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Todd Matthews ist fassungslos: Seine Verlobte Ashley hat sich erhängt! Hat ihr Selbstmord etwas mit dem Resort-Massaker zu tun, das sich vor fünf Jahren ereignete? Damals erkundete Ashley zusammen mit Freunden ein verlassenes Hotel, bis der irre Wraith-Schlitzer über sie herfiel. Er ermordete alle … alle, bis auf Ashley … Sie hinterließ einige Hinweise, was in dieser Nacht wirklich passiert ist. Deshalb kehrt Todd in das verfallene Hayden Resort zurück. Er will die Identität des Killers enthüllen – was er herausfindet ist jedoch nicht das, womit er gerechnet hat. Horrornews: »Ein beängstigendes Spektakel.« Gingernutsofhorror: »Eine unterhaltsame Variante des Final-Girl-Mythos« Scifiandscary: »Wie eine Reminiszenz auf die Slasher-B-Movies der 80er-Jahre.«
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Seitenzahl: 511
Veröffentlichungsjahr: 2022
Aus dem Amerikanischen von Susanne Picard
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe Slash
erschien 2019 im Verlag Flame Tree Press.
Copyright © 2019 by Hunter Shea
Copyright © dieser Ausgabe 2022 by Festa Verlag GmbH, Leipzig
Lektorat: Katrin Hoppe
Titelbild: Arndt Drechsler-Zakrzewski
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-86552-999-2
www.Festa-Verlag.de
Für den Mann, der Splatterfilme
so sehr mag wie ich:
Jason Kwap.
»Nach Camp Blood geht’s also, ja?
Da kommst du nie wieder zurück.
Da liegt ein Fluch drauf!«
Crazy Ralph in Freitag der 13.
»›War das der Schwarze Mann?‹ –
›Allerdings. Das war er.‹«
Halloween
»›Oh, ich wünschte,
ich hätte gründlicher aufgeräumt.‹ –
›Jetzt sieht es aus,
als hätte Bela Lugosi hier gehaust.‹«
The Texas Chainsaw Massacre
1
Ashley King fuhr ihren Laptop herunter und brach in Tränen aus.
Sonnenschein flutete das Haus, Vogelzwitschern drang durch die offen stehenden Fenster. Die Zwillinge der Nachbarn gleich nebenan, Ryder und Ronin, rannten kichernd zwischen den beiden Häusern entlang, das Tapsen ihrer kleinen Turnschuhe hallte von den nahe stehenden Mauern wider. Ash holte tief Luft und sog den Duft des kunterbunten Blütenmeers ein, das Todd für sie vor dem Wohnzimmer und unter den Küchenfenstern gepflanzt hatte. Diese Brise von draußen wirkte besser als jeder noch so teure Lufterfrischer.
Elvira hatte sich auf dem Esstisch ausgestreckt. Ihr langer schwarzer Schwanz fegte über Ashleys Gesicht.
»Du hast auf dem Tisch nichts zu suchen«, ermahnte sie die Katze sanft, zog die Nase hoch und versuchte, ihre Tränen zurückzudrängen. Behutsam nahm sie Elvira auf den Arm und trug sie hinüber zum Sofa. Dort ließ sie sich mit ihr nieder und streichelte sie, bis die alte Streunerin aus dem Tierheim so laut schnurrte, dass man es durchs ganze Haus hören konnte. Schon bald war sie auf Ashleys Schoß eingeschlafen. Eigentlich hatte sie noch eine ganze Menge vor, aber Ash wollte Elvira nicht stören.
Sie ließ den Blick zu einem Stapel Hefte mit Kreuzworträtseln gleiten, der sich am Kopfende des Tisches befand, und nahm sich das oberste, mit dem sie sich zuletzt beschäftigt hatte. Mit den Lippen löste sie die Kappe ihres Stifts und konzentrierte sich auf das Rätsel, das sie schon gestern Abend beinahe fertig gelöst hatte. Es fiel ihr nie leicht, mit einem beinahe gelösten Rätsel im Hinterkopf ins Bett zu gehen, aber dann hatte die Schlaftablette wie immer ihre Wirkung entfaltet. Und die kümmerte sich nicht darum, ob Ash irgendetwas noch nicht beendet hatte. Ashley war in die Dunkelheit hinübergeglitten, hatte von Rätseln geträumt, von weißen und schwarzen Quadraten, die sie aus den Seiten heraus ansprangen, während sich ihr Körper durch sie hindurchwand. Jedes Lösungswort sprach sich selbst aus und erschien dann auf magische Weise in den leeren Kästchen.
Elvira erwachte, als sie gerade das letzte Lösungswort aufschrieb.
Senkrecht 46: Letzter Abschnitt eines Treffens, bevor man sich trennt, mit acht Buchstaben.
Sie kritzelte A-B-S-C-H-I-E-D in die Kästchen und kraulte Elvira dabei zwischen ihren spitzen Ohren. Die Katze wandte Ashley den Kopf zu und betrachtete sie aus großen, orangefarbenen Augen, während die Ohren zuckten. Dann gähnte sie und zeigte ihre spitzen Zähne sowie eine lange rosa Zunge. Hinter den Ohren wurde Elvira bereits kahl. Das Tierheim hatte keine Ahnung, wie alt sie war, nach allem, was man wusste, schätzte man sie auf ungefähr 15 Jahre. Und ihrem Aussehen nach waren es 15 schwere Jahre gewesen. Zwei Jahre hatte sie im Tierheim verbracht, bevor Ashley sie zu sich geholt hatte. Die Katze war alles andere als ansehnlich, aber eine Kämpferin.
»Todd hat recht. Du siehst wirklich wie eine Fledermaus aus.«
Elvira gab einen Ton von sich, der wie das Gurren einer Taube klang. Ein Ton, der Ashley gleich wieder in Tränen ausbrechen ließ. Die Katze floh vor dem emotionalen Ausbruch, sprang auf den Boden und verschwand in der Küche, wahrscheinlich zu den angetrockneten Futterresten in ihrer Schüssel.
Ashley legte das Kreuzworträtselheft beiseite, stand auf und strich sich, so gut es ging, die Katzenhaare von der Hose.
Ein dumpfer Knall ließ sie zusammenzucken. Sie schrie auf, schlug aber augenblicklich die Hand vor den Mund. Ihr Herz tat einen Satz. Ihre Kehle wurde trocken. Sie erstarrte eine volle Minute mit angehaltenem Atem, während ihre Ohren nach der Quelle des Knalls forschten.
Als er wieder erklang, atmete sie sofort aus. Die Rollos vor den Fenstern waren hochgezogen, und sie konnte Mrs. Connover vor dem Haus sehen, die mit Einkaufstüten in den Händen die Türen ihres Wagens zuwarf.
Ashley rieb sich über ihre Oberarme, um die Gänsehaut glatt zu streichen, und tappte in ihr Schlafzimmer. Alle Lampen im Flur waren angeschaltet, obwohl draußen helllichter Tag war. Sie mochte keine dunklen Räume oder Nischen, auch wenn sie noch so winzig waren und sich nichts und niemand darin verstecken konnte. Das war auch der Grund, warum sie nachts die Schlaftabletten brauchte. Sie konnte ja nicht ständig alle Lichter brennen lassen, während Todd schlafen wollte. Außerdem würde es ihre Stromrechnung sprengen, wenn es jedes Mal, sobald die Nacht wie ein Einbrecher ins Haus geschlichen kam, nach ihr gegangen wäre.
Sie machte sich daran, das Bett aufzuschütteln. Todds Laken waren vom Herumwälzen bis in die letzte Ecke zerknittert, während ihre eigenen kaum eine Falte hatten, was natürlich an den Tabletten lag, mit denen sie schlief wie eine Leiche im Grab. Der Wäschekorb war leer, eine letzte Wäscheladung lag bereits im Trockner. Ash leerte den rosa- und lilafarbenen Papierkorb in den Küchenmüll, ging zurück ins Schlafzimmer und zog sich aus. Dann legte sie sich auf das Steppbett. Der kühle Wind ließ ihre Brustwarzen hart werden. Der Herbst stand vor der Tür, bald würde der Oktober bunte Blätter bringen, trockenes Laub, das unter den Sohlen knisterte, Kürbisse auf den Treppen. Und lange Nächte.
Ash begann zu zittern, doch sie wollte unter keine Decke schlüpfen. Das Beste war es, die Kälte auszuhalten. Die Kälte, das Licht und das Ticken der Großvateruhr im Flur, die bereits seit vier Generationen ihrer Familie gehörte, sollten auf sie wirken. Ihre Mutter hatte darauf bestanden, dass Ashley sie mitnahm, als sie mit Todd zusammen in das Haus zog, das er für sie beide gekauft hatte. »Mit dieser Uhr im Haus werdet ihr nie allein sein«, hatte sie mit Tränen in den Augen erklärt, als sie Ash in ihr neues Leben entließ.
Ash war nie so recht klar geworden, was ihre Mutter damit gemeint hatte, und wenn sie sich trafen, vergaß sie immer, danach zu fragen. Meinte sie vielleicht, dass die Geister ihrer Großeltern mit der Uhr verbunden und mit ihr von Nyack nach Yorktown gekommen waren? In der Familie hieß es, dass Ashleys Urgroßeltern die Uhr mitgebracht hatten, als sie aus Kenia ausgewandert waren. Außer den Kleidern am Leib war es das Einzige, was sie auf die lange Reise über den Ozean mitgenommen hatten. Vielleicht war es sogar das Einzige, was sie wirklich ihr Eigen nennen konnten, denn die Kleider waren kaum mehr als ein paar fadenscheinige Stoffstücke, die sie selbst geschenkt bekommen hatten. Bis sie starben, hatte die Großvateruhr (in Ashleys Fall die Urgroßvateruhr) im Haus einen prominenten Platz eingenommen. Ashleys Großvater Charles hatte ihr einmal gesagt, dass er die Gesichter seiner Eltern im Glas des Uhrgehäuses sehen konnte, noch viele Jahre nachdem sie gestorben waren. Doch statt Angst zu haben, war Ashley, die sich als Kind förmlich von Fernsehsendungen und Videos über Geister ernährt hatte, von dieser Geschichte fasziniert gewesen. Unzählige Stunden hatte sie zu Füßen dieser alten Uhr gesessen und gehofft, selbst einen Blick auf ihre Urgroßeltern werfen zu können, vielleicht sogar auch auf Opa Charles und Oma Iris, nachdem diese im Abstand von wenigen Wochen gestorben waren.
Doch niemand hatte sie je aus dem Fenster des Uhrgehäuses heraus angestarrt, und so war sie aufgewachsen und es schließlich müde geworden, nach den Geistern ihres Familienstammbaums Ausschau zu halten.
Vielleicht hatte ihre Mutter aber auch das stetige, tröstliche Ticken der Uhr gemeint. Vielleicht war dieses eine Art Begleiter durch lange Nächte und leere Tage. Dass Ashley eigentlich die Stille bevorzugte, war ihrer Mutter immer entgangen. Denn in der geräuschlosen Stille konnte man Dinge hören … wenn sie sich näherten.
Dinge wie eine zuschlagende Autotür, die einem beinahe das Herz stehen lassen, schoss ihr durch den Kopf. Sie legte die Hand zwischen ihre Brüste und spürte dem festen Herzschlag darunter nach, der beinahe im selben Takt wie die Uhr pochte. Ash hob den Kopf und sah an ihrer milchkaffeefarbenen Haut herab. Darauf waren viele Narben zu sehen, aber sie tat ihr Bestes, den Blick nie darauf verweilen zu lassen. Todd bewunderte ständig ihre makellose Haut, besonders wenn er auf ihr lag oder sie auf ihm. Dann hielt er oft inne, um ihr zu sagen, wie wunderschön er sie fand, welches Glück er hatte, sie und überhaupt alles an ihr in genau diesem Augenblick zu haben. Doch ihre Haut war alles andere als perfekt, auch wenn er sie liebte – mitsamt ihren Warzen und ihren Narben und überhaupt allem.
Aber sie hatte ihm nie gänzlich alles von sich gegeben, und tief in ihrem Inneren wusste sie, dass er das auch wusste. Das machte sie traurig. Es gab nur wenige Augenblicke dieser Art, und Todd verdiente es, sie nach allem, was geschehen war, nach Kräften zu genießen.
Wieder quollen Tränen in ihr auf. Ashley ließ sie über das Gesicht rollen. Die feuchten Tropfen mit ihrer DNA darin verschwanden in ihrer Steppdecke. Unwillkürlich fragte sie sich – denn ihre Gedanken wanderten auch im Zustand tiefer Trauer neugierig umher –, ob die Wissenschaft wohl bald in der Lage wäre, eine neue Ashley aus all der DNA zu klonen, die sie schon in ihre Steppdecke geweint hatte. Ob Ashley 2.0 wohl die gleichen Gefühle und Erinnerungen hätte wie sie selbst? Um Himmels willen, hoffentlich nicht.
Ein Klon sollte doch eine bessere, fröhlichere Kopie von einem selbst sein.
»Sheri!«
Ihre beste Freundin, die Ash in der vergangenen verstörenden Stunde nicht hatte finden können, hielt inne, ehe sie den dunklen Bungalow betrat. Ashs Brust schmerzte, die Schenkel und die Muskeln in den Waden schmerzten. Sie hatte Jamals Schreie gehört und war aus ihrem Versteck inmitten der Trümmer des ausgebrannten Theaters herausgekommen.
Sheris Jacke war an der Vorderseite aufgerissen, die weiße Füllung quoll aus dem Riss. In dem Augenblick, in dem sie Ashley sah, begann sie zu weinen.
»O mein Gott, Ashley!«
Ash lief los. Im Bungalow konnte man sich sicher besser verstecken, und dort war sie wenigstens mit Sheri zusammen.
Sheri winkte sie zu sich, während ihr Blick hin und her huschte, vorsichtig, furchtsam.
Mondlicht blitzte auf dem polierten Glas. Zu schnell durchschnitt es die Düsternis. Ashley blieb keine Zeit, um ihre Freundin zu warnen. Wie von selbst schien es durch die Luft zu schweben, ehe es von hinten Sheris Unterschenkel aufschlitzte. Ein Schrei grauenvoller Agonie erklang. Sheri brach zusammen, tastete panisch nach der Wunde im Bein. Wieder hieb die Glasscherbe auf sie ein, nun war Ashley nahe genug, um das Reißen des Stoffs zu hören und den grausigen Laut, mit dem Fleisch und Muskeln zertrennt wurden. Blut spritzte auf den Boden und auf die Türschwelle.
»Hilf mir, Ashley! Bitte, hilf mir!«
Sie war beinahe da. Ashs Beine bewegten sich, so rasch sie konnte. Sheri wand sich auf dem dreckigen Boden und versuchte wegzukriechen.
Doch wieder fuhr das Glas herab, stach noch tiefer in die Wunde.
Sheri heulte auf und rollte auf den Rücken.
Da trat er aus dem Schatten.
Ash blieb stehen. Die Furcht überwältigte sie und weigerte sich, noch mehr Blut und Adrenalin in ihre Beine zu pumpen.
Sheri hob die Hände, um sich zu schützen, und schrie auf.
Ein schwerer Fuß trat hart auf ihre Brust.
Das Splittern von Knochen hallte durch die Ruinen.
Sheris Schreie verblassten zu einem verzweifelten Wimmern, dann zu einem Röcheln.
Wieder sauste das Glas herab.
Ash schloss die Augen. Sie brachte es nicht über sich, zuzusehen.
»Sheeeeeerrrriiiiii!«
Keuchend erwachte Ash. Sie war schweißgebadet. Für einen Augenblick war sie wie gelähmt. Doch schon im nächsten schoss die Energie durch ihren Körper und sie sprang aus dem Bett. Ash versuchte ihre Atmung zu beruhigen.
Mit einem Schlag war der Albtraum verschwunden. Aber die Schuldgefühle, die Angst und der Schmerz über den Verlust waren immer noch da.
»Mein Gott.«
Sie sah an sich hinab auf ihre Beine und fuhr sich über Brust und Gesicht. Der Schlaf übermannte sie oft auf diese Weise, plötzlich und unerwartet. Genauso oft endete er in Verwirrung, Orientierungslosigkeit und innerer Leere.
Ash riss die Steppdecke vom Bett. Immer noch nackt ging sie mit raschen Schritten an den offenen Fenstern vorbei in die Waschküche, wo sie die Decke zusammen mit zwei Portionen Waschmittel in die Maschine stopfte. Elvira saß auf ihrem Stammplatz auf dem Fensterbrett und beobachtete sie.
Das Telefon klingelte. Ash huschte ins Wohnzimmer, wo sie es hatte liegen lassen. Eine unbekannte Nummer. Sie lehnte den Anruf ab.
Die Großvateruhr schlug drei Uhr nachmittags.
Eine Diele quiekte. Sie wirbelte mit erhobenen Händen herum, in einer Mischung von Selbstverteidigung und unbeholfenem Angriff. Elvira blieb stehen, sah auf ihre schreckhafte Herrin und schleckte sich mit der Zunge über die Nase.
»Ich halt das nicht mehr aus.« Ash legte sich die Hand auf den Bauch. Sie glaubte den Knoten der Angst, der nie verschwand, dort ertasten zu können wie ein neues, unwillkommenes Organ, das überflüssiger war als ein Blinddarm. Sie brauchte ein paar Augenblicke, um sich zu beruhigen. Speichel sammelte sich in ihrem Mund, und sie versuchte den Drang, sich zu übergeben, niederzuringen.
Als sie wieder fest genug auf den Beinen stand, ging sie zu ihrem Schrank und langte nach dem durchsichtigen Kleidersack, der ganz am Ende der Kleiderstange hing. Sie legte ihn aufs Bett und zog den Reißverschluss auf. Ihre Finger glitten über das zerfetzte Shirt. Die Spritzer und Kleckse auf der Jeans waren mit der Zeit zu blassbräunlichen Flecken vergilbt. Die Risse in ihrer Jeans sahen irgendwie modern und hip aus, aber sie waren alles andere als das. Denn die meisten waren nicht etwa sorgfältig mit einer Schere in den Stoff geschnitten.
Ebenfalls ganz hinten im Schrank, in der dunkelsten Ecke, standen die Stiefel. Immer noch klebten Blut und Dreck an ihnen. Es schien, als wären sie mit den Schuhen verschmolzen.
Ganz unten aus der Tüte kramte sie jetzt das gerahmte Foto von ihr und ihrer Freundin heraus. Sheri Viola. Sie trugen beide ihre Cheerleaderuniformen. Lächelnd und Arm in Arm standen sie am Rand eines Footballfelds. Ihre dunkle Haut in wunderschönem Kontrast zum Weiß und Gold der Uniformen. Das Bild zeigte sie beide in ihrem letzten High-School-Jahr, kurz vor dem letzten Spiel der Saison. Jeder sagte, dass Sheri damals ausgesehen habe wie Halle Berry persönlich, und sie hatten recht. Ihr kurzes Haar, die hohen Wangenknochen und ihr durchdringender Blick ließen die Knie der Jungs weich werden. Ashley ließ den Finger über Sheris Gesicht wandern. Sie hätte alles dafür gegeben, sie jetzt in den Arm zu nehmen, ihre Stimme noch ein letztes Mal zu hören und noch einmal ihrem Lachen zu lauschen.
Sie schlüpfte in einen frischen Slip, zog einen bequemen BH an und suchte dann nach einem Paar dicker Socken und abgetragenen Jeans. Die Hose saß ihr so lose auf den Hüften, dass sie im Schrank eine ganze Weile nach einem Gürtel suchen musste. Zuletzt kam das Shirt. Ihr schien es, als könnte sie den Ort und alles, was in jener Nacht geschehen war, an dem bernsteinfarbenen Baumwollshirt riechen.
Sie sah in den Spiegel auf der Innenseite der Schranktür.
»Hallo, Lara«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild.
Es hatte eine Zeit gegeben, in der ihre Figur so ein Tomb Raider-Outfit ziemlich hübsch ausgefüllt hatte. Jetzt allerdings sah sie aus wie ein kleines Mädchen, das die abgetragenen alten Klamotten seiner Schwester auftrug. Ihre Schlüsselbeine stachen aus dem v-förmigen Ausschnitt des Shirts so dominant hervor, dass alle, die sie kannten, sich Sorgen machten. Sie schloss noch ein paar Knöpfe, bis man nichts mehr davon sah.
Die Stiefel waren so steif wie Holz, ein Schnürsenkel riss in ihrer Hand, als sie sie zuschnüren wollte. Sie wackelte ein wenig mit den Zehen, doch die Schuhe saßen gut. Wenigstens waren ihre Füße nicht geschrumpft.
Erneut musste sie gegen den Drang ankämpfen, in Tränen auszubrechen, und verließ das Schlafzimmer, um durch jedes Zimmer im Haus zu gehen, angefangen ganz oben bis hinab in den Keller. Hier und da blieb sie stehen und räumte ein wenig zusammen. Als Elvira ihr in den Keller folgen wollte, hob Ash sie hoch und setzte sie in einen Sessel. »Für dich ist der Keller tabu, E.« Sie küsste die Katze auf die Nase und schloss die Tür hinter sich.
Todd plante, sich nach ihrer Hochzeit hier unten eine Männerhöhle einzurichten. Bis dahin diente der fast fertig ausgebaute Kellerraum als Lager für allerlei Kartons und Kisten. Sie wohnten jetzt schon beinahe ein Jahr hier, aber hatten immer noch eine Riesenmenge auszupacken. So hatte ihre Mutter sie mit genug Weihnachtsbaumschmuck ausgestattet, um zwei Tannen zu dekorieren. Die Kartons mit dem Weihnachtskram standen ganz in der Ecke, der Stapel reichte bis unter die Decke. Ihre Mutter liebte Weihnachten so sehr, dass Ashley sie manchmal aufzog, sie sei am Nordpol geboren und von Elfen aufgezogen worden. Ash überlegte, die Kisten zu öffnen und ein wenig darin herumzukramen, aber sie wusste auch, dass sie sich dann in alten Weihnachtserinnerungen verlieren würde.
Sie nahm sich von Todds Werkbank, was sie brauchte, und lehnte sich dann gegen einen Tisch, der sich unter dem Gewicht der Fliesen bog, die irgendwann einmal das Bad schmücken sollten. Sie zog ihr Handy hervor und suchte im Internet eine Seite, die sie sich markiert hatte, startete das Video und stellte es lauter.
Wie oft hatte sie es schon gesehen? 20-mal, 50-mal? Sie kannte es auswendig. Jedes Wort. Jede Bewegung. Aber aus irgendeinem Grund erinnerte sie sich in diesem Augenblick an gar nichts.
Ash sah es von Anfang bis Ende und ging dann wieder auf Anfang.
Zeit, an die Arbeit zu gehen.
2
»Bleibt es bei diesem Wochenende?«
Todd Matthews wechselte auf die linke Spur, um nicht länger hinter dem riesigen Autotransporter herfahren zu müssen. Der Honda ganz hinten auf den Ladeschienen hopste bei jeder noch so kleinen Unebenheit im Asphalt auf beunruhigende Weise auf und ab. Man erwartete förmlich, dass sich jeden Augenblick die Halterungen lösten und der Wagen einem in die Windschutzscheibe krachte.
»Bis jetzt schon«, sprach er ins Bluetooth-System seines Wagens. »Aber du weißt ja, wie’s ist.«
»Ja, schon klar«, erwiderte sein Freund Vince Embry. Todd konnte den Fernseher im Hintergrund hören.
»Solltest du nicht gerade arbeiten?«, fragte er.
Vince lachte leise. »Mach ich ja. Ich habe das Büro in meine Sportkneipe verlegt. Hier krieg ich in einer Stunde mehr getan als an einem ganzen Tag im Büro. Keiner nervt. Und das Bier hält mich motiviert.«
»Ich wünschte, das könnte ich auch.«
»Kannst du. Gib mir deinen Lebenslauf und ich reiche ihn an meinen Boss weiter. Er mochte dich, als ihr euch bei diesem Betriebspicknick getroffen habt.«
Todds Ausfahrt kam näher. Er setzte den Blinker und wechselte wieder auf die rechte Spur. Er war spät dran, weil er noch kurz angehalten hatte, um eine Flasche Wein zu kaufen. Er hatte Ashley gerade Bescheid sagen wollen, als Vince angerufen hatte. Sein Kumpel konnte reden wie ein Wasserfall und würde wahrscheinlich noch quatschen, wenn Todd schon vors Haus fuhr.
»Ich kann mir nicht vorstellen, den ganzen Tag nur auf Excel-Tabellen zu starren und in Meetings herumzuhocken«, meinte Todd. »Nach einer Woche wäre ich reif fürs Irrenhaus.«
»Da gewöhnst du dich schon dran.«
»Nein danke.«
»Das Gehalt ist anständig und die Nebenleistungen super.«
»Aber ich würde Bundfaltenhosen, Poloshirts und Slipper anziehen müssen. Nein danke, Kumpel. Ich bin zu jung, um auszusehen wie mein Vater und seine Freunde.«
»Business-Klamotten machen mich also zu ’nem alten Knacker?«, gab Vince zurück. Er schlürfte hörbar an seinem Bier, der Laut drang durch das Innere des Wagens. Todd verzog das Gesicht.
»Um ehrlich zu sein: Ja. Ja, das tut es.«
Eine kurze Pause entstand, dann antwortete Vince: »Du hast recht. Aber ich habe großartige 400.000 im Jahr und eine Zahnversicherung.«
»Ich würde nie lange genug leben, um 400.000 ausgeben zu können, wenn ich den ganzen Tag in einem Büro hocken würde«, gab Todd zurück. Er war jetzt nur noch zwei Querstraßen von zu Hause entfernt und musste bremsen, um eine Gruppe Kinder von der Junior High School die Straße überqueren zu lassen. Sie ließen sich jede Menge Zeit. Todd hätte am liebsten den Motor aufheulen lassen, um ihnen Beine zu machen, aber er erinnerte sich daran, dass er selbst als Kind genauso gewesen war. Es ging doch nichts über die narzisstische Weltsicht eines Zwölfjährigen. Leute in Todds Alter existierten in deren Welt quasi nicht und wurden grundsätzlich ignoriert.
»Weißt du, die meisten Arbeiter auf dem Bau kriegen früher oder später alle möglichen Wehwehchen, meist bevor sie 50 sind. Du legst es geradezu darauf an, ein gebrochener, buckliger alter Mann zu werden, bevor du das Leben mal genießen kannst.«
Endlich waren die Kids auf dem Bürgersteig und Todd gab Gas.
»Stimmt.«
»Mann, du solltest jetzt hier sein. Die neue Schicht hat grade angefangen und eine der Kellnerinnen ist so heiß, dass sie die ganze Kneipe in Brand stecken könnte.«
»Nur anschauen. Nicht anfassen«, mahnte Todd.
»Nicht mal ein bisschen?«
Todd umklammerte das Lenkrad fester. »Nur Schaufensterbummel. Heather schneidet dir sonst den Schwanz ab und verfüttert ihn an die Hunde.«
»Ich mach doch nur Spaß, Kumpel. Aber die Kleine ist schon echt was Besonderes. Wie Zoe Saldana mit dem Körper von Pam Grier. Eigentlich genau dein Typ. Ich mach mal ein Foto und schick’s dir.«
»Wenn du das machst, bring ich dich um, ich schwör’s. Das Letzte, was ich brauche, ist, dass Ash Bilder von anderen Frauen auf meinem Handy findet.« Ihm wurde klar, dass Vince wohl schon ein Bierchen zu viel intus hatte. »Nimm dir deine Excel-Tabellen, zahl deinen Deckel, hau dich in deinem Hotelzimmer aufs Ohr und schlaf deinen Rausch aus.«
»Du bist ein kluger Mann. Ich glaube, ich lasse heute meine schwarzen Anzugsocken an, wenn ich das mache.« Todd grunzte angewidert. Vince lachte leise und fügte hinzu: »Da hast du doch ein nettes Bild im Kopf, oder?«
Todd legte auf, während Vince noch lachte, und stellte den Motor ab, nachdem er in der Auffahrt geparkt hatte. Wie immer hatte Ashley die Rollos geöffnet, sodass überall Tageslicht ins Haus flutete. Er griff nach seiner Lunchbox, nahm den Wein und schloss dann den Wagen ab.
»Rate mal, wer nach Hause gekommen ist!«, rief er laut und zog sich im Flur schon die Stiefel mit den Stahlkappen aus. Elvira kam herangeschlichen, warf ihm einen Blick zu und miaute kurz, bevor sie sich wieder davonmachte. »Ich freu mich auch, dich zu sehen.«
Todd war eher ein Hunde- als ein Katzenmensch, aber Ash hatte sich sofort in Elvira verliebt, also lebte er nun mit dieser Katze. Er würde sich wohl nie so recht mit ihr anfreunden, aber er und Elvira hegten eine Art freundschaftlichen Respekt voreinander. Außerdem war Elvira einfach so richtig hässlich. Er war schon ein paarmal mit diesem zerknitterten, fast kahlen Gesicht vor dem eigenen aufgewacht und hatte dabei geglaubt, sich noch in einem Albtraum zu befinden.
»Hey, Ash. Ich habe hier diesen Cabernet, den du immer mal ausprobieren wolltest. Er war auch gar nicht teuer. Und hat trotzdem keinen Schraubverschluss!«
Er ging direkt in die Küche, fand in einer Schublade mit Krimskrams einen Korkenzieher und holte mit einem Plopp den Korken aus dem Flaschenhals. Er wusste nicht, ob Zehn-Dollar-Weine atmen mussten, wollte aber nicht als Banause dastehen.
»Ash?«
Er knöpfte sich das fleckige Arbeitshemd auf und ging mit festen Schritten ins Schlafzimmer. Manchmal, wenn ihre Angstanfälle sie überwältigten, nahm sie ein paar Ativan und schlief eine Runde. Tagsüber schlief sie viel besser und tiefer, es war, als löschten die Pillen alle Erinnerungen, die ihr zu viel wurden. Er wünschte sich sehnlichst, ihre Angst vor der Dunkelheit verscheuchen zu können, war aber klug genug zu wissen, dass das außerhalb seiner Möglichkeiten lag. Er konnte nur für einen sicheren Zufluchtsort sorgen und für sie da sein, wenn sie ihn brauchte. Alles, was darüber hinausging, führte nur zu Frust und Ärger.
Er stutzte, als er bemerkte, dass das Bett leer war.
Es sah ihr gar nicht ähnlich, das Haus zu verlassen. Außerdem stand ihr Auto noch in der Auffahrt.
Vielleicht ist sie bei Claire, dachte er. Claire Pozzo hatte sich kürzlich scheiden lassen und lebte ihre Schwäche für Wein und jüngere Männer aus. Nur zu gern erzählte sie Ash ihre neuesten Eskapaden. Todd hatte Ash einmal gefragt, warum sie Claire so mochte, und sie hatte geantwortet: »Ich glaube, das liegt daran, dass sie … Na ja, sie ist immer so heiter und sorglos. Bei ihr gibt es keine Traurigkeit, keine düsteren Gedanken. Ihre Ehe war scheiße, aber sie hat keine Komplexe zurückbehalten und sie ist glücklich. Ich besuche gern ihr Leuchten.«
Ihr Leuchten besuchen. Es war typisch für Ashley, so etwas zu sagen.
Zumindest war es das gewesen, bevor alles den Bach runtergegangen war. Die Tatsache, dass Claire diesen kleinen Teil seiner Verlobten hatte wiederauferstehen lassen, reichte aus, dass Todd sie ebenfalls mochte.
Er überprüfte sein Handy. Nichts.
Er ging wieder in Küche und Esszimmer und suchte nach einem Zettel, den er vielleicht übersehen hatte.
Ashley ging nie fort, ohne eine Notiz zu hinterlassen.
Wo zum Teufel war sie nur?
Todds Brust schnürte sich zusammen.
»Ashley?«
Er wollte schon hinauslaufen und im Garten nachsehen, als er bemerkte, dass die Kellertür einen Spalt offen stand.
Natürlich.
Im Keller standen noch so viele Kartons und Kisten herum, dass er praktisch schalldicht war. Ash hatte schon vor Monaten angedroht, dass sie Ordnung in das Chaos bringen wollte. In der Sekunde, in der er die Tür ganz öffnete, flitzte Elvira so dicht an ihm vorbei, dass er beinahe kopfüber die Treppe hinuntergepurzelt wäre.
»Deine Katze hat versucht, mich umzubringen«, rief er und stieg die knarrenden Holzstufen hinab. »Mal wieder. Vielleicht muss ich mal eine einstweilige Verfügung beantragen, damit sie gebührend Abstand hält.«
Irgendetwas roch seltsam. Es war eine Mischung aus strengem Ammoniak-Geruch und dem Gestank nach Fäkalien. Na toll. Nun benutzte die Katze den Keller also als Katzenklo. Es war schon schlimm genug, dass sie regelmäßig in die Badewanne pinkelte.
Todd schnüffelte und ging um einen Stapel Kisten herum in die Mitte des Zimmers. »Ich schwöre dir, Ash, diese Katze …«
Ashleys blaues Gesicht mit den hervorgequollenen Augen drehte sich langsam knapp zwei Meter über dem Kellerboden erst in die eine, dann in die andere Richtung.
»Nein!«
Mit wenigen Schritten war Todd bei ihr und packte sie an den Hüften, um sich ihr Gewicht auf die Schultern zu legen.
Ihr totes Gewicht.
Blind vor Tränen kämpfte er mit der Schlinge um ihren Hals und griff in der Hoffnung, das Herz schlage noch, an ihre Brust. Ihr Schließmuskel hatte versagt, ihre stinkenden Fäkalien hinterließen Flecken auf seinen Armen und dem Hemd. Wieder und wieder rief er ihren Namen, bis er heiser war und seine Kehle schmerzte. Er wollte sie nicht gehen lassen. Wenn auch nur die geringste Chance bestand, dass sie noch lebte, musste er sie hinlegen, sodass sie atmen konnte. Aber erst musste er sie irgendwie abschneiden. In dieser Schlinge konnte sie doch nicht auf ewig bleiben.
Todd hielt sie fest. Seine Tränen versickerten an ihrem kalten, leblosen Körper.
3
»Möchtest du etwas essen?«
Heather Embry sah Todd mit demselben mitleidvollen Blick an, mit dem ihn jede einzelne Person in den vergangenen drei Tagen bedachte. Sie hatten Ashleys Sarg vor vier Stunden auf dem Friedhof zurückgelassen. Jetzt saß er am Küchentisch, abseits von dem Pulk aus Trauernden, die seit der Beerdigung sein Haus heimsuchten … Ashleys und sein Zuhause. Er fragte sich, ob der Sarg wohl noch dort neben dem Grab stand oder ob man ihn bereits in dem rechteckigen Loch im Boden versenkt hatte.
Hatte man schon Erde daraufgekippt? War sie nun endgültig fort? Aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, sie sei noch da, noch Teil seines Lebens, solange sie sich noch auf der Erdoberfläche und nicht darunter befand. Erst in dem Augenblick, in dem seine große Liebe unter den Klumpen von weicher, schwerer Erde begraben war, würde er sie für immer verloren haben.
Es gab keine rationale Erklärung für dieses Gefühl, aber das kümmerte ihn einen Scheiß. Er starrte ins Leere, spürte verzweifelt irgendeiner Art von Verbindung zu Ash nach. Würde er es in seinem Herz fühlen, in seiner Seele, wenn die Erde sie für immer vor ihm verborgen hatte? Würde irgendetwas diese dumpf pochende Trauer durchdringen, die ihn von Sekunde zu Sekunde tauber werden ließ?
»Todd, mein Lieber, du solltest etwas essen.«
Heather trug ein schwarzes Kleid und einen weißen Schal. Sie hatte es auf sich genommen, den Leichenschmaus nach der Beerdigung zu organisieren. Tabletts aus Aluminium standen überall in der Küche und im Esszimmer herum. Es gab genug zu essen, um eine ganze Football-Mannschaft satt zu kriegen.
Plötzlich fiel Todd auf, wie still es im Haus war.
»Wo sind denn alle?«, fragte er und sein Mund war so trocken, dass das Sprechen schmerzte.
»Sie sind vor einer halben Stunde gegangen. Vince und ich haben sie verabschiedet. Jeder hat das verstanden.« Sie drückte seine Schulter.
Er hatte kaum ein Wort mitbekommen, das man heute an ihn gerichtet hatte, also war es auch nicht verwunderlich, dass er den Aufbruch der anderen nicht bemerkt hatte.
Heather hielt ihm einen frischen Teller hin, doch der Gedanke daran, etwas zu essen, ließ Übelkeit in ihm aufsteigen.
»Ich hab keinen Hunger«, wehrte er ab.
Heather seufzte. »Ich kann dich nicht zwingen, aber du hast seit Tagen nichts gegessen.«
Da hatte sie recht. Das Letzte, was er zu sich genommen hatte, war der Lunch am Tag, als er Ashley im Keller gefunden hatte: zwei Käse-Schinken-Brote, eine Birne und eine Tüte Chips. Sein leerer Magen schmerzte und hätte beim bloßen Gedanken an Essen knurren sollen, aber er fühlte sich genauso taub und tot an wie der Rest seines Körpers.
Er war dankbar, dass Heather ihn nicht drängte. Stattdessen fuhr sie einfach damit fort, die Küche aufzuräumen. Im Wohnzimmer hörte er Vince Möbel an ihren Platz rücken.
»Wo ist meine Mutter?«, fragte er. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Sogar seine Sicht verschwamm. Vielleicht von Tränen, vielleicht aus Erschöpfung. Er wusste es nicht, und es war ihm auch egal.
»Henry hat sie ins Hotel gefahren, erinnerst du dich nicht?«
Er rieb sich die Augen. Seine Mutter hatte irgendetwas zu ihm gesagt, doch er wusste nicht mehr, ob das gestern oder heute gewesen war. Sie hatte nicht gut ausgesehen. Ashleys Tod hatte sie schrecklich mitgenommen, wie sie alle.
Zu überleben, was Ash überlebt hatte, um schließlich am Ende eines beschissenen Seils zu sterben …
Wieso war dieses Seil überhaupt im Keller gewesen? Er hatte es nie benutzt. Es war ja nicht so, als hätte er irgendetwas zusammenbinden oder Menschen vom Grund eines Brunnens heraufziehen müssen. Warum, verdammt noch mal, hatte er es gekauft? Wenn es nicht da gewesen wäre …
»Ich werde sie nachher anrufen und fragen, wie es ihr geht«, erklärte Heather. Glücklicherweise schien sie keine Ahnung zu haben, wie sehr er sich in diesem Augenblick selbst hasste. »Heute war … einfach zu viel für sie.« Tränen rollten ihr die Wangen hinab. »Sie musste sich etwas hinlegen. Und wenn ich mich nicht beschäftigt halten würde, ginge es mir sicher genauso.«
Sie wischte sich mit dem Handrücken die Augen und löffelte das übrig gebliebene Essen aus den Plastikdosen. Ihr unterdrücktes Schluchzen nahm Todd kaum wahr. Er wusste, er hätte aufstehen und sie trösten sollen. Immerhin war sie Ashleys beste Freundin, zumindest war sie das gewesen, seit Sheri ermordet worden war. Er befahl seinen Beinen aufzustehen, doch sie gehorchten ihm nicht.
Vince kam mit einem Stapel Teller herein. Kurz sah Todd zu ihm hin, dann wandte er den Blick ab.
»Ich will Ash sehen«, erklärte er.
Die Teller klapperten, als Vince sie in die Spüle stellte.
»Wie war das?«
Todd wandte sich zu ihm und starrte ihn an. »Du musst mich zu Ash bringen, damit ich sie sehen kann.«
Vince lehnte sich gegen die Spüle. Heather umarmte ihn beinahe so, wie Todd seine Arme um Ashs Leiche geschlungen hatte, während sie von der Decke hing.
»Du weißt, das kann ich nicht tun, Kumpel«, erwiderte Vince. Seine Augen waren wie die aller Leute, denen Todd in den letzten paar Tagen begegnet war, rot und blutunterlaufen.
Die Stuhlbeine kratzten über den Boden und die Lehne knallte an die Wand, als Todd aufstand. »Ich gehe trotzdem.«
Vince packte ihn am Arm, als Todd sich gerade die Autoschlüssel vom Haken an der Wand des Küchenschranks nehmen wollte. »Nein. Du bist nicht in der Verfassung, Auto zu fahren. Ich bringe dich.«
Der plötzliche Drang, zu Ash zu gehen, fühlte sich an, als hätte jemand Todds Innerstes unter Strom gesetzt. In den letzten Tagen war er wie ein Schlafwandler durch die Gegend gelaufen, ohne wirklich schlafen zu können, doch jetzt hatte er wieder Energie, die er verbrennen konnte. Seine Finger trommelten gegen seinen Oberschenkel, während er darauf wartete, dass Vince sich von Heather verabschiedete. Die Worte, die sie dabei wechselten, hätten genauso gut in einer Fremdsprache sein können.
»In Ordnung, dann mal los, Kumpel«, sagte Vince und hielt auf dem Weg zum Wagen die Hand fest auf Todds Rücken gepresst.
Vince versuchte, ihm ins Auto zu helfen, doch Todd schüttelte seine Hand ab. Er wollte so schnell wie möglich auf den Friedhof. Bevor …
Bevor.
»Es sollte eigentlich regnen«, meinte Todd gedankenverloren. Sonnenlicht sprühte durch die langsam gelb werdenden Blätter. Ash liebte den Herbst. Seit ihrem Selbstmord – ein stechender Schmerz durchfuhr seine Eingeweide jedes Mal, wenn er dieses Wort auch nur dachte – gab es leichte Nachtfröste. Jeden Morgen waren die Blätter jetzt ein wenig bunter.
Vince fuhr auf den Highway. »Warum sagst du das jetzt?«
»In Filmen regnet es dann immer, oder? Wenn man jemanden beerdigt, den man liebt.«
Vince’ Lippen wurden zu einem dünnen, kaum noch wahrnehmbaren Strich. »Ja, kann schon sein.«
Der Heaven’s-Passage-Friedhof war nur zehn Minuten entfernt, aber für Todd fühlte es sich an, als müssten sie das ganze Land durchqueren. Er wartete nicht einmal, bis Vince den Wagen angehalten hatte, als er auch schon die Autotür öffnete und aussteigen wollte.
»Todd, jetzt warte doch!«
Sie war noch da!
Ashleys Sarg stand noch auf dem Gestell, das sie schließlich in die kalte und hungrige Erde hinabsenken würde. Ein paar Männer standen um ihn herum, deren Köpfe herumfuhren, als er auf sie zurannte.
Ich wusste, du bist noch da!
»Ich kann dich immer noch fühlen!«, rief er. Vince’ hastige Schritte folgten ihm wie ein Geist.
Die Männer wichen zurück, als Todd sich auf den Sarg warf. Die Tränen, die in den letzten Tagen durch den Damm der Trauer in Schach gehalten worden waren, brachen sich plötzlich Bahn.
»Ich kann dich immer noch fühlen.«
Das Holz war kalt und glitschig. Er drückte sein Gesicht gegen den Sarg und murmelte wieder und wieder ihren Namen. Als Vince ihn an der Schulter berührte, schlug er seine Hand fort. »Lass mich!«
Er wusste, er wusste, er wusste es. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass sie noch nicht beerdigt worden war. Ihre Abwesenheit war nicht … vollständig. Und nun, da diese Männer sie ein für alle Mal von ihm trennen wollten, war die Leere, die ihn dahinter erwartete, nicht mehr auszuhalten.
Er wusste nicht, wie lange er so dastand und ihren Sarg im Arm hielt, während Schluchzer ihn schüttelten und seine Rippen und seine Wirbel zu schmerzen begannen.
»Komm«, flüsterte Vince ihm ins Ohr. »Wir müssen gehen.«
Todd ignorierte ihn.
Wie konnte Vince nur so scharf darauf sein, Ash hierzulassen, sie war doch auch seine Freundin! Liebte er sie denn nicht? Vermisste er sie nicht?
Die Hände seines Freundes hatten ihn jetzt gepackt und versuchten, ihn behutsam vom Sarg wegzuziehen. Todds Muskeln spannten sich an, seine Füße gruben sich fester in die um den Katafalk herum aufgehäufte Erde.
»Ashley.«
Sie würden ihn von ihr fortbringen. Vince und diese Fremden hier würden sich zwischen sie stellen, eher früher als später. Er wusste es.
Dein Gesicht. Ich muss dein wunderschönes Gesicht noch einmal sehen.
Er ignorierte die Tatsache, dass der Bestatter nicht hatte auslöschen können, was ihr der Tod durch das langsame Strangulieren angetan hatte. Bei der Zeremonie hatte Todd es kaum über sich bringen können, in den Sarg zu sehen. Die wenigen kurzen Blicke, die er riskiert hatte, zeigten ihm jemanden, der aussah wie eine entfernte Verwandte seiner Verlobten, die man aus Plastik geformt hatte. Aber es war nicht sie.
Ob sie nun anders aussah? Jetzt, da sie so kurz davor war, ihn für immer zu verlassen? Er musste es wissen. Er musste sie ein letztes Mal sehen und berühren.
Todd zerrte am Deckel.
Die Männer um ihn herum schrien.
Doch der Sargdeckel rührte sich nicht. Warum war er abgeschlossen? Dachte man, sie würde noch leben und versuchen, den Sarg zu verlassen? Hatten sich alle verschworen, um sie von ihm zu trennen?
Todd schnaubte, wieder tasteten seine Finger nach dem Spalt, wobei er sich mehrere Nägel bei dem Versuch abbrach, den Deckel zu öffnen.
Dann packten ihn gleich mehrere Arme und Hände und zerrten ihn fort.
Er war in ihrem bösartigen Griff genauso gefangen wie Ashley in ihrem Sarg.
Todd schrie ihren Namen, bis schwarze Flecken vor seinen Augen erschienen und einen wilden Tanz aufführten. Ihr Sarg, seine Verlobte, wurde kleiner und kleiner, während er weiter und weiter von ihr fortgezerrt wurde, von einem unnachgiebigen schwarzen Loch, das ihn verschlang, bis da nichts mehr war als eisige, undurchdringliche Dunkelheit.
4
Die Blumen auf der Türschwelle verwirrten Todd. Er hatte sie gefunden, als er die Zeitung reinholen wollte. Sein Hirn war noch immer vernebelt. Durch die Schlaftablette, die er am Abend zuvor genommen hatte, fühlte er sich ziemlich groggy. Er hatte sie eigentlich nicht nehmen wollen, doch seine Mutter hatte darauf bestanden. Sie hatte sogar bei ihm übernachtet, um sicherzugehen, dass er sie nahm.
Die Beerdigung war jetzt zwei Wochen her. In der ersten Woche schickte man ihm so viele Blumen zum Bestatter und ins Haus, dass er schon mit dem Gedanken gespielt hatte, einen Blumenladen aufzumachen. Aber so war es eben, wenn jemand jung starb. In Ashleys Fall kamen sogar zehnmal so viele Sträuße und Sympathiebekundungen, immerhin war sie so etwas wie eine Berühmtheit.
Er bückte sich, um die Karte von dem kleinen Plastikhalter zu pflücken, der aus den rosafarbenen Nelken herausragte.
›RUHE IN FRIEDEN, FINAL GIRL. MÖGE GOTT DIR STÄRKE UND TROST SPENDEN.‹
Todd zerknüllte den Zettel und stopfte ihn in die Tasche seines Bademantels. Dann nahm er die Blumen, ging zielstrebig zur Mülltonne neben dem Haus und warf sie hinein. Für einen Augenblick stützte er sich auf den Deckel der Mülltonne und kämpfte darum, seinen Ärger zu unterdrücken. Er wartete ab, bis die plötzliche Welle seines Zorns abgeebbt war.
»Hi, Mr. Todd.«
Das war Ronin, der Junge von nebenan, dessen Kopf ständig wie ein wirrer Wischmopp aussah. Der Kleine war ein Energiebündel und immer in Bewegung. Todd und Ash hatten einmal zugesehen, wie er eine geschlagene Stunde lang auf dem Rasen Purzelbäume schlug. Schließlich hatten sie sich abwenden müssen, weil allein das Zusehen erschöpfend war. Dabei hatten sie nicht einen Muskel bewegt.
Todd holte Luft und zwang sich zu einem falschen Lächeln. »Hey, Ronin. Wo ist deine Schwester?«
Die Zwillinge waren unzertrennlich. Immerhin konnte Ronins Schwester Ryder ein paar Minuten am Stück still sitzen.
Ronin zuckte mit den knochigen Schultern. »Sie ist krank oder so. Mom sagt, sie darf heute nicht raus.«
»Tut mir leid, das zu hören.«
Todd wollte schon wieder ins Haus gehen, als Ronin sagte: »Ich vermisse Miss Ashley.«
Die pure Ehrlichkeit in der Stimme des Kindes ließ Todds Herz beinahe stillstehen. Er kämpfte gegen die Bestie, die Trauer, an und erwiderte: »Ja, ich auch.«
»Sie war die einzige Erwachsene, die gern mit uns gespielt hat.« Vielleicht schwang darin ein Vorwurf mit, doch Todd konnte es nicht einordnen. Alles, was er fertigbrachte, war zu nicken und so schnell wie möglich ins Haus zu laufen, damit der Junge die Tränen nicht sah, die ihm aus den Augen quollen.
Er lehnte sich gegen die Tür und wischte sich mit dem Ärmel des Bademantels die Tränen aus dem Gesicht.
Erst der Ärger, jetzt die Trauer. Es war einfach noch zu früh für so etwas.
»Gibt’s heute Morgen keine Zeitung?«, wollte seine Mutter aus der Küche wissen. Das Kratzen des Schneebesens in einer Plastikschüssel verriet, dass sie Teig für ihre Ahornsirup-Pfannkuchen anrührte. Sie konnte ihn über den Spiegel im Wohnzimmer sehen.
Todd sah auf seine leeren Hände. Er hatte die Zeitung glatt vergessen. Er schlüpfte wieder hinaus, fand sie zwischen den Chrysanthementöpfen rechts vor der Veranda, kam wieder herein und ließ sie auf den Esstisch fallen. »Hätte ich fast vergessen.«
Sie kam ins Wohnzimmer, im Arm eine Schüssel mit klumpigem Pfannkuchenteig. »Ist was passiert?«
Man konnte ihr nichts verheimlichen. Sie kannte all seine kleinen Tricks und war gnadenlos.
»Mehr Blumen«, murmelte er.
»Oh.«
»Schon wieder so ein Final-Girl-Spinner. Ich hab sie weggeworfen.«
Sie kam zu ihm und legte den freien Arm um seine Schultern. »Wer auch immer sie hingelegt hat, er meinte es sicher gut.«
Er nahm die Zeitung aus ihrer Plastikhülle und faltete sie auseinander. Die Schlagzeilen sagten ihm nichts. Er hatte in den letzten Wochen kaum mitbekommen, was in der Außenwelt vor sich ging.
Er interessierte sich auch nicht mehr für Politik oder Mord und Totschlag oder den neuesten Klatsch über irgendwelche Stars.
»All diese wohlmeinenden, anonymen Arschlöcher haben sie umgebracht«, zischte er. Seine kräftigen Hände packten so fest zu, dass sie die Ränder der Zeitung zerknüllten.
Seine Mutter schwieg, küsste ihn auf die Stirn und ging zurück in die Küche, um die Pfannkuchen zu backen. Sie stellte das Radio an und drückte auf den Suchknopf, bis sie einen Sender gefunden hatte, der klassische Rockmusik spielte. Die Pfannkuchen brutzelten zu dem donnernden Beat von Cheap Trick.
Todds Blick wanderte zum Fenster hinaus, unter dem die Mülltonnen standen.
Final Girl.
Das Letzte, was Ashley je hatte sein wollen, war ein Final Girl. Wer hätte das schon gern sein wollen? Es war schlimm genug, dass sie mit den Folgen dieser Nacht hatte leben müssen. Doch immer wieder daran erinnert zu werden, dass sie als Einzige überlebt hatte, war mehr, als sie oder irgendjemand sonst hätte ertragen können. Wie zum Geier hätte sie jemals wieder zu sich selbst finden oder auch nur einen Schatten ihrer selbst wiederfinden sollen, während der Rest der Welt sie beständig dazu zwang, jene schreckliche Nacht immer und immer wieder zu durchleben? Sie hätte in Frieden leben können, wärt ihr Freaks nicht gewesen, dachte er.
Die Ärzte hatten ihre posttraumatische Belastungsstörung als stärker eingestuft als alles, was sie je in ihrer Praxis erlebt hatten. Und diese Leute hatten Hunderte von Patienten von allen möglichen Kriegsschauplätzen aus aller Welt behandelt. Todd und ihre Eltern hatten Ash auf zahllosen Fahrten nach Manhattan zur Therapie begleitet, manchmal sechsmal die Woche. Sie gingen zu den besten, renommiertesten Therapeuten und Psychiatern des Landes und gaben mehr Geld aus, als ihnen lieb sein konnte, so viel Geld, dass ihr Erspartes beinahe aufgezehrt worden war. Todd hatte sich oft gefragt, ob Ashley überhaupt geheilt werden konnte. Doch er schwor, egal was passieren würde: Solange sie es zuließ, würde er ihr nicht von der Seite weichen. Er hatte sie schon einmal verloren. Ein weiteres Mal sollte ihm das nicht passieren.
Und doch war es geschehen.
Diese Final-Girl-Geier hatten geschafft, was ein psychopathischer Killer nicht geschafft hatte.
»Hier.« Seine Mutter stellte einen Teller mit Pfannkuchen vor ihn hin. Sie hatte den Sirup aufgewärmt, Dampf kräuselte sich aus der kleinen Sahneschüssel, die Ashley letztes Jahr bei einem Ausverkauf hellauf begeistert entdeckt hatte. Bei all der Düsternis, die über Ashley hing, eines konnte sie immer aufheitern: Sie liebte es, einzigartiges Glas in allen Farben und Formen zu sammeln. Die Vitrinen waren gefüllt mit einmaligen Gläsern und Servierschalen. Kein Stück passte zum anderen, sie suchte sich lieber besondere, ungewöhnliche und zu nichts sonst passende Teile aus, meist auf Flohmärkten oder Basaren. »Iss und zieh dich an. Ich will mein Flugzeug nicht verpassen.«
Todd goss sich ein paar Tropfen Sirup auf seine Pfannkuchen. Sein Appetit war plötzlich restlos verschwunden, aber es war besser, wenigstens einen der Pfannkuchen herunterzuwürgen, als sich von seiner Mutter das Essen so lange befehlen zu lassen, bis er sich schließlich geschlagen gab. Er war dankbar dafür, dass sie ihm die ganze Zeit in seiner Trauer beigestanden hatte. Aber er war auch froh, dass er bald wieder allein sein konnte.
»Dein Flugzeug geht erst in fünf Stunden«, erwiderte er. »Wir könnten zu Fuß zum Flughafen gehen und du würdest es nicht verpassen.«
Sie tätschelte seine Schulter. »Man steht doch ewig in der Schlange für die Sicherheitskontrollen.«
Er verschluckte sich fast an einem trockenen Stück Pfannkuchen. Ewig war genau der Zeitraum, den Ashley fort sein würde.
Seine Mutter zog einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn. »Du darfst die Leute, die Ash verfolgt haben, nicht an dich heranlassen. Auf ihre Weise trauern auch sie.«
Todd ließ die Gabel fallen. »Die haben sie doch nicht einmal gekannt! Sie haben nicht das Recht dazu.«
Ihr nüchterner, sachlicher Blick wurde weicher. »Du kannst nicht kontrollieren, wie sie sich fühlen. Oder was sie fühlen. Sie haben Ashley nicht umgebracht. Sie war so eine starke Frau. Aber ich kenne niemanden, der stark genug wäre, um … um …«
Nach einem tiefen, rasselnden Atemzug nahm er ihre Hand. »Ich weiß, Ma. Ich weiß. Ich kann mich nur nicht dazu überwinden zu glauben, dass sie nicht irgendwie eine Rolle gespielt haben. Wenigstens ist der Kerl, der ihr das angetan hat, tot. Aber diese Final-Girl-Kultisten werden wohl nie verschwinden.«
Todd hatte sich gewünscht, dass Ashley ihren Namen ändert und mit ihm in einen anderen Staat geht. Vielleicht New Hampshire. Sie hätten einfach verschwinden können.
Doch sie hatte sich geweigert und ihm erklärt, dass der Killer ihr so viel genommen habe und sie nicht zulasse, dass er ihr auch noch ihre Identität nahm.
»Das werden sie schon. Lass sie trauern. Eher als du glaubst, werden sie plötzlich einfach weg sein. Du wirst schon sehen.«
Sie stand auf, um die Küche noch aufzuräumen, während Todd sich zwang, wenigstens den obersten Pfannkuchen aufzuessen.
Den Rest ließ er schnell im Mülleimer verschwinden, als sie ihm kurz den Rücken zuwandte.
Er wollte gerade ins Schlafzimmer gehen, als sie sagte: »Du weißt, dass du mich jederzeit anrufen kannst?«
»Ich weiß.«
»Selbst wenn es nur ist, um über nichts zu sprechen.«
»Okay.«
Er war jetzt ungewöhnlich scharf auf eine Dusche. Er hatte seit Wochen das Haus nicht verlassen und der Gedanke, auch nur zum Flughafen zu fahren, hatte etwas seltsam Erfrischendes.
»Hast du nächste Woche schon etwas vor?«, wollte sie wissen.
Sein Vorarbeiter hatte Todds Urlaub von einer auf drei Wochen verlängert, nachdem er ihn bei der Beerdigung gesehen hatte. Alle hatten Todd erzählt, dass Arbeit ihn ablenken würde und dabei helfen könnte, die Trauer zu bewältigen.
Doch er hatte andere Arbeit im Sinn.
»Nicht wirklich. Ich habe eine Einladung zum Abendessen von Vince und Heather, und ich muss das Auto in die Werkstatt bringen, ein Ölwechsel ist fällig. Nichts Besonderes.«
»Versuch, dich ständig zu beschäftigen. Wenn ich das nicht getan hätte, als dein Vater starb, ich weiß nicht, was mit mir geschehen wäre.«
Bevor er seine Schlafzimmertür schloss – es war ihre gemeinsame Schlafzimmertür gewesen –, murmelte er noch: »Oh, das werde ich.«
Denn er hatte Pläne.
Allerdings war er sich sicher, dass seine Mutter nicht mit ihnen einverstanden wäre.
5
Den Killer-Podcast hatte Ashley immer besonders gern gehört. Todd hatte nicht kapiert, warum sie zwei Idioten zuhörte, die den Keller nie verließen und über nichts anderes sprachen als Serienkiller und ihre Opfer. Als er nachbohrte, war ihre Antwort, wenn sie verstehen würde, warum eine Person das tat, was man ihr und ihren Freunden angetan hatte, fände sie vielleicht heraus, wie sie das alles hinter sich lassen konnte.
Die arme Ash und ihre Rätsel. Sie konnte einfach keins ungelöst lassen. Sie hätte eine großartige Ermittlerin abgegeben. Sie hätte ein Rätsel nach dem anderen gelöst, bis der Verbrecher gefasst oder das Rätsel keines mehr war.
Todd hatte nichts für Podcasts übrig. Er zog Musik den Amateuren vor den Mikrofonen vor. Aber Ash liebte sie und lud sich ständig Dutzende von neuen Folgen ihrer Podcasts herunter. Sie verpasste nie eine Episode des Killer-Podcasts. Dass sie gerade wieder eine Folge gehört hatte, erkannte Todd daran, dass sie besonders still und in sich gekehrt wirkte und ihm nur einsilbig antwortete. Er sah, wie ihr Verstand verzweifelt versuchte, ihr eigenes, persönliches Rätsel zu lösen, und dafür an einen Ort und in eine Nacht verschwand, wohin er ihr verdammt noch mal nicht folgen konnte.
Die Moderatoren der Sendung, Jay und John, machten immerhin ihre Hausaufgaben und unterfütterten jeden Bericht über ein Verbrechen mit Massen an Recherchen. Allerdings machte diese Hingabe an so ein krankes Thema Todd wiederum ganz krank. Was waren das für Leute, die so tief in diesem Dreck aus Wahnsinn und Leid herumwühlten?
Sensationsgeile Freaks, das waren sie, genau wie all diese Final-Girl-Fans.
Der Killer-Podcast hatte vor zwei Jahren den älteren Bruder von Jamal Banks interviewt. Todd und Jamal waren in ihrem ersten High-School-Jahr zusammen im Bowling-Team gewesen. Sie kamen gut miteinander aus, hätten sich aber nie als Freunde bezeichnet. Ash und Jamal hatten sich durch ihn kennengelernt, und auf eine rein platonische Art machte es zwischen den beiden sofort klick. Jamal begleitete Ashley von da an bei fast allen Urban Explorations, ihren nächtlichen Streifzügen durch alte und verlassene Gebäude. Darum gab Jamals Bruder ihr die Schuld an dessen Tod. Nicht dem Wraith, dem geisterhaften Monster, das er wie viele andere einfach für einen obdachlosen Verrückten auf der Durchreise hielt, der entweder high oder ein mordlustiger Psychopath gewesen war. In deren Augen hätte es gar keinen Wraith gegeben, wären sie dank Ash nicht zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.
Jamals Bruder (Warum konnte Todd sich nur an seinen Namen nicht erinnern?) hatte in der Sendung eine regelrechte Hassrede gegen Ash und den Kult der Final-Girl-Fans gehalten, die keiner irgendwie gekürzt oder redigiert hatte.
»Ashley King sollte die sein, die tot im Grab liegt, nicht mein Bruder!«
Als Ash diese Episode gehört hatte, war in ihr alles wieder aufgebrochen. Tagelang konnte sie nicht schlafen oder essen. Sie weinte die ganze Zeit, wollte aber weder berührt noch getröstet werden. Da hörte sich Todd den Podcast selbst an und war drauf und dran, ins nächstbeste Flugzeug nach New Mexico zu springen, wo Jamals Bruder lebte, um die Scheiße aus ihm herauszuprügeln.
Eine volle Woche lang hatte Ashley geweint und Todd vor Wut gekocht. Und doch war sie es gewesen, die die Fassung zuerst wiedererlangte. »Lass ihn. Bete einfach für ihn«, sagte sie eines Nachts völlig überraschend. Er hatte vor dem Fernseher gesessen, ohne hinzusehen, als sie aus dem Schlafzimmer kam. Ihre Augen waren gerötet, aber das erste Mal seit der Sendung war ihr Blick wieder klar.
»Beschissenes Arschloch.«
»Ist er nicht. Er verarbeitet nur eine Tragödie. Oder besser, er verarbeitet sie nicht. Und auf gewisse Weise hat er ja recht. Nicht komplett, aber das ist egal, er hat das Recht zu fühlen, was er fühlt.«
Man hatte Jamals Körper in zwei Teilen gefunden. Rumpf und Wirbelsäule waren mit der scharfen Bruchkannte eines Steins durchtrennt worden. Die Polizei meinte, der Killer hatte offenbar seine Finger in Jamals Augenhöhlen gerammt und die obere Hälfte seines Körpers wie eine Bowlingkugel herumgetragen. Seine Beine waren post mortem derart zerstampft worden, dass sie nur noch aus Knochensplittern bestanden, die von ein paar Sehnen zusammengehalten wurden.
»Ich kann nicht für ihn beten«, hatte Todd geantwortet.
»Dann bete ich für uns beide.«
Ashley hatte oft gebetet. Todd dagegen hatte mutwillig sogar vergessen, wie man auch nur das Kreuzzeichen vor der Brust machte.
Er massierte seine Schläfen, um die Erinnerungen zu verscheuchen, öffnete seinen Laptop und suchte nach der E-Mail von Killer-Podcast. Die Sendung hatte eine Assistentin, Hilary, mit der er in Kontakt stand. Sie hatte das Programm in dem Augenblick geändert, in dem Todd sich bei ihr gemeldet hatte. Der Name Ashley King hatte in deren kranker Welt einiges an Gewicht. Und dass nun ihr trauernder Verlobter in der Sendung zu Wort kommen wollte, ließ alle dort ziemlich aus dem Häuschen geraten. Normalerweise nahmen sie die Sendung jeden Dienstagabend um acht auf, aber Todd bestand auf Montagmorgen. Es war der lahme Versuch, ihnen das Leben schwer zu machen. Doch sie hatten keine Einwände und änderten den Plan. Er hoffte, dass immerhin einer von denen so seine Schicht bei Walmart verpasste.
Er hatte sich an diesem Tag ein sehr frühes Bier gegönnt, um seine Nerven zu beruhigen, bevor er sich über Skype mit ihnen in Verbindung setzte. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis sich jemand meldete: »Hey, Todd, danke, dass du pünktlich bist. Von den meisten unserer Gäste können wir das nicht behaupten.« Ein nervöses, kurzes Lachen folgte.
Es dauerte weitere Sekunden, bis das schwarze Bild von einem Live-Video von John und Jay ersetzt wurde.
Da hatte Todd schon genug. »Ich dachte, wir würden nur Audio aufnehmen«, meinte er entrüstet.
Der mit dem roten Hipster-Bart und der schwarz gerahmten Brille lächelte. »Für den Podcast nutzen wir nur Audio, keine Sorge«, beruhigte er Todd. »Aber wir glauben, dass es wichtig ist, die Person zu sehen, mit der wir sprechen. Ohne die Videoverbindung können Nuancen verloren gehen.«
Und wir wollen doch nicht, dass Nuancen verloren gehen, dachte Todd.
»Hi, ich bin Jay«, erklärte der andere und winkte kurz. Ein dürrer Kerl mit eingesunkenen Wangen und der Blässe einer Leiche. Er sah aus, als bräuchte er dringend einen Tropf und intravenöse Nahrung. »Entschuldige, dass wir das in unserer E-Mail nicht erwähnt haben. Wir sind so daran gewöhnt, dass wir gar nicht mehr drüber nachdenken. Ist das denn okay für dich? Wenn nicht, können wir auch die Kamera ausmachen und nur Audio aufnehmen.«
»Nein, ist schon okay«, erwiderte Todd. Er fragte sich, ob sie überhaupt gemerkt hatten, dass er sich jeglichen Gruß und alle Höflichkeiten zu Beginn des Gesprächs gespart hatte. Er war sicher, dass sie ihm nur ins Gesicht zu sehen brauchten, um festzustellen, dass er kein Fan der Sendung war.
War eben so eine Nuance.
John kratzte sich den Bart. »Lass mich damit beginnen, dir zu versichern, dass wir für Ashley, dich und eure Familien beten. Als die Nachricht bekannt wurde, waren wir erschüttert. Sie bedeutete einer Menge Leute sehr viel und es ist schrecklich, dass es so enden musste.«
Ich bin sicher, dass die Nachricht nicht annähernd so erschütternd war wie ihren erhängten Körper im Keller zu finden, schoss es Todd durch den Kopf. Sein Gesichtsausdruck musste verraten haben, was er dachte, denn sofort ergriff Jay das Wort.
»Ich weiß, das ist eine schwere Zeit für dich«, sagte er mit besorgter Miene. »Du ahnst nicht, wie sehr wir es zu schätzen wissen, dass du dir Zeit für uns nimmst. Wenn du an irgendeiner Stelle abbrechen willst, sag einfach Bescheid. Jederzeit.«
Auf Todd machte Jay allerdings den Eindruck, dass ihm in diesem Fall jedes Mittel recht war, um ihn zum Weitermachen zu überreden. Er konnte es in diesem kadaverartigen Blick sehen. Diese Jungs gierten geradezu nach Ashs Story, egal wie tragisch sie sein mochte. Das waren nicht nur Aasgeier, es waren Dämonen.
Todd schluckte die Galle hinunter, die ihm in die Kehle gestiegen war, und bedankte sich. »Danke. Es war … ein Schock.«
Er war müde und hatte seine Gefühle nicht im Griff, doch in diesem Moment wurde ihm plötzlich klar, dass ihr Tod im Grunde alles andere als eine Überraschung gewesen war. Vielmehr sollte er erstaunt darüber sein, dass sie so lange durchgehalten hatte, und hoffen, dass er ihr in den fünf Jahren seit dem Massaker wenigstens einige Augenblicke von Normalität schenken konnte.
»Wir sind nicht so gut darin, vor der Sendung lange um den heißen Brei herumzureden«, sagte John. »Das nimmt dem Interview die Spontaneität. Ich würde sagen, wir zählen jetzt einfach von zehn runter und starten die Show.«
»Und du musst dich nicht zurückhalten«, betonte Jay. »Hier gibt es keine Zensur und keine Regeln.«
Nur den guten Geschmack.
Für einen Augenblick schwiegen sie, dann sagte John: »Willkommen zum Killer-Podcast! Wir erforschen für euch die dunkelsten Nischen der menschlichen Seele. Ich bin John Jackson, bei mir ist wie immer Jay Anselm, mein Begleiter auf der Expedition ins Mysteriöse und in den Wahnsinn. Heute haben wir etwas ganz Besonderes für euch. Wie ihr alle wisst, war Ashley King das beliebteste Final Girl des Landes, wenn nicht sogar der ganzen Welt. Sie hat den Schrecken des Resort-Massakers überlebt, und seither war ihr Leben nicht mehr dasselbe. Sie wurde über Nacht berühmt als die Verkörperung weiblichen Empowerments und des Überlebenswillens. Vor fünf Jahren begab sie sich auf Erkundungstour ins seit Jahren geschlossene Hayden Resort, um dort mit vier ihrer engsten Freunde ein wenig herumzustreifen. Als der Tag anbrach, war sie die Einzige, die das Gelände lebend verließ.«
Jetzt übernahm Jay. Sein dröhnender Bariton verlieh dem Podcast etwas Ernsthaftes. »Traurigerweise ist Ashley vor einigen Wochen von uns gegangen. Mit gebrochenem Herzen fragen sich ihre Fans seitdem, wie das passieren konnte. Vielleicht können wir heute für ein paar Antworten sorgen. Unser Gast diese Woche ist Todd Matthews, Ashleys Verlobter, der schon seit der High School ihr Freund war und ihr seit dem Massaker nicht mehr von der Seite wich. Danke, dass du heute hier bist!«
Zunächst blieb alles still. Todd war nicht bewusst, dass er nun das Wort ergreifen sollte. Allein »Resort-Massaker« zu hören, hatte ihn in eine lähmende Starre versetzt. Jay und John glotzten ihn an.
»Äh … gerne.«
»Ich denke, ich spreche für all unsere Zuhörer, wenn ich sage, dass dir unsere tiefste Anteilnahme gilt. Aber sicherlich ist diese Anteilnahme der letzten Wochen bei dir angekommen.«
»Auf alle Fälle habe ich jede Menge Blumen erhalten«, erwiderte Todd.
Das Beerdigungsinstitut hatte so viele Gebinde bekommen, dass es einen weiteren Abschiedsraum nutzen musste, um sie alle unterzubringen. Zu Ashs Beerdigung waren Buketts und Kränze aus aller Welt geschickt worden. Todd und ihre Familie hatten absichtlich auf eine Traueranzeige verzichtet, doch irgendwie war die Nachricht durchgesickert. Der überwältigende Duft der vielen Blüten war unerträglich gewesen. Schließlich hatte Todd deshalb sogar alle Pflanzen ausgegraben, die er für Ash ums Haus herum gepflanzt hatte.
»Die wichtigste Frage ist natürlich: Wie fühlst du dich?«, fragte Jay.
Es wäre sinnlos gewesen, es schönzureden, also erwiderte Todd: »Nicht gut. Ganz und gar nicht gut.«
Seine Ehrlichkeit warf die beiden Moderatoren ein wenig aus der Bahn.
John beugte sich näher zum Mikrofon. »Du warst derjenige, der sie gefunden hat. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie das gewesen sein muss.«
Eine Welle von Ärger wusch durch Todds Innerstes. »Woher habt ihr das?«
»Ich habe es in mehreren Quellen gelesen«, erklärte John.
Diese Information war nie an die Presse weitergegeben worden. Das hieß wohl, dass es irgendjemand bei der örtlichen Polizei gewesen war. Wahrscheinlich sogar gegen Geld. So eine Scheiße!
»Das will ich hier wirklich nicht breittreten.« Todd rückte jetzt seinerseits näher an die Kamera. »Und um ehrlich zu sein, das geht auch niemanden etwas an.«
John sah nervös aus, offensichtlich fürchtete er, Todd würde nun nicht mehr kooperieren. »Das verstehe ich. Entschuldige, dass ich ein unbestätigtes Gerücht zur Sprache gebracht habe.«
Schlimm genug, dass die Nachrichtenagenturen sofort die ganze Welt hatten wissen lassen, dass Ash sich erhängt hatte. Wieder hatte Todd die Meute der Fotografen vor Augen, die das Haus belagert hatten, als Ashs Leiche aus der Vordertür herausgerollt wurde. Die Leute von der Gerichtsmedizin mussten sich den Weg freikämpfen, um sie in den schwarzen Kombi zu laden. Blitzlichtgewitter blendete ihn, als wäre ein Feuerwerk direkt vor seinem Gesicht explodiert. Doch Todd wusste, es ging ihnen nicht nur um die eingepackte Leiche auf der Bahre. Tief in ihren abgestorbenen Herzen wünschten sie sich, der Reißverschluss des Leichensacks würde sich öffnen, um ein letztes Foto von Ashleys Gesicht schießen zu können. Oder wenigstens von einem bleichen, leblosen Arm.
»Wie ging es Ashley in den letzten fünf Jahren?«, fragte Jay.
