Scary Harry (Band 1-3) - Sonja Kaiblinger - E-Book

Scary Harry (Band 1-3) E-Book

Sonja Kaiblinger

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Beschreibung

Die ersten drei Scary Harry-Bücher als Sammelband! Leute, ich sage euch: Sensenmann ist ein echter Knochenjob! Man arbeitet allein, am laufenden Band piepst das Handy, Seelen müssen eingesammelt und ins Jenseits gebracht werden. Sterbenslangweilig, das könnt ihr mir glauben! Außerdem gibt es kaum Urlaub und die Bezahlung ist einfach nur unterirdisch! Gut, dass ich Otto und Emily getroffen habe. Sie sind zwar nur Menschen, aber gar nicht mal so übel. Gemeinsam kämpfen wir gegen das Böse … oder so ähnlich. Euer Harold (Sensenmann im 520. Dienstjahr)  Band 1 bis 3 der kultigen Kinderbuch-Reihe um den Jungen Otto, seine Freundin Emily und Sensenmann Harold – jetzt auch als Sammelband! Spannende, lustige und Geist-reiche Abenteuer von Sonja Kaiblinger mit witzigen Illustrationen von Fréderic Bertrand für kleine und große Leser ab 10 Jahren. Erfahre mehr witzige Details rund um Scary Harry unter scaryharry.de Der Titel ist auf Antolin gelistet.

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Seitenzahl: 590

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Inhalt

Von allen guten Geistern verlassen

Eine nächtliche Gurkenlieferung

Krisensitzung

Jetzt schlägt‘s dreizehn!

Recherchen

Ein falscher Verdacht

Willkommen in Scaryland!

Blamiert bis auf die Knochen

Eine böse Überraschung

Geisterjagd in der Schule

Ein Sensenmann in Scaryland

Operation Geisterbefreiung

Die Todes-App

Wo steckt Emily?

Entführt!

Diebstahl von Schuleigentum

Bleus Kontrollraum

Der große Knall

Stans Trauma

Totgesagte leben länger

Ein ungebetener Geist

Archibalds Vermächtnis

Die Geisterbrille

Geisterfolter!

Geheimnisvolle Botschaften

SMS ins Jenseits

Sensenmann mit Sonnenbrand

Spionage

Anti-Ghost

Einbrechen will gelernt sein

Harolds Geistesblitz

Noch mehr Rätsel

Die Jenseits-Sonnencreme

Ein Trip ins Jenseits

Grau so weit das Auge reicht

Das Seelen-Beförderungs-Institut

Flucht durchs Labyrinth

Tot oder lebendig

Onkel Archibald

Ein neuer Nachbar

Meister aller Geister

Ein Torero im Exil

Die Schreckschraube von nebenan

Der Spion mit der Lizenz zum Töten

Nachricht aus dem Jenseits

Ein Blizzard in der Schneekugel

Die Geisterbeschwörung

Ein nächtlicher Zwischenfall

Poltergeist-Invasion

General Dragomir Satanescu

Harolds Geheimnis

Gruseliger Besuch

Jenseits-Telefonie

Der Brutale Baron

Eine gelungene Vorstellung

Die Schatzsuche

In der Falle

Ein Sensenmann, unsterblich verliebt

Darf ich vorstellen? Unsere Hausgeister!

Eine nächtliche Gurkenlieferung

Alles begann, als MrOlsen starb.

Dass MrOlsen das Zeitliche segnete, war für keinen der Bewohner des Radieschenweges eine besonders große Überraschung – immerhin hatte er bereits seinen hundertzweiten Geburtstag gefeiert. MrOlsen war vergesslich, litt an Blasenschwäche und verpasste keine Gelegenheit, seine Leiden in allen Einzelheiten zu schildern. Auch, wenn man gar nicht danach fragte.

Abgesehen von seinen Krankheiten hatte MrOlsen noch ein anderes Hobby: seinen Radieschengarten. Als wollte er dem Namen der Straße, in der er wohnte, gerecht werden, ackerte er jeden Tag den Garten um, pflanzte Samen oder erntete reife Radieschen. Nach Sonnenuntergang griff er noch zur Gießkanne und wässerte seine Pflänzchen. Erst dann verriegelte er die Tür, machte das Licht aus und ging zu Bett.

Das war MrOlsens Ritual. Otto konnte ihn jeden Tag von seiner Fensterbank am Dachgiebel aus dabei beobachten. Abends machte er es sich dort meist mit einem Kissen gemütlich und vertrieb sich die Zeit mit einem dicken Buch.

Während andere Elfjährige fernsahen oder Computer spielten, las Otto am liebsten Gruselgeschichten. Und wenn er danach nicht einschlafen konnte, holte er sein Fernglas und spähte in MrOlsens Garten.

Die meisten Bewohner des Radieschenwegs hielten MrOlsen für einen seltsamen Kauz, aber Otto mochte ihn. Der alte Mann und seine Radieschen halfen ihm dabei, richtig müde zu werden.

Doch an diesem Abend fiel Otto auf, dass etwas anders war. MrOlsens Ritual verlief nicht wie sonst. Nachdem die Pflänzchen gewässert waren, setzte er die Gießkanne ab und richtete den Blick geradewegs in den nächtlichen Himmel. Eine Weile hielt er inne, dann, so schnell, dass Otto es kaum mitbekam, kippte MrOlsen rücklings ins Radieschenbeet. Dort blieb er reglos liegen, den Blick immer noch gen Himmel gerichtet, während ein schmales Lächeln auf seinen Lippen lag. Beinahe so, als hätte er sich sein Ableben genau so vorgestellt.

Otto hatte noch nie zuvor einen Menschen sterben sehen. Und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er liebend gern darauf verzichtet. Er fand sein Leben im Radieschenweg schon schräg genug.

Otto dachte kurz nach. Vielleicht irrte er sich ja und MrOlsen war gar nicht wirklich tot? Aus Büchern wusste er nur ungefähr, wie Leichen aussahen. Er hatte noch nicht mal eine im Fernsehen gesehen, weil Tante Sharon ihm nicht erlaubte, Krimiserien anzuschauen. Er brauchte also unbedingt eine zweite Meinung.

»Vincent?«, rief Otto, ließ sich vom Fensterbrett gleiten und klopfte an die Tür des Eichenschranks, der in der Ecke seines Zimmers stand. »Komm raus. Das musst du dir ansehen! Ich glaube, mit MrOlsen stimmt was nicht.«

In Ottos Schrank polterte es. Mit einem Knarren öffnete sich die linke Flügeltür und eine dunkelgraue Fledermaus schlüpfte durch den Spalt.

Selbst im Dämmerlicht konnte Otto sehen, wie ihre Augen golden funkelten. Abgesehen davon sah Vincent eigentlich aus wie jede andere Fledermaus. Gut, er wirkte vielleicht ein wenig mitgenommen. Sein Fell war an ein paar Stellen löchrig und seine zerschlissenen Flügelhäute blähten sich beim Fliegen wie die Segel eines alten Piratenschiffs.

»Mit MrOlsen stimmt was nicht«, näselte Vincent und klang, als wollte er sich über Otto lustig machen. Schlaftrunken hob sich das Tier in die Luft und landete auf Ottos Bettpfosten. »Als ob das Neuigkeiten wären! Was ist es diesmal? Hat er die Radieschen wieder zu oft gegossen?« Er überlegte. »Oder geht’s um seine Blasenschwäche? Hat er sich angepieselt? Nein, ich hab’s! Er hat in die Radieschen gepieselt.«

Otto schüttelte ernst den Kopf. »Nichts davon.«

»Hmpf«, brummte Vincent enttäuscht. Träge ließ er den pelzigen Kopf hängen. »Und weshalb weckst du mich dann? Ich hatte einen abgefahrenen Traum.«

»Du hast geschlafen?« Otto nahm seinen Blick von dem starren MrOlsen und studierte sein Haustier. »Sind Fledermäuse nicht nachtaktiv?«

Vincent hob das Kinn. »Die in deiner Welt vielleicht, Klugscheißer.«

Otto seufzte. Manchmal fragte er sich wirklich, warum er Vincent immer noch in seinem Schrank wohnen ließ. Er war die reinste Nervensäge und außerdem keine normale Fledermaus. Vincent war noch nicht mal ein normales Tier. Er stammte nicht aus England, nicht von diesem Kontinent, und auch nicht von diesem Planeten. Vincent kam aus einer Welt, von deren Existenz Otto zwar wusste, die er aber noch nie betreten hatte. Und dort galten für Fledermäuse nun mal andere Gesetze.

»Wenn du schon mal wach bist, kannst du mir genauso gut sagen, was mit MrOlsen los ist«, konterte Otto und deutete zum Fenster. »Ich glaube nämlich, er hat …«

Noch bevor er den Satz ganz ausgesprochen hatte, spannte Vincent die Flügel und glitt ans Fensterbrett. »… das Zeitliche gesegnet«, beendete er Ottos Satz. »Der alte Rübezahl ist tot. Mausetot. Scheint, als würde er sich sein Gemüse in Zukunft von unten ansehen.«

Otto schluckte. Also hatte er mit seiner ersten Vermutung doch recht gehabt. Tot. Mausetot, hallte es in Ottos Kopf und er spürte, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich. Heute Nacht würde er garantiert kein Auge zutun. Schlaflos, ausgerechnet am Abend vor dem Biologietest. MrWalker würde kein gutes Haar an ihm lassen, wenn er während der Prüfung einschlief. Von der Note ganz zu schweigen. Und dabei war Biologie sein Lieblingsfach.

»Jetzt guck doch nicht so, Otto. Du hast einen Teint wie Tante Sharons gepelltes Frühstücksei.« Vincent schüttelte den Kopf. »Mann, Mann, du solltest schon etwas härter im Nehmen sein. Ich dachte, du hast dich inzwischen an das Haus und die Bewohner gewöhnt.«

Otto antwortete nicht. Er wusste, dass er mit dem Jenseits und allem, was damit zu tun hatte, vertraut sein sollte. Kurz nachdem er in Tante Sharons Villa gezogen war, hatte er Bekanntschaft mit den drei Hausgeistern gemacht, und mittlerweile konnte er sie sogar richtig gut leiden. Tante Sharon ahnte allerdings nichts von ihrer Existenz. Niemand wusste von ihnen. Abgesehen von Ottos bester Freundin Emily. Die sah Tante Sharons Geister zwar nicht, aber übernatürliche Phänomene zählten zu ihren Hobbys, und deshalb glaubte sie Otto jedes Wort.

»Geister hin oder her. Das hier ist etwas anderes. MrOlsen ist tot«, wisperte Otto beunruhigt. »Oder er wird es bald sein, wenn ihm niemand hilft.« Er rieb sich die Stirn und versuchte sich daran zu erinnern, was sie in der Schule über das Verhalten in Notsituationen gelernt hatten.

»Wo willst du hin?«, krächzte Vincent ihm hinterher, aber Otto hastete bereits aus dem Zimmer. Er lief durch den stockdunklen Flur und die Treppe hinunter in den ersten Stock, wo sich Tante Sharons altmodisches Telefon befand. Wie so oft hatte sich das Kabel verwickelt und Otto musste ein paarmal kräftig daran ziehen, bis er den Hörer an sein Ohr heben konnte. Eilig wählte er die Notrufnummer und wartete atemlos, bis sich am anderen Ende der Leitung jemand meldete.

»Wir haben einen Notfall.« Otto sprach so schnell, dass er sich beinahe verhaspelte. »Radieschenweg Nummer zehn. Unser Nachbar MrOlsen liegt im Gemüsebeet. Und er hat sich nicht bewegt seit –« Otto spähte zu der Wanduhr am Ende des Flurs. »Seit ungefähr fünf Minuten.«

Er wartete die Antwort ab. Die Frau am Telefon versprach, sofort einen Rettungswagen in den Radieschenweg zu schicken. Otto warf den Hörer auf die Gabel, rannte die Treppe hinauf und bezog wieder seinen Posten am Fenster.

Es verging keine Minute, bis ein stotterndes Brummen und Quietschen bis hinauf in Ottos Zimmer zu hören war. Ein Auto näherte sich mit enormer Geschwindigkeit.

»Der Rettungsdienst«, vermutete Otto und war ein wenig stolz darauf, dass er so geistesgegenwärtig gehandelt hatte. Das knatternde Röhren kam näher und um die Ecke bog ein klappriger weißer Transporter. Als er mit quietschenden Reifen vor MrOlsens Gartenzaun hielt, stob eine dreckige Abgaswolke aus dem Auspuff. Es sah aus, als schaffte dieses Gefährt keinen weiteren Meter und sehnte sich nach der ewigen Ruhe auf dem Schrottplatz.

Vincent drückte seine Nase an der Fensterscheibe platt. »Spinne ich oder fahren diese Typen nicht normalerweise Wagen mit Blaulicht? Und mit vier Rädern?«

Otto sah genauer hin. Vincent hatte recht. Das schrottreife Auto vor MrOlsens Haus fuhr auf nur drei Rädern, außerdem war die Fahrerkabine so winzig, dass kaum ein erwachsener Mensch darin Platz fand. Dafür besaß das Gefährt eine große Ladefläche, über die eine Abdeckplane gespannt war.

»Und guck dir mal den schrägen Typen an, der die Kiste fährt. Ich dachte immer, Ärzte in eurer Welt tragen weiße Kittel«, fuhr Vincent fort und deutete auf den Fahrer, der sich mühevoll aus dem Auto schälte. Er trug einen schwarzen Umhang mit Kapuze und wirkte im spärlichen Licht beinahe wie ein Schatten. »Vielleicht ist das Darth Vader? Oder ein Einbrecher?«, überlegte Vincent, als die Gestalt mit großen Schritten MrOlsens Rasen überquerte. »War ja klar! Jetzt, wo der alte Kauz den Löffel abgegeben hat, wird er ausgeraubt. Hat sicher massig Kohle gebunkert. Das ist doch bei alten schrulligen Leuten immer so. Die haben Geldscheine unter der Matratze, Goldbarren im Kleiderschrank, …«

Otto hörte Vincents Geplapper nicht. Über MrOlsens leblosem Körper war ihm etwas aufgefallen, das er noch nie zuvor gesehen hatte. Ein roter Ball aus gleißendem Licht schwebte über dem Kopf des Alten und erinnerte Otto an die Lebensanzeige in den Computerspielen, von denen seine Klassenkameraden ständig redeten.

»… Antiquitäten aus dem Krieg in der Vitrine, chinesisches Porzellan im Schrank …«

»Schhh«, machte Otto und versetzte seinem Haustier einen Stups mit dem Ellenbogen. »Guck doch, was da über MrOlsens Kopf schwebt. Dieses kleine leuchtende Etwas. Ich finde, es sieht aus wie …«

»Ein Feuerball? Ein Ufo? Ein Zwergkomet?«, riet Vincent.

»Möglich«, murmelte Otto nachdenklich und bemerkte, dass auch der dunkle Gast von der gleißenden Lichtkugel angezogen zu sein schien. In Zeitlupe schlich er durchs taunasse Gras und näherte sich MrOlsens Körper und dem Feuerball. Dabei griff er unter seinen Umhang, als wollte er eine Waffe ziehen.

Otto schluckte. Was ging hier vor sich? Inzwischen war er ziemlich sicher, dass es sich nicht um den städtischen Rettungsdienst handelte. Sanitäter liefen bestimmt nicht in altmodischen Kutten herum. Und schon gar nicht trugen sie unter ihrer Kleidung …

»Ein Schmetterlingsnetz?«, rief Otto.

»Hä?« Vincent hatte offenbar nicht aufgepasst.

»Dieser Kerl hat ein Schmetterlingsnetz dabei«, staunte Otto.

»Du hast recht«, stimmte Vincent verwundert zu. »Und sieh nur – unser Kleingartenganove hat es auf den glühenden Tennisball abgesehen.«

Der gruselige Typ im Umhang hatte keine Waffe gezückt, sondern tatsächlich nach einem gewöhnlichen Schmetterlingsnetz gegriffen. Damit fuchtelte er nun durch MrOlsens Vorgarten, auf der Jagd nach dem leuchtenden Feuerball, der plötzlich wild zu zucken begonnen hatte. Immer wieder entglitt dem Fremden das rote Etwas, indem es sich in die Lüfte hob und wieder nach unten sank, als wollte es den unheimlichen Besucher ärgern.

Wider Willen musste Otto kichern. Es sah einfach zu komisch aus, wie dieser Spinner durch MrOlsens Vorgarten hüpfte. Dabei landeten seine großen Füße einige Male im Radieschenbeet. Hätte MrOlsen noch gelebt, hätte ihn der Anblick der zertrampelten Radieschen sicher umgebracht.

»Jetzt ist das Ding im Netz«, jubelte Vincent und klang wie Ottos Klassenkamerad Stan, wenn sein Fußballclub ein Tor geschossen hatte. »Er hat es geschafft! Der Irre hat den Feuerball gefangen!«

Otto stutzte. »Und was hat er jetzt damit vor?«

»Er bringt das Ding zu seinem Auto«, antwortete Vincent. Otto griff wieder nach dem Fernglas und beobachtete, wie der Fremde zu seinem Wagen schritt, seinen Ärmel über dem Netz, um den Feuerball nicht entkommen zu lassen. Im nächsten Moment zog er ruckartig die schwarze Abdeckung von der Ladefläche und bot Otto und Vincent freie Sicht auf sein Ladegut.

Otto stellte das Fernglas schärfer. Für einen kurzen Augenblick glaubte er, sein Verstand spiele ihm einen Streich. In seiner Fantasie hatte er eine ganze Menge gruseliges Zeug unter dieser Plane vermutet. Ein geheimes Waffenlager. Vielleicht eine Leiche. Aber doch nicht …

»Gurkengläser?« Otto blinzelte verdutzt. »Warum in aller Welt transportiert dieser Typ Gurkengläser?«

»Vielleicht ist er Gurkenverkäufer«, blaffte Vincent, als wäre das die einzig logische Antwort.

»Ohne Gurken?«, meinte Otto stirnrunzelnd. »Die Gläser sind leer.« Er sah genauer hin. »Obwohl … nicht ganz. Darin sind noch mehr dieser Feuerbälle.«

Otto und Vincent sahen zu, wie der nächtliche Besucher sein Schmetterlingsnetz über ein leeres Gurkenglas stülpte und MrOlsens rot glühenden Feuerball hineinbeförderte. Anschließend schraubte er einen Deckel darauf.

»Abgefahren«, murmelte Otto. Er hörte gar nicht, dass das Geräusch eines Martinshorns näher kam. Sekunden später hielt ein Rettungswagen in MrOlsens Auffahrt. Mehrere Sanitäter hüpften aus dem Wagen, schoben eine Trage aus dem Laderaum und rannten damit auf den leblosen MrOlsen zu.

Der falsche Gurkenverkäufer ließ sich davon nicht stören. Als hätte er alle Zeit der Welt, stellte er den soeben gefangenen Feuerball ganz oben auf einen wackeligen Turm von Gurkengläsern und spannte die Plane darüber.

In der Zwischenzeit beugte sich ein Notarzt über MrOlsens Körper. Ein paar Sekunden vergingen, dann wandte sich der Arzt betreten zu seinem Team um und schüttelte den Kopf.

»Tot«, bestätigte Vincent.

»Hm«, machte Otto geistesabwesend. Ihm war plötzlich ein neuer Gedanke gekommen, der ihn schaudern ließ. »Vincent?«, flüsterte er, ohne dabei den Blick von dem Transporter und der merkwürdigen, schwarz gekleideten Gestalt zu nehmen. »Der Gurkenglaswagen steht immer noch da.«

»Na und?«

»Sieh mal genau hin. Der Kerl mit der Kutte hat gerade sein Handy in eine Pfütze fallen lassen. Und jetzt regt er sich auf und versucht, das Wasser an seinem Umhang abzuwischen. Aber das Komische ist, dass niemand ihn beachtet. Beinahe so, als wäre er gar nicht da!«

Vincent überlegte eine Weile, bevor er sprach. »Denkst du, nur wir können ihn sehen? Bedeutet das, der Typ ist ein Geist?«

Otto schüttelte den Kopf. »Geister sehen anders aus. Sie schweben. Und latschen nicht in MrOlsens Radieschenbeet. Er muss irgendetwas anderes sein. Irgendetwas dazwischen.«

Otto hatte ganze zwei Jahre gebraucht, um sich mit der Tatsache abzufinden, dass es Geister gab. Und nun tauchte plötzlich etwas Neues auf – weder Geist noch Mensch. Jemand, der womöglich gefährlich war. Jemand, der vielleicht sogar MrOlsen auf dem Gewissen hatte.

Otto lief es kalt den Rücken hinunter. Das Blut pochte in seinen Ohren, während er zusah, wie der Fremde in sein Auto stieg und davonfuhr.

Selbst eine Stunde später, als auch der Rettungswagen verschwunden und wieder Ruhe eingekehrt war, kreisten Ottos Gedanken noch immer um den nächtlichen Besucher. Mit klopfendem Herzen lag er im Bett, während aus dem Schrank Vincents gleichmäßiges Schnarchen drang.

Krisensitzung

Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen«, beschwerte sich Emily und schulterte ihren Rucksack. »Erzähl mir mehr über diesen Gurkenglastypen, der gestern Nacht bei MrOlsen war!«

»Ich sagte doch schon: Ich habe keine Ahnung, wer das war. Und außerdem keine Lust, darüber zu reden«, brummte Otto und kickte einen Stein vor sich her, der dieselbe grässlich graue Farbe hatte wie das Schulgebäude hinter ihnen. Ottos Laune war im Keller. Der Tag war eine einzige Katastrophe gewesen. In Bio hatte er nicht mal die Hälfte der Fragen beantworten können, außerdem hatte er letzte Nacht kaum ein Auge zugetan. Immer wieder war die Szene mit dem dunklen Besucher in MrOlsens Garten vor seinem inneren Auge abgelaufen. Als Otto in den Morgenstunden eingeschlafen war, hatte ihn auch noch ein wilder Albtraum von glühenden Gurkengläsern geplagt.

»Aber mir kannst du es doch erzählen«, forderte Emily ihn auf. »Immerhin bin ich deine beste Freundin!« Ein wenig beleidigt fegte sie sich eine braune Haarsträhne aus dem Gesicht.

Otto seufzte. Er wollte nicht, dass sie sauer auf ihn war. Mit ihren verfilzten, ungleich langen Haaren und den altmodischen Klamotten, die sie ständig aus dem Fundus ihrer Großmutter ausgrub, hatte er Emily vom ersten Schultag an ins Herz geschlossen. Was man von den anderen Mitschülern nicht gerade behaupten konnte.

»Ach, ich weiß es nicht, Em. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass dieses Wesen weder lebendig noch tot war. Es war irgendetwas, das ich noch nie gesehen habe.«

Emily blieb stehen. »Weder Mensch noch Geist«, flüsterte sie ehrfürchtig und ihre verschiedenfarbigen Augen funkelten. Die rechte Iris war blau, die linke braun. »Ich habe mir schon gedacht, dass es diesmal keine gewöhnliche Geistererscheinung war. So durcheinander hab ich dich noch nie erlebt! Nicht mal, als du hierhergezogen und Sir Tony zum ersten Mal begegnet bist. Weißt du noch, als er dir im Kleiderschrank aufgelauert hat, weil er dich für einen heimlichen Hausbesetzer hielt?«

Otto nickte ernst. Er wusste, wie sehr das Übernatürliche Emily faszinierte. Schon oft hatte sie versucht, mit wissenschaftlichen Mitteln die Existenz von Geistern zu beweisen. Bisher ohne Erfolg.

»Sagtest du nicht, Vincent hätte diesen Besucher auch gesehen?«, bohrte sie weiter. »Hatte er denn keine Vermutung, was das für ein Wesen gewesen sein könnte?« Sie beschirmte die Augen und sah sich suchend nach Ottos Haustier um. Als die beiden die Schule verlassen hatten, war Vincent aus Ottos Schultasche geschlüpft und flatterte nun von einem Sendemast zum nächsten. Krähen erhoben sich schimpfend von ihren Pfeilern, wenn Vincent im Sturzflug auf sie zuraste.

Otto machte eine wegwerfende Handbewegung. »Vincent hat doch keine Ahnung von Geistern«, erklärte er. »Zum einen ist er nur zur Hälfte eine Geisterfledermaus, darum können gewöhnliche Menschen ihn wahrnehmen. Obwohl es manchmal besser wäre, sie könnten es nicht.« Otto brummte. »Und zum anderen hat man Vincent schon vor dreihundert Jahren aus dem Jenseits verbannt, deshalb hab ich ihn jetzt an der Backe kleben.«

»Vincent wurde verbannt?«

Otto musste ein wenig grinsen. »Vermutlich gingen den Toten Vincents schlechte Manieren auf den Geist.«

Richtig mieses Verhalten legte Ottos Haustier auch in dieser Welt an den Tag. Erst neulich war er aus Ottos Schulranzen ausgebüxt, weil er am Fenster des Physiksaals seine Leibspeise entdeckt hatte: eine dicke, fette Fleischfliege.

Die Mädchen der 6a gerieten in Panik und Otto mächtig in Erklärungsnot. Dass er für ein Bioprojekt eine Fledermaus in seinem Ranzen hielt, würde der Physiklehrer bestimmt kein zweites Mal schlucken.

Sie waren inzwischen vor dem Radieschenweg Nummer acht angekommen. Otto blieb vor dem spitzen Eisenzaun stehen und starrte auf die Veranda. Die alte Hollywoodschaukel quietschte unter schwerem Gewicht. Und das, obwohl es für jedermann so aussehen musste, als sei sie leer. Für jedermann außer Otto.

»Sir Tony!« Otto öffnete das rostige Gartentor und bahnte sich seinen Weg durch das raschelnde Laub in Richtung Veranda. Das Quietschen ebbte ab und schließlich kam die Schaukel zum Stillstand. »Hast du etwa auf uns gewartet?«

Wenn Otto es nicht besser gewusst hätte, hätte er Tante Sharons Hausgeist für einen normalen, fülligen Herrn mittleren Alters gehalten. Tonys Gesicht war weder blass noch trug er rasselnde Ketten oder ein Loch im Bauch mit sich herum. Das Einzige, was Sir Tony von anderen Menschen unterschied, war die Tatsache, dass ihn außer Otto niemand sehen konnte. Was daran lag, dass er tot war.

»Nicht ganz.« Sir Tony hustete. »Ich musste flüchten. Der Putzfimmel deiner Tante wird von Tag zu Tag schlimmer. Der Lärm ist unerträglich!« Er stöhnte und wischte sich über die Stirn. »Dieser Putzteufel saugt schon zum dritten Mal diese Woche. Ständig wirbelt mir Staub in die Na…ha…hatschi!«

Otto ging der Sauberkeitswahn seiner Tante auch gehörig auf die Nerven, aber Tony bekam ihn regelmäßig am eigenen Leib zu spüren – denn er wohnte in Tante Sharons Staubsauger.

Sir Tony raufte sich die paar Haare, die seitlich von seiner Glatze wuchsen. »Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlen muss, neben einer Autobahn zu wohnen«, jammerte er weiter.

Tante Sharons ältester Hausgeist neigte zu Übertreibungen. Schon zu Lebzeiten war Sir Tony äußerst anspruchsvoll gewesen. Er empfand es als sein gutes Recht, ständig zu meckern. Dass er nach seinem Tod versehentlich in einen Staubsauger eingesaugt worden war, hatte die Sache zuerst nicht unbedingt leichter gemacht.

Doch nach einer Weile hatte Sir Tony begonnen, die Vorzüge eines Staubsaugerbeutels zu schätzen. Der Platz war zwar begrenzt, doch man hatte seine Ruhe und selbst im Winter war es wohlig warm. Leider hatte er zu diesem Zeitpunkt aufgrund des vielen Staubs schon hartnäckiges Asthma entwickelt. Offenbar bekam man Krankheiten auch nach dem Tod.

»Was ist denn mit Tony los?«, unterbrach Emily das Gejammer des Hausgeistes und stupste Otto in die Seite. Oft vergaß Otto, dass Emily Sir Tony weder sehen noch hören konnte und er deshalb Übersetzungsarbeit leisten musste.

»Ich bekomme mehr und mehr das Gefühl, dass mir niemand hier Beachtung schenkt«, beschwerte sich Tony pikiert. »Und das auf meinem eigenen Grund und Boden!«

Als Sir Tony noch am Leben gewesen war, hatte die Villa ihm gehört. Tony hatte das alte Gemäuer geliebt – das steinerne Mauerwerk, die geheimnisvollen Erker, die Efeuranken und die spitzen Türmchen. Nach seinem Tod war das Haus unter den Hammer gefallen und von Tante Sharon und Ottos verstorbenem Onkel Archibald ersteigert worden. Dass Tante Sharon daraufhin das Porträt über dem Kamin, auf dem Tony genüsslich in eine Fleischkeule biss, einfach abgenommen hatte, hatte er bis heute nicht verkraftet.

»Ich wünschte, deine Tante könnte mich sehen. Dann würde ich mich nachts an ihr Bett schleichen und ganz laut Wuuuaaah schreien«, drohte Tony und schnitt eine Grimasse. Dabei sah er allerdings ganz und gar nicht gruselig aus, sondern eher so, als müsste er dringend auf die Toilette. Als Schreckgespenst war Sir Tony eine absolute Lachnummer.

»Vergiss meine Tante mal für einen Moment«, ermahnte Otto den Hausgeist. »Wir brauchen deine Hilfe. Gestern hat sich ein seltsames Wesen in MrOlsens Garten rumgetrieben. Ich glaube, es war weder tot noch lebendig.«

»Weder tot noch lebendig?«, echote Sir Tony und seine Nasenflügel blähten sich vor Aufregung. Der Spukanschlag auf Tante Sharon war mit einem Mal vergessen.

»Dieser … Mann stand neben MrOlsens Leiche und hat versucht, ein glühendes Ding einzufangen. Mit einem Schmetterlingsnetz«, sagte Emily an das gehäkelte Kätzchenkissen gerichtet. Sie hatte noch immer nicht begriffen, wo genau Sir Tony eigentlich saß.

Tonys Kinnlade klappte herunter. »Ein … ein … Schme…Schmetterlingsnetz?«, stotterte er.

Otto nickte ernst.

»Krisensitzung. Sofort.« Mit einem fast lautlosen Puff löste sich Sir Tonys Geisterkörper in Luft auf und materialisierte sich plötzlich neben der Haustürklingel.

Otto fuhr erschrocken zusammen. Dieses ständige Herumgehüpfe ließ sein Herz mehrmals am Tag in die Hose rutschen. Sir Tony und die anderen Geister hatten die Angewohnheit, aus heiterem Himmel vor seiner Nase aufzutauchen. Vorzugsweise, wenn Otto aus der Dusche stieg. Oder nachts aufs Klo schlich.

»Eine Krisensitzung?« Otto legte die Stirn in Falten. War die Sache wirklich so ernst? Bei allem, was nicht ihn selbst oder seinen Staubsauger betraf, verhielt sich Sir Tony normalerweise wie die Ruhe in Person.

Emily war sofort Feuer und Flamme. »Krisensitzung? Ab in die geheime Bücherkammer!«, befahl sie, packte Otto an der Hand und zog ihn zur Türmatte. Gerade als Otto nach dem Türknauf greifen wollte, verstummte das Brummen des Staubsaugers und die Haustür wurde geöffnet. Tante Sharon trat über die Schwelle und lief dabei prompt durch Sir Tonys Körper.

»Hallo, Otto, hallo, Emily«, begrüßte sie die beiden und strich Otto über seinen dunklen fransigen Haarschopf. »Dachte ich doch, dass ich euch gehört habe.«

In der einen Hand hielt sie den Saugergriff, mit der anderen Hand bändigte sie die grauen Haare, die ihr in die Stirn fielen. Die wenigsten Menschen schätzten Sharon auf fünfundsechzig. Mit ihrer frechen Kurzhaarfrisur, den karierten Hemden und dem drahtigen Körper wirkte sie überhaupt nicht alt. Otto fand seine Tante ziemlich cool – abgesehen von der Tatsache, dass sie ständig putzte. Und das war noch nicht mal ihr merkwürdigstes Hobby.

»Hallo, Tante Sharon«, sagte Otto und küsste sie auf die Wange. Obwohl Sharon gar nicht seine richtige Tante war, gehörte sie zur Familie, seit Otto denken konnte. Sie war früher oft zu Besuch gekommen und er hatte sie schon immer sehr gern gehabt.

Und dann, vor fast zwei Jahren, war Tante Sharon mit einem Schlag zu Ottos einziger Familie geworden.

Ottos Eltern hatten als Archäologen gearbeitet. Vorletzten Winter waren sie mit einem Forschungsteam nach Mexiko gereist, um nach Relikten alter Kulturen zu suchen. Was dann passiert war, wusste Otto nicht genau. Die Medien hatten von einem gigantischen Wirbelsturm berichtet, der das Team überrascht hatte. Danach hatten Ottos Eltern als vermisst gegolten. Nach einigen Wochen erfolgloser Suche hatte man sie schließlich für tot erklärt. Tante Sharon, die zu der Zeit auf Otto aufgepasst hatte, hatte ihn kurzerhand bei sich aufgenommen.

»Wollt ihr eine heiße Schokolade?«, fragte sie jetzt, während sie den Staubwedel ausschüttelte.

»Nein danke, wir müssen ganz dringend was besprechen«, antwortete Otto. »Für ein Referat«, fügte er hinzu, als er Tante Sharons fragenden Blick sah. Schnell zog er Emily ins Haus, knallte seinen Schulranzen in die Ecke und hastete voran ins Dachgeschoss. Sir Tony folgte ihnen.

Oben in Ottos Zimmer schlossen sie die Tür ab und schoben den Bettvorleger zur Seite. Vorsichtig tastete Otto die Holzdielen ab, bis er eine kleine Einkerbung fand. Emily reichte ihm einen Schuhlöffel, mit dessen Hilfe er die Bodenklappe aufhebelte.

Darunter kam eine eiserne Klapptreppe zum Vorschein. Sie führte in einen kleinen fensterlosen Raum, der vor lauter Büchern aus allen Nähten platzte.

Otto hatte diese geheime Kammer bereits in der ersten Woche bei Tante Sharon entdeckt. Ihm war aufgefallen, dass seine Schritte an manchen Stellen seltsam nachhallten, und bei genauerem Hinsehen hatte er die Einkerbungen der Klappe bemerkt. Seitdem kam er regelmäßig hier herunter, wenn er seine Ruhe haben wollte – oder um sich ungestört mit den Geistern unterhalten zu können. Anscheinend funktionierten Bücher ausgezeichnet als Dämmmaterial, denn die Kammer war nach außen vollkommen schalldicht.

Otto fand das äußerst praktisch. Hätte Tante Sharon ihn jemals bei den Gesprächen mit Sir Tony und den anderen Hausgeistern belauscht, hätte sie ihn wohl schnurstracks zum Psychiater geschickt. Mit elf war man nun mal zu alt für imaginäre Freunde.

Als Otto sich daranmachte, die Stufen hinabzusteigen, ertönte von draußen ein lautes »Stoooopp!«, gefolgt von einem Platsch, als wäre ein riesiger Klecks Soße auf der Fensterscheibe gelandet.

»Vincent?«, staunte Otto und lief zum Fenster, auf dem ein Büschel Fell klebte. Er hatte sein Haustier gar nicht vermisst, obwohl es in den letzten Minuten verdächtig ruhig gewesen war. Niemand hatte auf seiner Schulter gesessen und dämliche Kommentare in sein Ohr gekräht, wie ein außer Kontrolle geratener Papagei.

»Entschuldigt die Verspätung«, schnaufte Vincent, als Otto das Fenster öffnete und ihn hereinflattern ließ. »Ich hatte eine fette Fliege im Visier. Ich war dicht an ihr dran, aber als sie einen Misthaufen angesteuert hat, bin ich dann doch abgehauen.«

Sir Tony rollte mit den Augen. »Sind wir komplett?«

Otto nickte, dann kletterte er als Erster hinab in den dunklen Raum. Emily folgte ihm und Vincent flog dicht an Ottos Ohr vorbei.

Als alle unten waren, schloss Otto die Klappe und knipste die alte Stehlampe in der Ecke an, die einen dämmrigen Lichtkegel an die Decke warf. Hohe Bücherregale, ein zerschlissenes Sofa, ein Globus und ein Schreibtisch tauchten im Halbdunkel auf. Otto vermutete, dass die geheime Kammer seinem verstorbenen Onkel Archibald gehört hatte, aber genau wusste er es nicht.

»Ich hole Molly und Bert. Bin sofort zurück«, erklärte Sir Tony, der auf der obersten Sprosse der Bücherleiter hockte. Im nächsten Moment löste er sich in Luft auf, um nur wenige Sekunden später wieder an derselben Stelle zu erscheinen.

Sir Tony war nicht mehr allein. Im linken Eck verdichtete sich die Luft zu Nebel, aus dem sich eine große, hagere Gestalt löste. In der einen Hand hielt sie Käsespießchen mit Oliven, in der anderen eine Packung Milch.

»Hi, Bert«, begrüßten Otto und Vincent den neuen Gast.

»Hallöchen«, brummte Bert und biss genüsslich in den Käse. Die gekauten Stücke wanderten geradewegs durch seinen Körper hindurch und landeten auf dem Parkettboden. »Hättet ihr mit eurer kleinen Teeparty nicht warten können, bis ich mit dem Lunch fertig bin? Sharon hat heute frischen Edamer gekauft. Das Aroma ist vorzüglich.«

Bert lebte in Tante Sharons Kühlschrank. Anfangs hatte es ihm einen Heidenspaß gemacht, das Licht auszuknipsen, wenn Otto und Tante Sharon die Tür öffneten. Inzwischen bereitete es ihm jedoch viel mehr Freude, die Vorräte zu verputzen. Lange war das ständige Fehlen von Käse, Wurst und Schokoladenpudding nicht unbemerkt geblieben, darum hatte Otto es irgendwann auf seine Kappe nehmen müssen. Und weil Otto im Wachstum war, stellte Tante Sharon zum Glück keine dummen Fragen.

Glücklicherweise hatte er eines Tages herausgefunden, dass Lebensmittel, die in Alufolie gewickelt waren, unangetastet blieben. Aus irgendeinem Grund trieb das metallische Blitzen der Folie Geister in den Wahnsinn. Seitdem packte Otto die wirklich leckeren Speisen vorsorglich darin ein. Bei Käse war Bert allerdings schneller.

»Das hier ist keine Teeparty! Es ist dringend, Bert«, stellte Sir Tony klar und ließ seine dicken Beine von der Bücherleiter baumeln. »Der alte Olsen hatte gestern Besuch. Von einem Kerl mit Schmetterlingsnetz.«

»Ein Schmetterlingsnetz? Wie niedlich«, lachte eine hohe Stimme aus der anderen Ecke. Sie gehörte Molly, dem dritten von Tante Sharons Hausgeistern. In einem altmodischen Nachthemd hockte sie auf dem Globus und drehte sich wie auf einer Diskokugel. Dabei gluckste sie vor Lachen und warf vergnügt die Arme in die Luft.

Auch Molly beanspruchte einen eigenen Bereich des Hauses für sich: die Waschküche. Weil sie von allem, was sich drehte, fasziniert war, liebte sie Tante Sharons Waschmaschine. Nichts machte ihr mehr Spaß, als bei eintausendsechshundert Umdrehungen in der Wäschetrommel umherzuwirbeln. Außerdem versteckte sie gern Wäschestücke und freute sich diebisch, wenn Otto wieder eine seiner Socken nicht finden konnte.

»Hat denn keines von euch törichten Individuen die leiseste Ahnung, was das bedeutet?«, rief Sir Tony verärgert, schoss durch den Raum und hielt ruckartig den Globus an. Molly verlor das Gleichgewicht und purzelte zu Boden. »Wisst ihr nicht, mit wem wir es hier zu tun haben?«

Molly, Bert, Vincent und Otto schüttelten ratlos den Kopf. Etwas zeitversetzt verneinte auch Emily, für die Otto erst übersetzen musste.

Sir Tony fiel es sichtlich schwer, die Fassung zu bewahren. »Habt ihr denn nicht aufgepasst, als ihr gestorben seid?«, schimpfte er und seine Wangen leuchteten dunkelrot. »Habt ihr alle geschlafen?«

Molly und Bert warfen einander vielsagende Blicke zu. Sir Tonys rüpelhaften Umgangston waren die beiden gewöhnt, immerhin hatten sie zu Lebzeiten als Küchenpersonal für ihn gearbeitet. Manche Dinge änderten sich eben nie.

»Dieses Schmetterlingsnetz«, fuhr Sir Tony fort und malte dabei Anführungszeichen in die Luft, »ist kein einfaches Netz.«

»Sah aber aus wie eins«, widersprach Vincent, der auf Ottos Schulter hockte, und verschränkte die Flügel.

»Mag sein«, zischte Sir Tony. Aufgeregt schwebte er die Breitseite des Raumes auf und ab. »Es sieht vielleicht aus wie ein Netz, aber das täuscht. In Wahrheit handelt es sich um einen hoch technisierten Seelenfänger. Damit sammelt man die Seelen Verstorbener ein und liefert sie ins Jenseits. Der Kerl, der MrOlsens Seele mitgenommen hat …«, Sir Tony machte eine bedeutsame Pause und holte tief Luft, »… war der Tod!«

Der Tod. Der leibhaftige Tod. Otto spürte, wie das Blut aus seinem Gesicht wich. Kam der Tod nicht nur in Gruselgeschichten vor? Ein skelettartiges Wesen mit glühend roten Augen? Das konnte unmöglich wahr sein.

Reflexartig huschte Ottos Blick zu Molly und Bert. Sir Tonys Worte schienen die beiden anderen Geister genauso überrollt zu haben. Molly hüpfte vor Schreck ein Lockenwickler aus dem Haar und Bert hustete sich die Seele aus dem Leib. Er hatte sich an der Milch verschluckt und nun bildete sich zu seinen Füßen eine weiße Pfütze, die sich mit dem zerkauten Käse vermengte.

Otto seufzte. Er durfte nicht vergessen, die Sauerei nachher aufzuwischen. Wenn das Zeug durch die Dielen sickerte und anfing zu schimmeln, würde Tante Sharon womöglich den geheimen Raum entdecken. Sie hatte eine erstaunlich feine Nase.

»Was ist los? Was hat er gesagt?«, drängte Emily.

»Der Typ gestern … hat MrOlsen ins Jenseits geholt, Emily«, hauchte Otto und konnte fühlen, wie sich die Härchen an seinen Armen aufrichteten.

Emily schnappte nach Luft. Sie war verdächtig bleich um die Nasenspitze geworden. »Also war er … der Tod?«

»Genau genommen nur einer davon«, mischte sich Sir Tony ein und setzte ein schiefes Grinsen auf, auch wenn Emily ihn nicht sehen konnte. »Früher gab es tatsächlich nur einen einzigen Sensenmann. Doch wisst ihr, die Sache verhält sich ähnlich wie mit dem Weihnachtsmann. Angesichts der steigenden Weltbevölkerung reicht ein einziger nicht mehr aus. Denkt doch mal an China. Oder Indien.«

Otto schnaubte. Tony war schon ein seltsamer Kauz. Den Weihnachtsmann und den Sensenmann miteinander zu vergleichen, war ziemlich geschmacklos. Kein Wunder, dass Molly und Bert Sir Tony meist aus dem Weg gingen.

»Jedenfalls kann ein einziger Sensenmann heutzutage nicht mehr alle Seelen alleine einsammeln«, kam Tony zum Punkt. »Darum gibt es eine ganze Armee von Sensenmännern.«

»Eine Armee?« Der Gedanke an unzählige Skelette in Kutten ließ Otto erschaudern. Das klang wie aus einem Horrorfilm.

Sir Tony nickte. »Trotzdem sind es immer noch nicht genug. Denn wenn einer der Sensenmänner einen Sterbetermin verpasst, schwirrt die vergessene Seele einfach umher. Es entstehen Geister, Wesen wie wir.« Das Grinsen verschwand und Tonys Miene wurde steinhart. »Verdammt zu einem Leben im finsteren Diesseits.«

Bert verdrehte die Augen. »Du machst immer aus allem so ein Drama, Tony! So schlimm ist es hier doch auch wieder nicht«, widersprach er und zog mit den Zähnen eine Olive vom Spieß. »Es hat auch seine Vorzüge.«

»Und seit dieses Wunderkind hier wohnt«, ergänzte Molly und deutete auf Otto, »muss ich mich auch nicht bis in alle Ewigkeit mit euch beiden Dumpfbacken unterhalten.«

Sir Tony überhörte die Beleidigung. »Trotzdem. Das Auftauchen eines Sensenmannes bedeutet nichts Gutes. Sondern Unheil.« Er hielt inne. »Nur gut, dass Otto und Vincent ihn gleich entdeckt haben. Wir sollten die Sensenmänner weiter im Auge behalten.«

Otto nickte und bemühte sich, seine Gedanken zu ordnen. So gruselig das alles auch klang, langsam fügte sich alles zusammen. Bei Molly, Bert und Sir Tony handelte es sich also um vergessene Seelen, entstanden aus der Panne eines Sensenmannes.

Wie viele vergessene Seelen es wohl auf der Welt gab? Und wie viele Geheimnisse das Jenseits wohl noch bereithielt, von denen Otto nichts ahnte? Vielleicht lieferte ihm die Welt der Toten eines Tages die Antwort auf die Frage, wo sich seine Eltern befanden.

Er atmete tief durch. Zwei Dinge standen fest. Erstens: Otto war fest entschlossen, alle Geheimnisse zu lüften, auch wenn ihm schon beim Gedanken daran die Knie schlotterten. Und zweitens: So wie es aussah, würde das Leben im Radieschenweg in nächster Zeit bestimmt nicht langweilig werden.

Jetzt schlägt's dreizehn!

Was ist denn los mit dir, Otto? So schweigsam kenne ich dich gar nicht«, murmelte Tante Sharon und drehte die Schraube tiefer ins Uhrwerk. Mit einem Boing sprang eine hölzerne Klappe auf und ein klägliches Kuckuck drang aus dem Inneren des Uhrenkastens. Tante Sharons Lippen verzogen sich zu einem zufriedenen Grinsen. Die alte Uhr lief wieder, auch wenn es so klang, als hätte der hölzerne Vogel seine besten Zeiten schon lange hinter sich.

»Nichts ist los. Überhaupt gar nichts«, brummte Otto und rutschte auf dem Fensterbrett hin und her. Die Pendeluhr im Salon hatte eben zehn Uhr geschlagen und Tante Sharon frönte seit dem Abendessen wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung gleich nach dem Putzen: alte Uhren reparieren.

Früher hatte Ottos Tante ihren Lebensunterhalt als Uhrmacherin verdient. Als ihr Mann gestorben war und ihr eine beträchtliche Geldsumme hinterlassen hatte, hatte sie ihren Laden verkauft und das Inventar mitgenommen. Seitdem explodierte Ottos Zuhause vor Uhren: Pendeluhren, Taschenuhren, Armbanduhren. Sogar eine Uhr, die aussah wie eine Katze und bei jedem Ticken die Augen verdrehte, befand sich in Tante Sharons Besitz. In manchen Räumen fand man kein freies Stück Wand mehr vor lauter Uhren.

Ganz zu schweigen vom ständigen Ticken. In Geschichte hatte Otto gelernt, dass böse Herrscher ihre Gefangenen einst mit immerwährenden, monotonen Geräuschen gefoltert hatten, bis diese schließlich am Rande des Wahnsinns ihre Taten gestanden hatten. So schlimm empfand Otto es zwar nicht – trotzdem hatte er an seinem ersten Abend im Dachzimmer sämtliche Batterien aus den Uhren entfernt. Sicherheitshalber.

Tante Sharon schien die ewige Tickerei nicht zu stören. Im Gegenteil. Ständig schaffte sie sich neue Uhren an und suchte für jede einen geeigneten Platz. Einige davon gehörten allerdings nicht ihr, sondern Bekannten oder Nachbarn, die sie zur Reparatur gegeben hatten. Leider war das bei der Kuckucksuhr nicht der Fall. Die blieb hier, im Wohnzimmer. Otto hasste das Ding.

»Und in der Schule? Was macht ihr gerade? Algebra?«, bohrte Tante Sharon nach und legte den Kreuzschraubenzieher zur Seite.

Unter normalen Umständen hätte ihr Otto die Freude gemacht, noch ein wenig mit ihr zu plaudern. Aber seit Sir Tony ihm und Emily vom Sensenmann erzählt hatte, ging ihm der nächtliche Besucher nicht mehr aus dem Kopf. Abend für Abend hatte Otto nach ihm Ausschau gehalten, ängstlich und neugierig zugleich. Leider war das seltsame Auto auf drei Rädern seit MrOlsens Tod nicht mehr aufgetaucht.

»Ach, nichts Besonderes«, antwortete Otto halbherzig. »Wir machen am Donnerstag einen Ausflug nach Scaryland.« Er reckte den Hals, um über die Hecken vor dem Fenster spähen zu können. Ein weißer Wagen schob sich soeben in den Radieschenweg und kam vor dem Nachbargarten zum Stehen. Ottos Herz klopfte schneller. Er kniff die Augen zusammen, um die Beschriftung des Transporters zu entziffern. War das wieder das Auto des Sensenmannes?

»Scaryland? Das ist doch dieser neue Vergnügungspark mit den vielen Geisterbahnen und Gruselattraktionen.« Tante Sharon legte die Stirn in Falten. »Bist du dafür nicht noch etwas zu jung? Was, wenn du danach nicht schlafen kannst?«

»Tante Sharon, der Park ist ab acht Jahren«, erwiderte Otto und kniete sich aufrecht hin, um das Auto besser sehen zu können. Ein paar lächerliche Geister aus Pappe und Drähten würden ihm und Emily nicht mal ein müdes Gähnen entlocken. Das war nichts im Vergleich zu einem leibhaftigen Sensenmann.

Der offensichtlich nicht der Fahrer des Lieferwagens da draußen war. E.T. Donahue, Staupsauger An- und Verkauf stand in dicken Lettern auf dem Transporter. Auch wenn Otto gar nicht danach zumute war, er musste grinsen. Wie lustig! Ein Rechtschreibfehler in der Aufschrift des Transporters. In diesem Moment schwang die Fahrertür auf und heraus kletterte ein kahlköpfiger untersetzter Kerl, der mit dem Sensenmann von neulich absolut gar nichts gemeinsam hatte.

Otto runzelte die Stirn. Der Typ war zwar kein Sensenmann, aber was machte ein Staubsaugervertreter um diese Uhrzeit hier im Radieschenweg?

Er musste gähnen. Wie auch immer. Vielleicht war es einfach Zeit, die Geisterwelt für heute ruhen zu lassen.

»Ich gehe ins Bett«, sagte er zu seiner Tante und kletterte von der Fensterbank.

Tante Sharon musterte Otto kurz, dann drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange und murmelte »Gute Nacht«. Anschließend erhob sie sich und ging in die Küche – vermutlich, um sich ein Stück von dem Käse zu holen, den Bert verputzt hatte. Auf dem Weg zur Treppe konnte Otto hören, wie seine Tante die Kühlschranktür öffnete. »Dieser Junge lebt in seiner eigenen Welt«, hörte er sie zu sich selbst sagen. »Wenn er nicht so einen gesunden Appetit hätte, würde ich mir Sorgen um ihn machen.«

* * *

Die Nacht war ungewöhnlich ruhig in Anbetracht der Tatsache, dass Ottos Zuhause im ganzen Städtchen als verwunschenes Spukhaus galt. Tante Sharon war gleich im Anschluss zu Bett gegangen. Vincent, der den ganzen Abend auf der Suche nach Insekten durch die Gärten geschwirrt war, schnarchte erschöpft und vollgefressen im Eichenschrank. Selbst Tony, Bert und Molly gaben heute Nacht nicht den geringsten Mucks von sich. Vermutlich hockten Bert und Molly wie so oft auf dem Dach und plauderten über die Zeiten, als noch Blut in ihren Adern geflossen war. Und Sir Tony versuchte wohl verzweifelt, Tante Sharon das Fürchten zu lehren. Aber dafür hatte er einfach zu wenig Talent – und Sharon einen viel zu festen Schlaf.

Nachdem Otto in seinen Pyjama geschlüpft war, hockte er sich aufs Fensterbrett und ließ seinen Blick über den Radieschenweg schweifen, der im dichten Herbstnebel vor sich hin schlief. Keine Menschenseele war unterwegs. Auch der Staubsaugerverkäufer musste sich wieder aus dem Staub gemacht haben.

Otto seufzte und legte sich ins Bett. Er lag noch eine geraume Weile wach und dachte nach, aber irgendwann war er so müde, dass ihm die Augen zufielen. Im Halbschlaf lauschte er der Standuhr im Salon. Um einzuschlafen, zählte er oft die Schläge des metallenen Pendels, wie andere Kinder die Schafe.

Zehn, elf … Seinem Gefühl nach zu urteilen musste es inzwischen Mitternacht sein. Doch als die Standuhr schließlich bei der Zwölf angekommen war, setzte das Pendel einen weiteren Schlag nach. Klar, deutlich und unüberhörbar. Der Nachhall des dreizehnten Schlags dröhnte durch die alten Wände, viel zu kräftig, um Ottos Fantasie entstiegen zu sein.

Otto schlug die Augen auf. Dreizehn Schläge? Das konnte doch gar nicht sein! Immerhin sorgte Tante Sharon dafür, dass jede ihrer Uhren minutiös und fehlerlos lief. Selbst Big Ben konnte sich von der Genauigkeit ihrer Uhren noch etwas abschauen.

Schlaftrunken rieb sich Otto die Augen und setzte sich auf. Aus einem Reflex heraus trat er noch einmal ans Fenster und blickte hinunter. Was er dort entdeckte, vertrieb in Windeseile das letzte Fünkchen Müdigkeit: Da stand der Lieferwagen des Sensenmannes! Der seltsame Transporter mit den drei Rädern parkte im Lichtkegel einer Straßenlaterne, genau vor Tante Sharons Gartentor. Auf der Ladefläche stapelten sich Gurkengläser, deren rote Inhalte glühten wie Kürbisse an Halloween. Nur handelte es sich diesmal um viel, viel mehr Ladegut. Eine ganze Wagenladung toter Seelen. Du liebes bisschen!

Otto schluckte. Seit er bei Tante Sharon eingezogen war, hatte er niemals richtige Angst vor Geistern verspürt. Für ihn waren Sir Tony, Molly und Bert einfach ein Haufen durchgeknallter Pappnasen, die nicht mal einem Kleinkind Angst einjagen konnten. Aber alles, was dieses neue Wesen, diesen Sensenmann, betraf, ließ Otto frösteln.

Im selben Moment hörte er ein Rumsen aus dem Wohnzimmer. Es klang fast so, als würden Gläser klirren. Hatte sich der Sensenmann womöglich Zutritt zu Tante Sharons Villa verschafft?

Er beschloss, Vincent aufzuwecken. Hastig riss er die Schranktür auf und rüttelte an der silbernen Kleiderstange, an der Vincent üblicherweise baumelte und schnarchte. »Vincent? Komm schon, wo steckst du?«, rief Otto in den dunklen Schrank hinein.

Diesmal hing Vincent nicht an seinem Stammplatz. Er schlief in der Tasche von Tante Sharons mottenzerfressenem Wintermantel. Vermutlich hatte er sich vorhin wieder dermaßen den Bauch vollgeschlagen, dass er schlicht und einfach zu dick wurde, um kopfüber zu schlafen.

»Was ist denn schon wieder los? Warum weckst du mich ständig mitten in der Nacht?«, knurrte er verärgert. Er steckte seinen pelzigen Kopf aus dem Innenfutter und blinzelte Otto aus goldenen Augen an. »Schläfst du jetzt gar nicht mehr? Bist du neuerdings ein Vampir, oder was?«

Otto ignorierte Vincents garstigen Kommentar. »Der Sensenmann ist wieder da, Vince.«

Vincent ließ sich nicht beeindrucken. Entnervt rollte er mit den Augen. »Na und? Dann hat eben wieder jemand das Zeitliche gesegnet«, schnarrte er. »Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, Schlaumeier: Das Durchschnittsalter der Bewohner des Radieschenweges liegt bei weit über achtzig. Und da habe ich mich nicht mitgerechnet, klar?«

»Ich rede doch nicht von den Nachbarn. Der Sensenmann ist hier! Womöglich hat er es auf einen von uns abgesehen«, zischte Otto aufgeregt. »Und ich glaube, er hat irgendwas mit Tante Sharons Pendeluhr angestellt.«

»Du meinst, er ist hier? Bei uns unten im Salon?« Endlich schlüpfte Vincent aus seinem plüschigen Schlafsack, flatterte auf Ottos Schulter und ließ sich dann in die Brusttasche seines Pyjamas plumpsen. Eine Weile schien er zu überlegen, dann nickte er entschlossen. »Was stehst du noch hier rum? Gehen wir nach unten und sehen nach«, forderte er Otto auf.

Otto zögerte. Ob es so eine gute Idee war, einem Sensenmann gegenüberzutreten? Immerhin nahm der Typ für gewöhnlich Leuten das Leben. Was war, wenn er sich tatsächlich hier herumtrieb, um Otto oder Tante Sharon den Garaus zu machen? Sollte Otto nicht lieber Tante Sharon wecken und dann schleunigst die Beine in die Hand nehmen? Bestimmt konnte man an der Regenrinne abwärtsrutschen.

»Nun mach schon, du Feigling!« Vincent zappelte ungeduldig in Ottos Brusttasche. »Wenn dir dieses Klappergerippe etwas anhaben will, breche ich ihm alle Knochen«, versprach er.

»Na fein, wir sehen nach.« Otto gab sich geschlagen und schlurfte in Socken zur Tür.

Im Flur war es stockdunkel und Otto traute sich nicht, das Licht anzuknipsen. Was, wenn er dadurch den Sensenmann auf sich aufmerksam machte? Stattdessen tastete er sich an den Wänden entlang zur Treppe. Zum Glück kannte er jeden Winkel und jede Windung, er musste bloß achtgeben, dass die alten Holzstufen beim Gehen nicht knarzten.

Auf der letzten Stufe hielt Otto inne und lugte in den Salon. Das Licht der Straßenlaternen fiel durch die Fenster und tauchte die wuchtigen Vitrinen in ein fahles Blau.

Nichts. Niemand zu sehen. Der Sensenmann musste abgerauscht sein. Vielleicht hatte er sich in der Adresse geirrt.

Als Otto schon kehrtmachen wollte, schnellte plötzlich eine dunkle Silhouette durch einen der Lichtstrahlen. Sie blieb vor der Pendeluhr stehen und begann, an den Zeigern herumzudrehen, als entriegelte sie einen Safe. Ottos Nackenhaare stellten sich auf.

»Ach du sumpfiger Schrumpfknödel! Hier treibt sich tatsächlich jemand rum«, krächzte Vincent. Wenn er aufgeregt war, schimpfte er, was das Zeug hielt. »Warum zum Teufel hast du mich überredet, hier runter zu latschen?«

»Aber du warst es doch, der –« Otto unterbrach sich, denn etwas vibrierte an seiner Brust. Es bestand kein Zweifel, Vincent bibberte am ganzen Körper. Obwohl auch Ottos Knie zitterten, bemühte er sich, die Fassung zu bewahren. »Bleib cool, Vince. Ich will mir diesen Kerl aus der Nähe ansehen.«

»Noch näher? Bist du übergeschnappt?«, jaulte Vincent. »Was ist, wenn er eine Sense dabeihat und mir die Rübe absäbelt?« Panisch hielt er sich die Flügel über den Kopf. »Ich bin noch zu jung fürs Jenseits. Ich bin doch erst dreihundertsechsundzwanzig.«

»Vincent! Du warst doch bereits im Jenseits, schon vergessen? Ich glaube nicht, dass er dir etwas anhaben kann«, meinte Otto.

Das schien Vincent ein wenig zu beruhigen.

»Keine Panik«, flüsterte Otto. »Er wird uns nicht sehen.« Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen und tastete sich an der Wand entlang. Wenn er es nur bis hinters Bücherregal schaffen würde – von dort würde er bessere Sicht haben auf … was auch immer sich hier herumtrieb.

Boing! Kuckuck!

Ein ohrenbetäubendes Geräusch durchschnitt die Stille. Die verdammte Kuckucksuhr! Nach Tante Sharons Reparatur hing das hässliche Ding nun direkt über Ottos Kopf und verkündete zuverlässig die Uhrzeit. Viertel nach zwölf – so schrill und laut, dass es bestimmt noch Emilys schwerhörige Oma drei Häuser weiter hören konnte.

Ottos Herz rutschte in die Hose. Bevor er wusste, was los war, blieb er mit dem linken Fuß an Tante Sharons Perserteppich hängen. Er taumelte und versuchte panisch, sich am Bücherregal festzuhalten. Doch es war zu spät. Begleitet von einem lauten Krachen stürzten Otto und Vincent auf den Parkettboden.

Direkt vor die Füße des Sensenmannes.

Ottos Herz setzte einen Schlag aus. Langsam glitt sein Blick über die schwarze Kutte des Fremden hinauf bis zur Kapuze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte. In seiner Hand reflektierte etwas Silbernes, Spitzes die Lichter der Straßenlaternen.

Die Sense. Du liebe Güte. Die Geister hatten recht gehabt, da bestand nicht der geringste Zweifel. Vor ihm stand der leibhaftige Tod. Er sah zum Fürchten aus. Nur die abgewetzten Turnschuhe passten nicht ganz ins Bild.

Und offensichtlich hatte der Tod gerade bemerkt, dass er nicht mehr allein war. Bevor Otto reagieren konnte, ließ der Fremde von der Pendeluhr ab und beugte sich zu ihm herunter. In Zeitlupe nahm er seine Kapuze ab.

Otto erschauderte und starrte das Wesen an. Anstelle eines menschlichen Kopfes thronte ein Skelettschädel auf dessen Wirbelsäule. Lidlose Augäpfel starrten aus den dunklen Höhlen auf Otto herab.

Am liebsten wäre er weggerannt, doch er konnte sich keinen Millimeter bewegen.

In diesem Moment segelte Vincent todesmutig vom Kronleuchter und stürzte sich auf den Knochenmann. »Flossen weg von Otto, du Klappergerippe!«, drohte er und rotierte um den Schädel des Sensenmannes wie ein wild gewordener Kolibri. »Den kriegst du nicht in eines deiner dämlichen Gurkengläser. Dazu musst du erst an mir vorbei!«

Das war Ottos Chance. Der Tod schien durch Vincents Geflatter abgelenkt zu sein. Er fluchte und griff sich stöhnend an die Stirn, als plagten ihn plötzlich starke Kopfschmerzen.

Bevor Otto sich fragen konnte, wie das möglich war, so ganz ohne Gehirn, übermannte ihn der Fluchtimpuls. In Windeseile sauste er durch den Salon, doch er kam nicht weit.

Der Tod war schneller. In nur einem einzigen Augenblick hatte er ihm den Weg abgeschnitten. Panisch blickte Otto sich um, aber hinter ihm befand sich der Kamin. Eine Flucht war unmöglich – außer vielleicht, man war der Weihnachtsmann. Oder man konnte fliegen.

Vincent krallte sich in Ottos Nacken. »Zeit, sich zu verkrümeln. Wir sehen uns auf dem Dach!« In der nächsten Sekunde ließ er los und flatterte durch den Schornstein in die Freiheit.

Otto fluchte innerlich. Was für ein Kameradenschwein hielt er sich da eigentlich als Haustier? Auf Vincent konnte er wohl nicht zählen. Er musste den Tod alleine davon abhalten, ihm oder Tante Sharon die Seele zu klauen.

Der Sensenmann war ein Stück zurückgewichen und betrachtete Otto mit schief gelegtem Kopf, als sei er ein außergewöhnliches Tier.

Otto nahm all seinen Mut zusammen und ergriff das Wort: »Wenn du vorhast, mir etwas anzutun, kannst du’s vergessen! Ich bin kerngesund. Und topfit. Bester Fußballer der ganzen Schule.« Okay, das war gelogen, aber egal. Ohne den Blick von dem Gerippe zu nehmen, tastete Otto nach dem Schürhaken und hielt ihn sich abwehrend vor die Brust. Das Ding war aus Eisen. Vielleicht konnte er den Kerl mit einem präzisen Hieb auf den Schädel unschädlich machen. »Und Tante Sharon ist sogar Vegetarierin und geht jeden Morgen um sechs Uhr joggen«, fuhr er fort, obwohl seine Hände zitterten. »Wir fühlen uns prima. Wenn du uns also um die Ecke bringen willst, musst du früher aufstehen.«

Der Tod hielt inne. Bevor Otto wusste, wie ihm geschah, machte sein Gegenüber zwei hastige Schritte auf ihn zu und hielt ihm mit einer knochigen, käseweißen Hand den Mund zu. »Schscht. Jetzt komm mal runter und halt die Klappe, junger Mann«, antwortete er mit einer Stimme, die ganz anders klang, als Otto es von einem Einbrecher-Skelett erwartet hatte. Nicht mal im Ansatz gruselig. Eher wie eine coole Figur aus einem Trickfilm. »Genug mit der Hysterie. Oder bist du etwa ein Mädchen?«

Otto schüttelte die knochige Hand ab, um zu antworten. »Ich bin ein Junge. Und ich heiße Otto.«

Der Sensenmann wackelte mit dem Schädel, dann seufzte er. »Ein Junge, ach wirklich? Dann hätten wir das ja geklärt. Und jetzt hör mir mal zu: Ich muss diesen Auftrag hier zu Ende bringen. Wenn deine olle Tante von deinem Geschrei wach wird und mich stört, muss ich morgen Nacht wiederkommen. Denkst du, drei Nachtdienste in Folge sind witzig? Denkst du das?«

Otto schüttelte stumm den Kopf.

»Vielleicht kannst du deinen Nachbarn hier im Radieschenweg mal nahelegen, lieber tagsüber zu sterben«, motzte der Sensenmann weiter. »Uns allen vom SBI wäre damit sehr geholfen. Womöglich schickt man dir dafür sogar eine Weihnachtskarte.«

»Was … was ist denn das SBI?« Otto hielt immer noch den Schürhaken vor seine Brust.

»Seelen-Beförderungs-Institut«, antwortete der Sensenmann knapp und deutete dabei auf die Rückseite seiner Kutte, wo drei dicke Buchstaben aufgenäht waren. SBI. »Miserabler Job. Miserable Bezahlung. Noch miserablere Dienstautos. Muss ich noch mehr sagen?«

Otto wusste keine Antwort darauf. Fassungslos sah er zu, wie der Sensenmann zur Tür schlurfte, wo sich seine Gurkengläser stapelten. Stöhnend hob er eins auf und schleppte es zur Pendeluhr.

»Könntest mir ruhig mal helfen, Ottilie.«

»Ich bin kein Mädchen!«, schnaufte Otto empört. Der Typ war eindeutig nicht ganz dicht.

»Na gut, das heißt wohl keine Hilfe.« Der Tod seufzte. »Dann sei so gut und öffne zumindest die Tür der Pendeluhr, damit ich diese Seelen hier zeitgerecht ins Jenseits liefern kann. Wenn sie zu spät eintreffen, ziehen die mir das vom Gehalt ab. Ist ein bisschen wie beim Pizzaservice.«

Verwirrt legte Otto den Schürhaken beiseite und spähte ins Innere der Pendeluhr. Was sagte der Sensenmann da? Er lieferte die Gurkengläser ins Jenseits? Befand sich das Tor zur Unterwelt etwa in … Tante Sharons Pendeluhr? Das konnte doch wohl nur ein Scherz sein!

»Wird’s bald?«, schnaufte der Sensenmann hinter ihm. »Das Ding hier ist nicht gerade leicht. Der Typ war wohl gewaltig übergewichtig zum Zeitpunkt seines Todes.« Er warf einen Blick aufs Etikett des Gurkenglases. »An Leberverfettung verstorben. Wusste ich’s doch. Zwei von drei Todesursachen errate ich blind. Erstaunlich, oder?« Er grinste Otto an.

»Ähm, tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, Mr … ähm … Tod. Aber ich fürchte, du hast dich in der Adresse geirrt«, murmelte Otto und öffnete den Kasten. Gleich würde der Tod entdecken, dass es in Tante Sharons Pendeluhr keinen Pfad ins Jenseits gab. »In dieser Uhr befindet sich bloß ein altes Pendel –« Otto stockte. »Und … ein Fließband?« Er blinzelte irritiert.

Tatsächlich. Unter dem Pendel zog sich ein Förderband bis tief ins Mauerwerk. Es sah fast so aus wie die Glasflaschen-Rückgabe im Supermarkt.

»Na ja, das Fließband verläuft da natürlich nicht immer«, erklärte der Sensenmann und drückte Otto ein Gurkenglas in die Hand. »Vorsichtig draufstellen, zerbrechlich. Nur wenn ich den Code übers Ziffernblatt eingebe, ertönt ein dreizehnter Schlag und öffnet damit das Portal.« Seine Stimme wurde etwas tiefer, dabei ließ er seine Augen aufblitzen. »Und dann geht’s abwärts, geradewegs in den Schlund der Hölle. Hahaha!«

Otto schluckte. »Oh mein Gott.«

»Nur ein Scherz, Prinzessin.« Er reichte Otto ein weiteres Gurkenglas. »Das hier sind die harmlosen Fälle. Für die geht’s ins Jenseits. In den Himmel. Oder wie auch immer du es nennen willst. Und dort spielen sie Bridge, lösen Kreuzworträtsel und sehen sich Talkshows an. Ungefährlich. Und sterbenslangweilig.«

»Talkshows? Das ist nicht dein Ernst!« Otto überlegte gerade, was für Talkshows wohl im Jenseits gezeigt wurden, aber der Sensenmann riss ihn aus seinen Gedanken.

»Okay, das war das letzte Glas. Drück den roten Knopf für die Quittung und gib sie mir.«

Otto gehorchte. Er wunderte sich schon gar nicht mehr, dass sich über dem Fließband tatsächlich ein roter Knopf befand.

»Nicht mal hundert Pfund für drei Nächte Arbeit«, seufzte der Sensenmann, nachdem er die Quittung studiert hatte. »Mit der Bezahlung werde ich mir nie ein anderes Auto leisten können. Für dieses müsste ich mich auf der Straße schämen, wenn das hässliche Ding nicht unsichtbar –« An dieser Stelle brach er ab und öffnete seine Kiefer in vollkommenem Erstaunen. »Warum zum Geier kannst du mich eigentlich sehen? Hast du nicht behauptet, du wärst ein Mensch, Otto?«

»Ich dachte, du könntest mir das sagen«, antwortete Otto verwirrt.

»Seltsam. Absolut seltsam«, murmelte der Tod und schüttelte ungläubig den Kopf. »Ich bin übrigens Harold. Im Dienste des SBI seit fünfhundertzwanzig Jahren. Und ich liefere täglich Seelen durch euer hauseigenes Jenseitsportal.«

»Ähm … okay.« Otto schluckte. »Und … warum ausgerechnet durch unseres? Ist es das einzige Portal zum Jenseits?«

»Das einzige? Wo denkst du hin!«, antwortete Harold, doch dann sah er weg und betrachtete verlegen seine löchrigen Turnschuhe. Der rechte war rot, der linke blau. »Aber das nächste ist in West-London. Also, ich hoffe, es ist okay, wenn ich einstweilen eures …«

»Tu dir keinen Zwang an«, seufzte Otto. Wie abgefahren war das denn? Jetzt erteilte er schon Genehmigungen zur Nutzung seines hauseigenen Jenseitsportals, von dessen Existenz er bis vor fünfzehn Minuten noch nichts geahnt hatte.

»Tausend Dank, Freundchen.« Weil Harold keine Gesichtszüge besaß, war sich Otto nicht ganz sicher, aber es sah beinahe so aus, als lächelte er. »Das ist gut. Denn ich fürchte, mein Auto schafft es nicht mal mehr bis zur Stadtgrenze.«

Recherchen

Hier haben wir’s«, sagte Emily und deutete auf den Bildschirm des Computers. Otto und Emily saßen in der Schulbibliothek. Sie hatten sich absichtlich den Tisch ganz hinten bei den uralten lateinischen Schriften ausgesucht, den einzigen Ort, an den sich nicht mal die schlimmsten Streber der Sigmund-Schwefelkopf-Schule verirrten. Ottos und Emilys Recherche sollte keinesfalls dafür sorgen, dass die beiden als noch schräger galten, als sie es ohnehin schon taten. Und das würden sie garantiert, falls jemand sah, welche Begriffe sie seit dem Mittagessen durch die Suchmaschinen jagten.

»Die Figur des Sensenmannes tritt seit dem Mittelalter in Sagen auf und wird auch als Knochenmann oder Gevatter Tod bezeichnet«, las Emily vor und schob sich konzentriert eine Haarsträhne hinters Ohr. »Demnach erscheint diese fiktive Schauergestalt vor dem Ableben eines Menschen und trägt als Merkmale Sense und Sanduhr mit sich.«

Neben dem Online-Lexikoneintrag war sogar eine Zeichnung abgebildet, die dem Sensenmann von gestern ein wenig ähnlich sah – auch wenn sie deutlich unheimlicher wirkte als dieser patzige Harold.

Otto kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe. »Ich fürchte, das Internet ist eine Sackgasse. Alle Quellen geben an, dass es sich bei Sensenmännern um Fantasiegestalten handelt. Es klingt fast so, als wäre außer mir noch niemand einem Sensenmann begegnet. Zumindest niemand, der noch lebt.«

Emily sah ihn verwundert an. »Die Sache mit der Sense hat doch gestimmt.«

»Das schon. Aber eine Sanduhr hatte er nicht dabei«, widersprach Otto und griff nach seinem Rucksack. Emily und er hatten fast den ganzen Nachmittag hier verbracht. Zum Glück war Mathe ausgefallen, und so hatten die beiden sich in die Bibliothek verkrümelt, wo Otto seiner Freundin gleich von der nächtlichen Begegnung mit Harold berichtet hatte. Nun wurde es draußen bereits dunkel. Es war Zeit, nach Hause zu gehen. Falls Otto zu spät kam, würde Tante Sharon das sofort merken. Sie hatte schließlich genug Uhren.

»Ich frage mich, wie die Leute vom SBI ohne Sanduhren wissen, wann es Zeit ist, eine der Seelen abzuholen«, überlegte Emily und fuhr den Computer herunter.

Darauf wusste Otto Antwort. »Sanduhren sind Schnee von gestern. Das SBI arbeitet mit der Technik von morgen«, wiederholte er Harolds Worte von gestern. »Statt Sanduhren besitzen Sensenmänner inzwischen topmoderne Seelen-Messenger. Die neuesten Modelle. Wasserdicht, stoßsicher und mit extralanger Akkulaufzeit.«

»Seelen-was?« Emily hob die Augenbrauen. »Kann man so ein Ding im Internet bestellen?« Es kam nicht gerade oft vor, dass ein Hightech-Gerät in der Sammlung der technikverliebten Emily fehlte. Vermutlich setzte sie den Seelen-Messenger gerade auf ihre gedankliche Wunschliste an den Weihnachtsmann.

»Denke nicht«, meinte Otto. »Harold sagt, diese Seelen-Messenger findet man in jedem gut sortierten Fachhandel – allerdings im Jenseits«, stellte er klar, als sie durch die Tür der Bibliothek zurück in die Aula traten. Um diese Zeit glich die Sigmund-Schwefelkopf-Schule einem verlassenen Museum. Verschiedene Modelle chemischer Elemente säumten den Gang und an der Wand hingen mehrere Schwarz-Weiß-Fotografien, die den verstorbenen Schulgründer Sigmund Schwefelkopf zeigten. Er war ein berühmter Chemiker gewesen und sogar für den Nobelpreis nominiert worden. Leider war sein Labor kurz vor der Verleihung in die Luft geflogen – und er gleich mit. Seine Leiche hatte man nie gefunden. Es wurde vermutet, dass er sich bei der Explosion in seine Moleküle aufgelöst hatte.

»Schade, dass ich nicht auch so ein Gerät haben kann«, bedauerte Emily. »Es hätte was für sich, sein Sterbedatum zu erfahren.«

»Bei dir piept’s wohl!«, widersprach Otto und boxte sie scherzhaft in die Seite. »Niemand, der noch ganz klar im Kopf ist, will wissen, wann sein letztes Stündchen schlägt. Findest du nicht?«

Emily schwieg, als sie an einer Büste von Sigmund Schwefelkopf vorbeigingen. Sie schien über Ottos Worte nachzudenken. Erst als sie durch den Haupteingang in den Schulhof gelangten, fragte sie: »Wie sehen die Seelen-Messenger denn aus?«

»Wie Smartphones. Darauf kann man sogar Galgenmännchen spielen und SMS empfangen. Bloß dass Harolds SMS nicht von seinen Kumpels stammen, sondern ihn über die neuesten Aufträge informieren. Er erhält Namen und genaue Adressen der Personen, deren Zeit abgelaufen ist.«

Emily schluckte. »Ach du dickes Ei! Das klingt ja wie die Arbeit eines Auftragskillers.«

Otto grinste innerlich. Genau so hatte er auch reagiert, als Harold ihm von dem Seelen-Messenger erzählt hatte. Doch Harold hatte nichts davon hören wollen.