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Stephanie Ahlen

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Beschreibung

Oahu, Hawaii: In einem Luxushotel wird ein englischer Polizeibeamter tot aufgefunden. Das Honolulu Police Department ermittelt, doch auch die Londoner Polizei schickt eine Beamtin aus ihren eigenen Reihen, um die Ermittlungen in Hawaii beratend zu unterstützen. Lauren Bradley hat vor vielen Jahren ihre Polizeiausbildung in Honolulu begonnen, die Truppe aber nach einem bösen Vorfall verlassen. Widerwillig wird sie auf der Pazifikinsel mit ihrer Vergangenheit und unliebsamen Kollegen konfrontiert. Darunter auch ihre alte Liebe Kalei, der nun die Ermittlungen leitet. Die Jagd nach dem Mörder beginnt.... Jedes Jahr reisen Millionen Besucher auf die Inseln von Hawaii, um dort ihren Traumurlaub zu verbringen. Doch die paradiesische Inselkette im fernen Pazifik hat Licht- und Schattenseiten. Neben Ständen und romantischen Sonnenuntergängen lauern Verbrechen, illegale Machenschaften und dunkle Geheimnisse...

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Impressum

Kapitel 1

Mittwoch, 14. Februar Honolulu, Hawaii

Der anbrechende Morgen brachte lange, sanfte Wellen nach Waikiki.

Die Sonne war gerade aufgegangen und ließ das Meer silbrig und verheißungsvoll schimmern. Um diese Zeit, bevor die Touristen aus ihren Hoteltürmen und Ferienapartments in Richtung Strand strebten, war Waikiki ein friedlicher Ort, an dem sich Banker, Kellner, Studenten und Lehrer versammelten, um vor der Arbeit zu surfen, zu paddeln oder zu kajaken. Es spielte keine Rolle, ob man Geld hatte oder nicht, in welcher Gegend von Honolulu man zu Hause war, ob man in einer 6-Schlafzimmer-Villa im vornehmen Kahala oder in einem Einzimmer-Apartment in Kaimuki lebte. Hier auf dem Wasser galten eigene Regeln: Nimm keinem die Welle weg und paddle niemandem, der bereits auf seinem Board steht, im Weg herum. Ach ja, und leg dich nicht mit den Locals, den Einheimischen, an …

An manchen Tagen konnte es vor Waikiki recht anarchistisch zugehen. Heute aber war man nicht draußen, um für die Triple Crown zu trainieren, sondern um sich vor dem Arbeitstag ein wenig Frieden zu gönnen. Ähnlich einer morgendlichen Yoga-Einheit.

Kalei Kahamoku, Detective beim Honolulu Police Department, saß rittlings auf seinem Surfboard und blickte in Richtung Ozean. Er wusste, dass es heute kaum surfbare Wellen geben würde, aber darum ging es ihm nicht. Er wollte allein sein mit sich, seinem Board und der Stille dieser frühen Morgenstunde. Er war heute lange vor Sonnenaufgang in seinem kleinen Hinterhaus im Stadtteil Manoa aufgewacht, nachdem er einen ziemlich blutrünstigen Traum mit seiner Ex-Freundin Malu in der Hauptrolle gehabt hatte. Er hatte versucht, sich an Details zu erinnern, und darüber nachgegrübelt, warum sein Unterbewusstsein Malu als bösartige Medusa besetzt hatte, die ihm nach dem Leben trachtete. Malu war eine ausgesprochen sanfte Person, die als Krankenschwester im Queens Hospital in Honolulu arbeitete. Tatsächlich war ihre fürsorgliche und mütterliche Seite schuld daran gewesen, dass ein Zusammenleben mit ihm, Kalei, nicht von langer Dauer gewesen war. Selbstverständlich hatten die Schichtdienste, die ihre Berufe zwangsläufig mit sich brachten, dazu geführt, dass die beiden sich tagelang nur im Bad oder im Schlafzimmer getroffen hatten. Das war aber nicht der Hauptgrund, warum Malu Kalei vor drei Wochen verlassen hatte.

Kalei wollte gerne glauben, dass seine Arbeit bei der Criminal Investigation Division des Honolulu Police Departments Malu abgeschreckt hatte, aber in Wirklichkeit war es seine Unfähigkeit gewesen, mit ihr einen Schritt weiterzugehen. Malu wünschte sich Kinder, und zwar so bald wie möglich. Ohana, Familie, wurde bei ihr und ihren Geschwistern großgeschrieben und während ihre beiden älteren Schwestern bereits respektable Männer geheiratet und Kinder in die Welt gesetzt hatten, wartete Malu seit einem Jahr auf eine Geste von ihm, die signalisierte, dass er bereit war, sie zu heiraten.

Der Abschied war tränenreich gewesen, aber in keiner Weise böse. Warum träumte er jetzt davon, dass Malu auf brutale Weise hinter ihm her war? Nachdem er eine Weile im Dunkeln gelegen hatte, war ihm das Fehlen jeglicher Geräusche in seinem Haus aufgefallen und ganz plötzlich hatte er die Leere und Stille nicht mehr ertragen. Er war in seine Boardshorts gesprungen und hatte sich ohne Frühstück mit seinen Surfbrettern in seinem Pick-up auf den Weg nach Waikiki gemacht.

Um halb sieben in der Früh hatte er nicht mal eine Viertelstunde gebraucht und war rechtzeitig zum Sonnenaufgang am Strand gewesen und vom 'The Wall'-Surfspot aus in Richtung Diamond Head gepaddelt.

Nun saß er bereits seit fast einer Stunde auf seinem Surfbrett, aber seine Stimmung hatte sich trotz des traumhaften Ausblicks kaum gebessert. Er schaute auf den weiten Ozean hinaus. Wenn er jetzt geradeaus lospaddelte, würde der nächste Stopp Tahiti sein. Nichts wäre dazwischen, außer viereinhalbtausend Kilometer Wasser. Wenn er sich allerdings um 180 Grad drehte, würde er direkt auf einen der belebtesten und bekanntesten Strände der Welt mit seinen bis auf wenige Ausnahmen mehr oder weniger hässlichen und einfallslosen Hotels und Apartmenttürmen schauen.

Entschlossen wartete er die nächste akzeptable Welle ab und paddelte los, als er beinahe von einem Siebenjährigen gerammt wurde, der, stolz auf seinem Brett stehend, an ihm vorbeisurfte. Der Kleine schrie ihm wütend etwas zu, das sich Kalei als Kind niemals zu einem Älteren zu sagen gewagt hätte, und rauschte an ihm vorbei.

Kalei beschloss, dass er heute auf den Wellen weder Frieden noch Antworten finden würde, und entschied, dass es Zeit war, zur Arbeit zu gehen. Er sah sich um, um nicht ein weiteres Mal peinlich aufzufallen, legte sich bäuchlings auf sein Brett und hielt mit wasserschaufelnden Händen auf den Strand zu. Als er näherkam, meinte er, an der Kalakaua Avenue ein ziviles Einsatzfahrzeug mit Blaulicht auf dem Dach zu sehen. Und nachdem er noch ein paar Meter weiter gepaddelt war, glaubte er sogar, seinen Partner Chris Logan am Strand stehen und zu ihm herüberwinken zu sehen.

Erst gestern Abend hatten die beiden zusammen ein paar Bier im 'Kanpai' getrunken, bevor Chris zu seiner Frau und seinen drei Kindern ins Palolo Tal gefahren war und Kalei in sein Häuschen im Nachbartal Manoa. Dass sie beide mehr als ein Bier getrunken hatten, hatte sie, wie so oft, nicht weiter gestört. Und wie üblich hatte sie auch keiner von den Kollegen der Streifenpolizei angehalten.

Kalei erreichte den Strand mit einem letzten kräftigen Zug und Chris, der seine Hosenbeine bis zum Knie hochgekrempelt hatte, kam ihm entgegen und hielt sein Board fest.

"So früh wollte ich dich noch gar nicht wiedersehen, Mann", begrüßte Chris seinen Partner, während er Kalei dabei zusah, wie dieser die Sicherungsleine seines Boards von seinem Knöchel löste.

"Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass du für einen morgendlichen Strandspaziergang hier bist", erwiderte Kalei und sah zu Chris' aufgerüstetem Dodge Charger hinüber. Das Fahrzeug war Chris' Privatfahrzeug, das er auch im Dienst nutzen konnte. Dafür bekam er eine monatliche Subvention vom Honolulu Police Department.

Er hob sein Handtuch vom Sand auf, begann, sich Gesicht und Haare abzutrocknen, und wünschte sich, Chris hätte einen Kaffee von Starbucks gegenüber mitgebracht. Könnte sein, dass er gestern Abend ein Bier zu viel gehabt hatte. Sein Magen erinnerte ihn plötzlich daran, dass er noch nichts gegessen hatte.

"In diesem schicken neuen Resort an der Turtle Bay ist heute Morgen ein Tourist aus Europa tot aufgefunden worden. Unwahrscheinlich, dass er sich selbst ertränkt hat. Die Kollegen vom Distrikt 2 in Wahiawa haben uns noch vor Sonnenaufgang angerufen", hörte er Chris‘ Stimme durch sein Handtuch hindurch.

Kalei ließ das Handtuch sinken, sah seinen Partner an und wartete auf weitere Erklärungen. Aber Chris hatte seinen Blick gerade an zwei Blondinen Anfang zwanzig festgesogen, die in winzigen Bikinis lachend an ihnen vorbeischlenderten. Das Gesetz verbot Oben-ohne-Baden oder -Sonnen an den Stränden von Hawaii, aber die Bikinihersteller fanden erstaunliche Wege, winzige Stoffteile so zu vernähen, dass man kaum mehr von einem Kleidungsstück sprechen konnte.

"Ein toter Urlauber?" Kalei boxte Chris auf den Arm, um seine Aufmerksamkeit zurückzuerlangen.

"Ich verstehe schon, warum du morgens so gerne herkommst", murmelte dieser, während er den Blick widerwillig von den Mädchen abwandte. Eine der beiden drehte sich zu Chris um und winkte ihm zu, woraufhin sie und ihre Freundin kichernd die Köpfe zusammensteckten.

"Das Opfer und seine Ehefrau kommen aus England, offensichtlich keine Billigtouristen, und unsere Kollegen in Wahiawa haben, ganz wie es sich gehört, sofort das HPD angerufen. Darum werden wir gleich die Ermittlung und den darauffolgenden lästigen Papierkram übernehmen, während die Kollegen an der North Shore sich wieder der angenehmen Aufgabe widmen können, Falschparker aufzuschreiben oder einen zugekifften Surfprofi zu verhaften.“

"Bis zur Turtle Bay sind es mindestens neunzig Minuten Fahrt", lautete Kaleis Kommentar dazu.

"Und wenn wir nicht sofort losfahren, kommen wir auch noch in die Rushhour um Pearl City herum", ergänzte Chris das Elend.

"Nicht ohne Frühstück", entschied Kalei und steuerte auf den Coffee-Shop auf der anderen Straßenseite zu. Eigentlich hasste er Starbucks, aber der verdammte Kaffeeröster aus Seattle hatte auf diesem Abschnitt der Kalakaua Avenue nun mal das Monopol. Chris folgte ihm bereitwillig.

Die Fahrt zur North Shore der Insel Oahu dauerte tatsächlich deutlich länger als eine Stunde. Nachdem Chris und Kalei sich bei Starbucks mit Getränken und Bagels versorgt hatten, brauchten sie allein zwanzig Minuten, um überhaupt bis zur Schnellstraße H1, dem Highway Number One, zu kommen. Das lag unter anderem daran, dass Chris darauf bestanden hatte, dass Kalei sich sorgfältig jedes Sandkorn von der Haut und aus den Haaren wischte, bevor er sich in seinen geliebten Dodge Charger setzen durfte. Zudem war ihm verboten worden, die Sitze vollzukrümeln.

Der Verkehr staute sich auf der Hauptstraße von Waikiki in Richtung Downtown. Kurz hinter dem Ala Wei Kanal, der dafür sorgte, dass an regenreichen Tagen das Wasser aus den Bergen und Tälern ins Meer floss, hatte die Stadt sich dazu entschlossen, die Betondecke der Fahrbahn aufzureißen, um irgendwelche Arbeiten durchzuführen. Ein dicker Kollege von der Verkehrspolizei stand mit weißen Handschuhen auf der gesperrten Fahrbahn und lotste den Verkehr in Richtung Highway.

Fahrradfahrer und Mopeds mit Surfboards in speziellen Halterungen an der Seite schlängelten sich rücksichtslos durch die langsam fahrenden Autos und berührten mehr als einmal andere Fahrzeuge. Vor und hinter ihnen ragten große doppelstöckige Ausflugsbusse zwischen den Autos hervor, die die Touristen zu den Inselattraktionen nach Pearl Harbor, zu den Tauchspots im Osten der Insel oder zum Skydiving im Norden brachten.

Sobald sie auf dem Highway waren, ging es für kurze Zeit etwas flüssiger voran, allerdings nur bis kurz nach dem Internationalen Flughafen, wo der Verkehr zunahm und sich die Fahrbahn in sechs Spuren aufteilte.

Chris Logan steuerte seinen Dodge mit antrainierter, hawaiianischer Gelassenheit weiter in Richtung Norden. Sie passierten Pearl City mit durchschnittlich 30 Kilometern pro Stunde und nahmen schließlich die Ausfahrt, die zu den weltberühmten Surf Spots Oahus führte.

Nachdem sie die Ananasfelder der Dole Plantage hinter sich gelassen hatten und nun bergab gefahren waren, konnten sie in der Ferne bereits die Strände der North Shore und den kleinen Strandort Haleiwa sehen. Malus ältere Schwestern wohnten in Haleiwa und Kalei und sie hatten viele ihrer seltenen gemeinsamen freien Wochenenden beim Barbecue mit ihrer großen Familie verbracht. Kalei überlegte, ob ihm diese Treffen in Zukunft fehlen würden.

Gleich hinter Haleiwa führte sie der Highway an der Küste entlang. Die Big Wave-Saison an der North Shore war immer noch in vollem Gange und es tummelten sich zahlreiche Surfer, Zuschauer und Touristen entlang des Highways. Die Parkplätze an den wichtigen Stränden wie Waimea Bay, Pipeline und Sharks Cove waren bereits voll besetzt. Der 'Eddie Big Wave Surf Contest' wurde noch bis Mitte März veranstaltet und zog massenweise Menschen in die Gegend.

Sämtliche Ferienwohnungen, legale wie illegale, waren in dieser Zeit belegt. Der Contest war nach dem legendären Rettungsschwimmer und Surfer Eddie Aikau benannt, von dem bekannt war, dass er furchtlos die größten Wellen jagte und keine Scheu hatte, selbst unter den härtesten Bedingungen zu paddeln.

Die Teilnehmer warteten sehnsüchtig auf einen anständigen North Swell, hohe Wellen, die von Stürmen im nördlichen Pazifik gebildet wurden.

"Das Spektakel hier wird unsere Ermittlungen nicht gerade erleichtern" bemerkte Chris mit Blick auf die vielen Leute, die sich auf den Straßen und an den Stränden befanden. “Hier geht es mal wieder zu wie beim gottverdammten Karneval.”

"Ich hoffe, es stellt sich nicht heraus, dass der getötete Engländer ein berühmter Surfprofi ist", erwiderte Kalei. Er musste an Andy Irons denken, einen hawaiianischen Surfstar, der 2010 im Alter von nur 32 Jahren in einem Hotelzimmer in Texas tot aufgefunden worden war. Man war zuerst von einem durch Denguefieber verursachten Tod ausgegangen, später stellte sich heraus, dass Irons ein massives Problem mit Alkohol und Drogen gehabt hatte und an einem Herzinfarkt gestorben war. Der Presserummel, der nach seinem Tod entstanden war, war gigantisch und schmutzig gewesen.

Sie passierten schweigend die Waimea Bay, wo überdimensionale Plakate auf die laufenden Wettbewerbe aufmerksam machten.

Als sie endlich die lange Auffahrt zum Kaihalulu Hotel & Resort hinauffuhren, hatten sie fast die gesamte Insel einmal von Süden nach Norden durchquert. Die Fahrt hatte wie erwartet knapp zwei Stunden gedauert. Chris musste auf dem Weg zum Hauptgebäude zweimal an Wachhäuschen anhalten und ihre Polizeiausweise vorzeigen. Erst nach einem eingehenden Check hob sich die Schranke vor ihrem Wagen. Chris stoppte den Dodge Charger direkt vor dem Haupteingang im Valet Parking Bereich und präsentierte einem eifrig herbeieilenden Angestellten seine Dienstmarke. Daraufhin wurde er auf einen abgelegenen Angestelltenparkplatz geschickt, wo sie bereits ein Streifenwagen aus Wahiawa erwartete. Natürlich sollte keiner der Gäste mitgekommen, was im Hotel passiert war.

Kalei und Chris verließen den Wagen, Chris streckte seine Arme in die Höhe und dehnte seine Wirbelsäule nach der langen Fahrt. Der Charger war nicht das bequemste Fahrzeug für eine Tour über die Insel. Durch einen Seiteneingang wurden sie von einem uniformierten Police Officer in den Innenbereich des Kaihalulu Beach Resorts geleitet.

Kapitel 2

Das Kaihalulu Beach Resort lag abgelegen von der nächsten Siedlung inmitten einer üppigen Vegetation und an einem wunderschönen weißen Sandstrand. Obwohl sämtliche Strände in Hawaii öffentlich waren und Hotels und Apartmentanlagen keine privaten Abschnitte exklusiv für ihre Gäste sperren durften, begaben sich nur wenige Einheimische oder Gäste anderer Hotels hierher. Wenn man nicht auf seinem Recht bestand, den Strand nutzen zu dürfen, wurde man vom Hotelpersonal einfach fortgeschickt und am Betreten der Anlage gehindert, auch wenn das eigentlich unzulässig war.

Der Police Officer führte sie durch einen diskreten Personalflur und von dort durch einen Notausgang in den parkähnlichen Gartenbereich des Luxushotels. Dort befanden sich auch, sorgfältig verteilt, die Strandvillen. Sie waren die teuersten und exklusivsten Unterkünfte des Kaihalulu. Sauber geharkte Wege mäanderten zwischen den Rasenflächen und Wäldchen hindurch und geleiteten sie zu einem Beach House direkt am Strand. Dort war bereits die übliche Mannschaft eingetroffen: Spurensicherung, Beamte der Crime Investigation Unit, Gerichtsmedizin. Die meisten hatten ihre Autos allerdings vor dem Hotel abstellen müssen und waren zu Fuß gegangen oder mit einem Golfwägelchen hergebracht worden. Lediglich der Transporter der Spurensicherung parkte seitlich neben dem Haus.

Ein weiterer Officer, der neben der Eingangstür positioniert war, reichte ihnen Plastiküberzieher für ihre Schuhe. Einmalhandschuhe hatten die Polizisten stets selbst dabei. Chris und Kalei schoben sich an einem der Spurensicherer vorbei, der gerade das Türschloss überprüfte, ins Haus.

Dort wurde ihr Blick zunächst auf die offene Terrasse gelenkt. Nahezu die gesamte dem Ozean zugewandte Seite des Hauses war offen und gab den Blick auf Hibiskusbüsche und Frangipanibäume, ein Stück Strand und das azurblaue Wasser des Pazifiks frei. Kalei blieb kurz im Eingang stehen, um die weiteren Details der Szenerie in sich aufzunehmen. Im Wohnzimmer herrschte weder Chaos, noch lag irgendwo ein Toter herum. Keine Markierungen auf dem eleganten dunklen Echtholzparkett, keine Blutspritzer an den Wänden oder auf den edlen Möbeln. Der Raum war teuer und geschmackvoll im Pacific Lifestyle eingerichtet. Es dominierten Holz und warme Erdtöne, hier und da eine Zimmerpflanze oder ein Blumenarrangement.

Gerichtsmedizinerin Susan Young betrat das Wohnzimmer von der Veranda aus. Sie wohnte auf halbem Weg zur North Shore beim Wheeler Army Airfield - ihr Mann war Pilot bei der US Air Force. Deshalb war sie schon deutlich früher als alle anderen Kollegen am Tatort gewesen.

Susan war gerade dabei sich die Handschuhe abzustreifen, ließ es aber bleiben, als sie Kalei und Chris erblickte. Sie winkte die beiden zu sich.

Die beiden Ermittler hatten die Verandatür noch nicht ganz erreicht, als plötzlich eine junge Frau neben ihnen auftauchte.

"Logan, wehe du patschst auch nur irgendetwas in diesem Raum an", raunte Eli Kealoha von der Spurensicherung ihnen im Flüsterton zu. Eli steckte in einem weißen Schutzanzug, hatte Überzieher, Handschuhe und eine Schutzbrille auf, trotzdem fiel sie durch ihre extravagante Frisur auf - ein Haufen wirrer schwarzer Haare mit der ausrasierten linken Schädelseite sowie die Ausläufer eines Tribal-Tattoos, das sich von ihrem linken Arm bis zum Hals erstreckte.

Ihre normalerweise Lara-Croft-ähnlichen Klamotten blieben unter ihrem weißen Tatortanzug verborgen. Eli war normalerweise keine leise Person und vergriff sich auch gerne mal im Ton, da aber anzunehmen war, dass sich Angehörige des Opfers in der Villa befanden, mäßigte sie sich glücklicherweise.

Chris Logan drehte sich gespielt empört zu ihr um und präsentierte ihr stumm seine Hände, die in sterilen Handschuhen steckten. Vor einer halben Ewigkeit hatte er sich mal an einem Tatort ein Glas Wasser in der Küche eingeschenkt und es dann zwischen Leichenteilen und Beweisstücken vergessen. Seitdem war es ein Running Gag zwischen ihm und der Spurensicherung, sich gegenseitig der Nachlässigkeit zu bezichtigen.

Eli boxte ihm mit ihrer behandschuhten Hand gegen den Brustkorb und verschwand auf die Terrasse. Chris vergewisserte sich mit einem schnellen Blick auf sein Hemd, dass an dem Handschuh kein Blut gewesen war.

Susan Young schaute der jungen Frau leicht genervt hinterher und wandte sich Kalei zu, der sich nicht an dem Geplänkel beteiligt hatte.

"Wir haben ein männliches Opfer", begann sie ohne weitere Begrüßung. "Weiß, zwischen Mitte bis Ende dreißig. Wurde von der Ehefrau leblos im Jacuzzi gefunden."

Sie drehte sich wieder zur Terrasse um und wandte sich nach links, wo man einen wunderschönen Blick auf verschiedene Schattierungen aus Blau und Grün hatte. Auf der Terrasse befand sich ein Whirlpool, ein sogenannter Jacuzzi. Die Blubberei war natürlich inzwischen abgeschaltet worden. An der von ihnen abgewandten Seite des Beckens konnte man einen nassen Haarschopf erkennen. Die Gerichtsmedizinerin, Kalei, Chris und Eli Kealoha traten an das Becken heran.

Im Wasser lag ein junger, gut gebauter Mann. Kleine Unterwasserlampen beleuchteten den Körper von allen Seiten. Der Oberkörper, Mund, Nase und Augen waren unter Wasser, nur die dunkelblonden, wirren Haare befanden sich über der Wasseroberfläche. Er war unbekleidet und hatte die Augen halb geschlossen. Die vier blickten ein paar Sekunden stumm auf ihn hinab.

"Warum ist das Wasser grün?", fragte Chris nach einer Weile in die Runde. Eli lag eine schnelle Antwort auf der Zunge, aber Susan Young brachte die junge Frau von der Spurensicherung mit einem Blick zum Schweigen. Susan schätzte dumme Sprüche am Tatort gar nicht. Ein schwarzer Humor und Zynismus waren bekanntermaßen eine Methode der Tatortermittler, um mit den grausamen Gegebenheiten und der Gewalt, mit der sie in ihrem Beruf immer wieder konfrontiert wurden, umzugehen. Aber die Gerichtsmedizinerin hatte wenig Verständnis für diese Art der Stressbewältigung. Ihr gelang es, auch ohne aufgesetzte Abgebrühtheit professionellen Abstand zu ihren Fällen zu halten, was zweifellos eine hilfreiche Eigenschaft in ihrem Beruf war.

"Es handelt sich um einen Badezusatz, der vom Hotel bereitgestellt wird", erläuterte sie daher schlicht. Tatsächlich nahmen Kalei und Chris nun den wohlriechenden, blumigen Duft wahr, der vom Wasser aufstieg. Tote im Wasser dufteten meistens weniger angenehm.

Kalei sagte: "Kein Blut, keine Schnittverletzung, kein Einschuss. Könnte es sein, dass er eines natürlichen Todes gestorben ist?"

Die Gerichtsmedizinerin lächelte nachsichtig. Natürlich würde sich die Todesursache erst bei der Autopsie bestätigen, trotzdem hatte sie einen starken Verdacht, der für einen gewaltsamen Tod sprach und den sie gerne mit den Ermittlern teilte.

"Ich vermute", sie betonte das Wort mit ihrem erhobenen Zeigefinger, "dass der junge Mann von hinten angegriffen wurde. Der Täter hat ihm eine Schlinge, bestehend aus einem Schal, einer Krawatte oder einem anderen weichen Tuch um den Hals geworfen und festgezogen." Sie ballte beide Hände zur Faust, um die Handbewegung zu demonstrieren.

"Der Mann im Jacuzzi war jung und kräftig. Er wird sich gewehrt haben, darauf deuten Abschürfungen am Körper, vor allem an seinem Hinterkopf, den Armen und dem Hals hin. Deswegen hat sich der Täter vermutlich auf ihn geworfen und ihn mit seinem Körpergewicht unter Wasser gedrückt. Solange, bis er schließlich ertrunken ist."

"Ein Kampf also", stellte Kalei fest. Er bemerkte einige Kerzen und Badeölfläschchen, die neben dem Jacuzzi auf dem Boden lagen. Wachs war in kleinen Tropfen um das Becken herum verspritzt und zu weißen Mustern getrocknet. Ob man darin ein ähnliches Muster wie in Blutspritzern erkennen konnte?

"Hat man die Schlinge gefunden?", wollte Chris von Eli wissen. Sie schüttelte den Kopf, sodass ihre Frisur durcheinandergeriet. "Bisher nicht. Spricht übrigens für die Vermutung von Doc Young, dass der Mann sich nicht selbst getötet hat."

Die nächste Frage der Ermittler würde sich zweifellos mit dem Zeitpunkt des Todes beschäftigen. Da ein genauerer Zeitpunkt ebenfalls erst durch die Autopsie bestimmt werden konnte, kam Susan Young auch hier dummen Fragen zuvor, in dem sie von sich aus sagte, dass der Tod vermutlich zwischen 22 Uhr abends und den frühen Morgenstunden eingetreten war.

Chris war erstaunt aufgrund der präzisen Zeitangabe. "22 Uhr abends?"

"Um Viertel vor zehn hat sich unser Opfer beim Zimmerservice noch eine Flasche Highland Park Single Malt Scotch Whisky bestellt. Diese Flasche hat er dann kurz darauf höchstpersönlich und lebendig von einem Angestellten des Hotels in Empfang genommen. Er hat auch die Rechnung selbst abgezeichnet", sagte Susan. "Danach wird er in den Whirlpool gestiegen sein."

"Wer ist das Opfer?", fragte Eli in die Runde hinein. "Ein Tourist?"

Auf diese Frage hatte Yuna Takahashi, Detective im Rang eines Lieutenants und leitende Ermittlerin am Tatort, eine Antwort. Sie war von der anderen Seite an den Jacuzzi herangetreten und stand nun im Schatten eines großen Hibiskusbusches. Der grünliche Schimmer des Jacuzzi beleuchtete ihre kleine Gestalt von unten.

"Das Opfer heißt Jamie Hayward und hatte zusammen mit seiner Frau Julia diese Villa seit vorgestern gemietet." Detective Takahashi deutete mit der Hand auf Haywards Kopf.

"Er ist nicht nur ein Tourist", fuhr sie ernst fort, "sondern auch ein Kollege von uns, sozusagen. Er ist Police Officer in England. Abteilung Wirtschaftskriminalität bei der London Metropolitan Police."

Kalei hörte die Worte "London" und "England" und ihm wurde kurz heiß. Ein Polizeibeamter.

Lani war bei der Londoner Polizei. Sie würde von dem Todesfall erfahren. Sie würde sich erinnern. An ihre Zeit in Honolulu und an ihn, Kalei.

Kapitel 3

Derselbe Tag London, England

Zur selben Zeit war es auf der anderen Seite des Erdballs bereits später Abend. Genauer gesagt hatte Nathan, der Barmann, gerade zum ersten Mal die Glocke über der Bar geläutet. Das bedeutete, wie überall auf der britischen Insel, dass die Gäste des Bricklayers Arms Pub jetzt ihre letzte Runde Getränke bestellen mussten. In einer halben Stunde war Sperrstunde und das Pub durfte nichts mehr ausschenken. Üblicherweise zerstreuten sich die Leute dann recht schnell. Kaum war der letzte Hall der Glocke verklungen, standen die ersten Durstigen bereits an der Theke und verlangten nach einem weiteren Ale, Apple Cider oder einem Lagerbier

Nathan bediente die Handpumpe für die Ales, während seine neue osteuropäische Angestellte an der anderen Anlage Lagerbier zapfte. Zufrieden beobachtete er, wie das Mädchen das Glas bis zum Rand mit Stella Artois füllte und dann gewissenhaft den Schaum mit einem Spatel abschöpfte. Der Barmann wusste, dass die Europäer Bierschaum schätzten und das Abschöpfen des Schaumes regelmäßig mit ratlosem Erstaunen quittiert wurde. Aber verdammt, sie waren hier in England und hier trank man sein Bier nun mal ohne Schaum, und das nun schon seit Hunderten von Jahren. Bis vor zwei Jahrzehnten hatten die meisten Pubs nicht mal Lagerbier aus dem Ausland ausgeschenkt. Und wenn es nach Nathan ging, hätte man das auch besser so beibehalten. Ein Bier war ein Real Ale und hatte gefälligst keine Kühlschranktemperatur zu haben. Nur so entfalten sich die feinen Aromen. Und wer braucht schon Kohlensäure im Bier? Davon musste man nur aufstoßen.

Während er routiniert weitere Ales ausschenkte, fiel sein Blick auf die blonde Frau, die bereits seit zwei Stunden bei ihm am äußeren Ende der Bar saß, aber in der ganzen Zeit nur zwei kleine Gläser eines französischen Importbiers getrunken hatte. Am Anfang hatte er versucht, sie in ein freundliches Wettergespräch zu verwickeln, aber sie hatte nur einsilbig geantwortet. Sie war offenbar in ihr Buch vertieft und wollte nicht beim Lesen gestört werden.

Er beschloss, es ein letztes Mal zu versuchen. "Letzte Runde, meine Liebe. Darf es noch was sein?"

Die Frau sah auf und blickte ihm zum ersten Mal direkt ins Gesicht. Sie hatte einen verstörend intensiven Blick aus blauen Augen, trotzdem bemerkte er die dunklen Schatten unter ihnen sofort. Nathan vermutete, dass sie eine Krankenschwester oder sogar eine Ärztin war, jemand, der unregelmäßig und oft nachts arbeiten musste. Er schätzte sie auf Anfang dreißig.

Die Frau blickte schnell zu einem Tisch neben dem Fenster hinüber, an dem ein Paar saß, das schon den ganzen Abend den billigen australischen Cabernet getrunken hatte. Ihre Gläser waren noch zu zwei Dritteln voll und offenbar veranlasste diese Tatsache die Frau am Tresen dazu, noch ein Half Pint zu bestellen. "Ein Letztes", sagte sie und schob Nathan ihr leeres Glas über die Theke.

Der Barmann nutzte die Gelegenheit, um seiner jungen Angestellten, die gerade den Zapfhahn neben dem seinen bediente, ein wenig näherzukommen. Scheinbar unabsichtlich berührte seine Hüfte die ihre und er registrierte erfreut, dass sie nicht zurückwich.

Als die Fremde das Glas in Empfang nahm, erschien ein verschwörerisches Grinsen auf ihrem Gesicht. Sie beugte sich vertraulich zu Nathan vor und flüsterte: "Ich an deiner Stelle würde die Kleine nicht so offensichtlich anbaggern. Sie bekommt jedes Mal einen Heidenschreck und würde am liebsten einen Meter von dir abrücken. Ich gebe ihr noch eine Woche, bevor ihr die Sache zu bunt wird und sie sich einen anderen Arbeitgeber sucht." Sie prostete ihm zu und nahm einen ordentlichen Schluck.

Bevor Nathan noch etwas erwidern konnte, signalisierte das iPhone der Frau lautlos einen eingehenden Anruf. Sie schaute kurz aufs Display und ein genervter Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. Erst nach einigen Sekunden entschloss sie sich, das Gespräch anzunehmen.

Wie alle Barmänner war auch Nathan neugierig und hätte gerne dem Gespräch gelauscht, aber die Frau hatte sich bereits von ihm abgewandt und war auf dem Weg zur Tür.

Regnerisches, englisches Februarwetter erwartete Lauren vor dem Pub und sie zog sich entnervt die Kapuze ihres Hoodies über den Kopf, während sie den Anruf ihres Chefs, Detective Chief Inspector George McAllister, annahm.

"Lauren, wo bist du gerade?", bellte es aus dem Gerät.

"Hallo, Chief. Ja, es geht mir gut. Danke der Nachfrage. Ich habe frei und sitze in einem Pub."

"Das Pub ist aber nicht zufällig das Bricklayers Arms in Earls Court?", fragte McAllister misstrauisch.

"Äh, Chief. Die haben hier einen ganz fantastischen Shepherd‘s Pie und den esse ich nun mal für mein Leben gerne und ...", log Lauren, kam aber nicht weit damit.

"Ich habe dir ausdrücklich verboten, Sean Pennywater weiter zu observieren", explodierte der Chief Inspector am anderen Ende der Leitung. "Pennywater ist kein Verdächtiger mehr. Sein Alibi steht wie eine Eins und sein Anwalt wird uns verklagen, wenn wir ihm weiter zusetzen. Das habe ich nicht nur einmal gesagt, sondern bereits ein Dutzend Mal", knurrte er.

"Pennywater ist überhaupt nicht hier, Chief", verteidigte sich Lauren lahm und überzeugte sich mit einem Seitenblick, dass Sean und seine Flamme immer noch mit ihrem Rotwein beschäftigt waren.

"Ich habe mich hier mit einer Freundin getroffen. Sie wohnt um die Ecke und es war ihre Idee, herzukommen."

"Sag deiner Freundin, dass sie den Rest des Abends ohne dich auskommen muss", wies McAllister sie an. "Ich will dich in einer Viertelstunde in meinem Büro sehen."

"Aber, Sir", protestierte Lauren, "ich kann meine Freundin auf keinen Fall hier allein lassen. Sie ist total betrunken und so ein fieser Kerl gräbt sie die ganze Zeit an."

Laurens Chef hatte jetzt langsam die Nase voll und sagte nur: "In einer Viertelstunde, Lauren. Es ist wichtig. Es ist etwas passiert."

Etwas in seiner Stimme veranlasste sie, nicht weiter zu diskutieren und sich auf den Weg zur Tube Station Earls Court zu machen. Sie warf einen letzten Blick durch das Fenster des Pubs. Ich kriege dich, Sean, sagte sie sich. Du entkommst mir nicht.

New Scotland Yard, Laurens Arbeitsplatz, lag im Stadtteil Westminster, gleich um die Ecke von Westminster Abbey und dem Westminster Palace, der die beiden Häuser des Parlaments beherbergte.

Sie fuhr mit der District Line bis St. James Park und stieg 10 Minuten später die Treppen von der Station hoch. Sie kam direkt am Broadway an die Oberfläche und überquerte die Straße, um zum Haupteingang des Gebäudes zu gelangen.

Der Wachmann war nicht besonders erstaunt, sie zu sehen. "Detective Inspector", grüßte er sie förmlich. "Mal wieder Überstunden?"

"Sieht so aus, oder?", gab sie schlecht gelaunt zurück und betrat den Lift.

George McAllister war Mitte Fünfzig und hatte sein gesamtes Berufsleben im Polizeidienst verbracht. Durch fleißiges Arbeiten hatte er sich zum Detective Chief Inspector des Homicide and Major Crime Command hochgearbeitet. Hier befehligte er eines von 24 Murder Investigation Teams. Seine Truppe bestand aus sieben Zivilpersonen und 33 Police Officers. Detective Inspector Lauren Bradley war eine davon.

Lauren betrat das Büro ihres Chefs und baute sich vor seinem Schreibtisch auf. Sie war wütend, dass er sie um diese Uhrzeit noch mal ins Büro zitiert hatte, aber vor allem darüber, dass er sie dabei erwischt hatte, wie sie Sean Pennywater beobachtete. Deshalb beschloss sie, dass es am besten war, den Stier bei den Hörnern zu packen und sich zu rechtfertigen, bevor der DCI sie anklagen konnte.

"Es ist nicht richtig, dass Pennywater nicht weiter observiert wird. Er hat seine Freundin nachweislich mehrmals krankenhausreif geschlagen und ich werde beweisen, dass er für ihr Verschwinden verantwortlich ist, bevor ich ...", sie warf einen schnellen Blick auf den Jahresplaner an der Wand, "in fünf Tagen zum Lehrgang nach Quantico fahre."

McAllister hob die Hand und sie sah ihn zum ersten Mal direkt an. "Daraus wird nichts, Lauren", sagte er.

"Aber wenn ich einen Zeugen finde, der ...", begann sie erneut, aber der Chief wedelte ungeduldig mit der erhobenen Hand und brachte sie so zum Schweigen. "Es wird leider nichts aus dem Lehrgang beim FBI ", sagte er bestimmt. "Du wirst ihn verschieben müssen."

Lauren sah ihn sprachlos an. Der Ermittlungslehrgang beim amerikanischen Federal Bureau of Investigation war einer der begehrtesten Lehrgänge überhaupt und sie hatte zwei Jahre gebraucht, bis sie einen Platz bekommen hatte. Seit Wochen stand fest, dass sie in wenigen Tagen nach Washington fliegen würde. Sie hatte hart für diese Chance gearbeitet und es kam überhaupt nicht in Frage, dass ihr jetzt irgendjemand oder irgendetwas einen Strich durch die Rechnung machen würde.

"Ich kann den Lehrgang nicht verschieben, Chief", protestierte sie bestimmt. "Es ist fest vereinbart, und wenn ich nicht erscheine, dann verliere ich meinen Platz. Ich muss fahren!"

"Ein britischer Polizeibeamter der Met Police ist heute im Ausland getötet worden", unterbrach McAllister sie grimmig. "Ein junger Kerl namens Jamie Hayward. Er ist vor wenigen Stunden in einem Luxushotel an der Nordküste von Oahu gefunden worden."

"Hawaii?“, fragte sie verblüfft. "Dann werden das die Leute vom Honolulu Police Department untersuchen. Die lassen uns eh nicht ermitteln. Ich kann jedenfalls nicht hinfahren."

George McAllister spürte, wie sich der leichte Verspannungskopfschmerz, der ihn schon den ganzen Tag geplagt hatte, anschickte, seinen gesamten Kopf in einen Schraubstock zu zwängen. Er hatte weder die Geduld, mit einer seiner fähigsten Beamtinnen zu diskutieren, noch stand eine Diskussion überhaupt zur Debatte.

McAllister hatte eine hohe Meinung von Lauren. Er schätzte ihren Ehrgeiz, ihren Scharfsinn und ihren Fleiß. Sie arbeitete länger und härter als die meisten hier und hatte sich den FBI- Lehrgang zweifellos verdient. Was er aber absolut nicht schätzte, war Laurens Mangel an Respekt ihren Vorgesetzten gegenüber und ihre ständige Weigerung, einen Befehl ganz einfach zu akzeptieren und auszuführen, ohne ihn zu hinterfragen. Und gerade heute, nachdem er sie dabei erwischt hatte, wie sie sich über sein ausdrückliches Verbot hinweggesetzt hatte, einen Mann zu beschatten, dessen Unschuld er für klar erwiesen hielt, würde er ihr keinen Ungehorsam mehr durchgehen lassen.

"Verdammt noch mal, Lauren", knurrte er böse und sprang von seinem Schreibtischstuhl auf. "Wir sind hier nicht im House of Lords, wo jeder machen kann, was er will. Du fliegst nicht nach Washington! Du reist nach Hawaii! Die Kollegen in Honolulu haben uns eingeladen, zwei Beamte der Met Police zu ihnen zu schicken, die bei den Ermittlungen assistieren. Ohne Zuständigkeiten, selbstverständlich. Die entsprechenden Anträge sind bereits rausgegangen, die amerikanische Botschaft hat sich eingeschaltet und ich rechne noch morgen früh mit der offiziellen Genehmigung. Dein Name steht auf der Teamliste. Also keine weitere Diskussion! Randy Sheridan wird dich begleiten."

Er traute ihr wohl durchaus zu, dass sie zurückschreien würde, deshalb sagte er schnell: "Das Protokoll würde einen Detective Chief Inspektor für diese Aufgabe vorsehen, aber du bist die Einzige in der gesamten Met Police, die das Honolulu Police Department kennt. Du bist die Einzige, die sich in der Gegend auskennt und der sie mehr Einblick in ihre Ermittlungen gewähren werden. Deshalb hat der Detective Superintendent sich spezifisch für dich ausgesprochen, Detective Inspector Bradley."

Der Detective Superintendent war der Leiter des Homicide and Major Crime Command und somit auch McAllisters Vorgesetzter.

Lauren war sich ganz und gar nicht sicher, dass dies eine clevere Entscheidung des Detective Superintendent gewesen war. Ihre Zeit beim HPD hatte abrupt und nicht dem üblichen Procedere entsprechend geendet. Sie hatte die Truppe voller Zorn und Enttäuschung verlassen und sich seit ihrer Abreise aus Hawaii nie wieder bei ihren Vorgesetzten oder Kollegen gemeldet. Ihr Chef wusste allerdings nichts davon. Sie hatte niemandem bei der Londoner Polizei von ihrem letzten Einsatz in Hawaii und ihrem daraus folgenden Abschied beim HPD erzählt. Sie wollte McAllister auch jetzt nichts davon erzählen, beschloss aber, dass er zumindest über gewisse Gegebenheiten informiert werden müsste.

"Mein Abschied aus Honolulu war nicht ganz einvernehmlich", begann sie vage.

George McAllister sah davon ab, seine Rede fortzusetzen und schaute sie stattdessen mit hochgezogenen Brauen an.

"Hast du dich etwa mit deinem Vorgesetzten angelegt?", war seine erste Reaktion.

Das würde mich jetzt ganz und gar nicht überraschen, dachte er. Laurens Schwäche war ihr mangelnder Respekt ranghöheren Beamten gegenüber, sofern sie der Meinung war, dass diese ihre Position nicht verdient hatten oder nicht fähig genug waren, sie auszufüllen.

Lauren war eigensinnig und in der Vergangenheit schon mehrfach mit vor allem älteren Kollegen der alten Schule, die gerne mal mit ihrer jahrelangen Erfahrung prahlten und seit Jahrzehnten bestehende Strukturen und Abläufe nur ungern aufgaben, aneinandergeraten.

Da Lauren eine sehr fähige Beamtin mit einer sehr guten Aufklärungsquote und einer steilen Lernkurve war, war es ihm bisher gelungen, Beschwerden und Disziplinarmaßnahmen von ihr abzuwenden. Es würde ihn jedoch nicht wundern, wenn Lauren mit ihrer Einstellung bereits in ihrem früheren Leben angeeckt war.

"Ich hatte ein Problem mit einem Kollegen, der einen Zivilisten im Streit übel verprügelt hat", sagte sie stattdessen. "Ich fand, dass er da zu weit gegangen war. Aber meine Kollegen waren der Ansicht, dass man einen der Unseren nicht in die Pfanne haut. Ich war die Einzige, die dafür war, den Beamten anzuzeigen."

Sie suchte den Blick ihres Chefs. "Danach wäre es für mich beim HPD nicht mehr weitergegangen", sagte sie, ohne eine Gefühlsregung erkennen zu lassen.

McAllister sah sie nachdenklich an. Diese Geschichte war ihm neu und war tatsächlich nicht die allerbeste Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit mit den Kollegen in den USA. Seine Vorbehalte gegen den Plan des Detective Superintendent waren also nicht unbegründet gewesen. Tatsächlich hatte er Lauren nicht für die beste Wahl für diesen Auslandseinsatz gehalten. Er könnte Detective Chief Inspector Prior und Detective Sergeant Raji schicken. Allerdings hatten die gerade noch einen aktuellen Fall zu bearbeiten. Im Gegensatz zu Lauren und ihrem Partner, Detective Sergeant Randy Sheridan. Je eher Lauren von Sean Pennywater wegkam, umso besser.

"Einwand zur Kenntnis genommen, aber abgelehnt", sagte er deshalb knapp und fuhr mit dem Briefing fort: „Eure Aufgabe wird es sein, euch an die Beamten in Honolulu dranzuhängen, die den Fall bearbeiten. Sie werden euch nichts machen lassen, aber ich vertraue darauf, dass eure Anwesenheit den Damen und Herren Feuer unter dem Hintern machen wird."

Lauren war irritiert über die Einstellung ihres Chefs den hawaiianischen Kollegen gegenüber.

Wahrscheinlich glaubte er, dass das HPD nichts weiter war als eine Polizeitruppe, die dafür sorgte, dass Jugendliche nicht betrunken in den Pool pinkelten und die Handtaschendiebe in der Shoppingmall verhafteten. Dabei war das Honolulu Police Department, was die Größe anging, immerhin auf dem zwanzigsten Platz der Police Departments in den USA. Sie fragte sich, ob er über sie genauso gedacht hatte, nachdem sie vom HPD nach London gekommen war. Der Gedanke gefiel ihr gar nicht.

"Dein Flug geht morgen früh um 8 Uhr 45. Roxanne hat ihn für dich und Randy gebucht und euch die Daten gemailt." Roxanne war Chief McAllisters persönliche Assistentin. Wahrscheinlich hatte er auch sie mitten in der Nacht antanzen lassen.

"Jeder andere würde sich die Finger nach einem Einsatz in Hawaii lecken", versuchte McAllister das Gespräch positiv zu beenden.

"Honolulu ist genauso ein Dreckloch wie jede andere große Stadt", gab Lauren zurück, räumte dann aber ein: "Wahrscheinlich ist niemand mehr bei der Truppe, dem die Ereignisse von damals im Gedächtnis geblieben sind." Sie sah durch das große Fenster in den kalten Regen hinaus, der in Böen an der Fensterscheibe vorbeiwehte. Der Winter dauerte schon viel zu lange. Vielleicht waren ein paar Tage Sonne und Wärme doch nicht das Schlechteste. "Vielleicht erinnert sich ja niemand mehr dort an mich", sagte sie mehr zu sich selbst als zu ihrem Chef und schickte sich an, das Büro des DCI zu verlassen.

"Eine Sache noch", hielt McAllister seine Mitarbeiterin zurück. "Ich möchte dir nicht verschweigen, dass ich dagegen war, dass du für diesen Einsatz ausgewählt wirst. Und das hatte nichts mit deinem Ausflug nach Quantico zu tun."

Lauren drehte sich kurz vor der Tür noch einmal zu ihm um und sah ihn fragend an.

"Ich habe dem Detective Superintendent gegenüber erwähnt, dass du dich ungern an Vorgaben und Anweisungen hältst und dass das im Ausland ohne einen direkten Vorgesetzten zu einem Problem werden könnte. Du hast in der Vergangenheit mehrfach gezeigt, dass du dich nicht um die Befehlskette scherst."

Lauren schlug die Augen nieder.

"Beweise mir, dass ich falsch lag und dass die London Met Police sich auf dich verlassen kann, Mädchen."

Lauren deutete einen militärischen Gruß an, murmelte ein "Ay, Sir" und verließ ohne einen Abschiedsgruß den Raum.

Kapitel 4

Immer noch Mittwoch, 14. Februar

Kaihalulu Beach Resort, Hawaii

Kalei brauchte einen Moment, um wieder im Hier und Jetzt anzukommen. Für eine Minute oder so war er völlig in seiner Erinnerung an seine Ex-Freundin Lauren versunken, der er den Kosenamen Lani gegeben hatte. Er hatte seit ihrer überstürzten Abreise aus Hawaii vor acht Jahren nicht mehr persönlich mit ihr gesprochen, aber er wusste, dass sie wieder in England lebte und dort für die Londoner Polizei arbeitete.

Ein seltsamer Zufall, dass ihr Mordopfer denselben Arbeitgeber wie Lauren hatte. Würde sie in England an dem Fall arbeiten? Würden sie vielleicht sogar E-Mails austauschen oder sich virtuell in einer Videokonferenz begegnen?

Chris Logan stieß ihn unsanft mit dem Ellenbogen an und holte seine Gedanken zum Tatort zurück. "Hey Partner", erinnerte er ihn an ihre Aufgabe vor Ort. "Wir haben leider die unschöne Aufgabe, uns mit der Witwe des Opfers zu unterhalten. Eine Beamtin von der Wahiawa Station ist bei ihr und leistet ihr Beistand." Chris deutete mit der Hand zu einer Tür, die offenbar zum Schlafzimmer der Villa führte.

Sie ließen die Gerichtsmedizinerin und Lieutenant Takahashi beim Jacuzzi zurück und durchquerten das elegante Wohnzimmer. Das Schlafzimmer war abgedunkelt und Kaleis Augen brauchten ein paar Sekunden, bis sie sich an die dämmerige Atmosphäre in dem Raum gewöhnt hatten. Vom Schlafzimmer aus hatte man ebenfalls Zugang zur Terrasse, und wenn die Lamellentüren aus dunklem Holz nicht geschlossen gewesen wären, hätte man auch von hier einen atemberaubenden Meerblick gehabt. Den Raum dominierte ein hölzernes Himmelbett, deren vier Pfosten mit filigranen Schnitzereien verziert waren. Auf der Matratze lag ein feiner naturfarbener Bettbezug. Sofas und Sessel waren in demselben cremefarbenen Farbton gehalten. Bordeauxrote Kissen mit polynesischen Mustern setzten farbige Akzente. Der Raum war vermutlich so groß wie sein gesamtes Häuschen in Manoa. Kalei fragte sich, wie ein Polizeibeamter sich eine solche Ferienunterkunft leisten konnte. Die Villa war unter anderthalbtausend Dollar am Tag sicherlich nicht zu haben.

In einem der hellen Sessel saß eine uniformierte Beamtin der Wahiawa Police Station und blickte Kalei und Chris betroffen an. In einem zweiten Sessel, im Neunzig-Grad-Winkel zu der Polizistin, saß mit gesenktem Kopf eine blonde Frau. Als Chris sich räusperte, sah sie auf und blickte ihnen entgegen. Trotz ihrer verweinten Augen und den roten Flecken im Gesicht war die Witwe des Polizeibeamten eine bemerkenswerte Schönheit. Ihr sehr blasser Teint, der entweder dem Schock oder ihrer britischen Herkunft geschuldet war, war makellos. Kalei musste daran denken, dass der altmodische Begriff 'Alabasterhaut' in ihrem Fall wohl eine zutreffende Bezeichnung war. Mit ihren rotblonden, schulterlangen Haaren erinnerte ihn die Frau ein wenig an die Schauspielerin Nicole Kidman. Sie passte optisch perfekt in diese luxuriöse Umgebung.

Die beiden Polizeibeamten stellten sich vor und fragten, ob sich Mrs. Hayward in der Lage sähe, ihnen einige Fragen zu beantworten. Diese nickte und sagte dann mit leiser, kultivierter Stimme: "Ich bin Julia Stevens. Ich habe meinen Namen bei meiner Heirat behalten. Fragen Sie, was Sie wissen müssen."

Kalei und Chris nahmen auf der Sofabank Platz, die die Sitzgruppe im Schlafzimmer vervollständigte. Kalei deutete auf sein Smartphone, um Julia Stevens anzudeuten, dass er das Gespräch aufzeichnen würde. Sie nickte ergeben. Die uniformierte Beamtin machte Anstalten aufzustehen, aber Kalei bedeutete ihr zu bleiben. Sie schien einen beruhigenden Einfluss auf die Engländerin zu haben.

Nachdem Kalei ihr sein aufrichtiges Beileid versichert hatte, bat er sie zu erzählen, was vorgefallen sei. Er könne sich vorstellen, dass die Gedanken an den Tod ihres Mannes sehr schmerzhaft seien, aber es sei wichtig, so schnell wie möglich mit den Ermittlungen zu beginnen. Und ihre Aussage sei von entscheidender Wichtigkeit.

Julia Stevens begann zu sprechen, aber immer noch so leise, dass die drei Polizeibeamten sich allesamt vorbeugen mussten, um sie zu verstehen. Sie sprach mit einem ausgeprägt klaren englischen Akzent, der auf den britischen Inseln vermutlich als 'Queens English' bezeichnet wurde. Das hawaiische Pidgin-English, das hier von den meisten Einheimischen mit polynesischen Wurzeln gesprochen wurde, musste sich in ihren Ohren fremd und grobschlächtig anhören.

"Mein Mann Jamie und ich sind vor zwei Tagen hier angekommen", berichtete Julia Stevens. Chris hakte an dieser Stelle kurz nach, um sich das genaue Datum und die Uhrzeit aufzuschreiben. Sie würden bei der Fluggesellschaft nachfragen und sich die Ankunft bestätigen lassen. Heute war Mittwoch und nach Aussage der Ehefrau waren sie und ihr Mann am Montagnachmittag mit einem Flug aus San Francisco hier eingetroffen.

"Ich hatte von Anfang an mit einem heftigen Jetlag zu kämpfen", fuhr sie fort. "Ich habe die meiste Zeit auf der Terrasse gedöst oder bin am Strand spazieren gegangen. Es hatte sich für mich noch keine Gelegenheit ergeben, das Hotel zu verlassen. Jamie hingegen war viel aktiver. Er war viel allein unterwegs, ich glaube mich daran zu erinnern, dass er auch schon eine Runde Golf gespielt hat."

Kalei fand es seltsam, dass das Ehepaar in dieser romantischen Umgebung offenbar viel Zeit getrennt voneinander verbracht hatte. Dieses Hotel war eine beliebte Destination für Hochzeitsgesellschaften und Honeymooner, zumindest für diejenigen, die sich die gesalzenen Zimmerpreise leisten konnten.

"Was war der Grund ihres Aufenthaltes hier im Kaihalulu Resort?", fragte Chris nach. "Machen Sie Urlaub hier, oder sind Sie geschäftlich in Hawaii?"

"Sowohl als auch", antwortete Julia. "Jamie und ich sind in erster Linie hergekommen, um etwas mehr Zeit füreinander zu haben."

Dann blickte sie ein paar Sekunden traurig ins Leere, bevor sie antwortete. Sie schien abzuwägen, ob sie etwas Bestimmtes erzählen sollte oder nicht. Schließlich sagte sie: "Wir wollten versuchen, einige Meinungsverschiedenheiten, die sich in den letzten Monaten zwischen uns ergeben haben, zu klären. Wir hatten in der Vergangenheit ein paar Probleme in unserer Ehe und hatten gehofft, diese hier im schönen Hawaii beilegen zu können."

Etwas trotzig schaute sie die Beamten an. "Aber nein, diese Probleme waren nicht so drastisch, dass ich meinem Mann irgendetwas Böses wollte."

"Haben wir nicht behauptet", wehrte Chris ab, aber natürlich mussten sie darauf noch näher eingehen. Trotzdem interessierte Kalei sich zunächst für den anderen Grund ihres Aufenthaltes, der offensichtlich geschäftlicher Natur war.

"Meine Familie ist hier auf der Insel an einem großen Hotelprojekt beteiligt", erklärte Julia. "Es geht um den Bau eines neuen Fünf-Sterne-Resorts hier an der Windward Side von Oahu. Mein Vater hat mich gebeten, einige Termine mit Leuten hier vor Ort wahrzunehmen."

Von einem neuen Hotel auf der Nordostseite der Insel hatte Kalei noch nichts gehört. Die meisten Hotelanlagen, die die Bezeichnung Luxus Resort verdienten, befanden sich entweder direkt in Waikiki oder in unmittelbarer Nähe von Honolulu. Dann gab es noch das Disney Resort & Spa auf der Westseite der Insel. Das Kaihalulu Resort, in dem sie sich gerade befanden, war eine der wenigen Hotelanlagen an der Nordseite der Insel und hatte eine ziemliche Monopolstellung hier. Brauchte es wirklich noch ein weiteres Resort dieser Größe auf der windzugewandten Seite der Insel?

Kalei wollte von Julia Stevens wissen, welche Rolle sie im Familienunternehmen spielte, und sie erklärte, dass sie Anwältin und in der Firma ihres Vaters als Rechtsberaterin tätig sei. Zudem sei sie mit einem gewissen Prozentsatz an dem Unternehmen beteiligt.

Nun, dieser Umstand erklärte, warum sich zumindest Julia Stevens einen Aufenthalt in diesem Hotel leisten konnte. Ihr Mann Jamie hatte davon offensichtlich profitiert, wenn auch nicht allzu lang.

Als Nächstes wollte sich Kalei auf kritisches Terrain wagen. Er kam auf die Nacht zu sprechen, in der Jamie Hayward zu Tode gekommen war.

Solange Julia Stevens über den geschäftlichen Teil gesprochen hatte, war sie gefasst und sachlich gewesen, nun aber traten ihr wieder Tränen in die Augen und ihre Stimme begann zu zittern. Sie erklärte, dass sie am vergangenen Abend eine Schlaftablette genommen hatte, da sie in der Nacht davor größtenteils wach gelegen habe. Ihr Körper kam mit den zehn Stunden Zeitverschiebung nicht so gut zurecht und sie hatte befürchtet, eine weitere Nacht schlaflos verbringen zu müssen.

"Ich habe nichts bemerkt", schluchzte sie. "Wenn es einen Kampf gegeben oder Jamie um Hilfe gerufen hätte, dann hätte ich es nicht gehört", stellte sie verzweifelt fest und vergrub das schöne Gesicht in den schlanken Händen. Die uniformierte Beamtin legte ihr voller Mitgefühl eine Hand auf die Schultern und schaute traurig zu den beiden Ermittlern hinüber.

Kalei fühlte Mitleid mit der jungen Frau, trotzdem überlegte er, ob es sich lohne, einen Bluttest bei ihr zu machen, der die Einnahme eines Schlafmittels bestätigen würde.

Während er Julia Stevens einige Momente ungestörten Weinens zugestand, ließ er seinen Blick in dem perfekt aufeinander abgestimmten Zimmer umherschweifen und empfand plötzlich die Vorstellung, die Julia gab, als ein klein wenig inszeniert. Sie antwortete brav auf alle Fragen und ihre Tränen wirkten echt, aber sie schien die ganze Zeit auf der Hut zu sein. Es kam ihm fast so vor, als ob sie genauso reagierte, wie man es von ihr erwartete: professionelle Angaben, wenn es um Beschreibungen und Zeitpunkte ging, Tränen, wenn es darauf ankam, um ihren Ehemann zu trauern.

Es war noch früh am Tag, aber sie war perfekt angezogen und dezent geschminkt, das Haar ordentlich frisiert. Selbst ihre Kleidung passte zum Farbkonzept des Schlafzimmers und fügte sich in nahtlos in den gediegenen Stil der Strandvilla ein.

Eine Hälfte des King-Size-Bettes war unberührt und die Enden des Bettzeugs waren noch unter der Matratze festgeklemmt, so wie die Zimmermädchen das Bett üblicherweise herrichten. Die andere Seite war zwar benutzt, die Decken und Kissen aber ordentlich zurechtgelegt worden. Augenscheinlich hatte Jamie Hayward in der gestrigen Nacht nicht in seinem Bett geschlafen. Aber anstatt sich morgens gleich auf die Suche nach ihm zu machen, hatte seine Ehefrau sich offensichtlich im En-Suite-Bad zunächst für den Tag zurechtgemacht. Sie hatte keine Strandkleidung oder Sportsachen angezogen, sondern trug eine helle Leinenhose und eine schimmernde, korallenrote Seidenbluse, so als wäre sie auf dem Weg zu einem der von ihr erwähnten Business-Meetings gewesen. Vielleicht hatte sie ihren Ehemann bereits auf dem Weg zum Golfplatz oder zum Tennis vermutet und nur zufällig auf dem Weg zur Haustür noch schnell einen Blick auf den Jacuzzi auf der Terrasse geworfen.

Kapitel 5

Donnerstag, 15. Februar

Flug von London (LHR) nach Honolulu (HNL)

Flug 940 der British Airways nach Los Angeles war ein voll besetzter Airbus A380. Lauren und Randy hatten zwei der Economy Sitze in der oberen Etage zugewiesen bekommen, zusammen mit einer italienischen 20-köpfigen Reisegruppe, die laut und ausgelassen ihrem Aufenthalt in den USA entgegenfieberte. Als sie sich gegen Mitternacht auf der Webseite der Airline eingeloggt hatten, um online einzuchecken, waren natürlich nur noch Restplätze übrig gewesen. Und zwar die Art von Sitzen, die keiner haben wollte: neben den Toiletten, in den letzten Reihen oder in der Mitte. Keine Chance auf einen Fensterplatz, um den großartigen Anflug auf die Smogglocke von L.A. zu genießen.

Erwartungsgemäß hatte Lauren in der Nacht weder besonders gut noch besonders viel geschlafen. Zum einen ging ihr die Aussage von George McAllister im Kopf herum, dass er sich gegen ihren Auslandseinsatz ausgesprochen hatte. Sie wusste, dass er ihre Arbeit schätzte. Schließlich hatte sie sich in relativ kurzer Zeit vom Constable zum Inspektor hochgearbeitet. Trotzdem enttäuschte es sie, dass er ihr nicht mehr vertraute.

Den Rest der Nacht war sie damit beschäftigt gewesen darüber nachzudenken, was sie in Honolulu erwarten würde. Würden ihre alten Kollegen noch im Dienst sein? Und wie würden sie auf ihre Rückkehr reagieren? War Kalei noch bei der Truppe? Hasste er sie? Oder war sie ihm egal? War es eine gute Sache nach acht Jahren zurückzukehren und sich ihrer Vergangenheit zu stellen? Zurück zu all den losen Enden, die sie zurückgelassen hatte.

Laurens Partner, Randy Sheridan, mit dem sie seit drei Jahren ein Team bildete, war aufgekratzt und bester Stimmung. Für ihn war es wie ein Sechser im Lotto auf Kosten des Steuerzahlers auf eine sonnige Pazifikinsel fliegen zu dürfen. Seit ihrem Treffen am London Heathrow Terminal 5 nervte er sie mit seiner guten Laune.

Randy war in der Nähe von Bristol aufgewachsen und hatte dann in der Stadt am Fluss Avon die Polizeiakademie besucht. Er hatte seine bodenständige Familie, die im Umland eine Farm betrieb, nur zu gerne verlassen, um gleich nach Beendigung seiner Ausbildung nach London zu wechseln. Seitdem war er auf der Suche nach seiner besseren Hälfte, wobei er sich über seine sexuelle Orientierung noch nicht ganz im Klaren war. Er hatte zunächst einige kurze Beziehungen mit Frauen gehabt, war dann mehrere Monate mit einem wesentlich älteren Mann zusammen gewesen, um dann wieder zu einer seiner Ex-Freundinnen zurückzukehren. Zwischendurch hatten auch Lauren und er es einmal miteinander versucht, jedoch schnell festgestellt, dass sie als Kollegen weitaus besser zusammenpassten. Sie hatten ohne Tränen oder Drama die Wandlung von Friends with Benefits zurück zu Brothers in Arms geschafft.

Randy war nun seit fast eineinhalb Jahren mit Lawrence zusammen, einem 3D-Artist, der in SoHo für eine bekannte Filmproduktion arbeitete.

Normalerweise ließ sich Lauren gern von Randy unterhalten und sie interessierte sich durchaus für den neuesten Gossip, die aktuellen Londoner Filmprojekte betreffend, aber an diesem Morgen wollte sie mit ihren Gedanken allein sein.

Kurz nach dem Start hatte Lauren ihre Kopfhörer aufgesetzt und angefangen “Live, Die, Repeat” mit Tom Cruise und Emily Blunt anzuschauen, um Randy und die italienische Reisegruppe auszublenden, aber ihre Gedanken verfingen sich ständig in alten Erinnerungen und Fragen.

Ihre Kindheit hatte Lauren in Deutschland, in der Nähe von Frankfurt, verbracht. Laurens Mutter Marie-Luise, die Tochter eines Engländers und einer Deutschen, hatte ein kleines englisches Café geführt, in das viele amerikanische Soldaten kamen, die in der nahegelegenen US-Militärbasis stationiert waren. Einer der Offiziere, ein stattlicher junger Mann aus Portland, Oregon, hatte sich in die Besitzerin des Cafés verliebt. Er liebte Wandern und Bourbon Whisky aus Kentucky und da Laurens Mutter diese Leidenschaften teilte, - wenn sie auch den schottischen Whisky dem amerikanischen vorzog - dauerte es nicht lange, bis sie sein Mädchen und zwei Jahre später seine Frau wurde. Nach drei Jahren wurde Lauren als einziges Kind geboren und verbrachte eine sorglose und glückliche Kindheit im Taunus.

In dem Sommer, in dem Lauren die siebte Klasse beendet hatte, schied ihr Vater aus dem aktiven Militärdienst aus und die kleine Familie zog in die USA, in seine Heimatstadt Portland. Scott, Laurens Vater, hatte seit jeher den Traum gehabt, aus den damals heruntergekommenen Gebäuden der Innenstadt, durch deren Straßen Obdachlose und Meth- Süchtige zogen, wieder ein trendiges Ausgehviertel zu machen. Gemeinsam mit zwei Freunden kaufte er eine alte Fabrikhalle in der 4. Avenue und wandelte sie in

eine der ersten angesagten Industrial Kitchens um, die seitdem das Straßenbild von Portland prägen.

Scott Bradleys Talent zum Unternehmertum hatte seiner Ehe mit Marie-Luise leider nicht sehr gutgetan. Laurens Eltern hatten sich scheiden lassen, als sie sechzehn war. Laurens Mutter war nach Canterbury in England gezogen, wo ihr Vater, Laurens Großvater, lebte. Lauren hingegen hatte sich entschieden, bei ihrem Vater in Oregon zu bleiben.

Nachdem Lauren zunächst das College besucht hatte und eine Weile in Portland in verschiedenen Jobs gearbeitet hatte, verspürte sie den dringenden Wunsch nach einem Standortwechsel. Ihre Entscheidung vom regnerischen Portland nach Hawaii zu ziehen, kam für niemanden besonders überraschend. Schließlich war sie in den vorangegangenen Jahren hauptsächlich zwischen Canterbury und Portland hin und her gependelt, also zwischen zwei Städten, die nicht gerade für ihr sonniges Wetter bekannt waren.

Als Lauren jedoch nach zwei Monaten in Honolulu eine erste Bilanz zog, war sie ein wenig enttäuscht, dass sich Portland und Waikiki in ihrem einfallslosen Baustil der 1960er-Jahre sowie in der Zahl der Obdachlosen und Drogensüchtigen kaum unterschieden. Waikiki war ein hässlicher, verbauter Stadtteil, dessen berühmter Strand künstlich mit Sand von den Nachbarinseln aufgefüllt werden musste, damit er nicht einfach im Meer verschwand. Das Ausgehen war teuer, selbst lokal produzierte Lebensmittel kosteten das Doppelte von dem, was man daheim gewohnt war.

Die Apartments und Eigenheime waren unbezahlbar und die Straßen permanent verstopft. Auf der Kalakaua Avenue, der Strandpromenade Waikikis, bewegte sich ein permanenter Strom von Touristen, japanischen Hochzeitsdelegationen und Polizeistreifen.

Aloha und 'Willkommen im Paradies'! Die Inseln von Hawaii sind nicht für jeden. Es heißt, dass Hawaii dich entweder mit offenen Armen empfängt oder von sich wegstößt.

Weil so viele Menschen im scheinbaren Paradies leben wollten, waren sie bereit, für sehr viel weniger Lohn zu arbeiten als die Menschen auf dem US-Festland. Gleichzeitig waren aber das Wohnen und die Lebensmittel sehr viel teurer als in anderen Staaten oder Ländern. Deshalb fühlte man sich selbst als gutverdienender Mittelständler immer ein wenig ärmer als in anderen großen US-Städten.

Ein weiterer abschreckender Faktor für nach Hawaii zugezogene Menschen war, dass man sich auch nach Jahren noch als Außenseiter fühlte. Dabei spielte es keine Rolle, wie gut man sich in die Kultur Hawaiis integriert, ob man in eine einheimische Familie eingeheiratet, gemeinsame Kinder hatte oder unzählige gute oder soziale Dinge für Hawaii getan hatte. Man würde für die in Hawaii Geborenen immer ein 'Festlandbewohner‘ oder Haole, ein Fremder, sein. Bestenfalls war man ein 'Einwohner Hawaiis', aber niemals ein 'Hawaiianer'.

Viele Zugereiste blieben zwei Jahre auf den Inseln von Hawaii und kehrten dann aufs Festland oder in ihr Heimatland zurück. Aber manche Menschen blieben für immer. Lauren blieb genau drei Jahre und acht Monate.

Wie fast jeder Neuankömmling fing auch Lauren nach wenigen Wochen an zu surfen. Das Meer war fast das ganze Jahr über warm und es trug sie fort von den lauten Straßen und überfüllten Stränden der Stadt in eine stille, blaue Welt aus bunten Fischen, Meeresschildkröten, Delfinen und Korallen. Im Winter kamen die Wale aus den kalten Gebieten des Nordpazifik, um in dem warmen Wasser ihre Jungen zur Welt zu bringen. Mit den Walen kamen die Orcas und die Haie wie nach einem festgelegten Fahrplan. Jeden Winter gab es einige Haiunfälle mit Schwimmern, Surfern und Tauchern. In Laurens erstem Winter auf den Inseln wurde einem Mädchen aus Deutschland, das sich mit seiner Schnorchelausrüstung nicht weiter als 50 Meter vom Strand entfernt hatte, ein Arm abgebissen. Das Mädchen verstarb wenige Tage später in einem Krankenhaus auf der Nachbarinsel Maui.

Die Wellen um Oahu herum veränderten sich im Laufe des Jahres. Während sich in den Wintermonaten gigantische Wellen an der North Shore der Insel bildeten und Weltmeisterschaften an der berühmten Banzai Pipeline und in Waimea stattfanden, ebbte der Swell an der Südseite ab und die Surf Playgrounds vor Waikiki erfuhren eine ruhige Zeit mit flachen, langen Wellen, ideal, um Surfen zu lernen oder zum Stand Up-Paddeln.

Vier Monate nach ihrer Ankunft in Honolulu hatte Lauren es sich zur Gewohnheit gemacht, die Zeit zwischen Frühstück und ihrem Arbeitsbeginn in einer Eisdiele an einem Strandabschnitt namens Queens auf dem Board zu verbringen. Üblicherweise ging es ihr weniger um das Surfen als vielmehr um den freien Blick auf den Ozean und die rhythmische Bewegung der langen Wellen, die unter ihrem Surfbrett entlangrollten. An einem dieser Tage hatte Lauren Kalei Kahamoku kennengelernt. Schnell hatten sie sich immer häufiger zufällig am Queens Surf Spot getroffen und nach etwa zwei Wochen kam auch ein gelegentliches Treffen zu einem Feierabendbier nach der Arbeit zustande. Erst an einem dieser Abende erfuhr sie, dass Kalei auf die Polizeischule des HPD, des Honolulu Police Departments, ging und in wenigen Wochen seine Vereidigung zum Officer bevorstand. Kalei hatte gelernt, dass seine Berufswahl nicht bei allen Mädchen gut ankam und er erzählte niemals vorschnell von seiner Ausbildung. Lauren hingegen war nicht nur unvoreingenommen, sie war total hin und weg von seinen Geschichten aus dem Polizeialltag. Und ja, okay, auch von Kalei selbst. Er sah klasse aus und surfte in ihren Augen wie Eddie Aikau.

Daheim in ihrem Apartment in Waikiki, und während sie bei der Arbeit Eiswaffeln befüllte, begann sie über ein Leben als Polizistin nachzudenken. Es würde ihrem Leben vielleicht endlich eine Richtung und ein Ziel geben. Sie besprach ihre Idee immer öfter mit Kalei, der ihre Pläne unterstützte. Und so schrieb sie sich mit 23 Jahren schließlich an der Polizeiakademie ein.

Im Laufe ihrer Ausbildung wurden Kalei und Lauren ein Paar und es dauerte nicht lange, bis sie in eine gemeinsame, kleine Wohnung zogen. Sie arbeiteten und lebten zusammen. Oft hatten sie unterschiedliche Dienste und gaben sich die sprichwörtliche Klinke in die Hand. Sie waren beide im Streifendienst und hatten es hauptsächlich mit kleinen Diebstählen an Touristen, betrunkenen Kids und ein paar Junkies zu tun. Wenn etwas wirklich Spannendes passierte, kamen die Jungs von der Criminal Investigation und ließen sie den Tatort absperren. Aber es war okay so, irgendwie. In den ersten beiden Jahren zumindest.

Im dritten Jahr veränderte sich ihr Zusammenleben und Kaleis und Laurens Wünsche und Ziele drifteten auseinander. Kalei träumte von einem eigenen Haus mit Mangobaum im Garten. Er war in Hawaii geboren und konnte sich einfach nicht vorstellen, die Inseln für länger als ein paar Wochen zu verlassen. Wozu auch? Für ihn war Oahu Heimat und Paradies zugleich. Warum hätte er jemals an einen anderen Ort gehen sollen?

Lauren hingegen dachte immer häufiger an die Orte auf der anderen Seite des Pazifiks, die sie sehen wollte. Sie hatte Sehnsucht nach all den aufregenden Städten der Welt. Sie wollte nach New York, nach Shanghai, Mumbai und Sydney. Vor allem aber sehnte sie sich nach dem fernen Europa, nach der Heimat ihrer Kindheit und der ihrer Mutter, mit den jahrhundertealten Städten und der Kultur der Alten Welt. Am stärksten zog es sie nach London, ihrem ganz persönlichen Sehnsuchtsort.

Dank ihrer deutsch-amerikanischen Herkunft besaß Lauren nicht nur die amerikanische, sondern auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Deshalb standen ihr Möglichkeiten offen, die Kalei nicht hatte, die er aber auch nicht vermisste.

Die Isoliertheit der hawaiianischen Inseln hatte sich oft für Lauren wie ein Gefängnis angefühlt. Ein paradiesisches Gefängnis, sechs Stunden Flugzeit vom nächsten Festland entfernt. Mit vielen ihrer Kollegen kam sie gut klar, aber einige waren nicht besonders gut auf ihre rebellische und in ihren Augen respektlose Einstellung zu sprechen, die sie den alten Haudegen der Truppe gegenüber an den Tag legte. Sie sahen sich als Teil einer Bruderschaft, als Männer, die auf den Straßen Honolulus für Recht und Ordnung sorgten. Sie verfolgten dasselbe Ziel und standen zusammen, egal was passierte. Lauren konnte mit dieser besonderen Art der Männerfreundschaft wenig anfangen und geriet speziell mit einem Kollegen namens Kenneth Akamoto immer häufiger aneinander, bis zu jenem Abend, in dessen Verlauf ihre Karriere beim HPD endete und sie wenige Tage später von den Inseln floh.

Acht Jahre später erwachte Lauren im Flieger in Richtung Westen, kurz vor ihrer Landung in LAX. Sie war trotz der lärmenden Reisegruppe vor und Randys Gerede neben sich in einen tiefen Schlaf gefallen, der ihr vor allem eine üble Nackenverspannung eingebracht hatte. Übernächtigt aussehende Flugbegleiterinnen servierten gerade ein sogenanntes kontinentales Frühstück in Pappschachteln.

„Tee?“, fragte Randy gutgelaunt, da er sich freute, dass sie wieder wach war und er sich wieder mit jemandem unterhalten konnte. Lauren blinzelte auf ihre Armbanduhr, die noch auf Londoner Zeit eingestellt war, und murmelte: „Es ist halb 7 Uhr abends. Wäre es da nicht eher an der Zeit für ein Bier?“

„Meine Liebe, hier ist es jetzt halb 11 morgens und deshalb trinken du und ich jetzt einen guten englischen Tee. Wahrscheinlich wird es der Letzte für eine ganze Weile sein", meinte ihr Partner und roch misstrauisch an seinem Pappbecher.