Beschreibung

Endlich Ferien. Willi, Antonia, Ralle und Husti haben sich seit Wochen darauf gefreut. Doch dann wird aus der Pension von Willis Eltern ein Gast entführt. Die vier begeben sich unverzüglich auf die Spur des verschwundenen Professors, der seit Jahren nach dem Grab von Siegfried dem Drachentöter sucht. Eine fantastische Reise beginnt, die die Freunde in die Wormser Katakomben, durch Island und sogar zum sagenumwobenen Loch Ness führen. Zauberei, Drachen, Elfen, Zwerge und andere Sagengestalten kreuzen dabei ihren Weg. Dieses Buch beinhaltet die drei Einzelbände: Willi und das Grab des Drachentöters Willi und das verborgene Volk Willi und das Rätsel von Loch Ness

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Inhalt

Titelseite

Impressum

Über den Autoren

Widmung

Band 1: Willi und das Grab des Drachentöters

Band 2: Willi und das verborgene Volk

Band 3: Willi und das Rätsel von Loch Ness

Micha Krämer

Sauerbach & Co.

Die fantastischen Abenteuer

 

 

 

 

 

Dieses Buch beinhaltet die drei Einzelbände:

Willi und das Grab des Drachentöters

Willi und das verborgene Volk

Willi und das Rätsel von Loch Ness

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de

© 2017 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln

www.niemeyer-buch.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Carsten Riethmüller

Der Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com

eISBN 978-3-8271-9896-9

EPub Produktion durch ANSENSO Publishing

www.ansensopublishing.de

Micha Kramer wurde 1970 in Kausen, einem kleinen 700-Seelen-Dorf im nördlichen Westerwald, geboren. Dort lebt er noch heute mit seiner Frau, zwei mittlerweile erwachsenen Söhnen und seinem Hund. Der regionale Erfolg der beiden Jugendbücher „Willi und das Grab des Drachentöters“ und „Willi und das verborgene Volk“, die er 2009 eigentlich nur für seine eigenen Kinder schrieb, war überwältigend und kam für ihn selbst total überraschend. Im vorliegenden Buch „Sauerbach & Co.“ sind beide Geschichten zusammen mit der bisher noch unveröffentlichten „Willi und das Rätsel von Loch Ness“ vereint.

Mit seiner mittlerweile neunteiligen Krimi-Reihe über die Westerwälder Kommissarin Nina Moretti hat er in Deutschland Kultstatus erreicht. Neben seiner Familie, dem Beruf und dem Schreiben gehört die Musik zu seinen großen Leidenschaften.

Für meine besten Kumpels,

Jan Michael und Mika.

Gegen die ewige Langeweile

„Phantasie ist wichtiger als Wissen,

denn Wissen ist begrenzt“

Albert Einstein

Band 1

Willi und das Grab des Drachentöters

Inhaltsverzeichnis:

Kapitel 1. Unter Spionen

Kapitel 2. Dinos und Drachen

Kapitel 3. Was für ein Donnerwetter

Kapitel 4. Das Hausboot am Altrhein

Kapitel 5. Der kleine Mann

Kapitel 6. Der Drachenring

Kapitel 7. Zwerge, Ritter und Freunde

Kapitel 8. Schleimklausi

Kapitel 9. Große Zauberei

Kapitel 10. Der Drachentöter

Kapitel 11. Es brennt

Kapitel 12. Von Lügen und Halbwahrheiten

Kapitel 1Unter Spionen

„So ein Mist!“

Mit einem lauten Klatschen landete Willis Schulranzen in der Ecke zwischen Schrank und Schreibtisch. Er ließ sich auf das Bett fallen, raffte das Kissen und drückte es vor sein Gesicht.

„So ein hundsgemeiner, doofer Mist“, brodelte er und drückte es sich noch fester aufs Gesicht.

Seit Wochen hatte er sich auf die großen Ferien gefreut und mit Ralle und Husti, seinen besten Freunden, Pläne geschmiedet. Und nun so was. Der Tag fing doch morgens so gut an. Beim Frühstück hatte der Wettermann im Radio für die nächsten Tage nur super Sonne angesagt. Selbst Frau Kissel, Willis Klassenlehrerin in der 7b, demnächst 8b der Albert-Schweitzer-Schule, hatte ausnahmsweise gute Laune. Dann das Zeugnis, besser als erwartet, sogar die Fünf in Deutsch war ausgeblieben. Und dann kam der Höhepunkt des Tages mit dem Gong nach der letzten Stunde. Sommerferien, sechs Wochen ausschlafen, rumgammeln, zelten, Rad fahren, einfach super! Doch als Willis Laune dann gerade auf dem Höhepunkt angekommen war, kam der große Absturz in Gestalt von Antonia Sauerbach, Willis gleichaltriger Cousine.

Mama hatte ihm beim Mittagessen freudig erzählt, dass Antonia die kompletten Ferien bei ihnen in Biebesheim verbringen würde. Ihre Mama, Willis Tante Tina Sauerbach, musste beruflich für sechs Wochen nach China und Antonia konnte ja schlecht alleine zu Hause bleiben. Einen Papa hatte sie nicht, der hatte schon vor Antonias Geburt Reißaus genommen. Willis Opa Karl sagte mal, das läge wohl an den Sauerbachschen Frauen, die seien so schwierig und stur, da könne man schon mal stiften gehen. Okay, Opa Karl hatte auch oft viel gesagt, wenn der Tag lang war, aber auf Antonia Sauerbach trafen die von ihm beschriebenen Eigenschaften hundertprozentig zu. Heute Abend würde Willis Papa sie am Bahnhof abholen. Antonia sollte mit dem Zug um 18:30 Uhr aus Wanne-Eickel kommen. Vorausgesetzt sie hatte den richtigen Zug erwischt und war in Frankfurt nicht falsch umgestiegen, was man ja von so einer einfältigen dummen Ziege erwarten musste.

Willi sprang vom Bett auf, ging zu seinem Schreibtisch und nahm sein Handy aus der obersten Schublade heraus. Das Telefon war ein Geburtstagsgeschenk von seinen Eltern. Die teuren Aufladegebühren musste er aber von seinem Taschengeld bezahlen. Deshalb schonte er sein Gesprächsguthaben immer so gut es nun ging und benutzte stattdessen die Nachrichtenfunktion. Schnell tippte er auf der Tastatur: „Treffen heute 16:00 Uhr Drachenburg. Wichtig!!! Willi“.

Pünktlich um vier stieß Willi die Tür von Opa Karls Bienenhaus auf. Ralle und Husti saßen an dem kleinen Tisch neben dem Bollerofen und lasen in zwei alten zerrupften Comics. Das Bienenhaus war eigentlich gar kein Bienenhaus mehr, sondern eine Laube inmitten der Weinberge und nur 10 Minuten Gehweg von Biebesheim entfernt. Bienen gab es hier schon lange nicht mehr, aber Willi und sein Opa Karl waren früher immer hierher gegangen, als Willi noch ein kleines Kind gewesen war. „Hier hat man wenigstens seine Ruhe vor dem Drachen“, hatte Opa Karl einmal gesagt. Mit dem Drachen meinte er wohl auch keinen richtigen Drachen, obwohl Willi das zuerst geglaubt hatte. Nee, mit Drachen meinte er Oma Tinchen, aber das hatte Willi nie verstanden. Weil Oma Tinchen eigentlich ja eine ganz Liebe war und bestimmt kein Drache.

Nach Opa Karls Tod im letzten Sommer hatte Oma Tinchen Willi sogar das Häuschen geschenkt. Und welcher Vierzehnjährige kann schon von sich behaupten, dass er ein eigenes Haus mit Blick auf den Rhein besitzt.

Seitdem war das Bienenhaus ihr Clubhaus. Husti hatte es „Drachenburg“ getauft. Husti hieß ja eigentlich auch nicht Husti, sondern Tobias Meier. Seinen Eltern gehörte die Löwenapotheke am Marktplatz in Biebesheim. Schon in der ersten Klasse hatten ihm die Mitschüler den Spitznamen Husti verpasst. Er litt seit seiner Geburt unter ständigen Asthmaanfällen und war praktisch gegen alles allergisch, was man sich vorstellen konnte. Vielleicht wirkte er deshalb auch viel kleiner und jünger als seine Mitschüler. Aber im Köpfchen war er den anderen meist weit überlegen. Bei einem IQ-Test, das ist so ein Test, bei dem die Ärzte und Psychologen die Intelligenz eines Menschen bestimmen wollen, erreichte Husti sage und schreibe einhundertfünfundsechzig Punkte!

Ein super Ergebnis. Dazu muss man wissen, dass Albert Einstein, der berühmte Physiker, auf einen IQ von etwa einhundertsechzig bis einhundertachtzig geschätzt wurde. Ganz genau weiß man das natürlich nicht. Aber der Einstein war immerhin so intelligent, dass er nie solch einen Test mitgemacht hat. Husti war von seinen Eltern zum Arzt geschleppt worden, weil sie es merkwürdig fanden, dass ihr sechsjähriger Sohn bereits sämtliche lateinischen Begriffe auf den Medikamenten, Schränken und Schubladen der Apotheke lesen und sogar fehlerfrei übersetzen konnte.

Was bei ihm zu viel an Intelligenz vorhanden war, hatte die Natur bei Ralle eingespart. Ralle, der eigentlich Ralf Weber hieß, war für sein Alter ein Riese. Immerhin trug er schon Schuhgröße fünfundvierzig. Einen Kopf größer als seine gleichaltrigen Mitschüler, schienen bei ihm in den meisten Fällen auch die Denkleitungen ausgesprochen lang zu sein. Aber einen besseren Kumpel als Ralle konnte es auf der ganzen Welt nicht geben.

„Was gibt’s denn so Wichtiges?“ Husti klatschte das Comicheft zusammen, in dem er gerade gelesen hatte, und schaute Willi über seine Brille an.

„Antonia kommt zu Besuch.“ Willi verdrehte bedeutungsvoll die Augen.

„Und das heißt?“, fragte Husti weiter.

„Was das heißt?“ Willi ließ sich in den alten Ohrensessel von Opa Karl fallen. „Futsch! Die Ferien sind futsch. Meine Mama will, dass wir den Babysitter für Antonia spielen. Die blöde Ziege soll die ganzen Sommerferien hier verbringen.“

„Du meinst, du sollst den Babysitter für Antonia spielen, nicht wir“, meldete sich Ralle zu Wort, wobei er das „du“ ganz besonders hervorhob.

„Nun mal ruhig!“ Husti hob die Hände wie ein Dirigent vor seinem Orchester. „Willi, erstens ist das Mädel doch wohl alt genug, um auf sich selbst aufzupassen. Und zweitens ist sie vielleicht gar nicht so übel, wie du immer sagst. Wir kennen sie ja gar nicht und nur, weil sie dir bei eurem letzten Besuch einen lebenden Frosch hinten ins T-Shirt gesteckt hat, muss sie ja nicht dämlich sein.“

Willi schnaubte, allein bei dem Gedanken an das grässliche hüpfende Vieh in seinem T-Shirt wurde ihm ganz komisch. Er hätte das den beiden Freunden auch nicht erzählen dürfen, ständig zogen sie ihn mit dieser peinlichen Geschichte auf. „Wartet ab, bis ihr sie kennenlernt“, sagte er.

„Wann kommt sie denn?“ Husti schob sich mit dem Zeigefinger die Brille hoch.

„Papa holt sie und einen neuen Pensionsgast um halb sieben vom Bahnhof ab.“

Willis Eltern gehörte der GOLDENE SCHWAN, eine kleine, gut laufende Gaststätte mit acht Fremdenzimmern und der besten Küche weit und breit. Willis Papa, Herr Sauerbach, leitete das kleine Restaurant in der siebten Generation und hoffte immer noch, dass Willi eines Tages seine Nachfolge antreten würde und genau wie er, und vor ihm Opa Karl, den Betrieb weiterführte. Aber so richtig Bock auf Pension und Küche hatte Willi nicht. Dann lieber Kriminalpolizist werden wie Mamas Bruder Ewald. Der war zwar mittlerweile schon pensioniert, aber er konnte mega tolle Geschichten aus seinem früheren Beruf erzählen.

„Wir sollten uns dein Cousinchen einfach mal aus der Nähe ansehen“, sagte Husti, stand auf, schob den Stuhl an den Tisch und ging, ohne auf eine Antwort seiner beiden Freunde zu warten, zur Tür hinaus.

Als sie am Bahnhofsplatz ankamen, war es gerade mal halb sechs. Willi kramte fünf Euro, die er mittags von Oma Tinchen für die guten Noten auf seinem Zeugnis bekommen hatte, aus der Hosentasche und kaufte davon drei Eis am Bahnhofskiosk. Zwei mit Schokogeschmack für Ralle und sich und eins aus Fruchtsaft für Husti, der ja unter anderem auch gegen Milchprodukte allergisch war.

Sie schlenderten zum Stadtbrunnen, wo sie es sich auf den Stufen vor dem Brunnen bequem machten. Von hier aus konnte man den Bahnhof samt Vorplatz bestens im Auge behalten. Nach einer Weile stupste Ralle ihn an und deutete mit seinen Augen und einem leichten Nicken in Richtung Bahnhof. Er schaute hinüber, konnte aber beim besten Willen nicht erkennen, was sein Freund von ihm wollte. „Hä?“, fragte er deshalb.

„Der schwarze Mercedes“, zischte Ralle und verdrehte die Augen.

Willi schaute wieder in Richtung Bahnhof. Rechts neben dem Bahnhofsgebäude unter den Kastanienbäumen parkte ein großer schwarzer Mercedes mit dunkel getönten Scheiben. Das Seitenfenster des Fahrers war heruntergelassen und ein Mann im dunklen Anzug und einer Sonnenbrille war zu sehen. Ein zweiter Mann, ebenfalls in einem dunklen Anzug und mit Sonnenbrille, lehnte am Kotflügel und blies den Rauch seiner Zigarette in die Luft.

„Was soll damit sein?“ Willi schaute wieder zu seinen Freunden.

„Na, schau dir die Typen doch mal an.“ Ralle blickte total ernst zu den beiden Männern hinüber. „Entweder sind das Mafiosi oder Spione.“

Willi prustete los und spuckte dabei sein Eis versehentlich über Hustis Turnschuhe. Der schien das noch nicht mal zu bemerken, weil er sich ebenfalls vor Lachen auf die Schenkel schlug.

„Mann, Ralle“, japste Husti, „du schaust einfach zu viel fern.“

„Nein, schaut doch mal, der Typ am Kotflügel!“, zischte Ralle ohne sich von dem Gelächter beeindrucken zu lassen.

Willi schaute wieder zu dem Mercedes hinüber und erstarrte plötzlich. Jetzt wusste er, was Ralle gemeint hatte. Als der Typ am Kotflügel, der Raucher, sich kurz zu dem anderen hinunterbeugte, sah er unter dem offenen Jackett für einen kurzen Moment den Griff einer Pistole. Auch Hustis Lachen verstummte schlagartig. Alle drei schauten gespannt zu dem parkenden Mercedes.

„Könnten aber auch Polizisten sein“, warf Husti ein, der wie immer als Erster seine Sprache wiedergefunden hatte.

„Glaub ich nicht, bei dem noblen Wagen könnten das eher Leibwächter sein“, meinte Willi, ohne den Blick von den Männern zu lassen.

Nach einer Weile warf der Raucher die Überreste seiner Zigarette auf den Boden, trat sie mit der Spitze seines Schuhes aus und stieg auf der Beifahrerseite ins Auto.

Einen Augenblick später polterte ein hagerer großer Mann mit einem Bollerwagen über den Bahnhofsplatz.

„Na endlich, da kommt Papa“, Willi zeigte in die Richtung, „müsste ja auch gleich halb sieben sein.“

Herr Sauerbach stellte den Bollerwagen bei dem Fahrradständer ab und ging um das Gebäude herum in Richtung des Bahnsteigs, wo bereits ein lautes metallisches Quietschen den Regionalexpress aus Frankfurt ankündigte. Die drei Freunde schauten gespannt in Richtung des Bahnsteigs. Zu dumm, dass man den jetzt haltenden Zug nicht komplett sehen konnte. Hinter dem Bahnhofsgebäude lugte nur die vordere Spitze der roten Lokomotive hervor. Nach und nach bogen Reisende mit Koffern und Taschen um die Ecke und verteilten sich in alle Richtungen. Zwei ältere Damen, die eine mit einem Hund auf dem Arm, watschelten zu einem wartenden Taxi und ließen sich vom Fahrer elegant die Tür des Wagens öffnen. Ein sehr kleiner, etwas dicklicher Herr im bayrischen Trachtenanzug, mit Rucksack und einem Spazierstock, ging schnellen Schrittes über den Platz in Richtung Winzergasse, wo er kurz darauf zwischen den alten Fachwerkhäusern verschwand.

„Wo bleiben die denn?“, stöhnte Willi genervt, als die Lok sich schon wieder zu bewegen begann und langsam aus dem Bahnhof rollte.

„Haste Sehnsucht nach deinem Cousinchen?“, witzelte Husti und stupste seinen Freund leicht in die Seite.

„Quatsch, die doofe Nuss kann mir gestohlen bleiben“, ereiferte sich Willi, „die ist bestimmt eh in den falschen Zug gestiegen.“

In diesem Moment tauchte Herr Sauerbach an der Ecke zum Bahnsteig auf, in jeder Hand einen riesigen Koffer mit kleinen Rädchen, die er hinter sich herzog. Neben ihm ein hagerer älterer Herr in einem altmodischen braunen Cordanzug.

„Nein“, stieß Willi entsetzt hervor, „was ham se denn mit der gemacht?“

Hinter den beiden latschte ein groß gewachsenes, hübsches Mädchen mit rabenschwarzer Wuschelmähne her. Von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, fummelte sie an einem ihrer riesigen silbernen Ohrringe.

„Die sieht ja aus wie direkt aus einer Gruft“, entfuhr es Husti, den das aber eher zu belustigen schien.

Willi musste grinsen, da der Vergleich wirklich passte. Als er Antonia das letzte Mal bei einem Besuch mit seinen Eltern in Wanne Eickel gesehen hatte, war sie noch blond gewesen und hatte brav im Sonntagskleidchen an ihrem Klavier gesessen und Beethovens „Für Elise“ zum Besten gegeben. Nun, kaum ein Jahr später, lief sie herum wie die Schauspieler bei dem Musical „Der kleine Vampir“, das er kürzlich mit seinen Eltern in Frankfurt besucht hatte.

„Hab’s euch doch gesagt“, zischte er leise seinen Freunden zu, als hätte er Angst, jemand könnte ihn hören. „Das Mädel ist total plemplem.“

„Aber schon ein heißer Feger“, bemerkte Husti.

Okay, das musste Willi zugeben, Antonia war nicht hässlich, und obwohl sie erst vierzehn war, wäre sie auch gut und gern für siebzehn durchgegangen. Aber im Kopf, das mussten ihm die Freunde wirklich glauben, totale geistige Leere.

„Wer ist denn der ältere Herr bei deinem Vater?“, schaltete sich Ralle plötzlich ein und wechselte damit geschickt das Thema.

„Das ist Professor König“, antwortete Willi und schaute zu dem altmodisch gekleideten Herrn, dessen Glatze sich in der Sonne spiegelte, „der besucht uns nun schon das dritte Jahr in Folge. Interessiert sich für alte Mythen und Sagen. Natürlich insbesondere für die Nibelungen“, fügte er noch hinzu.

Die Nibelungensage kannte in Biebesheim und Umgebung jedes Kind. Schon in der Vorschule wurde davon erzählt. Es gab auch eine Nibelungenstraße in Biebesheim und seit einigen Jahren wurde sogar ein Theaterstück über die Nibelungen im benachbarten Worms aufgeführt.

Die Sage handelte von dem Helden Siegfried, der aus dem fernen Xanten an den Hof von König Gunther nach Worms kam. Dort musste er mehrere Prüfungen bestehen, damit er Kriemhild, die Schwester des Königs, heiraten durfte. Siegfried besiegte einen furchtbaren Drachen, überlistete die Zwerge und erleichterte sie um ihren Schatz. Halt so stinknormale Sachen, wie die Ritter sie in diesen alten Märchen eben tun. Leider hatte diese Geschichte im Gegensatz zu den meisten Märchen aber kein gutes Ende gefunden. Siegfried wurde nämlich bei der Jagd von seinem vermeintlichen Freund Hagen von hinten mit einem Speer erstochen. Eigentlich war Siegfried nach seinem Bad im Drachenblut ja unverwundbar gewesen. Doch Brunhild, die Frau des Königs, hatte aus Eifersucht Hagen die einzige Stelle an Siegfrieds Körper verraten, an dem die Haut nicht durch das Drachenblut gehärtet worden war. Anschließend hatte Hagen den Schatz genommen und ihn in den Rhein geworfen. Was Willi bis heute ja nicht verstand, weil so dämlich doch gar keiner sein und einen solchen riesigen Schatz einfach im Fluss versenken konnte.

Der Unterschied zwischen einer Sage und einem Märchen war aber nun mal, dass Märchen erfundener Quatsch sind und Sagen einen wahren Kern besitzen. Aus diesem Grund hatten in den letzten Jahrhunderten immer wieder Menschen nach dem Nibelungenschatz gesucht. Einige behaupteten sogar, Hagen hätte den Schatz hier in der Nähe von Biebesheim in den Rhein geworfen. Andere waren der Auffassung, er sei lediglich irgendwo hier in der Gegend verbuddelt und warte auf seinen Finder. Wirklich gefunden hatte aber bis heute keiner etwas. Noch nicht mal ein Körnchen Gold, das auf den Schatz deuten würde.

Die drei beobachteten, wie Herr Sauerbach die Koffer von Antonia und dem Professor sorgfältig im Bollerwagen verstaute und dann mit den beiden in Richtung Winzergasse davonging. Kaum waren sie in der Gasse verschwunden, standen die Freunde auf und gingen ebenfalls in die Richtung.

„Stopp“, zischte Ralle plötzlich und hielt Willi, der vor ihm herging, am T-Shirt fest. „Schau mal, der Typ!“

Willi wusste sofort, was sein Freund meinte. Einer der beiden Anzugträger aus dem schwarzen Mercedes bog vor ihnen in die Winzergasse ein, wobei er sich immer wieder umschaute, als hätte er etwas zu verbergen. Nachdem der Mann in der Gasse verschwunden war, rannten die drei ihm nach. Als sie in die Gasse einbogen, sahen sie gerade noch, wie der Mann fünfzig Meter weiter vorn in der Bäckergasse verschwand. Wieder beeilten sich die drei hinterherzugehen und machten erstaunte Gesichter, als sie um die Ecke bogen und der Typ spurlos verschwunden war. Knapp vor ihnen polterte nur noch Herr Sauerbach mit seinem Bollerwagen über das Kopfsteinpflaster, bei ihm die beiden ungleichen Reisenden, die sich angeregt über die Fachwerkhäuser in der engen Straße zu unterhalten schienen.

Kapitel 2Dinos und Drachen

Als Willi am nächsten Vormittag die Tür zur Drachenburg aufstieß, saßen die beiden Freunde wie am Vortag bereits an dem kleinen Tisch und schauten sich etwas auf Hustis Laptop an. Der tragbare Computer war Hustis ständiger Begleiter. Der Freund verließ das Haus praktisch nie ohne das Gerät, das er in einem speziell dafür gepolsterten Rucksack mit sich herumschleppte.

„Paläontologe“, sagte Husti knapp.

„Paläwas?“, antwortete Willi.

Husti schaute von seinem Computer auf und verdrehte die Augen.

„Der Professor. Der Professor ist Paläontologe.“

„Ja und?“ Willi verstand nicht, was sein Freund ihm sagen wollte.

„Na, er interessiert sich nicht für Altertumsgeschichte und Mittelalter, sondern für Dinos“, erklärte Husti. „Paläontologen erforschen Dinosaurier und andere Urzeitwesen.“

Willi trat hinter die beiden und schaute ebenfalls auf den Bildschirm. Auf der einen Hälfte des Monitors war ein Bild von Professor König zu sehen. Daneben ein Zeitungsartikel.

„Ich hab den Professor mal gegoogelt“, fuhr Husti fort.

Mit googeln meinte er die Suche über eine Suchmaschine im Internet. Es war eine Marotte von ihm, alles und jeden im Internet zu googeln. Man soll ja nicht meinen, was da so alles drin steht. Heutzutage war einfach jeder und alles im Internet zu finden. Sogar die Gaststätte von Willis Eltern, die Löwenapotheke am Marktplatz und die kleine Pommesbude von Ralles Mama.

„Der Prof ist im Netz richtig berühmt. Bis vor drei Jahren hat er an der Universität in Hamburg einen Lehrstuhl für Paläontologie gehabt. Als er dann behauptete, er hätte eine neue Spezies entdeckt, haben sie ihn wohl für meschugge erklärt und in den Ruhestand versetzt.“

Willi verstand noch immer nicht. „Was ist denn daran so meschugge und ungewöhnlich, wenn ein Wissenschaftler eine neue Spezies entdeckt? Dafür sind die Wissenschaftler doch gewöhnlich da?“

„Na“, schaltete sich Ralle ein, „ich fänd das schon recht bekloppt, wenn morgen einer behaupten tät, dass es Drachen gibt.“

Willi schmunzelte, weil er an Opa Karl denken musste. Der hatte ja auch immer behauptet, Oma Tinchen wäre ein Drache. Aber das war natürlich nur Spaß gewesen. Willi überflog den Zeitungsartikel auf Hustis Bildschirm und sein Grinsen wurde immer breiter. Da stand doch wirklich, dass Professor König Teile eines Skeletts in einer Höhle gefunden hatte und dann behauptete, es wären die Überreste eines Drachen.

„Na, da haben sich ja zwei gesucht und gefunden“, entfuhr es ihm, als er fertig gelesen hatte.

„Wer hat wen gefunden?“, fragte Ralle verblüfft.

„Na, der Professor und meine Grufticousine“, antwortete Willi. „Die sind heute Morgen direkt nach dem gemeinsamen Frühstück mit ihren Rucksäcken und einem Fresspaket für den ganzen Tag losgezogen.“ „,Zum Wandern‘, hatte Fräulein Grableuchte zu Mama gesagt. ,Und der Professor König, der is ja so nett‘“, Willi flötete los, wobei er seine Stimme gehoben hatte, und jetzt versuchte, wie ein Mädchen zu klingen, was aber reichlich dümmlich klang. „Und der ist ja auch so gebildet und weiß alles“, frotzelte er weiter.

„Na ja“, unterbrach ihn Husti. „Hauptsache, du bist die Ziege los.“

Stimmt, daran hatte Willi auch als Erstes gedacht. Solange Antonia mit Professor König unterwegs war, ging sie ihm schon nicht auf die Nerven.

„Warum hast du ihn eigentlich gegoogelt?“, fragte er und ließ sich dabei in Opa Karls alten Ohrensessel fallen.

„Also“, begann Husti, wobei er aufstand und diesen oberschlauen Blick aufsetzte, den Willi ja nun gar nicht leiden konnte und mit dem er immer aussah wie Dr. Schneider, Willis Englischlehrer. Er tat das immer dann, wenn er zu einem seiner neunmalklugen Vorträge ausholte. „Ihr erinnert euch an die beiden Typen in dem Mercedes?“ Die beiden nickten. „Da sie mir recht merkwürdig vorkamen, erst recht nach dem Verschwinden des einen vor unseren Augen, habe ich das Kennzeichen ihres Wagens überprüft.“

Willi musste schlucken.

„Wie haste denn das gemacht?“

„Na, übers Internet natürlich.“ Husti deutete auf den Laptop. „Ach ja, ich kann jetzt übrigens auch von hier ins Netz. Dank der schlechten Sicherungen des Netzwerkes vom Weingut Berger schräg unter uns haben wir jetzt eine direkte WLan-Verbindung ins World Wide Web und der Rechner der Zulassungsstelle war auch nur ein Klacks.“

„Das ist doch illegal!“

Husti verdrehte die Augen. „War das, nun sagen wir, Ausborgen der Kirschen am Kirschbaum von Bergers letzte Woche etwa legal?“

Willi wusste nicht, was er sagen sollte. Natürlich war es nicht ganz legal, Bergers die Kirschen vom Baum zu klauen und sie dann auch noch an Oma Tinchen zu verkaufen. Aber die hätten Bergers ja eh nicht alle essen können, so viele wie da dran hingen.

„Dürfte ich jetzt ohne weitere Störung fortfahren?“ Wieder nickten die beiden. „Also, die Überprüfung ergab, dass der Wagen einem Baron von Rabenfels gehört. Der Baron bewohnt ein Schloss, ca. zwanzig Kilometer von hier. Sein Geld verdient er auf vielfältige Weise. Beteiligungen an mehreren großen Konzernen und Banken. Import und Export von antiken Kunstgegenständen. Sein Vermögen wird auf über zweihundert Millionen Euro geschätzt.“

„Du, Husti“, Willi hob den Finger, als wollte er sich in der Schule beim Deutschunterricht melden, was aber eigentlich eher sehr selten war. „Und was hat das mit dem Professor zu tun?“

Husti überlegte kurz. „Na, genau weiß ich es halt noch nicht. Aber die haben den Professor überwacht“, sagte er, „da bin ich mir ganz sicher.“

„Aber warum den Professor?“, warf Ralle ein.

„Ja, wen denn sonst, etwa Willis Papa oder die Grufticousine?“, entrüstete sich Husti und schob sich die Brille auf der Nase nach oben. „Nee, die haben auf den Prof gewartet und sind ihm gefolgt, so was spür ich.“

Willi überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. „Ich glaube, der Typ ist in die Gasse gelaufen, weil er mal aufs Klo musste oder so. Deshalb haben wir ihn auch nicht mehr gesehen, der ist in irgendeinem Haus verschwunden. Und der Professor, der macht hier nur Ferien, der ist vollkommen harmlos.“ Willi schaute seine Freunde nacheinander an. „Also, ich mache jetzt auch Ferien und geh ins Freibad.“

„Jou, dann mal los“, rief Ralle, schnappte seinen Rucksack von der Eckbank hinter dem Tisch und eilte, gefolgt von Willi, aus dem Bienenhaus hinaus.

Antonia stieg hastig in den Bus der Linie Neun nach Biebesheim und schwang sich direkt hinter dem Fahrer in die freie Sitzbank. Endlich sitzen. Keine Minute länger hätte sie bei diesen Temperaturen durch die Gassen von Worms laufen können. Der Professor, der direkt hinter ihr einstieg, zahlte bei dem dicken Fahrer den Fahrpreis von insgesamt fünf Euro sechzig für zwei Personen und nahm dann in der freien Reihe ihr gegenüber Platz. Zuerst hatte sie sich gefreut, als er ihr anbot, ihn nach Worms begleiten zu dürfen, aber bereits nach zwei Stunden Museum und Hunderten von Inschriften, Grabsteinen, antiken Waffen und Bildern waren ihr Zweifel gekommen, ob das so eine gute Idee gewesen war. Ihre Füße schmerzten und es war wirklich elend langweilig. Besonders, als der Professor sie im Anschluss noch in den Wormser Dom geschleppt hatte. Die Gruft unter der Kirche mit den Gräbern irgendwelcher Adeligen und Kirchenfürsten war noch das Interessanteste gewesen, weil es dort angenehm kühl war.

Tante Hildegard hatte ihr ja vorgeschlagen, sie könne mit Willi und seinen Freunden ins Freibad gehen, aber sie hatte sofort abgewinkt. Wie gerne wäre sie bei diesem Wetter ins Freibad gegangen. Aber auf Willi und die beiden anderen Deppen hatte sie echt keinen Bock gehabt. Doch bevor sie noch einmal mit dem Professor in eine Kirche oder ein Museum ging, würde sie lieber einen ganzen Tag mit den drei Schluffis verbringen. Zugeben würde sie das natürlich nie, zumindest nicht in der Gegenwart von Willi und den anderen beiden.

Bis auf eine ältere Dame schräg hinter ihr, den etwas dicklichen Busfahrer und einen sehr kleinen Mann in einem komischen Trachtenanzug, war der Bus menschenleer.

Antonia schaute zu dem Professor, der, wie schon den ganzen Tag über, Notizen in seinen Minicomputer tippte. Das Ding sah aus wie ein zu groß geratenes Handy mit einer richtigen Computer-Minitastatur. Über alles hatte er sich Notizen gemacht. Inschriften von alten Grabsteinen und Dokumenten gab er penibel in das Gerät ein. Die meisten Schriften hatte er sogar zusätzlich noch mit einer kleinen digitalen Kamera geknipst.

Zwischen den einzelnen Sehenswürdigkeiten erzählte er ihr so ziemlich die komplette Geschichte von Worms. Dabei kam er immer wieder auf die Nibelungen und den Helden Siegfried zurück. Davon hatte Antonia aber schon vorher durch ihre Mutter erfahren, nachdem sie sich einen Spielfilm darüber angesehen hatten.

Am Dom zeigte er ihr die Tür, an der laut der Sage Kriemhild und Brunhild aneinandergerieten. Jede der beiden bestand darauf, als Erste den Dom zu betreten, weil beide von sich glaubten, die jeweils Wichtigere und Höhergestellte zu sein. So etwas Blödes könnte ihr nicht passieren, wie konnte man sich nur darum reißen, als Erste in eine Kirche zu gehen? Aber damals vor über eintausendfünfhundert Jahren sahen die Leute das wohl noch ein bisschen anders.

Und der Professor? Na ja, ein bisschen ballaballa war der halt schon. Irgendwie. Aber auch nett. Zumindest hatte er ihr heute alles ausgegeben. Sogar ein Rieseneis war noch drin gewesen. Mit Sahne natürlich.

Antonia fingerte ihren MP3-Player aus dem Rucksack und steckte sich die kleinen Kopfhörer in die Ohren. Dann lehnte sie sich zurück und schaltete das Gerät an. Sofort hämmerte laute Rockmusik auf sie ein. Gothicrock! Supergut und einfach entspannend.

Nach einer guten halben Stunde und mehreren Zwischenstopps hielt der Bus am Marktplatz in Biebesheim. Antonia zog sich die Stöpsel ihres MP3-Players aus den Ohren und verstaute sie gemeinsam mit dem Gerät wieder in ihrem Rucksack. Dann setzte sie sich ihre Sonnenbrille auf und stieg direkt hinter dem Professor aus dem Bus.

Der Marktplatz war für die Tageszeit recht leer. Wahrscheinlich lag es an den immer noch hohen Temperaturen, die die Leute in ihren kühleren Häusern hielten oder sie ins Freibad lockten. Antonia ließ ihren Blick über den Platz schweifen. An dem Brunnen mit der Engelsfigur in der Mitte planschten zwei kreischende Kleinkinder, deren Mütter unweit von ihnen unter einem Sonnenschirm des „Café Lucy“ saßen und fröhlich plappernd Kaffee tranken. Rund um den Platz parkten einige Autos.

Antonia trottete müde neben dem Professor über den Platz, als sie plötzlich stockte. Irgendetwas beunruhigte sie, es lag etwas in der Luft. Sie hatte so etwas schon öfter gespürt, diese Ahnung beobachtet zu werden. Manchmal überkam sie halt einfach so ein Gefühl, das sie nicht beschreiben konnte, wie wenn sich der Blick eines Fremden direkt in ihren Rücken bohrte.

Sie drehte ihren Kopf und blickte zu den parkenden Autos. Tatsächlich, etwa fünfzig Meter von ihr entfernt stand ein großer schwarzer Wagen mit heruntergelassenen Scheiben. Darin zwei Typen mit dunklen Anzügen und Sonnenbrillen. Die Männer sahen in ihre Richtung. Sekunden später, scheinbar bemerkten sie Antonias Blick, drehten die beiden ihre Köpfe und schauten in eine andere Richtung. Sie überlegte kurz. Vermutlich warteten die beiden auf jemanden. Aber außer ihr und dem Professor gab’s ja hier nichts zu sehen. Na ja, überlegte sie, denen war halt auch langweilig, deshalb hatten sie zu ihr rübergesehen. Seit sie dieses coole, schwarze Outfit trug, begafften sie öfters schon mal irgendwelche Spießer. „Hm“, sie seufzte und lief einige Schritte, um den Professor wieder einzuholen, der schon fast auf der anderen Seite des Platzes war und dort gleich in einer der kleinen Gassen verschwinden würde. Schweigend gingen sie nebeneinander durch die schöne Altstadt.

In der Bäckergasse, als sie schon fast an der Pension GOLDENER SCHWAN angekommen waren, kehrte dieses merkwürdige Gefühl zurück. Antonia blieb abrupt stehen und drehte sich um. War da was? Für einen Moment glaubte sie, im Schatten der Häuser eine Gestalt zu sehen. Aber da war nichts. „Antonia, du spinnst“, sagte sie leise zu sich selbst und ging weiter. Den Mann im Anzug, der langsam aus dem Eingang von Haus Nummer zwölf glitt, sah sie nicht mehr. Aber das mulmige Gefühl blieb und verließ sie erst wieder, als sie die Pension der Sauerbachs betrat, wo Tante Hildegard sie freudig begrüßte.

Kapitel 3Was für ein Donnerwetter

Als Willi am nächsten Morgen die Küche betrat, saß Antonia bereits am Frühstückstisch und rührte gelangweilt in ihrem Müsli herum.

„Guten Morgen, gnädche Frau“, näselte Willi wie ein alter Butler und verbeugte sich dabei.

„Idiot“, antwortete Antonia, ohne dabei von ihrem Müsli aufzusehen. Man sah ihr richtig an, wie ihr Kopf tomatenrot anlief und sie innerlich zu kochen begann.

Willi setzte sich zufrieden an das Kopfende des Tisches, nahm ein Hörnchen aus dem Brotkorb und begann, es dick mit Butter und Marmelade zu bestreichen. Die Sache mit dem Frosch in seinem T-Shirt machte ihm immer noch zu schaffen. Während er genüsslich in das Gebäck biss, überlegte er krampfhaft, wie und wann er es ihr endlich heimzahlen konnte.

„Guten Morgen, ihr Langschläfer.“ Mama Sauerbach hatte die Küche betreten und goss sich nun einen Kaffee ein.

„Guten Morgen, Tante Hildegard“, sagte Antonia freundlich.

„Uten Mogen, Mhamah“, mampfte Willi mit vollem Mund und stopfte sich den Rest des Hörnchen auch noch in seine Backen.

Antonia starrte ihn entsetzt an. „Willi, du frisst wie ein kleines Schweinchen.“

Der schluckte den kompletten Inhalt seines Mundes mit einem Glas Milch runter und putzte grinsend seine Finger an der knielangen Hose ab.

„Willi, muss das sein?“, entfuhr es Mama Sauerbach.

„Sorry, aber ich muss los“, rief er, während er vom Tisch aufsprang und Richtung Tür hechtete, „bin mit Ralle und Husti verabredet.“

„Willi!!!“, ermahnte ihn Mama Sauerbach, „wir haben doch gestern Abend besprochen, dass ihr heute Antonia mitnehmt.“

Willi stöhnte auf. Okay, er hatte versucht, sich dünne zu machen und gehofft, Mama hätte nicht mehr an das gedacht, was sie gestern am Abend besprochen hatten. War wohl schiefgegangen, aber einen Versuch war es wert gewesen.

Mama Sauerbach nahm eine Geldbörse aus dem Schrank, zog einen Geldschein heraus und reichte ihn Antonia. „Fürs Freibad“, und mit einem Lächeln fügte sie noch hinzu, „und für vier Eis müsste es auch noch reichen. Für jeden eins“, fügte sie noch mit einem strengen Blick auf Willi hinzu.

Zehn Minuten später radelten die beiden, mit ihren Rucksäcken bepackt, in Richtung Freibad, das etwas außerhalb des kleinen Städtchens lag.

Mama hatte Antonia ihr altes klappriges Hollandrad geliehen, mit dem sie hinter Willi herhechelte. Der genoss es natürlich sichtlich, dass Antonia mit dem alten Drahtesel seinem neuen Rennrad kaum hinterherkam.

Kurz vor der Abzweigung zum Freibad, sie hatten gerade die letzten Häuser hinter sich gelassen, hörte Willi von hinten das Aufheulen eines Automotors. In dem Moment, als er sich umdrehte, schoss der Wagen aber auch schon mit einem Affenzahn an ihnen vorbei.

„Mann, der hat’s aber eilig gehabt!“, rief Antonia, während sie, genau wie Willi, ihr Rad stoppte und abstieg.

Willi schaute der großen schwarzen Mercedes-Limousine hinterher, die gerade mit quietschenden Reifen hinter der nächsten Kurve verschwand. Für einen Moment kam es ihm vor, als hätte ihnen ein Mann durch die Heckscheibe zugewinkt. Leider hatte er es aber durch das Spiegeln der Sonne auf dem Glas nicht genau erkennen können. Er schüttelte den Kopf: So ein Quatsch, wer sollte ihnen aus so einer dicken Karre zuwinken? Oder doch?

„Haste gesehen“, sagte Antonia hinter ihm, „da hat einer gewinkt. Der sah aus wie Professor König.“

Also doch! Antonia hatte es auch gesehen.

„Aber der Professor ist doch in Worms in der Universitätsbibliothek“, überlegte sie scheinbar laut, zuckte dann mit den Schultern und stieg wieder auf ihr Rad.

Den Rest des Weges fuhren sie ruhig nebeneinander her, jeder mit seinen Gedanken bei dem schwarzen Wagen mit der wild winkenden Person. Willi hätte sogar schwören können, dass es der Wagen von diesem Baron von Rabenfels war, der vorgestern am Bahnhof gestanden hatte. Aber so richtig sicher war er sich dann doch nicht, schließlich gab es ja noch andere schwarze Mercedes-Limousinen.

Als sie am Freibad ankamen, warteten Husti und Ralle bereits auf der Bank neben den Fahrradständern.

„Na endlich, wir dachten du ..., ähm, ihr“, verbesserte sich Husti, „kämt nicht mehr.“

Willi stellte den beiden Antonia vor. Dabei vermied er aber die netten Betitelungen wie blöde Ziege oder dumme Gans, die er sonst zu benutzen pflegte. Man war ja schließlich Kavalier und im Beisein eines Mädchens erst recht, auch wenn sie wirklich eine dumme einfältige Gans war.

Nachdem sie den Eintritt bezahlt hatten, suchten sie sich einen schattigen Platz unter einer großen Weide am Rande der Liegewiese. Dort entfalteten sie ihre Badetücher und machten es sich erst mal bequem. Willi zog eine große Flasche Limonade und 4 Kunststoffbecher aus seinem Rucksack, den Mama ihm extra gepackt hatte. Während sie tranken, erzählte er von dem Wagen, der sie auf dem Weg hierher überholt hatte.

„Und du glaubst, dass es der gleiche Wagen wie vorgestern am Bahnhof war?“, fragte Ralle.

„Denke schon“, antwortete Willi.

„Was wolltet ihr eigentlich am Bahnhof?“, unterbrach Antonia mit spitzer Stimme das Gespräch der Jungs.

„Eis essen“, antwortete Husti schlagfertig, während die beiden Freunde noch überlegten.

„Aha, ihr esst also zufällig Eis gegenüber dem Bahnhof, während ich da ankomme“, Antonia grinste. „Konntet es wohl nicht erwarten, mich zu sehen?“

„Wir könnten drauf verzichten, dich zu sehen“, knurrte Willi.

Antonia ging auf die Bemerkung nicht ein und fuhr fort: „Auf jeden Fall, als ich gestern mit dem Professor aus Worms kam, stand der Wagen von vorhin am Marktplatz und drin saßen zwei Typen mit Anzügen und haben uns beobachtet.“

„Bist du sicher, dass es genau der Wagen war?“, fragte Husti, auf dessen Stirn sich kleine Denkfalten bildeten.

„Klar, ich hab mir die Nummer gemerkt.“ Ohne lange zu überlegen nannte sie das Kennzeichen.

„Stimmt, das ist es“, sagte Husti und schien mächtig beeindruckt.

„Heute Abend werde ich den Professor einfach fragen, ob er uns gewinkt hat. Und wenn ja, erkundige ich mich mal ganz beiläufig über diesen Baron von Rabenfels.“

Dann stand sie auf, rannte zum Becken und sprang mit dem Kopf voraus ins Wasser.

Willi schaute seine Freunde nacheinander an. „Okay. Ich geb’s ja zu, ganz blöde scheint sie nicht zu sein“, knurrte er. „Das mit der Autonummer hätte ich ihr nicht zugetraut.“

„Also, ich find sie richtig nett“, flötete Ralle und sah immer noch in Richtung Becken, wo Antonia im Wasser zwischen den anderen Schwimmern nicht mehr auszumachen war.

Willi verdrehte die Augen und unkte: „Na, dann frag sie doch direkt, ob sie dich heiraten will.“ Dann stand er auf, flitzte ebenfalls zum Becken und landete mit einer Arschbombe inmitten einer Gruppe von Grundschülern im feuchten Nass.

Am späten Nachmittag radelten die vier gemeinsam wieder zurück nach Biebesheim. Der Himmel hatte sich in den letzten beiden Stunden mächtig zugezogen. Erst waren nur einige kleine Wölkchen zu sehen gewesen, doch mittlerweile hingen die Wolken wie schwere grauschwarze Gebirge am Himmel. Vom wunderschönen Blau des sonnigen Morgens war rein gar nichts geblieben. Am Horizont zuckten bereits die ersten Blitze über den Himmel.

Als sie in der Bäckergasse ankamen, musste Willi unwillkürlich in die Bremse treten, sodass die anderen drei hinter ihm ihn um ein Haar gerammt hätten. Vor dem GOLDENEN SCHWAN parkte ein Polizeiauto. Daneben stand Papa Sauerbach mit Willis Onkel Ewald, der in seinem Hawaiihemd aussah wie ein dicker Papagei. Beide redeten auf einen Uniformierten ein, der eifrig auf einem Block Notizen machte.

Onkel Ewald war Mama Sauerbachs älterer Bruder. Bis zu seiner Frühpensionierung vor einem Jahr war er Kommissar bei der Kriminalpolizei in Worms gewesen. Man hatte ihn nach einer schweren Verletzung, die er sich während einer Schießerei mit Bankräubern zugezogen hatte, in den Ruhestand versetzt, obwohl er gerade erst mal Mitte vierzig war. Jetzt lebte er auf einem Hausboot am Altrhein mit seinem Hund Felix, einem Schäferhund, und verbrachte die meiste Zeit mit Angeln und Schlafen. Das behauptete zumindest Mama Sauerbach. Der Onkel war auch nicht verheiratet oder so. Ewald behauptete immer, dass die Frauen nicht mit seinem Beruf zurechtgekommen wären und deshalb Reißaus genommen hätten und außerdem liebe er seine Freiheit über alles. Willi fand das cool. So wie Ewald wollte er auch mal werden.

Die vier schoben ihre Fahrräder zu dem Fahrradständer rechts neben dem Treppenaufgang und stellten sie ab.

„Hans, wir sollten warten, bis dein Gast wieder zurück ist“, hörten sie Onkel Ewald sagen. „Vielleicht fehlt ja gar nichts. Ruf die Kollegen dann einfach noch einmal an.“

Papa Sauerbach seufzte: „Gut, Ewald, mache ich. Noch mal danke, dass du so schnell kommen konntest.“ Er schüttelte die Hand seines Schwagers und wandte sich dann dem Polizisten zu. „Ihnen auch noch einmal vielen Dank und ich melde mich dann wieder. Sie müssen verstehen, wir sind ein ordentliches Haus, ich führe die Gaststätte bereits in der siebten Generation und wir hatten noch nie einen Einbruch in das Zimmer eines Gastes.“

Onkel Ewald klopfte Papa Sauerbach auf die Schulter. „Nun beruhige dich erst mal, Hans, vielleicht klärt sich ja alles noch im Guten auf. Am Ende hat der Professor König sein Zimmer noch selbst verwüstet.“ Dann begann er schallend zu lachen. Ein Lacher, der Willi aber eher wie das Husten eines Grizzlybären vorkam.

„Ah, sieh an, da sind ja meine Jungens.“ Ewald hatte die vier gesehen, kam jetzt auf sie zu und gab jedem freudig die Hand. Als er bei Antonia ankam, stutzte er kurz. „Ja, gibt es denn so was, Toni, ich hab dich ja kaum erkannt mit den schwarzen Haaren. Eine richtige junge Dame bist du geworden.“ Er musterte sie von oben bis unten. „Tja, an den Kindern sieht man, dass man alt wird. Ich kann mich noch erinnern, wie du so ein kleines Baby warst.“

Antonia, der es sichtlich peinlich war, wurde noch röter im Gesicht als sie es durch den Sonnenbrand aus dem Schwimmbad eh schon war.

„Also, ihr müsst alle unbedingt mal zum Angeln aufs Hausboot kommen. Ruft mich einfach kurz vorher an, damit ich auch zu Hause bin.“ Er winkte allen kurz zu, ging zu seinem Wagen, einem alten kanariengelben Käfer Cabriolet und brauste mit geöffnetem Verdeck um die nächste Ecke. Der Polizist verabschiedete sich ebenfalls und fuhr langsam durch die Gassen der Altstadt davon.

Sofort stürmten die Kinder hinter Herrn Sauerbach her, der bereits die Treppe zum Eingang hinaufgestiegen war.

„Papa, warte, was ist denn passiert?“, rief Willi.

„Ach, Kinder“, stöhnte der sichtlich geschafft, „kommt erst mal rein.“

Anschließend saßen die Freunde gemeinsam mit Willis Eltern in der Wirtsstube und aßen frische Waffeln mit Schlagsahne und Himbeeren, die Oma Tinchen gebacken hatte.

Papa Sauerbach erzählte den vieren in allen Einzelheiten die Geschehnisse. Lotta, das Zimmermädchen, war kurz vor Mittag in das Zimmer des Professors gegangen, um es, wie jeden Tag, zu reinigen und die Betten zu machen. Dabei entdeckte sie das Unheil. Alles war durchwühlt worden. Sämtliche Kleidung lag quer durch den Raum verstreut, dazwischen die Unterlagen und Bücher von Professor König. Alle Schubladen waren aus den Schränken herausgerissen worden. Die Kissen, das Bettzeug und die Matratze hatte jemand mit einem Messer aufgeschlitzt.

„Wer tut denn so was?“, klagte Mama Sauerbach und schüttelte immer wieder den Kopf.

„Herr Sauerbach“, fragte Husti, „wissen Sie denn, ob irgendetwas gestohlen wurde?“

„KeineAhnung“,antworteteder,„esscheintnochallesda zusein,wirwerdenwartenmüssen,bis Professor Königvon seinem Ausflugwiederzurückist. Seinen Laptopundseine Reisekasse hatte er Gott sei Dank heute Morgen, bevor er losgegangen ist, im Safe deponiert.“

Willi überlegte kurz, ob er den Eltern die Geschichte mit dem schwarzen Wagen erzählen sollte, entschied sich aber dafür, lieber nichts zu sagen. Nachher war das gar nicht der Professor in dem Auto gewesen. Hoffentlich verplapperte sich Antonia oder einer der Jungs nicht.

Seine Sorgen verflogen aber im wahrsten Sinne schlagartig. Denn plötzlich zuckte draußen ein heller Blitz über die bunten Butzenscheiben der Gaststätte, gefolgt von einem gewaltigen Donner. Sofort ging die Lampe über dem Tisch aus. Scheinbar war der Blitz irgendwo in die elektrischen Leitungen geschlagen. Wie laute Trommeln prasselten Regen und Hagel auf die Fensterscheiben.

Antonia schrak zusammen, griff nach Ralles Arm und klammerte sich an ihn. Der war zwar verdutzt, schien das aber nicht als unangenehm zu empfinden.

Willi, dem das nicht entgangen war, fing plötzlich laut an zu lachen, worauf ihn alle fassungslos anguckten. Sofort schob Ralle Antonia sanft von sich weg und stammelte: „Is was?“

Willi japste nach Luft. „Nee, ich musste nur gerade an Onkel Ewald in seinem Cabrio denken. Jetzt kann er wohl im Auto angeln.“

„Willi“, ermahnte ihn Mama Sauerbach, „das wird er doch wohl zugemacht haben, der ist ja nicht dumm.“

Willi kicherte weiter. „Nee Mama, dumm ist der nicht, nur sein Verdeck, das haben ihm im letzten Winter die Mäuse gefressen. Ein riesiges Loch!“ Dabei streckte er die Arm so weit auseinander wie er nur konnte.

Jetzt musste auch Mama Sauerbach lachen und für einen kurzen Moment schien sie sogar das Durcheinander in Zimmer Acht zu vergessen.

Das Gewitter ließ erst spät am Abend nach. Da wegen des Unwetters keine Gäste gekommen waren, saßen sie noch lange bei Kerzenschein in der Gaststube und erzählten. Papa Sauerbach brachte irgendwann Ralle und Husti mit dem Auto nach Hause und schob deren Fahrräder in den Schuppen hinter dem Haus.

Als Willi nachts im Bett lag, musste er noch lange über die Ereignisse des Tages nachdenken. Der Professor war immer noch nicht zurückgekommen.

Mama hatte noch einmal mit Onkel Ewald telefoniert. Der versuchte sie zu beruhigen. Der Professor war ein erwachsener Mensch, den konnte man, anders als verschwundene Kinder, erst nach einer gewissen Zeit als vermisst melden. Sicherlich hatte er jemanden getroffen und bei diesem wegen des Unwetters übernachtet. Da half es nichts, sich den Kopf zu zerbrechen, sie mussten einfach abwarten. Fast alle Vermisstenanzeigen bei der Polizei würden sich bereits nach einem Tag aufklären, weil der Betreffende wieder auftauchte und gar nicht gewusst hatte, dass ihn jemand suchte.

Sollte der Professor bis morgen allerdings nicht da sein, würde Willi das mit dem schwarzen Mercedes Onkel Ewald erzählen. Der würde wissen, was zu tun ist.

Dann musste er wieder grinsen. Nicht wegen des kaputten Verdecks, das mit dem Loch war schon wahr gewesen. Nein, diesmal musste er an Ralle denken, der den ganzen Tag nicht mehr von Antonias Seite gewichen war. Je mehr er überlegte, kam er zu dem Entschluss, dass sie ja manchmal doch ganz nett war. Nur die Sache mit dem Frosch, damit war er echt noch nicht fertig.

Kapitel 4Das Hausboot am Altrhein

Mit einem tiefen Atemzug sog Willi die klare frische Luft ein. Er mochte diesen Duft von feuchtem Heu und nasser Erde, der aus den Feldern und Wiesen entlang des Weges stieg. So gut konnte die Luft nur am frühen Morgen nach einem starken Gewitter riechen. Der Himmel zeigte sich bereits wieder in seinem schönsten Blau und versprach einen Supersonnensommertag.

Er trat fester in die Pedale seines Rennrades, wobei er einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr warf. Kurz nach acht und er war bereits auf den Beinen, obwohl doch Ferien waren.

Dann ein schneller Blick nach hinten. Antonia strampelte auf Mamas altem Drahtesel wie eine Besessene hinter ihm her. Selbst Schuld. Eigentlich wollte er allein zu Onkel Ewald fahren, doch Antonia war schon wach gewesen und hatte ihn am Schuppen erwischt, als er gerade sein Fahrrad ins Freie schieben wollte. Eines hatte sich wieder mal bestätigt: Hatte Antonia Sauerbach sich etwas in den Kopf gesetzt, dann konnte sie nichts und niemand mehr davon abbringen. „Das liegt am Sauerbachschen Sturkopf“, behauptete Oma Tinchen. Ihrer Meinung nach hatte er, Willi, diese Eigenschaft auch von Opa Karl geerbt, der das Gleiche ja immer von den Sauerbachschen Damen gesagt hatte.

Die Häuser von Biebesheim hatten sie schon längst hinter sich gelassen, als Willi in einen kleinen, gut befestigten Waldweg einbog. Rechts und links des Weges wuchsen Bäume und wildes Gesträuch, das, je weiter sie fuhren, immer dichter wurde und mehr und mehr an einen Urwald erinnerte.

Nach einigen hundert Metern weitete sich der Weg und wurde zu einer kleinen Lichtung. Daran schloss sich eine grandiose Seenlandschaft an: Der Altrhein, ein ehemaliges Stück des großen Stromes. Der Rhein hatte im Laufe der Jahrhunderte oft sein Flussbett verändert. Wo noch vor tausend Jahren der Rhein in Schlangenlinien geflossen war, konnten heute Wiesen, Äcker und Wälder sein.

Oft hatte in den letzten Jahrzehnten der Mensch eingegriffen und den Fluss gewaltsam in ein neues, gerades Bett gezwängt. Die Folge waren häufigere Überschwemmungen des Rheins, aber auch wunderschöne Landschaften rund um die ehemaligen Flusswindungen.

Inmitten dieser Urwaldlandschaft lag das Hausboot von Onkel Ewald. Vor dem Boot auf einer kleinen Lichtung gab es einen großen Grill mit offener Feuerstelle. Daneben stand Ewalds Käfer unter einer grauen Plane.

Das Hausboot, ein umgebauter alter Lastkahn, war von Onkel Ewald in mühevoller Kleinarbeit restauriert worden. Das Wasser um das Boot herum war ganz still. Wäre nicht gerade in einiger Entfernung ein Fisch gesprungen, der auf der Oberfläche kleine auseinanderlaufende Kreise hinterließ, hätte man meinen können, die Wasseroberfläche wäre eine große Glasplatte.

Über den kleinen Steg betraten sie das Boot, wo sie freudig von Felix, dem Schäferhund, begrüßt wurden. Genau wie Onkel Ewald war Felix früher Polizist gewesen. Als er zu alt für den Dienst bei der Hundestaffel wurde, hatte der Onkel den Hund kurzerhand zu sich auf das Hausboot genommen, um ihm das Gnadenbrot zu geben.

Willi ging in die Hocke und kraulte den großen Hund hinter den Ohren.

Diesem schien das zu gefallen, er schleckte Willi mit seiner rauen Zunge über das Gesicht, sodass der nach hinten kippte und auf seinem Hosenboden landete.

Laut lachend kam Onkel Ewald um die Ecke des Steuerhauses. Wie am Vortag trug er ein knallbuntes Hawaiihemd. Eine feuerrote Baseballkappe bedeckte seine Halbglatze.

„Kinder, was macht ihr denn um diese Zeit schon hier?“ Er fasste Willi am Arm und zog ihn wieder auf die Beine. „Ihr hättet mich vorher anrufen sollen, dann hätte ich ein paar Brötchen mehr gebacken.“ Er strahlte und fragte dann unsicher: „Ihr bleibt doch zum Frühstück?“

Die beiden beeilten sich zu nicken und folgten dem Onkel dann in eine geräumige Kajüte unter Deck. Der große Raum war Wohnzimmer, Kombüse und Esszimmer in einem und wirkte sehr gemütlich und behaglich.

Neben einem großen alten Küchenherd, den der Onkel zum Kochen noch mit Holz befeuerte, stand ein alter großer Kühlschrank, wie man ihn aus amerikanischen Filmen kannte. An der Wand gegenüber der kleinen runden Fenster hingen unzählige Fotos von der Familie, von Hunden, von Polizisten und auch von Menschen, die Willi nicht kannte. Dazwischen hingen mindestens noch mal so viele Post- und Grußkarten mit den unterschiedlichsten Motiven.

Antonia, die zum ersten Mal auf dem Hausboot war, besah sich interessiert die Fotos, während Ewald am Herd werkelte.

„Hey, da bin ja ich!“, sie deutete auf ein Foto vom letzten Sommer, das sie am Klavier zeigte. Ein anderes zeigte sie mit ihrem Ranzen und der Schultüte am Tag ihrer Einschulung. Dann entdeckte sie ein Foto, auf dem ihre Mutter lachend auf der Haube des Käfers saß.

„Du, Onkel Ewald, wann war das denn?“

„Oh“, der Onkel sah ihr über die Schulter, „das muss irgendwann vor deiner Geburt gewesen sein.“

Sie nickte nachdenklich. „Du und Mama, ihr kennt euch schon sehr lange oder?“

„Klar, schon ewig, wir sind ja schon gemeinsam in die Schule gegangen. Willis Papa und ich, wir waren damals und sind auch heute noch die besten Freunde. Ich bin ja bei den Sauerbachs ein und aus gegangen. Hätte damals auch nicht gedacht, dass der Hans mal meine Schwester heiratet.“

Ewald deutete auf ein weiteres Schwarz-Weiß-Foto, auf dem vier Jugendliche mit ihren Fahrrädern vor den Weinbergen standen. „Das rechts bin ich, daneben Hans, und die beiden Mädels sind deine und Willis Mama.“

Während Antonia und Willi weiter die Fotos betrachteten, wandte Ewald sich wieder dem Herd zu.

Ein herrlicher Duft von frischem Backwerk, Kaffee und gebratenem Speck machte sich breit. Felix rollte sich auf einer Decke neben dem Herd zusammen, gab dabei einen tiefen Seufzer von sich, während sein Herrchen ein weiteres Gedeck aus dem Schrank holte und es zu den beiden anderen auf den Tisch stellte. Der Onkel schien ihn wohl doch erwartet zu haben, dachte Willi.

„So Kinder, greift tüchtig zu, wird wohl auch für drei reichen.“

Ewald setzte sich auf die Bank gegenüber von Willi und Antonia und hielt den beiden einen Korb mit frischen Brötchen hin. Willi, der noch nicht gefrühstückt hatte und dessen Magen schon knurrte, ließ sich das nicht zweimal sagen. Als beide genommen hatten, schaute Ewald abwechselnd von einem zum anderen.

„Nun mal raus mit der Sprache“, sagte er plötzlich, „ihr seid doch so früh am Morgen nicht zum Angeln oder Fotos anschauen hier.“

Die beiden nickten. Da Willi wieder einmal den Mund voll hatte, begann Antonia zu erzählen. Von dem Professor, der auch heute Morgen noch nicht wieder aufgetaucht war. Von dem schwarzen Wagen und ihrem Ausflug nach Worms. Anschließend erzählte Willi, was er gesehen hatte. Als er von Hustis Recherchen über den Professor und diesen Baron von Rabenfels berichtete, ließ er die Quelle seines Wissens aus. Einem ehemaligen Polizisten musste man ja nicht unbedingt auf die Nase binden, dass der beste Freund sich in die Datenbank der Kraftfahrzeugzulassungsstelle gehackt hatte. Als sie geendet hatten, kratzte sich Onkel Ewald nachdenklich am Kinn.

„Ich glaube, ihr könntet recht haben.“ Wieder blickte er die beiden nacheinander an. „Ich kenne diesen Baron. Während meiner Dienstzeit habe ich mich schon des Öfteren mit ihm beschäftigt. Der Mann ist total plemplem, um es mal mit euren Worten zu sagen.“

Willi sah den Onkel ratlos an. Der stand auf und griff eine Pfeife und einen alten Tabakbeutel von dem kleinen Regal in der Ecke. Während er in aller Ruhe begann, die Pfeife mit Tabak zu stopfen, fuhr er fort: „Er hat sich schon vor Jahren in den Kopf gesetzt, den Schatz der Nibelungen zu finden. Dabei war er aber nie zimperlich, wenn es darum ging, Spuren und antike Gegenstände zu finden, die er in seinem Wahn mit dem Schatz in Verbindung brachte. Er steht im Verdacht des Raubes von Kunstgegenständen, Hehlerei, illegalen Waffenhandels, Freiheitsberaubung, Erpressung und noch einigen anderen netten Taten. Und wisst ihr, was das Tollste ist?“ Die beiden Kinder schüttelten gleichzeitig den Kopf. „Wir konnten ihm nie auch nur das Geringste beweisen.“ Er zündete die Pfeife an und blies einige Rauchkringel zur Decke. „Sollte der Baron etwas mit dem Verschwinden des Professors zu tun haben, wird es sehr schwer sein, ihm das zu beweisen.“

Onkel Ewald ließ sich in einen alten Ohrensessel sinken und paffte mehrmals an seiner Pfeife. Süßlicher Geruch breitete sich in der kleinen Kajüte aus.

Rauchen fand Willi ja eigentlich total doof. Erstens war das fürchterlich ungesund und zweitens stank es auch noch eklig. Er würde nicht so blöde sein und so etwas anfangen. Onkel Ewalds Pfeife dagegen, die stank ja nun gar nicht, obwohl das Ding qualmte wie fünf Zigaretten und bestimmt auch genau so ungesund war. Irgendwie roch es so ein bisschen wie Vanillepudding, dem guten natürlich, wie Oma Tinchen ihn immer machte.

„Merkwürdig“, murmelte der Onkel, „wirklich merkwürdig.“ Die beiden sahen ihn gespannt an, während er weiter Kringel in die Luft blies. „Wisst ihr, was mich stutzig macht?“, fragte er plötzlich. Die beiden schüttelten gleichzeitig die Köpfe. „Es gibt keine Verbindung“, antwortete er mehr zu sich selbst. „Es gibt keine Verbindung zwischen dem Professor und dem Baron. Erstens, der Baron interessiert sich für Kunstschätze.“ Er hob den Daumen und zählte auf: „Der Professor ist Paläontologe, der interessiert sich für ausgestorbene Tiere. Zweitens“, er hob nun auch den Zeigefinger, „auch wenn der Professor in seinem Urlaub ein wenig auf den Spuren der Nibelungen forscht, er wird nichts Neues herausfinden. Zumindest nichts, was nicht schon Tausende und somit auch der Baron vor ihm gefunden haben.“

Dann überlegte er kurz, sprach aber nicht weiter. Stattdessen schüttelte er den Kopf und ließ die Finger wieder sinken. „Es gibt kein drittens. Es gibt überhaupt gar nichts, was sie verbindet.“ Er klopfte seine Pfeife in einem Aschenbecher aus und stand auf.

„Kinder, vielleicht ist alles doch viel harmloser als ihr vermutet. Vielleicht sitzt der Professor gerade bei einem Freund oder einer netten Bekannten, erfreut sich bester Gesundheit und denkt an nichts Böses.“

Dass er daran selbst nicht glaubte, konnte Willi an den Denkfalten auf Onkel Ewalds Stirn sehen, die sich auch nicht legten, als sie bereits das Thema gewechselt hatten.

Nach einigen Minuten Geplänkel über das Wetter und andere Nebensächlichkeiten drängelte Willi zum Aufbruch. Die beiden bedankten sich für das reichhaltige Frühstück und machten sich, nicht ohne das Versprechen, den Onkel bald wieder zu besuchen, mit ihren Rädern auf den Weg.

Kurz bevor sie wieder auf die Hauptstraße in Richtung Biebesheim abbogen, kam ihnen ein kleiner bärtiger Mann in einem bayrischen Trachtenanzug entgegen, der sie freundlich grüßte und weitermarschierte. „Komischer Vogel“, dachte Willi und schaute dem kleinen Kerl hinterher, der sich mit schnellen Schritten in Richtung Ewalds Hausboot entfernte. Dabei schwenkte er seinen Spazierstock vor und zurück und schien recht vergnügt. Irgendwo hatte Willi ihn schon mal gesehen. Nur wo? Na, war ja auch egal. Vielleicht früher schon mal bei Ewald. Zumindest ein Bekannter des Onkels musste es ja sein, denn niemand sonst verirrte sich für gewöhnlich auf den Weg, der zum Hausboot führte.

Während sie weiter in Richtung Stadt fuhren und der kleine Mann schnell vergessen war, wanderten seine Gedanken wieder zu dem Professor. Dass der bei einem Bekannten übernachtete, konnte er nicht glauben. Sein komplettes Gepäck war ja noch im GOLDENEN SCHWAN. Außerdem hatten sie ihn ja in dem schwarzen Wagen von diesem Baron gesehen.

Als sie in die Bäckergasse einbogen, wäre Willi fast frontal mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammengestoßen, das gleichzeitig mit ihm um die Ecke bog. Im letzten Moment wich er aus und verfehlte den großen schwarzen Mercedes nur um Zentimeter. Der Fahrer schaute ebenfalls entsetzt, soweit man das hinter der Sonnenbrille des Mannes erkennen konnte. Scheinbar war er genauso erschrocken wie die beiden Kinder und hatte den Wagen geistesgegenwärtig in die andere Richtung gerissen. Dann gab er, ohne zu halten, Gas und brauste davon.

Das gibt’s nicht, ja das war doch! Willi konnte es kaum fassen, schon wieder dieser Wagen. Was in drei Teufels Namen machte der Wagen dieses Barons wieder hier? Auch Antonia sah in die Richtung, in der das Auto verschwunden war.

Am GOLDENEN SCHWAN angekommen, begrüßte sie Mama Sauerbach freudig und in bester Laune bereits auf der Treppe vor dem Eingang. „Guten Morgen, Kinder, na, ihr wart ja schon früh unterwegs.“

Ohne auf Mamas Worte einzugehen, platzte es aus Willi hervor: „Morgen Mama, ist der Professor wieder da?“

„Nein“, sie strahlte, „aber er hat sich gemeldet. Es geht ihm gut. Stellt euch vor: Er hat einen alten Studienkollegen getroffen, irgend so einen Baron, bei dem er die Nacht verbracht hat und bei dem er bis zum Ende des Urlaubs bleiben möchte. Gerade waren zwei Angestellte des Mannes da und haben das Gepäck abgeholt. Gott, bin ich froh, dass nichts passiert ist. Man hört und sieht ja immer diese schlimmen Geschichten in den Nachrichten. Und stellt euch vor, Kinder“, sie flüsterte nun, „die beiden Angestellten seines Freundes haben sogar bis zum Ende der Ferien für ihn bezahlt. Inklusive Frühstück und Trinkgeld.“

„Also kommt er nicht mehr wieder?“, fragte Antonia sichtlich enttäuscht.

„Nein, Kind, ich denke, das war’s.“

Mama Sauerbach strich dem Mädchen mitleidig über die Wuschelmähne. Plötzlich zuckte sie zusammen, sodass die Kinder mit ihr erschraken.

„Der Computer, sein Laptop!“, rief sie.

„Was ist damit?“, hakte Willi nach.

„Der ist noch im Safe, zusammen mit seinem Geldbeutel, das habe ich total vergessen.“ Sie hielt sich die Hand vor den Mund.

„Ruf ihn doch einfach an“, schlug Antonia vor.

„Ja, wie denn, Kind, ich habe doch keine Nummer.“ Willi sah seine Mutter an. Typisch Mama, als würde deshalb die Welt untergehen.

„Der wird sich schon melden“, nuschelte er und ließ die beiden stehen.

In seinem Zimmer angekommen, nahm er das Handy aus der Schublade und schaltete es an. Sein Guthaben war zwar fast verbraucht, aber es musste wohl sein. Dies war ein Notfall, der die Kosten für ein Telefonat rechtfertigte. Er wählte die Nummer von Hustis Handy, der bereits nach dem zweiten Klingeln das Gespräch annahm. Schnell berichtete er ihm von den Geschehnissen des Morgens und Husti war sofort seiner Meinung. Hier war etwas oberfaul. „Okay“, verabschiedeten sie sich nach wenigen Minuten, „um drei Uhr in der Drachenburg.“

Nach dem Mittagessen fuhren Mama und Papa Sauerbach wie jeden Freitag zum Großmarkt, um die Einkäufe für das Wochenende zu besorgen. Antonia verzog sich mit ihren Kopfhörern auf den Ohren ins Gästezimmer. Willi gaukelte allen Müdigkeit vor und dass er sich noch ein wenig aufs Ohr hauen müsse. Kaum war Ruhe in dem Gasthof eingekehrt, schlich er sich in das kleine Büro hinter der Rezeption und Minuten später radelte er über den Feldweg zur Drachenburg.

Punkt drei stieß er die Tür des Häuschens auf und begrüßte seine beiden Freunde, die bereits auf ihn warteten.

„Und hast du’s?“, fragte Ralle sofort.

„Jep“, antwortete Willi und zog ein recht kleines flaches Notebook aus dem Rucksack.

Husti riss es ihm förmlich aus den Händen und stellte es neben sein eigenes, das bereits aufgeklappt auf dem Tisch stand. Nachdem er die beiden Geräte mit einem Kabel verbunden hatte, schaltete er sie an und begann nach einer Weile abwechselnd auf den Tastaturen zu tippen.

„Und, war’s schwer?“, fragte er den Freund.

„Nö.“

Willi ließ sich mit einem Plumps in den Sessel fallen.

„Kein Problem. Hab ja oft genug zugeguckt, wie Mama den Safe öffnet. Ich muss nur sehen, dass der Computer des Professors schnellstens wieder zurück ist, bevor sie was merkt.“

„Okay“, Husti nickte und hackte weiter auf den Tastaturen herum. „Denke, ich bin schneller fertig als gedacht. Der Professor hat keinerlei Schutz oder Passwörter installiert. In zehn Minuten habe ich die Ordner seiner Festplatte auf meinen Rechner kopiert, dann kannst du abzischen.“

Damit wendete er sich wieder den Bildschirmen zu, auf denen jeweils ein roter Balken, langsam länger und länger wurde und so den Stand des Datentransfers anzeigte. Willi legte die Füße auf den kleinen dreibeinigen Schemel vor dem Sessel und streckte sich. Gerne hätte er ein wenig geduselt. Müde war er schon. Aber eine andere Gelegenheit für das Ausspionieren des Laptops gab es nicht.

Noch immer konnte er nicht glauben, dass sich der Professor freiwillig bei Baron von Rabenfels aufhielt. Sollten die beiden wirklich alte Studienkollegen sein? Warum wohnte er nicht sofort bei diesem Baron, anstatt im Hotel? Dann der überstürzte Auszug ohne Gepäck. Morgens ging er zum Wandern weg und abends übernachtete er schon bei dem Baron, ohne Schlafanzug und Zahnbürste. Anschließend wird in sein Hotelzimmer eingebrochen und er schickt in aller Ruhe die Bodyguards seines angeblichen Freundes, die sogar für ihn das Zimmer zahlen. Dabei vergisst er sein eigenes Geld und seinen Computer. Und wichtig schien der ihm ja nun schon zu sein, warum sonst der Safe? Außerdem war der Professor ein richtig netter Typ, der passte gar nicht zu dem Baron. Zumindest nicht zu dem Baron, den ihnen Onkel Ewald heute Morgen beschrieben hatte.

Willi war sich sicher, dass der Professor irgendetwas wusste oder etwas gefunden hatte, das diesen Herrn von