Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Schatten vergehen im Licht - Erika Noll

Fünfzig Jahre Abitur. Robert trifft aus seine alten Klassenkameraden und auch Helga ist gekommen. Auf sie freut er sich besonders. Schneller und anders als erwartet werden sie von ihrer gemeinsamen Vergangenheit eingeholt. Aber nicht nur die miteinander erlebte vergangene Zeit führt auf dem Klassentreffen die Regie, auch die inneren Welten der Ehemaligen werden in jedem von ihnen lebendig.

Meinungen über das E-Book Schatten vergehen im Licht - Erika Noll

E-Book-Leseprobe Schatten vergehen im Licht - Erika Noll

Fünfzig Jahre Abitur. Robert trifft auf seine alten Klassenkameraden und auch Helga ist gekommen. Auf sie freut er sich besonders. Schneller und anders als erwartet werden sie von ihrer gemeinsamen Vergangenheit eingeholt. Aber nicht nur die miteinander erlebte vergangene Zeit führt auf dem Klassentreffen die Regie, auch die inneren Welten der Ehemaligen werden in jedem von ihnen lebendig.

Erika Noll, geboren 1950, lebt und arbeitet als Psychoanalytikerin in Köln.

Jetzt ist es doch später geworden. Keine Zeit mehr, um vor den veränderten und doch vertrauten Fassaden stehen zu bleiben und auf alte Gefühle zu warten. Robert versucht, schneller zu gehen, ohne ans Schwitzen zu kommen. Dabei ist es längst passiert. Nicht vom schnellen Gehen, sondern von der erregten Vorfreude und der Angst, die sich klammheimlich in ihm breit gemacht hat. Ob er sie noch alle erkennen wird? Sicher nicht. Nach 50 Jahren! Eine lange Zeit. Keiner wird mehr so sein wie früher und doch, jeder wird im Kern noch der Alte sein. Vielleicht hätte er besser absagen sollen, jetzt ist es zu spät. Zu spät, zu spät, immer ist es zu spät für irgendetwas. Aber vielleicht geht es nur ihm so. Vielleicht sind andere in der Lage, rechtzeitig zu reagieren, wo auch immer sich in ihrem Leben gerade etwas abspielen soll. Robert spürt die ersten Schweißtropfen in der rechten Achselhöhle. So, jetzt gibt es also auch gleich einen sichtbaren Beweis seiner Verfassung. Ärgerlich suchen seine Finger wie automatisch nach einem Taschentuch, wissend, dass es ab dem Moment der ersten Tropfen nur noch schlimmer werden kann. Schon damals war diese Nässe sein treuster Begleiter und für viele misslungene Annäherungen verantwortlich. Zumindest hatte er in den verhängnisvollen Tropfen einen Schuldigen gefunden. Robert bremst sein Tempo. Wie alt muss man eigentlich werden, bis man keine Rechenschaft mehr schuldig ist? Es gibt immer einen Grund, zu spät zu sein. Das muss doch auch allen anderen mittlerweile klar geworden sein. Damals, da haben sie gelacht, wenn er mal wieder anklopfen musste, wenn der alte Direx als Inkarnation des Pflichtbewusstseins Robert zum soundsovielten Mal am Portal abgefangen und ihn dann vor sich her getrieben hatte, bis er schweißgebadet an der Klassentür angekommen war. Der Mathedrangsalierer Lehmann und Zwolle aus der ersten Reihe haben sofort die Hypotenuse der Pflichterfüllung aufgenommen und mit dem erbosten Direktor ein rechtwinkliges Dreieck gebildet, das sich sehen lassen konnte. Leider war keinem in den Sinn gekommen, sich bei Robert für seinen Beitrag zur Veranschaulichung derart trockener Matheformeln zu bedanken. Auch für die Beweisführung der Beschleunigung träger Massen hatte man ihm keinen Dank gezollt. Im Gegenteil! Selbst die plötzliche Aufmerksamkeit seiner Mitschüler wurde von Lehmann einfach eingesackt. Jetzt waren seine Schäfchen wieder wach und er hatte für kurze Zeit die unverdiente Chance, seine undurchschaubaren Zahlenverknüpfungen an die Tafel zu kritzeln. Nur die unscheinbare Bärbel schien etwas von all dem zu verstehen. Immerhin lachte sie nicht und schaute ihn mitleidsvoll an. So kam es ihm jedenfalls vor. Warum hat er nie versucht, sie als Verbündete anzusprechen? Hat er ja, aber da waren wieder diese Schweißtropfen, die er zu eklig fand, um locker auf sie zugehen zu können. Obwohl, reden konnten sie später gut miteinander, das hatte er fast vergessen. Was wohl aus ihr geworden ist? Robert versucht, sie sich vorzustellen. Zu dem schmalen Gesicht mit den wasserblauen Augen und den blonden Locken zeichnet er ein paar Falten um die Mundwinkel. Lachfältchen um die Augen wird sie weniger haben, die hat ihr ihre Ernsthaftigkeit wahrscheinlich erspart. Vermutlich hat sie drei Kinder und vielleicht genauso viele Enkel, einen Rentner-Ehemann und ein Haus mit Garten. Der Hund ist sicher schon verstorben und jetzt auch nicht mehr so wichtig, weil die Kinder längst aus dem Haus sind.

Kurz vor dem neuen unübersichtlichen Schulkomplex hält Robert inne. Es gab ja genug, was er an seiner Schulzeit gehasst hat, aber das alte Schulgebäude war ohne Frage besser als dieser gesichtslose Glaskasten. Das alte Gemäuer konnte einen noch beherbergen, die Wände umhüllten einen Kosmos, von dem man ein Teil war. Der Geist der früheren Schüler und Lehrer vermischte sich mit den jeweils neuen Aspiranten, den neuen Anwärtern auf einen Platz in der Geschichte dieser Schule. Wie viele Hausmeister hatte diese Festung überstanden und wie viele Liebeleien hatte sie für sich behalten? Da können einem die Schüler von heute fast leidtun in dieser anonymen Beton-Glas-Langeweile.

„Robert, Mensch Alter, du hast dich ja gar nicht verändert!“

Wer auch immer dieser unerschrockene Kontaktsuchende ist, er hat sich auf jeden Fall verändert, zumindest so, dass es Robert beim besten Willen nicht möglich ist, ihn einigermaßen sinnvoll zuzuordnen. Also muss erst einmal ein neutrales „Hallo!“ genügen, verbunden mit einem angeblich wissenden Hochziehen der Augenbrauen und einem zustimmenden Weitstellen seiner verunsicherten Augen. Den Mund leicht geöffnet, als käme gleich die erwartete Anrede, klopft Robert dem Eindringling in seine Gedanken beherzt auf die Schulter. Und es funktioniert.

„Mensch, du altes Haus, dass ich ausgerechnet dich hier als Ersten treffe. Das gibt es ja nicht, du hast dich wirklich nicht verändert, du schwitzt ja immer noch. Weißt du noch, wie du damals bei der Abifeier dein Sakko ausgezogen hast. Das hättest du mal besser nicht getan. Diese Flecken, du Armer! Los erzähl, wie ist es dir ergangen, was machst du so?“

Robert realisiert, dass er jetzt wieder am Zug ist, aber er ist eindeutig verlangsamt. Erleichterung, dass er noch einmal einer Peinlichkeit entkommen ist, mischt sich mit genau dieser, nämlich der Erinnerung an seine Blamage von damals. Ausgebremst sucht er nach einer Ausflucht aus der lähmenden Überflutung.

„Verrückt, an was man sich nach so vielen Jahren noch erinnert! Ich bin gespannt, was jeder von uns so anzubieten hat aus seiner Erinnerungskiste.“

Gespanntsein ist die Umschreibung für Angst. Ob es seinem unbekannten Mitstreiter von damals auch so geht? Ob der nur mal hoch gepokert und ins Schwarze getroffen hat? Robert beschleunigt seinen Schritt, sein Schatten bleibt ihm auf den Fersen.

„Lass uns schon mal reingehen, vielleicht sind die anderen ja längst im Lehrerzimmer.“

Schon stehen sie im Foyer und Robert spürt das Fehlen der ausgetretenen alten Steintreppen fast körperlich. So muss eine Sturzgeburt sein, man fällt in eine Weite, ausgeliefert, schutzlos und ohne Halt. Es ist kein erarbeitetes Erreichen, von Stufe zu Stufe bis zum ehrwürdigen Portal, hinter dem sich das Entrée öffnet. Ein Eingangsbereich, der trotz seiner Weiträumigkeit durch die dicken Steinmauern und die alten Holztüren, die meist verschlossen im Kreis angeordnet sind, den Ankommenden weiter zusammenhält wie die Arme einer guten Mutter. Robert schüttelt sich kaum sichtbar, um die Gedanken zu verscheuchen, die ihm jetzt nicht hilfreich sein können bei der Bewältigung der nächsten Anforderungen. Und da ist auch schon die erste.

„Hallo Robert, du kommst auch?“

„Wieso auch?“

„Na, so toll kannst du die Schulzeit doch nicht in Erinnerung haben.“

„Nicht?“

„Ach, nichts für ungut, lass uns jetzt erst einmal reingehen.“ „Hallo Norbert, seid ihr zusammen gekommen?“

„Nein, Robert ist mir sozusagen draußen vor den Kühler gelaufen. Aber Peter, du bist doch Peter oder? Dich hätte ich ja nicht mehr sofort wiedererkannt.“

Und plötzlich ist der Sack aufgegangen, wie auf ein Signal quillt ein Menschenstrom aus dem Lehrerzimmer. Sie müssen die Letzten gewesen sein.

„Mensch, da seid ihr ja, wir haben schon auf euch gewartet.“

Robert versucht sich zu orientieren, kleine unverwechselbare Gesten aufzuschnappen, sich entlang zu hangeln an typischem Lachen, eingeprägten Stimmen und Fetzen der Namen, die einige von ihnen sich schon ganz selbstverständlich zurufen können. Hilflos und etwas überfordert macht Robert die Verklebungen in seinem Hirn für die klaffende Lücke in der Namenserkennung verantwortlich. Er hatte gehofft, dass sich die Erinnerung schon einstellen würde, aber noch überwiegt die Angst, in all seiner Unkenntnis entblößt zu werden.

„Hallo Robert!“

Eine weibliche Stimme verspricht Abhilfe, denn davon gab es nur drei und die würde er bestimmt leichter zuordnen können.

„Helga, bist du es?“

„Ja, hast du gezweifelt? Ich habe dich sofort erkannt. Du hast dich kaum verändert, das tut gut in all der Fremdheit.“

„Fremdheit, geht es dir auch so, dass du dich schwer tust im Wiedererkennen?“

„Robert, das geht uns doch allen so, glaubst du nicht?“

„Ich weiß nicht.“

„Die anderen haben den Anfang schon hinter sich. Ihr seid die Letzten und fast eine Stunde zu spät.“

Noch bevor Robert sich rechtfertigen kann, ergreift Manfred das Wort. Wie damals. Er hat immer das Wort ergriffen und meistens war es auch gut so.

„Liebe Klassenkameraden, jetzt sind wir komplett. Ich begrüße euch ganz herzlich an dieser Stelle und freue mich auf das, was uns hier erwartet.“

Das Herzklopfen wegen der Fettnäpfchen vor Manfreds Ansprache erreicht im Nachhall seinen Zenit und Manfreds Worte dringen nicht mehr zu Robert durch. Wie unter einer Glocke übertönt das Rauschen in ihm jede Semantik. Verstohlen riskiert er einen Blick zu der Frau an seiner Seite. Helga, wenn sie wüsste, wie sehr er sie damals bewundert hat, mehr als bewundert, aber sie erscheint ihm immer noch so unerreichbar wie in Zeiten, die schon ewig vorbei sind und doch greifbar wie gestern.

Damals, als sich die dunklen Wolken schon mit dem erdigen Rot, Braun und Gelb des Herbstes vermischten, als jede lästige Besorgung, zu der man ihn geschickt hatte, zu einer neuen Hoffnung wurde, sie zu treffen, ein paar belanglose Worte zu wechseln, für eine kurze und doch so unverzichtbare Zeit mit ihr an einer Ecke zu stehen, in einem Hauseingang, und dann war es auch schon wieder vorbei. In dieser kurzen Zeit hatte er mit allen Poren ihre Anwesenheit in sich aufgesogen, um nachher noch lange davon zehren zu können. Es musste auch für lange reichen, weil er diese zufälligen Begegnungen nicht täglich wieder herstellen konnte. Es war ja unkalkulierbares Glück mit im Spiel und es durfte auch kein Zweifel am Zufall aufkommen. So hatte es jedenfalls angefangen.

„Bis auf Karl und Theo, die leider schon verstorben sind, sind wir heute vollzählig hier. Leute, ich freue mich so, euch wiederzusehen.“

Manfreds Stimme. Robert ist erleichtert, dass sie ihn wieder erreicht. Erst jetzt bemerkt er den Dauerblick von rechts, das muss Bärbel sein. So hat er sie sich vorgestellt, auch die dezente randlose Brille versperrt nicht den Blick auf die auffallend wasserblauen Augen. Die Lachfältchen fehlen, wie vermutet, nur die Locken sind immer noch blond. Dass sie da nachhilft, hätte er ihr nicht zugetraut. Aber was heißt das schon? Er kannte sie ja gar nicht richtig, wen kannte er schon richtig oder wer kannte wen schon richtig? Jeder in seiner Glocke, in seiner eigenen Unsicherheit und Verletzbarkeit, zusammengehalten von dem unhinterfragten Klassenband mit all seinen Akteuren.

Allgemeines Gemurmel, es muss wohl gerade ein Abschnitt des Programms zu Ende gegangen sein, wahrscheinlich Manfreds Rede. Das Gemurmel passt zu seinem getrübten Blick. Nur unscharf nimmt er das eintönige Mobiliar dieses wenig anheimelnden Raumes wahr. Stromlinienförmig geht ihm durch den Kopf, streng genommen ein Merkmal von Autos, aber ihm fällt kein treffenderes Wort ein für diese Tische und Schränke, die alle aus einem Guss und zeitlos der Langeweile eine Form geben. Robert versucht, sich wach zu halten. So nennt er die Aufgabe an sich, die ihm nur allzu vertraut ist in solchen Zusammenhängen. Meistens scheitert er immer von neuem an dieser so einfach erscheinenden Anforderung. Er muss das Wort an jemanden richten, das hilft.

Unwillig greift Ulrich zum Handy. Es stört ihn, obwohl er an sich mit nichts beschäftigt ist, bei dem man ihn stören könnte.

„Bärbel, was willst du? Ich kann dich nicht verstehen. Was hast du gesagt?“

„Ich kann nicht so laut sprechen, wir sind mitten in dem Begrüßungsschmus. Der Robert ist auch gekommen.“

„Der Robert?“

„Ja, was mache ich denn jetzt?“

„Gar nichts machst du.“

„Wie, gar nichts, aber wenn er sich erinnert?“

„An was soll der sich denn erinnern, der weiß doch nichts.“

Immer noch die Ängstliche, das Leben verändert überhaupt nichts, aber auch rein gar nichts. Ulrich legt das Handy verärgert zur Seite. Noch nicht mal einen Hörer kann man heutzutage auf die Gabel knallen. Damals hatte es ihm Sicherheit gegeben und es hatte auch ein bisschen das Gute in ihm hervorgekitzelt, dieses verängstigte scheue Reh zu beschützen, aber sehr schnell war es ihm auf die Nerven gegangen, hatte es ihn geärgert und dann auch abgestoßen. Spätestens da war es vorbei mit dem Guten in ihm, mit dem Zarten und dem Behutsamen. Auch wenn er sich manchmal ein wenig schämte und von sich selbst angeekelt fühlte. Die kurze Phase der Berührung ist vorübergegangen und hat keine Spuren hinterlassen, jedenfalls keine sichtbaren.

Es ist nicht seine Art, nein wirklich nicht, aber irgendwie lassen sich die Gedanken an damals nicht beiseiteschieben. Vielleicht hätte er doch mitgehen sollen, die Partner waren ja auch eingeladen. Dann hätte er das Geschehen besser im Blick gehabt. Aber wer konnte denn ahnen, dass das nötig sein würde? Schon der Gedanke an diese alberne Truppe ist ihm ein Greuel, sie diente bereits vor fünfzig Jahren nur dazu, sich peinlich berührt überlegen zu fühlen, zwei Klassen Unterschied waren ein Quantensprung. Nur das weibliche Geschlecht konnte durch besondere Attraktivität diese Klippe von unten nach oben überspringen, aber selbst das konnte Bärbel damals nicht bieten. Helga, ja, Helga, die schon, aber die hatte ja keinen an sich ran gelassen. Es ist ihm immer etwas hinterher gelaufen, wie man ihm seine Wahl wohl ausgelegt hat. Die erste Wahl war nicht zu haben, musste es dann der Spatz in der Hand sein? Das ist gemein. Ulrich weiß nicht, wen er damit meint, die, von denen er annimmt, dass sie so gedacht haben, oder sich selbst, weil er so denkt. Und stimmen tut es auch nicht, denn er hat etwas für Bärbel empfunden, auch wenn es sich schnell verbraucht hat.

Na ja, was soll’s! Jetzt ist er hier und Bärbel auf dem Klassentreffen und alles ist schon ewig her.

Ulrich tritt auf die Terrasse. Wie lang ist es wohl her, seit er zu Hause mal nicht die Trainingshose angehabt hat? Er kann sich nicht erinnern. Es ist so viel egal geworden, aber auf den Garten zu schauen, holt doch noch ein paar lebendige Gefühle in ihm hoch. Oder sollte er besser sagen, dass ihn der Blick auf die Lebendigkeit der Natur für einen Moment von seinem Zynismus befreit? Vielleicht war das auch Bärbels Funktion, jedenfalls für kurze Zeit, oder sein Wunsch an sie.

Fremd, vertraut, unwirklich und doch erschreckend real. Robert sehnt sich zurück nach dem anfänglichen Durcheinander, ein bisschen wie im Taubenschlag. Aber mittlerweile ist man zum kulinarischen Teil der Veranstaltung übergegangen. Manfred hat einen abgeschlossenen Raum in einem Lokal in der Nähe der Schule angemietet, zu dem alle dankbar hin gepilgert sind. Dankbar für die Möglichkeit, sich zu bewegen, und mittlerweile auch hungrig.

Nicht nur Robert gibt sich Mühe, das hilfreiche Gerede durch ein genauso hilfreiches Klappern mit dem Besteck und den verlogenen Hms und Ist dein Fleisch auch so zart? zu ersetzen. Alles Krücken. Doch was soll man tun, wenn es noch so viele Stunden bis zur Auflösung dieses Rückbesinnungstreffens sind? Manch einer kommt von weit her und da ist es naheliegend, für das ganze Spektakel auch ausreichend Zeit einzuplanen, wer auch immer bestimmt, was ausreichend ist. Zwei Teller nach rechts und zwei Teller nach links versucht dieselbe Bratensoße sich ihren anscheinend ausgehungerten Bezwingern als besonders schmackhaft anzubieten.

„Na, Robert, schön, dass du heute auch mit am Start bist.“

Manfred hat Mühe, die Bratensoße nicht mit dem Start in Richtung seines gequält schauenden Gegenübers zu befördern. Die Zeiten haben sich eben geändert, war es damals verboten oder bestenfalls verpönt, mit vollem Mund zu sprechen, so ist es jetzt eher Ausdruck von Engagement und Vitalität und auch der Tatsache, dass man es sich von keinem mehr verbieten lässt. Robert findet es trotzdem unappetitlich, auch wenn er befürchtet, nicht weniger zu spucken, um seinem Interesse an einem Gespräch Ausdruck zu verleihen. Hier und jetzt ist nicht der Ort, an dem man einfach nur in Ruhe sein Essen zu sich nehmen kann. Zu sich nehmen, es klingt für ihn, als müsse er das Essen annehmen, ihm Einlass in sein Inneres gewähren. Keineswegs so einfach bei dieser Bratensoße, die ohne Rücksicht auf Verluste alle Gerichte ertränkt.

„Ja, ich habe nicht lange überlegt, als die Einladung kam. Wollte euch schon gern alle mal wiedersehen.“

Robert hatte tatsächlich nicht lange überlegt, er wusste, es würde ihm kein glaubhafter Grund einfallen, nicht zu kommen. Und er wollte Helga wiedersehen. Natürlich hätte er sich auch ohne diesen Anlass mit ihr verabreden können, sie wohnen immerhin in derselben Stadt, aber er fand den Rahmen des Klassentreffens so entlastend wie damals die Schulpflicht.

Obwohl die unergründlich braune Soße auch den Knödeln den Biss nimmt, schneidet Robert die zwei runden Kugeln in kleine Stücke. Ihm fällt nichts Besseres ein als diese kleine Insel des Beschäftigtseins. Genau genommen spielt es auch keine Rolle, in welcher Form er sie auf dem Teller liegen lassen wird. Das Beste ist die Stoffserviette, die hatte er in dem deftigen Ambiente eher nicht vermutet. Oder doch? Ist so ein kleines Attribut guter Sitten nicht ein letzter Rest im nicht mehr aufzuhaltenden Untergang des Abendlandes? Er braucht sie weniger für die Lippen, auch wenn die Soße nicht folgenlos an selbigen vorbeikommt, aber die elenden Schweißtropfen, die sich mittlerweile seine Stirn erobert haben, für die findet er auf dem Abendland-Lappen ganz unauffällig immer wieder eine trockene Stelle. Ein ausgestopfter Hirschkopf mit imponierendem Geweih schaut ihm gnadenlos bei seinen Versuchen zu, die Spuren seiner vegetativen Inkontinenz wegzuwischen.

Doch nicht nur der Hirschkopf hat ihn ins Visier genommen. Länger kann Robert den eindringlichen Blick von der Seite nicht mehr ausblenden. Bärbel, warum fixiert sie ihn so? Die Power-Point-Überschriften aus vergangenen Coachingseminaren bauen sich auffordernd vor ihm auf. Einfach fragen. Einfach hingehen und fragen. Wenn es doch so einfach wäre! Nach dem Hauptgang wird er zu ihr hingehen und irgendetwas wird sich schon entwickeln. Ein Gespräch natürlich, was sonst.

„Was treibst du so?“

Das oder etwas Ähnliches muss Manfred gerade gesagt haben. Robert schaut auf, als könne er dadurch Konzentration erzwingen.

„Ich bin Rentner, wie wahrscheinlich die meisten von uns außer den Selbständigen natürlich.“

„Einer von diesen Selbständigen bin ich. Bin nach dem Studium zurückgekehrt in die Baufirma meines Alten und jetzt mache ich mich noch nützlich, bis mein Sohn mal den Laden ganz übernimmt. Hab‘ Glück gehabt, dass er in meine Fußstapfen getreten ist, hätte auch anders laufen können. Aber du, was hast du gemacht?“

„Ja, was habe ich gemacht? Unnützes Zeug, wie schon in der Schule.“

„Lass mich raten, du hast Mathe studiert und dich im Elfenbeinturm versteckt?“

„Besser hätte ich es nicht sagen können. Ich bin zwar bei einer Versicherung gelandet, aber das war auch ein Versteck in der sicheren Welt der Zahlen, bei denen es immer nur falsch oder richtig gibt. Oder man nennt es Wahrscheinlichkeit, aber das ist auch das Höchste an Unklarheit und Verunsicherung. War ganz komfortabel und auch relativ gut bezahlt.“

„Und sonst? Frau, Kinder? Nun sag schon, ist dir die Richtige noch über den Weg gelaufen, hat sie an deinen Elfenbeinturm angeklopft?“

„Vielleicht habe ich das Klopfen überhört. Nein, es gibt keine Frau und keine Kinder.“

Ulrich hatte sich so auf die freie Zeit gefreut. Sturmfreie Bude, wie unpassend für sein Alter, aber doch das gleiche Gefühl. Bis auf den Anruf von Bärbel, der hängt ihm noch nach und schickt sich an, seine gute Laune einzutrüben. Müde versucht er, die Tapete nachzuzeichnen. Ganz schön altbacken, dieses aufdringliche Brokatmuster, ein Zugeständnis an Bärbel aus einer Zeit, als er noch zu Zugeständnissen fähig war. Aber er hat auch nie daran gedacht, etwas zu verändern, nicht an der Tapete und nicht an dem Leben in diesen bis zum Ersticken zutapezierten Räumen. Ulrich nimmt sich die Zeitung und ein Glas Wasser. Er könnte jetzt ein Bier trinken, ganz ohne Kommentar, aber ihm ist nicht danach.

‚Me Too‘. Das regt ihn auf. Plötzlich kommen sie aus allen Löchern gekrochen, die angeblichen Opfer. Offensichtlich der Rufmord der Moderne. Aber bestehen Beziehungen nicht immer aus mindestens zwei Menschen? Natürlich, natürlich, es sind ja gerade keine Beziehungen, sondern einseitige Übergriffe. So stellt es sich jedenfalls dar. Genauso gut gehen einseitige Beziehungen, sprich, abhängige Beziehungen, durch. Jetzt braucht er doch ein Bier. Einmal der Ältere, Klügere, Besserwissendere, hat man immer die Arschkarte gezogen, von da an muss man immer der Ältere, Klügere und Besserwissende sein. Natürlich ohne es raushängen zu lassen oder sich dadurch einen Vorteil zu verschaffen, nein, man hat einfach der Gute zu sein. Da kann ein Schüler noch so unverschämt sein, aber wehe, dem Lehrer rutscht ein falsches Wort raus oder, ganz inakzeptabel, die Hand aus. Oder diese Frauen, die in einer Daueranmache durch die Welt schweben. Geht man nicht darauf ein, geht der Daumen runter, andernfalls, Prozess am Hals. So einfach ist das alles nicht. Als Mann kann man nur reagieren und da ist die Palette, es zu versemmeln, unweit größer als, es richtig zu machen. Richtig ist es doch nur, wenn man genau das macht, was die Frauen in dem Moment wollen. Gut, dass diese holden Wesen der Schöpfung nie wankelmütig sind und eine Stunde später immer noch dasselbe wollen oder gewollt haben.

Der Zynismus schnürt ihm den Hals zu. Aber er rettet ihn nicht vor dem Schluchzen, das den letzten Schluck Bier auf die Zeitung katapultiert. Leni, dieses kleine durchtriebene Biest, hat ihn immer ans Messer geliefert, wo sie nur konnte. Als wäre seine Schwester nicht mittlerweile auch schon in Frührente, ist sie in seinem inneren Film immer noch die Rotzgöre, die nichts Besseres zu tun hat, als ihn zum Schuldigen zu machen. Mama, Ulrich hat mich geschubst, Ulrich hat mich geschlagen, Ulrich hat meine Hausaufgaben zerrissen, Ulrich hat, Ulrich hat. Aber was war vorher? Bis zur Weißglut hat sie ihn geärgert und sich dann voller Triumpf die mütterliche Ohrfeige angesehen. Nein, nein, ihm kann man nichts erzählen. So einfach ist es nicht und so einfach sind auch nicht Opfer und Täter auszumachen. Fast ist es ihm zuwider, es als Gratwanderung stehen zu lassen, denn eigentlich glaubt er ganz tief in sich drin, dass in Wahrheit die vermeintlichen Opfer die Täter sind. Es gibt keine Gleichberechtigung, nicht nur zwischen den Geschlechtern, einer hat immer die Macht. Und wer ist schon so blöd, die freiwillig aus der Hand zu geben. So blöd können nur Männer sein!

Und wenn es einer ganz offen versucht, sich die Macht zu sichern, dann wird er zur gesellschaftlichen Lachnummer. Alternative Fakten gibt es angeblich nur bei der Auslegung von Bedeutungen von Handlungen und Gefühlen, aber nicht bei den sogenannten harten Fakten. Ulrich stöhnt. Aber nur die sind das Terrain der Männer, in dem Dschungel der feinen Empfindungen haben die Frauen das Sagen, die Deutungshoheit, die Macht.

Dass Robert Menasse gerade den deutschen Buchpreis für seinen Roman ‚Die Hauptstadt‘ bekommen hat, kann Ulrich nur noch als Randnotiz wahrnehmen. Als Verstärkung seiner männlichen Phalanx empfindet er es nicht.

Er scheint wirklich keine Notiz von ihr zu nehmen. Bärbel schwankt zwischen Enttäuschung und Erleichterung. Gut, wenn Robert sich nicht zu sehr an sie erinnert, aber es versetzt ihr auch einen Stich. Einen Stich in eine alte Wunde. Komisch, dass auch ein Nichts wehtun kann. Ein Nichtsehen, ein Nichtbeachten, es ist nicht und doch vertraut und allgegenwärtig und es macht wütend, weil es so ungerecht ist, aber es macht auch hilflos, weil man es nicht ändern kann, zumindest sie kann es nicht ändern, wie man sieht, bis heute.

Dass sie sich ausgerechnet neben Peter gesetzt hat, kommt ihr wie Fluch und Segen gleichzeitig vor. Er hat noch nie etwas um sich herum wahrgenommen, Empathie gleich Null, also ganz gut, wenn man sich nicht öffnen will, aber über was soll sie sich mit so einem nichts merkenden Streber unterhalten?