Beschreibung

In letzter Sekunde, aber für einen hohen Preis, konnten Johannes und seine Verbündeten das Schlimmste vor der Jahrtausendwende verhindern. Vorerst. Denn mit den am Boden liegenden Orden des Lichtes und der Dunkelheit, begehrt ein längst vergessener Feind auf. Aber auch andere Befähigte und das Büro 13 haben Pläne, das entstandene Vakuum der Kräfte zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen. Jeder ist auf sich allein gestellt und muss sich entscheiden, seiner Bestimmung oder seinem Herzen zu folgen. "Schattenschein" ist der zweite Teil der "Dunkellicht"-Trilogie von Martin Ulmer, der mit diesem Roman sein düsteres Urban-Fantasy-Setting im Ruhrgebiet in die nächste spannende Runde schickt.

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Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2016 by Papierverzierer Verlag, EssenLektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-944544-64-9

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Inhaltsverzeichnis
Schattenschein
Impressum
Einleitendes Gedicht
1 – ESSEN, 15.10.1999 – ÜBER DEN DÄCHERN DER ESSENER INNENSTADT
2 – ICE, 15.10.1999 – AUF DER STRECKE VON DORTMUND ÜBER HANNOVER NACH BERLIN
3 – ESSEN, 15.10.1999 – LOGE DER BETRACHTUNG
4 – A40, 15.10.1999 – AUTOBAHN A40 VON DORTMUND NACH ESSEN
5 – ESSEN, 15.10.1999 – UNTER DEM KENNEDYPLATZ, MAGIKERLOGE DER BETRACHTUNG
6 – ICE, 15.10.1999 – AUF DER STRECKE VON DORTMUND ÜBER HANNOVER NACH BERLIN
7 – BERLIN, 15.10.1999 – IRGENDWO UNTER DEN STRASSEN
8 – DORTMUND 15.10.1999 – WALDHAUS
9 – ESSEN, 15.10.1999 – MAGIKERLOGE DER BETRACHTUNG
10 – UNBEKANNTER ORT, 15.10.1999 – EINE SCHEUNE
11 – ICE, 15.10.1999 – AUF DER STRECKE VON DORTMUND ÜBER HANNOVER NACH BERLIN
12 – A40, 15.10.1999 – AUTOBAHN A40 VON DORTMUND NACH ESSEN
13 – ESSEN, 15.10.1999 – MAGIKERLOGE DER BETRACHTUNG
14 – ESSEN, 15.10.1999 – UNTER DEM KENNEDYPLATZ, MAGIKERLOGE DER BETRACHTUNG
15 – BERLIN, 15.10.1999 – IRGENDWO UNTER DEN STRASSEN
16 – DORTMUND, 15.10.1999 – WALDHAUS
17 – A40, 15.10.1999 – AUTOBAHN A40 VON DORTMUND NACH ESSEN
18 – ICE, 15.10.1999 – AUF DER STRECKE DORTMUND ÜBER HANNOVER NACH BERLIN
19 – ESSEN, 15.10.1999 – MAGIKERLOGE DER BETRACHTUNG
20 – ESSEN, 15.10.1999 – UNTER DEM KENNEDYPLATZ, MAGIKERLOGE DER BETRACHTUNG
21 – 15.10.1999
22 – BERLIN, 15.10.1999 – IRGENDWO UNTER DEN STRASSE
23 – DORTMUND, 15.10.1999 – WALDHAUS
24 – A40, 15.10.1999 – KURZ VOR ESSEN
25 – HUBSCHRAUBER DES BÜROS, 15.10.1999 / 23:23 UHR – AUF DEM WEG NACH BERLIN
26 – A40, 15.10.1999 – AUTOBAHN A40 VON ESSEN RICHTUNG DORTMUND
27 – 15.10.1999
28 – DORTMUND, 15.10.1999 – WALDHAUS
29 – OHNE ORT UND OHNE ZEIT
30 – ESSEN, 17.10.1999 ESSEN – MAGIKERLOGE DER BETRACHTUNG, SPEISESAAL
31 – BERLIN, 17.10.1999 BERLIN – UNTER DEN STRASSEN DER STAD
32 – BERLIN, 17.10.1999 BERLIN – VORORT
33 – DORTMUND, 17.10.1999 – FRIEDENSPLATZ AM RATHAUS
34 – DORTMUND, 17.10.1999 – WALDHAUS
35 – OHNE ZEIT UND OHNE ORT
36 – ESSEN, 17.10.1999 – EIN BÜROKOMPLEX IN EINEM HOCHHAUS AM KENNEDYPLATZ
37 – DORTMUND, 17.10.1999 – EIN KELLERGEWÖLBE
38 – BERLIN, 18.10.1999 – UNTER DEN STRASSEN DER STADT – BÜRO 13 – ABTEILUNG
39 – BERLIN, 18.10.1999 – EIN BÜROKOMPLEX IN DER NÄHE DES ALEXANDERPLATZES
40 – DORTMUND, 18.10.1999 – UNTER EINER PARKANLAGE
41 – DORTMUND, 18.10.1999 – KELLERRAUM IM WALDHAUS
42 – DORTMUND, 18.10.1999 – UNTER EINER PARKANLAGE
43 – ESSEN, 18.10.1999 – VORORT IN DER NÄHE DER A40
44 – DORTMUND, 18.10.1999 – SCHEUNE
45 – DORTMUND, 18.10.1999 – WALDHAUS KELLERRAUM
46 – BERLIN, 19.10.1999 – ABTEILUNG 7
47 – BERLIN, 19.10.1999 – VORORT
48 – DORTMUND, 19.10.1999 – UNTER EINER PARKANLAGE
49 – ESSEN, 19.10.1999 – VORORT IN DER NÄHE DER A40
50 – DORTMUND, 19.10.1999 – OBERER WESTENHELLWEG
51 – OHNE ORT UND OHNE ZEIT
52 – DORTMUND, 20.10.1999 – BUNDESTRASSE 54 RICHTUNG DORTMUN
53 – BERLIN, 19.10.1999 – IN EINEM AUTO
54 – ESSEN, 19.10.1999 – VORORT IN DER NÄHE DER A40
55 – ESSEN, 19.10.1999 – VORORT IN DER NÄHE DER A40
56 – BERLIN, 19.10.1999 – UNTER DEM MÜGGELSEE, ABTEILUNG 7
57 – EBENE VON ASCHE UND STAUB, 19.10.1999
58 – DORTMUND, 19.10.1999 – BUSBAHNHOF AM KÖNIGSWALL
59 – BERLIN, 20.10.1999 – UNTER DEM MÜGGELSEE
60 – ESSEN, 20.10.1999 – VORORT IN DER NÄHE DER A40
61 – ESSEN, 20.10.1999 – EIN VORORT IN DER NÄHE DER A40
62 – BERLIN, 20.10.1999 – UNTER DEM MÜGGELSEE, ABTEILUNG 7
63 – ESSEN, 20.10.1999 – A40 AUTOBAHNAUSFAHRT ESSEN KRAY
64 – EBENE VON ASCHE UND STAUB, 20.10.1999
65 – ESSEN, 20.10.1999 – VORORT IN DER NÄHE DER A40
66 – ESSEN, 20.10.1999 – VORORT IN DER NÄHE DER A40
67 – ESSEN, 20.10.1999 – VORORT IN DER NÄHE DER A40, UNTERSCHLUPF VON MARTUS WOLF
68 – ESSEN, 20.10.1999 – VORORT IN DER NÄHE DER A40, VOR DEM HAUS VON MARTUS WOLF
69 – ESSEN, 20.10.1999 – VORORT IN DER NÄHE DER A40, UNTERSCHLUPF VON MARTUS WOLF
70 – BERLIN, 20.10.1999 – UNTER DEM MÜGGELSEE
71 – ESSEN, 20.10.1999 – VORORT IN DER NÄHE DER A40
72 – ESSEN, 20.10.1999 – VORORT IN DER NÄHE DER A40, VOR DEM HAUS VON MARTUS WOLF
Epilog
Martin Ulmer

Für das,

was sich verändert,

und für das,

was sich niemals ändert.

Das Licht erloschen. Ausgebrannt.

Die Dunkelheit im freien Fall.

Begehrt nun auf, was einst gebannt.

Zurückzukehren überall.

In jener Not und voller Gram,

erheben sich auch andre nun.

Vergessen Sühne, Schuld und Scham,

im Drang, es allen gleichzutun.

So schreitet Altes neu voran,

zum Morgen einer neuen Welt

die sich dann weiter wandeln kann,

wenn auf sie Schein und Schatten fällt.

Essen, 15.10.1999 – Über den Dächern der Essener Innenstadt

Noch immer prasselten die Regentropfen auf ihn und seine Umgebung nieder und bedeckten alles unter dem feuchtschwülen Mantel, wie er zu einem typischen Herbstwetter passte. So wie er dort auf dem schmalen Vorsprung des dunkelrotgeziegelten Daches hockte, in unzähligen Metern Höhe über der Essener Innenstadt, in völliger Ruhe, hätte man ihn nicht von einer der Steinstatuen unterscheiden können, die schon seit Ewigkeiten rechts und links neben ihm verharrten. Doch niemand blickte um diese Uhrzeit noch nach oben. Die sonst so belebten Straßen der Stadt waren wie ausgestorben, als ob sie alle ahnten, dass etwas Gefährliches bevorstand, und sie sich gemeinsam mit dem Regen alle Mühe geben wollten, jedes Lebewesen in Reichweite davon abzuhalten, ins Freie zu treten.

Das Wasser lief an ihm herab und floss stetig auf immer neuen Pfaden an der grauen Hausfassade nach unten und am Ende auf die gepflasterte Einkaufsstraße der Stadt. Immer noch hockend, tropfend, völlig klamm und durchnässt hob er seinen Kopf und blickte – die Arme vor sich nach unten gestreckt und die Hände auf die Mauer um deren Kante gelegt – ungerührt nach oben. Unbeweglich hingen die Wolken über ihm und gestatteten den Vollmondstrahlen nur vereinzelt ein Durchkommen. Allerdings brauchte er nur wenig Licht, um seine Arbeit zu verrichten. Alles was er benötigte, war ein kleiner Moment der Unachtsamkeit. Ein kurzer Augenblick der Leichtfertigkeit von denjenigen, die das in ihrer Obhut verwahrten, was er sich holen würde.

Seit mehr als vierzehn Tagen beobachtete er diesen Ort. Die Unterlagen, die er zur Vorbereitung erhalten hatte, waren dürftig und wenig aufschlussreich gewesen. Seine eigenen Recherchen vor Ort hatten wesentlich mehr an Hinweisen und verwertbaren Informationen ergeben, die er für eine saubere taktische Planung benötigt hatte. Normalerweise hätte er sich wesentlich mehr Zeit gelassen und wäre auch mit viel mehr Ruhe und Bedacht an den Plan herangegangen, aber in diesem Falle drängte die Zeit und eine zweite Chance würde es nicht mehr geben. Zumindest nicht in ihrer aller Leben, selbst wenn deren Spannen auch etwas länger waren, als die der normalen Menschen. Er schloss die Augen, sog die Nacht in sich auf und schmeckte den muffigen Geruch des Regenwassers, das sich unter ihm mit den staubigen Überresten des Tags auf dem Asphalt vermischte. Das folgende langgezogene Ausatmen, bedeutete für ihn, seinen Körper und Geist ritualisiert auf die bevorstehende Schlacht einzustimmen, die nur noch des Auslösers bedurfte. Das Uhrendisplay in der Auslage des Juweliergeschäftes weit unter ihm und auf der anderen Seite der Fußgängerzone zeigte, dass es nicht mehr lange dauern würde.

Er neigte seinen Kopf leicht nach rechts, bevor er in seinen klammen Kragen sprach: »Alle auf Positionen. Wir beginnen, sobald die Pforte geöffnet wird. Keine Gefangenen mit Ausnahme der Zielpersonen.« Dass diejenigen, denen er da Anweisungen gab, keine Überlebenschancen hatten, kümmerte ihn nicht, aber er hoffte, sie würden lange genug für Ablenkung sorgen, damit er tief genug vordringen konnte. Er musste nur am Logenmeister vorbei. Nur an Ephistares. Der Rest war bedeutungslos.

ICE, 15.10.1999 – Auf der Strecke von Dortmund über Hannover nach Berlin

Die dunkle Landschaft floss ruhig und gleichmäßig in einer Mischung aus schmutzigem Grau, Neonlicht und schwarzen Schatten an seinem Fenster im Großraumabteil vorbei. Sie kam ihm vor wie eine trostlose Version seiner Lebenslinien, die er auf den Monitoren, die im Krankenhaus seinen Puls und seine Herzfrequenz gemessen hatten, jeden Tag vor sich gesehen hatte. Sie hätten ihn noch dabehalten wollen, aber nach mehreren Diskussionen mit dem leitenden Arzt hatte er sich schließlich durchgesetzt. Auf seine eigene Verantwortung hatte er sich einfach dagegen entschieden dortzubleiben.

Es war für ihn an der Zeit, nach Hause zurückzukehren. Zu Marie, die ja wie immer keine Ahnung hatte, was ihm in den letzten Monaten widerfahren war. So knapp am Tod und Wahnsinn vorbei, dachte er sich. Sein eingeschränktes Sichtfeld erinnerte ihn an den Preis, den er für sein Überleben hatte zahlen müssen. Aber es wurde mit jedem Tag besser, gestand er sich ein, und wie immer in den letzten drei Wochen, wenn er sich dessen bewusst wurde, wanderte seine Hand in die Tasche zu dem sonderbaren, kleinen, dunklen Steinauge, das er eines Nachts auf dem Beistelltisch im Klinikum Dortmund gefunden hatte.

Im Büro wusste man längst von seinem Austritt. Die Unterlagen und alles Notwendige war man mit ihm noch im Krankenhaus durchgegangen. Viel war ohnehin nicht mehr zu regeln gewesen, denn er hatte doch alles bereits vor Beginn der letzten Mission in die Wege geleitet. Es gab sehr klare Regeln für den »Ausstieg«, wie man es im Büro nannte. Neben einer mindestens sechsstelligen Abschlusszahlung erfolgte unter anderem die systematische Löschung aller Befugnisse und Zugriffsrechte auf die Bürokommunikation und Infrastruktur. Für jeden Aussteiger gab es allerdings weiterhin die Option, in einer persönlichen Notsituation auf die Unterstützung des Büros zurückzugreifen, ebenso wie regelmäßige informelle Treffen, eben auch um zu vermeiden, dass der Kontakt zu den Ehemaligen gänzlich unterbrochen wurde. Man wollte »sichergehen«, dass niemand auf dumme Gedanken kam.

Der eigentliche Deal war klar und simpel. Ehemalige Mitarbeiter des Büros durften keinerlei Interna ihrer Tätigkeit verraten. Dies war kein Unterschied zu den Vorgaben während des aktiven Dienstes. Um die Einhaltung dieser Vereinbarung zu gewährleisten, brauchte es keine gesonderten Absicherungen. Schließlich wussten doch alle Ehemaligen, in welchem Apparat sie ihren Dienst verrichtet hatten, und über welche Möglichkeiten und Zugangswege das Büro verfügte.

Steiner erinnerte sich in diesem Zusammenhang besonders an eine groß angelegte Operation namens »Sekundenschlaf«, mit der mehrere abtrünnige Ehemalige zur gleichen Zeit zur Strecke gebracht worden waren. Er hatte zu dieser Zeit noch als ausführender Agent für das Büro gearbeitet und war froh gewesen, dass die Zielperson, auf die man sein Team angesetzt hatte, einzeln ausgeschaltet werden sollte. Von anderen Teams hatte er zu jener Zeit mitbekommen, dass diese auch Mitwissende aus dem direkten Umfeld der Zielpersonen hatten zum Schweigen bringen müssen. Irgendwie war es gut, dass er davon wusste. Er würde ihnen keinen Anlass geben, sich in sein Ruhestandsleben einzumischen. Soweit es ihn betraf, war es vorbei. Musste endlich vorbei sein. Und er hoffte, dass das Büro seine eigenen Vorgaben einhalten würde.

»Das ist aber ein sehr schöner Stein«, sprach ihn sein Gegenüber an, und Steiner blinzelte kurz. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er das Auge aus dunklem Stein aus der Tasche und in seine Hand genommen hatte, so dass es die einfallenden Lichtstrahlen glitzernd reflektierte und helle weiße Punkte an die Decke ihres Abteils strahlte. Auf der anderen Sitzreihe saß eine junge Frau, gekleidet in dunkelblauer Jeans und weißer Bluse, mit strahlend roten Haaren und wachen grünen Augen, die ihn neugierig musterte. Er schätzte sie auf Mitte Zwanzig, aber war sich nicht ganz sicher. Sie hätte auch jünger sein können. Ihre Mimik und ihre Bewegungen wirkten nicht weiter bedrohlich, und er beschloss, sich auf den Small Talk, der sich anbahnte, einzulassen. Ihr Blick fiel immer wieder auf den Stein.

»Darf ich fragen, was das genau ist?«, setzte sie nach.

»Ein Andenken«, antwortete er halb in Gedanken an die Nacht, in der er das Auge in seinem Krankenzimmer gefunden hatte, »und so eine Art Entschädigung.«

»Sind sie Juwelier?«, fragte sie geradeheraus und blickte wieder auf das Auge.

Steiner schüttelte den Kopf und versuchte, ein Lächeln über sein Gesicht huschen zu lassen. Es gelang ihm nicht so gut wie früher, wenn er sich während einer Mission zur Tarnung in normalzivile Situationen hatte begeben müssen. Zum ersten Mal seit langer Zeit war er kein Agent des Büros mehr, sondern nur ein Reisender auf dem Weg nach Hause. Zu seiner Frau und zu einem Leben in dem Ruhestand, den er sich in den letzten Jahren immer mehr gewünscht hatte. Was das genau bedeuten würde, wusste er selbst nicht so richtig.

»Ich wollte nicht unhöflich sein«, sagte sie, da sie sein Schweigen offenbar als Reaktion auf ihre Frage verstand.

»Oh nein. Das waren Sie nicht.« Er hob abwehrend seine linke Hand und lächelte diesmal erfolgreicher und ehrlicher als zuvor. »Ich bin nur auf einer sehr langen Geschäftsreise gewesen und freue mich auf mein Zuhause. Wenn, dann war ich gerade unhöflich zu Ihnen. Entschuldigen Sie bitte.« Sie lächelte verständnisvoll und schaute dann auf die vorbeiziehende Landschaft.

»Was machen Sie denn beruflich?«, fragte er, so höflich er konnte, und gab dem Gespräch einen neuen Anschub.

»Ich bin Fotografin.« Sie kniff die Augen zusammen und setzte nach. »Eigentlich bin ich Porträtfotografin, aber heute bin ich auf dem Weg zu einem Hochzeitsshooting in Berlin.«

»Das klingt aufregend«, sagte Steiner und nickte. »Nehmen Sie sich noch etwas Zeit, die Stadt zu erkunden?«

Sie schaute ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Sightseeing? Nee. Nur das Shooting und dann geht es wieder nach Hause.«

Steiner presste die Lippen aufeinander, hob den Kopf und nickte erneut zum Zeichen des Verstehens.

»Ist auch eher eine Hochzeitsreportage über mehrere Tage, sonst würde ich das nicht machen. Im Ruhrgebiet gibt es genug Aufträge für mich.«

»Machen Sie das beizeiten mal. Es lohnt sich, Berlin kennenzulernen.«

»Ja, aber im Moment interessiert mich nur die Fotografie von Menschen.« Sie griff in ihre Tasche zu ihrer Rechten, Steiner verlagerte sein Gewicht und ließ seine rechte Hand unmerklich an der Außenseite seines Oberschenkels entlangfahren. »Porträts insbesondere. Darin bin ich sehr gut. Die Hochzeiten sind ein Bereich, in dem man gutes Geld verdienen kann. Ich spare auf ein ganz besonderes Auto. Also falls Sie mal jemanden für die Hochzeit Ihrer Tochter brauchen …« Und während sie das sagte, zog sie eine Visitenkarte aus der Tasche und reichte sie ihm.

Er nahm sie wortlos in die linke Hand und ließ seine rechte wieder langsam auf seinen Oberschenkel zurückgleiten. Sie hatte nichts bemerkt, dachte er. Das Wort »Tochter« klang in seinen Ohren nach und geisterte in seinem Kopf umher. Kinder? Marie und er hatten sie nie eingeplant. Nein, das stimmte nicht. Sie hatten nie darüber geredet. Einfach nicht darüber gesprochen und inzwischen war es zu spät. Mit einem Mal wurde ihm klar, dass er sich zwar Gedanken über seinen Ruhestand gemacht hatte, aber nur wenn dieser auch stattfinden würde. Was er dann allerdings mit der Zeit anfangen wollte, darüber hatte er sich noch keine Gedanken gemacht. Seine Gedanken waren völlig durcheinander.

Mit einem Lächeln tauchte Marie vor seinem geistigen Auge auf. Am Bahnsteig, wie sie auf ihn wartete, die Arme ausgebreitet – sie, sein Hafen nach all dieser Zeit, an all diesen Orten und mit all diesen Aufträgen, die einfach irgendjemand für das Büro zu erledigen hatte. Aber innerlich wusste er, dass sie nicht am Bahngleis stehen würde. Nicht dort stehen konnte. Sein eigenes Schluckgeräusch brachte ihn zu der Konversation zurück, und plötzlich hatte die Fotografin einen Fotoapparat mit einem sehr teuer aussehenden Objektiv auf ihn gerichtet. Es klickte in kurzer Abfolge.

Im gleichen Moment richteten sich seine Nackenhaare auf, und in einer aufkommenden Hitzewalze splitterten Glas, Metall, Plastik, Fleisch, Knochen und Holz um ihn herum, während ein ohrenbetäubender Knall nur noch ein hohes und bleibendes Pfeifen in seinen Ohren hinterließ. Instinktiv warf er sich von seinem Sitz herunter. Nicht ohne mit der rechten Hand die völlig orientierungslose und erstarrte junge Dame mit sich zu ziehen und sie neben sich flach auf den Boden zu drücken. Mehr schaffte er nicht, da der Knall einer weiteren Explosion das helle Pfeifen in seinen Ohren durchbrach und alle Lichter im Abteil erloschen. »Von wegen Ruhestand«, dachte er verbissen, zog sie zu sich heran und rutsche mit ihr näher an die Wand, bevor er seine dunkle 9mm aus dem Beinhalfter zog, entsicherte und unter den Sitzen hindurchspähte. Doch in der Dunkelheit war nichts zu erkennen und sein Gehör verweigerte ihm jegliche Frequenz abgesehen von dem anhaltenden Pfeifton.

Essen, 15.10.1999 – Loge der Betrachtung

Das perlende Wasser war angenehm warm und der nebelige Dampf stieg um ihn herum nach oben. Entspannt genoss er das sanfte Trommeln der Tropfen auf seiner kahlrasierten Kopfhaut, während er sich mit den Händen an der Wand abstützte und den Kopf zur Seite drehte, so dass er die hellgrauen Fließen mit den unzähligen schwarzgezeichneten Symbolen darauf im Blick halten konnte. Selbst hier, dachte er. Selbst hier hatten die Magiker Schutz- und Bannrunen angebracht und geschickt in die Kacheln des weitläufigen Badezimmers eingewoben. Er suchte nach bekannten Zeichen, um sich abzulenken und zur Ruhe zu kommen, mehr als es ihm ohnehin schon durch die vorherrschende Gastfreundschaft gelungen war. Direkt vor seiner Nase, auf einer handtellergroßen Fliese, tanzte die dreieckige Bannrune, zur Abwehr von Feuer und Erde, abwechselnd in blau und weiß, drehte sich und spiegelte blitzend ihr Konterfei auf seiner Haut. Dies war nur eines der kleinen Schauspiele, die ihn immer wieder aufs Neue faszinierten und daran erinnerten, in wessen Obhut er sich befand.

Hätte man ihm ein paar Monate zuvor gesagt, dass er eines Tages in einer Magikerloge im Ruhrgebiet Unterschlupf suchen und vor allem finden würde, er hätte denjenigen für völlig verrückt erklärt. Doch alles hatte sich geändert. Die Struktur seiner Welt, wie er sie noch vor kurzem gekannt hatte, war zerbrochen, verändert und hing nun in einem brüchigen Schwebezustand fest.

»Wir können nicht für immer hierbleiben«, hatte Ella am Morgen zuvor beim Frühstück zu ihm gesagt.

»Nein, das können wir nicht. Aber wir können auch nicht einfach aufbrechen, ohne zu wissen, wohin und wie es weitergeht«, war seine Antwort gewesen. »Außerdem müssen wir noch einen Weg finden, das Buch zu vernichten.«

»Könnt ihr es nicht einfach verbrennen?«, hatte sie gefragt.

Die Szene erschien ihm auf der Kachel in Augenhöhe und er schaute sich und Ella bei jenem vergangenen Dialog zu:

Antoine schüttelte mit dem Kopf. »Ganz so einfach scheint es nicht zu gehen. Und überhaupt können wir es erst vernichten, wenn wir seine Geheimnisse entschlüsselt haben.«

In diesem Moment setzte sich Ephistares, der alte grauhaarige Logenmeister mit dem langen Bart und den unzähligen feinen Falten im Gesicht, mit der Miene einer frohen Botschaft zu ihnen. »Gute Nachrichten von Martus. Ich soll euch grüßen und euch mitteilen, dass die Männer, die euch suchen, ihre Untersuchungen vor Ort wohl endgültig eingestellt haben und gerade alles zusammenpacken. Richard Steiner hat Dortmund vor einer Stunde mit dem ICE verlassen.«

Sie sahen sich an, wussten aber nicht so recht, ob das ein Grund zur Freude war, und warteten auf weitere Ausführungen des Logenmeisters. »Ihr könnt natürlich so lange bleiben, wie ihr wollt. Unsere Loge bietet euch weiterhin Schutz und Zuflucht. Nicht für ewig, aber mit Sicherheit noch für eine Weile.« Er sagte das mit der Unbedarftheit eines Mannes, der daran gewöhnt war, von jeglichen Emotionen losgelöst Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen. Das zornige Aufblitzen in Ellas grünen Augen konnte ihm ebenso wenig wie Antoine entgangen sein. Vielleicht erhob er sich deswegen auch danach wieder von ihrem Tisch und ging zu der Speisetafel seiner Logenbrüder, um sich dort vor Kopf niederzulassen und mit seinem Stellvertreter, einem schwarzhaarigen Hünen mit völlig vernarbtem Gesicht, zu sprechen.

»Wir müssen hier raus, Antoine«, stellte Ella fest.

Antoine war anderer Meinung. Der Ort, an dem sie sich befanden, war immerhin so gesichert und geschützt wie nur wenige Zufluchtsstätten, die er kannte. Martus hatte ihm im Vorfeld einiges erzählt, und als er sich daran erinnerte, zu was der Magiker alleine imstande gewesen war, überschlug sich seine Vorstellung, an einem Ort unterzukommen, an dem mehr als ein Dutzend dieser Befähigten lebte. Vor allem aber war das Sammeln von Informationen die Bestimmung dieser Loge. Wo, wenn nicht hier, könnte und würde er fündig werden? Es gab noch immer eine Vielzahl von Fragen und Ungereimtheiten, die er zu klären versuchte. Fragen zum Wiederaufbau seines Ordens, aber auch, weil er begreifen wollte, was der eigentliche Auslöser für die Ereignisse gewesen war, die ihre Pfade zueinandergeführt und die ihren Tribut letztendlich im Freitod von Johannes Sturm gefordert hatten.

Das Dunkellichtwesen Ashanal hatte sie letzten Endes als Opfer benötigt, um mit dem Buch und ihrer Lebenskraft die Pforte zu den gefangenen Dunkellichtwesen aufzustoßen und diese in die Welt zu holen. Doch der Selbstmord Johannes‘ hatte den Abschluss des Rituals unmöglich gemacht und Martus die Gelegenheit gegeben, das Schlimmste zu verhindern. Ihr eigener Überlebenswille hatte es ja eigentlich erst so weit kommen lassen. Denn ihre Ordensführer hatten das Büro 13 beauftragt, alle Brüder zu liquidieren, und es mit weitreichenden Kenntnissen und Informationen ausgestattet, damit es diesen Auftrag erfüllen konnte. Ausgerechnet einer der Agenten des Büro 13 rettete an diesem Abend durch die Ablenkung der Kreatur die ganze Welt. Ashanal hatten sie gebannt und weitere Dunkellichtkreaturen waren nicht in diese Welt gelangt. Doch mit der Existenz des Buches würde es weiterhin einen Weg geben, die Pforte zu öffnen, so dass es seiner Meinung nach, nur durch die Zerstörung der alten Schrift eine endgültige Sicherheit geben konnte. Hinzu kam, dass, obwohl Johannes als letzter Bruder des Lichtes starb, das Gleichgewicht der Ebenen nicht kollabierte, sondern weiter bestand. Eine Erklärung dafür gab es nicht. Entweder gab es noch jemanden mit der Befähigung des Lichtes oder die Theorie des Gleichgewichts aller Ebenen ließ ein größeres Chaos zu, als er und Martus bisher angenommen hatten.

Wenn sie sich am nächsten Morgen sähen, würde er Martus ansprechen, um die Zerstörung des Buches voranzutreiben, entschied er sich. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, doch der ebbte nicht mehr ab, sondern verstärkte sich noch weiter. Als er seine Augen öffnete, bemerkte er, dass kein Dampf mehr um ihn herum aufstieg. Es war das Wasser! Es war plötzlich eiskalt und die Bannrune vor ihm drehte sich nicht mehr im Inneren der Kachel, sondern war nahezu verschwunden. Auf der Kachel selbst und all den anderen um ihn herum tasteten sich die ersten Risse vor, wie feine Finger, die die Wand auf ihrem Weg zur Decke mit stetigem Knacken öffneten.

A40, 15.10.1999 – Autobahn A40 von Dortmund nach Essen

Ein schwarzer Astra fuhr mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit den nächtlichen Ruhrschnellweg entlang. Um diese Zeit war die sonst von Stau und Überfüllung geplagte Lebensader des Ruhrgebiets frei. Tagsüber handelte es sich wohl um den längsten Parkplatz der Welt, wie die Menschen hier oft sagten. Des Nachts konnte man aber in gut dreißig Minuten von Dortmund nach Essen kommen.

Martus blickte kurz auf die Geschwindigkeitsanzeige und dann sofort schuldbewusst in den Rückspiegel. Doch außer den kleiner werdenden Frontscheinwerfern eines LKW mit polnischem Kennzeichen befand sich niemand hinter ihm, während die hellblau leuchtende Wertkaufreklame zu seiner Linken vorbeirauschte. Es war mit ziemlicher Sicherheit zu spät, dachte er in seiner Verzweiflung. Das würde er nicht schaffen.

Die Loge war entdeckt worden, und wer auch immer sie angriff, hatte die tödlichen Fallen und magischen Vorkehrungen aller Art überwunden und war bis in ihr Zentrum vorgedrungen. Vielleicht würden sie noch lange genug aushalten und Widerstand leisten, aber ob er die Eindringlinge aufhalten und in die Flucht schlagen könnte, wusste er nicht. Falls selbst Ephistares, der alte und erfahrene Logenvorsteher, einer der mächtigsten Zwölf in Deutschland, getötet worden war, dann war dort eine Kraft oder Wesenheit am Werk, der Martus allein nicht entgegentreten konnte. Doch das waren alles Gedanken, die er sich später machen sollte. Er versuchte, das Gaspedal weiter durchzudrücken, stieß auf Widerstand und ließ sein Bein durchgestreckt. Die Tachonadel klammerte sich an die Zweihundert und beinahe hätte er den vor ihm fahrenden VW Polo übersehen, konnte aber noch rechtzeitig nach links rüberziehen. »Die Spur halten«, beschloss er und blickte wieder düster erst auf die Tacho- und dann auf die Zeitanzeige.

Im Rückspiegel reflektierte das Fernlicht des mit Lichtzeichen protestierenden Polofahrers. Zwischen den Scheinwerferblitzen konnte er sein eigenes Gesicht, den Dreitagebart, die Koteletten, seine kurzen braunen Haare und seine dunklen Augen erkennen. Der Kragen des dunklen Kapuzenpullovers verbarg den oberen Runenkranz seiner Schutztätowierungen nicht völlig, die seinen gesamten Körper darunter bedeckten. Gleichzeitig drückte in der rechten Beintasche der dunklen Militärhose eine 9mm Pistole mit dem unteren Schaftende gegen seinen Oberschenkel. Als er an die Waffe dachte, fluchte er, da er seinen Ritualdolch vergessen hatte. Aber der würde an diesem Tag nicht über sein Schicksal entscheiden. Was war er doch für ein Narr. Hatte er wirklich geglaubt, dass die Kräfte, die sie noch sechs Wochen zuvor in all ihrer Macht erlebt und zum Glück überlebt hatten, einfach so aufgeben würden?

Seit dem Abend, an dem der Krieger des Lichtes sein Leben gegeben hatte, wusste Martus, dass sie erst am Anfang der Ereignisse standen, deren Folgen niemand auch nur im Ansatz erfassen konnte. Sie hatten sich gegen Kräfte gewehrt, die seit langer Zeit auf ihre Chance lauerten zurückzukehren, und sie hatten es irgendwie geschafft, sie aufzuhalten. Anscheinend aber nicht lange genug. Dabei hatte er ihre Spuren verwischt. Das Büro 13, dessen Agenten ihnen so unerbittlich gefolgt waren, mussten davon ausgehen, dass sie nicht mehr am Leben waren, denn sie hatten die Suche nach ihnen Ende September eingestellt.

Das verdankten sie Richard Steiner. Der hochrangige Kommandoführer des Büro 13 hatte sie sogar zweifach gerettet. Das erste Mal im Kampf gegen das Dunkellichtwesen und das zweite Mal mit seinen Aussagen über den Ausgang des Gefechtes in dem Ritualraum, in dem Johannes Sturm sein selbst erwähltes Ende fand. Ashanal, das Dunkellichtwesen, konnte es auch nicht sein, denn Martus hatte es selbst in die Weiten des endlosen Nichts gesandt, aus denen es keine Rückkehr gab.

Mit Ella und Antoine war er noch am selben Abend in einen anderen, niemandem bekannten, Unterschlupf gefahren und hatte sie dort für mehrere Tage mit sich und den zurückliegenden Ereignissen alleingelassen. Er hatte penibel darauf geachtet, den Vorsteher des Großbundes der Deutschen Magikerlogen nicht über den Zwischenfall zu informieren. Derzeit konnte noch niemand vom möglichen Ende der Orden von Dunkelheit und Licht wissen. Lange würde dieser Vorsprung aber keinen Bestand haben. Auch wenn sich die Magiker nicht sonderlich um andere Befähigte und deren Belange kümmerte, hatte es Einfluss auf ihre eigenen Ränke. Bis zu diesem Tag hatte man die Bruderschaften zwar immer skeptisch und mit Mistrauen beäugt, sie aber weitestgehend in Ruhe gelassen, da von ihnen keine unmittelbare Gefahr für die Magiker ausging. Im Gegenteil: In der jahrhundertealten Geschichte der Logen, gab es durchaus ein paar Ereignisse, in denen sich die beiden Bruderschaften sogar als große Unterstützung erwiesen hatten. Unabhängig von ihrer eigenen Verfeindung untereinander. Der Vorsteher hatte sich mit einem kurzen Bericht von Martus begnügt und weitere Nachfragen nach Untersuchung seines Berichtes angekündigt. Der Logenkonvent, der als oberstes Entscheidungsorgan des Großbundes der Logen fungierte, war in Martus Augen eher ein selbstgefälliges, aufgeblähtes Konstrukt von Logenvertretern, die sich ihre Zeit als Magiker zu sehr damit vertrieben, über das theoretische Wirken und Walten der Kräfte und Ebenen so sehr zu philosophieren, dass sie nach und nach die wahren Eigenschaften und Herausforderungen der Magik übersahen oder ignorierten. Abgesehen von der Prüfung und Auswahl der nachkommenden Jungmagiker, kannte Martus nicht viele weitere sinnvolle Aufgaben, denen dieser Zirkel nachkam. Vielleicht wusste er aber auch nichts davon. Immerhin schienen sie kein echtes Interesse an seinen Auskünften zu haben, denn seit er ihnen seine Erkenntnisse, natürlich gefiltert, mitgeteilt hatte, war eine weitere Nachfrage ausgeblieben.

Eigentlich wünschte sich Martus einen starken Konvent, der die Logen innerhalb Europa verband und zielgerichtet für ihr aller Überleben sorgte, aber im gleichen Moment war es gut, so behäbig und fern zu sein, wie er es war. Noch. Der technische Fortschritt würde nach und nach die Nischen, in denen sie sich alle bisher hatten verstecken können, erhellen, und wenn sie nicht aufpassten, dann wäre ihre Existenz und die der anderen Befähigten bald kein großes Geheimnis mehr.

Auch vom Buch, das er gemeinsam mit Antoine und Johannes entdeckt und das er nach ihrem Gefecht mit dem Dunkellichtwesen wieder in seinen Besitz gebracht hatte, erzählte er niemandem, auch nicht seinen Logenbrüdern. Dort konnte kein Verrat lauern. Nachdem das Büro 13 seine Suche Ende September eingestellt hatte, brachte er Antoine und Ella aus dem Unterschlupf zu seinen Logenbrüdern nach Essen. Auch ihnen hatte er nicht von dem Buch berichtet. Ephistares, der Vorsteher der Essener Loge, musterte ihn mit ernsten und besorgten Augen, aber musste sich mit den dürftigen Informationen, die Martus ihm mitteilte, zufrieden gegeben. Ephistares ging jetzt davon aus, dass Martus und Antoine gemeinsam mit Ella auf der Suche nach einem wichtigen Artefakt waren und dass die beiden für einen gewissen Zeitraum vor der anderen suchenden Partei untertauchen mussten. Ganz so weit hergeholt war das ja nicht. Martus und Antoine hatten entschieden, dass man die näheren Stützpunkte der Bruderschaft der Dunkelheit aufsuchen müsste, um nach weiteren Antworten zu suchen. Seitdem standen sie in Kontakt, und auch mit Ella hatte er in den vorangegangenen Tagen ab und zu gesprochen, aber die Zeit hatte einfach nicht ausgereicht, seine Recherchen zu Ende zu führen. Er wusste nur, dass es – was auch immer »es« bedeutete – noch nicht vorbei war. Instinktiv fuhr er mit seiner rechten Hand über die dunkelbraune Buchkladde mit seinen Aufzeichnungen und Erkenntnissen, die unschuldig auf dem Beifahrersitz lag und damit ihrem Inhalt grenzenlos widersprach.

Was, wenn er durch sein Schweigen seine Brüder in Gefahr gebracht hatte und der Angriff nicht der Loge, sondern Antoine oder Ella galt? Die Leuchtreklame von D&W zu seiner Linken ließ sein Herz schneller schlagen, denn das bedeutete, dass er in vielleicht fünfzehn Minuten in Essen sein würde. Außerdem tauchte hinter ihm in schnellem Wechsel blau-weißes Licht auf.

Essen, 15.10.1999 – Unter dem Kennedyplatz, Magikerloge der Betrachtung

Mit der unbändigen Gewalt einer Dampframme fuhr seine kaltgraue Faust auf den völlig überraschten jungen Mann in der goldbraunen Robe nieder, noch bevor dieser auch nur einen Finger hätte krümmen können, um sich davor zu wappnen. Das helle Knacken des zerberstenden Schädels und das Peitschen der platzenden Haut gingen in dem Geräusch der sogleich splitternden Knochen des Torsos unter. Aus diesem traten die vielen Knochen, durch die schiere Geschwindigkeit des Aufpralls beschleunigt, durch die Haut heraus und verteilten sich, wie die Ladung einer Landmine, in einem Kreis um den bereits deformierten Körper. Ein nah hinter seinem Opfer stehender Robenträger wurde durch sie in Stücke gerissen und löste sich in einer grauroten Wolke beinah völlig auf.

Inzwischen waren es schon acht, die er seit seinem Eindringen getötet hatte. Dies war keine kleine Loge, sondern eine der Größeren dieses Ordens. Sein Überraschungsmoment würde rasch verflogen sein. Jede Gegenwehr, die er bis dahin ausschalten konnte, half. Er musste verhindern, dass die Magiker Zeit und Ruhe hatten, sich zu sammeln und sich gemeinsam zur Wehr setzten. Einzeln waren Sie ihm im Kampf unterlegen. Bis auf den Logenmeister vielleicht, korrigierte er sich, aber den hatte er bereits überrascht und erledigt.

Alles was er in seine steinernen Pranken bekam, um es zu zerstören oder zur Verwüstung umherzuschleudern, vermehrte das Chaos und zog die allgemeine Verwirrung wie auch das Durcheinander in die Länge. Er hatte den großen Raum, vermutlich der Speisesaal, fast durchquert. Die drei langen Holztafeln, die – zuvor noch akkurat eingedeckt – in einer »U«-Form zum Verweilen eingeladen hatten, waren nun zertrümmert und verbrannt. Ihre verkohlten Überreste bedeckten mehrere reglose Körper oder viel mehr das, was von ihnen übrig geblieben war und auch die fein geschnitzten Stühle hatten sich dem Chaos des Raumes unterworfen. Unter seinem Schritt und Gewicht zerbrach die Wirbelsäule eines der Toten, doch er machte sich nicht einmal die Mühe, seinen nächsten Schritt zu prüfen. Etwas veränderte sich mit einem Mal in der Luft. Sie begann zu flimmern und ein hauchdünner Nebelfaden senkte sich von oben herab.

»Ignatia Baspheria«, gellte eine schrille Stimme hinter ihm, und eine dumpfe Wärme kroch seinen Rücken und dann den Nacken hinauf, bevor sich violette Flammenzungen über sein Blickfeld und seine graue Brust herabwanden. Für einen Moment blickte er ihnen nach. Als sie den Boden zu seinen Füßen erreichten und sich in den hellen Marmor fraßen, drehte er sich langsam um. Der Sauerstoff um ihn herum verbrannte unter Zischen und Dampfen.

Nicht weit von ihm, auf der anderen Seite des Raumes, vielleicht sechs Schritte entfernt, stand der Urheber der Flammen, die weiterhin seinen Körper bedeckten, und streckte ihm seine hellglühenden Fäuste entgegen. Aus ihnen schossen sogleich noch mehr violette und purpurfarbene Flammenzungen auf ihn zu. Er hob die Fäuste zur Deckung vor das Gesicht wie ein Boxer und wappnete sich für die nächste Hitzewelle.

Normale Flammen konnten ihm in seinem Zustand nichts anhaben, aber Feuer aus der eigenen Elementarebene, der der Essenz, war in der Lage, ihm Schmerzen und bei einem geübten Magiker durchaus auch Schaden zuzufügen. Der Flammenschwall und die Druckwelle, die er vor sich hertrieb, waren so stark, dass er vor Überraschung reflexartig nach Luft schnappte. Er verlor den verbrannten, geschmolzenen Marmorboden unter den Füßen und wurde nach hinten geschleudert, bis eine Wand seinen Flug stoppte. Benommen rutschte er daran herunter, die Hände noch immer geballt vor das Gesicht gehoben und die Beine von sich gestreckt. Er nahm die Deckung runter, um nach seinem Gegner zu schauen. Der Flammenschwall, den der Magiker auf ihn geschleudert hatte, war zwar verebbt, aber auf seiner Haut brannte das elementare Feuer weiter. Er konnte förmlich spüren, wie sich die Hitze mehr und mehr in ihn hineinfraß. Wenn er nichts unternahm, würde das sein Ende bedeuten. Doch noch war es nicht vorbei.

Unter Stöhnen stütze er sich mit der rechten Klaue auf dem Boden ab, woraufhin dieser langsam seine Härte verlor. »Verdammtes Feuer«, zischte er und stieß sich mit aller Kraft nach oben. Fast hätte er sich das Haupt an der Decke gestoßen, so energisch hatte er sich vom Boden in die Höhe gedrückt, doch er behielt die Kontrolle über seinen massigen Körper und widerstand dem inneren Drang der Panik, vor dem elementaren Feuertod. Am anderen Ende des Raumes stand noch immer der Magiker, der ihn schon viel zu lange aufgehalten hatte. Als Beschwörer der Flammen würde nur sein Tod sie wieder verlöschen lassen. Das war wiederum das Gute an Magik. Sie war halbwegs berechenbar, wenn man ihre Wirkungsweise begriff. Hätte er es geahnt, wäre es gar nicht so weit gekommen.

Mit der flachen rechten Hand klopfte er sich auf die linke Brust und berührte dadurch die dort in seine Haut geätzte verschnörkelte Luftrune, die wie ein Notenschlüssel aussah. Sie glomm für eine Sekunde in weißem Licht auf, dann dauerte es keinen Flügelschlag, da lösten sich die Flammen von seinem Körper und entfernten sich. Das purpurne Feuer brannte weiterhin lichterloh, befand sich aber nicht mehr auf ihm, sondern schwebte in geringem Abstand um ihn herum. Wie ein übergeworfener Mantel aus dämonischen Flammen, der jedoch nicht die Haut bedeckte.

Das war die kurze Verschnaufpause, die er gebraucht hatte, um sich zu sammeln. Der Magiker auf der anderen Seite des Raumes setzte zu seiner nächsten Attacke an und ließ mit der Anmut eines geübten Dirigenten die rechte Hand durch die Luft fahren.

Lucius van Stetten erhob die seine, schwang seinen mächtigen Arm nach hinten und streckte ihn daraufhin im Schwung nach vorne wieder aus. Es gab ein feines knackendendes Geräusch und seine ausgestreckte steinerne Klaue flog, losgelöst von seinem Arm und Körper, direkt auf den Hals des Magikers zu. Noch bevor dieser erkannte, was da purpurbrennend auf ihn zuraste, trennte sie bereits dessen überraschtes Haupt vom Rest des Körpers. Im gleichen Moment, in dem seine Überreste zu Boden gingen, erlosch auch das elementare Feuer, das van Stetten so schmerzhaft umgeben hatte. Wäre es nötig gewesen, hätte er tief durchgeatmet. Doch die Sauerstoffzufuhr war sein geringstes Problem.

»So viel zum Überraschungsmoment«, stellte er fest. Die Kamera, die hoch in der anderen Ecke des Speisesaals alles verfolgte, hatte er jedoch zuvor nicht bemerkt. Mit zusammengekniffenen Augen und leicht schiefgestelltem Kopf, stapfte er langsam darauf zu. Der rote Sensor über dem Objektiv blinkte in regelmäßigen Abständen und er erkannte auch ein Mikrofon an der anderen Seite des Gehäuses. Die Stille im Speisesaal wurde nur durch das feine Geräusch des Ein- und Auszoomens der Kamera durchbrochen. Ein bisschen Theatralik konnte nicht schaden, dachte er und streckte seinen Armstumpf in die Richtung des enthaupteten Magikers. Seine Hand, die noch immer zwischen dem Torso und dem abgetrennten Kopf des Mannes lag, begann leicht zu zittern. Spinnengleich krabbelten die Finger über den Brustkorb auf den Kopf zu und umgriffen ihn. Dann flog die Hand, wie von einer unsichtbaren Leine gezogen, zurück zum steinernen Arm, den sie zuvor verlassen hatte. Der Kopf befand sich noch immer in ihrer Gewalt. Es dauerte einen Moment bis er sie wieder als Teil seines Körpers spürte und er ließ sich Zeit, sie wieder mit sich zu verbinden. Dann machte er einen weiteren Schritt auf das technische Auge zu, hob den leblosen Kopf auf Augenhöhe, während die Kamera seine Bewegung verfolgte. Hektisch zoomte sie mehrmals ein und aus und schwenkte von links nach rechts.

»Es gibt keine Rettung. Nur den Tod.« Und mit dem letzten Wort fletschte er seine steinernen Fänge, bevor er den Kopf in seiner Hand einfach zerdrückte und die undefinierbaren Überreste tropfend zu Boden fallen ließ. Die eiligen Schritte, die sich näherten, verrieten ihm, dass sein Überraschungsmoment wohl endgültig vorbei war und die Loge der Betrachtung ihm nun alles entgegenwerfen würde, was ihr an Kräften verblieben war. Er wandte sich in aller Ruhe von der Kamera ab und drehte sich zu der mächtigen bronzefarbenen Tür, hinter der die Schritte bereits deutlich zu hören waren. Sie würden ihm schaden, ihn schwer verletzen und vielleicht an den Rande des Todes bringen, aber sie würden ihn nicht aufhalten können. Nicht mehr. Mit dieser Überzeugung wartete er noch wenige Augenblicke, bevor die glänzenden Türflügel aus den Angeln gesprengt wurden und mehr als ein halbes Dutzend Magiker brüllend und mit hassverzerrten Gesichtern in dem verwüsteten Raum auf ihn eindrangen.

ICE, 15.10.1999 – Auf der Strecke von Dortmund über Hannover nach Berlin

Der Zug bewegte sich nicht mehr. Steiner hatte bereits alles in seinem Kopf verarbeitet. Jemand hatte die Notbremse gezogen und zur gleichen Zeit ein Loch in die Zugabteilwand gesprengt. Alles gefolgt von vier Blendgranaten und der Kappung der Stromzufuhr. So hatte sich der Waggon in kürzester Zeit in eine verdunkelte Todesfalle verwandelt, aus der es nur schwer ein Entrinnen geben würde.

Das Pfeifen in seinen Ohren war abgeklungen. Er befand sich mit der jungen Fotografin im Arm auf dem Boden nahe der Abteilwand und spähte unter den Sitzen hindurch, während die Schritte von mindestens vier festen Stiefelpaaren immer wieder verharrten und dann wieder ein Stück näherkamen. Der sie begleitende, surrende mit einem leisen »Plopp« endende Ton bedurfte keiner weiteren Erklärung. Die Träger der Stiefel ließen niemanden in ihrem Weg am Leben. Wo immer sie auch zum Stehen gekommen waren.

Draußen herrschte fast totale Dunkelheit, so dass es selbst im Abteil nur schwer erkennbar war, was dort vor sich ging. Seine Ohren filterten die Geräusche um ihn herum, wie sie es in seiner jahrelangen Tätigkeit für das Büro immer getan hatten. Irgendwo wimmerte jemand vor Schmerzen oder vor Angst, oder vielleicht wegen beidem, doch nach einem weiteren sirrenden »Plopp« verstummte das Wehklagen für immer. Sie ließen sich Zeit. Offensichtlich glaubten sie, dass sie leichtes Spiel haben würden. Ein Knall und ein Blitz durchzogen mit einem Mal den Raum, und das Mündungsfeuer spiegelte sich in den letzten noch unversehrten glatten Flächen der Fenster und Vertäfelungen des Abteils, so dass er für eine Momentaufnahme in der Lage war, das Zugabteil zu scannen. Mehr Zeit brauchte er nicht, um die Situation genauer einzuschätzen, und presste die Lippen aufeinander. Sachte, und so leise es ging, löste er die Sicherheitslasche des versteckten Halfters an seinem linken Schienbein und zog seine schmale Handfeuerwaffe.

Die noch reglose aber atmende Fotografin und er lagen etwa in der Mitte des Waggons und waren bis auf einige Schrammen unversehrt. Vor ihnen erkannte er noch drei lebende Personen auf dem Boden, deren schwerfällige Bewegungen erzählten, dass sie leicht bis mittelschwer verletzt waren.

Die Kampfstiefelpaare standen mit den Fußspitzen zu ihm gewandt in einer Zickzackreihe noch ungefähr zehn Meter entfernt. Jemand schraubte etwas ab – vermutlich einen Schalldämpfer von einem Lauf. Steiner schloss sein Auge, atmete tief und konzentriert ein. Ganz langsam zog er sein Handy aus seiner rechten Hosentasche, aber das Display gab nicht mal mehr ein Glimmen von sich. Doch befand sich da noch etwas anderes in der Tasche, und aus einem unterbewussten Drang fingerte er es heraus. Wie ein Bergmann, der in einem zu engen Stollen auf der Seite liegt, hielt er sich den dunklen Stein prüfend vor sein Auge, obwohl er kaum etwas erkennen konnte. »Plopp«, erklang es zehn Meter vor ihm und ein weiteres Schmerzensstöhnen endete abrupt, während ein aufgerichteter Körper in sich zusammensank und zu Boden ging.

Mit einem Mal wurde es sonderbar warm und als er begriff, dass die Wärme vor seiner Wange entstand, blickte ihn das Auge in seiner Hand ganz matt und dunkelviolett pulsierend an. Ungläubig und unbeweglich starrte er auf die steinerne Pupille, die er sich da vor sein Gesicht hielt. Wieder ein »Plopp«, gefolgt von einem finalen Ausatmen und dem Zu-Boden-Fallen.

Das Auge begann sich langsam auf dem Handteller zu drehen, als blicke es sich um. Fasziniert beobachtete er, wie sich Pupille und Linse veränderten, fixierten und drehten, wie sie in die Weite und Nähe blickten, bis sie seinen Blick erneut trafen. Noch bevor er begriff, was er da geschehen sah, stieß das Auge vor und fraß sich unter Stichen und Schnitten in seine linke leere Augenhöhle, ohne sich von der Augenklappe davor aufhalten zu lassen. Er ließ die Pistole fallen, warf sich auf den Rücken und versuchte, das Auge mit seinen Händen zu fassen, doch es war schon zu tief in seinen Kopf eingedrungen. Er konnte fühlen, wie sich Fäden, Stein, Narbengewebe, Muskeln, Sehnen und Fleisch verbanden, wie sie miteinander verschmolzen, während die Schmerzen so unsagbar tief gingen, dass er beinah ohnmächtig wurde.

Es würde seinen Kopf zerfressen!

Der Mann, der sich Martus genannt hatte, würde gewonnen haben, und Steiner war es mit einem Mal lieber, er wäre durch eine Kugel gestorben, als durch diese andersartige Hinterlist, deren Wirken er nicht einmal im Ansatz begreifen wollte. Konnte. Vorbei. Mit schmerzverzerrten Gesichtsmuskeln beendete er jegliche Versuche, das Auge herauszuholen, und setzte sich mit angewinkelten Beinen und dem Rücken an die Abteilwand. Die Schmerzen hatten aufgehört. In der anhaltenden Panik versuchte er, seinen Atem zu kontrollieren. Ein und Aus. Ein und Aus. Und die Ruhe kehrte zurück. Das Ding in seinem Kopf bewegte sich nicht mehr, zumindest fühlte er es nicht. Wenn es vorbei war, dann war es halt vorbei. Vielleicht würde es besser so sein. Und vielleicht hatte er es einfach noch nicht begriffen.

Marie. Mit geschlossenen Augen ließ er das Gesicht seiner Frau ein letztes Mal erscheinen, wie um sich von ihr zu verabschieden. Als er sie ein wenig öffnete, sah er auf der anderen Seite einen reglosen Körper im Anzug zwischen den Sitzen liegen. Grau und mit dem eigenen Laptop und einigen Papierseiten bedeckt, auf denen handschriftliche Notizen und Zahlen zu sehen waren. Er blinzelte und riss die Augen ganz auf. Hielt seine Hand davor und blickte sie ungläubig an. Wie war das möglich? Die Lampen im Abteil brannten doch gar nicht, aber er konnte dennoch alles erkennen.

Die rothaarige Fotografin neben ihm stöhnte, bewegte sich und wollte etwas fragen, aber er deutete ihr, mit seinem Finger vor dem Mund, still zu sein. Sie reagierte nicht auf sein Zeichen und suchte weiter ihre Umgebung ängstlich ab. Da begriff er, dass sie ihn nicht sehen konnte. Er hielt ihr den Mund zu, während er ihr ins Ohr flüsterte: »Bleiben Sie ganz ruhig. Wir sind in großer Gefahr. Sie müssen ganz leise sein. Haben Sie das verstanden?« Sie nickte, obwohl sie ihn, so wie ihre Augen die Umgebung absuchten, immer noch nicht sehen konnte. Steiner beschloss dem, was ihm gerade widerfahren war, später auf den Grund zu gehen und nun mit allem, was er noch hatte, um sein Leben zu kämpfen.

»Plopp«. Die Schritte der Stiefelpaare verharrten wieder und kamen dann näher. Als er ganz langsam, mit angehaltenem Atem und vorsichtig an den Sitzen vorbei in ihre Richtung spähte, war er sich nicht sicher, ob die Nachtsicht seines neuen Auges ausreichen würde, diesen Kampf zu seinen Gunsten zu entscheiden. Die vier Männer, die langsam in einer geschlossenen Reihe in seine Richtung kamen, trugen dunkle Overalls und Maschinenpistolen des Typs MP5 mit integrierten Schalldämpfern, wie sie das Büro standardmäßig verwendete. Aber das waren keine Agenten des Büros, denn die Köpfe der Männer hatten außer den rötlichen Augen keine menschlichen Züge, sondern waren von glatter und konturloser Haut. Selbst wenn es sich dabei um Sturmhauben zur Einschüchterung des Gegners handelte, beeindruckte ihn allein schon die Körpergröße der Vier, wie auch die Genauigkeit und Anmut ihrer Bewegungen, was auf ein jahrelanges Training unter den härtesten Bedingungen schließen ließ. Es kribbelte in seiner linken Augenhöhle und dann begannen sich die Farben und Konturen seiner Umwelt und das, was er darin erblickte, zu verändern.

Berlin, 15.10.1999 – Irgendwo unter den Straßen

Der große, fensterlose Raum war etwas länger als breit. Kalte Deckenleuchten verteilten ihr gleichmäßiges weißes Licht über die Reihen der Schreibtischpaare unter ihnen, so dass es sich in alle Fugen und Nischen legen konnte, ohne einen Platz für den kleinsten Schatten zu lassen. Licht war ihm schon immer wichtig gewesen. Es konnte gar nicht genug davon geben und eine klare Sicht auf die Dinge und Menschen war wichtig, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Für die falschen waren die anderen da. Diejenigen, die es nicht mehr gab oder die sich in der Hierarchie des Büros weit unter ihm befanden.

»Orten Sie ihn, verdammt!«, fluchte der Mann mit dem eng gekämmten Seitenscheitel, den kleinen schwarzen Augen und weißesten Zähne im Raum und fuhr sich danach mit der linken Hand an der Wange hinunter. Allein diese Geste war für jemanden wie ihn schon eine unglaubliche Zurschaustellung seiner inneren Gedanken und Sorgen. So etwas hatte er sich seit Jahren nicht erlaubt, aber in Anbetracht der aktuellen Situation, verzieh er sich seine Entgleisung für dieses eine Mal. Selbst er, der sich seit Beginn seiner Karriere im Büro in bester physischer und psychischer Verfassung befand, durfte ab und an auch einmal etwas Menschliches durchblitzen lassen. Und es hatte ohnehin niemand bemerkt, denn alle zwanzig Personen seines Teams suchten mit zusammengekniffenen Augen die Bildschirme ihrer Monitore ab und hämmerten hektisch auf den Tastaturen herum. Einige kommunizierten sogar gleichzeitig per Headset mit Gesprächspartnern, um den Mann zu finden, den sie vor kurzer Zeit einfach verloren hatten und an dem nun Markus Bermanns Karriere hing. Wenn auch diese Tatsache für sich alleine gesehen schon eine unglaubliche Sensation war, denn Bermann hasste den Mann, würde er eigentlich auf dessen Grab tanzen und seinem Mörder eine Zigarre und einen guten Whiskey spendieren wollen.

Er war sich mehr als sicher, dass der andere das gleiche auf seinem Grab und für seinen Mörder tun würde, aber das Schicksal hatte eine sarkastische Art gefunden, ihn und Richard Steiner aneinanderzubinden. Wenn hochrangige Agenten des Büros in den Ruhestand gingen, erhielten sie für einen Übergangszeitraum noch eine sogenannten »Schutzphase«, die für die Sicherheit beider Parteien gedacht war. Der austretende Agent konnte sich des Schutzes des Büros sicher sein und war dadurch gegen Angriffe oder Retourkutschen ehemaliger Gegner gefeit, die womöglich nun in seinem Privatleben ihre Chance auf eine Wiedergutmachung sahen. Gleichzeitig konnte das Büro sichergehen, dass der Ruheständler keine Geheimnisse verriet oder andere Dummheiten anstellte. Steiner war zwar keiner der hochrangigsten Agenten, aber mit ziemlicher Sicherheit einer der bekanntesten und verdientesten unter ihnen. Das musste ihm selbst Bermann nüchtern zugestehen. Nicht ohne einen kleinen Anflug von Neid und relativer Missgunst, aber schon mit dem Bewusstsein, dass da jemand in den Ruhestand ging, der das Büro »gelebt« hatte. Alleine aus diesem Grund war es von hoher Bedeutung, dass der Mann nicht verschwand oder verstarb, und seinen Ruhestand auch antreten und erleben konnte. Was nach einem weiteren Jahr geschehen würde, wäre nicht mehr im unmittelbaren Interesse des Büros, aber alles vor diesem Zeitraum war von großer Bedeutung und lag nun in seiner Verantwortung. Die hätte er in dem Moment gerade am liebsten an jemand anderen abgegeben, denn von Steiner fehlte jede Spur, nachdem der Kontakt zu seinem Mobiltelefon schlagartig unterbrochen worden war.

»Die Satelliten kommen nicht durch, Herr Bermann«, meldete sich ein junger Mann mit blauem Hemd und viel zu lockerer Krawatte aus einer der hinteren Reihen. »Wir bekommen keine aktuellen Bilder von der Zugstrecke.«

»Bekommen Sie Zugriff auf die älteren Satellitenbilder? Wo befand sich der Zug kurz vor Verlust des Signals?«, fragte Bermann in die Runde der Analysten vor sich und klopfte ungeduldig mit dem rechten Schuh auf dem Boden auf und ab, doch niemand begegnete seinem Blick. Alle starrten angestrengt auf die Bildschirme vor ihnen.

Mehrere Männer sprachen gleichzeitig in ihre Headsets und kommunizierten mit externen Quellen, aber niemand antwortete auf seine Frage. Dann registrierte er das hektische Emporrecken einer Hand in den vorderen Reihen und wandte sich an die betreffende Person. »Ich habe etwas, Herr Bermann. Der ICE, in dem sich Steiner befindet, war unmittelbar vor dem Signalverlust knapp vor Bad Oeynhausen.« Der junge Mann hämmerte wieder in die Tastatur und gab Bermann dann die Antwort auf seine nächste Frage, noch bevor er sie stellen konnte. »Es kam bereits einige Kilometer zuvor zu einer Geschwindigkeitsabnahme des Zuges.« Er vermerkte sich den Namen des Mannes, Stefan Kaiser, auf seiner eigenen Liste für Mitarbeiter, deren Akte er sich genauer ansehen würde, und ging zu dessen Platz, während Kaiser weiter an seinem Rechner arbeitete und seinen Bildschirm nicht aus den Augen ließ.

»Legen sie es auf den Wandschirm«, befahl Bermann und stellte sich neben den sitzenden Kaiser. Alle Blicke im Raum glitten zum großen Bildschirm an der Frontwand, neben der sich Aus- und Eingang der Kommandozentrale befanden. Sie wussten also, wo sich der Zug ungefähr befinden musste. Wer auch immer den ICE angriff, hatte bereits vor dem Signalverlust für einen planbaren Halt gesorgt. Das gefiel Bermann nicht. Damit waren jegliche Bagatellerklärungen dahin, und das Ganze gewann an Bedeutung und Brisanz. »Was sagen die Passagierlisten und die uns bekannten Buchungen? Irgendwelche potenziellen Zielpersonen für andere Parteien in diesem Zug?«, fragte er in die Menge seiner Männer, kannte die Antwort aber bereits.

»Wir hatten zuvor alle mögliche Konfliktpassagiere auf andere Züge verteilt oder liquidiert, Herr Bermann. Es sei denn, wir haben jemanden übersehen.«

»Unwahrscheinlich«, stellte Bermann fest. »Schicken Sie das Rettungsteam rein und versuchen Sie weiter, Kontakt zu Steiner herzustellen. Wie lange braucht das erste Team bis zum Eintreffen?«

»Die werden in fünf Minuten an der von uns lokalisierten Stelle ankommen. Sollen wir schon mal Feuerwehr und Polizei informieren?«, fragte Kaiser, während er sich an Bermann orientierte.

»Nein. Lassen Sie die erst mal da raus. Vielleicht müssen wir noch etwas aufräumen.« Er schüttelte den Kopf. »Am wichtigsten ist es, Richard Steiner da lebend rauszuholen! Das hat oberste Priorität, meine Herren. Und noch etwas«, er drehte sich einmal um seine eigene Achse, um jeden angeblickt zu haben, bevor er wieder nach vorne ging. Dann stellte er sich gerade vor seine Leute und sagte mit fester und ernster Stimme: »Bitte denken Sie daran, dass wir bei dieser Mission direkt an Alpha berichten. Richard Steiners Überleben hat oberste Priorität. Geben Sie ihr Bestes und vielleicht ist das gerade gut genug. Scheitern ist keine Option für diese Abteilung.«

Es dauerte einen kleinen Moment bis sich seine Botschaft in den Gesichtern der Empfänger manifestierte, dann gerieten sie in noch größere Betriebsamkeit als zuvor. Wenn es um das eigene Leben ging, erwuchsen einigen Menschen ungeahnte Kräfte, und Bermann wünschte sich, dass sich diese Kräfte ans Werk machen würden. Wenn Steiner da nicht lebend rauskam, gab es für ihn ebenso keine Hoffnung mehr.

Vielleicht wurde er sabotiert. Hatte sich ein Maulwurf wie in Steiners Abteilung vor einigen Monaten eingeschlichen? Mit verborgenem Misstrauen blickte er über die Männer, aber niemand achtete in dem Moment auf ihn. Er setzte sich an seinen leicht erhöhten Tisch, wodurch er sich wieder seinen Leuten zuwandte und prüfte seinen Bildschirm. Er schaltete die Bildschirmansicht Kaisers hinzu und die LCD-Anzeige teilte sich in zwei Benutzeroberflächen. Auf der einen ruhte der Mauszeiger während auf dem anderen Bildschirmausschnitt, der Kaisers Computer zeigte, Diagramme, Karten und Nachrichten in wildem Wechsel aufblitzen, geschrieben wurden und wieder verschwanden.

Der Mann war gut und effektiv. Vielleicht ein wenig überkorrekt, aber das schadete nie. Gerade als Kaiser einen weiteren Informanten kontaktieren wollte, löste sich die Darstellung auf Bermanns Bildschirm in quadratisch wachsender Schwärze auf und setzte sich dann wieder im Logo des Büros, der »13« zusammen. Er schwitzte noch immer nicht. Zumindest nicht im Gesicht erkennbar. Allerdings konnte er spüren, wie sich feine Schweißtropfen langsam zwischen seinen Schulterblättern bildeten, um dann etwas später seinen Rücken hinunterzurinnen. Auf dem Bildschirm, neben der »13« erschienen nun die Worte »Bitte finden Sie sich zum sofortigen Report an Alpha im Zentralkonferenzraum ein.«

Und Markus Bermann begann sich Sorgen zu machen.

Dortmund 15.10.1999 – Waldhaus

»Wir haben nicht mehr viel Zeit. Wenn auffällt, dass wir die Loge ohne Abmeldung verlassen haben, verliere ich alle bisherigen Ansprüche, die ich mir als Novize bisher erarbeitet habe. Wissen Sie, was das bedeutet? Ich werde wieder in der Alchemistenkammer Tränke und Runen katalogisieren und Rezepturen archivieren müssen, die kein Magiker jemals wieder brauchen wird. Bitte. Holen Sie, für was Sie hier hergekommen sind, und lassen Sie uns bei allen Ebenen schnell wieder von hier verschwinden.« Das sagte ihr schlaksiger Begleiter in dem dunkelbraunen Waldanzug, der den Namen Abakath trug.

Sie hörte die Worte, aber ignorierte ihre Bedeutung und blickte weiter finster über die Lichtung zu den dunklen Überresten des Hauses hinüber. Wer hatte es zerstört? Als sie es verlassen hatte, war es noch vollends intakt gewesen. Und jetzt? Der Mond stand hell am wolkenlosen Himmel und leuchtete die Konturen der Ruine aus, die sich nahe dem Waldrand am Ende der Lichtung befand. Schmale verbliebene Stücke einer einzelnen Mauer reckten sich dürr und brüchig wie das letzte Lebenszeichen eines Ertrinkenden zwei Meter in Richtung Himmel. Fast schien es so, als hätte der Wald um sie herum nur darauf gewartet, sich langsam wiederzuholen, was seins war, und war bereits näher gerückt, als Sie es in Erinnerung hatte. Doch vielleicht kam ihr das auch nur so vor.

Zwei Monate waren vergangen, und der Mond hatte an jenem Abend genauso am Himmel gestanden, als sie Johannes Sturm aus einem Hinterhalt an diesen Ort gebracht hatte. Mit ihm war sie zwischen Fronten geraten, die nach völlig anderen Maßstäben entschieden und handelten, als es sich die meisten Menschen vorstellen konnten. Beinahe hatte Sie das mit Ihrem Leben bezahlt, aber Johannes hatte sie alle gerettet. Sein letzter Atemzug hatte ihr gegolten, und obwohl sie sich innerlich aufbäumte und zu konzentrieren versuchte, erschien er ihr für den Bruchteil einer Sekunde, zum Greifen nah. Mit der ernsten Miene, die seinen scharfen Gesichtszügen, dunklen Augen und Haaren so oft einen unnahbaren Ausdruck verliehen hatte, verblasste er so schnell, wie er gekommen war, und ließ sie wieder mit Abakath am Rande des Waldes allein.

Sie wusste, dass sie kaum Zeit hatten. Obwohl ihr der dünne Magiker etwas auf die Nerven ging, wie er da so ganz bedacht darauf, ruhig zu wirken, eben das Gegenteil erreichte. Ungeduldig wippte er von einer Hocke in die andere.

Sie spürte, dass er es nicht nur um seinetwillen so eilig hatte. Er machte sich Sorgen um sie, seit sie die Loge drei Stunden zuvor verlassen hatten. Und das rechnete sie ihm hoch an. Sie prüfte die Ränder des Waldes auf der anderen Seite und schwenkte den Kopf bei ihrem Absuchen hin und her, bevor sie sich aus der Hocke erhob, geduckt an dem letzten Baum vor der Lichtung erneut verharrte und in die Nacht lauschte. Hier und da waren die Geräusche des Waldes zu hören. Wie der Wind durch die Baumkronen, Äste und deren Blätter fuhr, die bald im Herbst des Jahres zu Boden fallen würden. Ein Kauz meldete sich etwas zurückhaltend ganz aus der Nähe. Abakath kam leise hinter ihr her und kniete sich neben sie.

»Was machen wir hier und was ist das für ein Haus gewesen?«, flüsterte er.

Noch immer suchten ihre Augen nach Anzeichen für eine Falle oder etwas, das verdächtig war. Aber sie fand nichts in ihrer Nähe und an den Rändern der Lichtung, das auf einen Hinterhalt gedeutet hätte. In den letzten Monaten hatte Sie gelernt, dass sich eine vermeintlich sichere Situation schnell zum Nachteil verändern konnte. Ihre rechte Hand glitt unter die Rückseite ihrer dunklen Lederjacke und kam mit einer dunkelmatten Pistole mit Schalldämpfer zum Vorschein. Zumindest gegen menschliche Gegner wäre sie zum Teil gefeit.

»Ich weiß, dass wir nicht lange fernbleiben können. Und bitte glauben Sie mir, dass ich Sie nicht in Schwierigkeiten bringen möchte.« Sie machte eine Pause, überlegte kurz und fuhr dann fort: »Aber wir müssen etwas holen, das ich brauche. Es befindet sich dort.« Sie deutete auf die Ruine des Hauses. »Besser gesagt: darunter. Es ist wirklich sehr wichtig.«

Abakath schwieg und sah sie skeptisch an. Dann seufzte er, murmelte etwas wie »Also gut.«, begann leise zu summen und wippte ganz leicht von links nach rechts, während er immer schneller mit seinen Augäpfeln rollte.

Ihr wurde fast schwindelig, als sie ihn dabei beobachtete, konnte sich aber nicht abwenden. So faszinierend war der feine Singsang, den er leise vor sich hinmurmelte.

Ein mattes grünes Flimmern begann sich auf seinen Lidern zu bilden und verteilte sich fließend um seine Augenränder. Abakath schloss die Augen und sein Summen endete mit dem Wort »Kamathe«. Als er sie wieder öffnete, war das grüne Flimmern um seine Augen herum verschwunden und befand sich nun in seinen Pupillen. Ganz ruhig und ohne Hast, alle Eile schien verschwunden, blickte er den Waldrand entlang und verharrte mehrere Male, so als würde er etwas näher betrachten. Sie folgte seinen Blicken, erkannte aber nichts an den Stellen, die er untersuchte. »Außer niederem Leben kann ich nichts finden«, fasste er seine Erkenntnisse zusammen. In seinen Augen glomm immer noch das feine Grün, und obwohl er äußerlich den Eindruck eines jungen, unbedarften, neugierigen Mannes erweckte, führte es ihr wieder vor Augen, mit welchen Mächten Befähigte wie er unter den Menschen wandelten.

»Danke«, sagte sie, sprang auf und sprintete auf die Überreste ihres alten Heimes zu, während dem schlaksigen Abakath noch ein »Ella. Warten Sie.« über die Lippen kam und sich der junge Magiker hinter ihr ebenfalls in Bewegung setzte.

Essen, 15.10.1999 – Magikerloge der Betrachtung

Die schrecklichen Sterbensschreie waren dumpf, aber unverkennbar durch die dicke Feuerschutztür des weißgekachelten Duschraumes zu hören. Ein paar Wassertropfen liefen noch seinen Nacken hinunter und wurden vom Kragen des Hemdes aufgefangen. »Ein Angriff!«, flüsterte er zu sich selbst und wischte sich die letzte Feuchtigkeit von Glatze und Stirn.

Nachdem ihn das eiskalte Wasser aus seiner Starre gelöst und er mit angesehen hatte, wie die Schutzrunen um ihn herum nach und nach ihre Bewegungen einstellten, sprang er aus der Dusche und warf sich in Windeseile seine dunkle Hose und sein helles Hemd über. Als er in die Schuhe schlüpfte, verfluchte er bereits seine Sorglosigkeit. Dass die einzige Waffe, die er in die Loge mitgenommen hatte, in seinem Zimmer lag, verbesserte seine Chancen keineswegs. Mit seinen bloßen Fäusten würde er wenig gegen einen Angreifer ausrichten können. Völlig unabhängig davon, ob es sich um einen normalen Menschen handelte oder um jemanden, der mit anderen Kräften wirken konnte.