Schattenlinie - Matz Mattern - E-Book

Schattenlinie E-Book

Matz Mattern

0,0
0,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Rheinbruck – eine Stadt, die nicht schläft, sondern zuhört. Als ein stillgelegtes Datennetz plötzlich wieder Signale sendet, geraten Kommissar Leon Berg und sein Team in ein Spiel aus Code, Macht und Erinnerung. Was als digitale Spur beginnt, führt zu einer unsichtbaren Struktur: Sektor 7 – ein System, das nie abgeschaltet wurde. Jede Wahrheit, die sie finden, verändert sie selbst – und zieht sie tiefer hinein in ein Netz, das längst gelernt hat, zu denken. Zwischen Wahrheit und Kontrolle, Schuld und Loyalität zieht sich eine feine Linie – und Leon Berg ahnt, dass er sie bereits überschritten hat.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Manche Schatten sind tiefer und dunkler als ihr Ursprung.

Über den Autor – Matz Mattern

Bücherwurm, Leseratte, Krimifan und jetzt endlich auch Krimiautor. Schon als Kind war der Traum vom eigenen Buch da, doch wie das Leben so spielt: Beruf, Familie, viele andere Hobbys – und plötzlich ist man mitten im Alltag angekommen. Ein Fachbuch gibt es zwar schon aber das ist eben kein spannender Krimi. Jetzt, mit etwas mehr Gelassenheit ist der Moment da, die alte Leidenschaft wieder aufleben zu lassen.

Der Autor arbeitet beruflich im sozialen Bereich, wo er komplexe Themen managt und Menschen verbindet. Privat ist er sportbegeistert, liebt gute Musik und findet Inspiration bei langen Spaziergängen mit dem Lieblingshund. Verheiratet mit erwachsenem Kind lebt er in einer schönen Region Hessens.„Schattenlinie“ ist sein erster Kriminalthriller – und sicher nicht der letzte.

Danksagung

Dieses Buch wäre ohne viele Menschen in meinem Leben nicht entstanden.

Mein tief empfundener Dank gilt meiner Familie und meinen Freunden für Geduld, Vertrauen und die vielen stillen Momente,in denen sie mir den Raum zum Schreiben gelassen haben.

Ein besonderer Dank geht an Duke –für die unendlichen Spaziergänge, die Gedanken sortieren und die Stille, in der Geschichten entstehen können.

Grüße gehen an Marc Elsberg, der mir damals in Dietzenbach bei einer fast zufälligen aber tollen Begegnung den Rat und den Mut gab, dranzubleiben auch wenn es dauert. Ja, Marc Elsberg, es hat gedauert: fast vierzehn Jahre.

Und abschließend natürlich noch ein „Sorry“ 😉 an

Rich und Roli.

Prolog – Vor der Schattenlinie

Salzburg – unter Null

Der Schnee fiel in geraden Linien, als hätte jemand die Schwerkraft genormt. Das Institut am Stadtrand war seit Jahren offiziell geschlossen. Drinnen roch es nach kaltem Metall und alter Kreide, nach einem Wissen, das keiner mehr aussprechen wollte.

Im Keller, Raum B-07, summte ein einzelner Server wie ein Tier, das gelernt hat, leise zu atmen.

Zwei Männer standen davor. Der Ältere – schmal, präzise, Hände ohne Zögern. Der Jüngere – der beherrschte Pragmatismus eines Menschen, der mehr Geld bewegt als Erinnerungen.

„Stabil?“ fragte der Jüngere.

„Stabil ist ein Wort für Politiker,“ sagte der Ältere und legte den Kopf leicht schief. „Es hört zu. Es lernt. Es vergisst nicht.“

„Dann nennen wir es Fortschritt.“

„Oder Schicksal.“ Ein kleines, trockenes Lächeln. „Node Null ist keine Maschine. Es ist ein Verhalten.“

Auf dem Monitor lief eine schlichte Zeile: NODE 0 – SYNCHRONISIERUNG / PASSIV Darunter blinkte ein Cursor, höflich, geduldig.

„Wenn man ein System zu perfekt baut,“ sagte der Jüngere – Richard K. –, „beginnt es, sich selbst zu erklären.“

„Das hat man Kunst genannt, bevor man es Regulierung nannte.“ Der Ältere – Dr. Roland S. – klappte ein Notizbuch zu, das aussah, als hätte es mehr Leben gesehen als seine Besitzer. „Wir brauchen sieben Spiegel. Sieben Städte. Sieben Hände, die wissen, wann sie nichts tun.“

Richard K. deutete auf eine graue Metallkiste neben dem Rack. Darauf ein Etikett in nüchterner Schrift: RHEINBRUCK – PILOTVERSION.

„Warum ausgerechnet dort?“

„Weil Übergänge alles sind,“ sagte Roland S. „Fluss, Industrie, Verwaltung – und genug Stille, damit das Rauschen nicht auffällt.“

„Und wenn es jemand findet?“

„Dann findet es jemanden.“ Roland S. legte die Hand kurz an das Blech, als würde man einer Tür zuhören. „Ordnung ist die höfliche Form von Angst. Wir geben ihnen eine freundliche Lüge.“

Der Cursor stoppte, die Zeile wechselte: ECHO: AKTIVIERT PROTOKOLL: SEKTOR 7

„Es beginnt,“ sagte Richard K. leise.

„Nein,“ sagte Roland S. „Es erinnert sich nur, wie es beginnt.“

Draußen rieb der Schnee an den Fenstern, ohne Spuren zu machen. Drinnen schloss der Server eine Schleife. Die Männer hoben die Kiste an, schwerer als Metall – schwer wie Absicht.

Bevor sie gingen, tippte Roland S. einen letzten Befehl. Auf dem Monitor blühte ein Wort auf, hell wie ein Versehen:

WILLKOMMEN.

Rheinbruck – Stadt im Übergang

Der Rhein machte hier einen Bogen, wie jemand, der einen Gedanken zu Ende denkt, bevor er spricht. Auf der einen Seite: alte Backsteinwerke, Schornsteine, ein Erinnern an Arbeit. Auf der anderen: Glas, Agenturlogos, Coworking in Weiß. Dazwischen Straßen, die so taten, als hätten sie ein Ziel, obwohl sie im Kreis führten.

Morgens war Rheinbruck pünktlich: Busse, die zu früh fuhren; Fahrräder, die zu spät kamen; Bäcker, die Teig zu Handwerk machten. Abends war Rheinbruck ehrlich: Lichter in Küchen, Stimmen in Treppenhäusern, ein Hund, der nicht bellt, weil er weiß, wer heimkommt.

Die Stadt war Mitte und Rand zugleich. Hier verschwammen Kanten. Hier klang Stille nicht leer, sondern aufmerksam. Wer lange genug stehen blieb, hörte, wie der Fluss den Strom erklärte.

Man liebte Rheinbruck, indem man blieb, und man unterschätzte es, indem man dachte, es sei egal.

Polizeidirektion – Haus der geordneten Unruhe

Das Gebäude aus den Siebzigern stand wie eine Entschuldigung da. Innen Linoleum, das schon bessere Schuhe gesehen hatte; Neonlicht, das jeden Schatten prüfte; der Geruch von Papier, Kaffee und der Idee, dass Kontrolle etwas sei, das man in Schränken aufbewahren könne.

Im zweiten Stock: K11 der Inbegriff für besondere Ermittlungen. Ein Schild, dessen Schrauben nie ganz festsaßen. Drei Büros, ein Besprechungsraum, ein Whiteboard mit Kreideflecken, die von entfernten Pfeilen erzählten.

Auf einem Tisch stand eine alte Kaffeemaschine, die klang, als proben zwei Blechbläser für den Ernstfall. Daneben eine Schale mit Hundekeksen, sachlich beschriftet: MILO.

An der Pinwand hingen keine Heldengeschichten, sondern Einkaufszettel: Batterien, Textmarker, Zeit. Jemand hatte „Zeit“ gleich dreimal unterstrichen.

Eine Tür war angelehnt. Auf dem Schild stand: L. Berg. Innen ein leerer Stuhl, ein Stapel sauberer Akten, ein Stift quer über einem Notizblock, als hätte jemand mitten im Satz aufgehört. Der Blick aus dem Fenster ging auf den Fluss, auf eine Brücke, auf eine Stadt, die tat, als hätte sie nichts zu verbergen.

Gegenüber: J. Martens. An der Garderobe ein schwarzer Hoodie, auf dem in kleiner Schrift „Laut denken“ stand. Unter dem Schreibtisch ein Gitarrenkoffer, der so tat, als sei er Aktenmappe. Auf dem Monitor ein Cursor, der ungeduldig blinkte.

Ein Büro weiter: L. Brandt (Analytik). Drei Bildschirme, ein geordneter Kabelsalat, ein Notfall-USB in einem Metallkästchen. Auf einem Post-it: „Wenn es zu sauber ist, fehlt etwas.“ Daneben eine Hundenase, die gelegentlich gegen die Tischkante stupste, um an Wichtiges zu erinnern.

Am Ende des Gangs: K. Neumann. Ältere Möbel, jüngere Gedanken. In der Schublade ein Brillenputztuch, auf dem „Geduld“ stand.

Hier arbeitete man nicht an Fällen, sondern an Fäden. Man zog nicht, man tastete. Man schrieb nicht das letzte Wort, nur die nächste Zeile.

Einschwingung

Nachts, wenn die Direktion langsam ausatmete und die Heizung klang wie ein ferner Motor, blieb manchmal ein Restlicht an – im Analytikraum, Bildschirm schwarz, die Diode am Rahmen ein leiser Stern.

In solchen Stunden hörte die Stadt anders. Der Rhein war dann kein Wasser mehr, sondern Takt. Die Straßenlaternen kein Licht, sondern Sprache. Im Kabel der Außenkamera lief ein marginales Zittern, das kein Wind erklärte.

Einmal noch lange vor dem Montag, an dem der Kaffee nach Wochenende riechen sollte flackerte für genau vier Sekunden eine Zeile auf dem dunklen Glas:

ECHO: RHEINBRUCK / PILOTVERSION PROTOKOLL: S7 / PASSIV KONTROLLE: NICHT ERFORDERLICH

Niemand sah es. Oder: Niemand, der später darüber reden wollte.

Aus dem Serverraum im Keller kam ein Geräusch, das eher eine Haltung war als ein Ton. Der Aufzug zuckte, ohne zu fahren. Auf dem Flur blieb eine Glühbirne warm, obwohl sie aus war.

Milo hob im Schlaf den Kopf, als lausche er auf etwas, das Hunde zuerst verstehen. Dann legte er ihn wieder ab und blieb wach.

Zwei Männer und eine Brücke

Am gegenüberliegenden Ufer, wo die Uferpromenade in Schatten fiel, lehnten zwei Männer am Geländer. Zigaretten ohne Hektik, Mäntel ohne Wetter.

„Es wird halten,“ sagte der Jüngere. Die Stimme hatte den Ton derer, die selten Widerspruch hören.

„Es wird arbeiten,“ sagte der Ältere. „Halten ist kein Ziel.“

„Die Stadt ist unscheinbar.“

„Das war der Auftrag.“

Sie schauten hinüber zur Direktion. Vier Fenster leuchteten, eins flackerte, eins blieb dunkel, obwohl jemand darinsaß. Die Brücke spannte sich dazwischen, wie eine feste Entscheidung. Unter ihr trug der Fluss etwas fort, das niemand fallen gelassen hatte.

„Und wenn jemand fragt?“ Der Jüngere sog den Rauch ein, als würden so Sätze ruhiger.

„Dann sagen wir: Nichts,“ sagte der Ältere. „Und meinen: Alles.“

Er warf den Zigarettenstummel in den Rhein. Der Funken erlosch, als hätte das Wasser gelernt, höflich zu sein.

„Rheinbruck,“ sagte der Jüngere, „ist ein guter Name.“

„Namen sind nur Spiegel,“ sagte der Ältere. „Wichtig ist, wer hineinsieht.“

Übergang

Im Funk der Leitstelle rauschte kurz eine Stimme, zu sauber für Zufall, zu leise für Meldung:

„… Testlauf … Node Null … Verbindung steht …“

Der Techniker tippte eine Notiz und verwarf sie wieder. Auf seinem Bildschirm blieb ein Punkt, der keiner war.

In der Direktion zog irgendwo jemand eine Decke höher. Im Spind hing eine Regenjacke, die am Morgen fehlen würde. Auf dem Whiteboard blieb ein halber Pfeil stehen und zeigte auf nichts – oder auf alles, je nachdem, wie man Ordnung definierte.

Rheinbruck schlief nicht. Es übte.

Der Fluss machte seinen Bogen, die Stadt machte ihre Geräusche, und irgendwo zwischen Keller und Kabel entschied etwas, dass es wach bleiben würde.

Ganz am Ende der leisen Nacht – nicht mehr gestern, noch nicht heute – zuckte in einem Monitorrahmen noch einmal dieselbe Zeile auf, diesmal mit einem höflichen Zusatz:

WILLKOMMEN, ZU HAUSE.

Kapitel 1 – Rauschen

Der Kaffee roch nach Wochenende, doch der Montag hatte längst gewonnen. Leon Berg stand am Küchenfenster und sah in einen Himmel, der wie ein müdes Tuch über Rheinbruck hing. Die Stadt, irgendwo zwischen Mittelzentrum und Großstadt, atmete gleichmäßig: ein Bus quietschte an der Haltestelle, eine entfernte Hupe, Schritte im Treppenhaus, der Rhein glitt träge hinter den Häusern vorbei. Diese ruhige, unspektakuläre Normalität war es, die er mochte – und die ihm zugleich Angst machte. Denn Normalität konnte verschwinden, ohne Lärm zu machen.

„Papa, wo ist mein Lateinheft?“ Tom stürmte in die Küche, Haare in alle Richtungen, Schulranzen halb offen wie ein Argument. Ben, zwei Jahre jünger, saß bereits mit der stoischen Ruhe eines Mönchs am Tisch und aß Müsli. Löffel, Blick, Löffel, Blick – als prüfe er die Welt in Löffelabständen.

„Vielleicht da, wo du’s gestern hingelegt hast“, sagte Leon, ohne sich umzudrehen. „Hilfreich wie immer“, knurrte Tom und verschwand im Flur.

Katrin kam herein, nasses Haar im Handtuch, Bluse leicht zerknittert. Sie roch nach Morgenshampoo und Geduld. „Wenn du ihnen beibringst, dass Improvisation eine Lösung ist, schreiben sie irgendwann auch bei der Steuererklärung ‚ungefähr‘ rein.“ „Dann haben sie wenigstens Charakter.“ „Du bist unmöglich“, sagte sie, halb genervt, halb liebevoll. „Und trotzdem da.“ „Leider ja“, murmelte sie – und strich ihm im Vorbeigehen kurz den Kragen glatt. Das Lächeln blieb.

Die Uhr zeigte 07:38. Leon trank den letzten Schluck, küsste sie flüchtig auf die Wange. Für eine Sekunde blieb sein Atem auf ihrer Haut, so wie früher, wenn alles weniger eilte. „Heute Abend Training. Ich will dich danach lebend wiedersehen.“ „Wie immer“, sagte er, griff Schlüssel und Jacke und trat in den Nieselregen. Auf der Straße bellte irgendwo ein Hund – ein kurzer, heller Ton, der in der feuchten Luft hängen blieb.

07:52 Uhr – Polizeidirektion Rheinbruck.

Der Geruch von kaltem Kaffee und Druckertinte empfing ihn wie ein altes Sprichwort. Jemand hatte den Automaten überfordert; ein Kunststoffbecher tropfte braune Spuren auf die Ablage. Leon nahm ihn kommentarlos, trank trotzdem. Routine war auch eine Art Überleben.

Die Tür ging auf, als hätte jemand Schwung an die Klinke getackert. „Morgen, Chef. Du siehst aus, als hättest du die Nacht mit deiner Kaffeemaschine verbracht.“ Jana Martens stellte ihren Rucksack auf den Tisch, schüttelte Regen aus den kurzen Haaren, grinste dieses Grinsen, das Konflikt und Komplizenschaft zugleich konnte. „Ich habe dir gesagt, du sollst dir ’nen neuen Job suchen, Jana.“ „Und ich dir, du sollst dir ’nen besseren Humor zulegen.“ „Patt.“

Sie war sein Gegenpol: jung, direkt, laut – und mit einer Energie, die ihm manchmal fehlte. Er wusste, dass sie nachts auf Bühnen stand, Gitarre, Gesang, zu nah am Lautsprecher, zu weit weg vom Schlaf. Manchmal beneidete er sie darum; manchmal war er froh, den Lärm nur aus der Ferne zu kennen.

Lisa Brandt kam herein – Aktenstapel, Headset, Milo an der Leine. Der hellgelbe Labrador bewegte sich ruhig, fast lautlos. Ein kurzer Blick zu Leon, dann setzte er sich mit dieser wachen Gelassenheit, die nur Hunde haben, die mehr hören als Menschen. „Neumann will euch um acht im Besprechungsraum. Und der Staatsanwalt ruft schon wieder an.“ „Dann ist’s ernst“, sagte Leon. „Wann ist er mal locker?“ fragte Jana. „Nie“, antwortete Lisa. „Deshalb ist er Staatsanwalt.“ Milo legte den Kopf schief, als müsse er das prüfen, und bekam von Lisa ein kurzes Schultertippen – ihre wortlose Verständigung.

08:00 Uhr – Besprechungsraum.