Schicksalsschlacht Kursk - Tom Zola - E-Book

Schicksalsschlacht Kursk E-Book

Tom Zola

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Beschreibung

Der andere Weltkrieg. Im November 1942 geschieht das Unglaubliche: Adolf Hitler, der 'Führer', verunglückt tödlich und hinterlässt ein gigantisches Machtvakuum. Das OKW nutzt die Chance, die uneinige NS-Führung auszuschalten und eine Militärregierung zu bilden, die die Gräueltaten der Nazis beendet und das Reich aus der Misere zu manövrieren versucht. Schnell wird dabei klar: Wenn Deutschland bei den angestrebten Friedensverhandlungen als gleichberechtigter Partner behandelt werden will, muss die Wehrmacht zuvor zumindest ein militärisches Patt erzielen. Zunächst werden die exponierten Truppen der 6. Armee aus dem Raum Stalingrad zurückgezogen und somit vor der Einschließung bewahrt. Dann, im Mai 1943, soll an der Ostfront die Entscheidung fallen: Im Frontbogen von Kursk bietet sich die Möglichkeit, große Truppenkontingente der Sowjets einzukesseln und zu vernichten, die Front entscheidend zu begradigen und der zu erwartenden Sommeroffensive der Sowjets zuvorzukommen. Der Fortgang der alternativen Geschichtsschreibung wird beschrieben aus der Sicht zweier Soldaten der Wehrmacht: Leutnant Engelmann erlebt mit seinem Panzer IV hautnah die schrecklichen Panzerkämpfe um Kursk, sieht sich als Soldat aber in der Verpflichtung, das Grauen des Krieges zu erdulden und sein Bestes für das Deutsche Reich zu geben. Ganz anders Unteroffizier Berning: Eingezogen zur Infanterie und hineingeworfen in einen Krieg, den er nicht kämpfen will, findet er sich zwischen allen Fronten wieder. Nicht nur, dass er in vorderster Front eingesetzt wird und zusammen mit seinen Kameraden gegen an Menschen und Material weit überlegene und zudem tapfer kämpfende Rotarmisten antreten muss; auch sein Vorgesetzter, Unterfeldwebel Pappendorf, der sich dem NS-Regime noch treu verhaftet fühlt, hat es darauf abgesehen, aus Berning einen 'guten Soldaten' zu machen.

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STAHLZEIT

Der andere Weltkrieg

 

 

Die deutsche Alternativweltserie

von

Tom Zola

 

 

Band 1

Schicksalsschlacht Kursk

Inhalt

Titelseite

Prolog

Schicksalsschlacht Kursk

Berlin, Deutsches Reich, 04.11.1942

An Frau Else Engelmann

Außerhalb von Mezhove, Sowjetunion, 13.04.1943

Nördlich von Orel, Sowjetunion, 14.04.1943

Obojan, Sowjetunion, 17.04.1943

Außerhalb von Mezhove, Sowjetunion, 18.04.1943

Luzern, Schweiz, 18.04.1943

Nördlich von Ponyri, Sowjetunion, 02.05.1943, Heeresgruppe Mitte

Nördlich von Ponyri, Sowjetunion, 03.05.1943, Heeresgruppe Mitte

Östlich von Stroitel', Sowjetunion, 03.05.1943, Heeresgruppe Süd

Nördlich von Ponyri, Sowjetunion, 03.05.1943, Heeresgruppe Mitte

Prochorowka, Sowjetunion, 03.05.1943, 5. Gardepanzerarmee

Östlich von Stroitel', Sowjetunion, 03.05.1943, Heeresgruppe Süd

Nördlich von Ponyri, Sowjetunion, 03.05.1943, Heeresgruppe Mitte

Östlich von Stroitel', Sowjetunion, 03.05.1943, Heeresgruppe Süd

Nördlich von Ponyri, Sowjetunion, 03.05.1943, Heeresgruppe Mitte

Südlich von Osërowka, Sowjetunion, 03.05.1943, Heeresgruppe Süd

Nördlich von Ponyri, Sowjetunion, 03.05.1943, Heeresgruppe Mitte

Südöstlich von Lutschki I, Sowjetunion, 03.05.1943, Heeresgruppe Süd

Prochorowka, Sowjetunion, 04.05.1943, Kurskfront

Luzern, Schweiz, 04.05.1943

Westlich von Ponyri, Sowjetunion, 04.05.1943, Heeresgruppe Mitte

Lutschki I, Sowjetunion, 04.05.1943, Heeresgruppe Süd

Westlich von Ponyri, Sowjetunion, 04.05.1943, Heeresgruppe Mitte

Lutschki I, Sowjetunion, 05.05.1943, Heeresgruppe Süd

Ponyri, Sowjetunion, 05.05.1943, Heeresgruppe Mitte

Südwestlich von Prochorowka, Sowjetunion, 06.05.1943, Heeresgruppe Süd

Südwestlich von Prochorowka, Sowjetunion, 06.05.1943, Kurskfront

Bei Olchowatka, Sowjetunion, 06.05.1943, Heeresgruppe Mitte

Belp, Schweiz, 07.05.1943

Bei Olchowatka, Sowjetunion, 08.05.1943, Heeresgruppe Mitte

Belp, Schweiz, 08.05.1943

Südlich von Kursk, Sowjetunion, 10.05.1943, Heeresgruppe Süd

Nördlich von Kursk, Sowjetunion, 11.05.1943, Heeresgruppe Mitte

Ploskino, Sowjetunion, 12.05.1943, Kurskfront »Im Kessel«

Birsfelden, Schweiz, 14.05.1943

Westlich von Kursk, Sowjetunion, 16.05.1943, Heeresgruppe Süd

Bern, Schweiz, 16.05.1943

Kursk, Sowjetunion, 18.05.1943

Östlich von Lgow, Sowjetunion, 19.05.1943, Kurskfront »Im Kessel«

Südlich von Kursk, Sowjetunion, 26.05.1943

Südwestlich von Poltawa, Sowjetunion, 26.05.1943

Nachspiel

Danksagung

Abkürzungen militärischer Einheiten

Personenverzeichnis

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Impressum

Prolog

Der Herbst drückte bereits mit aller Macht gegen Europa und ließ so auch kühle Brisen über Niederösterreich hinwegfegen, als ein kräftig gebauter Mann mit hoher Stirn vor die Türe eines feinen Anwesens trat. Die Nacht hatte Wiener Neustadt fest im Griff. Der Mann trug einen dunklen Mantel und hob die rechte Hand, um an die Türe zu klopfen, dann erstarrte er. Schreckhaft blickte er sich nach allen Seiten um, doch die Straßen waren leer.

Die linke Hand des Mannes umfasste den Griff seiner Tragetasche fester, danach endlich klopfte er – ganz sachte, so als habe er Angst, jemand außerhalb des Hauses könnte ihn hören. Er vernahm, wie sich eine Person von innen auf die Haustür zubewegte.

Sekunden zogen sich wie Ewigkeiten. Wieder blickte sich der Mann nach allen Seiten um, weit weg kläffte ein Hund. Instinktiv zupfte er sich seinen Mantel zurecht, so, als könne dieser ihn vor Angreifern oder auch nur unerwünschten Mitwissern schützen. Keine Frage, Erhard Milch hatte sich in Lebensgefahr begeben.

Endlich öffnete sich die Türe und ein Mann Anfang 50 streckte sein scharfkantiges Gesicht heraus. Er musterte den Gast einen Wimpernschlag lang, dann bat er ihn herein.

»Moin Erwin«, wisperte Milch in seiner für ihn typischen, norddeutschen Redensart und streckte seinem Gegenüber die Hand zum Gruß hin. Dieser knallte die Hacken zusammen, salutierte zackig und schüttelte Milch anschließend erst die Hand. Dann flatterte tatsächlich ein Lächeln über die sonst so ernste Miene des Generalfeldmarschalls Erwin Rommel.

Er führte seinen Gast zügig ins Wohnzimmer, wo ein weiterer Mann bereits auf sie wartete, den Rommel umgehend als Erwin von Witzleben, ebenfalls Generalfeldmarschall, vorstellte. Hände wurden geschüttelt, dann nahmen die drei Männer am Esstisch Platz, einem massiven Werkstück mit gedrechselten Beinen.

Von Witzleben, dessen schwindendes Haupthaar kaum noch die Kopfhaut zu bedecken vermochte, begann umgehend zu sprechen: »Zeigen Sie uns, was Sie haben.«

Milch nickte, öffnete seine Tasche und zog einen großen, scheinbar bis zum Bersten gefüllten Umschlag heraus, den er auf die Tischplatte legte und Rommel und von Witzleben zuschob. Letzterer öffnete den Umschlag und nahm eine Fülle an Papieren und Fotos heraus. Rommel ergriff auf Anhieb das oberste Dokument, »Lager Dachau« stand darauf. Von Witzleben inspizierte unterdessen die Fotos und seine Augen wurden größer.

»Die Luftwaffe nutzt das Lager zu Testzwecken, aber seit zusätzlich auch die SS dort vertreten ist, geschehen da ganz abscheuliche Dinge«, kommentierte Milch, auch wenn jegliche Bemerkung in Anbetracht der Fotos überflüssig war. Die Bilder machten die grausigen Vorahnungen einiger deutscher Offiziere zur bitteren Wahrheit: Die Nazis hatten mit dem Ermorden ganzer Bevölkerungsgruppen begonnen.

»Der GröFaz und seine Bande sind endgültig zu weit gegangen. Das … das hat nichts mehr mit Krieg zu tun.« Von Witzleben flüsterte mit zitternder Stimme. Rommel, der sich niemals negativ über seine Vorgesetzten äußern würde – nicht einmal über ihn –, nickte nun mit zusammengepressten Lippen, was für seine Verhältnisse eine starke Geste war. Die drei Männer blickten sich an und in diesem Augenblick einte sie eine Idee.

Schicksalsschlacht Kursk

Berlin, Deutsches Reich, 04.11.1942

Es war bereits drei Uhr nachts durch, doch in einem Fenster einer kleinen Wohnung in Berlin Lichterfelde brannte noch immer die Beleuchtung. Die letzten Bombenangriffe auf die Stadt waren nun schon beinahe ein Jahr her, und so wurden die Menschen allgemein wieder nachlässiger.

Der beleuchtete Raum im Inneren der Wohnung war ein bescheiden eingerichtetes Schlafzimmer mit einem schmalen Bett an einer Wand – eine Frau fehlte in diesem Hause schon viel zu lange.

Ein alter Mann im Pyjama saß mit Schweißperlen im Antlitz auf der Bettkante und rieb sich die Augen: Generaloberst außer Dienst Ludwig Beck war ein dürrer und bisweilen faltiger Mann, dessen letztes Lebensdrittel sichtlich an seinem Körper zehrte. Doch es waren nicht nur die körperlichen Gebrechen, die ihn umtrieben. Gedanken kreisten in seinem Kopf und ließen ihn einmal mehr nicht schlafen. Natürlich war da irgendwo auch Angst in ihm, denn was er seit Jahren schon trieb, war ein gefährliches Spiel.

Beck erhob sich schließlich, um ein Stofftuch aus dem Badezimmer zu holen, damit er sich die schweißnassen Achseln trocknen konnte. Die kühle Luft, die von draußen in seine Wohnung drang, ließ ihn erschauern und frösteln.

Er schritt an seinem Schlafzimmerfenster vorüber und warf einen kurzen Blick auf die menschenleere Straße draußen und die Reihenhäuser gegenüber. Natürlich erspähte Beck umgehend auch den schwarzen Mercedes mit dem Ersatzrad auf der rechten Seite über dem Kotflügel.

Das Fahrzeug war zu einem ständigen Begleiter in seinem Leben geworden, und er fragte sich manchmal, ob seine Schatten von der Gestapo überhaupt selbst noch daran glaubten, unentdeckt zu agieren, oder ob es sogar Teil ihrer perfiden Einschüchterungstaktik war, sich stets und ständig offen zu zeigen.

Mit einem schweißnassen Stofftuch kehrte Beck schließlich ins Schlafzimmer zurück. Tiefe Augenringe schienen sein Gesicht nach unten zu ziehen. Halb gebeugt – Rückenschmerzen setzten ihm zu – blieb er vor seinem Schlafzimmerfenster stehen und blickte abermals hinaus auf die Straße und die zur Zeit des Kaiserreichs erbauten Reihenhäuser. Plötzlich versteinerte Beck. Seine Augen zuckten, sein Herz schlug ihm mit einem Male bis zur Kehle hinauf und drohte, ihm die Luft abzuschnüren. Er schluckte kräftig und zupfte an seinem Adamsapfel, während seine Stirn frische Schweißperlen ausspuckte. Was er dort unten sah, gab ihm die Gewissheit, sein buntes Treiben würde nun doch ein Ende finden: Der Mercedes war verlassen, dafür marschierten zwei dunkle Gestalten schnurstracks die Straße hinauf und somit genau auf Beck zu. Schwarze Ledermäntel und Hüte, dachte der alte General und zog krachend die Nase hoch, Ziviltarnung nennen die das. Dabei läuft kein Mensch so herum.

Beck hatte den Schrecken der Angst rasch hinter sich gelassen und seine Körperfunktionen wieder unter Kontrolle. Er konnte noch atmen und er konnte noch stehen, mehr verlangte die Situation nicht von ihm. Er drückte sein geschundenes Kreuz durch und spürte, dass es seinen Körper schon viel zu lange hatte tragen müssen. Dann schlich er zum Kleiderschrank hinüber und zupfte Hemd und Hose aus den fein säuberlich einsortierten Wäschestapeln. Er wollte zumindest in würdevoller Kleidung vor den Richter treten – und er wollte aufrecht dem entgegengehen, was da kommen mochte. Beck wusste, dass ihn der Tod erwartete – mit Glück der Freitod –, doch den Preis war er bereit zu zahlen, zur Wahrung seiner Prinzipien – dies hatte er sich von Anfang an bewusst gemacht. Er würde sich nicht verbiegen bis zum Bersten, nur um dieser Bande zu gefallen, so wie es viele seiner Kameraden getan hatten. Noch während er sich anzog, überkam ihn diese Wut, die sein humanistisches Herz zum Flattern brachte. Ja, er war bereit! Dann klingelte es. Augenblicke später öffnete Beck die Haustüre und blickte in ziemlich bedröppelte Gesichter zweier Gestapo-Männer; der eine war jung und der andere wohl bereits Ende 40. Mit solch einem Anblick hatte der alte General nicht gerechnet. Die beiden Männer schauten zu Boden und schienen in ihrem Weltbild erschüttert. Wo ist denn die Arroganz dieser Leute hin?

»Herr General, wir müssen Sie bitten, uns zu folgen«, flüsterte der Ältere und schaffte es nicht, Beck dabei in die Augen zu sehen. Der General nickte ernst und folgte.

*

Ludwig Beck trat durch die schwere Holztür und fand sich im Büro von General Friedrich Fromm wieder, seines Zeichens Befehlshaber des Ersatzheeres und Chef der Heeresrüstung. Wie Fromm selbst, zeugte auch das Büro von dessen überschwänglichem und einem deutschen Offizier unwürdigen Lebensstil. Mannshohe Gemälde – Stillleben, die weite Landschaften zeigten – hingen an den Wänden und rote Vorhänge verdeckten die Fenster, während ein großer Perserteppich den Boden ausstaffierte. Die Wände selbst waren mit hellem Holz vertäfelt und reflektierten das Licht kleiner Schirmlampen, die in allen Raumecken auf Kommoden standen, angenehm in den Raum zurück. Doch Beck war hier nicht alleine – ein Dutzend ranghoher Offiziere stand im Raum verteilt, und nun, da Beck endlich da war, richtete sich die Aufmerksamkeit aller einzig auf ihn. Der alte General stand einen Moment lang da wie angewurzelt und blickte in die Gesichter seiner alten Kameraden, deren Uniformen mit Orden übersät waren und deren Mienen treffend die Anspannung wiedergaben, die den Raum erfüllte. Beck kannte die meisten von ihnen, zumindest flüchtig, und war überrascht, sogar einige eigentlich ausrangierte Persönlichkeiten unter den Offizieren zu erspähen: Von Brauchitsch und von Blomberg waren dabei, aber ebenso von Witzleben, Canaris, Milch, Rommel, von Bock, von Leeb; so als würden heute Nacht alle Fronten stillstehen, damit die Generalfeldmarschälle des Reiches zu einem Klassentreffen zusammenkommen konnten. Wenn vor allem Rommel trotz der Lage in Afrika hier war, dann musste wahrlich etwas Großes im Argen liegen.

Nach Sekunden des ehrfürchtigen Schweigens trat von Witzleben aus der grauen Masse heraus und schritt auf Beck zu. Er ging vor dem alten General in Grundstellung, spannte seinen Körper auf ein Höchstmaß an und salutierte mit demütiger Miene. Beck erwiderte, dann folgte ein knapper Handschlag.

»Wir sind froh, dass Sie hier sind, Herr General«, begann von Witzleben ohne jeden Unterton. Beck blickte einmal mehr in die ernsten Mienen der anderen und fand auch in ihnen Zustimmung.

»Was ist geschehen?« Er wollte umgehend wissen, worum es ging – und von Witzleben redete nicht lange um den heißen Brei herum: »Gestern Vormittag ist die Führermaschine irgendwo über Ungarn verunglückt.«

Becks Blick kämpfte sich durch die Angespanntheit der Situation und wanderte über die Gesichter seiner alten Kameraden. Er presste die Lippen aufeinander und kurz – ganz kurz – zitterte sich ein Lächeln an die Oberfläche.

»Ich muss schon sagen, meine Herren. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie am Ende doch den Mumm aufbringen würden, die Sache zu Ende zu bringen. Alle Achtung … alle Achtung.« Beck war nicht eingeweiht gewesen, doch das war nun egal. Er sah ganz plötzlich bessere Zeiten auf Deutschland zukommen.

»Nein«, bereitete von Witzlebens Stimme den Gedanken Becks ein jähes Ende, »Sie verstehen nicht. Der Führer ist verunglückt.«

Becks Verwirrung blieb den anderen nicht verborgen, sodass sich nun Milch zu Wort meldete: »Wie Sie wohl wissen, hat das Offizierskorps damit begonnen, einen Umsturzplan auszuarbeiten, aber das braucht Zeit. Wir haben mit einer Machtübernahme nicht vor Mitte nächsten Jahres gerechnet.«

Becks Augen weiteten sich. »Das heißt …«, begann er und musste den Satz wahrlich nicht beenden.

»Richtig«, schaltete sich wieder von Witzleben ein. Der Generalfeldmarschall knetete seine Hände. »Er ist tatsächlich verunglückt. Und jetzt stehen wir da – vor vollendete Tatsachen gestellt, ohne irgendetwas in der Hand. Es gibt keine Regelung für seine Nachfolge. Das ganze Land, alles ist so sehr auf seine Person ausgerichtet, dass wir jetzt sehr vorsichtig sein müssen.«

Blitzschnell schoss Beck ein wichtiger Gedanke durch den Kopf. Mit scharfer Stimme fragte er: »Was ist mit den anderen?«

Nun schaltete sich Fromm in das Gespräch ein. Der riesige Offizier trat einen Schritt vor: »Keine Sorge, die sind außer Gefecht. Der Reichsheini dachte, er könnte die Situation ausnutzen und hier in Berlin alles an sich reißen. Meine Leute haben seinem jämmerlichen Putschversuch am Abend ein Ende bereitet und ihn festgesetzt. Und das fette Schwein sammelt zur Zeit hier in Berlin seinen Gefängnisaufenthaltsorden.« Ein Grinsen huschte über die Lippen einiger Anwesender. »Der Klumpfuß steht in seiner Wohnung unter Hausarrest.«

Beck rümpfte die Nase. Das ist ein Anfang, dachte er, dann fügte er laut hinzu: »Ist aber noch nicht die ganze Bande.«

»Deshalb brauchen wir Sie, Herr General.« Von Witzlebens Stimme hatte fast etwas Bittendes. Beck entging nicht, dass Rommel langsam nickte. Von Witzleben fuhr fort:

»Das Land wird im Chaos versinken, wenn wir nicht schnell handeln. Die ganzen Opportunisten werden jetzt aus ihren Löchern kommen, um sich ihr Stück vom Kuchen zu holen, darum müssen wir heute noch eine stabile Regierung bilden, sonst war es das.« Beck nickte und erkannte bereits, wo die Reise hingehen sollte.

»Eine stabile Regierung kann aber nur gelingen, wenn wir der Öffentlichkeit eine Persönlichkeit anbieten, die großen Rückhalt genießt. Und da kommen Sie ins Spiel.«

Becks und von Witzlebens Blicke trafen sich.

»Herr General, wir brauchen Sie! Wir möchten Ihnen daher den Posten des Reichspräsidenten in unserer neuen Reichsregierung anbieten.«

Becks Herz schlug wild in seiner Brust. Mit einem Augenblick hatte sich alles geändert, plötzlich gab es wieder Hoffnung.

»Meine Herren«, erwiderte er, »ich stehe Ihnen zur Verfügung.« Kaum waren diese Worte gesprochen, verpuffte spürbar ein Teil von der Anspannung, die im Raume stand. Beck streifte seinen Mantel ab und hängte ihn an den Ständer neben der Tür, denn er wollte umgehend zur Tat schreiten.

»Zwei Dinge haben Vorrang vor allem anderen«, begann er und baute sich mit fordernder Körperhaltung vor den anderen Offizieren auf. »Erstens: Wir nehmen umgehend Waffenstillstandsverhandlungen mit allen Kriegsgegnern auf. Zweitens …«

Die Offiziere blickten sich an, bis Rommel dem aufbrausenden Beck ins Wort fiel: »Herr General, da muss ich direkt dazwischenschlagen. Wir wollen Sie als Reichspräsident haben, nicht als Kanzler. Generalfeldmarschall von Witzleben wird als Kanzler die Geschicke der Nation leiten. Sie sollen mit Ihrer Person für die nötige politische Stabilität sorgen und der neuen Regierung den Rücken decken. Mehr nicht.«

Plötzlich war Beck wieder isoliert. Er sah sich einer Front von Kriegstreibern gegenüber, doch Rommel erklärte ihm das Anliegen des Offizierskorps: »Sehen Sie, Herr General, die Lage ist sicherlich nicht einfach, doch wir müssen die Fakten auf den Tisch legen.« Rommel trat nun direkt vor Beck und blickte ihn an. Die gerade Körperhaltung des alten Offiziers und die scharfen Konturen seines Antlitzes ließen ihn ungeheuer autoritär wirken – selbst auf den älteren und menschenerfahrenen Beck. Rommel war ein ganz eigener Schlag Mensch, dessen Ausstrahlung man sich nur schwerlich entziehen konnte.

»Schauen Sie sich an, wer unsere Feinde sind«, schallte Rommels schwäbischer Dialekt durch den Raum, »mit Stalin im Osten und Churchill im Westen haben wir bei Friedensverhandlungen nichts zu erwarten. Churchill selbst sagte am Tag der englischen Kriegserklärung, sein Ziel sei die Vernichtung Deutschlands. Das hat er immer wieder bekräftigt. Über Stalin brauchen wir gar nicht erst sprechen. Bitte verschließen Sie also nicht die Augen vor der Realität.«

»Hinzu kommt der Große Krieg«, warf Generalfeldmarschall Fedor von Bock aus der zweiten Reihe ein. Becks Augen verengten sich, während er Rommel fokussierte.

»Von Bock hat Recht. In den Augen der Welt haben wir den Großen Krieg begonnen … und nun …« Rommel hielt einen Augenblick lang inne und starrte Beck mit festem Blick an. »… und nun das …«, sagte er bloß und jeder wusste, worauf er hinaus wollte.

»Also wollen Sie weitermachen?«, resümierte Beck und verschränkte die Arme. »Sie bringen zu Ende, was er begonnen hat, oder wie darf ich das verstehen?«

»Nein!« Rommels Antwort darauf kam entschieden. »Das Kriegsglück steht in diesen Wochen auf der Kippe und unsere Gegner werden mit jedem Tag stärker. Lassen Sie uns jetzt handeln und den Krieg fortsetzen, um mindestens ein militärisches Patt zu erreichen. Dann haben wir eine gute Ausgangslage für Friedensverhandlungen. Im Augenblick allerdings akzeptieren die Alliierten nichts als eine bedingungslose Kapitulation.«

»Und Millionen Deutsche werden dabei umkommen«, warf Beck ein.

»Damit haben Sie Recht. Aber unser Vaterland wird überleben. Wir retten unser Volk davor, von den Alliierten zerrissen und zu Bauern gemacht zu werden, die für den englischen oder russischen Wohlstand schuften sollen.«

Verdammt, dachte Beck, der alte Hund hat mich tatsächlich ins Grübeln gebracht. Ist es denn die Möglichkeit? Und Beck grübelte. Dann, nach Sekunden, die sich wie Ewigkeiten hinzogen, nickte er ganz langsam und sprach: »Nun gut … aber nur unter folgenden Bedingungen …«

»Schießen Sie los, Herr General.« Von Witzleben knetete seine Hände heftiger.

»Erstens: Entmachtung der ganzen Bande des böhmischen Gefreiten – auch im Offizierskorps. Zweitens: Umgehende Auflösung der Waffen-SS, der SA und anderer Organisationen, denn das Waffenmonopol muss wieder bei der Wehrmacht liegen. Drittens …«

»Keine Bange«, warf Rommel ein. »Keine Bange. Der Punkt steht ganz oben auf unserer Agenda. Die Verbände der SS werden aufgelöst und deren Soldaten über die gesamte Wehrmacht verteilt, mit dem Ziel, diese Strukturen vollständig zu zerschlagen. Wie Sie treffend feststellten, das Waffenmonopol muss bei der Wehrmacht als rechtmäßiger Militärinstitution des Reiches liegen.«

»Drittens: Kriegsverbrechen. Eine Regierung, an der ich mich beteiligen soll, darf keine Kriegsverbrechen mehr dulden. Nicht in Russland, nicht in diesen ominösen Lagern. Wer in diesen Punkten Schuld auf sich genommen hat, wird aus dem Kreise deutscher Soldaten ausgeschlossen … muss ausgeschlossen werden. Eine Regierung, an der ich mich beteiligen soll, muss sich dem Humanismus verpflichten.«

»Da brauchen Sie sich keine Sorgen machen. Die SS wird schließlich aufgelöst, die Soldaten der Lagerverbände nicht mal integriert. Und die Wehrmacht ist sowieso sauber geblieben«, ertönte nun die Stimme von Canaris, Chef der Abwehr. Becks Augen verengten sich und er fokussierte Canaris wie ein Raubtier, das zum Sprung ansetzt. »Wir können über alles reden«, erwiderte er in scharfem Tonfall, »aber Sie brauchen nicht meinen, mich für dumm verkaufen zu können. Dieser Krieg ist ein dreckiger Krieg, und da hat sich keine Seite mit Ruhm bekleckert, auch unsere nicht.«

Einige nickten, andere schienen da anderer Meinung. Doch das war nun nicht wichtig. Wichtig war einzig, dass mit dieser Konversation die Grundpfeiler einer neuen Militärregierung gelegt wurden.

Beck klatschte dramatisch in die Hände.

»Also dann, meine Herren.« Er blickte in die Gesichter seiner alten – neuen – Kameraden. Rommel nickte zufrieden.

»Ich hoffe allerdings, hier ist niemand von Ihnen dem Wahnsinn verfallen, bald Wahlen abhalten zu wollen?« Beck schaute in die Runde und nun grinsten alle.

*

Eine Stunde später waren die hohen Offiziere wieder auseinandergegangen. Die Masse der Männer suchte nun Schlaf, um am nächsten Tag in aller Frühe alles Erforderliche in die Wege zu leiten. Bloß von Witzleben und Canaris, der die ganze Zeit schon eine Akte in den Händen hielt, blieben noch einen Moment auf dem holzvertäfelten Flur stehen.

»Bitte«, sprach der Chef der Abwehr, »auch wenn es spät ist. Das hier duldet keinen weiteren Aufschub. Schon schlimm genug, dass Fellgiebel das im Sommer nicht an den Führer weitergeben wollte.«

Der neue Kanzler des Deutschen Reichs, Erwin von Witzleben, nahm die Akte entgegen und las den Titel: »Bericht über die Aushebung des sowjetischen Agentennetzwerkes in Warschau.«

13.4.1943An Frau Else Engelmann(23) BremenHagenauer Str. 21

Liebste Elly,

endlich komme ich dazu, Dir wieder zu schreiben und ich will Dir gleich sagen, daß ich Dich von ganzem Herzen vermisse. Ich wette, Du bist bereits ganz verrückt vor Sorge, weil es zuletzt doch viel Bewegung hier an der Ostfront gab, doch lass Dir bitte gesagt sein, dass Du ganz beruhigt wegen mir sein kannst.

Seit Stalingrad bin ich davon überzeugt, dass unserer Armee eine ganze Division voller Schutzengel beiwohnt. Wenn ich daran denke, was unserer 6. Armee passiert wäre, hätten uns Paulus und von Manstein nicht in letzter Sekunde aus der Stadt geholt! Ich bete jeden Abend seitdem zum Herrgott. Bitte lache nicht über mich!

Zurzeit befinden wir uns zum Glück im Hinterland und wir machen nichts als Ausbildung und schonen uns. Aber ich will Dich nicht mit militärischem Allerlei überfrachten, ich will Dir nur sagen, dass sich einiges hier gebessert hat seit dem Winter! Paulus ist ein fähiger Mann und wird uns wohl nicht verheizen. Aber nun zum Wichtigsten: Wie geht es der Kleinen? Hört sie artig auf ihre Mama? Hast Du schon ruhige Nächte oder jammert der kleine Stinker Dir noch stündlich die Ohren voll? Jetzt ist es schon wieder vier Monate her, dass wir uns gesehen haben, und der nächste Fronturlaub wird noch auf sich warten lassen. Solange muss ich wohl den Sommer in Russland genießen. Es schmerzt mich, Gudruns halbes Leben zu verpassen, aber wenn das alles hier vorbei ist, holen wir die verlorene Zeit nach! Bitte grüße Du ganz lieb meine Mutter und meinen alten Herrn. Er soll endlich aufhören, so viel Kuchen zu futtern! Grüße auch Deine Eltern und Deine Schwester. Ich denke an Euch. Immer. Jeden Tag.

 

Dein Sepp.

Außerhalb von Mezhove, Sowjetunion, 13.04.1943

Nach der Beinahe-Katastrophe in und um Stalingrad und den anschließenden harten Kämpfen des Winters in der Region zwischen Stalins Stadt und dem Asowschen Meer, hatte das Panzer-Regiment 2 große Verluste hinnehmen müssen. Die Russen waren mit einem unglaublichen Aufgebot an Männern und Material gegen die Linien der Heeresgruppen A und B geschwemmt und hatten die Front schließlich bis Maikop und Rostow zurückgedrückt, wo die feindliche Offensive endlich ein Ende nahm und den ausgezehrten deutschen Kräften eine Pause gönnte. Die 16. Panzer-Division war auf 45 Prozent ihres Solls abgeschmolzen und musste somit dringend aus den Kämpfen herausgezogen werden, was vor vier Wochen endlich geschehen war. Das Panzer-Regiment 2 hatte es nicht ganz so hart erwischt – dennoch, die Auszeit im Hinterland war bitter nötig. Hier wurde das Regiment nun mit Personalersatz und neuen Panzern versorgt.

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