Verlag: Emons Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 80000 weitere Bücher
ab EUR 4,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 384

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Schere 9 - Isabella Archan

Zwei Männer werden in der Frankfurter Kaiserstraße brutal gefoltert und ermordet. verheiratet und auf ein Abenteuer aus, hatten sie sich in der Wohnung eines Freundes getroffen. Auffallend sind neun Wunden an jedem der Toten. Ein Ritualmord? Oder eine Tat aus Eifersucht? Das Team um Hauptkommissar Heinz Baldur beginnt die Ermittlungen mit viel Schwung und Tempo, doch weitere 'Fremdgängermorde' folgen. Sie enden erst, als Baldur sich seinem eigenen Trauma stellt.

Meinungen über das E-Book Schere 9 - Isabella Archan

E-Book-Leseprobe Schere 9 - Isabella Archan

Isabella Archan wurde 1965 in Graz (Österreich) geboren. Nach Abitur und Schauspieldiplom folgten viele Jahre Theaterengagements an Stadt- und Staatstheatern in Österreich, der Schweiz und Deutschland. Seit 2002 lebt Isabella Archan als Freiberuflerin in Köln, wo sie eine zweite Karriere als Autorin begann. Neben dem Schreiben ist sie immer wieder in Rollen inTV und Film zu sehen, u.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2016 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: mauritius images/luciopix/Alamy, shutterstock.com/Suchat Maliwan Umschlaggestaltung: Nina Schäfer Lektorat: Hilla Czinczoll eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-96041-077-5 Originalausgabe

Der Abdruck der Songtexte an den Textstellen [1] und [2] erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Grönland Records.

Unser Newsletter informiert Sie regelmäßig über Neues von emons: Kostenlos bestellen unter www.emons-verlag.de

Es gibt keinen anderen Teufel als den,den wir in unserem eigenen Herzen haben.

Hans Christian Andersen

Die Grenze ist überschritten,der Spiegel ist zerbrochen.Aber es reflektieren die Scherben.

Edgar Allan Poe

PROLOG

Hallo– gestresst, atemlos, erschöpft?

Zu viel von allem in Ihrem Leben?

Dann machen Sie eine Pause. Eine Pause von sich selbst.

Setzen Sie sich entspannt hin.

Die Schultern lockern sich,

die Arme werden schwer,

die Füße geben den Druck ab,

der ganze Körper lässt los.

Atmen Sie tief ein und langsam aus.

Und mit dem Ausatmen lassen Sie alles los, was Sie belastet, beschwert, bedrückt.

Wunderbar.

Und jetzt gehen Sie mit mir auf eine kleine Reise,

auf eine kleine innere Reise,

auf eine Reise in die Welt Ihrer Vorstellungskraft:

Stellen Sie sich vor,

Sie sind ein Mann in den mittleren Jahren.

Langsam, aber sicher driften Sie in diese Zeit, in der man Ihnen Ihre Sünden ansieht, diese sich auch an Ihrem Körper bemerkbar machen.

Der Bauchspeck hängt mehr nach unten, Sie müssen ihn zur Seite schieben, um Ihr bestes Stück mal wieder sehen zu können. Gut, Sie könnten sich nackt vor einen Spiegel stellen, aber da fällt der erschlaffte Hautsack umso mehr auf und würde Ihnen die Laune verderben.

Ihre Sehkraft hat schon nachgelassen, doch noch bleibt die Lesebrille in Ihrem Sakko, lieber deuten Sie beim Essen auf das dritte verschwommene Hauptgericht von oben, bis jetzt hatten Sie immer Glück mit Ihrer Auswahl. Sie sind oft nach dem Lunch müde und haben schon mehr als einmal die Bürotür zugemacht nach dem Motto: »Jetzt kommt ein dringender Anruf rein, in der nächsten halben Stunde keinesfalls stören«, und haben sich auf der Besuchercouch ein heimliches Nickerchen gegönnt.

Am erschreckendsten ist allerdings der rosa Kreis auf Ihrem Hinterkopf, rund und glatt, kein Haar scheint hier mehr wachsen zu wollen. Sie werden bald verzweifelt versuchen, ihn mit dem längeren Deckhaar zu überkämmen. Wahrscheinlich bleibt am Ende nur die Kojak-Variante übrig.

Aber, und das jetzt mit Ausrufezeichen, Ihre Manneskraft, die hat noch nicht gelitten, ganz im Gegenteil. Abrufbar bei jedem Anblick von geilen Titten und sicher noch Lichtjahre von Viagra entfernt.

Das wiegt den Rest fast auf.

Und solch ein prächtiger Vorbau lacht Sie eben an, ist eben dabei, vor Ihnen auf und ab zu schwingen, zu wogen, sich in Ihre zupackenden Hände zu schmiegen. Die Titten sind echt, das können Sie spüren. Mannomann, da hat es sich doch gelohnt, den Ehering rechtzeitig abzustreifen.

Sie stecken Ihre Zunge in ein Ohr, Sie drücken Ihren erigierten Schwanz in Ihrer Anzughose gegen einen Jeansrock, das Mädel soll die Vorfreude spüren können.

Dir besorg ich es jetzt, Weib, denken Sie noch, bevor Ihr Denken restlos durch das nach unten gesackte Blut zum Stillstand kommt. Der Trieb übernimmt.

Der Körper des Mädels presst sich an Ihren, Sie wanken gemeinsam durch das Zimmer, das Apartment, das die Firma gemietet hat. Dank den Computerdummies im idyllischen Rathaus dieser Stadt. Dank dem Bürgermeister, der sich entschlossen hat, etwas Geld in das veraltete Computersystem der Stadtverwaltung zu stecken und eine Expertenfirma aus Köln zu bezahlen, die Sie hierhergeschickt hat, um den Verwaltungsangestellten einen kleinen Einführungskurs in Vernetzung und Bedienung zu geben.

Auch dank der letzten Bar im Ort, die nach dem ermüdenden offiziellen Abendessen noch geöffnet hatte, mit dem Eichenholztresen und dem jungen Ding auf dem Holzhocker davor, das Ihnen schon bei Ihrem Eintreten nach dem langen heißen Tag einen langen heißen Blick zugeworfen hat. Was für ein Mädel.

»Bist du nicht zu jung, um noch so spät auf zu sein, Fräulein?« So haben Sie das Gespräch eröffnet.

»Deshalb warte ich doch hier auf einen Papa, der mich beschützt vor der Dunkelheit da draußen.«

Was für eine Antwort war das gewesen. Schon da hätten Sie das Mädel direkt auf dem Eichenholztresen nehmen können, aber hallo!

»Zu dir oder zu mir?« Wann eigentlich haben Sie diese Frage dem jungen Ding mit den prallen Brüsten gestellt?

»Ich wohn noch bei meinen Großeltern.«

»Das Apartment, das meine Firma gemietet hat, ist gleich zwei Straßen weiter, und wenn du später magst…«

Und ja, sie hatte gemocht.

Womit haben Sie sie wohl so beeindruckt, das junge Ding? Scheißegal, jetzt werden Sie es mit Ihrem Ding beeindrucken!

Ha! Das ist es, was man in den mittleren Jahren als Mann so braucht, oder?

Sie drücken das Mädel an die Wand neben der Stehlampe und dem Lesesessel, fahren ihr unter den Jeansrock, Baumwollhöschen, wie klassisch, wie geil! Sie heben schon mal Ihren Hintern hoch, lassen sie fühlen, was sie bald erwarten wird. Das Weib stöhnt und drückt sich von der Wand ab, die Leselampe fällt um, es kracht, und ein Splittern ist zu hören. Was für eine Show! Das geht auf Firmenrechnung.

Wieder geht der Tanz, das Gedränge Körper an Körper weiter, quer durch das Zimmer, Richtung Schreibtisch, da, Sie können schon die Kante an Ihrem eigenen Hintern fühlen, die Kante, die sich Ihnen etwas schmerzhaft in den unteren Rücken bohrt. Doch die unersättliche Zunge des Mädels macht den kleinen Schmerz wieder wett.

Wenn Sie sie jetzt drehen könnten, gäbe es die Möglichkeit, das Mädel auf dem Tisch zu nehmen, wow, so was hat in Ihrem Leben seit Ihrer Verehelichung lange nicht mehr stattgefunden.

Mit Ihrer linken Hand greifen Sie hinter sich, um sich am Schreibtisch abzustützen, Schwung zu nehmen für die Drehung, das Mädel ist schwerer als gedacht, oder Sie sind schlapper geworden in den Armmuskeln.

Ihre Fingerkuppen drücken auf die glatte Tischplatte, rutschen etwas weg, erspüren etwas Kühles, Festes, Metallenes. Ihr Hirn kann diesem Spüren keinen Gegenstand zuordnen, aber Ihr Hirn ist schon längst nicht mehr in der Lage, zusammenhängende Strukturen zu erfassen, das Blut dazu fehlt.

Sie drücken weiter, drücken auf das kühle, harte metallene Ding, gleich schaffen Sie die Wende, die Drehung mit dem anderen Ding.

Da schiebt sich der Unterleib des Mädels nach vorn, und das weibliche Becken stößt gegen Ihre Genitalien. Ihr Hintern hebt sich ein kleines Stück, rutscht auf die Tischkante, über die Tischkante, Ihr unterer Rücken beugt sich nach hinten. Im selben Moment stellt sich unter dem Druck Ihrer Finger der harte Gegenstand auf, geht einer metallenen kleinen Kobra gleich nach oben.

Kurz zuckt es in Ihrem Kopf noch auf, »Alarm!«, schreit da der kleine tiefe Teil in Ihrem Hirnstamm, der, der Atmung und Herzschlag kontrolliert und für das schiere Überleben zuständig ist, uralt und nicht so schnell zu beeindrucken wie das Zwischenhirn.

Doch in genau diesem Moment wuchtet sich der pralle Busen des Mädels auf Ihren Oberkörper und drückt Sie unerbittlich nach unten. Wie ein harter Penis in eine noch nicht bereite Scheide drängt sich der metallene Gegenstand in Ihren unteren Rücken, dort, wo die Nebennieren ihren Sitz haben, drückt sich durch Haut und Muskeln und Nervenbahnen und berührt am Ende mit seiner Spitze den Knorpel Ihrer Wirbelsäule.

Sie schreien auf, das Mädel denkt wohl, aus Lust, und ihre Brüste pressen gnadenloser. Sie keuchen und suchen nach Worten, suchen nach Halt, suchen nach einem Ausweg, nach einem Zeichen, um dem Weib Ihre Not zu signalisieren.

Mann, du dummes Luder, ich hab mich irgendwie verletzt, da ist was schiefgelaufen, du verblödete Kuh! Ich kann nicht mehr atmen, denken Sie oder schreien Sie, denn jetzt kommt ein Schmerz vom unteren Rücken hoch, der alles, aber auch alles, was Sie je an Schmerzen erlebt haben, lächerlich winzig wirken lässt.

Stellen Sie sich vor, wie jetzt das Blut aus Ihrem Penis zurück in den Kopf schießt und Ihr Denken schockartig zurückkommt. Da ist etwas schiefgelaufen, und Sie müssen etwas tun, verdammt! Sie müssen um den großen Schmerz herumdenken. Und endlich etwas sagen. Den Mund aufmachen!

»Mama!« Sagen Sie ganz unpassenderweise, und das bringt das Mädel endlich aus der Ekstase.

Es lässt ab von Ihnen, die Brüste weichen zurück, der Druck lässt Gott sei Dank nach. Ihr Körper rutscht von der Tischplatte zur Kante, Ihre Finger heben sich ein Stück, tasten den Rücken entlang, und da ist es wieder, das metallene, harte Ding, aber es ist so kurz geworden, so knapp, weil es jetzt fast zur Gänze in Ihnen steckt. Ihre Finger rutschen ab, da wird es auch nass, dahinten unten, Ihr Hintern kann sich an der Kante nicht lange halten, er rutscht herunter, und Sie kommen zum Stehen.

Ihre linke Hand kommt nach vorn, da, Ihre Fingerkuppen sind rot wie Tomaten, rot wie Rosen oder auch rot wie der Lippenstift, den das Mädel dort in der Bar an der Theke getragen hat.

»Ich blute.« Sagen Sie und sehen dem Weib vor Ihnen in die Augen. Jung ist es, so jung, aber hatten Sie das nicht vorher gewusst? War das nicht der Antrieb gewesen, die Motivation, Ihren Ehering abzustreifen und in der Hosentasche verschwinden zu lassen? Wann war das? Vor Äonen oder einer guten Stunde?

Ihre Beine geben nach, Sie knicken ein, rutschen nach unten wie ein Sack Kartoffeln, fallen auf die Knie, als ob Sie dem Mädel vor Ihnen einen Heiratsantrag machen wollten.

»Ich blute.« Wiederholen Sie, und Ihre linke Hand geht nach oben, Ihre roten Fingerkuppen zeigen in Richtung des blutjungen Mädels, das Ihnen gegenübersteht mit wirren blonden Haaren und immer noch geröteten Wangen.

Warum zum Teufel steht die dumme Kuh nur da und tut nichts?

Jetzt kippen Sie seitlich nach links weg, und Ihre roten Finger samt der Hand und dem ganzen Arm verschwinden unter Ihrem leicht übergewichtigen Körper. Der Aufprall auf dem Boden ist hart und bringt den Schmerz erneut zum Lodern. Von hinten unten zieht er einen Kreis, umrundet Ihren Bauch, setzt sich in Ihrem Unterleib fest. Wird so gewaltig, so strahlend.

Aus Ihrer umgekippten Perspektive heraus sehen Sie das Mädel, ein schräges Bild in zweierlei Hinsicht, das, statt zu helfen, immer noch dasteht und guckt. Guckt mit großen, tellergroßen Augen.

Es bewegt sich nicht.

Beweg endlich deinen Arsch und hol Hilfe! Das ist es, was Sie sagen wollen.

»Arsch!« Kommt aus Ihrem Mund, und das wird nicht reichen.

Der Schmerz ist über den Körper aufwärtsgewandert und hat sich in Ihrer Brust breitgemacht, sitzt dort und bohrt in Ihr Herz. Ihr Herz, das pumpt und rast, pumpt und trommelt, pumpt und stolpert. Wie lange noch? An Ihrem unteren Rücken ist es ganz kalt und nass geworden, und Sie liegen seitlich in einer Pfütze, einer Lache aus was? Blut? Ihrem Blut?

Wer hätte gedacht, dass Sie hier…

So überraschend…

Sterben…

???

Das gekippte Zimmer wird dunkler, Sie können nur mehr die Umrisse der Gegenstände wahrnehmen. Wo ist denn das Weib hin?

Da, endlich. Da ist das Mädel ja, jetzt direkt vor Ihnen, hat sich hingekniet, wird Ihnen jetzt helfen, hat sicher schon längst Hilfe gerufen, ist auf den Gang hinaus, hat an die Nebentür geklopft, geschrien, hat am Handy die Rettung gerufen, wird Erste Hilfe leisten.

Nah, ganz nah ist das Mädel jetzt mit seinen großen Augen, sieht Sie an, direkt an.

Und lächelt?

Für eine Sekunde sind Ihr Schmerz, Ihre Pein, Ihr Sterben vergessen. Für eine Sekunde blicken Sie fassungslos auf diesen hübschen lippenstiftverschmierten Mund, dessen Winkel sich nach oben heben und dort bleiben.

Keine Hilfe wird kommen.

Auch für diese Erkenntnis brauchen Sie nur diese eine Sekunde.

Später läuft noch der Film Ihres Lebens ab.

Später kommen noch der Tunnel und das Licht.

Der Tod lächelt uns alle an, das Einzige, was man machen kann, ist zurücklächeln, heißt es doch.

TETRODOTOXIN

An einem anderen Ort, in einer anderen Stadt, trat ein völlig anderer Schmerz so langsam auf, dass Heinz zuerst dachte, er habe sich in seiner Sitzposition nur verkrampft. Er hob das Glas mit dem purpurnen Wein an und prostete lässig seiner Gesprächspartnerin zu, während er das linke Bein überschlug.

Rita mit ihrer frisch gefärbten roten Mähne, der er vor nicht mal einem Monat einen Heiratsantrag gemacht hatte, nickte nur, ihr Kopf blieb schief hängen, als wäre er zu schwer, um wieder zurück in die Mittelposition zu kommen. An ihrem rechten vierten Finger glitzerte der Verlobungsring und wirkte mit seinem Klunker etwas angeberisch. Rita hielt ihr Glas in der Hand, der rote Saft darin wogte wie eine Scholle bei leichtem Seegang.

Schon allein der Anblick verursachte bei Heinz eine spontane Übelkeit. Rita, wollte er sagen, Rita, mir ist kotzübel, komm, lass uns wieder gehen. Aber sein Kehlkopf widersetzte sich den Worten. Er musste also weiter schweigen und dachte über die Frau nach, die er heiraten wollte, oder dachte er an die andere, die er erst an diesem Nachmittag gevögelt hatte?

Ein Ziehen stieg durch seine Eingeweide hoch, Stiche in der Brust und unter den Achseln. Weiteres Schmerzempfinden im Schneckentempo, aber sich konstant steigernd.

Der Lärm in der Osteria Il Nido, dem Italiener im Kölner Stadtteil Rodenkirchen, den sich Rita für das Dinner heute Abend ausgesucht hatte, hatte in der letzten halben Stunde zugenommen. Fast alle Tische waren besetzt, samt den üblichen Verdächtigen an der Bar. Heinz wechselte wieder das Bein, kleine Stiche setzten sich in seinem Magen fest. Der Raum um ihn herum verlor mehr und mehr an Farbe, als wären die weißen Kugellampen, die roten Polster auf den Sitzen und der weiße marmorne Tresen von einem unsichtbaren Kobold ausgetauscht und durch graue Klumpen ersetzt worden.

Alter, etwas stimmt nicht mit dir, sagte er zu sich selbst. Seine innere Stimme funktionierte und war erstaunlich ruhig, erstaunlich gelassen, obwohl die Geschwindigkeit seines Herzschlages sich verdoppelte und er kalten Schweiß auf seiner Stirn fühlte. Die Stiche umrundeten Heinz’ Mitte, umarmten seine Hüften in einem Klammergriff und fraßen sich in sein Rückgrat.

Es könnte mein Herz sein. Heinz empfand diesen gedachten Satz wie von einem fremden Ort aus, als hätte er sich geteilt und rief seinem Ich gegenüber etwas zu. Es könnte mein Herz sein.

Glaub mir und hör mir verdammt noch mal zu, du Idiot.

Ich und ich, dachte er weiter. Dialog eines geteilten Egomanen. Fast komisch, wenn er nicht Schaum auf seinen Lippen gespürt hätte, Schaum und noch etwas anderes. Blut. Er hatte sich eben heftig auf die Zunge gebissen.

Rita hat dir was in den Wein getan. So ist’s und nicht anders.

Was? Rita hätte doch nie…?

Warum dieser Gedanke? Oder hatte er sich den kleinen Mann, den er in den letzten Wochen auffallend oft zu sehen glaubte, doch nicht eingebildet, und Rita hatte ihn beschatten lassen? Es könnte zu ihrem Charakter passen. Deshalb auch die Idee mit dem vergifteten Wein. Rita und ihre obsessive Eifersucht. Andererseits er und sein dauerndes Fremdgehen. Somit bestätigte sich doch wieder, dass sie mit ihren jeweiligen Charakterschwächen wunderbar zueinanderpassten.

Der Schmerz!

Heinz biss sich wieder auf die Zunge.

Rita, rothaarig, verlobt mit Heinz und seine Gefährtin und Wegbegleiterin seit so vielen Jahren, deren Locken sich ebenfalls immer mehr zu grauen Klumpen verdichteten, fuhr mit ihrem Zeigefinger am Rand des Glases entlang. Sie trank nicht. Hatte sie überhaupt schon daraus getrunken? Es war Heinz, als könnte er die langsame Berührung von Haut auf Glas bis in seine Gehirnwindungen hinein spüren. Ein Laut, der schrill und unwirklich zur gleichen Zeit war. Währenddessen redete im Hintergrund seine innere Stimme weiter, ohne Punkt und Komma, die Stimme war ein gleichmäßiger, harter Strich in einer Landschaft, die aus schmerzvollen Bäumen bestand.

»›Schmerzvolle Bäume‹ klingt, als wären wir in einem Wald, Herr Hauptkommissar Baldur. Jawoll!«

Wer hatte das jetzt gesagt?

Die frisch Rothaarige, Rita, die erst heute Nachmittag Betrogene, hob ihr Glas höher, der Wein schlug Wellen, ein Sturm im Wasserglas, grinste jetzt, und ihre Zähne sahen in dem neuen Grau dieser Welt wie faule Äpfel aus.

Heinz schaffte es, sein eigenes Glas mit dem restlichen Wein –er selbst hatte getrunken, es war die zweite Füllung– unversehrt auf dem Tisch abzustellen. Aber seine Finger verloren Kraft, schafften es nach dem Abstellen nicht mehr, ihr eigenes Gewicht zu stemmen, schafften es nicht mehr, auf der Tischplatte zu bleiben, fielen wie abgeschossen auf seine Hose neben seinen Schritt. Nicht nur seine Finger, seine gesamte Muskulatur schien sich in Pudding zu verwandeln.

Hätte er sich am Nachmittag so gefühlt, Mann, dann wäre zwischen ihm und der anderen, Ritas Freundin– wer braucht solche Freundinnen?, ha, ha, hatte er sich schon während des Aktes gefragt–, nichts passiert, und er hätte sich nicht schuldig fühlen müssen. Doch Schuld und Sühne hatten am Tisch von Rita und ihm wohl anderen Protagonisten Platz gemacht, nämlich Rache und Vergeltung, wenn er Ritas Gesichtszüge richtig deutete.

Was ist passiert, Kleines? Wollte er fragen. Hat es dir deine »Freundin« zugeflüstert? Oder hat es dir der kleine Mann, der ein Privatschnüffler sein muss, zugesteckt? Das mit Suse und ihm lief nun doch schon eine ganze Weile, zu lange, um nicht bemerkt zu werden, wenn man es bemerken wollte. Tut mir leid, wollte Heinz sagen, echt tierisch leid. Mal wieder war mein Schwanz schneller als mein Gewissen. Ha, ha! Trotz alledem, hilf mir jetzt, mein Engel, mein Kleines.

Doch sein Kehlkopf gehorchte ihm immer noch nicht, und keiner dieser Sätze erreichte die Außenwelt.

Während sein Körper zu Brei wurde, nahm der Schmerz epische Ausmaße an. Sein Magen, sein Bauch, sein ganzer Unterleib strahlte. Oben in seinen Gehirnwindungen explodierte ein Berg. Der Eyjafjallajökull vielleicht, dieser unaussprechliche Isländer.

Ich muss doch einen Herzinfarkt haben, dachte Heinz. Meine alte Pumpe macht es nicht mehr. Könnte jemand den Notarzt holen? Bitte? Und bitte schnell?

»Herzinfarkt? Alter, das glaubst du doch selbst nicht. Das rothaarige Luder da vor dir hat dir was in den Wein getan.«

Die ultimative Erkenntnis in diesem Satz, laut gesprochen oder nicht, das konnte Heinz einfach nicht mehr ausmachen in seinem Zustand, durchschritt die Schmerzlava und setzte sich in Heinz’ linkem Ohr fest. Das rechte hatte seine Tätigkeit eingestellt. Für eine Sekunde glaubte Heinz, dass es sich um Luis’ Stimme handeln musste. Doch Luis hatte er seit Jahrzehnten nicht mehr getroffen, und Heinz glaubte nicht, dass der Zufall gerade heute Luis hierher in das italienische Restaurant geführt hatte.

Zufall war scheiße, Zufall gab es nur im Märchenland der verlorenen Kinderseelen.

Poesie im Angesicht seines Todes?

Ich sterbe doch, oder? Fragte er sich weiter. Darauf gab er sich selbst keine Antwort, aber dass Rita ihn tatsächlich vergiftet hatte, wusste er im nächsten Moment. Sein analytischer Teil bäumte sich auf, versuchte, den Schmerz niederzuringen. Es war glasklar, weil sie heute anders gewesen war. Vor dem Essen, vor dem Wein, noch vor dem Betreten des Lokals.

»Baldur«, hatte sie gesagt, da vor der Tür, als sie sich begrüßt hatten, verabredet hier um acht und verliebt wie am ersten Tag, wie Heinz immer gern im Freundeskreis betonte. Sie hatte ihr Haar frisch gefärbt und ihre Lippen dunkelrot angemalt. Hatte ihn nur flüchtig auf die Wange geküsst, nicht umarmt, nicht berührt.

»Baldur«, hatte sie gesagt, »mir ist heute nach viel rotem Weinen zumute.«

Mir ist heute nach viel rotem Weinen zumute. Nicht Wein. Kein Versprecher. Kein Irrtum.

Kein Herzanfall, mein Gott, wie naiv war er vor wenigen Augenblicken noch gewesen. Kein Schlaganfall, kein Hinterwandinfarkt, kein natürlicher Kollaps seiner Systeme. Was hatte sie verwendet? Was in den Wein getan? Was wirkte so schnell und so schmerzhaft? Und vor allem, was passte zu Ritas Gesicht, ihren Mundwinkeln, die sich nach unten gezogen hatten, und der Tiefe ihrer Augen, der Seele dahinter, die in einen endlosen Abgrund stürzte, während sie sein Leiden beobachtete.

Endlich sah er hinter Rita, am Tisch hinter ihrem Tisch, eine blonde Frau ihr Handy zücken. Ihr Ausschnitt war nicht von schlechten Eltern. Mein Gott, und jetzt der Ruf zu einer höheren Instanz, konnte er selbst im Angesicht des nahenden Sensenmannes nur an Sex denken? Spaß beiseite, im Moment hätte er sicher alles lieber getan, als die Blondine zu vögeln, die jetzt aufstand und mit dem Handy am Ohr zwei Schritte auf Rita und den Tisch zukam.

Rita hat mich vergiftet, wollte er sagen, oder poetischer ausgedrückt: »Die rote Königin hat ihre Contenance verloren.« Hat ihre Contenance und ihre Geduld verloren und sich zwischen der Absicht, ihren Verlobten zu vergiften, und der Tat ihr Haar rot gefärbt. Weil Rot ihr zum schwarzen Kleid, das sie bei Heinz’ Beerdigung tragen würde, gut stand?

Das Aufstoßen würgte seine Analyse ab. Es hob ihn hoch, seinen Magen, stülpte ihn über und trug ihn über den Schmerz hinaus nach oben. Heinz erbrach sich über den Tisch, konnte die kleinen Stücke der Fettuccine sehen, die er gegessen hatte, das Zeug war gerade mal halb verdaut.

Was würde der Rechtsmediziner zwischen den Brocken der halb verdauten Nahrung finden? Strychnin? Arsen? Oder etwas Raffinierteres, schwer nachzuweisen? Etwas, das Rita glauben ließ, man könnte Heinz’ Tod auf eine simple Lebensmittelvergiftung reduzieren. Und sie könnte davonkommen mit falschen Tränen an seinem Sarg. Nein, im selben Moment der Gegengedanke, sie wollte, dass er wusste, dass die ganze Welt es wusste, hatte sich die Haare gefärbt, um im Fernsehen gut rüberzukommen.

Rita saß ihm aber immer noch gegenüber, ihr Glas in beiden Händen, so als würde sie die ganze Szene nichts mehr angehen, als hätte sie aufgehört, ein dreidimensionales Wesen zu sein, als wäre sie eingefroren in der Zeit, ein Bild aus einer erstarrten zweidimensionalen Welt.

Heinz’ Kopf knallte auf die Tischkante, er verlor den Sichtkontakt zu seiner Rita, seiner Verlobten, seiner betrogenen Fast-Ehefrau. Sein Körper begann unkontrolliert zu zucken, seine Muskeln verkrampften sich, und der große Schmerz im Magen verteilte sich über jeden Winkel seines Gesamtsystems, nahm jede Pore seiner Haut in Beschlag, es schmerzte, es schmerzte bis zur Fassungslosigkeit.

»Mama, was hat denn der Mann?«, sagte eine kleine Stimme irgendwo rechts hinter Heinz. Das brachte ihn zum Grinsen, nein, zum Kreischen. Endlich war sein Kehlkopf wieder in Funktion. Mochten alle im Restaurant jetzt auch glauben, er schrie vor Schmerzen, weil die Krämpfe einsetzten und seine Muskeln sich zusammenzogen wie Früchte in der Obstpresse. Nein, er wusste es besser, er lachte und schrie, weil genau dieser Satz, von einem Kind gesprochen, gesagt werden musste in einem solchen Szenario.

»Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt.«

Der Spaß nahm kein Ende, und vor Freude am nächsten Klischee kotzte Heinz wieder, diesmal schon auf dem Boden liegend, zuckend und hilflos seinem bebenden Körper ausgeliefert.

Aus dieser Perspektive sah er Ritas Schuhe, die schönen roten, passend zum roten Haar, und ihre Füße, die in den Schuhen wippten. Wippten. Auf und ab, einer Melodie folgend, die es nicht gab oder die nur in ihrem Kopf sein konnte, vielleicht hinter der Idee, die Rita dazu gebracht hatte, ihren untreuen Verlobten zu killen.

Schrei, wenn das nicht einen guten Film für die Primetime hergibt, sagte er wieder nur zu sich selbst, während sich der ausgewiesene Arzt durch das Getümmel einen Weg an Heinz’ Seite gebahnt hatte und jetzt neben ihm am Boden hockte. Heinz schrie und sah zugleich, dass der Mann keine Socken trug, was ihn bei den Temperaturen draußen nicht wunderte, schwüler August, aber nur ganz kurz, denn dann kam der finale Akt, in dem er ruckartig seinen Körper verließ und an die Decke des Restaurants katapultiert wurde.

Dort oben gab es nur die weiße Lampe, die eine schwere Staubschicht auf ihrer Kugel trug und an deren Ende ein kleines Stück graues Kabel heraushing. Etwas trostlos, etwas banal.

Nahtoderfahrung der etwas anderen Art.

Und wieder wechselt der Ort, und der Schmerz wechselt seine Qualität, zeigt ein neues Gesicht in all den Gesichtern, die Schmerz haben kann.

Hier ist es ein stiller Schmerz, ein Schmerz im Herzen, der Herzschmerz, den die Liebe auslöst und der tiefer geht als nur ins Körperliche, der in die Seele bohrt und oftmals tiefe Löcher, kantige Gräben, zerfurchte Täler hinterlässt.

Melek wurden zur gleichen Zeit zwei Dinge klar.

Zum einen, dass sie Simon liebte, zum anderen, dass Simon sie nicht genug liebte. So einfach und doch so schwer zu ertragen.

Sie küssten sich schon seit einer Stunde, verschlungen ineinander und beide bereit, heute Abend weiter zu gehen. Seine Hände fuhren an ihren Armen, ihren Beinen, ihrem Bauch und ihrem Rücken auf und ab, ertasteten die Hügel ihrer Brüste unter dem Shirt, ganz sanft und so vorsichtig, wie es nur Simons Hände konnten.

Dann vibrierte sein Smartphone, das auf dem Couchtisch lag, und gab drei aufsteigende Töne von sich.

Simons Lippen lösten sich von ihren, und da schon spürte Melek einen Anflug von Gänsehaut auf ihrem Rücken. Seine Hände fehlten ihr schon jetzt, und während Simon sein Smartphone in die Finger nahm, über das Display streichelte, streichelte sie seinen Nacken.

»’tschuldige, Melek, aber…«

»Mach, mach nur«, sagte sie, empfand aber Leere und Enttäuschung.

Simon stand auf und ging mit seinem Smartphone am Ohr ans Fenster, das offen stand. Die Vorhänge wehten und umspielten ihn wie einen Schleier, so als wäre er schon weit weg von ihr, hinter den Nebeln einer geheimnisvollen Insel.

»Ich bin noch unterwegs, nix Wichtiges. Kann in zehn Minuten von hier aus…«

War noch unterwegs? Nix Wichtiges? Warum diese Ausrede?

Natürlich war ihr klar, dass er nicht hätte sagen können, ich bin noch bei der Polizistin Melek Arslan, und wir schmusen, was das Zeug hält, aber warum der Zusatz »nix Wichtiges«? Weil er sie unterbewusst als solches ansah. Weil er sie mochte, oh ja, das ließ sich nicht übersehen, aber es ihm doch etwas zu anstrengend sein würde, eine Beziehung mit einer von der Streife, noch dazu einer Türkin, einzugehen. Freundschaft gern. Mit Zusatzleistungen, jederzeit. Aber ihre Familie kennenlernen, sich auseinandersetzen mit ihrem Glauben, ihrer Kultur, sich Zeit nehmen für sie und ihre Belange, das war ihm zu viel, zu mühsam, ein zu weiter Weg für sein junges Leben.

Melek merkte, wie die Scham in ihr hochstieg. Ihre Erziehung klopfte an. Trotz aller Moderne, die ihre Eltern zuließen, war doch das Gebot, unberührt in die Ehe zu gehen, niemals angezweifelt worden, auch für sie ein Gut, das sie hatte bewahren wollen. Lächerlich, wenn sie bedachte, dass nur der Anruf eben sie davon abgehalten hatte, heute ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Ihren Stolz war sie ohnehin schon los. Ihr Vater hatte also doch recht gehabt mit seiner Besorgnis über die Wahl ihres Berufes als Polizistin, als er ihr prophezeite, in dieser harten Welt keine Erfüllung zu finden und leicht abrutschen zu können.

Nein, ganz so war es nicht. Er hatte sie doch unterstützt, als ihre Wahl feststand, hatte sie gegen Verwandtschaft und Nachbarschaft verteidigt. Hatte sich allerdings Sorgen gemacht um seine dritte Tochter, die freier, ungebundener leben wollte als die anderen zwei.

Melek verdrängte die Vaterfigur in ihrem Inneren. Der Beruf machte ihr Freude, das wollte sie, das stachelte ihren Ehrgeiz an, am Beruf lag es heute Abend sicher nicht.

Nur an Simon.

Und seiner zu kleinen Liebe zu ihr und ihrem übervollen Herzen.

»Melek, du, ich muss jetzt weiter.«

Er hatte das Gespräch beendet und stand nun vor ihr. Im Gegenlicht wirkte er wie ein Schatten aus einer längst vergangenen Sehnsucht.

»Was gibt es?«

»In Rodenkirchen, in der Osteria Il Nido, ist was passiert.«

»Du hast doch heute gar keine Bereitschaft?«

»Ja, aber…« Das Zögern ließ seine Konturen leicht zittern. »…der Tobi und ich, wir haben da so eine Abmachung. Wenn ein Fall etwas schräger ist als sonst, dann geben wir uns gegenseitig Bescheid. So als Kumpels.«

»Schräg?«

»Na, du weißt schon. So ein bisschen anders.«

»Aha.«

»Melek, der Mann, dem dort was passiert ist, ist der Erste Hauptkommissar Heinz Baldur. Es gibt wohl eine Verhaftung. Verstehst du? Tobi wird Baldurs Verlobte mit ins Präsidium nehmen. Baldur selbst ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Und…«, er beugte sich hinunter und küsste sie auf die Stirn, »…behalte das jetzt aber noch für dich. Ich ruf dich später an und erzähle dir die Details. Okay?«

Er zog sich trotz der schwülen Temperaturen seine Jacke über. Melek dachte, dass er seine eigene Gänsehaut jetzt spürte.

»Simon.«

»Was?« Er war schon an der Tür, drehte sich ungeduldig um, und die Ferne zwischen ihnen wurde weiter.

»Ich werde nach Wiesbaden gehen.«

»Was?«

Simon machte vier Schritte zurück in das Zimmer, das Meleks ganze kleine Wohnung hier in Köln-Deutz ausmachte.

»Ich habe mich für die Ausbildung zur Kommissarin beworben und bin angenommen worden. In zwei Wochen geht es los beim BKA. Duales Studium. Ich hab sogar schon was zum Wohnen gefunden und werde die Wohnung hier untervermieten.«

Nun hatte sie es doch geschafft, ihn zu halten, zumindest für ein paar Minuten länger in ihrem Leben.

»Und das sagst du mir erst jetzt?«

Ihm fehlten die Worte, er ließ sich zurück auf die Couch fallen, auf der sie beide noch vor weniger als fünf Minuten innig umschlungen gesessen hatten. Auf der Melek geplant hatte, heute ihre Unschuld zu verlieren. Daraus würde wohl nichts werden.

»Ich wollte es dir sagen, aber es war auch für mich keine leichte Entscheidung. Meinem Vater wird das auch nicht gefallen. Er war ja schon bei der Polizeiausbildung in Sorge. Er hat immer gehofft, dass es mir bald zu viel, zu schwer oder zu brutal wird und ich doch noch in seinen Lebensmittelladen mit einsteige. Wenn er davon erfährt, wird er vielleicht sogar etwas wütend werden, aber vor allem ängstlich, was für mich viel schwerer auszuhalten ist.«

So viel hatte sie Simon in den letzten Wochen, seit sie sich nähergekommen waren, nicht über sich erzählt. Einmal angefangen, konnte sie die Worte nicht mehr bändigen.

»Und bis vorhin habe ich, ehrlich gesagt, gehofft, dass zwischen uns mehr sein könnte als… als, na, du weißt schon. Dann wäre ich vielleicht doch in Köln geblieben oder wäre gependelt oder so was.«

Ihr kamen die Tränen, schnell und heftig, sie staunte über diese große Gefühlsaufwallung. Simon nahm ihre Hand. Mein Gott, wie würde sie allein das schon vermissen.

»Ich bin ein Arsch, oder?«

Melek lachte unter dem Wasser, das aus ihren Augen floss. »Nein, du bist… na, einfach du, einfach Simon.«

Er ließ ihre Hand los und fuhr sich mehrmals damit durch sein Haar. Eine einzelne Strähne blieb nach oben gerichtet stehen und verlieh ihm das Aussehen eines Schuljungen, der sich am ersten Schultag nicht entscheiden kann, ob er die Schule jetzt liebt oder hasst.

»Melek. Sorry.«

Sie zog den Rotz auf, wischte sich die Augen. »Geh jetzt, Simon, wir können später oder morgen darüber noch mal reden.«

Die Erleichterung in seinen Augen tat ihr weh wie ein Dolchstoß in der Brust.

»Wir reden darüber noch, ja, Melek! Auf jeden Fall ruf ich dich später an und erzähl dir von Tobis Fall oder Baldurs Fall, das klingt zweideutig– klasse. Und wenn unser Heinzi, der Hauptkommissar Baldur, tatsächlich darin verwickelt ist, dann…«

Er küsste sie diesmal fest auf den Mund, sprang hoch, war an der Tür und ließ sie mit dem unvollendeten Satz zurück. Seine Schritte im Treppenhaus klangen wie Hufe eines davoneilenden, ungestümen Pferdes.

Sie weinte noch mehr und lange, bis ihr ganzes Gesicht brannte und ihre Bluse vorne nass war. Schließlich zog sie sich aus und ging unter die Dusche. In dem winzigen Badezimmer ohne Fenster dampfte es schnell vom heißen Wasser.

Ihr fiel der Erste Hauptkommissar Heinz Baldur ein, über den die jungen Kommissare wie Simon und Tobias gern böse Scherze machten, weil er sie immer vor versammelter Mannschaft auf ihre Fehler aufmerksam machte. Aber in Wahrheit bewunderten sie den Mann, der eine der höchsten Erfolgsquoten unter den leitenden Hauptkommissaren aufweisen konnte.

Melek hatte ihn persönlich einmal getroffen, als sie mit ihrem Kollegen Torsten Schötter zu einem Einsatz gerufen worden war, bei dem eine Schießerei gemeldet wurde, die sich erst vor Ort als eine gezielte Hinrichtung erwies. Baldur und sein Team hatten den Tatort übernommen, und Melek und ihr Kollege waren nur mehr Randfiguren gewesen. Und dieser Baldur sollte heute Abend in einer Osteria selbst in ein Verbrechen, einen Fall, verwickelt sein? Kaum zu glauben. Melek würde sich nach der Dusche den Polizeifunk anhören.

Das heiße Wasser wechselte abrupt auf kalt, der alte Boiler hatte so seine Macken.

Melek keuchte kurz, blieb aber unter der Dusche stehen. Ihre Brustwarzen stellten sich auf. Simon, dachte sie, ach Simon, und der Herzschmerz war wieder da und blieb für länger.

Es sah aus wie in dem überladenen kleinen Blumenladen, der von ihrer Wohnung aus um die Ecke in der Badorfer Straße lag, nur ein paar Gehminuten vom Südfriedhof entfernt.

Volker hatte öfter gescherzt, wenn sie an dem Laden vorbeigegangen waren, dass das Schaufenster wie ein übervolles frisches Grab aussähe und er sich gut vorstellen könnte, nach seinem Ableben unter einem Blumenhaufen wie dem zu verrotten. Hier und jetzt, am frischen Grab, kam ihr der Spruch wie eine schroffe letzte Pointe zu Volkers Tod vor. Und Volker hatte schroffe Pointen am Ende gemocht.

Anna verzog ihre schmalen Lippen zu einem Lächeln. Es tat ihr gut, endlich einen halbwegs positiven Gedanken zu ihrem verstorbenen Mann zu haben. Was hatte sie sich die letzten Nächte im Bett gewälzt und seine Art, zu sterben, verflucht, ihn gehasst und ihn tot gewünscht, wenn er es nicht schon gewesen wäre. Tot und hier am Kölner Südfriedhof begraben unter einem Blumenmeer.

Die Polizei hatte sein Versterben letztlich als Unfall abgetan. Versterben, was für ein Wort, gab es das überhaupt? Einen peinlichen Unfall mit Todesfolge. Volker hatte sich einen Brieföffner in den unteren Rücken gerammt und war verblutet. Klang doch plausibel, oder? Wie viele Menschen liefen unachtsam in der Gegend herum und rammten sich einen Brieföffner in den Rücken? Einen Brieföffner!

Gerade im Zeitalter der virtuellen Kommunikation, wozu brauchte man da in einem Mietapartment noch einen Brieföffner auf dem Schreibtisch? Zum In-den-Rücken-Rammen natürlich. Zweite schroffe Pointe für Volkers Nachruf.

»Das kann tatsächlich vorkommen«, hatte der ermittelnde Polizeibeamte Anna erklärt, als sie fassungslos auf dem Polizeirevier in Havixbeck saß und sich erklären ließ, woran ihr Mann gestorben war.

Laut Obduktionsbericht musste er wohl gegen den Schreibtisch in dem Apartment gestoßen sein, den Tisch mit Wucht gerammt, zugleich mit einer seiner Hände den spitzen Brieföffner nach oben gedrückt haben und hatte sich dann quasi selbst aufgespießt. Der Tod war durch Verbluten eingetreten.

»Das ging sicher schnell«, hatte der Beamte noch hinzugefügt, dabei aber auf den Boden geschaut und sich die Nase gerieben.

Eine Woche lang war die Leiche nicht freigegeben worden, denn auch den Beamten dort kam ein solcher Unfall schräg vor, aber nach der Auswertung aller Spuren in Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei in Köln wurde Volkers Ableben als nicht durch Fremdverschulden verursacht gewertet, und sein Körper konnte zur letzten Ruhe gebettet werden.

Natürlich war klar, dass er nicht allein in dem von der Computerfirma gemieteten Apartment gewesen war. Leute aus einer Bar in dem Ort hatten ihn eindeutig identifiziert und ihn mit einer drallen jungen Blondine weggehen sehen. Blonde Haare hatte man auch bei der Spurensicherung gefunden, wie der Beamte Anna weiter erläutert hatte, auch Fingerabdrücke und fremde DNA, diese aber niemandem zuordnen können. Klar war dadurch natürlich, dass sein Unfalltod sicher etwas mit einem Sexspiel, einer Affäre zu tun haben musste. Auch dabei hatte ihr der ermittelnde Beamte nicht in die Augen geschaut.

Als er sie nach einer möglichen Bekanntschaft von Volker gefragt hatte, die sehr jung, blond und drall war, war sein Blick dauerhaft auf den Boden gerichtet geblieben. Erst als er von der Gemeinde Havixbeck am Rande der Baumberge, von Köln aus am besten über Münster zu erreichen, zu schwärmen begonnen hatte, hatte er wieder Blickkontakt gesucht.

Der Aufenthalt dort war Anna über Volkers Arbeitgeber bezahlt worden, und ganz am Ende hatte sich sogar der Bürgermeister gezeigt und ihr sein Beileid ausgedrückt, mit dem Wunsch, dass sie trotz der unangenehmen Umstände hoffentlich nur Gutes aus dem idyllischen Ort mitnähme.

Dann muss ich meinen toten Mann aber hierlassen, hatte Anna ihm fast als weitere schroffe Pointe geantwortet, es aber dann beim Händeschütteln belassen.

Mein Gott, Volker. Wie konntest du nur.

Anna musste tief Luft holen. Am liebsten hätte sie sich das erste Blumenbukett am Grab gegriffen und es gegen das Holzkreuz geschleudert, auf dem nur Volkers Name und seine Geburts- und Sterbedaten aufgeschrieben waren, einen Grabstein würde es erst später geben. »Untreuer Scheißkerl«, sollte darauf stehen. Mit dem Zusatz »Warum?«. Denn das fragte sich Anna seit der Stunde des Anrufs von der Polizei am frühen Mittag vor nun schon zehn Tagen.

Ich war ihm nicht genug, dachte sie weiter, nie genug, schon am Tag unseres Kennenlernens hat er mir gesagt, dass ich keineswegs seine Traumfrau bin. Aber war er denn je Annas Traumprinz gewesen? Sie hatten sich gefunden und dann nicht mehr weitergesucht.

Es war okay gewesen und die Heirat eine logische Folge ihres Zusammenseins nach vier Jahren, damit die Mütter und Freunde endlich Ruhe gaben. Danach die kinderlosen weiteren achtzehn Jahre. Etwas trostlos, etwas langweilig, na ja, sie hätte es schlimmer treffen können. Doch Anna hatte Volker nie betrogen, nie. Aus mangelnder Gelegenheit, sagte ein boshafter Teil in ihrem Kopf. Nein, schrie sie dagegen, wenn schon nicht aus Liebe, dann aus Achtung dem Eheversprechen gegenüber. Nie. Er dich dafür sicher umso öfter, fügte der andere Teil ätzend hinzu.

Anna bückte sich nun doch, hob einen kleinen Strauß mit einer Sonnenblume in der Mitte auf, die schon verblühte, und warf ihn gegen das Kreuz.

»Ja, sie können einen aber auch echt megawütend machen, die Kerle. Nicht?«

Die unerwartete Stimme in Annas Rücken ließ sie kurz aufschreien. Ihr Herz begann zu trommeln, und sie drehte sich um, erschrocken und beschämt zugleich.

Für einige Sekunden konnte Anna das Mädchen, denn das war die junge Frau, die hinter ihr stand, zweifelsohne noch, nur anstarren. Sehr jung, blond, drall und mit geröteten Wangen. Sie trug eine knappe Shorts und ein Top darüber, trotz ihrer großen Brüste keinenBH darunter. Sie hatte eine ihrer Locken auf den Zeigefinger ihrer linken Hand aufgerollt und die Hüfte eingeknickt, als ob sie für ein Foto posieren wollte. Ihr Blick war auf das blumenübervolle frische Grab von Volker gerichtet und ihr Mund zu einer skeptischen Schnute verzogen.

»Also, ich würde mich lieber verbrennen und dann meine Asche in den Wind streuen lassen. Über einem See oder so. Das kostet weniger und ist umweltfreundlich. Und es müssen dabei nicht so viele Blumen mitsterben.«

In Annas Kopf rumorte es. Sie dachte wieder an das Gespräch mit dem ermittelnden Beamten.

Hier steht der letzte Fick deines toten Mannes, sagte die boshafte Stimme in Anna. Frag sie doch, ob er bei ihr auch so schnell fertig war wie sonst nach der Sportschau.

»Die Polizei hat Sie gesucht«, sagte Anna stattdessen.

»Werden Sie mich verraten?«

Das Mädchen hatte seine hellen Augen auf Anna gerichtet, und wieder entstand für Sekunden eine Stille zwischen ihnen, in der Anna plötzlich eine wilde Sehnsucht nach einem anderen Leben verspürte, einer Freiheit, die auch stürmische Affären und ungezügelten Sex beinhalten konnte. Dann waren diese Sekunden vorbei, und Anna fühlte, wie ihr das erste Mal seit Volkers Versterben die Tränen kamen. Versterben war doch ein gutes Wort, das musste es einfach geben. Sie schüttelte den Kopf.

»Es war ein Unfall, nicht?«

»Und ein ganz schön beschissener dazu.« Das dralle Mädchen lachte. Lachte laut und ohne Scham. Sie konnte noch keine zwanzig sein. Es war beschämend. Trotzdem stimmte Anna mit in das Lachen ein, während ihr weiter die Tränen über das Gesicht liefen und sie Volker für den Moment gönnte, mitten im wilden Liebesspiel abgetreten zu sein.

Vier Reihen weiter vorn drehte sich ein Mann um, der an einem der Gräber stand, schirmte seine Hand gegen das Sonnenlicht ab und sah zu ihnen herüber. Anna hielt sich die Hand vor den Mund und ließ das Lachen dahinter verebben. Auch das Mädchen verstummte.

Eine Weile standen sie so. Dann kam eine Melodie aus den Shorts des Mädchens. Sie griff in die Hosentasche, holte ihr Handy heraus und sah kurz auf das Display.

»Ich muss.«

»Hat er gelitten?«

Der Schmollmund des Mädchens bewegte sich von links nach rechts, als schätzte sie ab, wie viel Wahrheit Anna ertragen konnte.

»Es hat länger gedauert, als ich ein Eis am Stiel essen würde.«

Anna nickte diesmal, als ob sie wüsste, wie lange das sein konnte.

Das Mädchen zwirbelte sich wieder ihre Locke auf den Finger. »Auf dem Teppich war eine riesige Blutlache, fast wie ein roter Zierteich. Den Fleck kriegen die nie mehr raus. Dann, ganz am Ende, war es gut für ihn. Friedlich. In seinen Augen konnte ich das sehen. Tolle Story! Echt!«

Sie drehte sich um, machte zwei Schritte von Anna und dem Grab weg. Die nächsten Sätze flogen nach hinten weg, über einen anderen Grabstein. »Er war ein Arschloch. Ist doch gut, dass er jetzt hier liegt. Aber das denken Sie doch auch. Oder?«

Sie ging, und Anna sah ihr hinterher.

In ihrem Kopf begannen sich langsam Gedanken zu formen. Fragen, die sie hätte stellen sollen, stellen müssen. Wer war die junge Frau? Wieso hatte sie sich nach dem Geschehen nicht bei der Polizei gemeldet, wo es doch ein dummer Unfall gewesen war?

Zu spät.

Du weißt schon, dass das junge Ding nicht die Rettung gerufen, sondern einfach abgewartet hat, bis Volker auf diesem Teppich verblutet ist. Die boshafte Stimme in Anna klang jetzt einfach nur nüchtern, feststellend. Völlig emotionslos.

Wieder nickte Anna, diesmal in den Sommertag hinein. Sie holte sich ein Tempo aus ihrer Handtasche, schnäuzte sich und blieb noch eine Weile am Grab ihres untreuen Mannes stehen.

Gleich nachdem er sich die Kanüle aus dem Arm gezogen hatte, stand er auf. Zu schnell, denn ein Schwindel erfasste ihn, und für Sekunden hatte Heinz das Gefühl, gleich wieder zurück ins Bett oder direkt auf den harten Boden zu fallen. Er blieb stehen, hielt sich an der Stange fest, an der der Infusionsbeutel hing, und atmete eine Weile langsam ein und aus. Dann stabilisierte sich sein Kreislauf, und er konnte weitermachen.

Weitermachen hieß, endlich allein auf die Toilette zu gehen. Solange er am Tropf gehangen hatte, war ihm die Demütigung mit der Bettpfanne nicht erspart geblieben. Eine mehr. Aber auch eine zu viel. Nach dem Abendessen mit Rita, das er nur knapp überlebt hatte, reichte es wohl für den Rest seines Lebens.

Er war zu Boden gegangen, das wusste er noch. Nach unten gefallen wie ein Boxer, der den Schlag zu seinem letzten K.o. kommen sieht und doch nichts dagegen tun kann. Für die kurze Erinnerungslücke danach war er dankbar, denn er wollte nicht von den Blicken und den Schreien der anderen Gäste verfolgt werden, die in seinem Kopf weitere Bilder eingebrannt hätten. Ebenso wenig war ihm danach, sich an diese Schmerzen zu erinnern. Der Anfang der Sache, na gut, nennen wir sie beim Namen, der Anfang der Vergiftung, der Tötungsversuch durch Rita, reichte ihm schon. Schon davon hatte er geträumt, sich wieder und wieder kotzen, schreien und zu Boden gehen sehen.

Das Nächste, an das er sich erinnerte, war die Fahrt im Notarztwagen. Ein blutjunger Arzt versorgte ihn, spritzte ihm gerade etwas in den Oberarm, als er zu sich gekommen war. Er hatte den Jungen wegschieben wollen, nein, ihn wegschlagen, treten oder boxen, doch ein zweiter Kerl hatte ihn festgehalten und den Arzt seine Pflicht tun lassen.

»Für Ihren Kreislauf«, hatte der Junge gesagt und ihn streng angesehen. »Sie könnten sonst kollabieren.«

Bin ich das nicht schon längst?, hatte Heinz fragen wollen, doch dann einfach schweigend den Widerstand aufgegeben.

»Wir haben die Frau verhaftet, die es getan hat«, hatte der andere gesagt, der, der Heinz festgehalten hatte, und ja, da hatte er den Zweiten im Rettungswagen auch erkannt, es war Tobias Leif gewesen, einer seiner Assistenten. Zum Teufel aber auch, in welch misslicher Lage ihn die Kollegen gesehen hatten. Nächster Schlag gegen sein Ego.

»Warum denn verhaftet?«, hatte er den jungen Kommissar gefragt, so barsch wie nur möglich und doch nur ein Abklatsch seiner sonstigen Autorität. Tobias’ Mund hatte gezuckt, es konnte ein verborgenes Grinsen sein.

»Sie hat sofort gestanden, als wir aufgetaucht sind. Wollte wohl mitgenommen werden. Sie hat uns das Fläschchen gegeben, in dem das Gift war. Ist auf dem Weg in die Analyse. Dann hat sie nichts mehr gesagt, nur mehr geweint.«

Heinz hatte seine Hand gehoben und seine Augen abgeschirmt. Die beiden Jungs im Notarztwagen hatten seine eigenen Tränen nicht sehen sollen. Nicht das auch noch.

Hauptkommissar Heinz Baldur schaffte es bis ins Bad, ließ sich mit einem Seufzen auf den Rand der Toilette sinken und fühlte sich ein klein wenig mehr wieder Herr seiner misslichen Lage. Später konnte er der Krankenschwester immer noch erzählen, die Nadel samt Kanüle wäre einfach so aus seinem Arm gerutscht. Im Lügen war er doch groß. Was ihn in seine momentane missliche Lage gebracht hatte. Nie mehr! Nur mehr die Wahrheit und nichts als das.

Als er fertig war, kam ihm der Rückweg zum Krankenbett wie ein Marathon vor. Er ließ sich keuchend aufs Bett fallen. Sein Herz trommelte, und sein Magen verkrampfte sich. Die Schmerzerinnerung tauchte auf, und Heinz rieb sich mit beiden Händen Bauch und Magen. Das half etwas.

Das schwarze Handy am Nachttisch vibrierte zweimal, begann dann zu klingeln. Mit rechts kreiste er weiter auf seiner nackten Haut, mit links nahm er den Anruf an. Seine Augen tränten, er konnte die Nummer auf dem Display nicht erkennen.

»Ja?«

Zuerst war da nur ein schweres Atmen, ähnlich seinem eigenen nach dem Ausflug zur Toilette.

»Baldur hier. Wer–«

»Schatzerl.«

Oh nein, es war seine Mutter.

»Mama, ich–«

»Ich hab’s in den Nachrichten gehört. Ist ja fürchterlich, wenn’s wahr ist? Wie geht’s denn der Rita, sag?«

Zwei Gedanken rannten um die Wette und verdüsterten Heinz’ ohnehin schon schlechte Stimmung noch mehr.