls in der Filiale aufgehalten hatten. Zum Glück hatten auch sie sich ruhig verhalten. Wobei der Opa so gar nicht getan hatte, was Donald Trump ihm aufgetragen hatte. Weder hatte er die Hände gehoben noch sich auf den Boden gelegt. Nein, der Käpt’n hatte einfach nur dagesessen und alles in Ruhe betrachtet. Was natürlich auch daran liegen konnte, dass er nicht mehr so gut hörte. Also, jetzt der Käpt‘n, nicht der Bankräuber. Wobei, so wie der rumgebrüllt hatte, hätte man gut denken können, dass der ebenfalls fast taub wäre.

„Na endlich“, stöhnte Hajo Nissen, als die Tür aufschwang und die blonde Polizistin, gefolgt von ihrem Kollegen, die Bank betrat.

„Was heißt denn hier ‚na endlich‘?“, brummelte der Polizist, der außer seiner Polizeijacke heute Zivil trug.

„Es ist jetzt über zehn Minuten her, seit ich den Notruf abgesetzt habe. In der Zeit könnte hier ja jemand verblutet sein“, schimpfte Hajo.

„Wie … ist denn jemand verletzt?“, fragte die Polizistin bestürzt nach.

„Nein, natürlich nicht. Aber wenn dem so wäre, wäre derjenige … immerhin waren diese Gauner ja bewaffnet“, ereiferte sich der Filialleiter.

„Hören Sie, guter Mann! Damit das mal klar ist – die Kollegin war bereits vor Ort, noch bevor Sie den Alarmanruf gestartet haben. Es ist ihr sogar gelungen, die Flüchtigen zu verfolgen und zumindest einen von ihnen zu verletzen“, polterte der Polizist los. Heidrun schämte sich nun ein wenig für Hajo. Wie konnte ihr Chef nur so unhöflich sein? Es war doch niemandem etwas passiert. Wie hatte Käpt’n Piet gesagt? „Wir leben ja noch.“ Immerhin waren diese Polizisten auch beide Kunden bei der Bank. Und die, die durfte man doch nicht anbrüllen.

„Sie haben einen erwischt?“, fragte Hajo nun etwas kleinlaut.

„Angeschossen. Aber er konnte fliehen“, antwortete die Polizistin und sah nun erstaunt zu dem alten Seemann.

„Onkel Piet, was machst du denn hier?“, war sie überrascht.

„Na wat wohl, ming Dern. Rente abholen“, antwortete der Käpt’n patzig. „Aber dat gibt ja wohl nu nix mehr. Der ganze Kies ist ja nu futsch“, meckerte er weiter.

„Nein, natürlich nicht. Ihr Geld ist bei uns selbstverständlich sicher“, mischte Hajo sich ein.

„Dat heb ich gesehen. Futsch ist futsch, sag ich da nur. Von wat soll ich denn nu über die Tage kommen?“, beschwerte sich der Alte.

„Herr Dönges … das war doch nicht Ihr Geld, was die Räuber mitgenommen haben, sondern das von der Bank“, beruhigte Hajo ihn.

„Na, dann ist ja gut. Dann würde ich jetzt noch gerne zweihundert abheben wollen. Ich muss nämlich noch was einkaufen gehen, bevor alles zumacht. Moin is ja quasi ab mittags Feiertag“, sagte der ehemalige Kapitän und grinste schelmisch.

„Ähm, ja …“, Hajo zupfte an seiner Krawatte herum, „… das geht jetzt aber nicht, da die Räuber sämtliches Bargeld mitgenommen haben.“

„Jo, dat is mir schon klar. Is ja genau so, wie ich gesagt hab – futsch is futsch“, meckerte der Käpt‘n.

„Nein, Herr Dönges … sobald wir neues Bargeld vom Festland bekommen haben, werden wir Ihre Auszahlung ausführen können“, konterte Hajo.

„Jungchen … moin is Weihnachten, da habt ihr zu und ich nichts mehr zu beißen und zu trinken. Futsch is futsch … du Döspaddel“, schimpfte er, grüßte und verließ mit einem unverständlichen Gebrabbel die Bank, hinaus in den Sturm.

Heidrun sah auf die Uhr an der Wand. In einer Dreiviertelstunde legte die letzte Fähre ab. Wenn sie die nicht bekam, käme sie heute nicht mehr von der Insel. Sie gehörte nämlich, wie viele hier, zu den Menschen, die zwar auf der Insel arbeiteten, aber auf dem Festland wohnten. Die Mieten und Übernachtungskosten auf Langeoog waren in den letzten Jahren einfach viel zu teuer geworden. Das konnte sich ja keiner mehr leisten. Nun gut, bei ihr war dies ja ohnehin alles kein Thema, da sie eh immer nur als Vertretung einsprang, wenn einer der Kollegen mal krank oder im Urlaub war. Sie schlief selbstverständlich zu Hause in Esens. Sie sah nicht ein, die Kosten für ein Hotel, die ihr Arbeitgeber wegen der geringen Entfernung zwischen Wohnort und Arbeitsplatz nicht übernehmen wollte, selbst zu zahlen. Bei der Fährfahrkarte war das anders. Die bekam sie komplett erstattet.

„Wie viel Geld konnten denn die Täter überhaupt erbeuten?“, wollte der Polizist wissen.

Heidrun sah, wie Hajo bei der Frage zusammensank und dann tief Luft holte, bevor er antwortete. „Das dürften so um die fünfhundertzwanzigtausend Euro gewesen sein.“

Heidrun glaubte sich verhört zu haben. Das Zittern ihrer Hände, das gerade ein wenig nachgelassen hatte, setzte erneut ein. Ihre Kinnlade klappte nach unten.

„Wie bitte? Sie hatten über eine halbe Million Euro Bargeld in der Filiale?“, stieß die Polizistin entsetzt aus.

Schweiß stand auf Hajos Stirn, als er langsam nickte.

Heidrun sagte nichts. Es hatte ihr schier die Sprache verschlagen. Noch nie hatte sie erlebt, dass in einer Filiale, noch dazu auf einer der Inseln, so viel Geld im Tresor gewesen war. Das Ganze stank doch zum Himmel!

*

„Annemariechen, dat glaubst du nit, wat hier heute für eine Aufregung ist“, polterte Martin los, als er, verfolgt von einer eiskalten Windböe, das Büro der Ferienhausvermietung betrat.

Annemarie sah von ihrem Monitor auf und musterte Martin. Der war klatschnass. Sein Anorak hing an ihm wie ein Sack. Das Logo mit dem Geißbock auf seiner 1. FC Köln-Mütze war von einer dicken Schicht Schneepampe bedeckt. In seinen Armen, vor dem Bauch, trug er Lumpi. Eine der Vorderpfoten des braven Tieres steckte in einer Plastiktüte. Der arme Martin schaute drein wie drei Tage Regenwetter.

„Was ist denn mit Lumpi passiert?“, war Gina Marie einen Tick schneller als Annemarie.

„Irjend su ene Raudi hat seine Flasche kaputt geschmissen, und dat Lumpi is mit dem Pfötchen rinjetreten“, schimpfte Martin auf Kölsch und setzte Lumpi dann auf den Boden. Sofort hinkte die Hündin zu ihrem Körbchen, das sich hinter Annemaries Schreibtisch befand, und ließ sich mit einem Hundeseufzer in das weiche Kissen fallen.

„Meine Güte, Martin, was machen wir denn da jetzt?“, fragte Annemarie und beugte sich zu Lumpi hinunter, um sich die verletzte Pfote anzuschauen.

„Dat wird schon wieder. Dat Lumpi braucht nur Ruhe, hat der Doktor gesagt“, antwortete Martin, zog sich die tropfende Wollmütze vom Kopf und setzte sich in einen der neuen Besuchersessel.

„Welcher Doktor?“, war Gina Marie wieder schneller.

„Ja, welcher wohl … so viele Doktoren ham mir ja nit in der Familie … also in der zukünftigen … der will ja erst noch Schwiegersohn werden“, erklärte Martin.

Gina Marie begann zu kichern, und auch Annemarie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.