Schicksal - Felix A. Münter - E-Book
Beschreibung

Nach den vielen Jahren des Exils kehren die kaiserlichen Zwillinge in ihre Heimat zurück, um den Thron und die damit verbundene Herrscchaft wieder an sich zu reißen. Westrin könnte zu neuem Glanz emporsteigen, wenn es denn einmal von ihnen zurückerobert werden konnte. Doch noch ist die Zeit des Krieges. Das Schicksal ist der fortlaufende Begleiter einer Dynastie, die dem Untergang geweiht war, aber in einer letzten sich aufbäumenden Chance nach ihrer Bestimmung ruft. Weitere aktuelle Titel von Felix  A.  Münter:    Die Carter-Akten (Thriller-Serie): - Mercenary - Hunter - Hijacker - Bloodhound - Hitman - Lone Wolf - Hardliner - Loyalist Dynastie (Episches Fantasy Drama): - Königsretter - Königsfreund - Königsbote Westrin (High-Fantasy-Saga): - Kaisersturz - Exil - Schicksal - Kaisergardist - Legionär - Phoroi Trümmerwelten (High Fantasy-Epos in Zusammenarbeit mit Ann-Kathrin Karschnick): - Trümmerwelten - Die Abenteuer der Alice Sparrow - Trümmerwelten - Die Odyssee der Alice Sparrow  - Trümmerwelten - Das Schicksal der Alice Sparrow Troubleshooter (Weird Horror Western Serie): - Das Aufgebot - Jäger und Gejagte - Ein Funken Wahrheit Archon (Science Fiction Serie): - Vermächtnis - Höhere Macht - Per Aspera - Eingungskrieg - Ad Astra Einzelbände: Der kleine König - High Fantasy  Bootleggers – The Wild Years – epischer Thriller All about the Money - Thriller Vita - Steampunk-Thriller Prepper - Endzeit-Thriller Nulllinie - Thriller

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Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2018 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-515-9

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Für Katharina

Inhaltsverzeichnis
Schicksal (Westrin III)
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Epilog
Felix A. Münter
Danksagungen

Prolog

Die Zeichen stehen auf Krieg: Nachdem es der vereinigten Flotte der Seekönigreiche gelang, die Armada der Fercino in der Dreiinselschlacht zu besiegen, war für die Kaisertreuen die Zeit gekommen, aus dem Schatten zu treten und die Entscheidung im Kampf um das Erbe Westrins anzutreten.

König Atanasio gibt sich unbekümmert: Er herrscht über den Westkontinent, und die einzigen Flecken, die noch nicht unter seiner Regentschaft stehen, sollen seinen Zorn bald zu spüren bekommen. Der Usurpator hat seinen Kriegszug noch lange nicht beendet, und die ersten Gerüchte kommen darüber auf, dass seine Armeen vor den Grenzen von Himmelskamm und den Clanslanden aufmarschieren.

Im Auftrag des kindlichen Kaisers begaben sich Dalmatius und Nysa auf der Suche nach Verbündeten ins Sultanat der Al-Asmari. Doch das Wüstenvolk empfing die Abgesandten der alten Besatzer nicht mit offenen Armen. Sie erreichten das Wüstenreich kurze Zeit nach einem Staatsstreich, der Naim an die Spitze der Nation brachte. Der ehemalige Bey des Wüstenvolks hat ebenfalls eine alte Rechnung mit König Atanasio zu begleichen. Nur wird das reichen, um die alte Feindschaft zwischen den Westrinen und den Al-Asmari ungeschehen zu machen?

An anderer Stelle hat sich in unerwarteter Verbündeter für das kaiserliche Geschlecht aufgetan. Fearghas, Laird von Clan Apthach reiste in den hohen Norden der Clanslande und ihm gelang das, was niemand für möglich hielt: Er wurde zum neuen Hochkönig aller Clans auserkoren. Kann es dem Bastard wirklich gelingen, die Clans zu einen, die vom blutigen Bürgerkrieg nach dem Tod ihres letzten Hochkönigs entzweit sind?

Origen, mutmaßlich der letzte Athanatoi, begab sich in den Westen des Kontinents, auf der Suche nach Spuren seines alten Ordens. Er fand das Herz der Athanatoi, die Festung Rapax, in Trümmern und geriet in die Gefangenschaft südländischer Soldaten. Während man ihn folterte, gelang es Unbekannten, ihn zu befreien. Doch den Krieger erwartet mehr …

Kapitel I

Dichter, grauer Nebel hielt sich über dem Hochland und tauchte alles in ein milchiges Zwielicht. Der Winter war seit einigen Wochen auf dem Rückzug, doch in manchen Nächten fielen die Temperaturen immer noch unter den Gefrierpunkt, so dass die Welt am nächsten Morgen in glitzernden Raureif gehüllt war. Manchmal schneite es des Nachts, doch das kärgliche Weiß am nächsten Tag war nichts im Vergleich zu dem, was die Clanslande noch vor einigen Wochen heimgesucht hatte. Es war ein letztes Aufbäumen des Winters, doch er war gegen den unaufhaltsam anrückenden Frühling völlig machtlos. Lediglich einige Schneeflecken schienen der trotzige Versuch zu sein, sich gegen den Lauf der Welt zu stemmen.

Fearghas stand auf einer Anhöhe oberhalb von Modan, einer der größten Siedlungen im Stammesgebiet von Clan Craigie. Die Craigies waren so groß, dass er gleich mehrere Täler im Hochland bevölkerte und sich nicht, wie andere Clans, auf kleine Gebiete beschränken mussten. In einem dieser Täler jedenfalls lag Modan, von steilen Hängen vor dem harten Winter geschützt. Noch im vorangegangenen Jahr war die Siedlung ein Fleck mit vielleicht einhundert Häusern gewesen, stattlich für das Hochland, aber etwas verschlafen. Dann aber hatten sich die Ereignisse überschlagen: Fearghas war zum neuen Hochkönig geworden und die Craigies die ersten, die ihm folgten. Seitdem war er durch die Clanslande gezogen, hatte seine Boten in alle Richtungen und zu allen Lairds geschickt. Er rief sie zusammen – wie jeder andere Hochkönig vor ihm. Viele Clans folgten der Tradition, die Lairds kamen mit ihren besten Kriegern, heiß darauf, bald wieder in den Krieg ziehen zu können. Man hätte meinen sollen, dass der lange Bürgerkrieg nach der Ermordung von Morleo den Clans die Lust am Blutvergießen genommen hatte – doch dem war nicht so. Sie strömten aus allen Himmelsrichtungen über die Pässe in das Tal, in dem Modan lag. Fearghas hatte den Ort aufgrund seiner geschützten Position ausgesucht, hier wollte er seine Armee sammeln.

Und was für eine Armee es war! Heute Morgen nahm der Nebel ihm die Sicht, doch wenn er die Augen zusammenkniff, wenn er sich konzentrierte, dann konnte er die Bilder wieder vor seinem geistigen Auge erscheinen lassen. Im Tal von Modan lagerten mittlerweile mehr als dreißigtausend Krieger. Die Clans gruppierten sich in ihren Zelten und in der Nacht leuchteten ihre unzähligen Herdfeuer. Dreißigtausend Kämpfer, eine gewaltige Streitmacht, und es wurden von Tag zu Tag mehr. Es war nicht das erste Mal, dass die Clans sich auf einen Krieg vorbereiteten, der nach Süden zielte: Sie brachten ganze Herden mit sich, Wagen voller Nahrungsmittel. Alles war bereit.

So imposant die Streitmacht auf einen Beobachter jedoch wirken mochte, sie war noch weit entfernt von der Stärke, die Hochkönig Morleo vor über einem Jahrzehnt aufgeboten hatte. Doch der lange Bürgerkrieg hatte seinen Tribut gefordert und noch dazu gab es einige Clans, die sich Fearghas bisher nicht anschließen wollten.

Es gab noch so viel zu tun. So viel zu verhandeln, so viele Lairds zu überzeugen. Doch der Hochkönig hatte nicht ewig Zeit: Schon im Sommer brauchte der westrinische Kaiser die Clans.

Nachdenklich massierte der breitschultrige Mann sich seine klammen Fingerknöchel, bildete mit den Händen einen Trichter und atmete in sie hinein. Dann rieb er sich die Hände in dem Versuch, die Kälte zu vertreiben. Fearghas trug Kilt und Überwurf im Muster der Apthachs, ein dickes Wollhemd und einen Mantel aus Pelz. Sein kräftiges, orangerotes Haar erinnerte an die Mähne eines Löwen, seinen Bart hatte er zu einem Zopf geflochten. Eine einzelne, schlohweiße Schocksträhne zog sich von oberhalb seiner Stirn. Es war sein Andenken an die Grauen, die er bei der Schlacht an den grünen Seen erlebt hatte. Abgesehen davon machte er einen jugendlichen und frischen Eindruck, auch wenn ihm die Monate als Hochkönig die ersten, kleinen Falten ins Gesicht gegraben hatten.

Hufgetrappel erklang im Nebel und er wendete kurz suchend den Kopf, doch der Dunst machte es unmöglich, etwas zu erkennen. Pferde wieherten irgendwo und Fearghas straffte sich, seine Hand ging zum Griff seines Breitschwerts.

Keine Sorge, pulste eine ihm vertraute Stimme in seinem Kopf. Der Hochkönig schnitt eine Grimasse. Mittlerweile konnte er antworten, ohne die Lippen zu bewegen. Er war so gut darin, dass er das auch konnte, während er mit jemand anderem sprach.

Wer ist es diesmal?

Mein Onkel.

Fearghas nahm die Hand vom Schwert und drehte sich um. Just in diesem Moment erschienen einige Gestalten im Nebel, angeführt von einem hochgewachsenen Mann mit dünnem, schütterem Haar, dafür umso buschigeren Augenbrauen. Darion Craigie, Laird seines Clans, trug einen Vollbart, der ihn gut vor der Kälte schützte. Sein leichter Bauchansatz war in den letzten Monaten verschwunden, dennoch war er weit davon entfernt, sich mit seinen kräftigsten Kriegern messen zu können. Kilt und Umhang wehten im Wind. In einigen Schritt Entfernung blieb er stehen und nickte dem Hochkönig zu.

»Laird Darion!«, begrüßte Fearghas den Mann freundlich.

»Hochkönig«, meinte der Angesprochene und kam näher.

»Was bringt dich zu mir?«

»Ärger«, murmelte Darion und verzog nachdenklich das Gesicht.

»Was ist los?«

Der Laird deutet über die Schulter zu den Männern, die mit ihm angekommen waren.

»Die Nisbets lagern vor einem der Pässe.«

»Die Nisbets? Laird Arran Nisbet ist angereist? Hat er es sich anders überlegt?«

Arran Nisbet hatte zwar den Boten empfangen, der vom neuen Hochkönig kündete, den Mann dann aber mit Schimpf und Schande und einer eindeutigen Nachricht wieder verjagt. Die Nisbets waren nicht bereit, einen Hochkönig zu akzeptieren, der nicht einmal aus einem der etablierten Clans stammte.

»Ich weiß es nicht«, gestand Darion. »Wir haben nur das Lager entdeckt. Der Späher sagt, dass es vielleicht einhundert Zelte sind, zumindest, soviel er sehen konnte. Könnten in dieser Hechtsuppe auch noch mehr sein.«

»Einhundert Zelte? Dann ist das kein reiner Höflichkeitsbesuch«, pflichtete Fearghas bei.

»Ich sage es doch: Ärger.«

»Hat er einen Boten geschickt?«

»Bisher nicht.«

Der Hochkönig fuhr sich über den Bart und starrte in den Nebel.

Was meinst du?

Arran Nisbet ist ein Unruhestifter. Er war schon damals einer der Lairds, die am schwersten auf Kurs zu halten waren, erklärte Morleo.

Und was will er hier?

Das Gleiche, was er immer will. Unruhe stiften.

Also hat dein Onkel recht?

Ich gehe davon aus. Die Nisbets sind schon immer durch ihre Art aufgefallen, weißt du?

Hast du eine Idee?

Kommt darauf an. Wenn du mich persönlich fragst, würde ich mir ein paar Männer schnappen, in Arrans‘ Lager marschieren und ihm zeigen, wer hier das sagen hat. Aber auf der anderen Seite hat Arran über zweitausend Krieger. Hat sich aus dem Bürgerkrieg herausgehalten. Du brauchst seine Soldaten.

Das habe ich erwartet.

Fearghas drehte sich wieder zu Darion um.

»Dann wird es wohl Zeit, Laird Arran zu begrüßen.«

»Fearghas, du bist Hochkönig! Er ist nur Laird. Wenn du jetzt zu ihm gehst …«

»Sieht es nicht anders aus, als bei allen anderen Lairds auch. Ich verstehe, dass du die Nisbets nicht magst, aber wir sollten es von Anfang an ohne Blutvergießen versuchen.«

Ihre Blicke trafen sich und Darion senkte pflichtschuldig den Kopf.

»Entschuldige.«

»Ich kann dich verstehen. Niemand mag die Nisbets wirklich. Doch Laird Arran hat Soldaten. Und die brauchen wir.«

»Die Craigies haben mehr Männer! Ich schwöre dir, du kannst auf ihn verzichten! Meine Krieger werden diesen Verlust schon ausgleichen.«

Der Hochkönig lächelte schmallippig.

»Da bin ich mir sicher. Aber weißt du, Laird, es wäre doch noch viel besser, wenn statt deiner Krieger die Männer von Clan Nisbet ihr Blut lassen würden, wenn es darauf ankommt. Oder?«

Gegen Mittag erreichten sie den Pass. Darion hatte ihm sogleich angeboten, ihn mit einer Übermacht an Kriegern zu begleiten, doch Fearghas hatte abgelehnt. Stattdessen begleitete ihn eine handverlesene Eskorte aus den zwanzig besten Kriegern, die die Craigies aufbieten konnten. Zusammen mit dem Laird ritt der Hochkönig an der Spitze. Ihre Ponys kamen gut voran.

»Es ist immer noch eine dumme Idee.«

»Das hast du jetzt schon oft gesagt, seitdem wir Modan verlassen haben.«

»Und ich bleibe dabei!«, schüttelte Darion den Kopf.

»Willst du wieder umdrehen?«

»Das würde dir gefallen, was? Der Laird kneift den Schwanz ein, wie? Nein, mach dir mal keine Sorgen!«, zischte der Mann.

»Dann ist ja alles klar.«

»Du glaubst doch nicht wirklich, dass man mit ihnen verhandeln kann!«

»Wäre ich dann hier?«

»Es ist ein Fehler. Du wirst sehen, dass es ein Fehler ist!«

»Abwarten, was er zu sagen hat.«

Der Pass zog sich und zu beiden Seiten ragten die Hänge steil auf. Die Kälte hielt sich hier zwischen den Bergflanken und ihr Atem schlug Wolken. Verhandlungen wie diese war Fearghas mittlerweile gewohnt. Nicht alle Lairds waren in Treuebekundungen ausgebrochen, als sie hörten, dass es einen neuen Hochkönig gab. Er besaß mittlerweile eine gewisse Routine, doch jede Verhandlung war anders, man konnte nie wissen, was einen erwartete.

Als sie den Ausgang des Passes erreichten, war der Nebel vollends aufgerissen. In dem kleinen Einschnitt auf der anderen Seite erstreckte sich ein Lager, und es war größer, als Darions Späher es vermutet hatte. Fearghas hielt sein Pony und versuchte, die Zelte zu zählen, glaubte, dass es sogar weit mehr als zweihundert waren. Er stieß einen Pfiff aus.

»Arran hat sich nicht lumpen lassen. Wenn das, was man über die Nisbets sagt stimmt, dürfte er mit allen Kriegern angerückt sein, die er zur Verfügung hat.«

»Noch können wir umdrehen und Verstärkung holen«, erklärte Darion.

Fearghas sah dem Laird ins Gesicht und konnte erkennen, wie sich Angst darin ausbreitete, auch wenn er versuchte, dies zu überspielen. Der Hochkönig lächelte.

»Ganz ruhig. Die Nisbets haben einen Ruf, aber es sind keine Narren. Arran wird wissen, was das letzte Mal passiert ist, als ein Hochkönig durch die Hand der Clans ermordet wurde. Er will sicher nicht so enden wie die Rhoneys, MacRaes oder Quiggins.«

Darion war nicht überzeugt und schüttelte den Kopf.

»Das schützt vielleicht dich vor dummen Ideen dieses Hurenbocks, aber was ist mit mir?«

»Du hast wirklich Angst vor ihm?«

»Er ist ein Nisbet.«

Fearghas schüttelte den Kopf. Einige Clans konnten auf eine jahrhundertealte Geschichte zurückblicken, und darin war genug Platz für Fehden. Er hatte in den letzten Monaten keine Zeit, tief in die Geschichte der Craigies einzutauchen, aber offensichtlich gab es hier einen alten Zwist. Der Hochkönig beschloss, seinem Laird die Erzählung darüber später bei einem guten Schnaps zu entlocken.

»Schauen wir mal«, erklärte er und nickte in Richtung eines einsamen Reiters auf einem Pony, der ihnen vom Lager entgegenkam. Es handelte sich augenscheinlich um einen Krieger, doch er wirkte nicht gefährlicher als jeder andere Mann oder jede andere Frau, die dem Hochkönig bisher ihre Treue geschworen hatten. Sein Kilt und sein Mantel trugen das Muster der Nisbets. Hinter dem Hochkönig fächerten die Wachen der Craigies bedrohlich auf, ihre Blicke auf den Reiter geheftet. Der hielt vielleicht zehn Schritt entfernt und hob die Hand zum Gruß.

»Mein Laird lässt euch grüßen, Fearghas.«

»Hochkönig!«, bellte Darion.

Fearghas konnte sich ein kurzes Schmunzeln nicht verkneifen. Im letzten Jahr noch hatte Darion sich gesträubt, ihn mit Titel anzureden. Wie sich die Zeiten doch änderten.

»Noch hat Laird Arran mir nicht die Treue geschworen. Ob er mich Hochkönig nennt oder nicht, steht ihm und seinen Männern frei«, erklärte Fearghas gutmütig.

Darion bleckte die Zähne, verkniff sich aber jedes weitere Wort.

»Und er lädt dich in sein Zelt ein«, erklärte der einsame Mann auf dem Pony weiter.

»Wie großzügig von deinem Laird. Wer wäre ich denn, einer solchen Bitte nicht nachzukommen?«, antwortete Fearghas. »Das hier ist Laird Darion vom Clan Craigie. Er begleitet mich. Die Wachen hinter mir dienen meinem Schutz. Ich gehe davon aus, dein Laird hat kein Problem damit?«

Der Mann drehte seinen Kopf von links nach rechts und musterte die Reiter hinter den beiden. Ihre finsteren Blicke schienen an ihm abzuprallen.

»Natürlich nicht. Aber du kannst unbesorgt sein – die Nisbets passen auf ihre Gäste auf.«

»Kein Zweifel«, nickte Fearghas. »Aber wer passt auf die Nisbets auf?«

Der Unterhändler und der Hochkönig sahen sich einige Zeit an, der Mann hatte eine Entgegnung auf den Lippen, schluckte sie dann aber um des Friedens willen. »Folgt mir einfach!«, erklärte er stattdessen, wendete sein Pony und drückte ihm die Fersen in die Flanken.

Die Reiter erreichten das Zelt des Lairds, das in der Mitte des Lagers lag. Es handelte sich um eine schmucklose Konstruktion aus Segeltuch und Leder, doch seine Größe war ein unübersehbarer Hinweis auf den Status seines Bewohners. Arrans Zelt maß etwa fünf Schritte in der Breite und fast zehn in der Länge. Zu beiden Seiten des Eingangs glommen Kohlepfannen und breitschultrige Kämpfer bewachten ihren Anführer. Fearghas nahm sich ihrer grimmigen Gesichter nicht an, sondern stieg in einer fließenden Bewegung vom Pony, wartete kurz, bis Darion es ihm gleichgetan hatte.

»Gibt es an euren Herdfeuern Platz für die Craigies?«, fragte der Hochkönig den Unterhändler. Der Mann war abgestiegen und hatte die Zügel seines Ponys einem wartenden Jungen in die Hand gedrückt. Er richtete sorgsam seine Kleider und nickte dann.

»Aber natürlich. Sie sollen sich wärmen. Sie sind unsere Gäste.«

Fearghas sah Darion kurz an, doch es gab keinen Protest aus dieser Richtung. Darion gab kurze Anweisungen an die Eskorte, dann waren sie bereit, Laird Arran zu besuchen. Der Unterhändler hob die Zeltplane an. Aus dem Inneren strömte sogleich eine schwere Hitze nach draußen, vermischt mit dem Geruch verbrauchter Luft, kalten Schweißes und fettigen Essens. Der Hochkönig widerstand der Versuchung, sich die Hand vor die Nase zu halten und schritt an dem Unterhändler vorbei.

Arran Nisbet war das Gesicht seines Clans. Der Mann hielt sich seit fast drei Jahrzehnten an der Spitze und war durch Blutvergießen dorthin gekommen. Mit kaum sechzehn Jahren forderte er, der einzige Sohn, seinen Vater, den er als schwach betrachtete, zum Duell und obsiegte. Nach den Regeln der Clans war sein Griff nach der Macht legitim und Arran tat alles, um ein so gewichtiges Exempel zu statuieren, dass niemand es wagte, seine Ansprüche infrage zu stellen. Es hieß, dass er seinen Vater im Duell verkrüppelte und ihn dann, schwer verwundet, auf ein Feuer warf, wo der Mann bei lebendigem Leib verbrannte. Seine Schreie brachten das Blut gestandener Männer zum Gefrieren. Es war eine Art Menetekel, denn zu dem Zeitpunkt, da Arran Laird der Nisbets wurde, war der Clan relativ klein. Arran aber führte den Stamm zu seiner heutigen Größe. Nicht, indem er verhandelte oder seine Töchter klug verheiratete, sondern ebenfalls durchs Blutvergießen. Die Nisbets assimilierten ihre Nachbarn förmlich. Arran forderte konkurrierende Lairds zum Duell, besiegte sie und unterwarf in der Folge ganze Clans, machte sie zu einem Teil der Nisbets.

Der Laird war mittlerweile nah an den fünfzig Sommern und das Leben voller Kämpfe hatte seine Spuren hinterlassen. Sein Gesicht war pockennarbig, Nase und Kiefer standen schief. Bei einem der zahlreichen Führungskämpfe war ihm der Unterkiefer zertrümmert worden und niemals richtig verheilt, so dass er heute nuschelnd sprach. Seine Haare waren silbrig und kurz, er trug einen dichten Backenbart. Sein linker Arm war merklich dünner als der rechte, auch ein Andenken aus einem der vielen Kämpfe, bei der ihm das Handgelenk so gebrochen worden war, dass er die ganz Hand kaum noch drehen konnte. Seine Statur war kräftig, wenngleich die Spannkraft seiner Muskeln langsam nachließ. Er trug einen Kilt in den Farben der Nisbets, dazu ein fleckiges, mittlerweile graues Hemd, das weit geöffnet war und sein volles, krauses Brusthaar zur Geltung brachte.

»Der Bastard!«, grölte er beinah herzlich und hob beide Arme. Arran hatte es sich auf einem Schemel bequem gemacht und speiste. Das Zelt war in der Hälfte unterteilt, Kindergeschrei ertönte hinter der Wand aus Tuch.

»Arran. Laird der Nisbets«, grüßte Fearghas.

»Ach, und den unfähigen Darion hast du auch gleich mitgebracht!«

»Laird Darion!«, empörte sich der Hochgewachsene und seine Hand glitt zum Schwert. Fearghas drängte sich mit der Schulter zwischen die beiden Streithähne.

»Laird Darion Craigie begleitet mich, ja«, versuchte er, den aufziehenden Streit im Keim zu ersticken.

»Muss den Craigies ja beschissen gehen, wenn sie ihn zum Laird gemacht haben«, nuschelte Arran zwischen großen Bissen und deutete mit seinem fettbeschmierten Messer auf seine Gäste.

»Pass auf, was du sagst!«, drohte Darion.

»Ich hab schon immer gesagt, was ich wollte. Du wirst daran nichts ändern, Darion«, stellte Arran klar und schob seinen Teller weg.

»Bist du hier, um mit mir in den Krieg zu ziehen? Dann wirst du lernen müssen, deine Zunge im Zaum zu halten«, sagte Fearghas und schob sich nun vollends vor Darion, der seine Wut nur noch schwer verbergen konnte.

»Mit dir? Einem Bastard? Ich weiß nicht …«

»Arran, du bist hunderte von Meilen durch das Hochland gezogen, noch dazu im Winter. Niemand glaubt dir, dass du das nur gemacht hast, um mir deine Verachtung vor die Füße zu spucken.«

Der Nisbet grinste schief und grunzte, wischte sich den Bart mit dem Handrücken ab.

»Immerhin, auf den Kopf gefallen bist du nicht.«

»Also, warum bist du hier?«

Arran erhob sich, pulte sich Fleischreste zwischen den Zähnen hervor und begann sich ausgiebig zu strecken, was seine Knochen mit einem Knacken beantworteten.

»Ich wollte mir ansehen, ob es stimmt. Ob die anderen Lairds wirklich so dumm sind, dir zu folgen.«

»Du bist ein schlechter Lügner«, schüttelte Fearghas den Kopf. »Dafür ziehst du nicht mit deinem ganzen Clan bis zum Tal von Modan.«

»Das ist nicht mein ganzer Clan«, merkte Arran an und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Oh, sicher. Du hast Frauen, Kinder und Alte daheim gelassen, nehme ich an?«

»Nicht alle Frauen. Sie sorgen für Ablenkung auf der Reise. Und sie sind passable Kriegerinnen.«

»Wie auch immer. Ich schätze du bist mit zweitausend Schwertern hierhergekommen. Nicht, um mich zu beleidigen und nicht, um dich selbst von den Motiven der anderen Lairds zu überzeugen. Du bist hier, weil du scharf darauf bist, Blut vergießen zu können«, fasste Fearghas zusammen und verschränkte die Arme. »Das ist in Ordnung, damit habe ich das kleinste Problem. Ich habe aber ein Problem damit, wenn die Leute nicht mit der Sprache herauskommen und stattdessen Mist erzählen. Arran, wir sind alle erwachsene Männer. Wir müssen nicht mehr versuchen, den anderen zu beeindrucken.«

Arran verzog das Gesicht und ließ seine Fingerknochen knacken.

»Vielleicht hast du recht. Also gut. Ja, ich bin gekommen, weil es in den Krieg geht. Es ist wie ein altes Lied, dessen Klang mich immer lockt. Diesmal auch. Ich saß daheim in Gurvan und schwor mir, nicht an der Seite eines Bastards in den Krieg zu ziehen, egal, wie groß der Lohn auch sein möge. Aber dann verstrichen die Tage und ich hatte viel Zeit. Ich dachte so bei mir, dass dies vielleicht die letzte Möglichkeit ist, fremdes Blut auf fremden Feldern zu verteilen.«

»Mit eigenem hast du ja genug Erfahrung!«, zischte Darion.

»Und mit dir werde ich auch noch fertig«, gab Arran schulterzuckend zurück und fixierte Fearghas dann wieder. »Also, es heißt, du willst in den Süden ziehen, Bastard. Ein paar Bäuche aufschlitzen und Beute einfahren. Da bin ich dabei.«

»Unterstützung kann ich immer gebrauchen«, stimmte Fearghas zu. »Aber das ist nicht so einfach, wie du denkst.«

»Nicht?«, nuschelte der Mann herausfordernd.

»Nein. Du wirst mich als Hochkönig akzeptieren, so wie alle anderen Lairds in meinem Gefolge auch. Und du wirst aufhören, Streit zu suchen«, sagte Fearghas eindringlich.

»Ich bringe dir zweitausend Schwerter. Gute Kämpfer. Ich kann auch einfach wieder nach Gurvan marschieren«, drohte Arran, doch der Hochkönig hatte ihn längst durchschaut und kicherte kopfschüttelnd.

»Das wirst du nicht. Das wissen wir beide. Wem also willst du etwas vormachen?«

»Ich werde mir von einem Bastard nicht vorschreiben lassen, was ich zu tun habe!«

»Doch, das wirst du. Das sind die Regeln. Du wirst sie annehmen oder mit den Konsequenzen leben müssen.«

»Willst du mir drohen?«

»Das wäre doch mal eine Abwechslung«, sagte Fearghas und seine Hand ging zum Schwert. »Du wirst dich meinen Regeln beugen oder ich werde mir deinen Clan nehmen. So wie es Sitte und Gesetz ist. Ich glaube, das muss ich dir nicht erklären?«

Arran zog die Augenbraue nach oben und musterte den Hochkönig von oben bis unten.

»Du könntest es versuchen, ja.«

»Ich bin etwa zehn Jahre jünger als du. Willst du es wirklich darauf ankommen lassen?«

Schweigen breitete sich im Zelt aus, selbst das Geschrei der Kinder verstummte. Die Hitze wurde drückend, die Blicke der Männer verbissen sich ineinander. Dann lachte Arran laut und kehlig auf.

»Du verstehst, wie die Clans funktionieren. Und das, obwohl dein Blut nicht rein ist! Bei den Göttern, meinetwegen nenne ich dich Hochkönig und akzeptiere deine Regeln!«

»Dann bist du im Tal von Modan willkommen.«

»Endlich. Dort soll es ganz angenehm sein«, nickte der Laird.

»Ist es. Sei mein Gast.«

Sie verzichteten auf weitere Höflichkeitsbekundungen. Laird Arran hatte es eilig damit, sein Lager abzubrechen, und auf Fearghas warteten Besprechungen mit anderen Clansfürsten. Das war das Los des Hochkönigs, die Dinge, von denen Niemand wirklich sprach, wenn er von dem Titel schwärmte.

»Du musst vorsichtig mit ihm sein«, raunte Darion ihm zu, als sie das Lager verließen.

Mein Onkel hat recht. Er kann zur Gefahr werden, stimmte Morleos geisterhafte Stimme mit ein.

***

»Dieser verdammte Winter soll endlich vorbei sein«, brummte der alte Westrine und rieb sich die Hände. Der weißhaarige Bauer saß auf seinem alten Korbstuhl genau gegenüber des Kamins und streckte die Hände der Hitze entgegen. Sie vermochte nicht, die schmerzhafte Gicht aus seinen Knochen zu vertreiben.

»Der Schnee geht zurück. Du solltest sehen, wie es bei uns in Himmelskamm ist«, erklärte der andere Mann, der es sich auf einer verzierten Bank bequem gemacht hatte.

»Bin froh, nicht in den Bergen zu leben, Junge«, winkte der Mann kopfschüttelnd ab.

Er war älter als sechzig Sommer, die harte Feldarbeit hatte ihn schneller und stärker altern lassen, als normal. Sein ganzes Leben hatte der Mann auf diesem Gehöft verbracht. Die Arbeit hatte seinen Rücken krumm werden lassen, aber wenn es der Eine wollte, würde er auch im kommenden Frühjahr wieder den Acker bestellen.

»Im Ofental ist es ganz angenehm, auch zu dieser Zeit.«

Der Jüngere trug unverkennbar Clansblut in sich. Allein seine Kleider, ein Kilt in den Farben der Apthachs, gab darüber Zeugnis, doch sein langes, blondes Haar und der gut geschorene Bart im Kontrast zur blassen Haut ließen keine Zweifel. Er war, wie viele Apthachs, ein Bastard. Der Vater Westrine, die Mutter mit Clansblut. Er war etwas älter als zwanzig Sommer, nicht so kräftig, wie man es von den Clansleuten erwartete.

»Ach, Bennoch. Erzähl mir doch nicht davon. Ich bin zu alt, um meinen Hof aufzugeben.«

Bennoch, oder Ben, wie er sich lieber nannte, schmunzelte. Die Wahrheit war, dass der Bauer sich für nichts in der Welt von seiner kleinen Scholle trennen wollte. »Alte Bäume verpflanzt man nicht, ja«, stimmte er zu.

Der alte Mann strich sich durch seinen Bart und kicherte.

»Aber vielleicht wäre es besser, wie?«

»Was meinst du, Ginius?«

»Nun komm schon. Seit zehn Jahren beansprucht ihr Himmelskamm für euch. Und in letzter Zeit schickt ihr eine Menge Späher. Nicht, das ich damit ein Problem hätte«, sagte er und tätschelte dabei seine Geldbörse, »aber das tut ihr doch nicht grundlos. Es heißt, der König plant spätestens im Sommer einen Krieg gegen euch.«

Schlagartig wurde Bens Miene hart.

»Dann soll er kommen.«

»Also ist es wahr?«

»Sag du es mir.«

»Ben, ich bin ein alter Mann. Komme nur alle paar Wochen von meinem Hof um ein paar Waren auf den Markt zu bringen, wenn überhaupt. Was soll ich denn schon wissen? Aber es gibt Gerüchte, das König Atanasio eine Armee zusammenzieht.«

»Deshalb sind wir hier«, nickte der junge Mann und stand auf. Schlagartig hatte er das Bedürfnis, vor die Tür zu treten und nach einem Zeichen seiner Begleiter zu suchen.

»Dann also wieder Krieg«, fasste Ginius mit schwacher Stimme zusammen. »Mir bleibt auch nichts erspart. Zuerst kamen die Clans unter Morleo auf der Jagd nach euch, dann kamen die verfluchten Fercino und die Steuern verdoppelten sich fast. Und jetzt wieder? Ist nicht irgendwann mal gut? Hat das Land in den letzten Jahren denn nicht schon genug Blut gesehen?«

»Es ist nicht so, dass wir Krieg wollen!«, rechtfertigte sich Bennoch.

»Das habe ich auch nicht gesagt«, schüttelte der alte Mann den Kopf. »Aber ihr habt seit über einem Jahrzehnt Himmelskamm besetzt. Ich hätte ahnen müssen, dass es früher oder später so kommen wird.«

Ben blähte die Wangen und ballte die Fäuste.

»Wir werden kämpfen, wenn er uns zwingt.«

»Daran habe ich keinen Zweifel. Aber hast du einen Moment daran gedacht, was es für Leute wie mich bedeutet? Alsbald werden hier wieder tausende Soldaten marschieren. Sie trampeln mir über die Felder und sie beschlagnahmen mein Vieh.«

»Ich …«, begann der junge Bastard, da ging die Tür zum Nebenraum auf und eine alte Frau mit gutmütigem Gesicht kam herein, ein Tablett mit einer dampfenden Kanne und einigen Bechern darauf. Sofort roch es süß nach Nelken.

»Hier, das vertreibt die Kälte«, lächelte sie. Kaum, da sie das Gesicht ihres Mannes sah und die Stimmung erfasst hatte, verschwand das Lächeln. »Was ist los?«

»Krieg!«, tönte Ginius.

»Ach, Väterchen! Was erzählst du?«

»Die Wahrheit! Frag doch Bennoch! In ein paar Wochen haben wir Krieg hier. Ich hab es in den Knochen!«

Die Frau stellte das Tablett ab, stemmte ihre Hände in die Hüften und sah den jungen Clansmann an. Dann zuckte sie mit den Schultern.

»Was hast du denn gedacht, Väterchen? Die Apthachs sind die einzigen im ganzen Reich, die über Jahre den Mut hatten, dem König die Stirn zu bieten. Selbst die Athanatoi hat er schnell besiegt. Es war klar, dass er irgendwann auch gegen sie schlagen wird.«

»Sie sollen sich die Schädel einschlagen. Aber nicht auf unserem Land! Unsere Felder werden sie zertrampeln, diese Tölpel.«

»Sei doch einfach froh, wenn sie nur das machen«, zischte die Frau ihren Mann an.

Hufgetrappel draußen beendete die Unterhaltung abrupt. Ben stürzte zu seinem Waffengurt, eilte zur Tür und riss sie auf. Dem kleinen Gehöft nährten sich zwei Pferde. Vom ersten Moment an wusste Bennoch, dass etwas nicht stimmte. Seine Begleiter waren am Morgen ohne Pferde aufgebrochen, nun erkannte er sie aber in den Sätteln. Es handelte sich um Tiere, die auch die Fercino nutzten. Als ihm dies klar wurde, fluchte er derb und kniff die Augen zusammen. Die Gestalten in den Sätteln machten einen merkwürdigen Eindruck. Eab, der ihre Erkundungsmission angeführt hatte, hielt sich mühsam im Sattel, bei jedem Schritt des Pferdes, drohte er, zu stürzen. Der Mann hatte kurzes braunes Haar, den Bart hatte er sich abgeschnitten, um abseits der Heimat nicht aufzufallen. Er trug einfache Gewänder, nichts an ihm erinnerte an einen Clansmann. Neben ihm ritt Rhona. Die rothaarige Frau mit den Sommersprossen führte das Pferd ihres Begleiters in vollem Galopp am Zügel, mit ihren braunen Augen blickte sie gleichzeitig immer wieder sorgenvoll zu Eab, dann über die Schulter, dann wieder nach vorn. Ihr langer Mantel flatterte im Wind und unter der Winterkleidung darunter schimmerte der Tartanstoff durch.

Sie hatten die Umfriedung hinter sich gelassen und hielten nun auf das Gehöft zu, die Pferde wurden langsamer. Bennoch kam ihnen mit großen Schritten entgegen und half, die Pferde zum Stehen zu bringen.

»Was ist los? Was ist passiert?«, fragte er nervös. Dann sah er den Grund dafür, dass Eab so schlaff im Sattel saß. Zwei gefiederte Bolzen ragten aus seinem Rücken, der Stoff um die Wunden war tiefrot. Ein drittes Geschoss steckte im Oberschenkel des erfahrenen Spähers. Kaum, da das Pferd zum Halten gekommen war, verließ den Reiter vollends die Kraft und er rutschte mit einem lang gezogenen Stöhnen seitlich aus dem Sattel. Ben fing ihn auf und ließ ihn sanft zu Boden gleiten. Rhona sprang aus dem Sattel und kniete sich zum Verletzten. Mit angestrengtem Gesicht untersuchte sie seine Wunden.

»Was ist passiert?«, wiederholte Bennoch seine Frage, gleichwohl es fast offensichtlich war.

»Schnell, hol deine Sachen!«, befahl die Frau.

Er hatte keine Antwort erhalten, doch der Klang ihrer Stimme sagte ihm, dass keine Zeit für Fragen war. Ben schoss in die Höhe und eilte wieder in das Bauernhaus. Im Eingang standen der alte Bauer und seine Frau, doch ohne ein Wort der Erklärung wich er ihren anklagenden Blicken aus und drückte sich an ihnen vorbei, suchte seinen Rucksack.

»Welches Unheil habt ihr angeschleppt, bei dem Einen?«, krähte Ginius Rhona zu. »In welchen Ärger seid ihr nun geraten?«

Die Rothaarige blickte einen kurzen Moment auf und funkelte den Bauern nur bösartig an, dann war ihre ganze Aufmerksamkeit wieder bei ihrem schwer verletzten Kameraden. Eab stöhnte, sein Atem ging rasselnd. Rhona presste die Lippen aufeinander und zückte ihr Jagdmesser, wog es in der Hand.

»Was hast du vor?«, platzte es auch Bennoch, als er mit seinem Rucksack über der Schulter zurückkam.

»Wonach sieht es aus?«, fragte sie kalt.

»Du willst ihn …?«

Er verstummte, die nächsten Worte wollten ihm nicht über die Lippen kommen. Rhona sah auf und ihre Blicke trafen sich, Ben konnte Wut und Verzweiflung in ihren braunen Augen erkennen, aber auch Entschlossenheit.

»Er hat keine Chance, Ben. Wir müssen es tun.«

»Nein! Wir können ihn versorgen! Weg mit dem Messer!«

Gerade, als er beherzt einen Schritt wagen und ihr das Messer entwinden wollte, erklang Ginius Stimme wieder.

»Sind das dort Reiter?«

Ben erstarrte und drehte den Kopf. Den schlammigen Feldweg, den Eab und Rhona gekommen waren, kam nun eine Gruppe Reiter entlang. Selbst auf die Entfernung konnte er das kräftige Rot der Fercino erkennen. Sie waren noch eine Meile entfernt, vielleicht etwas weiter. Die Schockstarre dauerte nur einen kurzen Moment, doch als er sie überwunden hatte, drang ein anderes Geräusch an seine Ohren: den reißenden Klang von Stahl, der durch Fleisch drang. Geschockt erkannte er, dass Rhona dem Verletzten den Dolch in die Leiste gestoßen hatte. Eab riss seine Augen weit auf, keuchte nach Luft und begann zu zucken. Blut lief der jungen Frau über die Hände.

Der Todeskampf des Spähers dauerte nicht lange. Unter Tränen zerrte Rhona das Messer aus der Wunde, griff nach dem Sterbenden und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Dann schnellte sie in die Höhe, der Schock stand ihr ins Gesicht geschrieben.

»Wir müssen weiter. Sonst war alles umsonst«, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme. Ben reagierte nur noch. Er nickte, packte sie bei der Schulter und zog sie zu den Pferden. Während sie aufstiegen, ertönten die Verwünschungen des alten Bauern.

»Ihr verdammten Bastarde! Seht, was ihr angerichtet habt! Unglück bringt ihr! Unglück über meinen Hof! Ich wünschte, ich hätte euch Gesindel niemals meine Tür geöffnet!«

Ohne den alten Ginius eines Blickes zu würdigen, gaben die beiden ihren Pferden die Sporen und preschten vom Hof, hinein in die Felder, ihr Ziel waren die nahen Hänge von Himmelskamm am Horizont. Sie ritten um ihr Leben, schwiegen und blickten nicht zurück. Sie konnten nicht sehen, was die aufgebrachten Fercino-Soldaten mit dem Hof taten, als sie dort ankamen.

Sie rasteten erst wieder, als sie nur noch wenige Meilen vom Eisenpass trennten. Die Fercino hatten sich nicht an ihre Fährten gehängt, dennoch blickten sie immer wieder ängstlich nach Süden, erwarteten jeden Moment Verfolger. Nieselregen hatte eingesetzt und ihre Kleider durchnässt. Nun lagerten sie in einem Wäldchen. Der Abend dämmerte bereits, doch die beiden hatten ihren Pferden auf der halsbrecherischen Flucht alles abverlangt, eine Rast war unausweichlich. In dem kleinen Nadelwäldchen lagen sie unter den ausladenden Ästen einer Tanne und lauschten in den rauschenden Regen.

»Sie sammeln sich«, sagte Rhona unvermittelt. Seit ihrer Flucht vom Bauernhof war das der erste Satz, den sie sprach. Ben verspürte Erleichterung darüber und blickte sie im Halbdunkel an.

»Wie viele?«

»Allein in Mauria haben wir vierhundert Soldaten gezählt. In den anderen Dörfern und Siedlungen liegen sie auch.«

Mauria war ein größerer Flecken, etwa zwei Tagesreisen vom Eisenpass entfernt. Zwar waren dort traditionell einige Soldaten stationiert, aber vierhundert Mann waren der klare Hinweis darauf, dass sich etwas zusammenbraute.

»Also geht es bald los?«

»So, wie wir befürchtet haben, ja.«

Bennoch ging sich mit seinen Händen fahrig durch die Haare.

»Was ist passiert?«

Rhona verzog das Gesicht und blickte dann in die Ferne.

»Er wollte es genau wissen. Ich hab ihn angefleht, wieder umzudrehen. Aber er wollte nach Mauria hinein, sich dort umhören. Ich konnte ihn nicht alleine gehen lassen. Also bin ich ihm gefolgt. Wir schlichen uns an. Es war ganz einfach, die Wachen zu umgehen. Eab wollte zum Müller. Er sagte, er kenne den Mann, hat wohl bei den anderen Erkundungen mit ihm zu tun gehabt. Wir erreichten die Mühle und fanden den Mann. Und dann stellte sich heraus, dass der fette Kerl eine ziemliche Angst hatte, wo doch die Soldaten im Ort waren. Eab konnte ihn beschwichtigen, aber einer seiner Gesellen hat es mit der Angst zu tun bekommen und rannte zu den Fercino. Als die Soldaten kamen, ging es dann ganz schnell.« Sie machte eine Pause und blickte ihn an. »Plötzlich waren überall Bewaffnete. Onkel Eab nahm sein Schwert und kämpfte uns den Weg frei, zündete die Mühle dabei an. Irgendwie schafften wir es in dem Durcheinander zwei Pferde zu klauen. Und dann raus, weg. Ich dachte, wir hätten es schon geschafft, da tauchten diese Armbrustschützen auf. Eab schrie noch etwas, lenkte sein Pferd vor meins – und dann trafen sie ihn.«

Ein Schluchzen entglitt ihrer Kehle. Rhona kämpfte damit, die Fassung zu behalten, doch es gelang ihr nicht. Tränen füllten ihre Augen, ein Beben erfasste sie. Bennoch wusste sich nicht anders zu helfen und legte ihr die Hand auf die Schulter. Doch so sehr er auch nach den richtigen Worten suchte, ihm wollten keine einfallen. Ihre Emotionen brachen sich vollends Bahn, sie suchte seine Nähe und er drückte sie nur schweigend an sich. Es dauerte einige Zeit, bis sie sich wieder beruhigt hatte.

»Wir müssen so schnell wie möglich über den Pass«, verkündete er, als er das Gefühl hatte, wieder etwas sagen zu können.

»Das wird nicht reichen«, schüttelte sie den Kopf.

»Auf den Pässen können wir Armeen aufhalten!«, protestierte er.

»Ja. Wenn die Südländer nur über einen oder zwei Pässe kommen, dann können wir sie dort aufhalten. Zumindest eine Zeit. Aber das werden sie nicht. Die Südländer ziehen in den Krieg, weil sie gewinnen wollen. Und sie haben mehr Soldaten als wir jemals Kämpfer aufbringen könnten. Sie diktieren die Regeln!«

»Woher weißt du das?«

Rhona verzog das Gesicht zu einer Grimasse, ihre Stimme klang etwas gereizter.

»Jeder, der in den Krieg zieht, tut das, weil er gewinnen will. Die Fercino werden es mit aller Macht wollen. Binnen des letzten Jahrzehnts haben sie jeden Feind auf dem Kontinent unterworfen, auf die eine oder andere Art und Weise. Das werden sie auch mit uns tun.«

»Wir müssen trotzdem kämpfen!«, protestierte Bennoch.

»Natürlich müssen wir das und werden es auch«, setzte sie etwas milder nach, als sie begriff, dass er sie falsch verstanden hatte. »Daran besteht kein Zweifel! Nur müssen wir anders kämpfen als gedacht. Der König wird dieses Spiel nach seinen Regeln und zu unseren Ungunsten spielen. Du darfst nicht vergessen, dass selbst Mariza das Knie vor ihm gebeugt hat. Damit ist unsere Ostgrenze offen. Und ich wette mit dir, auch von dort wird es früher oder später Angriffe geben.«

Ben dachte nach. Ihre Worte setzten seine Gedanken in Bewegung, doch so sehr sie auch kreisten, er fand keinen Ausweg aus der düsteren Lage, die Rhona gerade für Himmelskamm zeichnete. Hilflosigkeit und Verzweiflung stiegen in ihm auf, ein fetter, ekelerregender Klos bildete sich in seinem Hals.

»Und was nun?«

»Wir müssen die Pläne ändern«, sagte sie trotzig.

»Was hast du vor?«

»Ich muss zu Onkel Fearghas.«

Die junge, rothaarige Frau war tatsächliche eine Verwandte des neuen Hochkönigs der Clans. Fearghas besaß zwei Geschwister, zu denen das Verhältnis nicht immer das Beste war. Da war einmal Eab, sein älterer Bruder. Er hatte einen anderen Vater als Fearghas, und die Brüder waren sehr verschieden. Eab hatte bekanntlich an diesem trüben Tag sein Leben gelassen. Und dann war da noch Dwena, seine Schwester und die Mutter von Rhona. Dwena hatte ihren Mann beim Marsch auf Himmelskamm damals verloren und sich von da an allein durchs Leben geschlagen. Sie war eine kämpferische Frau, die es mit jedem Mann aufnahm und vor keiner Gefahr zurückschreckte. Rhona war stolz auf ihre Mutter – und wusste, was die ihr in genau diesem Moment raten würde.

»Fearghas? Stimmt es, das dein Onkel neuer Hochkönig der Clans ist?«

»Nach allem was ich weiß, schon.«

»Dann kann er uns helfen!«

In Ben flackerte Hoffnung auf.

»Nicht kann. Wird! Mein Onkel ist Laird der Apthachs. Ohne ihn würde es uns nicht geben. Er wird seinen Clan nicht im Stich lassen. Er muss nur schnell genug erfahren, wie es um uns bestellt ist!«

Neuer Glanz war in den Augen des jungen Mannes entstanden. Seine Gedanken fanden auf einmal Halt an der Hoffnung, die ihre Aussage in sich trug und er klammerte sich daran, wie an einen Felsen in der Brandung.

»Dann werden wir uns trennen?«

»Es wird das Beste sein. Du wirst so schnell wie möglich über den Pass in die Täler. Erzähle allen, was uns bevorsteht! Wir müssen gewappnet sein. Ich werde nach Norden reisen, durch Urions Bollwerk und die Grüne Grenze und dann zu meinem Onkel.«

Bennoch dachte einen Moment nach, hatte aber keine Einwände. Rhona war alt genug, um auch sich selbst aufzupassen, und war noch dazu von ihrer Mutter im Umgang mit den Waffen unterrichtet worden. Wenn es also jemanden gab, dem er die Reise zu den Clans wirklich zutraute, dann war sie es.

»So machen wir es!«, stimmte er zu.

***

Der stämmige Mann mit der krummen, krebsroten Nase und dem ledrigen, von Pockennarben gezeichneten Gesicht hielt seinen Blick gesenkt, während er berichtete. Gleichwohl er ein stolzer Mann war, stand es ihm nicht zu, der Seekönigin in die Augen zu blicken.

»L‘ir und der Eine sollen meine Zeugen sein, Majestät. Meine Route führte mich entlang der Ostküste und in den Häfen sprechen alle darüber: Die Südländer bauen ihre Flotte wieder auf. In Gortana soll das Hämmern und Sägen aus den Werften niemals verstummen, sie spucken Schiff um Schiff aus. Ich schwöre es Euch, König Atanasio baut seine Flotte wieder auf!«

Linnet saß auf ihrem Stuhl mit hoher Lehne, die Hände ineinandergelegt. Nachdenklich lauschte sie dem Bericht des Kapitäns. Es war still geworden in der Halle der Festung.

»Ich will deinen Worten glauben, Kapitän. Aber gibt es mehr als die Berichte, die du aus Kneipen hast? Wir alle wissen, dass Alkohol die wunderlichsten Geschichten erzählen kann.«

Der Mann straffte sich. Sein Kopf zuckte kurz, dann hatte er sich wieder im Griff und ließ den Blick gesenkt.

»Ich wusste vom ersten Moment an, dass ich nicht einfach nur mit Erzählungen vor Euch treten kann, meine Königin. Also habe ich mich bemüht, verlässliche Beweise zu finden. Wenn Ihr erlaubt …?«

Bei dieser Frage machte er einen kleinen Schritt zur Seite, beschrieb eine halbe Drehung und deutete auf einen seiner Begleiter, die in gebührendem Abstand hinter ihm standen, die Köpfe ebenso pflichtschuldig gesenkt. Die Gestalt, auf die er wies, war eine Frau, etwas dünn und mit hoher Stirn. Ihre wettergegerbte Haut ließ keine Zweifel daran, dass sie den Großteil ihres Lebens zur See gefahren war. Ihre Kleider waren schlicht und funktional, der einst farbenprächtige, rote und blaue Stoff von der Sonne ausgeblichen. Linnet taxierte die Frau und entdeckte, dass sie ein dickes, ledergebundenes Buch unter dem Arm trug. Die Neugierde der Königin war geweckt und sie nickte zustimmend.

»Bitte.«

Die dünne Frau trat mit langen Schritten vor, reichte dem Kapitän das Buch. Der nahm es und schwenkte es prophetisch über dem Kopf.

»Das hier«, erklärte er, »ist das Geschäftsbuch eines Pfeffersacks aus Gortana. Er war im Auftrag von König Atanasio unterwegs, um allerlei Dinge für den Schiffsbau zu kaufen. L‘ir meinte es nicht gut mit dem fetten Dreckskerl und ließ sein Schiff bei Bravia an den Felsen zerschellen. Aus dem Wrack konnte man dieses Buch hier bergen.«

Linnet legte die Stirn in Falten und gab dem Hauptmann der Wache ein Zeichen. Seine Rüstung schepperte, als er vortrat und seine Hand nach dem Buch ausstreckte. Der Kapitän zögerte einen kurzen Moment, dann reichte er den Folianten weiter. Der Hauptmann stieg die Stufen zum Thron empor und legte der Seekönigin die Aufzeichnungen des Händlers auf die breiten Armlehnen ihres Stuhls.

»Ihr werdet nichts dagegen haben, wenn ich mich selbst überzeuge?«, fragte sie und begann schon, in dem Werk zu blättern.

»Natürlich nicht, meine Königin«, versicherte der Kapitän.

Linnet überflog die Seiten. Sie waren dicht beschrieben, die Handschrift des Händlers war krakelig und eilig, im Dialekt der Südländer verfasst. Die Königin verstand bei weitem nicht jedes Wort, noch konnte sie alles entziffern, aber sie kam zu dem Schluss, dass zwischen den Buchdeckeln genau das stand, was der Kapitän behauptete. Sie ließ sich Zeit damit, wohl bewusst, dass die Augen auf ihr lagen. Doch sie war die Königin, sie konnte sich so viel Zeit nehmen, wie sie wollte. Irgendwann schlug sie die Buchdeckel geräuschvoll zu und sah den Seefahrer wieder an.

»Meine Schreiber und Berater werden es entziffern müssen. Nach dem, was ich gesehen habe, scheint es echt zu sein.«

»Ja, meine Königin. Das habe ich geschworen.«

»Guter Mann, ich möchte dir glauben. Aber als Herrscherin über die Inseln muss ich mir sicher sein und es prüfen lassen. Es darf überhaupt kein Zweifel aufkommen, denn wenn das stimmt, was du berichtest, geht es um unsere Zukunft.«

»Genau deswegen bin ich mit meinem Schiff hart am Wind gefahren und so schnell ich konnte zu Euch nach Waterford gesegelt, Königin Linnet.«

»Es ehrt dich. Die Inseln stehen in deiner Schuld und als ihre Herrscherin ist es meine Pflicht, diese Schulden zu begleichen.« Sie winkte einen Beamten heran, der dienstbeflissen und aufmerksam den Kopf hob. »Der Kapitän wird einhundert Goldadler für seine Mühen bekommen. Sorgt dafür, dass es ihm und seiner Mannschaft an nichts mangelt, solange sie in Waterford sind«, wies sie an.

»Jawohl, Königin!«

»Ihr seid zu gütig!«, wehrte der Kapitän ab, aber das leuchten in seinen Augen hatte ihn bereits verraten. Die stattliche Belohnung hatte er sich redlich verdient und würde sie nicht wirklich ausschlagen. Seine Worte waren nur ein Zeichen von Höflichkeit und Anstand.

»Wäre ich zu gütig, dann würde es die Inseln heute nicht mehr geben«, lächelte Linnet kühl. »Die Goldadler, die ihr jetzt bekommt, sind für deine Mühen. Wenn sich herausstellt, dass die Aufzeichnungen echt sind, dann will ich mich noch einmal erkenntlich zeigen.«

»Danke, meine Königin.«

»Ihr könnt gehen.«

Die Kammer befand sich in einer der Bucht zugewandten, massigen Wehrmauer der Festung. Deckenhohe Regale säumten die Wände, und in ihnen standen unzählige Bücher und Schriftrollen, lagen gestapelte Pergamente. In der Mitte des Raums, der durch drei mannshohe Scharten in den Wänden Luft und Licht bekam, stand ein schwerer, ausladender Tisch. Von der alten, zerschrammten Oberfläche war nirgendwo etwas zu sehen, überall türmten sich Bücher und Dokumente auf, formten ein regelrechtes Gebirge. Es roch nach Staub und altem Papier, der Muff wich nie ganz aus dieser Kammer, hatte sich in jeder Ritze verfangen. Ein ausgeklügeltes System aus polierten Silberspiegeln fing die Lichtstrahlen, die durch die Scharten fiel, lenkten sie zu einer Art Spiegeltrichter unter der Decke, der wiederum den Raum erhellte. Waren der Himmel bedeckt und die Sonne nicht stark genug oder der glühende Ball am Horizont versunken, konnte man Öllaternen entfachen, die anstatt der Sonne das notwendige Licht lieferten. Es war eine aufwendige und teure Konstruktion, aber sie war es wert gewesen. Ein guter Seelord war ohne seine Schreiber, ohne seine Gelehrten nichts. Lord Aleastan, Vater von Königin Linnet, hatte das im Gegensatz zu seinem Vater erkannt und die Kosten nicht gescheut. Das Ergebnis war bemerkenswert und die Gelehrten im Archiv waren viel effektiver in ihrer Arbeit.

In dieser Nacht saß ein aufgedunsener Mann auf einem der Schemel. Die Öllaternen waren entfacht, über ihren hellen Flammen tanzten Rußfahnen. Die Spiegelkonstruktion bündelte das Licht über dem Tisch und machte die Arbeit erträglicher. Dennoch saß der Gelehrte dort mit mehreren Vergrößerungsgläsern, nahm einmal dieses, einmal jenes zur Hand und studierte das vor ihm liegende Buch akribisch. Es handelte sich um die Aufzeichnungen, die Linnet einige Stunden zuvor von dem treuen Kapitän bekommen hatte. Der fette Mann murmelte und brummte immer wieder nachdenklich, Falten tanzten über seine Stirn. Manchmal legte er die Gläser beiseite, nahm sich einen Griffel und notierte etwas auf einem Stück Pergament, dann ging seine Suche weiter.

Bail würde dieses Jahr fünfzig Sommer alt werden. Seine aufgedunsene fette Gestalt, ließ ihn träge und faul wirken, doch sein Geist war wach und scharf. Er hatte eine ausgeprägte Schwäche für Essen jeder Art, aß täglich für zwei Männer. Sein Körper war schön längst an seine Grenzen geraten, seine Knie schmerzten bei jedem behäbigen Schritt und ohne seinen Gehstock war er nicht in der Lage, sich weit zu bewegen. Das Gewand, das er trug, erinnerte an ein Zelt. Vor zwei Jahren war es noch einigermaßen weit gewesen, doch heute spannte es bereits an vielen Stellen. Das Tragen eines Barts hatte er sich schon vor vielen Jahren abgewöhnt, denn der behinderte ihn einerseits nur bei der Arbeit, andererseits verfing sich darin allerlei. Er hatte fettige Haut, ein Leiden, das ihn schon immer plagte und sein Haar Bestand nur noch aus einigen dünnen Büscheln. Als der Haarausfall eingesetzt hatte, mühte er sich noch jeden Tag ab, die kahlen Stellen mit den restlichen Strähnen zu verdecken, heute war ihm auch das egal. Auf viele Bewohner der Festung und Waterford – wenn er sich einmal außerhalb der Mauern bewegte, was selten vorkam – wirkte er abstoßend, doch er hatte ein gutes, warmes Herz. Sein scharfer Verstand war es, der ihn in die Dienste von Lord Aleastan gebracht hatte. Das war dreißig Sommer her und seitdem war er über einhundert Kilogramm schwerer geworden.

Der Gelehrte unterbrach seine Arbeit und knetete sich das Gesicht, rieb sich die müden Augen. Er streckte sich, und seine Knochen ächzten. Seine fleischige Hand griff nach dem Krug in der Nähe und er bemerkte, dass er ihn bereits vor einiger Zeit geleert hatte. Ärgerlich brummte Bail und schwenkte den leeren Krug in der Hand.

»He! He, Junge!«, sagte er laut.

Auf einem einfachen Stuhl neben der Tür hockte ein Bursche von vielleicht zehn Sommern, die Beine angezogen und die Augen geschlossen. Sein sanftes Atemgeräusch war Zeichen dafür, dass er geschlafen hatte, doch die Stimme des fetten Mannes weckte ihn sofort. Er blinzelte und fuhr sich durch den blonden Haarschopf, dann sprang er vom Stuhl.

»Ja, Meister?«

»Ich habe nichts zu trinken mehr! Und Hunger habe ich auch!«

Bail lehnte sich zurück und die Lehne seines Stuhls knarrte unheilschwanger. Tatsächlich handelte es sich um eine Sonderanfertigung für seine schweren Knochen, doch auch am besten Holz und der ausgefeiltesten Konstruktion hinterließ sein schweres Gewicht nun einmal Spuren. Bail faltete seine Hände auf dem prallen Bauch und sah den Burschen auffordernd an.

»Ich kümmere mich sofort, Herr!«

»Mach das. Und beeil dich!«

Der Bursche griff sich ein ausladendes Tablett, das eigentlich viel zu groß für ihn war, räumte mit schnellen Griffen das herumstehende Geschirr zusammen und balancierte es zur Tür. Währenddessen grummelte es aus dem prallen Wanst des Gelehrten doch tatsächlich.

»Bekommst ja gleich was«, murmelte Bail leise und tätschelte seinen Bauch wie einen alten Freund. Dann ließ er die Fingerknöchel knacken, grunzte und nahm sich wieder die Vergrößerungsgläser.

Irgendetwas stimmte mit den Aufzeichnungen nicht. Bail hatte der Königin gut zugehört, und er fand die Passagen, die sie meinte auch schnell. Der Kapitän hatte die Wahrheit gesprochen, der einstige Besitzer hatte all seine Besorgungen und Aufträge akribisch zwischen den Buchdeckeln protokolliert. Und nicht nur das, es war auch eine Art Log- oder Tagebuch, in dem der Pfeffersack seine Erlebnisse niedergeschrieben hatte. Für Bail passte das nicht zusammen. Er kannte den Händler nicht, war ihm niemals begegnet, aber anhand der Aufzeichnungen glaubte der Gelehrte, schon ein genaues Bild von ihm zu haben. Während die Einträge über Handelsaufträge, abgeschlossene Geschäfte und aufgenommene, gelöschte oder bestellte Waren immer recht ordentlich waren, war es bei den tagebuchartigen Einträgen anders. Es war nicht daran zu rütteln, der Pfeffersack hatte das, was man eine Sauklaue nannte, eine Handschrift, für den man ihn eigentlich so lange verprügeln sollte, bis sie leserlich war. Die Einträge aber fielen durch etwas ganz anderes auf: Einige Buchstaben waren anders geschrieben, hatten einen Schnörkel mehr, andere einen weniger. Immer wieder waren einzelne Worte durchgestrichen und verbessert worden, und zwar in dieser Art und Weise, dass man noch sehr gut lesen konnte, welcher Begriff vorher dort gestanden hatte. Bails Spürsinn war angeschlagen und er vermutete hinter einer derartigen Häufung von Zeichen keinen Zufall, sondern eine Art der Codierung. Das bekannte Problem war nur: Es war der verhältnismäßig kleinere Teil der Arbeit eine Geheimbotschaft ausfindig zu machen. Sie zu entschlüsseln, darin lag die wahre Kunst.

Er machte sich einige Notizen, als der Bursche mit einem vollbepackten Tablett zurückkam. Neben einer Kanne mit verdünntem Wein stapelten sich die Köstlichkeiten darauf: kalte Pastete und fetter Braten, dickes Graubrot und ein Stück süßer Hefezopf. Süßer, stark gezuckerter Apfelkompott und abgehangene Räucherwurst. Und ein abgedeckter Teller mit warmem, kräftigem Eintopf. Bail lächelte dankbar. Es gab die Legende, dass der fette Mann in seinem Leben den Wert einer kleinen Flotte verspeist hatte. Das war sicherlich maßlos übertrieben, doch auf der anderen Seite speiste er besser, als es manche Seelords in besseren Zeiten taten. Ihm mangelte an nichts, und die Herrscher von Königswasser hatten verstanden, dass Bails Körper geschmiert werden musste, damit sein Geist arbeitete. Der Junge stellte das Tablett ab, nahm die Schüssel mit Eintopf und stellte sie vor den Gelehrten.

»Danke«, brummte er mit einem zufriedenen Lächeln, während der Bursche ihm einschenkte. Grüblerisch blickte er auf die abgedeckte Schüssel, entschied sich dann aber doch erst einmal für ein dickes Stück Braten auf einer gebutterten Graubrotscheibe und aß mit großen Bissen. »Willst du auch?«, fragte er den Jüngling mit vollem Mund.

Der Bursche schüttelte den Kopf.

»Nein, Meister. Es ist für euch.«

»Du musst hungrig sein. Also greif zu.«

Bail wusste, dass die Dienerschaft nie Hunger leiden musste, doch ihre Mahlzeiten waren niemals so prächtig wie das, was der Gelehrte bekam. Er schmunzelte, als er in den Augen des Burschen erkannte, wie schwer es ihm gefallen war, abzulehnen. Wahrscheinlich hatte er die meisten der Köstlichkeiten auf dem Tablett noch nie gegessen. »Gutes Essen hält Leib und Seele zusammen. Also nimm«, verlangte er.

Der Bursche legte den Kopf schief, dann streckte er die Hand nach dem süßen Hefezopf aus. Unsicher warf er Bail wieder einen fragenden Blick zu, und der Gelehrte lächelte bestätigend, fragte sich, was dem Jungen bisher passiert sein mochte. Der Diener riss sich ein Stück ab und begann mit kleinen Bissen zu essen. Es schmeckte ihm offensichtlich. »Danke«, murmelte er schüchtern.

»Dafür nicht, Junge. Dafür nicht.«

Bail hatte seine erste Portion schnell verschlungen, griff nach dem Löffel, der auf dem Tablett lag und blickte abschätzend zwischen dem Eintopf und dem gesüßten Kompott hin und her.

»Kommt ihr gut voran, Meister?«, fragte der Junge und riss ihn aus den Gedanken. Bail kratzte sich am Kinn, wurde daran erinnert, dass die Wahl der nächsten Speise nicht so wichtig war, wie er sie gerade machte.

»Leidlich. Ich glaube, der Besitzer des Buchs hat zwischen seinen Aufzeichnungen geheime Botschaften versteckt. Anzeichen dafür gibt es genug, aber ich werde nicht schlau daraus.« Er deutete mit dem Löffel auf die Notizen, die er sich gemacht hatte. »Das ergibt einfach keinen Sinn.«

Der Bursche kaute lang und ausgiebig auf seinem Stück Hefezopf und zuckte mit den Schultern.

»Davon verstehe ich leider nichts, Herr.«

»Noch nicht«, merkte Bail an.

»Ich bin ein einfacher Diener, Herr. Ich kann weder lesen noch schreiben.«

»Das muss ja nicht so bleiben.«

»Wer soll es mir denn beibringen? Niemand interessiert sich für einen einfachen Burschen, Herr.«

»Ich könnte das. Ich könnte dich unter meine Fittiche nehmen, Junge. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste und kann jede helfende Hand gebrauchen.«

»Würdet ihr das …?«

»Sollte ich jemand anderes wählen? Kennst du einen Diener, der besser geeignet wäre?«

»Nun, da gibt es …«, setzte der Bursche an. Bail konnte sich nicht helfen, lachte herzlich auf und schüttelte den Kopf. Der Diener sah ihn irritiert an. »Was denn?«

»Du musst Chancen ergreifen, wenn sie sich bieten. Sonst bleibst du dein Leben lang wirklich Diener. Willst du das?«

»Nein, Meister.«

»Siehst du. Also, wer ist deiner Meinung nach am besten dafür geeignet, mir zur Hand zu gehen?«

»Ich, Herr?«, fragte der blonde Junge leise und unsicher.

»Ja, du!«, dröhnte Bail und klopfte dem Burschen mit seiner fetten Hand auf die Schulter. »Genau du.« Dann fiel ihm der Löffel in seiner Hand wieder ein und seine Augen tanzten erneut zwischen dem Eintopf und dem Kompott. Der Gelehrte entschied sich für den Eintopf, solange der noch warm war. Der Junge hatte ihn wider besseren Wissens auf dem Buch abgestellt, das Bail im Auftrag der Königin untersuchte. Ein Anflug von Verärgerung huschte über die Züge, mehr über sich selbst, dem es nicht schon früher aufgefallen war, als über den Jungen.

»Hiermit musst du aufpassen!«, zischte er dem Jungen zu und griff nach der Schüssel. Sie war nicht mehr so heiß, dass er sich die Finger verbrannte. »Flecken auf Büchern sind eine heikle Sache.« Vorsichtig hob er die Schüssel an, stellte sie zur Seite und hob mahnend den Finger. »So kannst du womöglich etwas zerstören! Das darf nicht …« Schlagartig hörte er auf zu sprechen. Seine Kinnlade klappte herunter und er starrte fassungslos auf das aufgeschlagene Buch. Dort, wo der Bursche den Eintopf abgestellt hatte und die Wärme in die Seiten gedrungen war, waren aus dem Nichts Worte zwischen den Zeilen entstanden.

»Entschuldigung«, stammelte der Diener ängstlich von sich und erwartete offenbar eine Schelte für seinen Fehler. Doch sie kam nicht. Bail starrte stattdessen auf die Botschaften, die der Junge durch einen dummen Zufall sichtbar gemacht hatte. Eilig langte er nach dem Griffel und begann, auf einem anderen Pergament die Botschaft abzuschreiben. Das eine Schimpftirade des Gelehrten ausfiel, verunsicherte den Jungen umso mehr.

Bail leckte sich immer wieder über die Lippen. Murmelte hier ein Wort, nuschelte dort das nächste. Seine Gedanken rasten und der Junge war nur noch eine Randnotiz.

»Schnell, geh in die Küche, Junge.«

»Was? Ihr seid nicht … böse?«

»Böse? Nein! Du hast ein glückliches Händchen! Und jetzt in die Küche mit dir!«

»Und was soll ich dort holen, Herr?«

»Sagt dem Koch, dass ich heiße Steine brauche. Er soll welche einige Zeit in die Glut legen und du bringst sie mir dann, ja? Je schneller, desto besser!«

»Ja, Meister!«

Der Bursche eilte davon, die Verwirrung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er verstand nicht, warum Bail ihm die Aufgabe gegeben hatte, aber wer war er, jetzt zu fragen? Viel glücklicher war er darüber, keine Ohrfeige bekommen zu haben.

Bail beendete seine Notizen und kratzte sich hinter dem Ohr. Es war wirklich ein Glücksfall. Ein Zufall geradezu. All die anderen Dinge, die ihm aufgefallen, die seinem scharfen Geist nicht entgangen waren, sollten ihn ablenken, sollten seine Aufmerksamkeit von einem so einfachen wie alten Trick ablenken, dass Bail ihn nicht einmal in Betracht gezogen hätte. Jetzt musste er sicher gehen. Unschlüssig blickte er zur Tür und hoffte, dass nicht just in diesem Moment jemand hereinplatzen würde. Dann hob er das Buch des Händlers an und presste seine Nase zwischen die Seiten, schnupperte. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus.

»Hm! Zwiebel«, brummte er triumphierend.

***

»Was wird sie wollen?«, fragte der junge Kaiser und sah Symeon dabei zu, wie er seine Rüstung anlegte. Ein Diener hätte ihm dabei helfen können, doch der Offizier lehnte das ab. Er hatte es sein ganzes Leben getan, und der Umstand, dass er jetzt vier Legionen kommandierte, änderte für ihn wenig. Akribisch streifte er das engmaschige Kettenhemd aus kleinen Ringen über das gepolsterte Wams und verteilte das Gewicht gleichmäßig auf den Schultern.

»Sie wird wissen wollen, wann es endlich losgeht, mein Kaiser.«

Arcadius verzog das Gesicht.

»Sind wir denn bereit für den Krieg, Symeon?«

»Jetzt zumindest mehr als im letzten Jahr«, nickte der Mann und nahm den Bänderpanzer vom Gestell. Er taxierte die Rüstung prüfend und legte auch sie an. Während das Kettenhemd lediglich seinen Oberkörper schützte, keine Ärmel besaß und oberhalb der Gürtellinie endete, war der Bänderpanzer länger. Er schützte auch die Oberarme, und seine Beinschürzen deckten den Unterleib ab. Zusammen mit dem Kettenhemd war es eine perfekte, wenn auch kostspielige, Kombination, die bei Bedarf mit Helm, Arm- und Beinschienen ergänzt werden konnte.

»Sie hat Angst«, fasste der Junge zusammen.

»Völlig richtig. Im letzten Jahr haben ihre Lords unter großen Verlusten die Armada besiegt. Die Fercino haben einen schweren Verlust einstecken müssen, zum ersten Mal überhaupt. Aber es gibt sie immer noch – und Atanasio ist ein rachsüchtiger Mann. Er wird diese Demütigung nicht hinnehmen. Er wird wieder angreifen.«

»Wirklich? Er hat doch schon im letzten Jahr viel verloren.«

»Die Verluste kann er ausgleichen. Und Ihr dürft nicht vergessen, aus welchem Grund er die Seekönigreiche angegriffen hat, mein Kaiser.«

Die Blicke des Mannes und des Jungen trafen sich.

»Du.«

»Was?«

Symeon hob verwirrt die Augenbraue.

»Du, Symeon. Es reicht das Du. Wir sind hier unter uns.«

»Wenn es dein Wunsch ist. Aber es ist für mich einfacher, eine Anrede beizubehalten.«

»Du kennst mich so lange. Und meinen Vater vor mir. Es soll das Du bleiben.«

»Dann werde ich es versuchen. Jedenfalls schickte Atanasio wegen euch – wegen dir und Passara – die Armada. Er will euren Tod, das ist sicher. Und es gibt nichts, was ihn davon abbringen wird.«

»Außer, wir gehen zum Angriff über.«

»Ja, das wird es sein, was die Seekönigin will«, nickte Symeon und gürtete sich sein Kurzschwert um. Es war ein schlichtes Wehrgehänge, denn er hatte für sich beschlossen, sich nicht die Eigenheiten und Prunksucht anzugewöhnen, die er bei den anderen hohen Offizieren Westrins gesehen hatte.

»Sie hat Angst um ihr Königreich«, stellte Arcadius fest.