Schattenorden. Die Geschichte der Zwillingsschwestern Laya und Kija - Dana Müller-Braun - E-Book

Schattenorden. Die Geschichte der Zwillingsschwestern Laya und Kija E-Book

Dana Müller-Braun

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Beschreibung

Endlich das gesamte Serial von "Schattenorden" in einem E-Book! **Gegensätze im Blut vereint** Die Zwillingsschwestern Laya und Kija könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Laya wie das Abziehbild eines perfekten Internatstöchterchens wirkt, kleidet sich Kija gerne komplett in schwarz und ist die Rebellin schlechthin. Das, was sie trennt, ist jedoch auch das, was sie vereint: die Abstammung von zwei ägyptischen Göttern, die sich seit Jahrhunderten bekriegen, aber zusammenarbeiten müssen – Nephtys, der Göttin des Guten, und Osiris, dem Gott des Jenseits. Allen Vorzeichen zum Trotz sind die Schwestern jedoch seit jeher ein Herz und eine Seele. Bis der Moment kommt, in dem ihre Ausbildung beginnt und sie sich für eine Seite entscheiden müssen…

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bittersweet Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2018 Text © Dana Müller-Braun, Vivien Summer, 2018 Lektorat: Martina König Coverbild: shutterstock.com / © Aleshyn_Andrei / © Joe Belanger / © Sabphoto / © Anne Mathiasz Covergestaltung: Vivien Summer / formlabor Gestaltung E-Book-Template: Gunta Lauck / Derya Yildirim Satz und E-Book-Umsetzung: readbox publishing, Dortmund ISBN 978-3-646-60465-8www.carlsen.de

Vivien Summer, Dana Müller-Braun

SCHATTENORDEN 1.1: Entscheidungen

**Gegensätze im Blut vereint** Die Zwillingsschwestern Laya und Kija könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Laya wie das Abziehbild eines perfekten Internatstöchterchens wirkt, kleidet sich Kija gerne komplett in schwarz und ist die Rebellin schlechthin. Das, was sie trennt, ist jedoch auch das, was sie vereint: die Abstammung von zwei ägyptischen Göttern, die sich seit Jahrhunderten bekriegen, aber zusammenarbeiten müssen – Nephtys, der Göttin des Guten, und Osiris, dem Gott des Jenseits. Allen Vorzeichen zum Trotz sind die Schwestern jedoch seit jeher ein Herz und eine Seele. Bis der Moment kommt, in dem ihre Ausbildung beginnt und sie sich für eine Seite entscheiden müssen …

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Vita

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© privat

Dana Müller-Braun wurde Silvester ’89 in Bad Soden im Taunus geboren. Geschichten erfunden hat sie schon immer – Mit 14 Jahren fing sie schließlich an ihre Phantasie in Worte zu fassen. Als das Schreiben immer mehr zur Leidenschaft wurde, begann sie Germanistik, Geschichte und Philosophie zu studieren. Wenn sie mal nicht schreibt, baut sie Möbel aus alten Bohlen, spielt Gitarre oder verbringt Zeit mit Freunden und ihrem Hund.

© privat

Vivien Summer wurde 1994 in einer Kleinstadt im Süden Niedersachsens geboren. Lange wollte sie mit Büchern nichts am Hut haben, doch schließlich entdeckte auch sie ihre Liebe dafür und verfasste während eines Freiwilligen Sozialen Jahres ihre erste Trilogie. Für die Ausbildung zog sie schließlich nach Hannover, nahm ihre vielen Ideen aber mit und arbeitet nun jede freie Minute daran, ihr Kopfkino zu Papier zu bringen.

Prolog

Zwölf Jahre zuvor …

Ich beobachtete meine Töchter, wie sie ihre Kissen drapierten, um meiner Geschichte zu lauschen. Wie gern hätte ich ihre Unbeschwertheit eingefangen, um sie ihnen zu bewahren. Aber das konnte ich nicht. Früher oder später würde auch ich sie nicht mehr vor dieser Welt und ihrer Aufgabe schützen können.

»Los, Daddy!«, forderte Kija mich auf, während Laya beschämt den Kopf senkte und kicherte.

»Kiiija!«, ermahnte sie ihre Schwester, wie sie es immer tat, wenn deren fordernde Seite zum Vorschein kam. »Erzählst du uns heute von der Geschichte?«, fügte sie zuckersüß hinzu und lächelte dieses spezielle bestechende Grinsen.

»Ich sagte, wenn ihr alt genug dafür seid«, erinnerte ich sie sanft.

»Und wann soll das sein?« Kija musterte mich argwöhnisch.

Es war genauso unmöglich, ihren bohrenden Fragen zu entkommen wie Layas engelsgleichen Bitten. Ich räusperte mich und dachte einen Augenblick darüber nach, ob sie schon bereit waren – gleichzeitig fragte ich mich, ob sie das je sein würden.

»Na schön«, brummte ich und ließ mich neben ihnen auf dem Bett nieder. Kija verzog siegessicher den Mund, während Laya dankbar mit den Wimpern klimperte. Wie war es nur möglich, dass zwei Sechsjährige mich derart im Griff hatten?

»Einst schufen die Himmelsgöttin Nut und der Erdgott Geb drei Kinder, die das Irdische mit dem Göttlichen vereinen sollten«, begann ich meine Geschichte.Ihre Geschichte. »Seth, den Gott des Chaos – er verkörperte das Böse in dieser Welt. Er war für Gewalt und Hass, für Kriege und Naturkatastrophen sowie für jede schlechte Eigenschaft der Menschen verantwortlich.«

»Also war er der Teufel«, stellte Laya fest, als wäre sie weitaus besser informiert als ich.

»Laya!«, zischte Kija. »Es gibt keinen Teufel. Seth ist höchstens der Herr der Unterwelt.«

»Die Mädchen im Kindergarten sagen, dass es sehr wohl einen Teufel gibt!«

»Ja«, unterbrach ich ihre Kabbelei, »Seth ist so etwas wie der Teufel.«

Laya lächelte zufrieden, während Kija mir ihren finstersten Blick zuwarf.

»Seinen Gegenpart bildete Nephtys, seine Schwester«, fuhr ich unbeirrt fort. »Sie verkörperte das Göttliche. Das Gute. Sie war das erste Wesen, das man als Engel bezeichnete, weil sie den Toten auf ihrem Weg in das Überirdische half. Sie war verantwortlich für alle guten Eigenschaften der Menschen.«

Kija bewegte unruhig und skeptisch ihren Mund hin und her. »Mum ist eine Nephtys, oder?«

Ich legte meine Stirn in Falten und betrachtete meine Tochter besorgt. Hätte sie doch nur, genauso wie Laya, mehr von ihrer Mutter abbekommen. Ich liebte Kija, aber sie war in zu vielen Dingen wie ich. Und wenn einer wusste, wie schwer man es mit diesen Eigenschaften hatte, dann ich.

»Aber dann wäre Dad ja ein Seth und das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen!«, stieß Laya empört hervor.

Ich machte mir nicht die Mühe, zu fragen, wie sie überhaupt zu der Annahme kamen, dass wir einem der Attribute angehörten und damit als Nachfahren der Götter ihre Eigenschaften in uns trugen. Mir war bewusst, dass Kija Laya ständig dazu anstiftete, mit ihr gemeinsam unsere Gespräche zu belauschen.

»Seth ist keiner der menschlichen Attribute, Kleines. Die Attribute, die in unserer Welt für Ordnung sorgen, sind die Nephtys und die Asarys.«

»Asarys. Hergeleitet vom Gott des Jenseits und der Wiedergeburt – Osiris«, gab Kija selbstsicher zum Besten. Dieses Kind würde mich irgendwann noch um meinen Verstand bringen.

»Wer erzählt die Geschichte? Du oder ich, Kija? Wenn du alles so genau weißt, kann ich gern gehen.«

Laya warf ihr einen zornigen Blick zu, was ihr nicht allzu gut gelang. Obwohl sie ihrer Zwillingsschwester mit ihren golden schimmernden Haaren und den Augen, von denen eines grün und eines blau war, so sehr glich, dass man sie verwechseln könnte, hätten ihr Wesen und die Art, wie sie ihre Emotionen ausdrückten, nicht verschiedener sein können.

»Bin ja schon still«, meckerte Kija und verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust.

»Warum nennt man es Attribute, Daddy?«, warf Laya kleinlaut ein.

»Weil die Götter ihre Eigenschaften an bestimmte Menschen weitergegeben haben, Kleines. An ihre Nachfahren. Menschen, die in ihrem Namen gegen das Böse kämpfen.«

»Hat Seth auch versucht Attribute zu erschaffen?«

Ich schüttelte sanft den Kopf. »Nein, aber dazu kommen wir noch. Osiris war das dritte Kind im Bunde. Der Gott des Jenseits und der Wiedergeburt. In vielen Geschichten wird er auch Asarys genannt.«

Ich sah, wie Kija die Augen verdrehte, weil sie genau das kurz zuvor gesagt hatte.

»Doch was ihr noch nicht wisst, ist, dass Seth einen schrecklichen Plan geschmiedet hatte, um an die Herrschaft seines Bruders Osiris zu gelangen. Er tötete ihn und sperrte ihn hinter das Feuertor. Ein Tor, das unsere irdische Welt von der überirdischen Welt trennte. Heute ist es vor allem dafür da, das Böse dahinter zu sperren. Nephtys suchte also am Feuertor nach ihrem Bruder Osiris, um ihn zurückzuholen – schließlich war er der Gott der Wiedergeburt. Dazu müsst ihr wissen, dass Nephtys und Osiris selbst einige Konflikte miteinander hatten. Nephtys, die immer Gute, und Osiris, der als Gott der Wiedergeburt ihrer Meinung nach den natürlichen Lauf des Lebens störte. Dennoch wollte sie ihn zurückholen, wohl wissend, dass jede Wiederkehr einen Preis hat. So auch die des Osiris. Nephtys war gezwungen das Feuertor zu öffnen und verhalf Seth damit zu einer unvergleichbaren Macht. Denn was sie nicht wusste, war, dass Osiris die brutalsten Eigenschaften des Seth mit seinem eigenen Tod hinter dieses Feuertor gesperrt hatte. Wie genau er das geschafft hat, weiß niemand. Doch auch Osiris musste einen Preis zahlen. Durch jede Wiedergeburt wird das natürliche Geschehen gestört und somit Chaos heraufbeschworen. Als Gott des Chaos wächst so Seths Macht und pflanzt einen Teil des Seth, der Schatten, in den Wiedergeborenen selbst. Ab diesem Moment vereinte Osiris das Gute und das Böse in sich und war gezwungen für immer in der Unterwelt zu verweilen. Die beiden gegensätzlichen Geschwister hatten keine andere Wahl, als eine Allianz zu gründen und ihre göttlichen Eigenschaften an Menschen weiterzugeben, die ihnen bei der Vernichtung des Seth helfen konnten. So entstanden die Attribute. Die Nephtys und die Asarys. Die Schattensucher und die Schattenhüter. Die Guten, die das Böse in jedem Menschen aufspüren können, und die Attribute des Gottes Osiris, die in der Lage sind, das Böse hinter das Feuertor zu sperren und es zu bewachen.«

»Und was sind wir?«, unterbrach Laya mich nervös.

»Ihr seid Nephtys, meine kleinen Engel«, raunte ich sanft.

»Du lügst!«, zischte Kija und verengte ihren Blick. »Wir sind nicht wie du oder Mum. Wir haben weder blaue noch grüne Augen. Weder silberblondes noch dunkles Haar. Du bist ein Asarys – und Mum ist eine Nephtys!«

»Aber was sind dann wir?«, mischte sich Laya irritiert ein.

»Ihr seid etwas Besonderes. Ihr habt die Kräfte der Nephtys und die der Asarys geerbt. Aber wir haben euch so erzogen, dass ihr Schattensucher werdet. Auch ich habe mich von den Asarys abgewandt. Und wenn wir sie nicht bräuchten, würde ich nicht einmal ihren Namen in den Mund nehmen!«, ermahnte ich sie.

»Was ist so schlimm an ihnen?«, wollte Laya kleinlaut und verständnislos wissen, als die Tür aufgestoßen wurde.

»Aaron! Ein Mensch, der von Seth beeinflusst ist, hat … Sie … Die Asarys brauchen deine Hilfe!« Neferas Stimme klang aufgebracht, beinahe ängstlich. Normalerweise hielt sie sich vor unseren Kindern mit solchen Aussagen zurück.

Laya änderte unruhig ihre Stellung, während Kija ganz offensichtlich versuchte herauszuhören, was vor sich ging.

»Ich komme«, entgegnete ich so ruhig wie möglich und erhob mich. Bemüht, ruhig zu atmen, presste ich meine Lippen aufeinander und drehte mich noch einmal zu meinen beiden Mädchen, um ihnen jeweils einen Kuss auf ihre verwirrten Gesichter zu hauchen. »Ihr seid Nephtys. Vergesst das nicht. Egal, wer euch etwas anderes einzureden versucht. Egal, wer sich euch in den Weg stellt. Ihr seid nicht das, was nach außen scheint. Ihr seid viel mehr und immer nur das, was ihr in eurem Herzen spürt. Das, was eure Seele ist – und die ist gut!«

Damit wandte ich Laya und Kija den Rücken zu, straffte meine Schultern und ging, um mich meiner Bestimmung als Attribut zu stellen.

Kapitel 1

Kija

»Laya!« Wutentbrannt hämmerte ich gegen die Badezimmertür. »Laya! Du bist schon seit vier Stunden da drin!«

»Übertreib nicht immer so! Ich bin ja fast fertig«, drang es dumpf an mein Ohr.

Ich gab einen zornigen Laut von mir, trat noch einmal mürrisch gegen die Tür und machte mich dann mit einem Centstück am Schlitz des Schlosses zu schaffen. Als es aufsprang, öffnete ich siegessicher die Tür und schenkte Laya mein breitestes Grinsen.

»Kija!«, schrie sie pikiert auf und hielt sich ihre Hände vor die Brust.

Ich runzelte irritiert die Stirn. »Du bist angezogen, Schwesterherz«, erinnerte ich sie, woraufhin sie beleidigt den Mund verzog und die Arme wieder sinken ließ.

»Trotzdem. Man platzt nicht einfach so in das Badezimmer«, murmelte sie leise und senkte beschämt den Kopf. Ich konnte förmlich dabei zusehen, wie sich ihre Wangen rosa färbten.

»Achtung, Laya!«, stieß ich hervor und zog mir mein Oberteil über den Kopf.

Sie warf einen unschuldigen Blick auf mich, bis sich ihre Augen so sehr weiteten, dass ich Angst bekam, sie würden ihr herausfallen. Dann kniff sie brummend die Lider zusammen und taumelte blind aus dem Bad, während ich mich weiter auszog und lachend unter die Dusche huschte. Es war ja nicht so, als würde sie nicht das Gleiche besitzen wie ich. Nicht nur, weil sie ebenfalls eine Frau war, sondern auch wegen unserer Gene, die nahezu identisch waren.

Als ich fertig war, streifte ich mir meine Klamotten wieder über und gab Laya Bescheid, dass die Luft rein war. Als sie in der Tür auftauchte, spähte sie gespielt angewidert durch ihre Finger, die sie sich vor die Augen hielt.

»Manchmal benimmst du dich wirklich wie ein Kind«, brummte sie und begann damit, ihre Schminkutensilien in ihre grässliche Tasche zu packen. Rosa war ganz eindeutig nicht meine Farbe.

»Das sagt die Richtige!«, entgegnete ich mit erhobenen Brauen. Zumal wir beide vor ein paar Wochen achtzehn geworden waren. »Und im Internat der Nephtys ist Schminke verboten!«, fügte ich breit grinsend hinzu.

»Was?!« Sie starrte mich fassungslos an. Fast so wie damals, als ich ihr hatte beichten müssen, dass ich ihrem Lieblingsteddy einen Irokesenschnitt verpasst hatte.

»Tut mir leid«, murmelte ich kichernd.

»Ach, du lügst doch. Du wärst niemals so ruhig, wenn sie dir dein Gruftiding verbieten würden.«

»Dieses Gruftiding nennt man Kajal, Laya. Würde dir auch mal guttun es zu benutzen.«

Sie verzog angeekelt den Mund und deutete auf meine durch die Dusche verschmierte Wimperntusche. Ich cremte belustigt meine Hände ein, wischte dann so lange unter meinen Augen entlang, bis sich der schwarze Schleier gelichtet hatte, und malte mir neue Umrandungen.

»Wie man sich so verunstalten kann«, grummelte sie, während ich den Deckel auf meinen Stift stöpselte und ihn in meinem kleinen Schminktäschchen verschwinden ließ.

»So. Fertig!«

»Wie immer eine Augenweide!«, spaßte Laya, wofür ihre Taille mit meinem Ellbogen Bekanntschaft machte. Sie kicherte liebevoll und verkrampfte ihren Körper. Ob es wohl jemanden auf dieser Welt gab, der noch kitzeliger war als sie? Wohl kaum.

»Hast du deine Sachen schon gepackt?«, fragte sie und seufzte, als sie meinen Blick bemerkte. Der Spiegel bestätigte mir, dass Enthusiasmus definitiv anders aussah. »Kija! Ich sage ja schon nichts mehr, wenn du deine Taschen für einen Urlaub erst zehn Minuten vor Abfahrt packst. Aber dieses Mal ziehen wir um!«

Desinteressiert zuckte ich mit den Schultern und verließ das Bad.

»Kija!«, rief sie mir mahnend hinterher.

Ich seufzte, stellte mich dennoch vor meinen Schrank und begann alles, was sich darin befand, in eine der Taschen zu schmeißen, die Laya davor abgestellt hatte.

»Spinnst du? Da sind Sachen von mir drin!«, schnaubte sie und stürmte aus dem Bad auf ihre Taschen zu, als könnte ich sie verunreinigen.

»Wir werden doch sowieso wieder ein gemeinsames Zimmer haben und da –«

»Und da dachtest du, dass Laya dann wieder deine Klamotten zusammenlegt und in den Schrank räumt?«, vervollständigte sie und wirkte mit ihren in die Hüften gestemmten Armen wie eine Oberlehrerin.

»Ist ja gut«, maulte ich, nahm meine Sachen raus und suchte stattdessen unter dem Bett nach einer Tasche nur für mich.

Als ich wiederauftauchte, fiel mein Blick auf das eingerahmte Bild unseres Vaters. Laya hatte es vor einiger Zeit auf ihrem Nachttisch postiert und all meine Einwände hatten nichts geholfen. Sie mochte es vielleicht schön finden, ständig daran erinnert zu werden, was uns genommen worden war. Ich nicht.

»Was meinst du, warum er sich damals von den Asarys abgewandt hat?«, murmelte ich, während ich mit den Augen seine dunklen, fast schwarzen Haare und die strahlenden grünen Augen musterte.

»Kija, das Thema hatten wir doch schon so oft. Die Asarys sind böse. Zumindest tragen sie das Böse in sich. Das ist nichts anderes als Seth. Wir brauchen sie – mehr nicht.«

»Aber wenn sie so ausgesprochen böse sind, warum helfen sie uns dann dabei, die Schatten loszuwerden?«, hakte ich nach. Wie jedes Mal. Und wie jedes Mal wusste ich, dass es keinen Sinn hatte, weil ich die Antwort meiner Schwester schon auswendig kannte: Laya sah es nicht so, dass die Schattenhüter den Suchern halfen. Sie war der Meinung, es sei ihre Aufgabe. Ihre Pflicht. Sie hätten keine Wahl, denn sie waren als die Bösen geboren worden. Bei mir und Laya war das anders. Im Gegensatz zu allen anderen hatten wir eine Wahl.

»Ich hab jetzt wirklich keinen Kopf dafür«, unterbrach sie meine Gedanken. »Wir müssen packen und dann schon zur Zeremonie. Kija, bitte. Tu mir den Gefallen und benimm dich nur dieses eine Mal. Für mich. Und für Mum …«, fügte sie beinahe tonlos hinzu.

Ich warf ihr einen vernichtenden Blick zu. »Ich tue gar nichts für diese Frau!«

»Dann mach es nur für mich. Mir ist das wirklich wichtig!«

Ich beobachtete, wie sie ihre Hände am grauen Kleid abwischte und zittrig auf die Taschen blickte. Sie war nervös. Heute mussten wir uns für eine Seite entscheiden. Oder mussten wohl eher bekannt geben, dass wir von den Nephtys, den braven Schattensuchern, ausgebildet werden wollten.

Seit Monaten machte sich Laya einen Kopf wegen der Sache. Sie konnte es nicht leiden, im Mittelpunkt zu stehen, und dann war da noch die Angst vor den anderen Nephtys. Wann immer unsere Mutter uns in den letzten Jahren mit zu Feiern oder Versammlungen der Attribute geschleppt hatte, waren wir mit hasserfüllten Blicken gestraft worden. Mal ganz abgesehen von diesen dämlichen Trainingseinheiten, die wir seit unserem zwölften Lebensjahr dreimal die Woche nach dem Privatunterricht hatten absolvieren müssen. Da waren es dann eben nicht nur die besserwisserischen Nephtys gewesen, die uns mit gerümpften Nasen betrachtet hatten, sondern zusätzlich auch noch die Möchtegern-Satanisten, die uns laut Laya mit Flüchen belegt hatten.

Sie verstand ihr Verhalten nicht. Zumindest das der Nephtys, denn dass die Asarys in ihren Augen fiese Idioten waren, war klar. Aber Laya war auch einfach zu gut für diese Welt – sie würde wahrscheinlich nie jemanden hassen. Ich hingegen … ich konnte die anderen sehr gut verstehen.

Es gehörte sich nicht, dass sich ein Nephtys und ein Asarys zusammentaten, und wenn es doch passierte, gegen jede Natur, wurden sie angewiesen keine Kinder zu zeugen. Denn dann kam so etwas wie wir dabei raus. Laya und ich trugen beide Attribute in uns. Wir waren sowohl Nephtys als auch Asarys. Sucher und Hüter. Wir waren in der Lage, Seth aufzuspüren, aber auch, es hinter das Feuertor zu verdammen. Und obwohl wir gut waren, trugen wir beide einen Funken des Bösen in uns – was den anderen Nephtys nicht wirklich gefiel. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass sie Mischlinge noch mehr hassten als die Asarys selbst.

»Es wird alles gut, Laya«, bemühte ich mich sie zu besänftigen.

Sie seufzte und setzte sich auf das Bett, wo ich noch immer neben dem Bild meines Vaters hockte. »Ich bin so froh, dass du dabei bist. Ohne dich würde ich das niemals schaffen.«

»Ach, hör auf mit dem Blödsinn! Du bist viel anständiger als ich, netter als ich und vor allem bist du besser als ich. Manchmal glaube ich, dass nur ich etwas von dem Asarys in unseren Genen abbekommen habe.« Ich zwinkerte ihr lächelnd zu, aber wenn Laya sich einmal Sorgen machte, war es schwer, die wieder aus ihrem Kopf zu bekommen. »Ich habe auch Angst«, stimmte ich ihr leise zu. »Und vor allem tut es weh, dass Dad nicht dabei ist.«

Es kam selten vor, dass ich so ehrlich über meine Gefühle redete. Ich konnte über Laya so viel lachen, wie ich wollte, weil sie in manchen Dingen so prüde war – ging es aber um Gefühle, war ich verschlossener als sie in Bezug auf nackte Haut.

»Daddy sieht von oben zu«, flüsterte sie zuckersüß.

Ich presste die Lippen aufeinander und rang mir ein Lächeln ab. Dabei fragte ich mich wie so oft, ob Laya wirklich an solche Dinge glaubte oder es nur sagte, damit ich nicht das Gefühl hatte, Dad wäre vollkommen verschwunden. Ich hielt diesen ganzen Kram zwar für Schwachsinn, aber es half mir jedes Mal. Vielleicht reichte ihr Glauben daran, dass Dad uns für immer begleitete, auf welche Art auch immer, für uns beide.

***

»Da seid ihr ja!«, stieß unsere Mutter hervor, als wir schließlich die Treppe hinuntertraten. Ihr Blick huschte über mich hinweg und blieb stolz auf Laya haften.

Mum war einfach eine Nephtys – durch und durch. Die Art, wie ich mich kleidete und schminkte, passte nicht in ihre kleine perfekte Welt. Aber Mums Verachtung zu ertragen, war eine super Übung für die kleinen verwöhnten Nephtys, auf die wir im Internat stoßen würden.

»Wie konntet ihr nur so schnell so groß werden?«, wisperte sie. In ihren Augen, die – obwohl sie den Plural benutzte – immer nur auf Laya gerichtet waren, hatten sich kleine Tränen gebildet. Eifrig wischte sie sie weg und setzte wieder eine strenge Miene auf. »Wir müssen los. Abdul bringt eure Taschen ins Auto«, erklärte sie und winkte uns zu sich.

Wir folgten ihr hinaus auf den Hof und stiegen ein, ohne uns noch einmal zu dem beknackten Reihenhaus – unserem Zuhause – umzudrehen. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in mir aus, als ich unserem Angestellten dabei zusah, wie er unser Leben, zusammengepackt in Taschen, behutsam in den Kofferraum legte.

Es war zwar eine Ewigkeit her, seit ich mich hier das letzte Mal wirklich zu Hause gefühlt hatte – genau genommen seit Dads Tod vor zwölf Jahren –, trotzdem wurde mein Herz plötzlich schwer. Etwas in mir wollte das hier nicht verlassen.

Ich verwarf meine wehmütigen Gedanken und beobachtete Layas Hände, die am Saum ihres Kleides herumnestelten.

»Habt ihr eure Reden vorbereitet?«, erkundigte sich Mum, ohne sich vom Beifahrersitz zu uns zu drehen.

»Was für ’ne Rede?«, platzte es aus mir heraus.

»Was für eine Rede«, verbesserte sie mich kopfschüttelnd und fuhr dann mit sanfterer Stimme fort: »Laya?«

»Ich habe mir zurechtgelegt, wie ich meine Entscheidung vor dem Kuratorium begründe«, sagte sie fest, doch ihre unruhigen Hände bewiesen ihre Lüge.

Ich verzog den Mund. Na ja, so hatte unsere Mutter wenigstens ein Vorzeigekind. Das musste reichen.

»Ich sag einfach, wasdu immer sagst. Die Asarys sind böse, nicht mehr als ein notwendiges Übel. Deshalb will ich nicht zu diesen verkappten Dämonen gehören, deren Urvater ein wiederauferstandener Zombie ist.«

Laya stieß mir mit voller Wucht ihren Ellbogen in die Seite, während Mum erschüttert aufkeuchte und sich die Hände vors Gesicht schlug.

»Nef, reg dich bitte nicht auf«, ertönte die bemüht ruhige Stimme von Mums grässlichem Lebensgefährten. Ich unterdrückte ein Würgen, während sie einen theatralischen Seufzer ausstieß.

Adrien brauchte eine halbe Ewigkeit, sich den Fahrersitz zurechtzustellen, bis er sich endlich anschnallte. Sein silberblondes Haar glänzte genauso wie Mums in der untergehenden Sonne, womit er uns gleichzeitig daran erinnerte, dass er nicht wie Dad war. In keiner Weise.

»Ach so, und Adrien muss sich nicht beeilen, oder wie?«, fluchte ich von hinten.

Laya stöhnte genervt. Sie war auch nicht immer ein Fan unserer Mutter und ihrer Eigenarten – Adrien hingegen mochte sie. Etwas, das uns in den letzten fünf Jahren ständig Streitereien eingebracht hatte. Sie endeten immer wieder mit derselben Aussage meiner Schwester: Du hasst ihn nur, weil er nicht Dad ist! Und ja, vielleicht war das der Grund – aber das hieß noch lange nicht, dass ich ihr recht geben musste.

»Laya, sag deiner Schwester bitte, dass sie sich benehmen soll. Wenigstens heute!«

»Ähm, Layas Schwester sitzt genau hier!« Ich deutete aufgebracht auf mich selbst. »Und sie hat sogar einen Namen.«

Mum schüttelte bloß den Kopf. Laya lachte lautlos über die Grimassen, die ich hinter ihrem Rücken zog, ansonsten verlief die Autofahrt ohne große Zwischenfälle.

Als Adrien den Wagen vor dem Gebäude parkte, das ich in den letzten Jahren viel zu oft gesehen hatte, löste ich meinen Gurt und stürmte hinaus. »Bin gleich wieder da!«, rief ich Laya zu und verschwand hinter der nächsten kleinen Steinmauer.

Erleichtert ausatmend, wühlte ich in meiner Tasche nach Zigaretten. Laya hasste es, wenn ich rauchte, aber in gewissen Situationen konnte ich einfach nicht anders. Da musste auch sie einsehen, dass ich meine weiße Weste in vielerlei Hinsicht irgendwo dort verloren hatte, wo nicht mal meine engelsgleiche Schwester sie wiederfinden konnte.

Vor lauter Eile fand ich diese dumme Schachtel nicht und war kurz davor, meine Tasche wütend auf den Boden zu schmeißen, als mir jemand ein Päckchen Zigaretten entgegenhielt.

Ein Schauer lief mir über den Rücken. Meine Muskeln zuckten unrhythmisch. Mein Puls beschleunigte sich rasend schnell. Meine Hände wurden schweißnass.

Ich kannte dieses Gefühl und wusste auch, was es hieß.

Ohne dass ich etwas dagegen tun konnte, blickte ich hoch. Direkt in die dunklen Augen eines Jungen. Er konnte nicht viel älter sein als ich, vielleicht neunzehn oder zwanzig. Auf seine Lippen hatte sich ein selbstsicheres Lächeln gestohlen, als wüsste er ganz genau, welche Erkenntnisse gerade auf mich einprasselten.

Unruhig presste ich meine Zähne aufeinander. Nie zuvor war ich jemandem ganz allein begegnet, der besessen war.

»Danach hast du doch gesucht, oder?«, fragte er gelassen, wobei er mir immer noch auffordernd die Schachtel entgegenhielt.

Ich nickte, vollkommen unfähig irgendetwas zu sagen, und griff nach einer Zigarette. Er zündete erst meine und dann seine eigene an.

»Willst du zu ’ner Party?«, fragte er und lehnte sich lässig gegen die alte Steinmauer.

»Sehe ich etwa so aus?«, entgegnete ich zischend.

»Schon irgendwie. Ja.«

»Dann habe ich mein Ziel verfehlt«, brummte ich und zog an der kratzenden Zigarette, bemüht nicht zu husten.

»Was war denn dein Ziel?«

»Falsch angezogen bei einer Party zu erscheinen und meiner Mutter so das Leben schwer zu machen.«

Er hob belustigt die Brauen und stieß schief grinsend Rauch aus, antwortete aber nicht.

Mein Herz schlug schneller, aber dieses Mal lag es nicht an meinen Fähigkeiten als Nephtys. Dieses Gefühl war etwas anderes, ließ meine Hände zittern und verwirrte mich. Der Kerl war ein Besessener. Ich spürte das Seth in ihm.

»Mache ich dich nervös?«, erkundigte er sich schelmisch lächelnd.

Ich sagte nichts weiter. Es war, als wäre ich plötzlich zu Laya geworden. Sie würde in so einer Situation wahrscheinlich auch nichts zum Besten geben. Und im schlimmsten Fall würde sie anfangen über das letzte Buch loszuplappern, das sie gelesen hatte. Keine sonderlich gute Alternative.

»Hör zu«, murmelte ich also, nachdem ich all meinen Mut zusammengenommen hatte, »es war wirklich lieb von dir, mir eine Zigarette zu geben … aber du kannst jetzt wieder gehen.«

»Und wenn ich nicht gehen will?« Er verengte seinen Blick, was ihn nur noch anzüglicher aussehen ließ. Mein Puls beschleunigte sich weiter.

»Dann gehe ich. Bin sowieso spät dran«, erklärte ich und drückte die Zigarette mit meinem Stiefel aus. Sie war eh viel zu stark.

Plötzlich stieß er sich von der Mauer ab und kam mir so nah, dass ich den Geruch von Rauch an ihm wahrnehmen konnte. »Wir sehen uns wieder, Kija«, hauchte er und ging.

Mir stockte der Atem. Kija? Hatte ich mich diesem Besessenen etwa vorgestellt und es durch seine angsteinflößende Aura vergessen? Oder besaßen diese Irren plötzlich die Fähigkeit, Menschen zu lesen? Das war wohl kaum möglich.

Ich runzelte irritiert die Stirn.

»Kija!« Layas Stimme holte mich unsanft zurück in die Realität. »Du hast Mum und deine Lunge jetzt genug gequält!«, sagte sie, so streng es ihre Art hergab, und winkte mich zu sich.

Ich folgte ihr und atmete noch ein paar Züge der frischen Luft, bevor ich den Eingang passierte, um diesem dämlichen Zirkus beizuwohnen.

Kapitel 2

Laya

Mehrmals drehte ich mich zu Kija, um nachzusehen, ob sie immer noch da war. Meine Schwester hatte es nicht gerade mit offiziellen Sitzungen, da würde es mich nicht wundern, wenn sie plötzlich verschwunden wäre. Am liebsten hätte ich sie direkt neben mir gehabt, aber der schnelle Gang unserer Mutter machte es unmöglich. Dabei waren wir überpünktlich. Mum hatte viel Wert darauf gelegt, dass wir das Kuratorium nicht verärgerten – oder wohl, dass Kija es nicht tat. Von mir wurde so etwas nicht erwartet. Ich war stets die pünktliche, ordentliche, liebe und süße Laya, der gute Zwilling. Nicht, dass Kija schlecht war! Aber wenn ich sie betrachtete, sah ich zuerst ihre rebellische Ader und ihren Beschützerinstinkt.

Allein diese beiden Eigenschaften ließen mich jedes Mal aufatmen, wenn ich darüber nachdachte, dass wir uns zusammen der Ausbildung im Internat stellen würden. Dass wir zusammen ein neues Leben mit einer neuen Aufgabe beginnen würden, die uns in die Wiege gelegt worden war. Das bedeutete auch, dass wir unser altes Leben zurückließen, aber deswegen war ich nicht traurig. Vielmehr freute ich mich auf unsere Zukunft.

Als wir eine meterhohe und verschlossene Tür aus massivem Holz erreichten, drehte ich mich noch mal um. Kija stand zwei Schritte hinter mir und betrachtete sie mit Argwohn. Kaum begegneten sich unsere Blicke, blitzte etwas Schelmisches in ihren Augen auf, von denen das eine grün und das andere blau war.

Bevor sie einen blöden Spruch machen konnte, sprang die zweiflüglige Tür auf und öffnete sich langsam. Während das Echo des klackernden Schlosses in mir nachhallte und meine Nervosität steigerte, versuchte ich mein polterndes Herz wieder zu beruhigen.

Instinktiv hielt ich den Atem an. Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte, aber ein großer, beinahe menschenleerer Saal gehörte nicht dazu. Was mir zuerst ins Auge stach, war der rote Teppich, der zu einem Tisch führte, an dem sechs Personen saßen, die in unsere Richtung blickten. Anscheinend warteten sie schon auf uns.

»Kommt«, forderte Mum uns leise auf und setzte sich in Bewegung.

Als ich mir kurz vorstellte, wie schön es wäre, Dad hier zu haben, brannte es in meiner Brust.

Kija griff nach meiner Hand – manchmal glaubte ich, dass sie spüren konnte, wenn es mir schlecht ging. Als wären wir tatsächlich irgendwie miteinander verbunden. Doch dieses Mal konnte ich sie nicht ansehen, sondern nur den Druck ihrer Finger erwidern und mit weichen Knien unserer Mutter folgen. Diese schritt über den roten Teppich, als hätte sie es schon Hunderte Male getan.

Schweigen beherrschte das Gewölbe, das auf eine gespenstische Art und Weise viel dunkler wirkte, als ich angenommen hatte. Es fehlten nur brennende Fackeln und unheilvolle Gesänge und das Entscheidungsritual, das meiner Schwester und mir bevorstand, wäre noch gruseliger geworden.

Es dauerte eine Weile, bis sich mein Tunnelblick wieder klärte und ich meine Aufregung so weit runterschrauben konnte, dass ich bemerkte, dass die sechs Mitglieder des Kuratoriums nicht die einzigen Anwesenden im Saal waren. Rechts, als wären sie eher Statuen als echte Menschen, standen rund ein Dutzend Schattensucher – Nephtys, die an ihren silberblonden Haaren und den blauen Augen zu erkennen waren. Ihre Monturen waren in Weiß gehalten, damit das Gesamtbild des Guten stimmte. Die Farbe symbolisierte das Reine, das Wahre und die Hoffnung.

Dass ich in wenigen Minuten ein Teil von ihnen sein würde, fühlte sich richtig an. Dads letzte Worte, die er an Kija und mich gerichtet hatte, hatten einen nicht gerade unbedeutenden Teil dazu beigetragen, dass ich ihn stolz machen wollte, indem ich mich für das Gute entschied. Eigentlich hatte ich die Entscheidung schon vor einer Ewigkeit getroffen.

Wir hatten sie getroffen. Kija und ich.

Meine Augen wurden aber auch von der Gruppe Asarys angezogen, die gegenüber der Nephtys standen und das komplette Gegenteil verkörperten. Ihre dunklen, meist schwarzen Haare und ihre grünen Augen waren schon Kontrast genug, aber die schwarze Kampfmontur setzte dem Ganzen die Krone auf. Sie waren die Schattenhüter und gleichzeitig die Verkörperung des Bösen. Nur weil es etwas gab, das noch böser war als sie, waren wir zur Zusammenarbeit gezwungen.

Allerdings waren sie heute wohl völlig umsonst hierhergekommen – schließlich würde weder Kija noch ich mit ihnen gehen.

Ich schluckte, als ich meinen Blick von ihnen losriss und mich wieder darauf konzentrierte, einen Schritt nach dem anderen zu machen und Mum zu folgen. Nur drei Meter von dem dunklen Tisch des Kuratoriums entfernt blieben wir schließlich stehen. Mein Puls hämmerte so laut in meinen Ohren, dass ich mir sicher war, das Echo würde von den gewölbeartigen Wänden widerhallen.

»Ich heiße euch beide, Kija und Laya, willkommen«, begrüßte Talia uns – eine Frau mit einem strengen dunklen Dutt. Sie war bereits seit unserer Geburt die Vorsitzende der Asarys im Rat. Den Vorsitzenden der Nephtys hatten wir bisher nie reden gehört. Wahrscheinlich war es ihm zuwider, mit Mischbluten wie uns zu sprechen. Talias grüne Augen hingegen betrachteten uns interessiert, aber vor allem völlig wertfrei, was unsere Abstammung anging.

Während wir von den meisten dafür verachtet wurden, was wir waren – das Gute und das Böse, Nephtys und Asarys, Sucher und Hüter –, war das Kuratorium vor allem eines: neugierig. Auch wenn sie es nicht gern sahen, wenn ein Nephtys und ein Asarys zueinanderfanden, weil es gegen die Natur unserer Attribute sprach, war ihr Interesse an Kija und mir immer deutlich gewesen.

»Heute ist der Tag der Entscheidung und wir hoffen, dass ihr eure Wahl weise und durchdacht treffen werdet. Steht eure Entscheidung fest, besteht sie euer Leben lang«, erklärte Talia jetzt, obwohl das Dinge waren, die wir schon wussten.

Kija drückte meine Hand. Erst da fiel mir auf, dass ich leicht zu zittern begonnen und vergessen hatte zu atmen. Wie schaffte sie es, so cool zu bleiben, während ich zu einem nervlichen Wrack wurde?

Mein Blick wanderte unruhig über die Mitglieder des Kuratoriums. Unser Rat bestand aus jeweils drei Nephtys und drei Asarys.

Talia zog meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Ihr könnt eure Entscheidung nicht widerrufen, aber das sollte euch bekannt sein«, sagte sie fest. »Im Namen des Osiris und der Nephtys bitte ich dich, Laya, als Erstgeborene, vorzutreten und uns deine Entscheidung mitzuteilen.«

Weil ich es nicht konnte, war Kija diejenige, die ihre Hand von meiner lösen und mich dann nach vorn drücken musste. Mir war nicht klar, wieso ich so aufgeregt war, wenn ich mir doch sicher sein konnte das Richtige zu tun. Es war das, was Dad von uns gewollt hätte, und es fühlte sich richtig an. Es wurde von mir erwartet, gut zu sein. Also war ich gut. Trotz des Bösen in mir, das ich gelernt hatte zu unterdrücken, zu ignorieren und mit größter Mühe vor anderen zu verbergen, spürte ich aus tiefstem Herzen, dass es für mich nur eine Option gab.

Dennoch fiel mir das Atmen schwer, als ich zum Tisch trat und die zwei roten Äpfel betrachtete, die jeweils auf einem Silbertablett zwischen Talia und dem Vorsitzenden der Nephtys lagen, der mich aus seinen blauen verurteilenden Augen betrachtete. Einer davon war für mich, der andere für Kija. Sie waren ein Teil des Rituals, das uns an ein Attribut binden würde. Für immer.

Talia bemerkte mein Zögern und schob einen Apfel näher an mich heran. »Du weißt, dass du ein Opfer bringen musst«, erinnerte sie mich ruhig, doch in meinem Inneren herrschte ein großer Wirbel.

Ich nickte. Der Opfergabe war ich mir bewusst und ich musste es durchziehen. Für mich, für Kija und für unseren Dad.

Zunehmend entschlossener, aber immer noch mit einer Angst, die ich so nicht von mir kannte, starrte ich den roten Apfel an und streckte vorsichtig die Hand danach aus. Als ich ihn mit den Fingerspitzen berührte, kribbelten sie. Fast so, als wüsste der Apfel längst, wie meine Entscheidung ausfallen würde.

Hilfe suchend warf ich Kija einen Blick über meine Schulter zu, aber sie ließ sich ihre Nervosität nicht anmerken. Falls sie überhaupt nervös war. Gerade machte sie eher den Eindruck, als wäre das hier nicht von großer Bedeutung. Als wäre das hier kein Ende und kein Anfang von etwas Neuem.

»Laya, teile uns bitte jetzt deine Entscheidung mit und verpflichte dich gleichzeitig einem Attribut der Nephtys oder der Asarys«, verlangte Talia von mir.

Ich öffnete meinen Mund, spürte das Kratzen im Hals, aber die einstudierten Worte verließen wie geplant meine Lippen. »Ich wähle die Nephtys«, stieß ich mit einem kurzen Blick auf die Schattensucher hervor, von denen ich nun ein Teil war, und fasste den Apfel fester, in der Hoffnung, das Zittern meiner Muskeln zu verbergen.

»Begründe deine Entscheidung vor dem Kuratorium«, forderte Talia weiter.

Obwohl ich ihren Blick deutlich spürte, schaffte ich es nicht, sie anzusehen. »Weil das Gute in mir überwiegt.«

»Weißt du das oder hoffst du es?«

Ich schluckte. »Ich weiß es«, erwiderte ich fester als erwartet. »Ich spüre das Gute in mir, das das Dunkle überdeckt. Ich weiß, dass ich zu den Nephtys gehöre und sie mein neues Zuhause sein werden. Ich möchte ein Teil davon sein und lernen, wie das Seth aufgespürt werden kann, und dabei helfen, die Welt von ihm zu reinigen.«

»Gelobst du den Nephtys deine unwiderrufliche Treue?«

Ich nickte. »Ich gelobe den Nephtys meine unwiderrufliche Treue.«

»Bist du bereit dich von deinem Attribut der Asarys zu entbinden?«, fragte Talia weiterhin fachmännisch und langsam machte sich die Erleichterung in mir breit. Ich hatte das Gröbste geschafft. Das Kuratorium hatte meine Entscheidung angehört und, wie es aussah, bewilligt. Ihnen blieb aber auch keine andere Wahl.

Im Augenwinkel bemerkte ich, wie sich ein Nephtys von seiner Gruppe löste und auf mich zukam. Er war der Einzige von ihnen, der einen weißen Mantel über seiner Montur trug und somit das Richteramt symbolisierte.

Mir war klar, was das hieß und was auf mich zukommen würde. Vielleicht war ich deswegen so nervös, denn sie würden einen Teil von mir wegnehmen. Einerseits machte es mir Angst, aber auf der anderen Seite wusste ich, dass es so richtig war. Ich musste mich von dem Bösen befreien, das kein Teil von mir sein sollte. Ich wollte nicht in den unmöglichsten Situationen wütend werden und es verbergen müssen, nur weil etwas nicht so lief, wie ich es geplant hatte. Ich wollte mir auch nicht länger meine Fingernägel in die Innenfläche meiner Hände rammen, damit ich nicht schrie, wenn die Wut in mir die Kontrolle übernahm. Ich war das alles nicht. Ich sollte es nicht sein.

Ich war jetzt eine Nephtys. Das unendlich Gute.

Alles in mir drängte mich dazu, noch mal zu Kija zu sehen und von ihr die Bestätigung zu bekommen, dass ich das Richtige getan hatte, aber weil mich der Blick des Richters so sehr gefangen hielt, konnte ich nicht.

Ohne ein Wort zu sagen, legte er seine Hand auf den Apfel. Eine kräftige und zugleich rettende Geste, die mich vielleicht endlich von den schrägen Blicken und Beleidigungen der Attribute befreien würde. Ich hoffte, dass es damit vorbei wäre, wenn sie alle sehen würden, dass Kija und ich einer Seite von uns den Rücken gekehrt hatten.

Weil ich so in Gedanken versunken war, schreckte ich zusammen, als ich etwas Nasses mein Handgelenk hinunterlaufen spürte. Obwohl ich darauf hätte vorbereitet sein müssen, sah ich geschockt auf den Apfel und erkannte, wie aus ihm eine silberne Flüssigkeit über meine Finger bis hin zu meinem Ellbogen rann. Als der erste Tropfen auf dem Boden landete, stellte ich nüchtern fest, dass er meine frisch geputzten Schuhe gerade so verfehlt hatte. Dann setzte ein Brennen ein, das sich so sehr in meine Haut fraß, dass ich schwarze Flecken vor den Augen sah und die Zähne zusammenbeißen musste, um nicht loszuschreien. Geschockt, auch wenn ich vorgewarnt gewesen war, betrachtete ich die glühenden Linien auf meiner Haut, die die silberne Flüssigkeit hinterlassen hatte.

»Du bist nun von dem Attribut der Asarys befreit, Laya. Bitte trete jetzt zurück.«

Talias Blick lag schwer auf mir, aber in meiner Erleichterung, vor allem weil der Schmerz abrupt endete, nahm ich das gar nicht richtig wahr. Ich war einfach nur glücklich, dass es vorbei war. Jetzt fehlte nur noch Kija und alles wäre genau so, wie Dad es sich für uns gewünscht hatte.

Als ich schließlich zurücktrat, tauschten meine Schwester und ich unsere Plätze. Mum war sofort bei mir, lächelte mich glücklich und zufrieden mit schimmernden Augen an. Stolz war in ihrem Blick zu lesen und das war es, was auch mich stolz machte.

»Kija«, setzte Talia erneut an, »im Namen des Osiris und der Nephtys bitte ich dich uns deine Entscheidung mitzuteilen. Genauso wie bei deiner Schwester gilt diese als unwiderruflich. Bitte verpflichte dich jetzt einem Attribut der Nephtys oder der Asarys.«

Ich beobachtete meine Schwester von hinten, wie sie sich dem Kuratorium zugewandt hatte. Anders als ich trug sie kein Kleid, sondern eine dunkle Jeans und ein ebenso dunkles Shirt. Das war einfach Kija. Kurz flackerte die Frage in mir auf, was wohl mit ihrem Charakter passieren würde, sollten die Nephtys ihr das Attribut der Asarys nehmen. Es würde sich bei ihr bestimmt auswirken.

Erst als sich meine Mutter neben mir unruhig bewegte, wurde mir bewusst, dass Kija immer noch nichts gesagt hatte. Meine Antwort, meine Entscheidung, war im Vergleich zu ihrer wie aus der Pistole geschossen gekommen – aber Kija schien zu zögern.

Das war der Moment, in dem mir ganz komisch wurde. Vorhin hatte ich noch gedacht, sie würde es spüren, wenn es mir schlecht ging. Ich hatte jetzt das Gefühl, als hätte ich ebenfalls eine Verbindung zu ihr. Eine, die stärker war als je zuvor.

Wieso? Weil ich gerade panische Angst bekam, dass sie mich verlassen könnte? Dass sie ihr Versprechen brechen würde?

Nein … Nein! Ich sollte so was nicht denken. Bestimmt hatte ich genauso lange gezögert und es gar nicht wahrgenommen. Vielleicht …

Kija griff nach dem zweiten Apfel, schwieg aber weiterhin.

Mit zum Zerreißen gespannten Nerven tastete ich nach der Hand unserer Mum und hielt die Luft an. Wieso sagte sie denn nichts?

Dann, ganz langsam, verkündete sie: »Ich wähle die Asarys.«

»Was?«, kam es leise, nur gehaucht, über meine Lippen, aber Kijas Zusammenzucken zeigte mir, dass sie es dennoch gehört hatte.

Das konnte sie nicht gesagt haben. Ich musste mich irren, mich verhört, es mir nur eingebildet haben! Aber als Kija sich zu mir umdrehte, erkannte ich es in ihren Augen. Ein Bedauern. Eine Entschuldigung.

»Begründe deine Entscheidung vor dem Kuratorium, Kija«, forderte Talia, aber ihre Stimme war nichts weiter als ein Rauschen, das nicht zu mir durchdrang.

Fassungslos starrte ich meine Schwester an und wartete darauf, dass sie mir sagte, das alles sei einer ihrer blöden Witze – mit dem feinen Unterschied, dass das hier absolut nicht witzig war.

Statt sich wieder zum Rat umzudrehen, richtete Kija ihren Blick auf mich. »Bitte versteh mich, Laya«, begann sie leise und trat einen Schritt auf mich zu.

Ich war wie erstarrt. Mum ebenso, denn sie rührte sich keinen Millimeter. Zwar hatte sie Kijas Verhalten oft getadelt und sie für böse gehalten, aber ganz sicher nicht für so böse, dass sie sich für die Hüter entscheiden würde. Niemals. Mum liebte Kija. Ich liebte Kija. Aber das, was sie gerade tat, riss mir den Boden unter den Füßen weg.

Ich blinzelte sie an, völlig unfähig etwas zu sagen.

»Kija«, mahnte Talia, doch meine Schwester hörte nicht hin. Sie fokussierte sich nach wie vor auf mich und trat auf mich zu.

»Erinnerst du dich noch an das, was Dad uns gesagt hat? Dass wir auf unser Herz hören müssen?«

Wie in Trance nickte ich. Aber Dad hatte gesagt, wir waren gut! Nicht nur ich, sondern auch Kija!

Meine Schwester legte ihre Hand auf ihre Brust, dort, wo das Herz schlug, von dem sie gerade gesprochen hatte. »Ich kann das, was in mir drin ist, nicht ignorieren, Laya. Nicht so wie du.«

Zu mehr als einem Blinzeln war ich nach wie vor nicht imstande. Es drang auch nur halb zu mir durch, dass Talia Kija mehrmals ermahnte, aber sie reagierte nicht.

Nur Mum schien langsam aus ihrer Starre zu erwachen und zog mich leicht zurück, als Kija noch näher kam. Als wäre sie plötzlich schlecht. Etwas Böses. Als würde mir meine eigene Schwester schaden wollen.

Aber das Einzige, was sie getan hatte, war, mich zu verraten.

»Bitte, Laya«, fuhr sie fort, das Gesicht, das genauso aussah wie meines, schmerzhaft verzerrt. »Ich kann diesen Teil nicht aufgeben. Das bin ich. Das alles.«

»Kija!« Talia wurde nun lauter.

»Verzeih mir!«, flehte meine Schwester und kam fast bei mir an, als Mum mich noch einen Schritt zurückzog.

Gleichzeitig wurde Kija zurückgerissen.

Als ich das sah, reagierte mein Körper ohne mein Zutun. Ich befreite mich von meiner Mutter, wollte meiner Schwester hinterher, sie festhalten, sie mit zu den Nephtys ziehen und dafür sorgen, dass sie ihr Versprechen einhielt. Dafür sorgen, dass sie das, was Dad uns vorausgesagt hatte, einhielt – aber ein Asarys stellte sich mir in den Weg. Genauer gesagt der, der meine Schwester gerade von mir weggezogen hatte. Warnend streckte er seine Hand in meine Richtung.

»Fass sie nicht an, Coen!«, zischte einer von den Nephtys, worauf der Schattenhüter aber nicht reagierte.

Weil er sich direkt zwischen Kija und mich gestellt hatte, starrte ich ihn an. Mit seinen grünen Augen und den dunkelbraunen Haaren sah er nahezu aus wie jeder der Asarys und trotzdem war da noch etwas anderes. Etwas, das mich kurz aus dem Konzept brachte und von der Tatsache ablenkte, dass meine Schwester einen riesigen Fehler beging.

Erschrocken über mich selbst, dass ich überlegte einen Hüter beiseitezustoßen, trat ich zurück. Dieser Coen bohrte seine Augen trotz Warnung der Nephtys nach wie vor in meine, aber ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf Kija.

Sie hatte sich von mir weggedreht. Nicht freiwillig, wie es aussah, denn Coen hielt sie am Oberarm fest und zwang sie so dazu, sich auf Talia zu konzentrieren. Ihre Schultern waren verkrampft, als sie an das Kuratorium gewandt sprach: »Ich gelobe den Asarys meine unwiderrufliche Treue.«

»Bist du bereit dich von deinem Attribut der Nephtys zu entbinden?«, hörte ich Talia fragen und am liebsten hätte ich für Kija geantwortet.

Ich wollte nicht, dass sie das tat, aber ich konnte nicht eingreifen. Nicht nur, weil Mum mich wieder festhielt oder weil Coen mich nicht aus den Augen ließ und vermutlich nicht gezögert hätte mich von Kija fernzuhalten – ich konnte nicht eingreifen, weil es allein ihre Entscheidung war. Ihre alleinige unwiderrufliche Entscheidung, die uns für immer voneinander trennen würde.

Die Asarys und die Nephtys waren zwei verschiedene Welten. Kija war soeben aus meiner getreten und in eine andere eingetaucht.

Als dann der Richter der Asarys vortrat und die Hand auf den Apfel legte, den Kija fest in ihrer hielt, wusste ich, dass es zu spät war. Ich konnte nur noch dabei zusehen, wie Sekunden später die schwarze Flüssigkeit aus der Opfergabe trat und genauso wie bei mir über ihren Unterarm rann.

Eine glänzende schwarze Linie, die uns beide auseinanderriss.

Für immer.

Kapitel 3

Kija

Wie in Trance sah ich dabei zu, wie die schwarze Flüssigkeit, die das Blut der Asarys symbolisierte, über meinen Arm floss. Meine Hand begann unruhig zu zittern. Es sollte nicht schwarz sein. Es sollte silbern sein, so wie das von Laya. Wie hatte ich das nur tun können? Und warum bereute ich meine Entscheidung nicht? Müsste ich mich nicht wehren? Herausschreien, dass mich ein Dämon befallen und ich deshalb die falsche Wahl getroffen hatte? Aber ich blieb stumm. Weil es kein Dämon war, der mich dazu zwang. Es war ganz allein ich.

Plötzlich war es mir so klar gewesen. In der einen Sekunde hatte ich noch genau gewusst, dass ich wie Laya auch die Nephtys wählen würde, aber dann war diese Stimme in meinem Kopf aufgetaucht. Die meines Vaters. Ja, er hatte gewollt, dass wir uns für die Nephtys entschieden. Für die gute Seite. Aber er hatte auch gesagt, dass wir das wählen sollten, was wir in unserem Herzen und in unserer Seele wirklich waren. Und dort war ich keine Nephtys. Ich war nicht wie Laya oder meine Mutter – oder wie all die anderen silberblonden Menschen hier im Raum. Ich war eine Asarys, durch und durch. Und auch wenn ich es mein Leben lang vor mir und auch vor Laya versteckt hatte, es entsprach der Wahrheit. Meiner Wahrheit.

Mit zusammengepressten Lippen warf ich einen weiteren Blick auf Laya. Meine Mutter stützte sie. Ihre Augen schrien mich an. Es war, als würde mich alles an ihr für meine Entscheidung strafen. Ich hörte förmlich, wie sie innerlich »Verräterin« schrie.

Ich wollte noch etwas sagen. Wollte diesem Kerl, der mich festhielt, den Ellbogen in den Bauch rammen und zu Laya rennen. Aber was würde das besser machen? Wie sollte ich das Band zwischen uns, das ich gerade zerrissen hatte, wieder reparieren? Das war unmöglich. Laya würde es nie verstehen. Sie würde mich immer hassen. So wie ich mich wahrscheinlich immer dafür hassen würde. Auch wenn ich wusste, dass es das Richtige war.

Ich schluckte schwer und sah dabei zu, wie der Asarys den Apfel aus meiner Hand nahm. Die schwarze Flüssigkeit wanderte weiter meinen Arm hinauf, bis sie sich mit einem bestialischen Schmerz in meine Haut brannte und mich für immer brandmarkte. Es war zu spät. Die schwarzen Linien zeigten nun allzu deutlich, dass ich mich für die dunkle Seite entschieden hatten.

Ich atmete zittrig und versuchte mich auf eine Änderung meiner Seele einzustellen – aber alles fühlte sich wie vorher an. Fast alles. Meine Entscheidung und Layas entsetzte Reaktion hatten ein Loch in mein Herz gerissen, das wohl nie wieder heilen würde.

»Tretet jetzt bitte beide vor!«, befahl Talia in ihrem gleichgültigen Ton und deutete uns mit ihren Händen, wo wir uns hinzustellen hatten.

Laya zögerte, bis dieser dunkelhaarige Kerl sie aufforderte dem Befehl Folge zu leisten. Für einen ewigen Moment starrte sie ihn einfach nur an. Als wäre er eine Erscheinung eines Albtraums, den sie gerade träumte – aber leider war das hier die Realität.

Nachdem auch Mum sie ein wenig in meine Richtung gedrängt hatte, fasste sie sich und kam auf mich zu. Ich spürte jeden ihrer Schritte, als wären sie Fausthiebe in meinen Magen. Bittere Galle brachte meine Kehle zum Brennen, als sie vor mir stand und mich einfach nur anstarrte. Leer. In ihren Augen war kein Vorwurf mehr zu sehen. Keine Trauer. Keine Enttäuschung. Es war nichts mehr da. Rein gar nichts.

»Erstgeborene, gelobe den Nachfahren des Osiris ewige Treue und Verbundenheit. Schwöre sie im Kampf gegen das Seth in dieser Welt zu unterstützen!«

»Ich gelobe meine Treue«, hauchte Laya.

Ich erkannte ihre Stimme kaum. Sie sprach nicht mit mir, ihrer Schwester. Sie nahm mich gar nicht mehr wahr. Als hätte sie mich vollkommen ausgeblendet. Mir und unserer Verbundenheit entsagt.

»Zweitgeborene, gelobe den Nachfahren der Nephtys ewige Treue und Verbundenheit. Schwöre sie im Kampf gegen das Seth in dieser Welt zu unterstützen!«

»Ich gelobe meine Treue«, stieß ich hervor und unterdrückte ein Keuchen. Ich hatte mich für das Böse in mir und gegen meine Schwester entschieden. Gegen meine Seelenverwandte. Meine beste Freundin. Gegen meine andere Hälfte. Und ich war mir nicht sicher, ob ich ohne sie leben konnte.

Talia nickte und Laya stürmte zurück zu meiner Mutter. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließen sie gemeinsam den Raum, während ich allein zurückblieb. Warum nur hatte ich das getan? Wie hatte ich es zulassen können, dass das Böse in mir derart die Oberhand gewann?

Ich schloss benommen die Augen, atmete ein paarmal tief durch und drehte mich dann zu Talia. Niemand sagte etwas, bis endlich einer der Asarys auf mich zukam, mich am Arm packte und mit sich zog.

»Deine Sachen werden jetzt in das Internat gebracht. Du wirst in einem separaten Auto gefahren«, erklärte er sachlich.

»Und was ist mit meiner Schwester?«, fragte ich panisch und sah mich, draußen angekommen, nach ihr um.

»Sie wird in das Internat der Nephtys gebracht.«

»Es sind zwei verschiedene Internate?!«, schrie ich ihn beinahe an. Das konnte nicht möglich sein.

»Zwei Internate auf einem Gelände. Aber normalerweise sind die Nephtys und die Asarys dort voneinander getrennt«, antwortete er und schob mich zu einem schwarzen Auto.

»Aber meine Schwester …«, wisperte ich panisch und wand mich aus seinem Griff.

Mein Begleiter knurrte und warf einen zornigen Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite. »Lawren! Mach dich gefälligst nützlich und steh da nicht qualmend rum!«, fuhr er den Jungen an, der dort stand.

Ich erkannte ihn sofort. Er hatte mir zuvor die Zigaretten angeboten.

»Er ist ein Asarys?!«, entfuhr es mir irritiert.

Mein Bewacher hob die Brauen. »Ja, so ist es.«

Ich runzelte die Stirn, während sich dieser Lawren näherte. Augenblicklich beschleunigte sich mein Puls. Kalter Schweiß perlte über meinen Rücken. Warum spürte ich Seth in ihm, wenn er ein Hüter war? Die Nephtys waren nicht in der Lage, das Böse in den Asarys wahrzunehmen …

Mit Entsetzen wurde mir plötzlich klar, dass ich keine Nephtys mehr war. Vor ein paar Sekunden hatte mir der Richter ihr Attribut genommen. Warum also konnte ich überhaupt noch irgendetwas Böses in ihm spüren?

»Bisschen spät, um deine Meinung zu ändern, kleines Mischblut, meinst du nicht?«, fragte er mit einem schäbigen Grinsen auf den Lippen.

Ich funkelte ihn böse an. Mischblut war eine der zahlreichen Beleidigungen, die sich die anderen Attribute für uns hatten einfallen lassen. »Sehr kreativ!«, fauchte ich zurück und verschränkte zornig meine Arme vor der Brust.

»Steig jetzt ein!«, befahl Lawren mit erhobener Braue und deutete auf das Auto.

»Du hast mir gar nichts zu sagen!«, zischte ich, stieg aber trotzdem in das Fahrzeug. Ich hatte keine Lust, weiter zu diskutieren, und wahrscheinlich hätte es auch nichts gebracht.

»Fahr mit ihr und führ sie rum!«, wies der große Kerl Lawren an, der in lautes Gelächter ausbrach.

»Vergiss es, Anker. Mach’s selbst!«

Ich musterte Lawrens dunkle, strubbelige Haare. Auch seine Augen waren so dunkel, dass ich das Grün in ihnen nur schwer erkennen konnte.

»Dann begleite sie zum Internat und Tashia soll sie herumführen.«

»Ich bezweifle, dass überhaupt jemand sie herumführen will. Das hier war nicht geplant. Was ist da drin passiert? Ich dachte, es steht fest, dass sich die Mischblutmädchen für die Nephtys entscheiden«, brummte Lawren, während er sich eine Kippe ansteckte.

»Erstens hättest du als Attribut des nächsthöheren Jahrgangs bei der Entscheidung dabei sein müssen und zweitens siehst du ja, dass es nicht so gelaufen ist wie angenommen!« Er deutete auf mich.

Ich verzog genervt die Stirn. Die beiden hatten echt keine Scham, direkt neben mir so zu reden, als wäre ich nicht anwesend. Dabei musste auch ihnen auffallen, dass die Autotür noch immer weit geöffnet war.

»Hatte keinen Bock auf diesen Ritual-Blödsinn. Und auf das jetzt auch nicht. Ist das überhaupt legal?«

»Legal?«, hakte dieser Anker nach.

»Na, dass sie sich für die Asarys entschieden hat.«

Anker hob herablassend eine Braue, schnaufte und nahm Lawren die Zigarette ab, um sie auf den Boden fallen zu lassen und energisch auszutreten. »Verschwinde jetzt und sorg dafür, dass sie nicht während der Fahrt aussteigt.«

»Ich kann dich hören!«, warf ich zornig ein.

Ihre Blicke landeten irritiert auf mir, als würden sie das Problem daran nicht verstehen.

»Ist es dir lieber, wenn man hinter deinem Rücken redet, Kleines?«, erkundigte sich Lawren schelmisch grinsend.

Ich verdrehte die Augen. »Warum zum Teufel sollte ich aus einem fahrenden Auto springen, wenn ich mich gerade aus freien Stücken für dieses Leben entschieden habe?«

»Warum redet die so viel?«, richtete Anker sich an Lawren.

Ich zog die Brauen zusammen und schüttelte verwirrt den Kopf. Hatten die beiden sie nicht mehr alle?

Lawren musterte mich und zuckte mit den Schultern. »Ich bringe sie zu Tashia. Aber du bist mir einen Gefallen schuldig, Anker!«

»Jaja«, brummte der und lief zurück in dieses grässliche Gebäude, während Lawren zu mir ins Auto stieg und auf dem Fahrersitz Platz nahm.

»Du fährst?«, fragte ich erschrocken und weitete meine Augen.

»Will die kleine Nephtys etwa selbst fahren?«, spottete er.

»Ich bin keine Nephtys!«

Es war das erste Mal, dass ich es aussprach. Ich hatte erwartet Reue oder Wehmut zu empfinden, aber vielmehr beschlich mich ein Gefühl, als wäre ich zum ersten Mal in meinem Leben vollkommen ehrlich.

»Schnall dich an!«, war alles, was Lawren dazu sagte. Er wartete keine Sekunde, startete den Motor und fuhr mit quietschenden Reifen los.

Unsanft wurde ich in meinen Sitz gedrückt und der halb herausgezogene Gurt schnallte schmerzhaft an meinem Ohr vorbei.

»Du solltest in Zukunft auf mich hören«, quittierte er meine Verletzung.

»Ich …« Mir fehlten leider die Worte. Normalerweise war ich ziemlich schlagfertig. Aber normalerweise hatte ich mich auch nur mit Nephtys abgegeben, die sowieso nie etwas Böses von sich gaben. Zornig über ihn, aber auch über mich selbst verzog ich den Mund und schnallte mich an.

Lawren schwieg und fuhr wie ein Irrer. Immer wieder nahm er anderen Autos die Vorfahrt oder überholte in so gefährlichen Situationen, dass er die anderen Fahrzeuge schnitt.

»Bist du irgendwie lebensmüde?«, knurrte ich, während ich mich zitternd am Türgriff festklammerte.

»Können wir zu dem Punkt zurückkommen, an dem du einfach wieder still bist?« Er formulierte es zwar wie eine Bitte, aber alles, was aus seinem Mund kam, war bösartig.

Scharf sog ich die Luft ein und brachte mich selbst zum Schweigen. Wenn er nicht reden wollte, würde ich ihn nicht dazu zwingen.

Das funktionierte eine Weile ziemlich gut, bis sich Lawren über einen anderen Autofahrer aufregte. So sehr, dass mir meine Nackenhaare beim Aufstellen einen kribbelnden Schmerz verpassten.

»Reg dich ab!«, fauchte ich.

»Was?!«, erwiderte er irritiert und starrte mich an.

»Hör auf die anderen Autofahrer zu beleidigen und guck gefälligst geradeaus!«, fuhr ich ihn erneut an.

Im nächsten Moment raubte mir der Gurt den Atem. Schmerzhaft schnitt er eine Kerbe in meinen Hals.

»Spinnst du?!« Ungläubig starrte ich Lawren an, der mitten auf der Straße eine Vollbremsung hingelegt hatte. Mein Körper bebte. Kalter Schweiß machte mir seine Wut so deutlich, dass ich beinahe meinte, mich würde das Seth, die Schatten, befallen.

»Ich habe niemanden beleidigt!«

»Doch, hast du!«, erwiderte ich. Aber schon im nächsten Moment war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob er es wirklich ausgesprochen hatte. War das nur Einbildung gewesen?

»Ich habe keinen Ton von mir gegeben!«

»Dann hast du dich halt sichtlich aufgeregt. Ist doch das Gleiche!«, verteidigte ich mich.

Er verengte seine Augen. Musterte mich, als wäre ich eine Geisteskranke. Und ja, allmählich fühlte ich mich auch so.

»Du willst mir erzählen, dass du bemerkt hast, dass ich mich aufgeregt habe?«

»Ja. Sieht man doch«, murmelte ich verlegen. Warum hatte ich meinen Mund schon wieder so weit aufgerissen? Sollte er doch machen, was er wollte. »Fahr jetzt weiter!«, wies ich ihn an und wandte meinen Blick von seinen bohrenden Augen ab.

Unsanft packte er mich am Arm und riss mich zu sich. »Hast du es gesehen oder gespürt?«, knurrte er so bedrohlich, dass mir der Atem stockte. Alles in mir schrie mich an wegzurennen.

»Ge…sehen«, stotterte ich und deutete auf seine Hände. »Du hast das Lenkrad so umkrallt, dass deine Knöchel weiß hervorgetreten sind«, erklärte ich. Es war die Wahrheit, auch wenn ich es deshalb nicht bemerkt hatte. Das Seth in ihm war es, was ich gespürt hatte. Und auch jetzt loderte es noch wie eine bedrohliche Flamme.

»Mach so was nie wieder!«, zischte er und fuhr weiter.

Ich schob meine Augenbrauen zusammen. »Was soll ich nie wieder machen?!«

»Mich beobachten.«

Ich seufzte. Natürlich hatte ich ihn nicht beobachtet, aber es war besser, er glaubte das, als die Wahrheit zu kennen.

Die ganze weitere Fahrt über spürte ich seine prickelnde Wut. Sie bereitete mir körperliche Schmerzen.

Wussten die anderen Hüter davon? Oder war ich bisher einfach mit zu wenigen Asarys zusammen gewesen, um zu wissen, dass man bei ihnen allen den kleinen Teil Seth in ihnen spürte? Bei Anker war da nichts gewesen. Aber der Anteil des Seth konnte auch bei normalen Menschen stark variieren und wenn man Lawren zuhörte, musste man sich nicht darüber wundern, dass man bei ihm das Böse auf der eigenen Haut prickeln spürte. Wahrscheinlich sogar selbst dann, wenn man kein Nephtys war.

Als Lawren das Auto abbremste, warf ich einen Blick durch das Fenster. Wir fuhren einen unebenen Weg durch einen riesigen bewucherten Park entlang. Ich weitete meine Augen, als zwischen den Bäumen und Sträuchern plötzlich ein kleines weißes Schloss auftauchte. Zumindest erinnerte es mich an ein Schloss, so wunderschön und pompös war das Gebäude.

»Das ist das Institut der Nephtys«, erklärte Lawren.

Ich musterte ihn ungläubig. Hatte er mir gerade wirklich etwas erklärt? Ganz sachlich? Ohne dummen Spruch?

»Kannst froh sein, dass du nicht bei den Verlierern gelandet bist«, fügte er hinzu und deutete dann auf etwas anderes. Ich folgte seinem Finger und entdeckte ein schwarzes schlossähnliches Gebäude ein wenig entfernt. »Das ist der Sitz der Asarys. Hier lernen und leben wir«, feixte er.

»Hast du ’ne Broschüre auswendig gelernt?«

»Klar, die Wie-mache-ich-einem-Mischblut-die-Asarys-schmackhaft-Broschüre.«

»Witzig«, brummte ich und warf erneut einen Blick auf mein neues Zuhause. Obwohl es mir fremd war, fühlte ich mich zu diesem düsteren Gebäude hingezogen. Als würde ich schon immer hierhergehören. Als wäre es das Zuhause, nach dem ich mich so lange gesehnt hatte.

Für einen winzigen Moment benebelte ein stechendes Gefühl mein Herz. Mein Vater war ebenfalls hier erwachsen geworden. Hier hatte er gelernt das zu vernichten, was ihm schließlich den Tod gebracht hatte.

»Du darfst jetzt deinen Arsch aus meinem Auto bewegen«, raunte Lawren neben mir.

Irritiert sah ich mich um. Er hatte vor dem düsteren Gebäude angehalten und warf mir einen auffordernden Blick zu. Ich war völlig in Gedanken versunken gewesen.

»Als ob das dein Auto ist!«, entgegnete ich und löste meinen Gurt.

»Tashia findest du im Erdgeschoss im Sekretariat. Sag ihr, dass Anker sagt, dass du ihr sagen sollst, dass sie dich rumführen soll«, murmelte er.

»Ach, und soll ich ihr vielleicht auch noch sagen, dass du das alles gesagt hast?«