Sarrasine - Honore de Balzac - E-Book

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Honore de Balzac

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Beschreibung

Dieses eBook: "Sarrasine" ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Honoré de Balzac (1799-1850) war ein französischer Schriftsteller. In den Literaturgeschichten wird er, obwohl er eigentlich zur Generation der Romantiker zählt, mit dem 17 Jahre älteren Stendhal und dem 22 Jahre jüngeren Flaubert als Dreigestirn der großen Realisten gesehen. Sein Hauptwerk ist der rund 88 Titel umfassende, aber unvollendete Romanzyklus La Comédie humaine (dt.: Die menschliche Komödie), dessen Romane und Erzählungen ein Gesamtbild der Gesellschaft im Frankreich seiner Zeit zu zeichnen versuchen. Aus dem Buch: "Ich bog den Kopf vor und erkannte die beiden Sprecher als Angehörige der Klasse der Neugierigen, die sich in Paris mit nichts anderm beschäftigt als dem Warum? Wieso? Woher kommt er? Wer sind sie? Was gibts Neues? Was hat sie angestellt? Sie fingen an leise zu sprechen und entfernten sich, wahrscheinlich um auf einem stillen Sofa ungestörter plaudern zu können. Niemals hatte sich für Leute, die hinter Geheimnissen her sind, eine ergiebigere Ader eröffnet. Kein Mensch hatte eine Ahnung, aus welchem Lande die Familie Lauty gekommen war oder aus welchem Handel, aus welcher Plünderung, aus welchem Raubzug oder welcher Erbschaft ihr Vermögen stammte, das auf mehrere Millionen geschätzt wurde."

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Honore de Balzac

Sarrasine

Liebesgeschichte des Autors von "Glanz und Elend der Kurtisanen" und "Vater Goriot"
Übersetzer: Hedwig Lachmann
e-artnow, 2016 Kontakt: [email protected]
ISBN 978-80-268-5261-2

Inhaltsverzeichnis

Cover
Titelblatt
Text

Es ging mir, wie es vielen, selbst oberflächlichen Menschen, geht, wenn sie lärmenden Festen beiwohnen: ich war in tiefes Träumen versunken. Von der Turmuhr des Élysée-Bourbon schlug es eben Mitternacht. Ich saß in einer Fensternische, die schweren Falten eines Moirévorhangs verbargen mich völlig, und ich konnte so ungestört in den Garten des Palastes hinunterblicken, in dem ich den Abend verbrachte. Die Bäume, auf denen spärlicher Schnee lag, hoben sich undeutlich von dem grauen Hintergrunde des Wolkenhimmels ab, der nur schwach vom Mond erhellt wurde. Vor diesen phantastischen Wolkengebilden sahen sie etwa aus wie Gespenster, die nicht recht von ihrem Laken bedeckt wären, und erinnerten an den grauenhaften Eindruck des berühmten Totentanzes. Und wenn ich mich dann umwandte, konnte ich den Tanz der Lebenden erblicken. In einem strahlenden Saal, dessen Wände von Silber und Gold blitzten, beim Schimmer der Kronleuchter, die unzählige Kerzen trugen, schwebten und flogen in buntem Gewimmel die schönsten, die reichsten, die vornehmsten Damen von Paris in all ihrem glänzenden Staat und ihrer Diamantenpracht. Und Blumen überall: auf dem Kopf, im Haar, an der Brust, an den Gewändern oder in Kränzen zu ihren Füßen. Das leichte Beben, das durch die Körper ging, die weichen, wollüstigen Schritte brachten die Spitzen, die Blenden, die Gaze und Seide, die ihre schlanken Leiber verhüllten, in tanzende Bewegung. Hier und da funkelte ein blitzendes Auge auf, verdunkelte die Lichter und das Feuer der Diamanten und brachte einen Sturm über Herzen, die schon allzusehr entflammt waren. Man konnte auch beobachten, wie die Liebhaber leise Zeichen der Ermunterung erhielten, während die Ehemänner abweisender Kälte begegneten. Rufe von Spielern bei einer unerwarteten Karte, das Rollen von Gold, die Musik, das Summen der Gespräche, all das erscholl dem Ohr in wirrem Gedränge; und um den verführerischen Zauber, den dieses tolle Fest auf die Gesellschaft übte, voll zu machen, wirkten noch der Dunst der Wohlgerüche und die allgemeine Trunkenheit auf die aufgepeitschten Sinne. So hatte ich zur Rechten das düstere, schweigende Bild des Todes, zur Linken die von der Sitte gebändigten Bacchanalien des Lebens: hier die kalte, düstere, von Trauer umschleierte Natur, dort die Lust der Menschen. Ich hielt mich auf der Grenze dieser beiden so verschiedenen Gemälde, die sich in den mannigfaltigsten Gestalten in Paris unzählige Male wiederholen und unsere Stadt zur amüsantesten und zugleich zur philosophischsten der Welt machen, und stellte ein seltsames Quodlibet von Ausgelassenheit und Todesstimmung vor. Mit dem linken Fuß folgte ich dem Takt der Musik, und den rechten meinte ich in einem Sarg zu haben. Es ging mir in der Tat, wie es auf Bällen häufig vorkommt: mein Bein war von der Zugluft, die einem die Hälfte des Körpers fast starr macht, während die andere Hälfte der drückenden Hitze der Säle ausgesetzt ist, wie zu Eis geworden. »Herr von Lauty besitzt dieses Haus noch nicht lange?« »O doch. Es sind zehn Jahre her, daß es ihm der Marschall von Garigliano verkauft hat.« »Ah!« »Diese Leute müssen ein ungeheures Vermögen besitzen.« »Das muß wohl so sein.« »Was für ein Fest! Ein wahrhaft unverschämter Luxus.« »Halten Sie sie für ebenso reich wie Herrn von Nucingen oder Herrn von Gondreville?« »Aber wissen Sie denn nicht...?«

Ich bog den Kopf vor und erkannte die beiden Sprecher als Angehörige der Klasse der Neugierigen, die sich in Paris mit nichts anderm beschäftigt als dem Warum? Wieso? Woher kommt er? Wer sind sie? Was gibts Neues? Was hat sie angestellt? Sie fingen an leise zu sprechen und entfernten sich, wahrscheinlich um auf einem stillen Sofa ungestörter plaudern zu können. Niemals hatte sich für Leute, die hinter Geheimnissen her sind, eine ergiebigere Ader eröffnet. Kein Mensch hatte eine Ahnung, aus welchem Lande die Familie Lauty gekommen war oder aus welchem Handel, aus welcher Plünderung, aus welchem Raubzug oder welcher Erbschaft ihr Vermögen stammte, das auf mehrere Millionen geschätzt wurde. Alle Angehörigen dieser Familie sprachen Italienisch, Französisch, Spanisch, Englisch und Deutsch so geläufig, daß man annehmen mußte, sie hätten sich ziemlich lange in all diesen Ländern aufgehalten. Waren es Zigeuner oder Seeräuber?

»Und wenn es der Teufel wäre,« sagten junge Politiker, »ihr Fest ist wundervoll!«

»Und wenn der Graf von Lauty einen marokkanischen Palast geplündert hätte, seine Tochter nähme ich doch zur Frau!« rief ein Philosoph.

Wer hätte Marianina nicht zur Frau genommen, dieses sechzehnjährige Mädchen, dessen Schönheit die phantastischen Märchen der orientalischen Dichter zur Wirklichkeit machte! Sie hätte wie die Sultanstochter in dem Märchen von der Wunderlampe verschleiert bleiben dürfen. Ihr Gesang drängte unvollkommene Talente wie die Malibran, die Sonntag oder Fodor in den Hintergrund, bei denen eine Eigenschaft immer hervorsticht und so die Vollkommenheit des Ganzen unmöglich macht, während Marianina Reinheit des Tons, Empfindung, Korrektheit der Stimmführung und der Intonation, Seele und Technik, Kunst und Natur in gleich hohem Maße vereinigte. Das Mädchen war das Urbild der geheimen Poesie, die das einigende Band aller Künste ist und sich stets denen entzieht, die sie suchen. Marianina war sanft und bescheiden, gebildet und seelenhaft, und nichts konnte sie in den Schatten stellen – außer ihrer Mutter. Seid ihr je einer von den Frauen begegnet, deren sieghafte Schönheit dem Ansturm der Jahre trotzt und die mit sechsunddreißig Jahren noch begehrenswerter scheinen, als sie es vielleicht fünfzehn Jahre früher waren? Ihr Antlitz ist eine glühende Seele; es sprüht und strahlt; jeder Zug auf ihm verrät den Geist; aus jeder Pore scheint, besonders beim Licht der Kerzen, ein besonderer Glanz zu dringen. Ihre bezaubernden Augen locken oder weisen ab, sprechen oder schweigen; ihr Gang ist unschuldsvolles Wissen; aus ihrer Stimme bricht der melodische Reichtum von Tönen, die in ihrer sanften Anmut unbeschreiblich verführerisch sind. Ihr Lob, das auf Vergleiche gegründet ist, schmeichelt dem empfindlichsten Stolze. Ein Zucken ihrer Brauen, der unmerklichste Blick, ein Aufwerfen ihrer Lippen, die geringste Bewegung dieser Art macht Männern bange, die diesen Frauen ihr Leben und ihr Glück geweiht haben. Ein junges Mädchen, das keine Erfahrung in der Liebe hat und sich beschwatzen läßt, kann verführt werden; aber für diese Art Frauen muß ein Mann, wie Herr von Jaucourt, lernen, nicht zu schreien, wenn ihm die Zofe, die ihn eiligst in einem Nebengemach verbirgt, mit der Tür, die sie zuwirft, zwei Finger der Hand zerquetscht. Wer diese gefährlichen Sirenen liebt, setzt der nicht sein Leben aufs Spiel? Eben darum lieben wir sie ja vielleicht so glühend! So war die Gräfin von Lauty.

Filippo, Marianinas Bruder, hatte, wie seine Schwester, die Schönheit der Gräfin geerbt. Der junge Mann war, mit einem Wort gesagt, das lebende Bild des Antinous, nur daß er schlanker war. Aber wie gut paßt diese Hagerkeit und Zartheit zur Jugend, wenn ein olivenfarbener Teint, buschige Brauen und der samtene Glanz eines feurigen Auges für die Zukunft die Glut des Mannes und ein edles Herz versprechen! So war Filippo im Herzen der jungen Mädchen wie ein Ideal, und zugleich lebte er im Gedächtnis der Mütter als die beste Partie in ganz Frankreich.

Die Schönheit, die Anmut, der Reiz und der Geist dieser beiden Kinder kamen ganz und gar von ihrer Mutter. Der Graf von Lauty war klein, häßlich und pockennarbig, düster wie ein Spanier und langweilig wie ein Bankier. Er galt übrigens als großer Politiker, vielleicht weil er selten lachte und oft Herrn von Metternich oder Wellington zitierte.