Verlag: Emons Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Schatten über Bozen - Burkhard Rüth

Commissario Bellinis schlimmster Alptraum, 'Das Monster von Bozen', ist aus der Psychiatrie ausgebrochen. Während Bellini ihn jagt, geschehen Verbrechen, die fatal an die des berüchtigten Guido Zingerle erinnern, der Südtirol in den fünfziger Jahren in Angst und Schrecken versetzte. Handelt es sich um einen Nachahmungstäter? Steckt 'Das Monster von Bozen' dahinter? Oder ist Zingerle tatsächlich wiederauferstanden, um sein Werk zu vollenden?

Meinungen über das E-Book Schatten über Bozen - Burkhard Rüth

E-Book-Leseprobe Schatten über Bozen - Burkhard Rüth

Burkhard Rüth, Jahrgang 1965, ist Unternehmensberater und betriebswirtschaftlicher Fachautor und lebt in Kiel. Im Spannungsfeld zwischen der norddeutschen Ebene und dem Südtiroler Hochgebirge fühlt er sich beiden Regionen eng verbunden und hat ihnen deshalb jeweils eine Krimireihe gewidmet.www.burkhard-rueth-krimis.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2015 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: photocase.com/caph Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Julia Seuser eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-825-0 Originalausgabe

Und wenn tausend Jahre vollendet sind, wird der Satanas los werden aus seinem Gefängnis…

Offenbarung, Kapitel 20, Vers 7

1

Innsbruck, Winter 1949

Sie fühlte sich einsam und verlassen. Seit jenem schrecklichen Ereignis im April ’48 hatte sich ihr Leben grundlegend verändert. Bis zu diesem Zeitpunkt war sie eine normale junge Frau gewesen. Soweit Normalität überhaupt möglich war, wenn man in den Wirren und Grausamkeiten des Krieges groß geworden war und all die Entbehrungen auf sich nehmen musste, die die schwere Zeit danach mit sich brachte. Nordtirol stand unter französischer Besatzung, ebenso wie Vorarlberg. Österreich musste für die Kosten der Besatzungsmächte aufkommen, die sich aus den Truppen der Siegermächte Frankreich, Großbritannien, USA und Sowjetunion zusammensetzten. Während die Menschen die Rote Armee in Wien fürchteten, die nicht vor Übergriffen auf Zivilisten und willkürlichen Verschleppungen in die Sowjetunion zurückschreckte, behandelten die französischen Besatzer die Zivilbevölkerung in Tirol sehr human. Das Hauptproblem war wirtschaftlicher Natur. Wie viele andere Familien auch konnten sie, ihre Mutter und ihre Geschwister nur überleben, indem sie sich mitunter auf dem Schwarzmarkt bedienten. Ihr Vater war im Krieg gefallen. Und die Franzosen konnten die Bevölkerung, anders als die Amerikaner in Oberösterreich, Salzburg und dem Salzkammergut, materiell kaum unterstützen. Auch die Bombenangriffe hatten ihre Spuren hinterlassen. Es gab kaum Baumaterial für den Wiederaufbau, der angesichts dieses Mangels sogar noch bemerkenswert gut vorankam. Sie und ihre Familie lebten vom Tauschhandel; Holz für den Ofen sammelten sie im Wald, am Waldrand ihres Ortes pflanzten sie Kartoffeln und Gemüse an.

Meistens war sie diejenige, die in die Wälder ging, um Holz und vielleicht auch ein paar Pilze oder Beeren zu suchen. Manchmal kam ihre Freundin mit, die, gerade erst sechzehn, eine Liaison mit einem französischen Soldaten eingegangen war. Sie war ihre einzige Freundin, die anderen waren nach dem Krieg zu Gastfamilien in die Schweiz gekommen und bislang nicht zurückgekehrt.

Immer wieder blickte sie sich ängstlich um. Niemand durfte sie dabei beobachten. Hoffentlich fing das Kind nicht an zu schreien, das sie in einem Tragetuch unter ihrem Mantel verbarg, um es vor der Kälte und dem schneidenden Wind zu schützen. Sie wiegte es in seinem Tuch und summte leise Lieder. Obwohl dieses Kind das Ergebnis der schlimmsten Erfahrung ihres noch so jungen Lebens war, schlimmer als der verheerende Luftangriff der Alliierten im Dezember ’43, empfand sie Liebe für das kleine, unschuldige Etwas. Wenn ein anderer der Vater wäre, hätte sie wahrscheinlich mit ihrer Mutter darüber gesprochen. Über die Möglichkeit, das Kind trotz der schwierigen wirtschaftlichen Situation in der Geborgenheit der Familie großzuziehen. Doch das war undenkbar. Wenn die Wahrheit ans Tageslicht käme, wäre das nicht mehr nur eine Schande für sie, sondern für die ganze Familie. Das musste sie mit allen Mitteln verhindern, sie musste allein mit der Schmach, der Erniedrigung und der nie mehr weichenden Angst leben. Sie musste das nicht für sich machen, sondern für ihre Familie.

Sie ging schneller. Es war viel zu kalt für das Kind. Es war einer der kältesten Jänner seit vielen Jahren. Es waren bald zwanzig Grad unter null. Der Wind blies kräftig aus Osten und wirbelte den Schnee wie Schleier durch die menschenleeren Straßen der Stadt. Längst hatte die Dunkelheit der Nacht die Dunkelheit des verschneiten Tages abgelöst. Ihrer Mutter hatte sie gesagt, dass sie am Waldrand einen großen Holzstapel entdeckt habe und wegen der bitteren Kälte noch rasch versuchen wolle, etwas von dem Holz zu bekommen, bevor sie endgültig einschneiten. Das war natürlich gelogen. Es gab keinen Holzstapel. Und sie würde weder Holz noch sonst etwas Brauchbares mit nach Hause bringen. Doch das spielte in diesem Augenblick keine Rolle. Es war wichtig, ungesehen in die Kirche zu kommen, die von den zweiundzwanzig Luftangriffen der Alliierten weitgehend verschont geblieben war.

Eine kräftige Böe trieb ihr eisige Schneekristalle wie Nadelstiche ins Gesicht. Instinktiv wollte sie die Hände schützend vor ihr Gesicht halten. Ihre Hände hatten schon gezuckt, als sie gewahr wurde, dass sie ihr Kind unter dem Mantel trug. Wäre ihre Freundin nicht gewesen, hätte sie weder das schreckliche Ereignis noch die lange Zeit bis zur Geburt überstanden. Die Schwangerschaft hatte sie mühelos vor ihrer Familie verbergen können. Sie trug weite Kleider. Davon abgesehen, hatten sie ohnehin ganz andere Sorgen. Vor der Geburt jedoch hatte sie panische Angst gehabt. Sie konnte ja nicht ins Spital gehen, dann wäre alles aufgeflogen. Deshalb hatte sie sich von Anfang an nur ihrer Freundin anvertraut, die als Einzige bei der von unvorstellbaren Schmerzen begleiteten Geburt dabei gewesen war. Sie hatte ihrer Freundin eingetrichtert, was sie mit dem Kind tun musste, falls sie bei der Geburt starb. Ohne Arzt, ohne Hebamme, ohne medizinische Mindestversorgung. Doch die Freundin hatte sich als ein Fels in der Brandung erwiesen. Mit ruhiger Hand und besänftigenden Worten hatte sie dafür gesorgt, dass das Kind zur Welt kam. Das Kind, das die ersten Tage bei der Freundin gewesen war und nun unter ihrem Mantel in ihren Armen lag. Das Kind, das bald nur noch eine Erinnerung, der Schatten einer grauenvollen Vergangenheit sein würde. Aber ihr Kind, ihr Fleisch und Blut.

In der Dunkelheit tauchte die Hofkirche vor ihr auf. Schneeberge türmten sich vor ihrem Eingang. Sie blickte sich noch einmal um. Nur eine Spur führte durch den Schnee. Ihre. Wind und Schneeflocken waren eifrig dabei, dieses Zeugnis ihrer Anwesenheit und ihrer Tat zu verdecken. Sie schritt auf das große Portal zu, öffnete es rasch, trat ein. Nur wenige Kerzen erhellten das Innere der Kirche. Sie wusste, dass der Pfarrer heute Abend noch kommen und alle Kerzen löschen würde. Sie ging langsam und voller Ehrfurcht an den riesigen Bronzefiguren vorbei, den Schwarzen Mandern, die die Verwandtschaft des bedeutenden Tiroler Herrschers Kaiser Maximilian I. darstellten und das Hochgrab des Kaisers flankierten. Auch der große Freiheitskämpfer Andreas Hofer war hier begraben. Sein Grabmal befand sich im linken Seitenschiff der Kirche.

Als sie durch die letzten Sitzreihen ging und sich dem Altarbereich näherte, nahm sie ihr Kind unter dem Mantel hervor. Liebevoll betrachtete sie sein kleines, unschuldiges Gesicht. Wenn du wüsstest, dachte sie bei sich. Wenn du wüsstest… Sie stieg die beiden Stufen zum Altar hinauf. Lange stand sie vor dem Tisch des Herrn, unfähig, das zu tun, was sie tun musste. Es war, als würde ihr jemand das Herz bei lebendigem Leibe herausreißen. Obwohl sie es nicht beabsichtigt hatte, entfuhr ihr ein lautes, klagendes Stöhnen. Erschrocken blickte sie sich um. Als ob sie hier und jetzt jemand hören könnte. Wie sicher war sie sich anfangs gewesen, dass sie dieses Kind unter gar keinen Umständen jemals behalten durfte. Doch mit jedem Monat, den ihr Baby in ihrem Leib heranreifte, spürte sie ein immer größeres Verlangen, gegen alle Vernunft zu handeln und das Baby zu behalten. Immer wieder redete ihre Freundin auf sie ein, machte ihr klar, dass damit ein riesiger Skandal verbunden wäre, weil ihr niemand glauben würde. So lange wirkte sie auf sie ein, dass sie nun mit ihrem Kind im Arm vor diesem Altar stand.

Sie schloss die Augen, holte tief Luft. Dann endlich tat sie es. Sie legte das Baby, das nicht schrie, sondern sie aus wachsamen Augen ansah, weithin sichtbar auf den Altar. Sie deckte es zu, damit es nicht fror. Es würde eine halbe, höchstens eine Stunde dauern, bis der Pfarrer kam. Als sie erst jetzt, nachdem ihr Kind nicht mehr in ihren Armen lag, spürte, wie kalt die Luft auch hier im Inneren des Gotteshauses war, zog sie ihren Mantel aus und bedeckte damit das frierende Kind, das anfing zu schreien, nachdem seine Mutter es aus ihren Armen genommen hatte. Wie nun das Baby dort vor ihr lag und ihr die Tragweite und Endgültigkeit ihrer Entscheidung mit brutaler Gewalt bewusst wurde, begann sie zu weinen. Ein langes, flehendes Weinen. Nur zwei Menschen auf der ganzen Welt wussten, warum. Sie und ihre Freundin.

Sie legte dem Kind ein letztes Mal die Hand auf das zarte Gesicht und streichelte es. Sogleich hörte es auf zu schreien und gluckste vor Vergnügen. Sie gab ihrem Baby einen Kuss auf die Stirn. Dann drehte sie sich um und ging schnellen Schrittes zum Ausgang, in ihren Ohren das rasch lauter werdende Heulen des Kindes nach seiner Mutter. Für immer fraßen sich die herzzerreißenden Schreie in ihre Eingeweide, wie ein ewiges Zeugnis ihrer Verkommenheit. Sie riss die Tür auf und rannte nach draußen auf die Straße, hinein in die Dunkelheit und die Kälte des Winters, zurück zur armseligen Bleibe ihrer Familie. Sie sah nichts, hörte nichts, spürte weder Schnee noch Kälte, obwohl sie unter ihrem Mantel nur das Kleid getragen hatte. Als sie zu Hause ankam, stürmte sie hinein, bat ihre Mutter, sie eine Weile nicht anzusprechen, und verschwand weinend in der winzigen, eisigen Kammer. Ein Teil von ihr war heute gestorben. Sie betete zu Gott, dass es dem Kind gut gehen möge. Dass der Pfarrer jemanden finden würde, der die Mittel und die Wärme hatte, es aufzuziehen. Sie betete, dass es nicht die schlechten Gene seines Vaters geerbt haben möge. »Herr«, rief sie leise mit Blick aus dem kleinen Fenster auf die schneebedeckte Landschaft, »gib ihm eine Zukunft. Gib ihm die Chance, dass sein Leben besser wird als meines. Und besser als das seines Vaters!«

2

Innsbruck, 1.Juli 1950

Die dreiundvierzigjährige Bildhauerin aus England hatte sich am Vortag mit ihrer Mutter im Berghotel Patscherkofel in Innsbruck einquartiert. Sie waren für einen Bergurlaub von Oxford über Paris und die Schweiz mit dem Arlberg-Express gekommen. Es war ihre erste Reise nach Österreich und für die junge Engländerin zugleich ihre letzte.

Schon morgens um neun war sie zu ihrer ersten kurzen Wanderung aufgebrochen, trotz der großen Hitze, die zu dieser Zeit herrschte. Zwischen Ende Juni und Anfang Juli stiegen die Temperaturen in diesem Jahr täglich auf fünfunddreißig Grad und mehr. Es war windstill und schwül, selbst in den Bergen unerträglich. Bereits ab dem frühen Nachmittag entluden sich Hitzegewitter. Dennoch entschied sie sich, nach dem Gewitter gegen sechzehn Uhr zu einer weiteren, längeren Wanderung aufzubrechen. Angesichts der Hitze und der Gewittergefahr begegneten ihr nicht viele Menschen auf ihrem Weg zur zweitausendsechshundert Meter hoch gelegenen Glungezerhütte in den Tuxer Alpen, die sie jedoch nicht erreichen sollte. Denn einen Menschen traf sie, dem sie niemals hätte begegnen dürfen.

Sie wanderte durch den lichter werdenden Wald bergan. Durch den starken Gewitterregen war der Weg schmierig. Immer wieder rutschte sie aus, fluchte, weil sie nicht ihre richtigen Bergstiefel angezogen hatte, sondern die Straßenschuhe, die am besten zu ihrem roten Rock, dem blauen Hemd und der blauen Windjacke passten. Auf dem Kopf trug sie gegen die stechende Sommersonne einen grauen Filzhut. In ihrer Handtasche hatte sie etwas Geld, ein paar englische Pfund, zweitausend französische Francs und dreihundert Schilling, die sie noch in Bludenz eingewechselt hatte. In der festen Überzeugung, dass es an diesem Tag kein weiteres Gewitter mehr geben würde, hatte sie auf einen Regenschutz verzichtet. Doch sie war noch keine Stunde unterwegs, als sie hinter sich ein dumpfes, lang anhaltendes Grollen vernahm. Über ihr schien die Sonne noch von einem wolkenlosen Sommerhimmel. Auch Glungezer, Kreuzspitze und Rosenjoch im Süden waren noch wolkenfrei. Sie blieb stehen, schloss die Augen und lauschte konzentriert in den Wald hinter sich. Was sollte sie tun, wenn tatsächlich ein weiteres Gewitter aufzog, allein und ohne Regenschutz im Gebirge? Umkehren und hoffen, es noch rechtzeitig ins rettende Tal zu schaffen? Oder schnellen Schrittes weitergehen und darauf vertrauen, die nahe Alm zu erreichen?

Sie spürte, wie ihr der Schweiß von der Stirn ins Gesicht lief, obwohl sie nicht schnell gegangen und jetzt sogar stehen geblieben war. Die Luft war so schwül und stickig. Wie in einem Treibhaus, dachte sie. Aber es war still, totenstill. Vielleicht hatte sie sich geirrt, und das Wetter hielt doch. Gerade als sie im Begriff war, wieder aufzubrechen, ertönte erneut dieses unheilvolle Grollen, tief, anhaltend, bedrohlich. Und diesmal war es lauter, näher als zuvor. Nachdem der Donner verhallt war, vernahm sie aus dem Wald hinter sich ein leises Rauschen, das rasch wie eine Welle näher kam und in Sekundenschnelle auch das Laub über ihr erfasst hatte. Ein Windzug war aufgekommen aus der Richtung, aus der auch der Donner zu hören gewesen war. Sie wusste, was das bedeutete. Hinter ihr im Westen, für sie nicht zu erkennen, weil sie in einem dichten Bergwald war, hatte sich ein zweites Gewitter formiert, das den Wind als Vorboten vorausschickte.

Warum war sie nur so leichtsinnig gewesen, weder die richtigen Schuhe noch Regenzeug mitzunehmen? Wenn das Gewitter sie mit voller Wucht traf, wäre sie binnen weniger Minuten völlig durchnässt. Umkehren oder weiterlaufen? Wenn sie rechtzeitig ins Tal käme, wäre sie gerettet. Wenn schon nicht das Hotel, so würde sie dennoch eine der zahlreichen Gastwirtschaften erreichen, wo sie das Gewitter in Ruhe abwarten könnte. Aber der Weg war weit, und sie lief dem Gewitter genau entgegen. Bis zur Alm waren es höchstens dreißig Minuten– wenn sie rannte, vielleicht nur zwanzig. Auch dort konnte sie den Regen abwarten, und wenn er zu lange andauerte und sie im Hellen nicht mehr ins Tal käme, würde man sie dort sicherlich auch übernachten lassen. Ihre Mutter würde vor Sorge vergehen, schlimmstenfalls sogar die Polizei oder die Bergwacht verständigen, aber sie hatte keine andere Wahl. Sie legte ihre Handtasche um ihren Hals, um beide Hände frei zu haben, und lief in Richtung Alm. Ein-, zweihundert Meter rannte sie, dann ging sie zügigen Schrittes, um wieder zu Atem zu kommen, dann rannte sie wieder ein Stück. Der Weg stieg gleichmäßig und ohne große Biegungen bergan. Mit jedem Donner, der sich rasch näherte, wurde sie nervöser und rannte noch schneller. Als der erste Blitz zuckte, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knall, erfasste sie ein Anflug von Panik. Gewitter in den Bergen waren viel unberechenbarer und schwerer als in ihrer hügeligen Heimat. Den Blick nur noch starr auf den Erdboden vor sich gerichtet, um nicht über einen Stein oder einen Ast zu stolpern, sprintete sie los. Ihr Atem ging so schwer und laut, dass sie ihn selbst bei den Donnerschlägen noch hörte. Sie bemerkte nicht, dass keine fünfzig Meter vor ihr ein Mann aus dem Schatten einer großen Tanne trat.

* * *

Seinen Vater hatte er nie kennengelernt. Seine Mutter hatte ihn, wie so viele andere Eltern in dieser schweren Zeit auch, zur Adoption freigegeben. Schon als Kind musste er hart auf dem Hof seiner Adoptiveltern schuften, belohnt wurde er zumeist in Form von Schlägen. Für ihn war klar, dass das einer der Gründe war, warum ein Monster aus ihm geworden war. Seine Adoptiveltern hatten seine unheilvollen Eigenschaften nicht aus ihm herausgeprügelt, sondern in ihn hinein. Aber er wusste auch, dass ihm sein schlechter, bösartiger Charakter bereits in die Wiege gelegt worden war. Beides zusammen, Veranlagung und Schläge, waren eine explosive Mischung. Und die zeigte schon früh Wirkung. Er war zwar als Kind eher klein und schmächtig gewesen, hatte sich aber gezielt die Kinder in seiner Schule ausgesucht, die noch schwächer waren als er. Sie konnte er nach Belieben ärgern und quälen. Das machte ihm Spaß. In Anspielung auf den Hof seiner Adoptiveltern, den Lucknerhof, wurde er im ganzen Dorf bald nur noch »der Luckteufel« genannt.

Und der Luckteufel entwickelte eine verhängnisvolle Triebhaftigkeit. Zwar heiratete er, aber das reichte nicht aus, um seine sexuellen Triebe zu befriedigen, zumal sein Weib frigide war. Leider hatte eines der wenigen Male, in denen sie Verkehr hatten, ausgereicht, um eine Tochter zu zeugen. Sodann war er gezwungen gewesen, Verantwortung zu übernehmen und sie zu heiraten. Immerhin war sie eine ausgezeichnete Haushälterin, und reden konnte er auch gut mit ihr. Nur Sex hatten sie nicht. Sie waren Freunde. Er sah es deshalb als sein gutes Recht an, sich diese Befriedigung anderweitig zu besorgen.

Zunächst begnügte er sich mit diesem und jenem Verhältnis, so wie er eine Frau eben durch Zufall kennenlernte. Aber irgendwann, er konnte selbst nicht sagen, warum, denn ein besonderes, einschneidendes Ereignis hatte es nicht gegeben, fing er an, Frauen gegenüber gewalttätig zu werden. Er nutzte seine Karriere als Schmuggler in den Bergen, um sich an den Frauen zu vergehen, die ihm dort begegneten. Es war ihm im Grunde egal, wie sie aussahen oder wie alt sie waren, er wollte sich nur abreagieren. Wenn die Frau mitmachte, ihm das Gefühl vermittelte, dass es auch ihr Spaß bereitete, kam sie heil aus der Sache heraus. Wenn nicht, hatte sie Pech. Weil ihn eines dieser hinterhältigen Weibsbilder angezeigt hatte, hatte er sogar eine Weile im Gefängnis gesessen. So etwas würde ihm nie wieder passieren.

Heute war wieder einer dieser Tage, an denen er ganz besonders erregt war. Schon als er morgens aufgewacht war, wurde er von seinen Phantasien gequält. An heißen Tagen war es immer besonders schlimm. Die Hitze setzte ihm zwar zu, aber das änderte nichts an seiner Lust. Dann musste er unbedingt eine Frau haben. Irgendeine, die sich wie er nicht von Hitze und Gewittern aufhalten ließ. Schon um vier Uhr in der Früh war er aufgebrochen, hatte Lebensmittel, Bier und Schnaps in seinen Rucksack gepackt. Sein Weg führte ihn zu seiner Höhle, die er liebevoll eingerichtet hatte. Sie war sein Rückzugsort, sein Refugium. Und der Ort, an dem er heute mit Glück eine Frau haben würde. Er hatte viele Höhlen in den Bergen angelegt, in Österreich ebenso wie in Südtirol, als Verstecke, aber auch, um es dort mit den Frauen zu treiben. Wenn sie sich wehrten, konnten sie von dort kaum fliehen. Außerdem regte ihn diese Umgebung zusätzlich an. Manchmal hielt er eine Frau tagelang dort fest und befriedigte sich zigfach an ihr. Es dauerte lange, bis er seine Lust, seine unbändigen Triebe einigermaßen abreagiert hatte. Er kam nicht dagegen an, es war stärker als er. Und er wollte nicht einfach nur Geschlechtsverkehr, er wollte die Frauen auch mit seinen Händen und der Zunge befriedigen. Das setzte jedoch voraus, dass das Frauenzimmer wenigstens ein bisschen mitmachte.

Das erste Gewitter hatte er in seiner Höhle abgewartet. Danach hatte er sich ein wenig in die Sonne gelegt und war dabei eingenickt. Er hatte während des Sturms schon ein paar Bier und Schnaps getrunken, sodass er müde geworden war. Aber gegen vier Uhr am Nachmittag war er wieder im Vollbesitz seiner Kräfte. Er ließ den Rucksack in der Höhle und ging langsam talwärts in Richtung des Berghotels Patscherkofel, denn seine Höhle war keine Stunde Fußmarsch von dem Hotel entfernt. Zuerst hatte er überlegt, bergauf zu gehen, wo es kühler war, aber er kannte sich gut genug in den Bergen aus, um zu wissen, dass es heute nicht bei diesem einen Gewitter bleiben würde. Der Sonnenschein war trügerisch.

Vor ihm tauchte der Tannenwald auf. Die Vegetation war in dieser Höhe eher karg, es gab überwiegend kleinere Föhren, Zirben und Alpenrosen, aber immerhin auch diesen Wald. Er malte sich aus, dass ihm bald eine Frau entgegenkäme, auch wenn er inzwischen befürchtete, dass er heute Pech haben würde. Es war wohl doch zu heiß und die Gewittergefahr zu groß. Außer einem Ehepaar war ihm den ganzen Tag niemand begegnet. Aber wenn doch eine käme, war sie wegen der Hitze bestimmt nur spärlich bekleidet. Allein dieser Gedanke machte ihn augenblicklich geil. Sie würden aufeinander zugehen, er würde ein Gespräch mit ihr anfangen und ihr schon bald sagen, dass er Lust auf sie habe. Ganz direkt, so wie immer. Er würde sie an sich ziehen, ihr einfach unter den Rock greifen, und wenn sie seine Erregung spürte, würde sie bestimmt auch Lust auf ihn bekommen. Wobei er sich eingestehen musste, dass ihm heute ein kleines bisschen Widerstand gar nicht so unrecht wäre. Im Gegenteil, der Gedanke beflügelte seinen Trieb. Er würde sie packen und in seine Höhle zerren. Seiner Frau hatte er gesagt, dass er vielleicht über Nacht fortbleiben werde. Zeit genug, um seine ganze Lust an dem Weib auszuleben. Wenn ihm denn eines begegnete.

Er hatte die Hoffnung schon längst aufgegeben. Doch plötzlich, er traute seinen Augen kaum, tauchte weit vor ihm im Wald eine Gestalt auf. Rasch verbarg er sich hinter einer Tanne. Noch konnte er nicht erkennen, ob es sich tatsächlich um eine Frau handelte und ob sie allein war. Die Gestalt näherte sich rasch, sie ging sehr schnell. Sicherlich hatte sie Angst vor dem aufziehenden Gewitter und hoffte, auf der Alm noch rechtzeitig Schutz zu finden. Nein, dachte er bei sich, du brauchst keine Alm, du brauchst eine Höhle. Und dann konnte er sie klar und deutlich erkennen. War das denn zu fassen? Tatsächlich, eine Frau, ganz allein. Das Schicksal meinte es gut mit ihm. Zumal ihm dieses Weib auch noch richtig gut gefiel. Sie musste ungefähr so alt sein wie er, war groß und schlank, hatte braunes, schon leicht meliertes Haar. Ein Weib ganz nach seinem Geschmack. Er war gespannt, ob er ihr auch gefallen würde. Während er sich hinter den Baum kauerte, spürte er deutlich eine Erektion. Auch die Art, wie sie ging und sich bewegte, erregte ihn. Noch ungefähr fünfzig Meter. Das war der richtige Moment. Er trat aus dem Schatten des Baumes hervor.

3

Sand in Taufers, September 2009

»Und, nehmen Sie dieses Jahr auch wieder an der Vierundzwanzig-Stunden-Wanderung mit Hans Valentin teil, werter Herr Graf? Ich für meinen Teil fühle mich zwar inzwischen ein bisschen zu alt dafür, aber wie sagt man doch so treffend: Adel verpflichtet.«

»Mich persönlich interessiert es, ehrlich gesagt, nicht besonders, was mich nur wegen meines Titels zu was auch immer verpflichtet. Mir machen diese Wanderungen jedes Mal Spaß, Valentin ist ein toller Bergführer, und solange meine Gesundheit das zulässt, sind Florian und ich dabei.« Graf Heinrich Alexander Philipp von Adelsburg nippte gedankenverloren an seinem Champagner, der ihm eigentlich viel zu trocken war. Er mochte diese Anlässe nicht sonderlich. Bedeutungslose, oberflächliche Gespräche tarnten sich im Gewand sprachlicher Brillanz, die aber meist nichts anderes war als eine Aneinanderreihung leerer Worthülsen. Einige waren heuer dabei, die sich trotz ihrer Herkunft eine gewisse Natürlichkeit bewahrt hatten. Baron De Franceschi etwa und seine reizende Gattin, die sich selbst im fortgeschrittenen Alter von siebzig Jahren ihre flippigen Auftritte nicht verkneifen konnte. Heute trug sie ein knallgelbes Kleid und einen orangen Hut. Von Adelsburg war sich sicher, dass der Champagner auch nicht ihr erster war. Und ihr Mann turtelte mit ihr herum, als seien sie frisch verliebt. Ja, es gab auch ein paar rühmliche Ausnahmen. Aber die meisten dieser Gesellschaft langweilten ihn zu Tode. So wie Graf Nussbaumer, der davon überzeugt zu sein schien, dass sein Adelstitel ihn dazu verpflichtete, an irgendeiner Bergwanderung teilzunehmen. Was für eine absurde Vorstellung!

»Ich verstehe, ehrlich gesagt, nicht«, merkte Nussbaumer etwas pikiert an, »wie Sie so gleichgültig sein können. Valentin ist ein Südtiroler Urgestein. An seiner legendären Vierundzwanzig-Stunden-Wanderung teilzunehmen ist ein klares Bekenntnis zu Südtirol. Und das tut unserem Image gerade in der heutigen Zeit gut.«

Von Adelsburg sah seinen Gesprächspartner argwöhnisch an. »Sie glauben wirklich, wandern zu gehen sei ein Bekenntnis zu Südtirol? Darf ich Ihnen meine ehrliche Meinung dazu sagen, Graf Nussbaumer? Ich denke, diejenigen von uns, die, so wie Sie und ich, eine Burg oder ein Schloss im Familienbesitz halten, sollten alles daransetzen, diese historische Bausubstanz zu erhalten und sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ist ein klares Bekenntnis zu Südtirol.«

Nussbaumer verdrehte die Augen. »So kann auch nur jemand daherreden, der zu den Marktführern im Bereich Medizintechnik zählt und unter den Top Ten der Südtiroler Wirtschaft rangiert. Für Sie ist der Erhalt Ihrer Schlossanlage eine überschaubare Investition. Aber nicht alle sind so gut situiert wie Sie. Ich bin schon froh, dass ich zumindest den kleineren östlichen Schlossflügel erhalten kann, um ihn als halbwegs adäquaten Wohnraum für meine Familie zu nutzen. Das sind nicht einmal zweihundert Quadratmeter mit nur einem richtigen Bad, und wie Sie wissen, ist meine Familie nicht gerade klein. Bei Ihnen ist allein der Speisesaal so groß!«

Damit lag Nussbaumer allerdings gar nicht so falsch. In der heutigen Zeit hatte ein Adelstitel keine besondere Bedeutung mehr. Er verlieh keine Macht, zahlte sich nicht in barer Münze aus, schaffte lediglich ein gewisses Ansehen. Aber wie viele alteingesessene Familien adeliger Herkunft waren längst verarmt und mussten hilflos mit ansehen, wie ihre Schlösser dem Zerfall anheimfielen? Es gab an die achthundert Schlösser in Südtirol, und anders als in Deutschland befanden sich die meisten noch in Privatbesitz. Aber ein Herr Nussbaumer sollte sich vielleicht, wie manch anderer seines Standes, selbstkritisch fragen, warum er sich den Erhalt des Familienbesitzes nicht leisten konnte. Sie waren eben keine Unternehmer, aber für eine normale Berufstätigkeit waren sie sich auch zu schade. Das passte nicht zu ihrem Selbstverständnis.

Aber er, Heinrich Alexander Philipp von Adelsburg, hatte die Zeichen der Zeit richtig gedeutet und ein überaus erfolgreiches Unternehmen gegründet: Adelsburg Technologies. Seine Firma stellte Herzunterstützungssysteme und Mini-Defibrillatoren her. Damit konnten herzkranke Patienten, die auf ein Spenderherz warteten, oft lange Zeit überleben. Und sein Schwiegersohn in spe war in Südtirol einer der wenigen anerkannten Spezialisten für Herztransplantationen. Florian und er retteten Menschenleben. Es war nicht verwerflich, dabei auch noch Geld zu verdienen.

Apropos Schwiegersohn, es gab genau zwei Gründe, warum er zu diesem Jahrestreffen des Adelskreises ausnahmsweise gern gekommen war. Einerseits die diesjährige Wahl der Lokation, Burg Taufers in Sand, am Eingang ins Ahrntal, jene geschichtsträchtige Burganlage, in der schon Szenen für diverse Filmklassiker gedreht worden waren und die als Vorlage für Roman Polańskis »Tanz der Vampire« gedient hatte. Die Burg bot jedes Mal einen spektakulären Anblick. Hoch thronte sie über Sand in Taufers, im Süden das flache, wiesenreiche Becken des Tauferer Bodens, im Norden die grandiose Kulisse der auch im Sommer oft schneebedeckten Dreitausender des Alpenhauptkamms. Andererseits konnte er gleich den Grund für seine Einladung der Gesellschaft im Oktober auf Schloss Adelsburg in Wolkenstein verkünden: die Eheschließung seiner Tochter Katharina mit Dr.Florian Hofer-Grünfelder. Seine Tochter, sein einziges Kind, kam endlich unter die Haube, und Florian bedeutete für die Familie als Herzspezialist eine hervorragende Allianz. Auf der Vierundzwanzig-Stunden-Wanderung konnte er in aller Ruhe die Details der Hochzeit mit ihm besprechen.

Gerade als von Adelsburg sich auf die Suche nach den beiden machen wollte, nicht zuletzt, um diesem überflüssigen Dialog mit Nussbaumer zu entfliehen, spürte er eine Hand auf seiner Schulter.

»Es ist schon bald neun, Daddy, wann willst du denn endlich unsere Hochzeit bekannt geben?«

Katharina sah wie immer blendend aus. Ihr langes, fast schwarzes Haar hatte sie hochgesteckt, was ihren schmalen Hals betonte. Dazu trug sie wie meistens bei solchen Anlässen ein eigentlich zu schlichtes, diesmal bordeauxrotes Kleid. Florians Auftritt hingegen war standesgemäß: dunkelblauer Einreiher, weißes Hemd, schwarze Fliege. Genau passend für diesen Rahmen, und diese Eigenschaft schätzte er an Florian. Er war sich seiner Herkunft wenigstens bewusst, verhielt sich angemessen zurückhaltend und angepasst, dem ein oder anderen vielleicht zu angepasst, vor allem denjenigen, die ihm seinen Erfolg neideten.

Von Adelsburg schlang seinen Arm um Katharinas Hüfte. »Zuerst hält von Hauenstein seine übliche Jahresrede. Danach sind die Leute immer kurz vorm Einschlafen. Der ideale Moment, das Wort zu ergreifen. Florian, besorgst du uns derweil noch ein Gläschen Champagner? Wo ist eigentlich deine Mutter, Katharina?«

Florian war schon im Begriff, loszulaufen, da rief Katharina ihm hinterher: »Florian, bring mir bitte lieber ein Bier. Ich bin nun mal kein Fan von diesem prickelnden Zeug.« An von Adelsburg gewandt, der seine Tochter milde anlächelte, sagte sie: »Mutter macht sich gerade über die Canapés her. Sie wartet wie wir nur darauf, dass du endlich unsere Hochzeit bekannt gibst und die Einladungen aussprichst. Dann will sie schnellstens nach Hause.«

Florian Hofer-Grünfelder beobachtete mit sehnsüchtigem Blick, wie der Kellner das Bier für Katharina zapfte. Wie gern würde er auch einfach nur ein kühles Blondes trinken. Aber die Etikette verlangte ein angepasstes Verhalten, gerade von jemandem wie ihm. Zu dieser feinen Gesellschaft gehörte Champagner. Nur die Tochter eines Grafen vom Schlage eines von Adelsburg konnte sich ein solches Auftreten leisten. Niemand nahm ihr das übel. Sie war Katharina, das einzige Kind von Anna Maria und Heinrich Alexander Philipp von Adelsburg. Er hingegen kannte seine Eltern nicht einmal. Er war unter etwas nebulösen Umständen als Baby bei seinen Adoptiveltern gelandet, den kinder- und gesichtslosen Eheleuten Hofer-Grünfelder aus Bruneck, die ihm ebenso gleichgültig waren wie er ihnen und von denen er so bald wie möglich fortwollte. Wie sein richtiger Name lautete, hatte er nie herausgefunden. Er erfuhr nur, dass seine leibliche Mutter aus Tirol kam und nach dem Krieg kurze Zeit mit einem Franzosen zusammen gewesen war. Der war aber anscheinend nicht sein Vater. Für Florian jedenfalls war es so, als hätte es seine leiblichen Eltern nie gegeben. Umso erstaunlicher war es, dass er demnächst ausgerechnet in diese überaus angesehene Adelsfamilie einheiraten würde.

Ihm war vollkommen bewusst, dass das wenig mit seinem Charme zu tun hatte. Vielleicht liebte ihn Katharina wirklich, aber in erster Linie ging es darum, dass er der Beste auf seinem Gebiet war. Er verpflanzte Herzen, und Adelsburg Technologies stellte exakt die Instrumente her, die ein Patient brauchte, um die Zeit bis zur Transplantation zu überleben. Er war als Herzspezialist ein wichtiges Zahnrad in der Maschinerie der Adelsburg’schen Dynastie. Er wusste, dass es vor allem sein zukünftiger Titel und seine Zugehörigkeit zu ebenjener Dynastie waren, die seinen Weg an die Spitze ebnen und ihn zum ärztlichen Direktor der sich im Umbau befindlichen Klinik machen würden. Einzig der amtierende Direktor, Dr.Paul Brunner, war ihm ein Dorn im Auge. Brunner, den er eigentlich für einen überaus fähigen Arzt hielt und dessen Rat er anfänglich gern angenommen hatte, schien ihm seinen Erfolg in beruflicher wie privater Hinsicht zu neiden. Das Verhältnis zwischen ihnen verschlechterte sich zusehends. Umso wichtiger war es, dass möglichst alle Patienten auf der Warteliste rechtzeitig ihr Spenderherz bekamen. Rechtzeitig hieß in diesem Fall, solange die Herzunterstützungssysteme von Adelsburg Technologies sie am Leben hielten. Das wiederum hing davon ab, in welchem gesundheitlichen Gesamtzustand sich der Patient befand. Sein Leben lang würde er vom Wohl und Wehe derer von Adelsburg abhängig sein. Einerseits kein schöner Gedanke und eine Situation, die ihm eine unerschütterliche Anpassungsfähigkeit gegen seinen Stolz abverlangte. Andererseits waren Anna Maria und Heinrich sympathische Menschen ohne Standesdünkel und Katharina eine schöne und intelligente Frau. Vom gesellschaftlichen Leben, das er demnächst führen würde, ganz zu schweigen. Das erschien ihm als gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Er nahm das Bier in die eine, die beiden Champagner in die andere Hand. Er hatte nicht viele Freunde, hatte eigentlich nie welche gehabt. Aber einen gab es, mit dem er bald mal wieder richtig schön ein Bier trinken konnte. Einen, bei dem er sich so geben konnte, wie er wirklich war. Einen, der sein trauriges Schicksal teilte, dessen Schicksal sogar viel schlimmer war als das seine. Er war kein richtiger Freund, dafür waren die intellektuellen Gräben zwischen ihnen zu tief. Wahrscheinlich war der Freund sogar geistig zurückgeblieben, denn ein normales Gespräch unter Erwachsenen war mit ihm kaum möglich. Aber er war eben jemand, mit dem er einfach mal Späße machen und dabei Bier trinken konnte.

4

Bozen, November 2011

Der ärztliche Direktor des Zentralkrankenhauses Bozen, Dr.Paul Brunner, starrte aus dem Fenster seines Büros im vierten Stock. Es war schon sehr spät, dennoch hatte er das Licht ausgeschaltet, um nachzudenken. Außer ihm hielt sich niemand mehr im Verwaltungstrakt auf. Er wäre auch längst nach Hause gegangen, wenn er gewusst hätte, was er dort sollte. Niemand wartete auf ihn. Schon lange nicht mehr. Er hatte keine Kinder, war auch nie verheiratet gewesen. Denn das hatte er gründlich vermasselt. Sein privater Luxus bestand für gewöhnlich darin, abends das ein oder andere Glas Wein zu trinken, sich vielleicht hin und wieder ans Klavier zu setzen und ansonsten den traumhaften Panoramablick aus seinem Wohnzimmerfenster zu genießen, mitten in die bleichen Berge. Dieses Panorama, die Einzigartigkeit der bizarren Strukturen der Puez-Geisler-Gruppe, deren höchsten Gipfel, den Sass Rigais, er schon zigmal bestiegen hatte. Aber heute hätte er dort gar nichts gesehen.

Was war das bloß für eine ekelhafte, schwüle Nebelbrühe! Seit Tagen ging das schon so. Ach was, seit Wochen. Es wurde überhaupt nicht richtig hell. Absolut untypisch für Südtirol. Und oben im Villnösstal war es noch viel schlimmer. Da sah man die Hand vor Augen nicht, von möglichen Panoramablicken ganz zu schweigen. Was also sollte er dort? Da konnte er sich ebenso gut um den verhassten Bürokram kümmern. Wahrscheinlich wollte das Schicksal seine Laune damit weiter in den Keller treiben.

Jahrelang war er der anerkannte Herzspezialist schlechthin gewesen. Gut, es hatte ein paar unerwartete Todesfälle gegeben, gerade bei den Transplantationen, aber nicht umsonst wurden die Patienten vor einer Operation ausführlich über mögliche Risiken informiert. Ein krankes Herz war eben etwas anderes als ein Leistenbruch. Da gab es wirklich lebensbedrohliche Risiken. Zwar lag die Sterbewahrscheinlichkeit bei einer Herz-OP nur zwischen null Komma fünf und zwei Prozent, aber wenn gewisse Begleiterscheinungen eintraten, etwa ein Herzinfarkt, eine Nierenfunktionsstörung oder eine Infektion, waren die Folgen meist tödlich. Das konnte man ihm doch nicht anlasten! Er war ein begnadeter Operateur, hatte vermutlich mehr Organe verpflanzt als alle Südtiroler Ärzte zusammen. Zugegeben, in den letzten zwei Jahren hatte es sogar überproportional viele Todesfälle gegeben, aber die Unterstellung seitens Kollegen und Hinterbliebenen, die Verantwortung liege bei ihm, bedingt durch sein Alter, war eine Frechheit sondergleichen. Eine Frechheit, Respektlosigkeit und undankbar allemal. Aber das war typisch für die Menschen. Erst flehten ihn Patienten und deren Angehörige an, eine Operation, insbesondere eine Organtransplantation, trotz aller Risiken durchzuführen. Dabei bekam er jedes Mal, wenn er die Betroffenen eindringlich über die damit verbundenen Gefahren aufklärte, zu hören: »Aber selbstverständlich sind wir uns dessen bewusst«, »Natürlich, eine Herz-OP, völlig klar, dass da auch was schiefgehen kann«, »Wir sind Ihnen ja so dankbar, niemals würden wir Ihnen die Schuld geben, wenn es schiefgeht«. Und wenn die schwierige OP dann doch nicht gelang, war er entgegen allen vorherigen Beteuerungen rasch als Schuldiger ausgemacht.

Einige Angehörige von verstorbenen Patienten hatten sogar gegen ihn geklagt wegen angeblicher Behandlungsfehler. Genau die, die vorher noch geschworen hatten, sich aller Risiken vollkommen bewusst zu sein und deshalb die Verantwortung im Falle eines Scheiterns der Operation nicht bei ihm zu suchen. Alle hatten sie verloren, ein sicherer Beweis dafür, dass die Verantwortung in der Tat nicht bei ihm lag. Und was hatte er nicht alles getan, um Patienten, um die es besonders schlecht bestellt war, so schnell wie möglich ein Spenderorgan zu besorgen! Er hatte all seine Kontakte spielen lassen, alle Hebel in Bewegung gesetzt, und fast immer hatte es geklappt. Hunderten dankenden Händen und Tausenden Tränen der Freude standen ein paar bedeutungslose Todesfälle gegenüber. Letzteres kreidete man ihm an, Ersteres wurde einfach als selbstverständlich vorausgesetzt. Bei Hinterbliebenen konnte er das teilweise noch nachvollziehen, sie waren medizinische Laien und hatten einen Menschen verloren, den sie liebten. Das gab ihnen zwar noch lange nicht das Recht, ihre Emotionen an ihrem Arzt auszulassen, aber zumindest waren ihre Motive verständlich. Aber dass sich auch Kollegen gegen ihn richteten…

Was dem Fass den Boden ausschlug, war allerdings dieser milchgesichtige Neureiche. Hatte sich jahrelang bei ihm eingeschleimt und den großen Bewunderer gegeben. Mein Gott, was hatte der gesäuselt: »Sie sind wahrhaftig ein Spezialist, Dr.Brunner, von Ihnen kann ich noch viel lernen. Sie sind mein leuchtendes Vorbild.« Und wie er von seinem Vorbild gelernt hatte! Aber dann zog dieses Bübchen an ihm vorbei und lief ihm den Rang ab. Wie er das schaffen konnte? War er etwa tatsächlich der bessere Arzt von ihnen beiden? Nein, diese Zecke hatte sich die für ihn viel zu junge Tochter eines reichen, angesehenen Adelsgeschlechtes geschnappt und sich häuslich in deren Familie eingenistet. Aber nicht irgendeine Adelsfamilie, oh nein! Er wusste genau, was er tat, als er sich ausgerechnet an die Familie heranmachte, deren Firma ihm mit ihrer Herztechnologie eine großartige Zukunft bescheren würde und die mit ihren großzügigen Spenden maßgeblich dazu beigetragen hatte, dass die Klinik saniert und erweitert werden konnte, sodass sie heute zu den modernsten Einrichtungen Italiens zählte. Dieser miese, kleine, verlogene Bastard, der nicht mal eine eigene Familie hatte, sondern von Bauern adoptiert worden war, mit Sicherheit Analphabeten! Mit kaltblütiger Zielgenauigkeit hatte er sich exakt die Frau ausgesucht, die ihm für seine hinterhältigen Pläne dienlich war. Und er war damit auch noch durchgekommen! Mir nichts, dir nichts war er Teil der vornehmen Gesellschaft, beliebt, smart, wortgewandt und welterfahren. Wie war es nur möglich, dass allein er, Dr.Paul Brunner, das wahre Gesicht des Florian Hofer-Grünfelder kannte? Alle Kollegen schätzten ihn, bei vielen weiblichen war es sicherlich auch mehr als das. Oder glaubte seine Katharina ernsthaft, ihr ach so charmanter Ehemann würde ihr treu sein? Wenn er allein daran dachte, wie oft sich das Milchgesicht in letzter Zeit mit Schwester Giulia Agostini herumtrieb. Wie sie rumtuschelten, wenn sie sich unbeobachtet fühlten. Wie er auf sie einredete, als gebe es kein Morgen. Seitdem Brunner diesen Verdacht hegte, hatte er den Bastard beobachtet. Nicht nur einmal war er nach einem Stelldichein mit Giulia in einem leeren Zimmer, wer weiß, vielleicht zur Abwechslung auch mal in der Besenkammer, mit hochrotem Kopf an ihm vorbeigerannt. Brunner konnte sich vorstellen, was Giulia dem Neuadeligen ins Ohr gehaucht haben musste, damit selbst ihm die Schamesröte ins Gesicht stieg. Andererseits, der und Scham?

Plötzlich hörte Brunner Stimmen draußen auf dem Flur. Wer außer ihm sollte um diese Zeit noch etwas hier zu suchen haben? Er ging zur Tür und legte sein Ohr an das Türblatt. Eine Stimme erkannte er sofort, Giulia. Sieh mal einer an, wahrscheinlich hatte sie gerade wieder ein Nümmerchen mit dem Adeligen geschoben. Praktisch, wenn sonst niemand mehr da war oder man zumindest davon ausging. Er schloss die Augen, konzentrierte sich nur auf seinen Hörsinn. Er war gespannt, was die beiden auf dem Flur noch für Liebesschwüre tauschten, ehe sie auseinandergingen. Sie in ihre hässliche Kaschemme, in die sie einen echten Adeligen mit Sicherheit niemals führen würde, er zu seiner Katharina, um mit ihr in Champagner zu baden und ihr ewige Treue zu schwören. Glücklicherweise waren die beiden in dem sicheren Gefühl, allein zu sein, stehen geblieben. So konnte er in Ruhe ihrer Unterhaltung lauschen, auch wenn er nicht alles mitbekam. Doch halt, da stimmte etwas nicht. Diese zweite Stimme, das war doch nicht der Bastard!

»…nicht der einzige Todesfall«, hörte Brunner Giulia Agostini sagen.

Die Stimme, die ihr antwortete, war gar kein Mann, es war eine Frau. »Sind Sie sich wirklich ganz sicher?«, fragte die Frau.

Worüber unterhielten die sich bloß?

»Ja, obwohl er… ein guter Arzt… schon seit ein paar Jahren.«

Die Stimme der anderen Frau war jetzt besser zu verstehen, sie schien lauter zu sprechen. »Aber das ist doch noch lange kein Beweis. Immerhin ist das eine schwerwiegende Anschuldigung.«

Dann wieder Giulia: »…mit eigenen Augen gesehen… niemals zugetraut… Neid…«

Die andere Stimme: »Also können Sie das tatsächlich beweisen?«

»Ja!… ganz verzweifelt… meine Mutter… Sie machen?«

Darauf die andere Frau: »Was würde eine Anzeige schon bringen? So was kommt doch andauernd vor. Der redet sich einfach raus. Ich habe eine bessere Idee.«

»…Elena… meine Mutter… verdammter Mist… tun soll…«, flüsterte Giulia.

»Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Er darf damit nicht durchkommen. Wir beide besprechen das in aller Ruhe bei einem Abendessen, dann sehen wir weiter.«

Plötzlich erkannte er die Stimme. Er war sich ganz sicher. Das war die dickliche Cecilia Fontana, deren Vater vor zwei Wochen hier in der Klinik verstorben war. Durch jahrelanges Kettenrauchen hatte sie inzwischen eine Stimme wie ein Mann. Kein Wunder, dass er sich zunächst getäuscht hatte. Nach dem Tod ihres Vaters musste sich Cecilia wenigstens nur noch um ihre Mutter kümmern, deren jahrelanger Alkoholismus zu Alzheimer geführt hatte. Wenn er sich nicht irrte, befand sie sich inzwischen im Endstadium. Ein Ärgernis weniger. Cecilias Vater hatte Hodenkrebs gehabt und gewusst, dass seine Prognose unsicher war. Deshalb hatte er in seinem Organspendeausweis sämtliche noch gesunden Organe zur Verfügung gestellt. Ganz freiwillig hatte er das allerdings nicht gemacht. Damit war klar, worum es in dem Gespräch ging.

Wie aber sollte er sich angesichts dieser verstohlenen Anschuldigungen nun verhalten? Abwarten und schweigen oder lieber in die Offensive gehen? Unheil ließ sich nur abwenden, wenn man selbst aktiv wurde. Mit Passivität erreichte man nichts. Also Angriff. Geräuschvoll riss er die Tür auf. Erschrocken wirbelten die Frauen, die schon auf dem Weg zum Fahrstuhl waren, herum und starrten ihn an. Er ging langsam auf sie zu und war sich seiner Wirkung bewusst. Allein sein grimmiger Gesichtsausdruck flößte den meisten Respekt ein. Dabei wusste natürlich niemand, dass der vorrangig das Ergebnis seines jahrzehntelangen Frustes war. Doch die tiefe Stimme und die für sein Alter ziemlich kraftvolle Statur taten ihr Übriges, um ihn zu einer imposanten Erscheinung zu machen.

Die zarte Giulia wich einen Schritt in Richtung Fahrstuhl zurück, während sich die stämmige Cecilia selbstbewusst gab. Zu selbstbewusst. Sie sah ihm direkt in die Augen, ohne sich von der Stelle zu rühren. »Dr.Brunner, was machen Sie denn noch hier? Wollen Sie etwas von uns?«

Brunner antwortete, ohne stehen zu bleiben. »Die Frage lautet doch wohl eher, was Sie von mir wollen. Oder glauben Sie, ich hätte nichts von dem mitbekommen, was Sie eben erzählt haben? Man sollte immer aufpassen, was man tut und mit wem man sich anlegt. So manches kommt als Bumerang zu einem selbst zurück.«

5

Durnholzer Tal, Heiligabend 2011

Wie jedes Jahr hatte sich die kleine Familie, Aloisia Kaser, ihr Mann Johann und ihr Adoptivsohn Nathan, Heiligabend nach dem Gottesdienst in der Kirche zum Heiligen Nikolaus um den Weihnachtsbaum versammelt. Als er noch klein war, hatte die große Darstellung des Jüngsten Gerichts in der Kirche Nathan immer Angst gemacht. Die Toten, die aus ihren Gräbern stiegen, der Engel mit dem Feuerschwert und die schwarzen Teufel, die die Verdammten in den Rachen des Höllendrachen stießen. Aber mit der Zeit legte sich das. Irgendwann hatte er begriffen, dass die Teufel und Toten nicht echt waren und ihm nichts antun konnten.

Viel Geld hatten sie nicht, deshalb konnten sie Nathan meistens nur eine Kleinigkeit schenken. In diesem Jahr hatte Johann Kaser allerdings weniger Geld, sondern vor allem seine Geschicklichkeit in das Geschenk investiert. Seine Kräfte verließen ihn zwar zunehmend, aber geübt im Umgang mit seinen Werkzeugen war er immer noch. Er war stolz auf das Ergebnis seiner Arbeit und freute sich auf Nathans freudestrahlende Augen.

»Frohe Weihnachten, lieber Nathan, und alles, alles Gute! Komm, pack schon dein Geschenk aus!«

Der Kaserhof lag im hinteren Durnholzer Tal, noch vorbei an dem kleinen Ort und dem auf über tausendfünfhundert Metern Höhe gelegenen Durnholzer See. Der Hof lag nochmals hundert Meter oberhalb des Sees. Dahinter erhoben sich bereits die imposanten Gipfel der Sarntaler Alpen, die Jakobsspitze, das Tagewaldhorn und die Kassianspitze, die im Sommer scharenweise Wanderer anlockten. Die Familie Kaser nutzte das, um sich etwas zu ihrer spärlichen Rente dazuzuverdienen. Die Landwirtschaft und das Vieh hatten sie schon längst aufgegeben. Sie boten den Wanderern Milch- und Käseprodukte von den umliegenden Höfen an, dazu Getränke, die sie in der Stadt kauften.

Wie die anderen außerhalb der Ortschaft gelegenen Höfe und manchmal sogar das ganze Dorf war der Hof im Winter von der Zivilisation quasi abgeschnitten. In der kalten Jahreszeit mussten sich die Anwohner morgens meistens selbst darum kümmern, die Zufahrtswege von Schnee und Eis zu befreien. Der Südtiroler Räumdienst schaffte es nur selten rechtzeitig bis zu den letzten Höfen und schon gar nicht bis zum Kaserhof. Zumindest wenn so viel Schnee auf einmal fiel wie in der vergangenen Nacht. Nicht weniger als anderthalb Meter hatte Johann Kaser am frühen Morgen auf der großen Freifläche vor seiner Eingangstür gemessen. Außerdem war es eisig kalt geworden, fünfzehn Grad unter null. Laut Wetterbericht würde das zwar nicht allzu lange anhalten, aber das nützte ihm in diesem Moment nicht viel. Mit seiner Gicht hatte er draußen in der Kälte nichts verloren. Ganz zu schweigen von seinem Rücken. Wenn Nathan wenigstens mit dem Schneepflug umgehen könnte.

Ja, der gute Nathan… Johann Kaser betrachtete nachdenklich seinen Adoptivsohn, der sich wie ein kleines Kind über die neuen Schneeschuhe freute, die er voller Begeisterung ausgepackt hatte. Wie er sich freute, wie er lachte und in diesem Augenblick Aloisia umarmte, die er tatsächlich für seine Mutter hielt! Natürlich hielt er sie dafür, woher sollte er auch die Wahrheit kennen, der arme Nathan. Vollkommen abgeschottet von der Außenwelt war er auf dem Kaserhof aufgewachsen, ging nie zur Schule, fristete im Grunde ein Schattendasein. Woanders wäre das kaum möglich gewesen. Und das war auch gut so. Nathan war höchstwahrscheinlich von unterdurchschnittlicher Intelligenz, vielleicht war er sogar debil, vieles sprach jedenfalls dafür. Seine Frau und er hatten es nicht geschafft, dem Kind Lesen und Schreiben beizubringen. Wenn ein Tier auf dem Hof erkrankte, kümmerte er sich Tag und Nacht darum, wenn es starb, weinte er. Und die Tatsache, dass er sich wie ein Kind über ein paar Schneeschuhe freute, sprach Bände. Denn er war in diesem Jahr zweiundsechzig geworden.

Allerdings zeigte er auch gegenteilige, erwachsene Verhaltensweisen. So konnte er bei einfachen Tätigkeiten gut zupacken, arbeitete im Stall und auf dem Feld zuverlässig. Das schien ihm sogar Freude zu bereiten. Er aß gern und trank sogar Bier oder manchmal einen Wein. Eine normale Unterhaltung war mit ihm indes nicht möglich.

Nathan liebte die Natur und kannte die Berge seiner Heimat besser als jeder andere im Tal. Manchmal war er plötzlich verschwunden, anfangs zumeist ein oder zwei Tage, später manchmal eine Woche oder länger. Aloisia und Johann hatten sich zunächst große Sorgen gemacht und befürchtet, dass er sich, auf sich allein gestellt, nicht zurechtfinden würde, zumal sie nach Möglichkeit keinen Rettungsdienst einschalten sollten. Doch schon bald erkannten sie, dass sie sich geirrt hatten. Denn Nathan kam jedes Mal freudestrahlend zurück und erzählte von seinen Erlebnissen in den Bergen. Dabei beschränkte er sich keineswegs auf die Berge in seiner unmittelbaren Umgebung. Im Laufe der Jahre hatte er sich einen Großteil der umliegenden Bergwelt erschlossen, die Texelgruppe, Ausläufer des Ortlermassivs, aber auch die westlichen Dolomiten. Denn er verfügte über eine beeindruckende physische Stärke und ein intuitives Orientierungsvermögen. Er hatte sich bei seinen Ausflügen auch stets mit den lebensnotwendigen Dingen wie Wasser, etwas zu essen und seinem Schlafsack eingedeckt. Nachdem ihnen das klar geworden war, kreisten ihre Sorgen eher darum, was geschehen würde, wenn der weltfremde und debile Nathan Menschen begegnete, die er nicht kannte. Ging er ihnen aus dem Weg? Oder nickte er ihnen einfach zu und marschierte weiter? Er sprach nie darüber. Manchmal wirkte er aber die ersten Tage nach einer solchen Tour verstört, in sich gekehrt. Seinen Schilderungen zufolge mied er zwar so weit wie möglich öffentliche Wege oder gar Hütten, aber es ließ sich eben nicht komplett vermeiden, dass er ab und an auf fremde Leute traf, die ihm Angst machten. Vielleicht hatten sie ihn angesprochen und nach dem Weg gefragt. Möglicherweise hatte er aber auch eine Frau gesehen, die seine Phantasie angeregt hatte. Denn auch diesbezüglich schien Nathan wie ein Erwachsener zu fühlen. So hatte Johann ihn ein paarmal mit dem »Playboy« erwischt, den er in der Scheune vor Aloisia versteckte. Nathan hatte die alten Magazine gefunden und für sich entdeckt. Johann ließ ihn gewähren.

Nathan hatte sich inzwischen mit leuchtenden Augen seine Schneeschuhe angezogen. Er stakste damit zu Johann und umarmte ihn. »Danke, Papa, das ist ein ganz tolles Geschenk. Damit kann ich auch im Winter viel besser in die Berge gehen. Und viel höher. Hach, was wird das eine Freude! Was ist, Papa, jetzt ein Bier?«

Johann nickte. »Gerne, zieh dir aber vorher die Schneeschuhe wieder aus, die sind nicht gut für die Holzdielen.«

Er und Aloisia blickten Nathan nach, der in der Diele verschwand. Im Nachhinein war schwer zu entscheiden, ob Nathan von Geburt an mit einem zu niedrigen Intelligenzquotienten ausgestattet war, seine Herkunft zu genetischen Defekten geführt hatte oder ihn die lebenslange totale Abgeschiedenheit zu dem gemacht hatte, was er heute war. Fakt war jedenfalls, dass es hierzu keine Alternative gegeben hatte. Niemand sonst wäre bereit gewesen, sich dieses Kindes anzunehmen. Es wäre hoffnungslos verloren gewesen. Und so hatten Aloisia und er ihn zu sich geholt. Dieses Kind fremder Eltern sollte ihr einziges bleiben. Sie liebten Nathan wie ein leibliches Kind und so, wie er war. Hätten sie ihn jemals mit dem öffentlichen Leben in Berührung kommen lassen, ihn auf eine Schule geschickt, wäre alles ans Tageslicht gekommen, und sie hätten ihn vielleicht verloren. Es war schon schwer genug, mit dem Misstrauen und der Ablehnung der anderen im Dorf umzugehen, denen Nathan unheimlich war. Wenn sie mit ihm zu einem Dorffest gingen, konnte er zwar ungestört ein Bier trinken, aber Johann hatte immer gespürt, wie sie ihn alle verstohlen ansahen und tuschelten. Sie selbst waren deshalb nie zu einem festen Bestandteil der Dorfgemeinschaft geworden, zumal Johann auch noch aus Österreich kam und damit der einzige Zugezogene im Dorf war. Sie waren zeit ihres Lebens Außenseiter geblieben. Aber das war ihnen letztlich egal, denn sie waren sich selbst genug. Nur mit der Gesundheit ging es allmählich bergab. Aloisia war inzwischen vierundachtzig, er sechsundachtzig. Und damit hatten sie heute nur noch eine einzige echte Sorge: Was würde aus Nathan werden, wenn sie nicht mehr waren?

6

Schloss Adelsburg, 1. Weihnachtstag 2011

Das mit seinen Nebengebäuden majestätisch über Wolkenstein thronende Schloss derer von Adelsburg lag tief verschneit unter den imposanten Wänden des Sellastocks. Nachdem der ganze Herbst und der Frühwinter ungewöhnlich mild und schneearm gewesen waren, hatte es in der Nacht zu Heiligabend den ersten Schub der weißen Pracht gegeben. Über ein Meter war gefallen, Richtung Alpenhauptkamm musste es noch mehr gewesen sein. Heute war der Schneefall aus dem Mittelmeer gekommen und direkt in die Dolomiten gezogen. Es war etwas wärmer geworden, keine zehn Grad unter null mehr in tausendsiebenhundert Metern Höhe, aber dafür schneite es umso heftiger. Graf von Adelsburg war zwar kein bekennender Romantiker, doch der Blick aus seinem Arbeitszimmer auf die tief verschneite Landschaft und die im Laternenschein glitzernde Schneefläche auf der fünfhundert Meter langen Zufahrt ließen auch über seinen Rücken wohlige Schauer laufen. Der Weg zum Schloss, das gut zwei Kilometer von Wolkenstein entfernt auf einer Anhöhe lag, führte in Serpentinen durch einen Bergwald. Hinter dem Wald öffnete sich ein kleines Hochplateau, an dessen östlichem Ende sich die hufeisenförmig angelegte Schlossanlage befand. Mit dem Gebäude endete jegliche Bebauung, denn hinter dem Schloss, im Osten, erhob sich bereits der gigantische Sellastock mit seinem mit mehr als dreitausendeinhundert Metern höchsten Gipfel, dem Piz Boè. Im Südwesten konnte man bis zur markanten Langkofelgruppe blicken, im Norden zu den Ausläufern der Puezgruppe.

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