Schattenliebe - Meg Cabot - E-Book

Schattenliebe E-Book

Meg Cabot

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Beschreibung

Gut gegen Böse – so romantisch wie nie!

Pierce Oliviera weiß, dass ihre Liebe zu John Hayden, dem Herrscher über Leben und Tod, sie dazu zwingt, für immer in der Unterwelt zu verweilen – dem Ort, den sie am meisten fürchtet. Doch das Opfer fällt ihr leicht, kann sie doch so bis in alle Ewigkeit bei dem Mann bleiben, der ihr mehr als alles andere bedeutet. Doch die Liebe der beiden wird auf eine harte Probe gestellt: Die Furien der Unterwelt schwören Rache, da John eine ihrer strengsten Regeln gebrochen hat. Und bald wird klar: Jemand muss sterben …

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Buch

Pierce Oliviera weiß, dass ihre Liebe zu John Hayden, dem Herrscher über Leben und Tod, sie dazu zwingt, für immer in der Unterwelt zu verweilen – dem Ort, den sie am meisten fürchtet. Doch sie hat diese Tatsache akzeptiert, und das Opfer fällt ihr leicht, kann sie doch so bis in alle Ewigkeit bei dem Mann bleiben, der ihr mehr als alles andere bedeutet. Ein Happy End scheint dennoch unmöglich, und die Liebe der beiden wird auf eine harte Probe gestellt: Die Furien der Unterwelt schwören Rache, da John eine ihrer strengsten Regeln gebrochen hat – eine Seele zu retten, jemanden zu retten, den Pierce liebt. Pierce hingegen hat sich in ihrer Rolle als Gemahlin Johns arrangiert, doch auch sie weiß, dass sie sich dem Bösen stellen muss, um die zu retten, die sie liebt. Denn bald wird klar: Jemand muss sterben …

Autorin

Meg Cabot stammt aus Bloomington, Indiana. Nach dem Studium wollte sie Designerin werden, jobbte währenddessen in einem Studentenwohnheim und schrieb ihren ersten Roman. Inzwischen ist Meg Cabot eine international höchst erfolgreiche Bestsellerautorin. Sie lebt mit ihrem Ehemann in New York City und Key West.

ROMAN

Aus dem Amerikanischen

von Maike Claußnitzer

Die Originalausgabe erschien 2013

unter dem Titel »Awaken« bei Point,

an imprint of Scholastic Inc., New York

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe Dezember 2014 bei Blanvalet Verlag,

einem Unternehmen der

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © 2013 by Meg Cabot

Copyright © 2014 für die deutsche Ausgabe

by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House, München

Published by Arrangement with Meg Cabot, LLC

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Umschlaggestaltung und -motiv: © www.buerosued.de

Redaktion: Waltraud Horbas

LH · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-64458-1

www.blanvalet.de

»Mein Sohn,

Du kannst zur Qual hier, nicht zum Tode gehen.«

Dante Alighieri, Göttliche Komödie,Das Fegefeuer, Siebenundzwanzigster Gesang

In der Schule hatte man uns beigebracht, dass wir uns an die Regeln halten sollten.

Sprecht nicht mit Fremden. Sicherheit geht vor, hieß es. Geht langsam, rennt nicht– außer natürlich, ihr lauft vor einem Fremden davon. Vor Fremden sollten wir so schnell wegrennen, wie wir nur konnten. Wie Persephone, das Mädchen aus dem altgriechischen Mythos, als Hades, der Herrscher des Totenreichs, ihr auf den Fersen war.

Aber das Problem mit Regeln ist: Manchmal sind sie falsch. Den Regeln nach tut uns nämlich angeblich kein Mitglied unserer eigenen Familie jemals etwas an.

Dass ich nicht vor meinen eigenen Blutsverwandten davongelaufen war, war mein erster Fehler.

Der zweite war, dass ich vor John Hayden weggerannt war. Er war genau die Art von Fremder, vor dem man uns in der Schule ständig gewarnt hatte. Nein, er hatte mir keine Süßigkeiten oder Drogen angeboten. Aber ein Blick in diese sturmerfüllten grauen Augen, und mir war selbst als naiver Fünfzehnjähriger klar gewesen, dass das, was er zu bieten hatte, süchtiger machte als Schokolade oder Crystal Meth.

Wie hätte ich denn wissen sollen, dass sein sturmerfüllter Blick auf eine Erfahrung zurückzuführen war, die der meinen glich? Auch er war von jemandem verraten worden, dem er den Regeln nach hätte am Herzen liegen sollen.

Vielleicht war es das, was uns beide immer wieder zusammenbrachte, ganz gleich wie sehr wir versuchten, voreinander wegzulaufen. Warum sonst hätten wir beide auf einer Insel landen sollen, die nach den menschlichen Knochen benannt war, die man dort gefunden hatte? Es stellte sich heraus, dass wir mehr als nur ein paar Leichen im Keller hatten.

Mittlerweile sind die Knochen, die diesem Ort seinen Namen gaben – Isla Huesos, Spanisch für Knocheninsel – angeblich entfernt worden. Aber die Menschen hier an den sturmumtosten Gestaden der Isla Huesos neigen noch immer zu Grausamkeit und Betrug.

Jetzt haben es weder meine Familie noch John auf mich abgesehen, sondern ein Sturm. Das weiß ich wegen der Wetterwarnungen, die ich immer wieder auf meinem Handy empfange. Man rechnet damit, dass ein verheerender tropischer Wirbelsturm, »der zu einem gefährlich hohen Wasserstand führen wird«, bald auf die Insel trifft, auf der meine Mutter und ich einen »Neuanfang« machen sollten – das zumindest war ihre Hoffnung gewesen. Laut der letzten Warnung sollte ich mich umgehend, aber ruhig zur nächstgelegenen Notunterkunft begeben.

Das Problem ist nur, dass ich mich knapp dreitausend Kilometer unter der Erdoberfläche und der vorhergesagten Bahn des Wirbelsturms befinde.

Doch wann immer mein Handy vibriert und ich einen Blick darauf werfe, um eine neue Warnung zu entdecken, beschleunigt sich mein Pulsschlag. Nicht, weil ich unmittelbar in Gefahr wäre, sondern weil ich Leute kenne, die es sind.

Es macht mir vor allem deshalb zu schaffen, weil sich herausgestellt hat, dass meine Familie in vielerlei Hinsicht dieser Uferbefestigung gleicht, die die Gemeindeverwaltung von Isla Huesos errichten ließ, um die tiefer gelegenen Gebiete vor Überflutungen zu schützen: Sie war nicht sehr zuverlässig. Von einigen Familienmitgliedern weiß ich mittlerweile sogar, dass sie aus ziemlich schlechtem Material bestehen. Sie haben Auflösungserscheinungen gezeigt und sind einfach zerbröckelt, statt ihre Aufgabe zu erfüllen: nämlich ihre Angehörigen vor dem Ertrinken zu bewahren.

Aber vielleicht habe ich es nicht besser verdient, weil ich vertrauensselig genug war zu glauben, dass die althergebrachten Regeln schon für meine Sicherheit sorgen würden.

All das hat sich geändert. Mittlerweile sind die einzigen Regeln, an die ich mich halte, meine eigenen.

Und diesmal werde ich vor dem Sturm nicht davonlaufen, wenn er kommt, sondern mich ihm frontal entgegenstellen.

Ich hoffe, er ist bereit für mich.

Von vielem Volk ist stets besetzt die Schwelle

Und nach und nach kommt Jeder zum Gericht,

Spricht, hört und eilt zu der bestimmten Stelle.

Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Die Hölle, Fünfter Gesang

Er steht an erster Stelle.

Das stand in weißer Schreibschrift auf dem T-Shirt, das das Mädchen trug.

»Wer ist er?«, fragte ich sie. Wäre ich nicht so müde gewesen, wäre ich selbst sofort darauf gekommen. Stattdessen dachte ich, das T-Shirt würde sich auf eine neue Band oder einen Filmtitel oder so etwas beziehen … obwohl ich bestimmt nicht so schnell wieder einen Film sehen würde.

»Oh«, sagte das Mädchen lächelnd. Sie freute sich sichtlich, dass sie danach gefragt wurde. Offenbar trug sie das T-Shirt genau deshalb: um Fragen wie meine zu provozieren. Das merkte ich an der einstudiert freudigen Art, mit der sie antwortete: »Mein persönlicher Herr und Erlöser. Er steht immer an erster Stelle.«

Tu’s nicht. Geh nicht darauf ein. Das ist weder der Ort noch der richtige Zeitpunkt für ein theologisches Gespräch– oder überhaupt irgendein Gespräch über das Notwendige hinaus. Denk an das, was John gesagt hat, rief ich mir in Erinnerung: Hier sind Hunderte von Menschen. Du kannst nicht allen helfen. Hilf denjenigen, denen es am schlechtesten zu gehen scheint oder die im Begriff sind, Schwierigkeiten zu machen…

»Glaubst du nicht, dass es gewisse Situationen geben könnte, in denen Er will, dass du zuerst an dich denkst?«, hörte ich mich sagen. »Was, wenn es brennt? Würde Er nicht wollen, dass du erst flüchtest und später betest?«

»Ja, natürlich«, sagte das Mädchen lachend. »Aber in meinem Herzen würde Er immer noch an erster Stelle stehen, so, wie Er mich in Seinem Herzen an erste Stelle stellt. Er ist immer bei uns, weißt du, und schützt uns vor Schaden.«

Ich hätte nicht fragen sollen. Sogar die Person, die hinter ihr in der Schlange stand – ein junger Mann, der, seiner Badehose und dem fehlenden Hemd nach zu urteilen, bei einem Jetski-Unfall gestorben war –, starrte sie mit weit offenem Mund an.

»Hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel gesehen?«, fragte er sie.

Ihr Lächeln verschwand, und sie wirkte erschrocken. »Nein. Warum? Habe ich was zwischen den Zähnen?«

Sie griff nach dem Rucksack, den sie über einer Schulter trug, und wollte ihn öffnen, aber ich streckte die Hand aus, um sie aufzuhalten. Wenn ich es nicht getan hätte, hätte sie wohl ihren Taschenspiegel gezückt und dann entdeckt, was wir anderen schon sahen: die kristallklaren Windschutzscheibenscherben, die sich wie die Diamanten eines Diadems in ihrem blonden Haar verfangen hatten, und den leuchtend roten Abdruck, den das Steuerrad auf ihrer Stirn hinterlassen hatte, weil sich der Airbag ihres Autos nicht geöffnet hatte.

Niemand hatte sie beschützt. Aber welchen Sinn hätte es gehabt, ihr das zu sagen? Sie würde wahrscheinlich nur zu weinen anfangen, und dann würde ich sogar noch mehr Zeit darauf verschwenden müssen, sie zu trösten, Zeit, die wir, wie John mich ermahnt hatte, nicht erübrigen konnten.

»Mit deinen Zähnen ist alles in Ordnung«, versicherte ich ihr eilig. »Du siehst super aus. Hier, trink das.« Ich reichte ihr ein Wasserglas von meinem Tablett. »Dann fühlst du dich gleich besser.«

Zum ersten Mal überhaupt war es heiß in der Unterwelt. Deshalb trug ich ein Tablett mit Gläsern, die allesamt mit eisgekühltem Wasser gefüllt waren. Es war eine lachhafte Geste – als hätte man auf der Titanic Schwimmwesten verteilt. Ich konnte nichts an dem ändern, was diesen Leuten zugestoßen war. Alles, was ich tun konnte, war, ihre Reise zu ihrem endgültigen Bestimmungsort etwas angenehmer zu gestalten … und dafür zu sorgen, dass sie sich beeilten.

Die Unterwelt litt im Augenblick nicht nur unter Überhitzung, sondern auch unter Überfüllung, und zwar so sehr, dass die Bedingungen gefährlich und unhaltbar geworden waren.

»Danke«, sagte das Mädchen, nahm das Wasser und nippte daran. Als sie diesmal lächelte, lag nichts Einstudiertes darin. »Ich habe solchen Durst.« Letzteres sagte sie in staunendem Ton, als ob an allem, was ihr in den letzten vierundzwanzig Stunden zugestoßen war, ihr Durst das Überraschendste wäre.

Nun ja, das Sterben kann einen durstig machen.

»Ja«, sagte ich. »Das mit der Hitze tut mir leid. Wir arbeiten daran.«

»Ihr arbeitet daran?«, wiederholte der Typ in Badehose. »Wir warten schon seit Stunden hier. Wie wäre es mit ein paar Antworten statt Wasser?«

»Ich weiß«, sagte ich zu Badehose. »Tut mir leid. Die Fähre ist unterwegs, ich schwör’s. Wir versuchen, so viele von euch so schnell wie möglich unterzubringen, aber gerade im Moment haben wir einen kleinen Rückstau und …«

»Warum sollten wir dir glauben?«, unterbrach Badehose mich. »Ich will mit demjenigen reden, der hier das Sagen hat – wer auch immer das ist!«

Ich spürte, wie mich glühender Zorn durchzuckte, rang aber darum, ruhig zu bleiben. »Was macht dich so sicher, dass ich nicht das Sagen habe?«, fragte ich herausfordernd.

Er bekam einen Lachanfall. »Sieh dich doch an«, sagte er.

Ich konnte nicht anders, ich sah an mir hinunter. Während die meisten Leute in der Schlange leichte Freizeitkleidung trugen wie Mr. Badehose – manche trugen auch Krankenhausnachthemden oder sogar Schlafanzüge, was auch immer sie angehabt hatten, als der Tod sie ereilt hatte –, war ich in ein Kleid mit Flügelärmeln gehüllt, dessen Saum mir bis auf die Füße reichte. Obwohl der Stoff aus hauchfeiner Baumwolle bestand, klebte er mir feucht an der Haut, und das nicht nur, weil die Wellen des Sees heftiger als üblich anbrandeten, so dass Schaum und Gischt gegen den Anleger spritzten. Einzelne Strähnen meines langen, dunklen Haars waren aus dem Knoten gerutscht, zu dem ich es hochzustecken versucht hatte, und klebten mir am Nacken und seitlich am Hals. Ich hätte mein Handy oder vielleicht sogar meinen BH für eine Klimaanlage oder einen Ventilator gegeben.

Aber wie sich herausstellte, meinte Badehose gar nicht meinen Aufzug.

»Wie alt bist du?«, wollte er wissen. »Fünfzehn? Sechzehn?«

»Siebzehn«, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen und riss mich zusammen, um ihn nicht mit dem Wassertablett zu bewerfen. »Wie alt bist du? Von Gesetzes wegen muss man mindestens achtzehn sein, um im Staat Florida einen Jetski zu mieten.«

Das wusste ich, weil meine Mutter sich andauernd darüber beschwerte, dass Jugendliche auf diesen kleinen Wasserfahrzeugen Rennen durch die Mangrovenwälder veranstalteten, in denen sie ihre geliebten Rosalöffler erforschte. Die Jetski stießen unmittelbar unter der Meeresoberfläche mit Delphinen und Seekühen (und manchmal sogar mit Schnorchlern und Tauchern) zusammen und töteten sie, ohne dass die Fahrer auch nur etwas davon bemerkten.

Bis auf diesen. Womit auch immer Badehose zusammengestoßen war, der Rückstoß war stark genug gewesen, um ihn umzubringen.

»Ich bin neunzehn«, sagte er leicht perplex. »Woher weißt du, dass es …«

»Es ist meine Aufgabe, so etwas zu wissen«, fiel ich ihm ins Wort. »Aber du kannst gern mit dem sprechen, der hier das Sagen hat – mit meinem Freund. Er ist da drüben, auf dem Pferd.«

Ich deutete über den Strand auf den Anleger, der gegenüber von dem lag, auf dem wir standen. Dort versuchte John gerade auf seinem Rappen Alastor gemeinsam mit zwei großen muskulösen Männern in schwarzem Leder eine weitaus rüpelhaftere Menschenmenge in Schach zu halten. Die Schlange, über die ich die Aufsicht führte, war unzufrieden; die andere dagegen probte schon aktiv den Aufstand. Dort drüben wurden niemandem irgendwelche Wassergläser angeboten – hätte man es getan, wären die Gläser auf dem Schädel des Nachbarn zerschmettert und die Scherben als Waffen eingesetzt worden.

»Äh, nein danke«, sagte Badehose und wandte unbehaglich den Blick von John ab, der gerade am Hemdkragen eines Mannes riss, um ihn von der Kehle eines anderen wegzuzerren. »Schon gut. Ich warte einfach hier.«

»Ja«, sagte ich. Trotz der ernsten Lage konnte ich ein Lächeln nicht unterdrücken. »Ich dachte mir, dass du das sagen würdest.«

Versuch einfach, sie ruhig zu halten, hatte John gesagt, als wir vom Palast zum Strand hinuntergegangen waren. Ein einziger Stein kann sehr viele Wellen schlagen. Ein Aufruhr ist das Letzte, was wir jetzt brauchen können.

Verstanden, hatte ich gesagt.

Du musst auch nicht selbst Hand anlegen, hatte John gesagt. Beim kleinsten Anzeichen von Schwierigkeiten bin ich da.

Woher willst du das wissen?, hatte ich gefragt.

Wenn es Schwierigkeiten gibt und du mittendrin steckst, werde ich es schon mitbekommen, hatte er gesagt und mir ein Lächeln geschenkt, das meine Knie butterweich werden ließ.

Es war mir gelungen, den Aufruhr abzuwenden, den Badehose mit seinem Stein auszulösen versucht hatte, aber das hieß noch lange nicht, dass alles glattgehen würde … besonders, was John und mich betraf. Wir versuchten noch immer, die Wogen in unserer Beziehung zu glätten. Manche Situationen waren etwas schwieriger durchzustehen als andere. John hatte nicht gewollt, dass ich hier unten am Strand mithalf. Er hatte gewollt, dass ich bei Mr. Graves im Palast blieb und mich um meinen Cousin Alex und meine beste Freundin Kayla kümmerte, die sich immer noch von ihrem Schock erholten; sie waren zu ihrer eigenen Sicherheit aus dem Land der Lebenden ins Totenreich entführt worden – und diese Umstellung fiel einem niemals leicht, das wusste ich aus eigener Erfahrung.

Aber ein einziger Blick auf die Unmenge von Seelen, die sich am Strand eingefunden hatten, während wir auf Isla Huesos gewesen waren, hatte mir verraten, dass ich mich dort nützlicher machen konnte als an Alex’ und Kaylas Krankenbett. Am Ende hatte sogar John zustimmen müssen.

Doch dass wir auch in der Lage waren, mal einer Meinung zu sein, hieß noch lange nicht, dass es auf unserem gemeinsamen Weg keine weiteren Hindernisse mehr geben würde. In einer Beziehung zu leben war gar nicht so leicht, wie ich in den letzten Tagen herausgefunden hatte. Es ist wahrscheinlich sogar dann kompliziert, wenn der eigene Freund kein Totengott ist.

Aber wenn er es ist, dann fangen die Probleme erst richtig an.

Das Er-steht-an-erster-Stelle-Mädchen streckte die Hand aus, umfasste meinen nackten Arm und riss mich so aus meinen Gedanken. »Entschuldige«, sagte sie. »Wie heißt du?«

Freunde dich auf keinen Fall mit ihnen an. Das war ein anderer Ratschlag, den John mir während meiner übereilten Notfalleinarbeitung in Sachen Seelenbetreuung erteilt hatte. Du bist hier, um eine Aufgabe zu erledigen, nicht, um dich mit ihnen anzufreunden.

»Pierce«, sagte ich zu ihr. Ich hatte mir Johns Warnung zu Herzen genommen, aber was sollte ich jetzt denn machen, lügen? »Hör mal, es tut mir leid, aber ich muss jetzt wirklich weiter.« Ich deutete auf das Ende der Schlange, die sich vom Anleger hinaus auf den Strand und bis hinter die Dünen wand. »Ich muss noch vielen Leuten helfen.«

»Oh, stimmt«, sagte das Mädchen und nickte mitfühlend. »Ich weiß ja, der Sturm … Ich hätte den Wetterbericht ernst nehmen und gar nicht erst versuchen sollen, das Haus meines Dads zu verlassen. Ich habe den Baum nicht umstürzen sehen.« Sie kicherte, als wollte sie sagen: Wie tollpatschig von mir, dass ich mir den Baum habe ins Auto knallen lassen und dabei gestorben bin! »Wie auch immer, ich bin Chloe. Ich möchte nur, dass du eines weißt, Pierce: Für Ihn stehst auch du in Seinem Herzen an erster Stelle.«

Erst wusste ich nicht, wovon sie sprach. Dann erinnerte ich mich. »Äh«, sagte ich. »Toll. Danke. Ich muss jetzt …«

»Nein, wirklich«, sagte Chloe, eifrig darauf bedacht, mich auf den Weg des Glaubens zu führen. »Es ist wahr. Das tut Er.«

War es wahr? An dem Tag, als meine Großmutter mich ermordet hatte, hatte ich für niemanden an erster Stelle gestanden. Auch meine ehemalige beste Freundin Hannah nicht, als sie sich umgebracht hatte. Auch meine Vertrauenslehrerin Jade nicht, als sie getötet worden war. Und was war mit letzter Nacht? Für wen hatte mein Cousin Alex zu irgendeinem Zeitpunkt seines kurzen, erbärmlichen Lebens an erster Stelle gestanden?

Wie sich herausstellte, war ich nicht die Einzige, die ihre Zweifel hatte.

»Weißt du überhaupt, wo du bist?«, fragte Badehose Chloe fassungslos.

»Hm«, sagte sie und sah sich auf dem Anleger um. »Ja. Wir warten auf eine Fähre. Stimmt’s? Das sagt sie.« Chloe zeigte auf mich.

»In der Hölle«, unterbrach Badehose sie. »Wir sind in der Hölle. Warum sonst sollte es wohl so heiß sein? Und so überfüllt?«

Das Mädchen sah wieder mich an, die blauen Augen vor Entsetzen weit aufgerissen. »Das stimmt doch nicht, nicht wahr? Sind wir in der …« Sie brachte es nicht über sich, das Wort auszusprechen.

»Natürlich nicht«, sagte ich und warf Badehose einen bösen Blick zu. Ich hob die Stimme, damit auch alle anderen in der Nähe, die diesen Ausbruch vielleicht mit angehört hatten, meine Ansage nicht verpassen würden. »Jede Minute wird eine Fähre kommen, die euch an euren endgültigen Bestimmungsort bringt. Es tut mir leid, dass es so voll ist, und dass wir etwas hinterherhinken, und so heiß ist das Wetter normalerweise nicht …«

Ich wurde von einem Donnergrollen unterbrochen, das so laut war, dass alle, sogar Badehose, überrascht aufschrien. Dann wandten sie sich zu der Geräuschquelle um. Es war eine Nebelwand, die fast fünfzehn Meter hoch aufragte und langsam, aber unerbittlich über das Wasser in unsere Richtung wallte.

Sie sah aus wie ein Szenenbild aus den Die-Mumie-Filmen, in denen sich der Sandsturm quer durch die Wüste ausbreitet und die tapfere Armee verschlingt … nur dass es hier keine Mumie gab und es sich um Nebel, nicht um Sand handelte. Und leider war das hier kein Spielfilm.

»Was ist das?«, fragte Badehose und zeigte darauf.

»Nur ein kleiner Sturm«, sagte ich. »Das ist normal.«

Ich klang selbst in meinen eigenen Ohren nicht überzeugend. Warum glaubte ich also, dass ich die anderen überzeugen könnte? Wahrscheinlich genau aus dem Grund wiederholte ein alter Mann, der ein Krankenhausnachthemd trug: »Ein kleiner Sturm? Und ich schätze, du denkst, das da oben sind nur ein paar kleine Vögelchen?« Er zeigte über seinen Kopf.

Ich musste nicht erst hinsehen. Ich wusste, wovon er sprach. Ein Schwarm schwarzer Vögel hatte sich versammelt und zog schon den ganzen Tag immer engere Kreise über dem Strand.

»Das sind doch nur ein paar Vögel«, sagte ich so gleichgültig wie möglich. »Sie sind auch nicht anders als der hier.« Ich deutete auf einen aufgeplusterten weißen Vogel, dessen Flügel- und Schwanzspitzen wirkten, als wären sie versehentlich in schwarze Tinte getunkt worden, und der ein paar Schritte von mir entfernt auf dem Geländer des Anlegers saß. »Sie sind völlig harmlos.«

Der alte Mann im Krankenhausnachthemd lachte, als hätte ich einen Witz gemacht – aber keinen sehr lustigen, denn sein Lachen klang bitter. »Ich bin Amateurornithologe, junge Dame. Ich kenne den Unterschied zwischen Trauertauben und Raben. Die da« – er zeigte auf Hope, mein Haustier – »gehört zur Ordnung der Columbiformes, der Taubenvögel. Sie sind harmlos.«

Da hatte er Recht. Hope hatte mir sogar mehrfach das Leben gerettet, auch wenn man ihr das nicht ansah, besonders, da sie gerade damit beschäftigt war, sich zu putzen, als säße sie im Club Med und nicht an einem Zwischenstopp auf dem Weg zur Hölle (oder in den Himmel).

»Die da«, fuhr Krankenhausnachthemd fort und zeigte nach oben, »sind Raben. Aasfresser. Wollt ihr wissen, was Aasfresser fressen? Aas eben … die Toten. Mit anderen Worten, uns.«

Chloe schnappte nach Luft, und da war sie nicht die Einzige. In beiden Richtungen hörte ich unzufriedenes Gemurmel aus der Schlange. Niemandem gefällt der Gedanke, dass ihm das Fleisch von den Knochen gefressen werden könnte, nicht einmal Menschen, die schon tot sind.

Ausgerechnet ich musste einen Amateurvogelkundler in der Schlange haben; das konnte auch nur mir passieren.

»He«, sagte ich und streckte die Hand aus, um Chloe tröstend den Arm zu drücken. »Wir haben alles unter Kontrolle. Seht mal!« Ich zeigte ihnen den schweren Diamantanhänger, den ich an einer goldenen Kette um den Hals trug. Normalerweise hielt ich ihn unter meiner Kleidung versteckt, weil allen, denen ich ihn bisher gezeigt hatte, schreckliche Dinge zugestoßen waren. Aber diese Leute hatten ohnehin schon das Schlimmste durchgemacht, was das Schicksal für sie bereithielt.

Das wollte ich zumindest stark hoffen.

»Dieser Diamant verfärbt sich zur Warnung schwarz, wann immer Gefahr oder Schwierigkeiten drohen«, erklärte ich, »also ist alles bestens.«

»Wirklich? Ich würde sagen, wir sind alle erledigt, denn schwärzer kann der Stein da bestimmt nicht mehr werden.« Badehose zeigte auf seinen eigenen Arm. »Und mit Schwarz kenne ich mich aus.«

Ich sah nach unten. Badehose übertrieb. Aber der Stein war von seinem normalen Silbergrau in dasselbe Tintenschwarz übergegangen, das Hopes Flügel- und Schwanzspitzen zeigten.

Verdammt. Angesichts dessen, was ringsum vorging, hätte es mich nicht überraschen sollen, dass der Diamant die Farbe gewechselt hatte. Vielleicht diente er nicht nur als Furienwarngerät, sondern verfärbte sich auch bei schlechtem Wetter.

Bevor ich etwas erwidern konnte, fragte Chloe schon staunend: »Ist das so was wie ein Stimmungsring? So einen hatte ich auch mal. Bei meiner Mom und meinen Schwestern hatte er ein ganz schönes Lila, aber immer wenn mein Dad im Zimmer war, wurde er schwarz. Mein Dad war so sauer, dass er ihn weggeworfen hat. Er hat gesagt, der Ring wäre bestimmt kaputt.«

»Ja, bestimmt«, sagte Badehose und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Und deshalb bist du auch mitten während eines Hurrikans raus und weggefahren und hast dir den Schädel eingeschlagen, was? Vielleicht bist du doch nicht so gut mit deinem Dad klargekommen.«

»Was?« Chloe betastete mit zitternden Fingern ihre Stirn. »Stimmt was nicht mit meinem Kopf?«

»Es ist nichts«, sagte ich und stopfte meinen Diamanten hastig zurück ins Mieder meines Kleids. »Seht mal, es kommt schon alles in Ordnung. Wir haben gerade im Moment ein paar technische Schwierigkeiten, das ist alles. Wir tun, was wir können, um sie zu beheben. Wir wissen eure Geduld wirklich zu schätzen.«

Allerdings war ich mir nicht sicher, wie man in einer unterirdischen Höhle, in der niemals die Sonne schien, Nebel hätte beheben können – ganz zu schweigen von Donner, Temperaturen, die die 30-Grad-Marke überstiegen, oder Aasfressern. Zugegeben, die schwarzen Orchideen und anderen Blumen, die im Hof des Palasts auf dem Hügel blühten, brauchten kein Sonnenlicht, um zu wachsen. Sie waren das, was meine Mutter, die Umweltbiologin, als »Schwindler« bezeichnet hätte, die keine Photosynthese betrieben.

Aber im Grunde genommen war auch ich eine Schwindlerin. Alle Vollzeitbewohner der Unterwelt einschließlich meines Freundes hatten den Tod auf die eine oder andere Weise beschwindelt … manche allerdings weitaus später als andere, so dass sie noch nicht ganz so vertraut mit der Etikette im Totenreich waren.

Das versuchte ich mir gerade ins Gedächtnis zu rufen, als ich hörte, wie jemand den Pier entlanglief. Ich drehte mich um und entdeckte meinen Cousin, der mit einem Affenzahn auf mich zugestürmt kam.

»Pierce«, sagte Alex und kam schlitternd vor mir zum Stillstand. Keuchend beugte er sich vor und stützte die Hände auf die Knie, um Atem zu schöpfen. »Gott sei Dank geht es dir gut. Ich dachte schon, ich würde dich niemals finden.«

Ich weiß nicht, was mich mehr schockierte: dass mein Cousin Alex in Piratenmanier ein schwarzes Kopftuch trug und eine zusammengerollte Peitsche in der Hand hatte oder dass er sich anmerken ließ, dass er um mein Wohlergehen besorgt war. Beides war gleichermaßen untypisch für ihn.

»Alex«, sagte ich, als ich mich von meinem Schock erholt hatte. »Wann bist du aufgewacht?« Als ich ihn zuletzt gesehen hatte, hatte er noch im Palast auf einem Feldbett in der Küche gelegen und war abwechselnd bei Bewusstsein gewesen und wieder eingenickt – was, wie man mir erzählt hatte, keine ungewöhnliche Reaktion war, wenn man von den Toten auferweckt und dann in die Unterwelt gebracht wurde. »Ich dachte, Mr. Graves …«

»Ist das der komische alte Knacker mit dem Zylinder?« Alex richtete sich auf und wischte sich ein bisschen Schweiß von der Stirn. »Ja, es war kein Problem, ihn abzuhängen.«

»Das kann ich mir denken; immerhin ist er blind«, sagte ich hitzig. »Und er ist nicht komisch. So waren Schiffsärzte nun einmal im neunzehnten Jahrhundert gekleidet, als er hergekommen ist …« Mir versagte die Stimme, als mir angesichts von Alex’ Miene klar wurde, wie geistesgestört ich wohl klang.

»Klar«, sagte Alex sarkastisch, »das ist auch überhaupt nicht seltsam.«

»Du hast ihm doch nichts getan, oder?«, fragte ich und beäugte die Peitsche. Dann bekam ich vor Nervosität Herzklopfen. »Wo ist Kayla?«

Alex blieb der Mund offen stehen. »Oh Gott. Sag nicht, dass Kayla auch hier ist!«

Ich konnte es nicht fassen. »Natürlich ist sie das, Alex. Erinnerst du dich denn nicht? Wir haben sie hergeholt, um sie vor …«

»Egal«, sagte Alex kopfschüttelnd. »Es ist zu spät, sie holen zu gehen. Der Junge und der bescheuerte Hund sind mir dicht auf den Fersen.« Er packte mich am Handgelenk. »Komm schon, Pierce. Ich habe da etwas von einer Fähre gehört. Wir müssen sie finden.«

»Alex«, sagte ich und starrte jetzt auf seine Hand hinab. »Wovon sprichst du?«

Alex verlor die Geduld mit mir. »Pierce, verstehst du denn nicht? Ich befreie dich.«

Die Augen tief und hohl und nachtumgraut,

Erschienen sie, die Hagern, die Erblaßten,

Die Knochen alle sichtbar durch die Haut.

Dante Alighieri, Göttliche Komödie, Das Fegefeuer, Dreiundzwanzigster Gesang

»Komm schon.« Alex verstärkte den Griff um meinen Arm. »Wir haben nicht viel Zeit. Ich habe gehört, wie der blinde Typ zu dem Jungen gesagt hat, dass hier gleich die Hölle losbrechen wird …«

Ich zuckte bei der Wortwahl meines Cousins zusammen, da die Menschenmenge, die überwiegend aus Senioren bestand, wenn man von Badehose und dem Er-steht-an-erster-Stelle-Mädchen absah, wieder erschrocken zu tuscheln begann.

»Nein.« Ich entriss Alex mein Handgelenk und hielt ihm schwungvoll das Tablett voller Wassergläser hin. Er nahm es mir instinktiv ab und ließ zu, dass ich ihm die Peitsche stibitzte. »Du willst verhindern, dass hier gleich die Hölle los ist? Dann gib den Leuten Wasser. Verstanden? Wasser. Keine Peitschen.« Dann senkte ich die Stimme, damit die Umstehenden uns nicht hören konnten, und fragte: »Was ist nur mit dir los? Wir haben dich hergeholt, damit du außer Gefahr bist – um dich von den Leuten fernzuhalten, die dir zu Hause auf Isla Huesos etwas antun wollten. Schon vergessen? Seth Rector? Sargnacht? Fällt der Groschen?«

Alex zog die dunklen Augenbrauen stirnrunzelnd zusammen. »Natürlich fällt er. Ich bin doch kein Idiot. Da finde ich nun endlich die Beweise, die ich brauche, um diese Dreckskerle für immer wegsperren zu lassen, und mir nichts, dir nichts werde ich niedergeschlagen und wache in irgend so einem …« Er zögerte, und sein finsterer Blick wich einem verwirrten Ausdruck, als er sich umsah. »Was ist das hier überhaupt für ein Ort?«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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