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Biberlingen, eine verträumte Kleinstadt irgendwo im mittleren Westen Deutschlands. Eine tot aufgefundene Frau aus der Hamburger Escort-Szene lässt den beiden Freundinnen und Hobbykriminalistinnen Katharina Tiedemann und Caroline Staben keine Ruhe. Die Recherchen führen die beiden Frauen durch einen Dschungel offener Fragen. Inwieweit ist die lokale Baufirma involviert? Hat das Stadtklinikum etwas mit dem Fall zu tun? Was weiß der Obdachlose Manfred "Manni" Kolb? Und wo steckt eigentlich Oma Christel?
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Seitenzahl: 211
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Christiane Uts
Schicht im Schacht
Mord in Biberlingen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
I. FREITAG, 5. JULI
II. MONTAG, 8. JULI
III. DIENSTAG, 9. JULI
IV. MITTWOCH, 10. JULI
V. DONNERSTAG, 11. JULI
VI. FREITAG, 12. JULI
VII. SAMSTAG, 13. JULI
VIII. SONNTAG – 14. JULI
IX. MONTAG, 15. JULI
X. DIENSTAG, 16. JULI
XI. SHOWDOWN
XII. DANKSAGUNG
XIII. ANHANG
Impressum neobooks
„Herr Markus Tiedemann, gebucht auf die Maschine ...“.
Markus war wieder mal spät dran. Schnellen Schrittes eilte er durch das Terminal.
„... wird gebeten, zum Gate 23 zu kommen.“
Das Gate, von dem sein Flugzeug abflog, war – ebenfalls wie immer - am Ende des Terminals, der Weg entsprechend weit und Markus gestresst. Wieder mal nichts für die Kinder dabei. Wieder mal versagte das Antitranspirant. Die linke Hand fingerte suchend in der Außentasche seines Jackets nach dem Boarding-Pass, während sich die rechte Hand um das Notebook krallte, damit es in der Hektik nicht verloren ging.
Das Bodenpersonal wartete schon ungeduldig, versuchte sich dies aber nicht anmerken zu lassen, sondern scannte zügig den Abschnitt ein und wünschte noch einen guten Flug. Durch den Rüssel ging es in die Maschine, ein bevorzugter Gangplatz war beim Einchecken leider nicht mehr frei. Der mittlere Sitzplatz war in etwa so komfortabel wie die Versuchsanordnung, in der Tiere im Namen der Forschung gefoltert werden. Der nach dem Start servierte Kaffee und das obligatorische Pappbrötchen verstärkten den Eindruck nachhaltig. Wenigstens Bonuspunkte!
Nach der Landung folgte die letzte Disziplin des Reisedekathlons: die Taxifahrt. Da mehrere Maschinen gelandet waren, und einige davon verspätet, war die Warteschlange am Taxistand entsprechend lang. Nach etwa zehn Minuten hatte Markus einen der vorderen Plätze erreicht. Abschätzend schaute er in die Reihe heranfahrender Taxen. Eine Vorgehensweise, die er sich angewöhnt hatte als er mal mit einer alten Schrottkiste auf halber Strecke liegen geblieben war und der Taxifahrer einen Kollegen rufen musste. Da das Beförderungsentgeld fahrzeugunabhängig war, wollte Markus in einem ordentlichen Taxi fahren, möglichst in einem Fahrzeug der oberen Mittelklasse oder besser. Bei anderen Kutschen ließ er gern jemand anderen in der Warteschlange den Vortritt.
Das Fahrzeug, welches vor ihm zum Stehen kam, war ein relativ neuer E-Klasse Mercedes. Markus schwang sich auf die Rückbank, nannte als Fahrziel Biberlingen-Blumental und erkannte erst dann, dass es sich diesmal um eine Fahrerin handelte, was selten war. Die späte Stunde, es war bereits zwanzig Uhr, animierte ihn nicht mehr zur Konversation. Aus Höflichkeit erkundigte er sich dennoch danach, ob denn viel los sei, was zu einem Monolog der Taxifahrerin führte, der bis in den Rosenweg der dreißig Kilometer entfernten Stadt Biberlingen reichte.
Sie sprach von den Spritpreisen, die zur Zeit völlig inakzeptabel seien und von Wartezeiten am Flughafen und dass Biberlingen natürlich eine gute Fuhre sei, während sie in der vergangenen Woche nach einer Stunde Wartezeit den Fahrgast nur ins Airport-Hotel bringen durfte. Und überhaupt Biberlingen. Wenn dort erstmal der Flughafen ausgebaut sei, könne man quasi zwischen den Flughäfen pendeln und den Umsatz wie in einer Zwickmühle in schwindelerregende Höhen steigern. Außerdem hätte sie letztens erst den Dings, den Chef der Baufirma gefahren. Der hätte ihm erzählt, dass es bereits Planungen zu einem Outlet-Park gäbe. In Biberlingen gehe was. Gute Location.
Markus Tiedemann hörte nur am Rande zu, ließ noch das Meeting in Zürich in seinem Geiste vorbeiziehen. Ging es doch um einen großen Kunden, der die Agentur, in der Markus Team-Leiter im Bereich Web-Entwicklung war, für ein Promotion-Projekt engagieren wollte. Gegen zwanzig Uhr fünfundvierzig war Markus nach einem langen Tag endlich zuhause angekommen.
Markus öffnete die Haustür und sondierte mit einem mittellauten, langgezogenen „Hallo“ die Lage. Nach geraumer Zeit, gerade so als ob bei dieser Kommunikation die Laufzeit zwischen Erde und Sonne eine Rolle spielte, erhielt er zunächst eine „Hallo“- Rückantwort von seiner Tochter Svenja und etwas später von seinem Sohn Fabian. Beide verweilten offenbar in ihren Zimmern im Dachgeschoss.
„Ist Mama gar nicht zuhause?“ rief Markus nach oben, und erhielt diesmal postwendend von Svenja die leicht genervte Antwort „BBP – wie jeden Freitag“. Er schmiss die Sachen in die Ecke und nahm sich erst einmal ein Bier aus dem Kühlschrank: Mann trinkt auf Dienstreisen zu wenig.
Katharina Tiedemann war eine sportlich-adrette Mittvierzigerin. Ein- bis zweimal pro Woche ging sie mit ihrer besten Freundin Caroline Staben zum Bauch-Beine-Po – Training, welches von der Volkshochschule Biberlingen Montags, Dienstags und Freitags angeboten wurde.
Caroline war 38, gertenschlank und gut aussehend.
„Oh mein Gott, heute tut mir alles weh!“, sagte Katharina zu Caro, während sie unter der heißen Dusche stand und sich das Wasser zur Entspannung den Rücken hinunter laufen ließ.
„Na ja“, antwortete Caro mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht, „du bist eben ein paar Jahre älter als ich!“
Beide mussten lachen, beendeten dann das Duschen, trockneten sich ab und verhüllten die knackige Figur mit den neuesten Kreationen aus der Biberlinger Fashion-Meile.
Entgegen ihren sonstigen Gewohnheiten gingen sie diesmal nicht mehr in die nahe gelegene Sport-Bar, da Caros Schwiegermutter sich noch für den Abend angekündigt hatte.
Fabian Tiedemann hatte in diesem Sommer sein Abitur bestanden, in der Schule bereits Tabula Rasa gemacht und das Zeugnis in der Hand. Er war ein guter Schüler. Für die sofortige Aufnahme des gewünschten Medizinstudiums fehlte aber leider eine kleinere Nachkommastelle. So war er vor einigen Wochen noch auf der Suche nach einer sinnvollen, Punkte bringenden und Sozialengagement zeigenden Beschäftigung.
Schafe scheren in Neuseeland konnte er sich nicht so richtig vorstellen, wenngleich ihn das Land durchaus interessiert hätte. Einen sozialen Hintergrund suchte er. Nach einem Informationstag beim Bundesarbeitskreis Freiwilliges Soziales Jahr erkannte er dann „eine Chance seine Persönlichkeit und Kompetenzen weiterzuentwickeln“. Schließlich fiel seine Wahl auf ein FSJ im Stadtklinikum Biberlingen. So konnte er bereits seitlich in den zukünftigen Beruf des Arztes reinschnuppern und gleichzeitig in seiner Mannschaft weiterhin Basketball spielen. Zum Studium musste er Biberlingen ohnehin verlassen, da es hier keine Hochschule gab. Einziger Nachteil: Er musste am ersten Juli bereits anfangen, da das Klinikum auf Grund einer Umstrukturierung in diesem Monat besonders knapp an humanen Ressourcen war. Dreizehn Jahre Schule ohne im Anschluss fette Ferien zu haben! Das war eigentlich ein K.O.-Kriterium für diese Stelle. Aber es gab einen Deal mit der Personalabteilung. Fabian fingt am ersten Juli an zu arbeiten und sollte dann die Monate August und September Urlaub bekommen. Im Oktober würde es dann so richtig ernst werden. Auf diese Weise konnte er auch nochmal mit der Familie kostengünstig in den Urlaub fahren. Gebongt. Seit zwei Wochen arbeitete er nun also im Klinikum, zunächst in der Kinderabteilung.
Svenja war gerade in dem Abschnitt der Abdoleszens, in dem Eltern peinlich sind. Sie war vierzehn Jahre alt und kurz vor dem Ende der achten Klasse am Eduard-Kluge-Gymnasium in Biberlingen. Die Schule war dafür bekannt, trotz der wirren Entscheidungen und unnötigen Strukturänderungen des Kultusministeriums, noch überaus brauchbare Schulabgänger in die Umlaufbahn des ernsten Lebens zu befördern. Die Klasse hielt ihre Bildungseinrichtung für eine inklusive Schule, schließlich waren im Unterricht auch Lehrer anwesend.
Svenja war ein aufgeschlossenes Mädchen, liebte Musik und hasste Ungerechtigkeiten. Wenn sie nicht gerade mit einem Fuß auf dem Schreibtisch lässig auf der Bettkante saß und sich die Fingernägel umlackierte, spielte auch sie im TSV Biberlingen Basketball, hörte „voll schrille Musik“ oder „chillte“ mit ihren Freundinnen „total krass“ ab.
Biberling wurde landschaftlich von der weltlichen Entstehungsgeschichte verwöhnt. Die Stadt lag zwischen dem Fluss Beaverau im Westen, dem Waldgebiet im Süden und dem seicht ansteigenden Gebirge im Nord-Osten.
Die 30.000 Einwohner zählende Kleinstadt besaß bereits seit Mitte der sechziger Jahre Stadtrechte. Sie hatte damals etwa siebzehntausend Einwohner und wuchs besonders in den achtziger und neunziger Jahren langsam aber kontinuierlich. Zum Erfolg trugen besonders der Bau des Klinikums, der zunehmende Tourismus, die Wiedereröffnung des – wenn auch kleinen – Flugplatzes und der Bau der Wohnsiedlungen nordöstlich der Stadt bei. Entsprechend interessante Gewerbesteuerzahler waren unter Anderem die Baufirma FlaKo Bau GmbH, das Stadtklinikum, sowie die Summe der mittelständischen Firmen der Größenordnung zehn bis fünfzig Mitarbeiter.
Man munkelte außerdem, dass die Stadt als zukünftiger Luftkurort ein Kurzentrum erhalten könnte. Aber dies war noch sehr leise Zukunftsmusik, einen Antrag auf Anerkennung als Kurort gab es bisher noch nicht und die Finanzierung und Umsetzung des Projektes wäre wohl so seriös und stabil wie der Bau des Berliner Flughafens.
Geleitet wurde die Verwaltung durch Karl Wolter, der als Oberbürgermeister und Kind der Stadt über ein hohes Ansehen und gute Kontakte verfügte. Er war eher der Typ mit den aufgekrempelten Hemdsärmeln als Träger von Nadelstreifen, was ihn allerdings nicht bei allen beliebt machte. Seine Mitgliedschaft in der SPD spielte da eher eine untergeordnete Rolle.
Biberlingen wurde durch die Beaverau in den größeren östlichen Teil und den kleineren westlichen Teil getrennt. Der Altstadtteil lag etwa mittig im Ostteil. Die bevorzugten Wohngebiete lagen westlich des Flusses. Das neue Wohngebiet im Nordosten wurde in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre gebaut, da die Stadt aus den Nähten zu platzen drohte. Die Grundstücke wurden den ortsansässigen Bauern abgekauft. Landwirtschaft wurde in dieser Region ohnehin nicht mehr groß geschrieben. Und die Zweifler erkannten schnell, dass sie gar nicht mehr so häufig mit dem Traktor rausfahren konnten, um das zu verdienen, was sie durch den Verkauf der Grundstücke einnehmen konnten.
Ein herrlicher Sommertag begann, die Sonne schien und die Vögel legten ein zwitscherndes Hintergrundrauschen in den Beginn des viertletzten Schultages vor den Sommerferien. Markus und Fabian hatten das Haus bereits um acht Uhr und wie immer ohne Frühstück verlassen. Svenja wollte gerade das Haus verlassen, um ihr Fahrrad aus dem Schuppen zu holen.
„Hast du deine Tubba eingepackt?“, fragte Katharina ihre Tochter, die dazu neigte, sich auf die wesentlichen Dinge des Lebens zu konzentrieren und die Kleinigkeiten gelegentlich zu vergessen.
„Tupper, Mama! Natürlich!“, antwortete Svenja, als wäre die Frage völlig absurd. „Ich bin dann so gegen achtzehn Uhr wieder zuhause, bin nach der Schule noch bei Lena.“
„Ja, in Ordnung. Ich arbeite heute bei Caro, bin so gegen halb sieben wieder im Haus.“
„Ok. Tschüß.“
Lena nahm ihren Rucksack, setzte sich auf ihr Fahrrad und fuhr mit stoischer Ruhe in Richtung Stadtzentrum. Die Schule begann für Lena erst zur dritten Stunde, ihr Bruder musste zu seinem Ärger bereits „zur ersten Stunde“ im Klinikum sein.
Katharina nahm die Tageszeitung aus dem Briefkasten, winkte Svenja noch nach und las zunächst die Schlagzeilen bei einer Tasse Kaffee.
Der Stoff, aus dem die Schlagzeilen gewoben wurden, legte sich abermals über europäische Rettungsschirme, Verzögerungen beim Bau des Berliner Flughafens und der Hamburger Elbphilharmonie sowie vorlaute Politikerkommentare einsamer Hinterbänkler. Dem Lokalteil schenkte Katharina heute daher mehr Aufmerksamkeit, denn es sollte offenbar in Kürze darüber abgestimmt werden, ob der Flugplatz von Biberlingen ausgebaut werden solle.
Davon hatte Katharina bisher noch nichts gehört. Ok, Tiedemanns würde das nicht direkt stören, denn der Flugplatz lag südöstlich der Stadt und gerade außerhalb. Im Gegenteil, man konnte vielleicht in Zukunft von Biberlingen aus in den Urlaub starten und von den kürzeren Wegen bei Markus' Dienstreisen ganz zu schweigen. Aber wie sollte das überhaupt gehen? Soweit sie wusste, musste die Start- / Landebahn hierfür in Richtung Nordwesten verlängert werden, da sich weiter südlich das Waldgebiet anschloss. Dort lagen aber die Felder von Oma Christel, und die würde das Land niemals für eine Flugplatzerweiterung verkaufen. Die Grundstücke stammten noch aus der Familie ihres Mannes. In der Landwirtschaft hatten aber weder Oma Christel noch ihr Mann Herbert jemals gearbeitet. Diese Episode beendeten bereits die Schwiegereltern von Oma Christel Ende der sechziger Jahre. Das Grundstück vor dem jetzigen Flugplatzgelände sollte ausschließlich als stille Reserve für wirklich schlechte Zeiten dienen, die gottlob nie eintraten.
Oder sollte die Bahn doch in Richtung Süden verlängert und der Wald teilweise geopfert werden? Eine Informationsveranstaltung im Rathaus sollte für Klarheit sorgen.
Katharina setze sich auf ihr Fahrrad und fuhr durch das Wohngebiet, welches südwestlich des Flusslaufes lag, vorbei an der kleinen Abzweigung, die ihr den kürzesten Weg in die Altstadt beschert hätte. An diesem schönen Sommertag nahm sie den Umweg durch die Flusswiesen gern in Kauf. Die gesamte Strecke dauerte selten länger als zwanzig, fünfundzwanzig Minuten. Sie überquerte die Beaverau schließlich an der Habermann-Brücke und radelte vom Nord-Westen kommend in Richtung Altstadt. Nach weiteren zehn Minuten kam sie in der Fußgängerzone an, in der Caroline Staben ihren Bücherladen in einem liebevoll renovierten Fachwerkhaus hatte.
In großen bunten Lettern stand über dem Eingang "BuchStaben" geschrieben. Das Wortspiel war sicherlich der Grund dafür, dass Caro ihren „Kriminalen“ Jürgen Voss immer noch nicht geheiratet hatte, dachte sich Katharina jedes Mal schmunzelnd, während sie ihr Fahrrad vor dem Eingang abstellte und an den davorstehenden Fahrradständer anschloss.
Das "Palim palim" der Glocke über der Eingangstür – Katharina nahm nie den Hintereingang - erinnerte ein wenig an den Sketch von Didi Hallerforden. Doch drinnen erwartete die Kunden ein gemütliches Ambiente zum Stöbern und Probelesen. Alle Genres waren vertreten, die Bücher standen in geschmackvollen, alten Regalen mit Lisenen, die den Büchern Glanz und Würde verliehen. Um alle Kundenkreise zu bedienen, konnte man sowohl Schulbücher als auch Materialien für den Unterricht erwerben. Den sonst üblichen Kleinkram, den größere Ketten neben den Büchern – oder mittlerweile eher hauptsächlich - anboten, gab es bei Caro aus Überzeugung nicht. Außerdem wäre hierfür eine viel größere Verkaufsfläche nötig gewesen. Hier galten also noch das Buch, der Satz, die „BuchStaben“. Und das wussten viele Kunden zu schätzen.
Katharina kam mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ gegen zehn Uhr in den Laden, der wie immer seit neun Uhr geöffnet war. Caro schob gerade die Schublade der Kasse zu und übergab einer Kundin den Kassenbon und ein in buntes Papier eingepacktes Buch. Neben Caro gab es noch Frau Westphal, eine gelernte Bibliothekarin, die ganztags im Laden arbeitete.
An den Tagen, an denen Katharina aushalf, ging es primär um das Abdecken der Spitzen um die Mittagszeit. Diese wurde von vielen Biberlingern, die in der Stadt beschäftigt waren, zum Stöbern gerne genutzt. Neben dem erhöhten Verkaufsaufkommen ging es aber auch um die Bewachung der Ware, die in letzter Zeit zunehmend ohne Kassenbon durch die Eingangstür diffundierte.
Für Katharina war die Arbeit in dem Laden eine gute Gelegenheit, um nach der Kinderpause wieder ein wenig im Berufsleben Tritt zu fassen. Sie war eigentlich gelernte Apothekenhelferin. Im BuchStaben arbeitete sie offiziell zehn Stunden pro Woche, meistens unentgeltlich länger, wofür sie mit vierhundert Euro pro Monat entlohnt wurde. Nach den Sommerferien wollte sie eventuell etwas mehr arbeiten.
Lesen war ohnehin eines ihrer Steckenpferde und so konnte sie neben den ungeliebten Tätigkeiten wie Waren auspacken, Bücher einsortieren und Prospekte für Stammkunden versenden, die Kunden mittlerweile auch kompetent beraten. Ihre Leidenschaft gehörte den Kriminalromanen „mit Thrill“, wie sie immer sagte. Diese Leidenschaft teilte sie mit Caro, die schon im Jugendalter alle Miss Marple- und Hercules Poirot-Bücher gelesen hatte.
Katharina war früh dran, da eine größere Lieferung anstand und zuhause ohnehin nichts anderes anlag.
Die letzte Woche vor den Ferien war in der Regel immer eine lockere Sache. Die Noten standen schon fest, die Konferenzen waren abgehalten. Eigentlich wusste keiner so genau, warum man überhaupt noch in die Schule gehen sollte. G8 wäre wohl schon vermeidbar gewesen, wenn einfach die reguläre Anzahl der Schulstunden genutzt und die Ausfallstunden reduziert worden wären.
Svenja, die neben ihrer Freundin Lena Neuberger saß, war eigentlich mit ihren Noten zufrieden. Nur die Drei in Geschichte nahm sie der Laumeier-Pitzke übel, hier schätzte sie sich deutlich besser ein. Französisch hatte sie ebenfalls mit einer Drei etwas verkackt, da ihre Zeit zum Vokabelnlernen im engen G8-Kostüm und im Rahmen ihrer Work-Life-Balance einfach zu knapp bemessen war. Also systembedingt unschuldig. Insgesamt war sie mit ihrem Notendurchschnitt von Einskommaneun, der bei diesem Zeugnis herauskommen müsste, sehr zufrieden, zumal sie das naturwissenschaftliche Profil gewählt hatte.
Lenas Zeugnis war nicht ganz so gut wie Svenjas, sie hatte sich jedoch gegenüber dem Halbjahreszeugnis wieder einmal steigern können. Somit waren beide sehr zufrieden mit ihrem erwarteten Ergebnis und freuten sich auf die Ferienzeit. Noch vier Tage und der Rest vom Montag, und dann: Rien ne va plus, bonnes vacances!
Nach der Schule fuhren beide, wie am Vortag verabredet, mit dem Fahrrad zu Lena. Sie wohnte in dem Neubaugebiet im Nordosten der Stadt, in einem kleinen Endreihenhaus am Ende einer Sackgasse. Die Lage am Rande des Kollisgebirges war idyllisch, die Luft sauber und die Umgebung ruhig.
Als die beiden ihre Fahrräder in den Vorgarten schoben, kam ihnen schon Bolo, der Berner Sennenhund entgegen. Die Mutter begrüßte die beiden und gab ihnen bis zum Tortellini-essen noch zehn Minuten Zeit.
„Lena, denk daran, dass du heute um halb sechs noch zum Durchchecken gehen musst. Papi wird mit dir hinfahren“, rief die Mutter den beiden auf dem Weg in Lenas Zimmer im Dachgeschoss hinterher.
„Ich weiß...“, antwortete Lena wie immer leicht genervt, wenn es um Arzttermine ging, da sie in der Vergangenheit schon so viele davon hatte.
Gelangweilt wippte Lena mit den Beinen auf dem Stuhl hin und her. Ihr Blick wanderte dabei langsam vom Tisch vor ihr, mit den darauf kreuz und quer verteilten Kinderbüchern, an dem kleinen Regal neben dem Fenster hoch, bis zur gegenüberliegenden Wand, an der unzählige Kinderbilder den leichten Grauschleier und die vielen Abdrücke von Kinderhänden auf der hellgelben Wandfarbe zu übertünchen versuchten. Viele neue Bilder waren im vergangenen Monat nicht hinzugekommen, die genaue Position der meisten dieser kleinen Kunstwerke hatte Lena auf Grund ihrer bisherigen Besuche bereits im Kopf.
Außer Lena und ihrem Vater, der neben ihr saß und eine Automobilzeitschrift las, war noch eine junge Mutter mit ihrem schreienden Baby im Wartezimmer, was die Wartezeit für Lena nicht gerade angenehmer gestaltete. Und wodurch sich die Frequenz der wippenden Beine nur noch erhöhte. Einige Minuten später kam die rettende Erlösung, als die Arzthelferin ihren Kopf durch die geöffnete Wartezimmertür steckte und mit freundlichem Gesichtsausdruck „Lena Neuberger, bitte!“ rief. Lena und ihr Vater standen sofort auf und, während die Zeitschrift noch scheinbar wie in Zeitlupe auf den Tisch schwebte, waren die beiden bereits im Flur, auf dem Weg in das Behandlungszimmer von Dr. Schulte.
Wie immer reichte Dr. Schulte dem begleitenden Elternteil zuerst die Hand, während er sich dabei zügig mit den Worten „Na, wie geht's denn heute?“ zu Lena wandte. Lena machten Arztbesuche hingegen meist ein wenig nervös und so fokussierte sie ihren Blick auf den kleinen goldenen Bären der auf dem Schreibtisch des Arztes stand und antwortete wie immer mit einem zarghaft-langgezogenen „Gut“.
Lena ging es merklich besser, seit die Familie sich entschlossen hatte, den Wohnort fernab einer Nachtflugzone eines Großflughafens in das idyllische Biberlingen zu verlegen. Die Nervosität und die Konzentrationsschwäche in der Schule und bei den Schularbeiten verringerten sich bereits merklich, wusste der Vater dem Arzt zu berichten. Dr. Schulte begrüßte den Fortschritt und erklärte, dass Fluglärm bedingte Gesundheitsrisiken unter Anderem durch die 2008 im Umfeld europäischer Flughäfen durchgeführte HYENA-Studie bestätigt wurden. Und während er über Lärmpegel und signifikante Erhöhungen morgendlicher Stresshormone referierte, führte er bei Lena eine Blutdruckmessung durch. Alles bestens. Die Herz-Kreislauf-beruhigende Medikation, die noch zu Beginn der Behandlung nötig war, wurde nun schon seit mehreren Monaten nicht mehr benötigt. Nächster Termin in vier Wochen.
Dr. Schulte ließ noch wissen, dass am Städtischen Klinikum gerade über die Einrichtung einer Abteilung für Flugmedizin diskutiert wurde, die sich auch mit den Auswirkungen von Fluglärmbelastungen beschäftigen sollte. Lenas Vater wunderte sich - er hatte den Artikel im Biberlinger Tageblatt zum Ausbau des Flugplatzes nicht gelesen - bedankte sich aber für die Information und verabschiedete sich. Auf dem Weg zum Auto beschlich ihn die für ihn quälende Vorahnung eines Flughafenausbaus in Biberlingen. Die Idee trieb ihm zusätzliche Falten auf die Stirn. Die Familie war doch nicht umgezogen, hatte Freunde und Bekannte und einen guten Job hinter sich gelassen, um jetzt wieder von vorne anzufangen. Entsprechend gereizt und nachdenklich gestaltete sich die Fahrt nach Hause.
Neuberger war gelernter Kommunikationselektroniker. Er hatte damals, als sich die Familie für den Umzug nach Biberlingen entschloss, einen Job bei der Elektro-Systeme Biberlingen, ESB, bekommen, eine der größten Elektrofirmen in der Region. ESB war in den Bereichen Elektroinstallation, Hausautomation und Kommunikationstechnik zuhause. In letzterem Bereich fand Neuberger seine Anstellung.
An diesem Tag gab es eine Inbetriebnahme am späten Abend, die in Neubergers Verantwortung lag. Da bei einigen Kunden auf Grund von Systemverfügbarkeiten nur nachts gearbeitet werden konnte, kam es in Ausnahmefällen zu solchen Spätschichten, die immerhin dazu gut waren, den täglichen Trott ein wenig zu durchbrechen. Außerdem gab es eine Nachtzulage und einen freien Vormittag.
Die letzten Tage waren schon sehr sommerlich gewesen und das kurze Wärmegewitter, welches am vorherigen Tag in den Nachrichten vorhergesagt wurde, ergoss sich gerade über Biberlingen. Neuberger saß vor dem Fenster am Erker und begleitete die Regentropfen, die auf der Scheibe – teils alleine, teils mit anderen Tropfen zusammenlaufend – getrieben von der Erdanziehungskraft ihren Weg in Richtung Boden suchten.
Die Fokussierung seiner Augen verlief langsam in die Ferne, wobei die Regentropfen auf der Scheibe in gleichem Maße unscharf wurden. Der Blick ging über die Tujas, welche die Grundstücksgrenze markierte, in den Himmel. Während ihm spontan Reinhard Mey's Lied „Über den Wolken“ durch den Kopf ging, drehten sich seine Gedanken doch eigentlich um den eventuell zu erwartenden Fluglärm.
Nie hätte er gedacht, dass er sich mal mit den Ursachen und den Folgen Fluglärm bedingter Erkrankungen beschäftigen musste. Epidemiologie nennt dies der Fachmann. Aber an ihrem vorherigen Wohnort wurde durch den Bau einer weiteren Start-/Landebahn eines bereits viel zu großen Flughafens die kleine Idylle in Neubergers Hinterhof nachhaltig gestört. Bei den fragwürdigen Genehmigungsverfahren für die Flughafenerweiterung waren damals natürlich auch Fachmänner und andere Lobbyisten beteiligt. Die geballten Kräfte der Bürgerinitiativen und Verbände waren allerdings gegen Wirtschaft und Politik in ihrer Wirkung völlig unterdimensioniert.
Wie hatten sie es verabscheut, wenn die Politiker auf Informationsabenden durch das rosa Mikrofon nur die Vorzüge einer Flughafenerweiterung in den Vordergrund stellten. Arbeitsplätze sollten in großem Maßstab entstehen. Ein Nachtflugverbot sollte die Anwohner schützen.
Die Anzahl der Arbeitsplätze schien sich tatsächlich zu erhöhen. Wie sich aber später herausstellte, handelte es sich nur um eine Verschiebung, da Firmen wie Logistikunternehmen ihren Standort in die nähere Umgebung des Flughafens verlagerten.
Das zunächst eingeführte Nachtflugverbot wurde auf Druck der am Flughafen beteiligten Fluggesellschaften Schritt für Schritt gelockert.
Es fing schleichend an. Die Kinder wurden langsam schlechter in der Schule, unkonzentrierter, wobei dies sogar sehr viel stärker auf Lena als auf ihren zwei Jahre älteren Bruder zutraf. Man dachte zunächst an prä-pubertäre Hormoneskapaden, die zu einer Prioritätsverschiebung zu Ungunsten der täglichen Lernarbeit und der allgemeinen Sozialverträglichkeit führten. Aber die Stimmung im Haus wurde insgesamt gereizter. Ständig litt man an Schlafmangel oder konnte sich nicht konzentrieren. Auf ihrem Weg durch den Ärzte-Dschungel hatten sie eine wahre Odyssee hinter sich gebracht. Die vielen Verharmlosungen und Fehleinschätzungen der Ärzte klangen Neubergers noch immer wie Sirenengesänge in den Ohren.
Neubergers beschäftigten sich damals intensiv mit dem Thema Fluglärm. Sie traten der Bürgerinitiative Anwohner gegen Fluglärm bei, lasen Publikationen des Umweltbundesamtes und epidemiologische Studien und waren vertraut mit Begriffen wie „Lärmexposition“, „Lipoproteinspiegel“ (Stress bedingt) und „Multivariante logische Regression“ (im Zusammenhang mit Arzneimittelverordnungen). Dabei war die Thematik durchaus interessant, wäre man nicht selber betroffen gewesen. So lernte die Familie in Vorträgen, dass Regionen mit erhöhter Lärmexposition bereits an der Verordnungsmenge für Arzneimittel ausgemacht werden könnten. Medikamente zur Senkung des Blutdrucks, zur Beruhigung von Spannungszuständen sowie Schlaf fördernde Mittel wurden hier deutlich häufiger verschrieben. Dabei sind Frauen und Mädchen statistisch gesehen deutlich stärker betroffen. Die höhere Bereitschaft zu einem Arztbesuch verzerre die Ergebnisse bei dieser Zielgruppe allerdings ein wenig. Und so weiter.
Viele Familien empfanden sich damals mindestens so hilflos, wie die seit Jahrzehnten friedlich gegen die Einlagerung radioaktiver Materialien demonstrierenden Bewohner des Wendlandes. Für viele war dies eine Demontage – mindestens aber eine erhebliche Einschränkung der Demokratie, viele traten in Selbsthilfegruppen gegen Fluglärm ein, und es erging ihnen doch wie den Kollegen im Wendland.
Das war der Zeitpunkt, als die Familie Neuberger keinen anderen Weg mehr sah, als ihr Reihenhaus zu verkaufen und den Wohnort zu wechseln. Es war eine gute Entscheidung.
Und nun vielleicht das ganze Elend nochmal durchstehen? All das darf es nicht noch einmal geben!
Die Gespräche beim Abendbrot drehten sich also fast ausnahmslos um eine eventuelle Erweiterung des Flughafens und dem damit verbundenen Fluglärm, der voraussichtlichen Erweiterung der Betriebszeiten und der zusätzlichen Luftverschmutzung durch den zusätzlichen Luft- und Straßenverkehr. Hans-Helmut Neuberger war ungeduldig, wollte mehr wissen. Was war dran am Gerücht, dass der Flughafen ausgebaut werden sollte? Mussten Neubergers Angst haben, dass eben jener zusätzliche Verkehr die Lebensqualität abermals drastisch reduzieren würde? Gab es bereits einen Zeitplan?
