Schenk mir nur diese eine Nacht - Anne McAllister - E-Book

Schenk mir nur diese eine Nacht E-Book

Anne McAllister

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Beschreibung

In einem Luxushotel in Cannes erwartet Prinzessin Adriana ihren Verlobten, als ein attraktiver Mann auf sie zustürmt und heiß küsst - der Hollywood-Star Demetrios Savas! Eine Verwechslung, aber er küsst sie, wie noch keiner sie geküsst hat. Und plötzlich wird die pflichtbewusste Prinzessin von ungeahnter Sehnsucht überwältigt. Nur für eine Nacht will sie eine normale Frau sein. Keine Adelige! Um nur ein einziges Mal vor ihrer arrangierten Hochzeit zu erleben, was Liebe ist. Danach muss sie Demetrios für immer vergessen! Doch das Schicksal scheint andere Pläne zu haben.…

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Seitenzahl: 201

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IMPRESSUM

Schenk mir nur diese eine Nacht erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Thomas BeckmannRedaktionsleitung:Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)Produktion:Jennifer GalkaGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2010 by Barbara Schenck Originaltitel: „The Virgin’s Proposition“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIABand 1965 - 2011 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg Übersetzung: Susana Presno Polo

Umschlagsmotive: KatarzynaBialasiewicz / ThinkstockPhotos

Veröffentlicht im ePub Format in 05/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733777432

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

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1. KAPITEL

Eines Tages würde ihr Prinz kommen.

Aber offensichtlich nicht in absehbarer Zeit, dachte Anny, während sie erneut einen diskreten Blick auf ihre Armbanduhr warf.

Unruhig rutschte sie auf dem gepolsterten Sessel hin und her, wo sie seit gut einer dreiviertel Stunde wartete. Mit wachsender Ungeduld hielt sie Ausschau nach Gerard, vergeblich.

Hunderte von Personen schoben sich durch die Lobby des Ritz-Carlton. Das Hotel schien ein wahres Tollhaus.

Wie sollte es auch anders sein während der Filmfestspiele in Cannes. Die französische Küstenstadt war gegen Ende der ersten Maiwoche geradezu überlaufen mit Industriemoguln, ambitionierten Schauspielern und passionierten Kinogängern.

Drei Tage nach Beginn des Festivals war der normalerweise ruhige und elegante Bereich in der Nähe der Hotelbar, wo sich gewöhnlich kleine vornehme Gruppen zu einem Cocktail oder einem Aperitif trafen, von einer schwatzenden Menschenmasse in Besitz genommen worden. Die freundlich gedämpften Stimmen der Stammgäste wurden ersetzt durch raues Männergelächter und die schrille Heiterkeit kokettierender Frauen.

Ein Wirrwarr von Stimmen und Gesprächsfetzen umgab Anny. Filmproduzenten handelten Geschäfte aus, Regisseure offerierten ihre jüngsten Werke, Journalisten und Fotografen machten Jagd auf die Stars unter den Schauspielern und Schauspielerinnen. Wohin sie auch blickte, überall waren Fans und Schaulustige, ganz zu schweigen von den hoffnungsvollen Groupies, die verzweifelt Anschluss suchten.

Ein Prinz hätte kaum Beachtung gefunden.

Von einem großgewachsenen distinguierten Prinz Gerard aus dem Hause Val de Comesque war keine Spur zu sehen, es sei denn, er hatte sich unter die gewöhnlichen Filmfans gemischt, was natürlich lächerlich war.

Anny war stark versucht, ungeduldig mit dem Bein zu wippen. Aber sie tat es nicht. Stattdessen setzte sie ein beherrschtes Lächeln auf.

„In der Öffentlichkeit musst du dich gelassen, ruhig und unbeschwert geben“, war ihr von der Wiege an von Seiner Hoheit König Leopold Olivier Narcisse Bertrand von Mont Chamion – ihrem Vater – eingebläut worden. „Stehe immer über den Dingen, mein Liebling“, pflegte er gern und oft zu betonen, „es ist deine Pflicht.“

So hatte es zu sein. Eine Prinzessin war geduldig. Und pflichtbewusst. Und, wie könnte es auch anders sein, glücklich.

Anny ihrerseits hätte es als ein Zeichen der Undankbarkeit empfunden, sich nicht standesgemäß zu verhalten.

Eine Prinzessin zu sein war nicht immer ein Vergnügen. Diese Erfahrung hatte sie in sechsundzwanzig Jahren nur allzu oft gemacht. Aber das bloße Geburtsrecht gab Prinzessinnen Anspruch auf so viele Dinge, dass sie nicht anders konnten, als dankbar zu sein.

Und so kam es, dass Ihre Hoheit Prinzessin Adriana Anastasia Maria Christina Sophia von Mont Chamion, alias Anny, gleichmütig, pflichtbewusst und unbeirrt glücklich war. Und dankbar. Immer.

Nun ja, fast immer.

Momentan fühlte sie sich eher angespannt. Sie war ungehalten, verärgert und – wenn sie zumindest ein bisschen ehrlich mit sich selbst sein wollte – ein klein wenig besorgt.

Es war keine Angst oder gar Panik.

Vielmehr handelte es sich um ein vages unwohles Gefühl im Magen. Eine leichte Gereiztheit gepaart mit einer schleichenden Beklommenheit. Ein Gefühl, das sie meist überfiel, wenn sie es am wenigsten erwartete.

Nur war dieses Gefühl im letzten Monat so oft in ihr aufgestiegen, dass sie nun mittlerweile schon damit rechnete. Regelmäßig.

Meine Nerven liegen blank, dachte Anny. Es ist die normale Aufregung vor der Hochzeit. Was machte es schon, dass die Hochzeit erst in mehr als einem Jahr gefeiert werden sollte. Noch nicht einmal der Termin war festgelegt worden. Und was machte es schon, dass Prinz Gerard gebildet, gutaussehend, kultiviert und mondän war.

Aber anscheinend nicht hier.

Anny stand auf und ließ ihren Blick noch einmal suchend über das hektische Geschehen in der Eingangshalle gleiten. Sie hatte sich schrecklich beeilen müssen, um die Verabredung um fünf im Hotel einhalten zu können. Ihr Vater hatte sie am Morgen angerufen und ihr mitgeteilt, dass Gerard sie treffen wolle, um mit ihr etwas zu besprechen.

„Aber heute ist Donnerstag. Zu dieser Uhrzeit bin ich in der Klinik“, hatte sie entgegengehalten.

Die Klinik Alfonse de Jacques war eine private Einrichtung, die sich Kinder und Jugendlicher mit Querschnittslähmungen und Wirbelsäulenverletzungen annahm, ein Mittelding zwischen einem Krankenhaus und einem Heim. Seit Anny vor fünf Monaten nach Cannes gezogen war, um ihre Doktorarbeit zu schreiben, arbeitete sie dort jeden Dienstag- und Donnerstagnachmittag ehrenamtlich.

Anfangs hatte sie diese Aufgabe als einen nützlichen Zeitvertreib betrachtet, schließlich konnte sie nicht den ganzen Tag in ihrer Wohnung sitzen und über prähistorische Höhlenmalerei schreiben. Außerdem gehörte es sich einfach für eine Prinzessin, der Allgemeinheit einen Dienst zu leisten.

Sie liebte Kinder, und denjenigen einige Stunden zu widmen, die im Leben mit großen Einschränkungen zu kämpfen hatten, schien ihr mehr als sinnvoll. Was sie jedoch zu Beginn nur für eine gute Tat und einen Zeitvertreib hielt, war schnell zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden. Mit großer Vorfreude erwartete sie jede Woche die beiden Nachmittage.

In der Klinik betrachtete man sie nicht als Prinzessin. Die Kinder wussten nichts über ihre Herkunft. Mit ihnen ihre Zeit zu verbringen war keine Pflicht, sondern eine Freude. Für sie war sie einfach Anny, ihre Freundin.

Sie spielte fangen mit Paul und Videospiele mit Madeleine und Charles. Sie schaute sich Fußballspiele mit Philippe und Gabriel an und nähte winzige Puppenkleider mit Marie-Claire. Mit der naiven und lebhaften Elise sprach sie stundenlang über Filme und Filmstars, während sie mit dem mürrischen Franck – einem fünfzehnjährigen Zyniker, der durchgehend in der Klinik lebte – alles lange ausdiskutieren musste. Jeder Nachmittag hielt eine neue Herausforderung bereit. Und das gefiel ihr.

„Ich bin immer mindestens bis um fünf in der Klinik“, hatte sie am Morgen ihrem Vater am Telefon entgegnet. „Gerard kann mich dort treffen.“

„Gerard wird sicherlich nicht ein Krankenhaus besuchen.“

„Es ist eine moderne Klinik mit angegliedertem Heim.“

„Das macht keinen Unterschied. Er wird dich unter keinen Umständen an so einem Ort sehen wollen“, hatte ihr Vater entschieden erwidert. In seinen Worten schwang jedoch Verständnis mit. „Du weißt genau, wovon ich rede. Nicht seit Ofelia …“

Er vollendete den Satz nicht. Das brauchte er auch nicht.

Ofelia war Gerards Ehefrau.

Nein, sie war Gerards Ehefrau gewesen, korrigierte Anny sich selbst. Bis zu ihrem Tode vor vier Jahren. Und nun sollte sie, Anny, den Platz der schönen, bezaubernden und eleganten Ofelia einnehmen.

„Du hast recht“, antwortete sie sanft. „Daran habe ich nicht gedacht.“

„Wir müssen ihn verstehen. Es war ein harter Schlag für ihn.“

„Ja, ich verstehe es.“

Es war ihr klar, dass sie Ofelia aller Wahrscheinlichkeit nach niemals ersetzen können würde. Aber es war ihre Aufgabe, genau das zu versuchen. Und mit ziemlicher Sicherheit war dies auch eine der Ursachen für das ungute Gefühl, das sie in letzter Zeit immer öfter heimsuchte.

„Er will dich um fünf in der Lobby treffen“, fuhr ihr Vater fort. „Ihr werdet ein frühes Abendessen einnehmen und alles Nötige besprechen. Gerard muss noch am Abend nach Paris aufbrechen, weil er am nächsten Tag frühmorgens nach Montreal fliegt. Geschäftstermine.“

Gerard war nicht nur ein Prinz, sondern gleichzeitig auch Inhaber eines multinationalen Konzerns. Genaugenommen mehrerer Konzerne.

„Was möchte er besprechen?“

„Das wird er dir selbst sagen. Aber lasse ihn auf keinen Fall warten“, hatte ihr Vater gemahnt.

„Nein.“

Anny war pünktlich da gewesen. Gerard nicht.

Sie wippte mit ihrem Bein. Nur einmal. Na gut, vielleicht zweimal. Und sie warf erneut einen verstohlenen Blick auf ihre Uhr, während sie in ihrem Kopf unterschwellig die Stimme ihres Vaters vernahm: „Prinzessinnen sind niemals ungeduldig.“

Das mochte wohl sein, aber mittlerweile was es fast Viertel vor sechs. Sie hätte genauso gut länger in der Klinik bleiben und mit Franck das Gespräch über das Für und Wider der Fernsehserien mit Action-Helden beenden können.

Stattdessen hatte sie früher als gewohnt gehen müssen, und Franck hatte ihr vorgeworfen ‚wegzurennen‘.

„Ich ‚renne nicht weg‘!“, hatte Anny eingewandt, „ich habe heute Nachmittag eine Verabredung mit meinem Verlobten.“

„Deinem Verlobten?“ Nachdenklich blickte Franck sie an. „Du heiratest? Wann?“

„In einem Jahr. Oder vielleicht in zwei Jahren. Ich bin nicht sicher.“ Zweifellos in naher Zukunft. Gerard brauchte einen Erben, und er wollte sicherlich nicht ewig warten.

Er hatte akzeptiert, mit der Hochzeit bis nach ihrer Dissertation zu warten. Und wenn alles reibungslos lief, wäre ihre Vermählung demnach irgendwann nächstes Jahr. Also bald.

Zu bald.

Anny versuchte, den quälenden Gedanken zu verdrängen. Es war ja nicht so, dass ihr Vater sie zwang, ein schreckliches Scheusal zu heiraten. Er hatte die Hochzeit zwar arrangiert – aber das bedeutete nicht, dass Gerard nicht der richtige Mann für sie war. Er war eine liebenswerte und aufmerksame Person. Und er war ein Prinz – im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber – Anny versuchte ihr Unbehagen abzuschütteln. Sie konnte sich noch gut entsinnen, wie erleichtert sie gewesen war, als Gerard Verständnis für ihre Doktorarbeit gezeigt hatte. Für sie war ihre Forschung sehr wichtig, und er hatte glücklicherweise nichts dagegen einzuwenden gehabt, mit der Hochzeit bis nach der Dissertation zu warten.

Offenbar hatte aber Franck etwas einzuwenden. Seine dunklen Augen waren zu Schlitzen verengt, und er blickte sie düster an. „Ein Jahr? Zwei Jahre? Worauf um alles in der Welt wartest du?“

Diese Frage überrumpelte Anny völlig. Sie starrte Franck verblüfft an. „Was meinst du damit?“

Er machte eine ausladende Handbewegung, eine Geste, die sowohl die vier weißen Wände seines sauberen, aber spartanischen Zimmers als auch seine gelähmten Beine einschloss. Sein Blick wanderte von ihr zu seinen Füßen und schließlich zurück zu ihr.

„Du kannst nie wissen, was auf dich zukommt.“

Es war bei einem Fußballspiel passiert – er und ein anderer Junge waren gleichzeitig zu einem Kopfball aufgestiegen. Der Junge hatte am nächsten Tag etwas Kopfschmerzen, Franck hingegen war von der Hüfte ab gelähmt. Manchmal spürte er noch ein leichtes Kribbeln, aber seine Beine konnte er seit beinahe drei Jahren nicht mehr bewegen.

„Du solltest nicht warten“, beharrte er. Sein Blick durchbohrte Anny förmlich.

Es war eine typische Stellungnahme für Franck. Von oben herab verkündete er sein Urteil, und schon war ein Streit mit Anny vorprogrammiert.

Sie diskutierten über jede Kleinigkeit. Nicht nur über Action-Helden. Von Fußballteams bis hin zu den unveränderlichen Gesetzen der Wissenschaft und dem besten Nachtisch wurde alles heftigst debattiert.

Es sei seine Freizeitbeschäftigung, hatte eine Krankenschwester einmal halb scherzend zu Anny gesagt, und sie wusste nur zu gut, dass diese Worte mehr als ein Körnchen Wahrheit enthielten.

„Also was schlägst du vor?“, fragte Anny mit einem herausfordernden Lächeln. „Meinst du, ich sollte ausreißen?“

Aber seine Augen leuchteten nicht wie gewöhnlich kampflustig auf. Es lag vielmehr ein wildes Funkeln in seinem Blick, als er entschieden den Kopf schüttelte. „Ich verstehe einfach nicht, worauf du wartest.“

„Ein oder zwei Jahre sind doch keine lange Zeit“, war Annys Antwort. „Ich will meine Doktorarbeit zu Ende bringen. Wenn das Hochzeitsdatum erst mal feststeht, müssen unzählige Vorbereitungen getroffen werden.“ Ganz zu schweigen von dem höfischen Protokoll und den Traditionen. Aber das Thema königliche Hochzeiten wollte sie lieber umgehen. Normale Hochzeiten waren nervenaufreibend genug.

„Also hast du offenbar Besseres zu tun?“

„Das ist doch nicht der Punkt.“

„Natürlich ist er es. Denn falls dem nicht so ist, solltest du lieber nicht deine Zeit verschwenden. Du solltest das tun, worauf du Lust hast!“

„Man kann nicht immer machen, was man will“, sagte sie einlenkend.

Franck schnaubte verächtlich. „Das musst du mir nicht sagen. Ich würde hier bestimmt nicht eingesperrt bleiben, wenn ich nicht müsste!“

Anny bereute ihre gedankenlosen Worte sofort. „Ich weiß.“

Francks Kiefer waren angespannt, während er nachdenklich an der Bettdecke zupfte. Er presste seine Lippen zusammen und drehte seinen Kopf zur Seite. Schweigend starrte er aus dem Fenster, und Anny wusste nicht, was sie sagen sollte. Unruhig trat sie von einem Fuß auf den anderen.

Mit einem müden Achselzucken blickte Franck schließlich zurück in ihre Richtung. „Du hast nur ein Leben“, sagte er.

Seine Stimme hatte an Kraft verloren, fast tonlos war der letzte Satz über seine Lippen gekommen. Franck mit einem so trostlosen Gesichtsausdruck und so traurigen Augen zu sehen, ließ Anny elendig fühlen. Sie wünschte sich verzweifelt, ihm widersprechen zu können. Sie wollte ihm sagen, dass er Unrecht hatte. Aber sie konnte nicht.

Denn er hatte recht.

Er würde nie mehr mit seinen Freunden auf der Straße toben. Welche Argumente hätte sie nennen können?

Und so tat sie das Einzige, was sie tun konnte. Sie nahm seine Hand und drückte sie fest. Sie wünschte, Gerard wäre jetzt hier. Einen echten Prinzen kennenzulernen hätte vielleicht für einen kurzen Moment Francks trübe Gedanken verjagen können. Doch Gerard würde niemals ein Krankenhaus betreten.

„Ich muss gehen“, hatte sie leise gesagt, „es tut mir leid.“

„Dann geh.“ Nur eine leichte Bewegung der Wimpern hatte verraten, dass die verhärtete Miene und der barsche Ton bloß ein Schutzschild waren.

„Ich komme wieder“, hatte Anny versprochen.

Sie hätte bei ihm bleiben sollen.

Während Anny abermals einen Blick auf die Uhr warf – mittlerweile war es zehn vor sechs und von Gerard immer noch weit und breit keine Spur –, trat plötzlich eine seltsame Stille ein, als hätten alle Personen in der Lobby im selben Moment den Atem angehalten.

Verwirrt schaute sie auf. War es etwa ihr Prinz, der soviel Aufsehen erregte?

Eines war sicher: Alle Menschen im Raum starrten in eine Richtung. Und Anny folgte ihren Blicken.

Ihr Herz machte einen Sprung, als sie die Männergestalt am anderen Ende des Raumes erkannte. Auch sie konnte nicht anders als starren.

Aber es war nicht Gerard.

Nein, nicht im Entferntesten. Gerard war vornehm und stilvoll, geradezu die Personifikation des kontinentalen Charmes, eine perfekte Mischung aus moderner Kultiviertheit und einer über Jahrhunderte lang erprobten königlichen Erziehung.

Dieser Mann verkörperte das genaue Gegenteil. Ein attraktiver Drei-Tage-Bart umrahmte sein kantiges Gesicht, sein Haar war zerzaust, seine Kleidung bestand aus einem Paar ausgeblichenen Jeans und einem einfachen aufgeknöpften Hemd. Sein Aussehen war lässig, aber wohldurchdacht. Er hätte ein Nobody sein können. Ein Tourist, ein Zimmermann oder ein Matrose auf Landgang.

Aber er war nicht irgendjemand. Er war jemand.

Und zwar Demetrios Savas. Anny kannte ihn. Und auch alle anderen wussten, wer er war.

Über zehn Jahre lang war er der Goldjunge Hollywoods gewesen. So unglaublich es auch klingen mochte: Demetrios, Nachkomme griechischer Einwanderer in den Vereinigten Staaten, hatte seine brillante Karriere als Model für Herrenunterwäsche begonnen! Damals war er nichts mehr als ein junger Zwanzigjähriger mit einem hübschen Gesicht und einem fantastischen Körper gewesen.

Doch der bescheidene Anfang sollte der Grundstein für Demetrios’ künstlerische Laufbahn sein. Er begann, nicht mehr nur sein Aussehen, sondern auch sein Talent als Schauspieler zu pflegen. Mittlerweile hatte er sich internationale Anerkennung durch zahlreiche Kinofilme, eine sehr erfolgreiche Fernsehserie und zuletzt auch als Nachwuchsregisseur verschafft. Auch das tragische Ende seiner kurzen Ehe mit der anmutigen und begnadeten Schauspielerin Lissa Conroy hatte für Furore gesorgt.

Demetrios und Lissa waren eines der Traumpaare der Filmszene gewesen. Nicht nur in Hollywood liebte und bewunderte man die feine Lebensart dieses schönen und talentierten Paares.

Doch der Zauber hatte ein jähes Ende genommen, als Lissa sich vor zwei Jahren bei Filmaufnahmen im Ausland eine lebensbedrohliche Infektion zuzog und wenige Tage später daran verstarb. Demetrios, der zur gleichen Zeit am anderen Ende der Welt einen Film drehte, hatte nur hilflos daneben stehen können.

Anny erinnerte sich an die Fotos, die damals um die Welt gegangen waren: Demetrios, der den Leichnam seiner Frau in die Heimat überführte, und der baumlose vom Wind gepeitschte Friedhof in Nord Dakota, wo er sie begraben hatte. Diese kargen und bedrückenden Bilder hatten sie schockiert und sich in ihre Erinnerung gebrannt.

In einer knappen offiziellen Stellungnahme hatte Demetrios diese schlichte Beerdigung erklärt: „Er ist der Ort, woher sie kam. Lissa hätte es sich so gewünscht. Ich habe sie einfach nur heimgebracht.“

Vor ihrem inneren Auge konnte sie noch genau seine vom Schmerz gezeichneten Gesichtszüge sehen. Seit Lissa Conroys Tod vor zwei Jahren war Demetrios allen öffentlichen Auftritten aus dem Weg gegangen.

Er hatte eine Mauer zwischen sich und die Außenwelt geschoben. Eine Weile lang noch war in allen Boulevardzeitungen das trauernde und unzugängliche Gesicht des Schauspielers zu sehen gewesen. Doch als er sich weiterhin vom Rampenlicht fernhielt und es keine Sensationen oder Neuigkeiten mehr zu berichten gab, wandte die Presse sich von ihm ab und suchte nach neuen Geschichten.

So sorgte es dann auch für allgemeine Überraschung, als an die Öffentlichkeit gelangte, dass Demetrios im letzten Sommer ein Drehbuch verfasst und Dank der Hilfe großzügiger Geldgeber die Dreharbeiten in Brasilien bereits erfolgreich abschlossen hatte. Das unabhängige Filmprojekt, welches großes Interesse unter den Medien und der Kritik geweckt hatte und sogar als möglicher Oscar-Kandidat gehandelt wurde, sollte nun in Cannes präsentiert werden.

Und nun stand er da.

Anny hatte ihn bisher noch nie persönlich gesehen. Sie kannte ihn nur von Fotos und – bei dem Gedanken daran musste sie verschämt schmunzeln – von einem unvergesslichen Poster, das während ihrer Universitätszeit an ihrer Zimmerwand gehangen hatte.

Das Poster konnte dem Original allerdings nicht das Wasser reichen. Der Ausdruck des Schmerzes war von seinem Gesicht gewichen. Er lächelte zwar nicht. Aber das war auch nicht nötig. Sein charismatisches Auftreten genügte, um alle Blicke auf sich zu ziehen.

Er verströmte eine Autorität und eine Macht, die fast greifbar waren. Nicht die Art sanfter und kontrollierter Macht, die von Gerard und ihrem Vater ausgingen. Es war etwas viel Archaischeres. Sie konnte die kraftvolle Energie bei jeder seiner Bewegungen deutlich spüren.

Jetzt blieb er kurz stehen und sah über seine Schulter, um gleich darauf selbstsicher durch den Raum zu schreiten. Und obwohl es sich für eine Prinzessin nicht gehörte zu starren, konnte Anny ihre Augen nicht abwenden.

Einige Personen hatten ihr Gespräch wieder aufgenommen – ohne Zweifel war er das Thema –, doch ein Großteil der Anwesenden war immer noch wie gebannt. Er nickte einigen Bekannten flüchtig im Vorbeigehen zu, rang sich ein mattes Lächeln ab, aber er gesellte sich nicht zu ihnen. Es schien, als suchte er jemanden.

Und dann plötzlich trafen sich ihre Blicke. Anny spürte, wie sie sich in der Tiefe seiner magisch-grünen Augen verlor.

Eine kleine Unendlichkeit verging, bevor sie sich an ihre guten Manieren erinnerte und wegschaute. Mit vorgetäuschter Gleichgültigkeit musterte sie eindringlich ihre Armbanduhr, um ihre unkontrollierten Emotionen zu verbergen. Ansonsten hätte sie wie ein närrischer Teenager sein markantes unwiderstehliches Gesicht fixiert.

Wo um Himmels willen war bloß Gerard?

Sie hob verzweifelt den Kopf – und sah Demetrios Savas’ Gesicht direkt vor ihrem.

So nahe, dass sie es hätte berühren können. Und nahe genug, um die kleinen goldenen Pünktchen in seinen unglaublich grünen Augen und die ersten grauen Härchen in seinem verwegenen dunklen Bart zu sehen.

Anny wollte etwas sagen, doch sie brachte keinen Ton hervor.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht warten lassen“, sagte er mit einem angedeuteten reuevollen Lächeln.

Sie warten lassen? Er musste sie mit irgendjemandem verwechseln. Doch bevor sie zu einer klärenden Antwort ausholen konnte, hatte er sie aus ihrem Sessel hochgezogen, seine Arme um sie gelegt und seine festen warmen Lippen auf ihren Mund gedrückt.

Anny merkte, wie ihre Knie zitterten und ihre Wangen anfingen zu glühen. Ihr Mund öffnete sich leicht, einen Moment lang meinte sie die Berührung seiner Zunge gespürt zu haben. Sie versuchte ihre Fassung zurückzugewinnen, aber die absurde Situation hatte ihr scheinbar die Sprache verschlagen.

„Danke, dass du so geduldig mit mir warst.“ Seine männlich-raue Baritonstimme war ihr nur zu gut aus den Kinofilmen bekannt. Und ehe sie sich dagegen wehren konnte, nahm er ihre Hand und schritt mit Anny durch die Lobby. „Lass uns hier verschwinden.“

Demetrios wusste zwar nicht, wer sie ist.

Aber es war ihm egal. Sie wartete offensichtlich auf jemanden – das hatte er mit einem raschen Blick beim Betreten der Eingangshalle bemerkt –, und sie war die Art von Frau, die sich nicht leicht in Aufregung versetzen ließ.

Und übertriebene Aufregung war das Letzte, was er sich in diesem Moment wünschte. Inmitten all dieser zu Pfauen herausgeputzten Frauen strahlte sie wie ein beruhigender Leitstern.

Pragmatisch, vernünftig, unerschütterlich und besonnen waren die Worte, die ihm bei ihrem Anblick in den Kopf geschossen waren. Ihre Figur bestach durch erfrischende Natürlichkeit, ihr langes dunkles Haar war zu einem schlichten Knoten hochgesteckt.

Der gesunde Menschenverstand war ihr förmlich anzusehen. Wahrscheinlich arbeitete sie an der Rezeption. Oder sie war eine Reiseleiterin, die auf ihre Gruppe wartete. Oder – auch wenn es in diesem glamourösen Kontext geradezu abwegig war – die Leiterin einer Pfadfindergruppe. Auf jeden Fall war sie das genaue Gegenteil all dessen, was man mit der Filmindustrie und deren Entourage in Verbindung brachte.

Und sie war seine Rettung, auch wenn sie das noch nicht wissen konnte. Er brauchte jemanden, der ihn aus dem heillosen Chaos des Hotels herausbrachte, bevor er die Geduld und oder gar seine Nerven verlor.

Sie wirkte professionell und souverän in ihrem aparten dunkelblauen Rock und der maßgeschneiderten, aber lässigen Jacke. Kurzum, sie wirkte wie jemand, der ihm aus der Bredouille helfen konnte.

Die Menschenmenge teilte sich wie das Rote Meer, als Demetrios mit Anny den Raum durchquerte. Er ignorierte die neugierigen Blicke und das ungläubige Getuschel.

„Weißt du, wie wir hier rauskommen?“, flüsterte er in ihr Ohr. Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, wurde ihm bewusst, dass sie vielleicht kein Englisch verstand. Schließlich waren sie in Frankreich.

Aber sie enttäuschte ihn nicht. Sie stolperte nicht, als er sie durch die Menge manövrierte, sondern hielt spielend mit ihm Schritt, ein schneller Seitenblick offenbarte ihm, dass sie sogar lächelte.

„Natürlich“, sagte sie mit einem ganz leichten Akzent.

Und nun musste auch Demetrios lächeln. Es war vermutlich das erste ehrliche Lächeln, das er an diesem Tag zustande brachte.

„Zeig mir den Weg“, raunte er. Ein zufälliger Beobachter hätte sicherlich geglaubt, dass er den Weg vorzeichnete, in Wirklichkeit aber folgte er ihr. Das allgemeine Gemurmel schien bei ihrem Vorbeigehen lauter und angeregter zu werden.

„Ignoriere sie einfach“, sagte er.

Das Schmunzeln auf ihrem Gesicht war der Beweis, dass sie genau das tat. Seine Retterin schien exakt zu wissen, wohin sie gehen musste. Entweder das, oder sie war es gewohnt, von fremden Männern in der Hotellobby behelligt zu werden und hatte eine bewährte Taktik, um sich von ihnen zu befreien. Sie öffnete eine Tür und zog ihn in einen langen Gang. Sicheren Schrittes führte sie ihn durch einige hintereinander liegende Büros, ging durch einen Lagerraum und hin zum Ein- und Ausladebereich. Als sie die letzte Tür aufstieß und sie endlich ins Freie traten, waren sie auf der Rückseite des Hotels angekommen.

Demetrios holte tief Luft – und hörte die Tür schwer ins Schloss fallen.

„Jetzt kannst du nicht mehr zurück.“ Demetrios setzte ein entschuldigendes Gesicht auf. „Sorry, tut mir leid. Wirklich. Aber vielen Dank. Du hast mein Leben gerettet.“

„Das bezweifle ich“, antwortete Anny verschmitzt.

„Mein professionelles Leben“, fügte er sichtlich erschöpft, aber lächelnd hinzu. „Es ist ein schrecklicher Tag. Und es wurde von Minute zu Minute schlimmer“, sagte er und fuhr sich mit den Fingern durch das dunkle Haar.

„Na, dann bin ich ja froh, dass ich dir von Nutzen sein konnte“, sagte sie mit einem angedeuteten Stirnrunzeln.

„Tatsächlich?“ Er war etwas verwundert. Sie schien nicht verärgert zu sein, obwohl es ihr gutes Recht gewesen wäre. „Du hast auf jemanden gewartet.“

„Und genau aus diesem Grund hast du mich herausgepickt“, war ihre sachliche Antwort, und auch das überraschte ihn.

Ihre nüchterne Analyse ließ ihn schelmisch grinsen. „Das nennt man Improvisation. Ich bin übrigens Demetrios.“

„Ich weiß.“

Ja, das hatte er vermutet.