Schach! - Manfred Pitterna - E-Book

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Manfred Pitterna

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Beschreibung

Thomas Pick ist die zweite Woche auf Urlaub, doch der Urlaub bringt nur Frust, keine Erholung. Statt sich mit Doris Filz zu verloben, muss er in Linz auf ihre Beerdigung. Sein Vater hat ihn in den zwei Urlaubswochen in der gemeinsamen Firma vertreten und fährt geschäftlich nach Prag. Auf der Heimfahrt kommt er tot in Wien an. Bald darauf wird auf Thomas Pick aus einem fahrenden Auto geschossen. Vera Vollmer, die er bei seiner Heimfahrt von Linz zufällig kennen gelernt hat, ist dabei und kann ihm rasch helfen. Da sie sich auf Anhieb gut verstehen, denken sie daran, zusammenzuziehen, sich eine gemeinsame Zukunft aufzubauen, wobei sich jedoch Hindernisse ergeben, welche die Planung der beiden durcheinanderbringen. Ein Teil davon ergibt sich daraus, dass Thomas Pick mit Freunden einen Plan entwickelt, dem Mörder und Attentäter 'Schach!' zu bieten …, und sich auf ein mörderisches Spiel mit einem russischen Paten einlässt …

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Manfred Pitterna

Schach!

Ein Wien-Krimi

Karin Fischer Verlag

————— Anmerkungen am Schluss des Romans. —————

Prolog Was war

Samstag, 20. August 1955

Vera Kalinina

Vera Kalinina wurde in Wien in ein tschechisches Elternhaus hineingeboren. Als dies in den Zwanzigerjahren geschah, war das vorübergehend weniger ein Problem als vor 1914, wo Tschechen gegen alles Deutschsprachige hetzten und Österreicher gegen alles Tschechische. Aber es sollte sich bekanntermaßen nochmals eine Hetze erheben, die ein zweites Mal Europa in Brand steckte und so in Schutt und Asche legte.

Vera Piskaczek, wie sie mit dem Mädchennamen hieß, war eine Mitschülerin von Karl Anton Pick. Nach der gemeinsamen Schulzeit in der Grundschule, so hieß die spätere Volksschule zuvor, verloren sie sich für viele Jahre aus den Augen, um sich in der internationalen Zone Wiens, im ersten Bezirk, im Sommer 1955 kurz wiederzusehen. Sie setzten sich in den Gastgarten eines Kaffeehauses und sprachen über die Jahre, die sie sich nicht gesehen hatten. Da stellte sich für Karl Anton Pick heraus, dass aus Piskaczek Kalinina geworden war. Vera erzählte ihrem ehemaligen Mitschüler von ihren beiden Ehemännern.

»Sergej, musst du wissen, ist ein wunderbarer, und liebevoller Mann. Er hat mich aufgelesen, im wahrsten Sinn des Wortes von der Straße aufgelesen, als mein Mann, auch ein Russe, meiner überdrüssig war und mich nach sechs Ehejahren, die wenigstens kinderlos blieben, auf die Straße geworfen hatte.«

»Meine Frau kann auch keine Kinder bekommen. Aber wir haben die Adoption eines Kindes beantragt. Das Verfahren läuft noch«, warf Karl Anton Pick ein.

»Schon möglich, dass es an ihm lag, dass wir kinderlos blieben; er wollte sich nicht untersuchen lassen. An mir lag es jedenfalls nicht. Denn mit Sergej habe ich zwei Buben, die sich prächtig entwickeln. Da Sergej hier als Besatzungssoldat lebt und ihr ja euren Staatsvertrag nun doch bekommen habt, werde ich auch nicht mehr lange hier sein. Die Westalliierten haben schon mit dem Truppenabzug begonnen; Sergej weiß noch nicht, wann es losgeht, aber sicher ist, dass wir nicht wie andere nach Russland zurück müssen. Wir werden in die ČSSR gehen. Ich werde dir schreiben, vielleicht kannst du mich mal besuchen kommen.«

Karl Anton Pick, der Schulfreund von Vera Kalinina, geborene Piskaczek, geschiedene Fedorsov, hätte wohl die neue Adresse bekommen, doch letztlich hörte Vera auf ihren Mann Sergej und unterließ es, ihrem Schulfreund zu schreiben, denn das Damoklesschwert der Verbannung nach Sibirien in einen Gulag schwebte über ihren Köpfen. In dem Jahr zwischen dem Abzug aus Österreich und dem Ungarnaufstand war man in Moskau entsprechend nervös, denn zur gleichen Zeit mit den Unruhen in Ungarn kam Moskaus Verbündeter, Abd el Nasser, durch einen Blitzangriff der Israelis schwer unter Druck. Da waren sich Vera und Sergej einig: lieber bei den Tschechen als Besatzer verhasst als bei den Sowjets als Klassenfeind gemieden.

Sonntag, 4. November 1956

Soldat Fedorsov und sein bestes »Pferdchen«

Viktor Fedorsov war im April 1945 als junger Soldat mit der Sowjetarmee über Budapest nach Wien gekommen. Nach einiger Zeit besaß er Verbindung zu den Usia-Betrieben, die in der österreichischen Sowjetzone (Burgenland) Erdöl förderten. Bereits kurz nachdem er mit der Roten Armee österreichischen Boden betreten hatte, verfügte er über eine kleine straff geführte Organisation aus Russen und Österreichern.

Nach sechs Ehejahren mit Vera Piskaczek lernt er Elisabeth Petermunk kennen und wirft Vera aus der Wohnung. Elisabeth wird Anfang 1954 schwanger, als er wieder mal »Lust auf sie« hat, die so gezeugten zweieiigen Zwillinge kommen am 11. Oktober 1954 zur Welt. Doch er erfährt nichts von den Zwillingen, da er zu diesem Zeitpunkt bereits ein Doppelleben führt. Einerseits als sowjetischer Besatzungssoldat, andererseits als »der schöne Viktor«, der drei florierende Nachtlokale besitzt, Elisabeth Petermunk ist in einem davon »eines seiner besten Pferdchen«. In ihrer schwierigen Lage wendet sich Elisabeth Petermunk nämlich an ihren langjährigen Freund Eduard Vollmer, und der erklärt sich bereit, ihr Kind als seines aufzunehmen. Als es dann Zwillinge sind, nehmen die Vollmers klammheimlich hinter Fedorsovs Rücken die Tochter zu sich und geben sie als ihr Kind aus; der Sohn wird zur Adoption freigegeben. Viktor Fedorsov wird gesagt, das Kind sei tot zur Welt gekommen.

Fedorsov ist bemüht, in Österreich zu bleiben, als klar wird, dass das Land seine Unabhängigkeit zurückerhält und die Besatzungstruppen nach und nach das Land verlassen. Er überträgt die Verantwortung für seine Lokale Eduard Vollmer für bestimmte Zeit, die er dafür veranschlagt, um in die Heimat zu gehen und dort wieder Zivilist zu werden, damit er als solcher wiederkommen kann. Gegen die von Vera eingereichte Scheidung legt er keine Rechtsmittel ein, da er wenige Wochen vor dem Abzug der Roten Armee in die Heimat zurückgekehrt. Doch als er nach Ordnen seiner Verhältnisse zu Hause aufbrechen will, um wieder in den Westen zu reisen – die Vorbereitungen dafür dauerten trotz seiner guten Beziehungen zur Partei länger als er veranschlagt hatte –, kommt ein neuer Einberufungsbefehl wegen der Ungarnkrise. Andere Heimkehrer aus Österreich waren inzwischen in den Weiten Sibiriens verschwunden, um ja niemanden mit einem »Westbazillus« anzustecken. Fedorsov folgt der Einberufung, denn er weiß genau, was sonst sein Reiseziel ist, und kommt mit der Sowjetarmee am 4. November 1956 im Morgengrauen in Budapest an. Von nun an geht sein gewohntes Doppelleben weiter, denn die Sowjetarmee ist innerhalb von zwei Wochen die Regierungs- und Staatsmacht in Ungarn und Fedorsov ist ein Teil davon. Und da Fedorsov den nötigen verbogenen Charakter und gute Beziehungen zur Halbwelt in Wien hat, zieht er aus beidem den optimalsten Nutzen.

Dienstag, 24. Dezember 1974

Das Weihnachtsgeschenk

Thomas Pick war noch keinen ganzen Monat wieder zu Hause, als es Weihnachten war.

Die Weihnachten 1973, eben jene des Vorjahres, hatte er nicht zu Hause gefeiert, sondern in der Kaserne. Weihnachten war in die Zeit seiner Grundausbildung gefallen. Seine Freunde und ehemaligen Mitschüler des GRG XIX für Burschen, Herbert Rösch und Helmut Stamm, waren damals in gleicher Weise betroffen, denn die drei waren am selben Tag bei der Stellungskommission gewesen und zum selben Termin in ein und dieselbe Kaserne eingerückt, als Einjährigfreiwillige.

Während aber Thomas und Herbert nach diesem einen Jahr abgerüstet hatten, Thomas nicht so freiwillig wie Herbert, war Helmut geblieben. Seinem Wunsch, Berufssoldat zu werden, stand nicht wie bei Thomas die Familie entgegen. Frau Pick hätte sich wohl noch eher vorstellen können, Thomas Berufssoldat werden zu lassen, denn in ihrer Familie hatte es solche zur Zeit der Monarchie gegeben. Doch sie war erkrankt, konnte ihrem Mann in der Einzelfirma nicht mehr helfen, und so hatte dieser darauf bestanden, dass Thomas bei ihm zu arbeiten anfing. Die Ideen, Berufssoldat oder Profisportler zu werden, hatte sich Thomas jedoch in langen Diskussionen mit seinem Vater nur gegen zwanzig Prozent einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung und einem größeren Umbau der Familienvilla zu seinen Gunsten ausreden lassen. Karl Anton Pick war nichts anderes übrig geblieben, als Thomas nachzugeben, die Einzelfirma in eine GmbH umzuwandeln und sich einen Architekten wie eine ausführende Baufirma zu suchen. Seit Anfang Dezember war Thomas nun Geschäftsführer seines Vaters, und der machte seinem Sohn an diesem Weihnachtsfest ungeachtet der finanziellen Belastungen, die Thomas verursacht hatte, ein Weihnachtsgeschenk, das Thomas nicht erwartet hatte: ein Auto. Keinen »Käfer« von VW, und die wurden damals – noch – in Deutschland gebaut, auch keine »Ente« von Citroën, sondern eine »Schildkröte«, einen Volvo 264 GLE.

Dieses unerwartete Geschenk seines Vaters sollte Thomas neben dem Beginn der Leiden seiner Mutter künftig in Erinnerung bleiben, wenn er an 1974 dachte.

Freitag, 21. Februar 1975

Faschingsfeier

Es war ein Gasthaus mit Extrazimmer für Feiern und Zusammenkünfte, etwas weiter draußen auf der Linzer Straße, das auch über eine eigene Kegelbahn – drei Bahnen hatte diese – verfügte. Jetzt, in der Faschingszeit, waren alle Räume geschmückt, wie dies in der fünften Jahreszeit üblich ist. Der Wirt hatte die Kegelbahnen wie die Tische der Gaststube einzeln gegen Voranmeldung vergeben, das Extrazimmer während der ganzen Faschingszeit an Gruppen. Zum Zeitpunkt unserer Handlung kam die Maturaklasse 1973 des GRG XIX für Burschen im Extrazimmer zusammen. Dass dazu auch aller weibliche Anhang miteingeladen war, versteht sich von selbst.

Der Beginn war für 19 Uhr angesetzt worden, Einlass war aber schon ab 18 Uhr. Als die Feier der Maturaklasse begann, war der Großteil der Klasse bereits anwesend, auf die verschiedenste Art und Weise kostümiert. Es fehlten nur noch wenige. Einige wurden von den ehemaligen Mitschülern trotz Verkleidung sofort erkannt, andere nicht sofort oder gar nicht. Zu diesen Letzteren gehörten fünf Personen, drei aus dieser Maturaklasse und zwei als deren Anhang, die fast als letzte eintrafen. Schon als sie das Gasthaus betraten und durch die Gaststube zum Extrazimmer gingen, zogen sie viele Blicke auf sich, wie in der Straßenbahn, da sie öffentlich unterwegs waren. Alle fünf waren sie schwarz und enganliegend gekleidet, mit schwarzen Stiefeletten, schwarzen dünnen Lederhandschuhen und schwarzer Vollmaske, die nur Öffnungen für Augen, Nasenlöcher und Mund hatte. Um die Hüfte trugen alle einen Waffengurt, der rechts eine Walter PPK hielt. Als Einziges an jeder der fünf Personen, das nicht schwarz war, war über dem Herzen eine Schachfigur in Silber stilisiert: die Symbole von König, Dame, den beiden Läufern und eines Turms.

Montag, 7. Juni 1976

Das Ende der Petermunk

Elisabeth Petermunk war zwar Fedorsovs »bestes Pferdchen«, aber alle Pferde ermüden, irgendwann. Das ist bei den echten Reitpferden der Fall und hier, bildlich übertragen, genauso. Nur, wie das mit den »besten« ist, mit denen, die ihren Besitzern ihrer Leistung wegen am wertvollsten sind: Man hat ein besonderes Auge auf sie. Und Elisabeth war ja nicht nur Fedorsovs »bestes Pferdchen«, sie war zu allem Überfluss inzwischen auch noch seine Ehefrau. Und die hat noch nie ein Mafiapate mit irgendjemandem ernsthaft geteilt oder sich ausspannen lassen.

Elisabeth versuchte, sich aus dem »Milieu« mit Hilfe eines Kunden zurückzuziehen und aufzuhören, auf den Strich zu gehen. Das heißt, direkt am Strich ging sie die letzten Jahre nicht mehr. Das lag weniger daran, dass Fedorsov es ihr verboten hätte, sondern vielmehr, dass er sie – seit sie seine zweite Ehefrau war – wie alle Paten mit niemandem teilen wollte. Sie arbeitete an der Bar, schenkte die Getränke aus und unterhielt sich mit Gästen, die nicht aufs Zimmer wollten. Unter ihnen begann sie »ihre Fühler auszustrecken«. Es kam nun, wie es kommen musste: Es kam Fedorsov zu Ohren, und der ließ sie und ihre Kunden von einem Privatdetektiv beschatten. Er warnte sie nicht vor, sammelte zunächst nur Fakten über sie, genauso wie über den, der sie ihm wegnehmen wollte, wie er es sah, denn die Beschattung konzentrierte sich bald auf einen ganz bestimmten Kunden.

Und dann war der Zahltag angebrochen. Elisabeth Petermunk wurde von Eduard Vollmer, mit dem sie sich seit der Nachkriegszeit ja gut verstand, unter einem Vorwand zum niederösterreichischen Anwesen Fedorsovs gebracht. Otto Stark und Walter Krumm brachten den Bilanzbuchhalter hin, um den es sich bei besagtem Kunden handelte. Dort ließ der »schöne Viktor« Elisabeth Petermunk dann vor den Augen ihres Kunden von Beria und Galwanov vergewaltigen und diesen nach besagter Vergewaltigung vor ihren Augen von Otto Stark erschlagen.

Später wurden Petermunk und ihr »letzter Kunde« auf einen Mistplatz der MA 48 in Wien gefunden. Dem bereits Toten – wie die Gerichtsmedizin klärte – war nachträglich der Penis samt der Hoden abgetrennt worden; er fand sich bei Elisabeth Petermunk, der das Genick gebrochen worden war. Man hatte ihn ihr in den Mund gesteckt. Zweifellos fand die Polizei heraus, wer die Bluttat und zuvor die Vergewaltigung begangen hatte, doch die Beschuldigten gaben nichts zu. Bald hatten Fedorsovs Anwälte seine »Jungs« wieder frei. Dass man Täter wie heute mit ihrer eigenen DNA auf ihre Tat festnageln kann, war damals noch undurchführbar.

Sonntag, 15. April 1979

Nie wieder Kinder

Herbert Rösch hatte seine Frau ins Spital gebracht. Und das nicht zum ersten Mal. Immer wieder war Paula, dem Arzt und den Schwestern inzwischen wohlbekannt, in den letzten sechs Tagen hierhergekommen und wieder nach einiger Zeit nach Hause gefahren. Die Wehen hatten sich als falscher Alarm herausgestellt. Das Kind, das so lange auf sich warten ließ, wünschten sich beide. Nun war der siebente Tag, den das Wunschkind überfällig war. »Kann vorkommen«, hatte man den werdenden Eltern gesagt. Nun ging Herbert, den Paula nicht bei der Geburt dabei haben wollte, wie ein nervöses Raubtier im Gang der Entbindungsstation auf und ab. So dünn der Automatenkaffee hier auch war, bei der von Herbert konsumierten Menge hatte auch er seine Wirkung auf Herz und Kreislauf. Schließlich ließ sich der Gynäkologe wieder blicken, und Herbert Rösch ging ihm mit schnellen Schritten entgegen.

»Wie sieht es aus, Herr Doktor?«

»Den Umständen entsprechend recht gut, Herr Rösch.«

»Was heißt ›den Umständen entsprechend‹? Meine Frau ist ja jetzt nicht mehr in anderen Umständen.«

»Natürlich nicht. Aber es war keine leichte Geburt, und ihre Frau braucht jetzt, nach ihrer schweren Anstrengung, Ruhe. Das habe ich gemeint.«

»Kann ich zu ihr?«

»Es wäre besser, sie kommen morgen, wenn sie ausgeschlafen hat.«

»Aber ich will sie sehen.«

»Gut, wie Sie wollen, aber nur fünf Minuten. – Schwester, bringen Sie Herrn Rösch zu seiner Frau.«

»Danke.«

Herbert folgte der Krankenschwester und war froh, seinen Willen durchgesetzt zu haben. Er ging hinter der Krankenschwester her und betrat das Zimmer, in dem seine Frau Paula lag, während die Krankenschwester nur die Tür öffnete, als er drinnen war, wieder schloss und sich ihren Aufgaben widmete. Herbert fand seine Frau schlafend vor, als er an ihr Bett trat. Der Schlaf war allerdings nicht sehr tief, denn als er – leise zu sein schaffte er nicht, das hatte er nie geschafft – einen Sessel an ihr Bett stellte, erwachte sie.

»Herbert.«

»Ja, ich bin’s, dein Tatzbär. Was ist es nun? Bub oder Mädchen?«

»Es war ein Bub.«

Herbert musste korrigieren: »Es ist ein Bub.«

»Es war ein Bub«, wiederholte Paula.

»Schatz, es muss ist heißen.«

Herbert konnte sagen, was er wollte, ständig – auch privat – kam der Lehrer bei ihm durch.

»Ich bin müde und will nicht mit dir streiten, in meinem Zustand.«

Herbert dachte: »Wird auch gut sein.«

»Aber war ist richtig. Es war eine Todgeburt, und der Arzt meint, es wäre besser, ich würde keine Kinder mehr bekommen.«

»Aber …« Herbert war wie vom Blitz getroffen.

Sie hatten immer von zwei oder auch drei Kindern geredet, die sie haben wollten, und jetzt das. Gleich beim ersten Kind.

»Mir ist scheißegal, was der Arzt ›meint‹«, platzte es aus Herbert heraus, »Auch meine Mutter hat ein Kind verloren und danach noch welche haben können. Wenn der Arzt dieser Meinung ist, dann soll er sich sein Lehrgeld zurückgeben lassen. Dann hat er nichts dazugelernt.«

»Herbert …«

»Weil’s wahr ist!«

Herbert war in Fahrt.

»Erhole dich, Schatz, aber dem Arzt erzähle ich noch was.«

Er stand auf und verließ das Zimmer. Paula war außerstande, ihn aufzuhalten, sonst hätte sie es getan.

»Wo ist er?« Herberts Stimme hallte den Flur entlang. »Wo ist dieser Kurpfuscher?«

Die Stationsschwester hatte Mühe, Herbert Rösch zu bewegen, seine Lautstärke, mit der er seinen Unmut äußerte, zurückzunehmen. Sie brachte ihn zu dem Arzt, der Paula entbunden hatte. Der Streit der beiden war trotz der geschlossenen Tür im Gang noch leise, aber ganz deutlich zu hören. Er eskalierte bis zur gegenseitigen Androhung einer Klage, bis Herbert Rösch aufgab und zähneknirschend das Spital verließ. In seinem Inneren kochte er so sehr vor Zorn, dass jeder, der ihm am Heimweg begegnete, versuchte, so gut es ging auszuweichen.

Mittwoch, 3. Dezember 1980

Mutter wider Willen

Eduard Vollmer hatte wegen Vera die Rettung verständigt. Dass seine Ziehtochter schwanger war, war zuletzt nicht zu übersehen gewesen. All sein Reden vor Monaten hatte nichts genützt. Dass sie erst einen Job brauche, den Mann besser kennen lernen solle, die Pille nehmen. Zuletzt, weil nichts nützte und ein Kind unterwegs war, dass sie sich wenigstens jetzt, in den letzten Wochen und Monaten, schonen solle. Er fand bei Vera kein Gehör. Im Gegenteil: Vera hatte sich überanstrengt und war nun mit Blaulicht und Sirene unterwegs ins Spital. Als sie nun, so schnell es möglich war, im Rotkreuzauto in Richtung Kreissaal unterwegs war, dachte Vera Vollmer über ihre Situation nach.

»Ich bin jetzt 26 und werde Mutter. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber sonst? Wäre mein Elternhaus ein anderes gewesen, wäre hier einiges anders gelaufen. Nach Mutters Tod war mit Vater nicht mehr auszukommen. Ich wollte seiner Nörgelei entrinnen und kam dadurch vom Regen in die Traufe. Aber ich will den Schleimbeutel, von dem das Kind ist, sowieso nicht mehr sehen. Es muss und wird ohne ihn gehen. Was hat Vater nicht alles gegen meine Schwangerschaft und den Kindsvater geredet! Es hat mich aber nur bestärkt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Hätte er nicht so dagegen geredet, hätte ich mir wohl mehr Zeit bei der Partnersuche gelassen. So aber war – ich gebe es zu – mein Handeln eine reine Trotzreaktion. Und dass ich jetzt nicht normal ins Krankenhaus komme, sondern mit Blaulicht hinfahre, hat auch in so einer Trotzreaktion seine Wurzel. Ich hätte mich eigentlich mehr schonen sollen und nicht mehr so schwer tragen … Ich werde es Vater gegenüber nie zugeben, aber in einem Punkt hat er sicher recht: Es gibt Momente, da bin ich wirklich stur. Da muss es nach meinem Kopf gehen. Und letztlich – auch wenn ich mich ohne Druck anders entschieden hätte, durch den von Vater ausgeübten Druck bin ich nun Mutter wider Willen, und ich muss sehen, wie ich damit zurecht komme.«

Zwei Stunden nach dieser »Feuerwehraktion« lag Vera Vollmer in einem Krankenhausbett und kam endlich von ihrem Stress zur Ruhe. Die Tochter, von der sie entbunden worden war, befand sich versorgt und kerngesund auf der Kinderstation.

Freitag, 10. November 2000

Mia oder Fedorsovs Ehe, die fünfte.

Mia Scampi wollte Schauspielerin werden und hatte ein großes Vorbild: Sophia Loren. Es gelang ihr jedoch lediglich, ihrem großen Vorbild in körperlicher Hinsicht nachzueifern. In Sachen Film- und Fernseherfolg blieb Mia weit hinter ihrem Ideal. Da nützten ihr letztlich weder ihr übergroßer Ergeiz noch ihre bewusst eingesetzten weiblichen Reize etwas. Die mit ihr zuletzt besetzte Rolle war in einem Pilotfilm, aus welchem – bei Gefallen – eine Serie werden sollte. Als nun der Pilot abgedreht war, feierte die ganze Truppe den Drehschluss. Dabei begegneten sich Mia Scampi und Viktor Fedorsov. Und, wie es das Sprichwort sagt, sie haben sich gefunden und bekommen. Daher tat es auch weiter nichts zur Sache, dass sich nicht all zu viele sehr positiv über diesen Streifen geäußert hatten, der Ausbau des Streifens zur Serie mehr als ungewiss war. Mia Scampi war durch den »schönen Viktor« sozial abgesichert, denn Viktor Fedorsov, der trotz seines mittlerweile fortgeschrittenen Alters und vier gescheiterter Ehen nicht ohne Frau sein konnte, nahm sich Mia Scampi an deren Geburtstag zu seiner fünften Ehefrau.

Erster Abschnitt Die Einleitung

Tag 1 · Sonntag, 6. Juli 2008 · 10 Uhr

Ich wünsch mir zum Geburtstag einen Würstelstand

Mia Scampi wusste von Anfang an, wie sie mit »ihrem Vikerl« umzugehen hatte, damit sie bekam, was sie wollte. Sie hatte Essen und Trinken, jedes Kleidungsstück und jedes Schmuckstück, was sie sich wünschte, in nicht ganz sieben Ehejahren von ihm bekommen. Sie hatte ihre eigene Wohnung, die sie keinen Eurocent kostete, war stets sexuell ausgelastet, und so fehlte es ihr im Grunde genommen an nichts. An nichts? Doch. Jetzt, im siebenten Ehejahr, das manche »das verflixte« nennen, kam bei Mia wieder der alte Wunsch nach beruflichem Engagement und Erfolg hoch; es langweilte sie, »nur« Ehefrau zu sein. Als sie ihre alten Kontakte zu Film und Fernsehen zu kontaktieren begann, fand sie bald heraus, dass es für sie noch schwerer geworden war, ins Geschäft zu kommen.

»Tut uns leid, aber die Filmindustrie befindet sich in einer Wirtschaftskrise. Doch dir scheint es ja nicht schlecht zu gehen«, hörte sie einige Male.

»Du musst sicher nicht arbeiten, um deinen Lebensunterhalt zu bestreiten«, mutmaßte einer ihrer früheren Regisseure.

Und auch Viktor Fedorsov merkte bald, dass Mia zum Film zurückwollte.

»Wieso willst du zum Film zurück? Du hast bei mir alles, was du willst. Sogar Auftrittsmöglichkeiten vor Publikum. Was ist los, Mia?«

»Ich habe nicht alles bei dir, was ich will. Und es ist etwas anderes, in einem deiner Etablissements aufzutreten, als vor einer Kamera zu stehen.«

»Das musst du mir erklären.«

»Muss ich das? Muss ich dir das wirklich erklären?«

»Ja.«

»Es stimmt schon, dass ich mehr bei dir habe als andere Frauen bei ihren Ehemännern; aber eines haben viele, was ich nicht habe.«

Fedorsov zog die Augenbrauen hoch. »Und das wäre?«

»Die Möglichkeit, einem Beruf nachzugehen, der mir Spaß macht.«

»Muss das sein? Andere wären glücklich, wenn sie wie du nicht nötig hätten zu arbeiten.«

»Doch, das muss sein. Mir wird langweilig, wenn ich tagsüber so wenig zu tun habe wie die letzten Jahre.«

»Na schön. Aber muss es beim Film sein? Da hast du doch noch nie Erfolg gehabt.«

»Kannst du da nicht etwas nachhelfen?«

»Wofür hältst du mich? Ich verstehe davon noch weniger als du. Ich verstehe was von Politik, von Geschäften, von Gastronomie. Aber nichts von Film und Fernsehen.«

Mia überlegte einige Sekunden, dann schoss ihr eine Idee durch den Kopf: »Ich weiß, was mir Spaß machen würde; es hat auch mit Gastronomie irgendwie zu tun, also verstehst auch du was davon, wie du sagtest. Ich wünsche mir zum Geburtstag einen Würstelstand.«

Fedorsov sah Mia an, als habe er nicht recht gehört.

»Du willst was? Eitrige1 mit Bugel2 verkaufen?«

»Ja.«

»Du willst dich stundenlang im Dampf und Geruch von Fett einnebeln?«

»Nein. Davon kann keine Rede sein. Ich will den Stand besitzen, nicht dort arbeiten. Personal wird sich schon finden.«

»Hm.«

Fedorsov dachte nach. Die Idee hatte was. Auch wenn ihm der Stand offiziell nicht gehörte, sondern seiner Frau, würde es dem Ansehen des Namens Fedorsov nützen, wenn weitere Arbeitsplätze geschaffen würden. Außerdem bot so ein Stand die Möglichkeit – wenn nötig –, Geld zu waschen. Also willigte er ein.

»Gut. Ich will mich umsehen, wo einer zum Verkauf steht.«

Tag 1 · Sonntag, 6. Juli 2008 · 20 Uhr

Im schwarzen Loch

Er stand in seinem Hotelzimmer und sah, ohne wirklich etwas von Linz zu sehen, hinaus. Zum wiederholten Mal stand er so da, dachte an jene Frau, die ihm von allen Frauen am nächsten stand; er liebte sie. Jedes Mal hatte er sich gefreut, wenn von ihr ein Brief gekommen war, wenn er sie gesehen, gesprochen hatte. Doch all das würde es nie wieder geben. Trauer und eine Reihe von Fragen beschäftigten ihn seit Tagen. Er wandte sich um, legte sich auf sein Bett. Er schloss die Augen, versuchte sich zu entspannten. Fragen stiegen ihm auf, die durch Emotionen die Gefühle aufzuschaukeln begannen. So eine Gefühlswoge versuchte ihm einzureden, dass in dieser Situation die Ideallösung des Problems Selbstmord sei. Er fühlte sich ungeliebt, und wer würde sich darum kümmern, wenn er nicht mehr leben würde? Am besten der Geliebten ins Grab nachfolgen. Eine andere Gefühlswoge fing diese Gedanken auf und kehrte sie um. Umbringen? Wegen einer Frau? Nie und nimmer! »Ich bin Geschäftsmann, nicht so ein verliebter Tölpel wie Romeo!« Liebeskummer schien ihm plötzlich der nichtigste Grund, um Selbstmord zu begehen, wie zuvor der beste. Seine Müdigkeit ließ ihn noch etwas liegen und die Ruhe pflegen. »Ich werde die Selbsttötung langsam angehen, mit meinem Besäufnis der letzten Tage fortfahren«, beschloss er, denn es war nicht mehr wie früher; es war etwas in ihm zu Bruch gegangen, und bloß der Gedanke, dass er in dem Hotelzimmer, das er für einige Zeit bewohnen musste, zu ersetzen hatte, was durch ihn kaputtging, hielt ihn zurück, nach Herzenslust mit Gegenständen um sich zu werfen. Er stand auf und wandte sich zum Gehen. Die nächsten Stunden würde er wieder damit zubringen, zu versuchen, seinen Weltschmerz zu ersäufen.

Tag 4 · Mittwoch, 9. Juli 2008 · 1:45 Uhr

Fenstersturz 1

Die Nacht war bereits vorgerückt; die dritte Nachtwache befand sich in ihrer zweiten Hälfte. Die öffentliche Uhr zeigte 1:45 Uhr, die Zeit der Nachtbusse der Wiener Linien hatte längst begonnen. Die von ihnen nicht angefahrene Josefstädter Straße lag in beschaulicher Nachtruhe. Auch in die Straßen der näheren Umgebung war Nachtruhe eingekehrt. Einzige Ausnahme, welche die Regel bestätigte, war das Stüberl, das zum Café Hummel gehörte, das selbst bereits um Mitternacht geschlossen hatte; genauso wie der Würstelstand »Der Imbiss« auf der anderen Seite der Gleise der Linie 5 und der Filiale von McDonald’s, diagonal vom Café Hummel über die Kreuzung. Das Stüberl kannte in dem Sinn keine Sperrstunde, denn es konnte bei gutem Geschäftsgang bis fünf Uhr früh unter der Vorraussetzung offen halten, die Gäste waren auf der Straße nicht zu hören.

Da – in die geschilderte Stille hinein – war das auf der Straße fast unhörbare Geräusch des Fensteröffnens im letzten Stock des Eckhauses beim Josef-Matthias-Hauer-Platz neben »Der Imbiss« zu hören, als mache man das Fenster zum Lüften auf. Kurz darauf ein dumpfer Aufprall eines Körpers – Stille. Wieder war nichts zu hören.

Erst als das Stüberl, bedingt durch wenige Gäste in dieser Nacht, bereits kurz nach zwei Uhr schloss und die letzten Gäste über besagten Platz den Heimweg antraten, kam nicht vorgesehenes Nachtleben in den Bezirk. Polizei, Spurensicherung; am Ende der dritten Nachtwache um drei Uhr verließen die letzten Beamten den Ort des Geschehens. Der Tote war zu diesem Zeitpunkt schon weggebracht worden. Er warf eine Reihe von Fragen auf, der Tote, denn schon auf den ersten Blick war klar, dass es Mord, nicht Selbstmord war. Er hatte den Mund verklebt mit Klebeband und war wie ein Paket verpackt worden, bevor er die Reise aus seiner Wohnung im letzten Stock angetreten hatte. Das Fenster, aus dem er in die Tiefe stürzte, befand sich auf der Seite Josef-Matthias-Hauer-Platz.

Tag 4 · Mittwoch, 9. Juli 2008 · 10:05 Uhr

Dienstreise nach Prag

Karl Anton Pick, Seniorchef jener Elektronikfirma, die er unmittelbar nach Kriegsende eröffnet hatte, machte sich gleich nach dem Frühstück auf, denn er hatte ein Ziel vor Augen. Die Erfüllung eines Traumes, den er seit vielen Jahrzehnten träumte: mit seiner Firma nicht allein in Österreich präsent zu sein, sondern auch in der Tschechischen Republik. Jetzt, wo seine Firma in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt war, da der Eiserne Vorhang gefallen und Tschechien in der EU war, schien der Traum des Karl Anton Pick zum Greifen nahe. Seine Frau hatte er immer mit der Gründung einer tschechischen Tochterfirma genervt, aber sie, die ihm von Anfang an in der Einzelfirma im Verkauf geholfen hatte, war noch vor der Umwandlung in die GmbH aus gesundheitlichen Gründen zu Hause geblieben und bald darauf verstorben.

»Es ist auch nicht leicht gewesen«, dachte er bei sich, als er zum Bahnhof fuhr, wo der Zug nach Berlin über Prag noch nicht zusammengestellt war, »meinen Herrn Sohn dazu zu bewegen, mir den Geschäftsführer zu machen. Es hat langes gutes Zureden, einen größeren Umbau der Villa und zwanzig Prozent der Geschäftsanteile gekostet. Aber ich wusste schon immer, warum ich ihn in der Firma haben wollte.«

Als Karl Anton Pick nun daran ging, seinen Traum zu erfüllen, rechnete er nicht damit, Thomas bald wiederzusehen. Dass er ihn jedoch nie wieder sehen würde, dachte er nicht. Als sich Vater und Sohn zuletzt sahen, hatte Thomas einen zweiwöchigen Urlaub angetreten, in welchem er sich mit seiner Freundin treffen und verloben wollte. Danach waren einige Tage Urlaub geplant, und in den insgesamt zwei Wochen seiner Abwesenheit wollte sich Thomas von seinem Vater vertreten lassen. Karl Anton Pick rechnete also damit, seine künftige Schwiegertochter erst zu sehen, wenn er von Prag zurück war, nach den zwei Urlaubswochen seines Sohnes. Am Bahnhof angekommen, rief er noch für letzte Direktiven in der Firma an; dann nahm er in bester Laune im mittlerweile bereitgestellten EC 172 Platz. In den nächsten Arbeitstagen würde in der Firma nichts anfallen, was seine Anwesenheit oder die von Thomas erfordern würde. Und ab Montag stand Thomas ja sowieso wieder zur Verfügung. Hätte er gewusst, dass Thomas zu diesem Zeitpunkt seinen Rausch der letzten Nacht ausschlief und nach der nachmittags stattfindenden Beerdigung seiner Doris einen weiteren Besäufnistag in Linz einschieben würde, um danach noch in den Nachtstunden in Wien zu sein, er hätte seine Pragreise verschoben. Und – vermutlich würde meine Geschichte, die ich hier erzählen möchte, einen anderen Verlauf genommen haben.

Tag 4 · Mittwoch, 9. Juli 2008 · 13 Uhr

Linz, St. Martin

Um 13 Uhr war die Beisetzung der Doris Filz auf dem Friedhof St. Martin in Linz angesetzt. Thomas Pick kam um etwa 12:50 Uhr zur Leichenhalle; er war fast der Letzte der Hinterbliebenen, welche dem Sarg nach priesterlicher Einsegnung zum Grab folgten. Die Eltern und ihre beiden Schwestern waren schon früher gekommen, auch die Gesangslehrerin von Doris Filz. Nur eine Freundin von ihr kam im letzten Moment, so dass doch noch pünktlich begonnen werden konnte.

Auf dem Weg zum Grab führten die Eltern den kurzen Trauerzug an, dahinter die Schwestern, gefolgt von Thomas Pick, und zuletzt die Freundin mit der Gesangslehrerin. Diese führten ein kurzes Gespräch darüber, was Thomas nun ohne Doris anfangen würde, während die anderen dem Sarg stumm folgten. Thomas brauchte seine Kraft, um Haltung zu wahren, was ihm auch gelang; steif, mit gemessenen Schritten folgte er dem Sarg.

Wie in der Halle sprach der Priester am Grab einige Worte, dann wurde der Sarg hinuntergelassen. Eltern und Schwestern warfen etwas Erde hinunter, stellen sich dann seitlich auf und nahmen von den anderen drei das ihnen ausgesprochene Beileid entgegen. Beim Verlassen des Friedhofes trennten sie sich; an eine gemeinsame Trauermahlzeit war nicht gedacht. Daher legte Thomas Pick, der schon immer in Frustsituationen essen und trinken musste, zunächst in einer Gaststätte eine passende Grundlage für das nächste Besäufnis. Aus seinem Hotelzimmer war er ja schon ausgecheckt, denn er hatte die Absicht, noch während der Nacht nach Wien zurückzufahren.

Tag 5 · Donnerstag, 10. Juli 2008 · 1:55 Uhr

Das Kennenlernen

Seit etwas mehr als sieben Jahren stand sie sechs Tage in der Woche beim Eingang der DAS-Rechtschutz-Ecke des Hauses Hernalser Gürtel 17. Sie hieß Vera Vollmer und war schon rund zehn Jahre in diesem Geschäft.

An jenem Juliabend schien aber absolut nichts los zu sein. Selbst die Nacht war angenehm warm, und so waren potentielle Freier irgendwo in einem Gastgarten, nicht aber hier unterwegs. Pünktlich um 20 Uhr hatte sie sich an ihren gewohnten Platz gestellt, und jetzt war es schon nach Mitternacht. Seit einigen Stunden stand sie da, war etwas auf und ab gegangen, aber die wenigen, die vorbeigekommen waren, hatten nicht zahlen wollen, oder sie hatte sie nicht angesprochen, weil sie an jenen Kunden erinnert wurde, der kürzlich mit ihr im Bett gewesen war. Nein! Als sie nun wieder an diesen Menschen dachte, noch dazu jetzt, wo sie nicht abgelenkt war durch einen Kunden, mit dem es Freude machte, ins Bett zu gehen, denn auch solche Kunden gab es, schüttelte es sie wie bei Schüttelfrost, und die ganze Frustration der letzten Jahre überkam sie. Sie wandte sich von der Straße ab und kramte in ihrer Handtasche nach einem Papiertaschentuch, da ihre Augen feucht wurden. Sie weinte, als die Szene nochmals vor ihrem inneren Auge ablief.

Sie lag nackt im Bett auf dem Rücken, hatte die Beine gespreizt. Auf ihr ein Mann, dem sie es absolut nur gegen Geld erlaubt hatte, Verkehr mit ihr zu haben. Das tat weh. Im erlernten Beruf, als Friseurin, war sie länger arbeitslos, als sie auf der Straße stand. Eduard Vollmer, ihr Vater, hatte damals diese Idee gehabt, und Vera konnte sich nicht erklären, warum sie vor etwa zehn Jahren in dieser Sache auf dieses wandelnde Schnapsfass hatte hören können. Und dieser Kunde, den sie vor zwei Tagen gehabt hatte … Das Beste an ihm war der verhältnismäßig hohe Betrag, den er bereit gewesen war zu bezahlen. Im Bett ein schwerer Versager. Er hatte herumgewerkt, als hätte er eine Gummipuppe zur Befriedigung seines Sexualtriebes mit ins Bett genommen anstelle einer Frau. Vera hatte nur einen Gedanken: Wann ist er fertig?!

Völlig in Gedanken an den Frust merkte sie nicht, dass sich auf ihrer Höhe ein Mercedes 190 SL Sportcoupé einbremste, kurz darauf stehen blieb. Es war ein Baujahr 1974, im Dezember vom Band gelaufen und seit Frühjahr 1975 im Besitz des Fahrers.

»Was willst du für die Nacht?«, fragte der Fahrer, dessen Auto noch eine der alten Nummerntafeln hatte, und zwar eine, die unschwer als vom Besitzer teuer bezahlt zu erkennen war, doch Vera sah das in diesem Moment nicht, als sie sich umdrehte und rasch die Augen zu trocknen suchte. Sie verstand die Frage nicht.

»Nacht? Das kannst du nicht bezahlen. 55 mit Zimmer, wenn es ernst gemeint war.«

»Es war ernst gemeint. Also, was ist das mit den 55?«

»Französisch oder bumsen; ich bleibe halb angezogen.«

»Verscheißern kannst du einen anderen. Du ziehst dich bei mir ganz aus oder lässt es ganz bleiben.«

»Das kostet 120 Euro.«

Sie wollte eigentlich nicht und begann, den Preis hinaufzusetzen. »Gut, 120 Euro. Und für wie lange? Für eine Stunde?«

Es tat ihr leid, keinen höheren Betrag genannt zu haben, und sie konterte rasch: »Für einmal abspritzen.«

»Du nimmst es vom Lebenden, aber gut, steig ein.«

»Ich soll zu dir mitfahren? Das ist nicht drin. Hier von mir aus, gleich da vorn in Richtung Ottakringerstraße; ich fahre nirgendwohin mit.«

»Du scheinst mich nicht verstanden zu haben. Ich habe von Anfang an von der ganzen Nacht geredet; nicht von einem Schnellbums in fünf Minuten. Fährst du nun mit, oder soll ich mir eine andere suchen?«

Der Unterton in seiner Stimme ließ Vera aufhorchen. Und da sie ja heute sowieso noch nichts verdient hatte, begann sie einzulenken: »Aber mein Auto steht da in der Nähe. Bringst du mich nachher wieder hierher?«

»Was meinst du? Dass ich dich für eine Stunde in den Neunzehnten mitnehme und dich dann wieder hierher bringe?«

»In den Neunzehnten?«

»Dort wohne ich.«

»Aber …«

»Was aber? Für das Diskutieren kriegst du gar nichts. Von mir aus setzt du dich in dein Auto und fährst mir nach. Dann kannst du von mir weg, wann du willst.«

»Und die Benzinkosten erstattest du mir.«

»Wenn du meinst«, dachte er und antwortete: »Wir werden sicher einig. Wie heißt du eigentlich?«

»Vera. Und du?«

»Thomas. Thomas Pick. Was ist? Fahren wir nun?«

»Warte hier. Ich stehe dort drüben. Fahr erst los, wenn du mich im Rückspiegel siehst. Ich fahre dann hinter dir her.«

»Ist gut.«

So war es auch. Vera Vollmer fuhr mit ihrem VW-Käfer, einem der letzten, die vor seiner Einstellung 1974 vom Band gekommen waren, und mit neuer Zulassungsnummer, hinter Thomas Pick her. Als sie bei dem Haus der Familie Pick ankamen, sah Vera Vollmer vor sich ein Grundstück von rund 450 Quadratmeter, von denen gut die Hälfte Garten zu sein schien. Das Tor der Einfahrt öffnete sich automatisch, und sie fuhren nacheinander auf die Garage zu. Hinter Vera schloss sich das Tor wieder, da niemand mehr durch Einfahren die Lichtschranke des Tores unterbrach. Beide parkten vor der Garage und stiegen aus.

Beim Anblick des Hauses, das sie hinter Thomas Pick betrat, vermutete Vera, dass sie die Finanzkraft dieses Mannes offenbar unterschätzt hatte. Hier sah es nach Geld aus nach viel Geld sogar, und sie begann, sich Thomas Pick näher anzusehen. Etwa so groß wie sie, schlank und dunkelhaarig. Breite Kotletten, ein Schnurrbart; er mochte sonst rasiert sein, aber augenblicklich waren die Stoppeln zu sehen, die seit der letzten Rasur nachgewachsen waren. Sie waren gerade um das Kinn herum nicht mehr so dunkel, gingen langsam in ein Dunkelgrau über. Nun, es war fast zwei Uhr morgens. Er gefiel ihr trotzdem. Wenn alle Kunden so wären, hätte sie an ihrer derzeitigen Arbeit fast soviel Freude wie als Friseurin. – Masken für Film und Fernsehen, am Theater … Leider hatte man sie nie dort genommen.

Thomas Pick riss sie aus ihren Träumen: »Hier ist das Badezimmer gleich neben der Toilette. Das Schlafzimmer gegenüber.«

Vera sah ins Schlafzimmer, in das Thomas ging. Er hängte sein Sakko auf einen Bügel, den er von einem Kleiderständer nahm, und hängte ihn wieder dort hin. Dann folgte, ebenfalls links von der Türe an dieser tragenden Wand ohne Fenster und Türen ein Doppelbett mit zwei Nachtkästchen. Es besaß eine eingebaute, indirekte Beleuchtung, die Thomas einschaltete und die Deckenbeleuchtung aus. Die beiden Wände des Eckzimmers, der Türe und dem Bett gegenüber, waren großteils aus Panzerglas und ließen trotz der beiderseitig aufgetragenen Schutzfolie gegen Glasbruch den Blick in den Garten frei. Es waren großzügig angelegte Fenster und eine Schiebetür aus Glas. Thomas öffnete diese einen Spalt. Blieb noch die Wand mit der Türe, durch die sie gekommen waren. Es war eine normal starke Trennwand innerhalb des Hauses mit einer Türe, neben der ein Einbauschrank für Wäsche und Kleidung Platz bot. Thomas wandte sich in den Raum und sah Vera an.

»Setz dich und trag mir den Schlaf nicht raus.« Auf ihren fragenden Blick hin fuhr er fort: »Stell dich nicht so an; am Bett ist genug Platz.«

Das Bett. Das war das Stichwort.

»Klären wir doch erst …« Weiter kam sie nicht, denn Thomas unterbrach sie.

»… das Geschäftliche. Ich weiß. Wann machst du gewöhnlich Schluss?«

»Um vier Uhr in der Früh.«

Thomas sah auf die Uhr. »Das sind noch knapp zwei Stunden; gerundet also immer noch 240. – Hier hast du.«

Er reichte ihr das Geld.

»Und die Benzinkosten für mein Herumfahren?«

»Die übernimmst du. Ich habe ja angeboten, dich mitzunehmen.«

»So haben wir nicht gewettet …«

»Wir haben überhaupt nicht gewettet. Ich finde, dein Stundensatz ist hoch genug. Fürstlich, möchte ich sagen, und auf jeden Fall zu hoch, wenn du dafür nur diskutieren willst.«

»Ich sage ja gar nichts mehr.«

Sie sah ein, dass er recht hatte. Er konnte ja auch nichts für ihre schlechte Tagesverfassung. Sie setzte sich. Ihr versöhnlicher Ton wirkte auch auf ihn beruhigend.

»Offenbar hatten wir beide heute nicht unseren besten Tag«, begann er das Gespräch, setzte sich neben sie und nahm ihre Hand, die sie ihm auf den näheren Oberschenkel gelegt hatte von dort weg.

»Ich will jetzt eigentlich keinen Sex, sondern nur jemand, der mir zuhört. Einen Menschen, der einfach da ist. Nichts weiter. – Trinkst du was? Ich brauche noch einen Schlummertrunk.«

»Danke. Ich trinke nichts Hartes.«

»Ich habe auch Süßes. Oder willst du alkoholfrei?«

»Likör muss nicht sein, obgleich es heißt: ›Wer Sorgen hat, hat auch Likör‹, aber gegen Bier und Wein habe ich nichts.«

Dass sie Wilhelm Busch zitierte, ließ ihn aufleben.

»Das ist doch ein Wort. Ich mache uns ein Fläschchen auf. Weiß oder Rot?«

»Ich trinke beide, aber bring vielleicht den Roten.«

»Gut, ein Fläschchen Rotwein.«

Wenig später kam Thomas mit zwei Gläsern und einer offenen Flasche Chianti zurück. Er schenkte ein.

»Du wolltest also jemand zum Zuhören. Das kann ich. Was willst du mir denn sagen?«

»Trink erst mal.«

»Also dann, Prost.«

Sie nahm eins der Gläser, Thomas das andere.

»Prost.«

Beide nahmen einen Schluck, und Thomas setzte sich wieder.

»Weißt du, das Leben muss weitergehen. Und es geht weiter.«

Er drehte wie abwesend das Glas in seinen Händen. Seine Augen schienen etwas ganz anderes zu sehen.

»Wie lange dauert eigentlich ein Menschenleben? Dreißig oder fünfunddreißig Jahre? Oder siebzig? Mehr als achtzig?«

In Gedanken nahm er den nächsten Schluck.

»Es weiß doch keiner von uns, ob er die Pension erlebt. Was die nächste Stunde bringt, geschweige denn der nächste Tag.«

Noch ein Schluck und das Glas war leer.

»Unfall – Tod – vorbei. Alles vorbei in einem Augenblick.«

Er schwieg und hing seinen Gedanken nach. Auch Vera schwieg. Dieser »Ausklang ihres Arbeitstages« hatte sie unvorbereitet getroffen. Aber er passte zum Ganzen, das vorher war. Diese Nacht hatte mit Frust begonnen und klang mit Frust aus. Nur diesmal war es nicht der ihre. Es war der Frust dieses Mannes, von dem sie hörte. Ihr Frust verblasste dagegen, und sie empfand ihn nicht mehr so schwer wie vor Stunden, bevor sie Thomas Pick kannte. Sie sah ihn an und beschloss, ihm das Glas nicht aus der Hand zu nehmen, sondern dort nachzufüllen, wo es war. Selbst das riss Thomas aus seinen Gedanken.

»Danke. Manches ist einfach nur im Suff zu ertragen.«

»Was?«

»Manches, was man so erlebt.«

»Ich dachte, du willst reden. – Soll ich mich ausziehen?«

»Spät, das heißt früh genug ist es ja. Du kannst hier ruhig schlafen und erst bei Tageslicht nach Hause fahren, wenn du willst.«

»Aber ich bin nicht deine Frau«, rutschte es Vera Vollmer heraus.

»Das …«

Sie biss sich auf die Zunge, als sie das Gesicht von Thomas sah.

»Entschuldige …«

»Ich weiß, ich kann die Nacht nicht zahlen. Ich will das auch gar nicht. Es war nur ein Angebot, außerhalb aller Geschäfte.«

Er setzte das volle Glas an den Mund und trank es in einem Zug leer.

»Du gestattest wohl – ich gehe jedenfalls ins Bett. Bleib oder geh; ich überlasse es dir.«

Er begann sich auszuziehen, nachdem er das Glas weggestellt hatte.

»Entschuldige«, wiederholte sie und sah ihm einige Sekunden lang zu.

»Ich wollte dir nicht wehtun.«

»Schon gut. Ich bin im Bad.«

Als er zurückkam, hatte sich Vera auch ausgezogen und stand im Slip und BH im Zimmer.

»Du weißt, wo das Bad ist?«

»Gegenüber, hast du gesagt.«

»Richtig. Du kannst das Gästehandtuch nehmen; es hängt links, und die grüne Zahnbürste.«

Vera wandte sich zum Gehen. Thomas gefiel, was er sah. Vielleicht …

»Gut siehst du aus.«

Sie drehte sich zu ihm.

»Danke.«

Für einen Moment blieb sie stehen und fragte sich, was wohl in den Gedanken jenes Mannes vor sich ging, den sie vom Alter her nicht schätzen konnte. Und Thomas Pick bemerkte es.

»Denk dir nichts dabei. Ich habe gestern meine Freundin in Linz begraben. Unfallopfer auf der Autobahn zwischen Linz und Wien. Ich stehe noch unter Schock.«

»Das tut mir leid. – Ich wusste nicht.«

»Natürlich wusstest du es nicht. Ich habe es dir ja erst gesagt. Wir wollten uns an dem Tag verloben, an dem sie verunglückte, gerade vor einer Woche, und uns um den nächsten Termin bemühen, der bei Standesamt und Kirche frei gewesen wäre, um zu heiraten. Woher solltest du das wissen?«

Tag 5 · Donnerstag, 10. Juli 2008 · 7:30 Uhr

Das Leben geht weiter

Der Wecker klingelte wenige Minuten vor 7:30 Uhr, und Thomas Pick tastete verschlafen aus dem Bett, um ihn zum Schweigen zu bringen. Nach dem fünften Mal, dass er läutete, gelang es Thomas, ihn abzustellen. Doch die Ruhe hielt nicht lange; das Läuten des Mobiltelefons, das er vor dem Schlafengehen vergessen hatte abzuschalten, riss ihn völlig aus dem Schlaf. Es war die automatische Weckfunktion. Auch Vera war aufgewacht. Er setzte sich im Bett auf, nahm das Handy vom Nachtkästchen. Er stand auf und hängte das Handy zum Aufladen des Akkus ans Netz.

»Aufstehen, Vera, in gut einer halben Stunde bin ich aus dem Haus.«

Vera gähnte ausgiebig und räkelte sich in dem fremden Bett. »So früh bin ich nie in den letzten Jahren aufgestanden.«

»Du hast die letzten Jahre auch nicht hier geschlafen.«

»Das ist wohl wahr.«

Vera brauchte noch einige Minuten, bis sie fähig war aufzustehen. Thomas ging und wollte in der Küche Kaffee aufsetzen, da läutete sein Handy.

»Pick. – Ja, was gibt’s, Paula? – Wie die Nacht war? Gut, danke der Nachfrage. Ich habe geschlafen wie ein Bär. – Doris? – (Vera machte Handzeichen, dass sie ins Bad wollte; er nickte ihr zu.) – Ich denke schon, dass es ihr auch gut geht. Sonst soweit alles in Ordnung? – Nein, du weißt, dass ich heute fast keine Zeit habe. – Ja, dann vertröstest du ihn halt. Ich fahre gleich nach dem Frühstück ins Burgenland zu deinem Bruderherz und dann weiter nach Ungarn. Bis ich zurück bin, ist es mitten in der Nacht. – Ja, tut mir leid, du kennst meinen Terminkalender. Ich will Geld verdienen, und du willst es rechtzeitig auf deinem Konto haben, da muss ich sehen, dass es reinkommt. – Nein, da kann ich beim besten Willen nichts machen. Der soll mir nicht die Zeit stehlen und über das Bezahlen reden, er soll es tun. Sag ihm einen schönen Gruß von mir; wenn er nicht innerhalb der gesetzten Frist unsere Rechnung beglichen hat, kommt der Techniker und nimmt unser Eigentum wieder mit. So einfach ist das. – Ja, ist gut. Ich melde mich von unterwegs. – Ja, Paula, warum soll ich lang um Dinge herumreden, die sowieso nicht veränderbar sind? Doris ist tot. Vorgestern war in Linz das Begräbnis, gestern bin ich im Vollrausch nach Wien zurückgefahren, und ab heute betäube ich mich mit Arbeit statt mit Alkohol. – Ja, was soll ich tun. – (Vera kam vom Bad zurück.) – Sieh mal, Paula, Faktum ist, wir leben, wir brauchen auch noch verschiedene Dinge, was für Doris nicht mehr zählt. Mach, was aktuell ansteht, mein Vater hat sicher seine Direktiven getroffen – siehst du. Für uns geht das Leben weiter. Wir sehen uns also spätestens, wie es sowieso ausgemacht war, am Samstagabend im Casablanca und feiern den Geburtstag deines Bruders.«

Er trennte die Verbindung und begann, nachdem er kurz im Bad war, die Uhr war inzwischen kräftig vorangerückt, sich anzuziehen.

»Tut mir leid, aber Frühstück ist nicht mehr, keine Zeit. Wenn du willst, ein andermal, wenn es besser passt.«

»Ja, warum eigentlich nicht? Sonntag würde sich von mir aus anbieten.«

»Sonntag, wann würdest du dann kommen wollen? Samstag bin ich ja bei der Geburtstagsfeier eines Freundes, wie du eben mitbekommen hast.«

»Und wenn ich um Mitternacht aufhöre und zu dir fahre? Wo ich hin muss, weiß ich ja jetzt. Da wäre ich etwa um 00:30 Uhr da.«

»Wunderbar, das geht sich bestens aus.«

»Nachdem es also besagte Doris nicht mehr gibt, die hier mit dir gewohnt hätte, wohnst du da also allein?«

»Nein, wir haben früher zu dritt da gelebt, ich bei den Eltern. Heute ist das Haus im Besitz meines Vaters, der noch hier wohnt. Meine Mutter ist seit längerer Zeit tot. Aber Vater stört uns sicher nicht. Jetzt ist er nicht hier, und Samstag, wenn du kommst, hat er sich schon zurückgezogen; er bewohnt die obere Etage mit dem Turm, das Erdgeschoß ist mein Reich.«

Er geleitete Vera Vollmer zur Tür.

»Darf ich bitten, ins Freie zu treten? Also bis Samstagnacht. Ich freue mich.«

Hinter beiden schloss er zu, beide gingen zum eigenen Auto und fuhren ihrer Wege.

Tag 6 · Freitag, 11. Juli 2008 · 00:05 Uhr

Fenstersturz 2

Die Angestellte des Würstelstands »Der Imbiss« beim Josef-Matthias-Hauer-Platz hatte die letzte Viertelstunde nichts mehr verkauft, sondern zusammengeräumt und alles geputzt, eben den Stand verlassen, ihn abgesperrt, als sie in der Nähe das Öffnen eines Fensters hörte. »Genau darum müssen wir schon um Mitternacht dichtmachen«, dachte sie verärgert, als sie auch schon den dumpfen Aufprall eines großen Gewichts hörte. Und das in unmittelbarer Nähe des Würstelstandes. Sie sah nach, denn es hatte schon anonym durchgeführte, wenn auch gescheiterte Vandalenanschläge gegeben. Doch es war keiner. Beim ersten flüchtigen Blick sah es aus, als hätte jemand seinen Teppich, den er nicht mehr wollte, zusammengerollt und dann einfach aus dem offenen Fenster geworfen. Der zweite Blick aber offenbarte, warum dieser Teppich gewichtsbedingt schneller gefallen war, als wenn es eben nur der Teppich allein gewesen wäre. Als die besagte Angestellte des Würstelstandes das erkannte, wurde ihr schlecht; doch nach ein paar Minuten hatte sie sich soweit gefangen, dass sie ihr privates Handy aus der Handtasche kramte und bei der Polizei anrief. Den bald darauf erschienenen Beamten der Wachstube Fuhrmanngasse war klar, dass sie nach Protokollieren der Aussage der Würstelstandangestellten nichts mehr mit der Sache zu tun hatten. Es war ein Fall für die Kriminalisten.

Tag 6 · Freitag, 11. Juli 2008 · 14:30 Uhr

Zugeritten

Viktor Fedorsov besaß unter anderem ein großes Anwesen einige Kilometer von Wien entfernt; abgesehen von einer Eigentumswohnung von gut hundert Quadratmeter in Wien und Besitzungen außerhalb Österreichs. Zu diesem Anwesen in Niederösterreich, seine zweite Frau war mit einem »Kunden« ja dort umgebracht worden, gehörte auch ein Stall mit vier Stuten und einem Hengst. Fedorsov hatte mit Igor Beria so etwas wie einen Verwalter ständig vor Ort, zusammen mit einem Stallburschen, Michail Galwanov, der auf die Pferde sah, sie versorgte und bewegte, wenn es nötig war. Da Fedorsov nicht immer dort war, musste er sich auf die beiden verlassen können. Verwalter und Stallbursche genossen auch mehr Vertrauen als andere von Seiten Fedorsovs, der zurzeit aber gerade anwesend war.

Viktor Fedorsov stand vor der Glasscheibe, die in der Wand zum Nebenraum eingelassen war und dort wie ein Spiegel aussah. Er sah Beria und Galwanov zu, die dort in seinem Auftrag eine junge Frau – ihre Augen waren verbunden, und an den Händen war sie gefesselt – für ihn »zurichteten«. Sie hatten sie in den Raum gestoßen, unterbanden durch Schlagen die Flucht, denn die Beine waren nicht zusammengebunden, und rissen ihr die Kleider vom Leib. Dann zogen sie sich zurück und Fedorsov kam in den Raum, um die Frau zu vergewaltigen. Beria und Galwanov wussten, dass sie nun für längere Zeit Freizeit hatten, denn in Stunden wie dieser war auch mit den Pferden nichts zu tun. Sie gingen und spielten Schach. Wenn Fedorsov von der Frau genug hatte, gab es immer ein rechtzeitiges Zeichen für die beiden, um die Frau in Empfang zu nehmen, selbst von ihr gegen ihren Willen befriedigt zu werden und sie dann in einem von Fedorsov betriebenen Bordell als »neue Mitarbeiterin« verschwinden zu lassen.

Dieses bekannte Zeichen kam mal früher, mal später; diesmal kam es nach gut fünfzig Minuten. Beria und Galwanov hatten die zweite Partie schon soweit gespielt, dass die nächsten Züge über Sieg und Niederlage entschieden. Sie unterbrachen, denn sie merkten sich, wer am Zug war. Darin waren sie in der Zwischenzeit so geübt, dass man von eingekehrter Routine sprechen konnte. Im »fliegenden Wechsel« übernahmen sie die Frau von ihrem Chef. Galwanov hatte sich das Hemd am Weg bereits ausgezogen, ließ aber die Hose, er trug gewöhnlich nur eine, zunächst noch an. Als Fedorsov von der Frau abließ, fasste Galwanov sie mit der Linken von rückwärts um den Leib, indem er sie auffing. Und während Viktor Fedorsov den Raum und das Haus, ja, das Grundstück verließ, begann sich Galwanov durch Beschäftigung mit den Brustwarzen, an denen er mit den Fingern der Rechten spielte, aufzugeilen. Beria hatte sich in der Zwischenzeit mit einigen geübten Handgriffen der Kleidung entledigt und die Frau an den schlanken langen Beinen nahe den Fesseln gepackt. Ein Blick zwischen den beiden Männern genügte, und die Frau lag wieder auf der Liege am Rücken. Ein Mann, der sich über ihr Gesicht beugte, der nun mit beiden Händen an beiden Brustwarzen »spielte«; je mehr seine Finger dies taten, umso mehr fühlte er, wie er erregt wurde und sein Penis steif. Der andere – es war Beria – spreizte ihr die Beine und holte sich seine Erregung, indem er die Vagina leckte, an den Schamlippen »knabberte« und zwischendurch testete, wie viele Finger in die Vagina passten. Das ging so eine ganze Weile, denn beide verstanden es, ihren Höhepunkt, ihren Orgasmus, sehr lange hinauszuzögern. Die Frau, die wie diese hier ihnen dabei ausgeliefert war, sah ihre Peiniger nicht, denn um die Augen befand sich eine Binde. Es blieb ihr – wenn auch nicht in jeder dieser qualvollen Minuten, die wie Stunden wirkten –, das, was sie fühlte, aus sich herauszuschreien. Es half nur nichts, denn diese Schreie wurden nur von den beiden Peinigern gehört, bei denen das Lustempfinden dadurch nur gesteigert wurde und die bei ihrem Tun somit noch mehr Freude und Geilheit empfanden. Wieder ein Blick zwischen den Männern, und sie drehten die Frau auf den Bauch. Sie aber gingen jeder ans andere Ende der Liege. Beria fasste mit der Rechten der Frau in ihre kurzen schwarzen Haare, riss so in einer raschen und schwungvollen Bewegung ihren Kopf und Oberkörper auf die Höhe seines Gliedes und stieß ihr dieses in den Mund, worauf sie nicht mehr schreien konnte. Unvermittelt wie es passierte, obgleich auch Fedorsov sie hatte lutschen lassen, erstickte sie fast an seinem Penis.

»Lutschen und lecken!«

Das war seine mit Nachdruck geäußerte Aufforderung. Galwanov rückte sich gleichzeitig ihr Becken zurecht und stieß ihr sein steifes Glied danach ins Arschloch, nicht in die Vagina. Auch diese Stellung ging über längere Zeit. Kurz vor dem Orgasmus wurde nochmals die Stellung gewechselt: Beria legte sich, die Frau wurde Angesicht zu Angesicht auf seinen steifen Penis gesetzt, der tief in ihre Vagina drang, und während er ihr so von unten einige kräftige Stöße gab, presste er sie gleichzeitig kräftig gegen seine Lenden. Bevor sich die Frau jedoch an den neuen Rhythmus gewöhnen konnte, zog sie Beria nach kurzem Zwischenspiel an den Brustwarzen an sich heran, und Galwanov, der zuletzt zusehend sich aufgegeilt hatte, stieß ihr abermals seinen Penis in das Arschloch. Eingekeilt zwischen beiden wurde sie nun einige Minuten lang in Vagina und Arschloch gleichzeitig gefickt. Beria hatte dabei darauf geachtet, in jeder Hand einen Busen zu fassen zu bekommen, was ihm auch gelang. Die hockende Stellung von Galwanov war hier förderlicher als hinderlich. Daher massierte er ihre Busen nun gründlich durch, wobei er gelegentlich die Brustwarzen auch einzeln zu fassen bekam und damit »spielte«. Eingespielt wie er mit Galwanov im Vergewaltigen von Frauen war, stießen beide erst getrennt zu, dann gemeinsam, und wieder getrennt. Die Hilfeschreie der Frau, in die sich aus der Situation heraus Lustschreie und Schmerzensschreie mischten, wurden, je länger sie vergewaltigt wurde, immer leiser. Denn während der Druck eines Vergewaltigers dem von zwei Vergewaltigern gewichen war, also erhöht wurde, musste sie allein diesem steigenden Druck standhalten. Und während sich Beria und Galwanov noch einige Minuten beherrschen konnten, den Orgasmus zu vermeiden, war sie, die knappe Stunde mit Fedorsov mitgerechnet, mehrere Male »gekommen«. Doch das interessierte hier niemand. Sie war hier und jetzt dazu da, männliches Lustempfinden zu befriedigen, nicht das ihre. Darauf wurde sie vorbereitet, darum ging es. Dass man sie willig und hörig machte, gefügig den ausgefallensten Männerphantasien in Sachen Sex. Eine starke und selbstbewusste Frau konnte man da nicht brauchen. Daher war diese Art der Vergewaltigung auch gedacht, die Persönlichkeit der einzelnen Frauen zu brechen. Und bei den meisten gelang das auch. Erst als beiden Männern klar war, jetzt würde der Orgasmus sich auf keinerlei Weise aufhalten lassen, sagte Beria in seinem unnachahmlichen Befehlston, während jeder seinen Penis aus der Frau zog und man sie auf der Liege in Position brachte: »Mund auf und schlucken!«