Schlachtplatte vegan - Wolf Brechtel - E-Book

Schlachtplatte vegan E-Book

Wolf Brechtel

4,4

Beschreibung

Landarzt Dr. Steinkauz sollte eigentlich längst in Rente sein, doch ohne ihn stünden die abgelegenen Allgäuer Orte Bad Heiterbach und Soichgrub ohne Arztpraxis da. So hat die Anwesenheit des Doktors nur noch Alibifunktion, während Liesel und ihre Kollegin die Praxis in Eigenregie weiterführen. Als jedoch plötzlich zahlreiche ihrer oft greisen Patienten unter mysteriösen Umständen ableben, legt Liesel die Spritze nieder und nimmt die Ermittlungen auf . . .

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Wolf Brechtel sammelte als Zivildienstleistender Erfahrungen im Klinikbereich. Er absolvierte Ausbildungen zum Heilpraktiker und zum Fahrlehrer. Seit 1995 ist er Geschäftsführer der baden-württembergischen Fahrschulüberwachung.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2015 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: photocase.com/Francesca Schellhaas Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Susanne Bartel eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-787-1 Allgäu Krimi Originalausgabe

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Für alle, die unfreiwillig in dieser Geschichte mitspielen

1

Ja, kreuzkruzifixaberauch. Jetzt bin ich schon wieder zu spät dran. Um halb neun Uhr soll ich unsere Praxis aufsperren. Also, nix wie los.

Kaum dass ich halb zur Garage raus bin, seh ich unsere Nachbarin, die Diätlind. Der Tag fängt ja gut an. Die Diätlind ist überzeugte Vegetarierin und lebt mit ihrer Familie als Stadtflüchtling fleischlos auf dem Land. Nicht irgendwo auf dem Land, nein, das tät ja vielleicht noch angehen, sondern hier lebt sie auf dem Land, direkt neben uns! Und ich muss es ertragen. Wie jeden Tag bietet sie auch heut ein Bild des Jammers. Auf allen vieren wühlt sich die Diätlind durch den Dreck, Nase voraus wie eine Trüffelsau, und gräbt nach was Essbarem zum Frühstück. Ich fahr neben sie hin, lass das Fenster runter und frage: »Na, schon was Brauchbares gefunden?«

Die Diätlind ist reine Selbstversorgerin. Zumindest versucht sie es zu sein. Jetzt dreht sie ihren Kopf her und schaut mich aus ihren Schweinsäuglein an. Vermute ich zumindest. Weil sie so arg schielt, weiß man nie, wen genau sie gerade anschaut, aber weil außer mir niemand da ist, wird’s wohl kein anderer sein. Langsam und beschwerlich richtet sie ihren monströsen Leib auf und schüttelt den Kopf. Nicht mal eine Runkelrübe heut. Aber irgendwas hat sie doch im Maul.

»Was hast du da im Maul?«, frag ich sie.

Mit ihrer erdverschmierten Pranke fasst sie sich in den Mund, nimmt irgendwas heraus und hält es mir vor die Nase, so schnell krieg ich gar nicht die Scheibe hoch.

»Gibt’s jetzt schon ersatzweise Kieselsteine?«, frage ich erstaunt, als ich seh, was es ist. Aber ganz ehrlich: Selbst das tät mich kaum wundern.

»Ein Heilstein ist das«, erklärt mir die Diätlind, »und zwar ein Apatit!«

Des versteh ich jetzt nicht. Ich versteh sowieso überhaupt gar nix an dieser Frau. Wenn man schon ab Werk alle erdenklichen Wehwehchen und Zipperlein mitbekommen hat, wozu um alles in der Welt will man dann auch noch apathisch werden?

»Wenn man den langsam im Mund zergehen lässt, hat das eine heilsame Wirkung auf den Verdauungstrakt«, bekomme ich erklärt. Und dass man davon abnimmt. Ganz bestimmt.

Aha. Also Abnehmversuch Nummer vierhundertsiebenundachtzig. Mindestens. Daher auch: Diätlind. »Sehen davon tut man aber noch nix«, sag ich zum Autofenster raus, wie sie das Ding wieder in den Mund steckt und an ihm weiterlutscht.

»Hab’n auch erst seit gestern«, zuckt sie mit den Schultern.

»Wie heißt des Dings noch mal?«, will ich wissen.

»Apatit. Wieso? Magst auch einen haben?«

Gott verhüte! »Und du glaubst ernsthaft, dass man abnimmt von etwas, wo sich Appetit nennt? Na, dann Steinzeit!«, rufe ich, lasse das Fenster hochfahren und brause mit dem neuen BMW davon.

Den Wagen hab ich erst seit ein paar Tagen. Ich hab ihn mir aussuchen dürfen, und unser guter Doktor hat ihn bezahlt. Es ist ein M5, ein sogenanntes SUV, sauteuer, umweltschädlich und voll geil. Mit Allrad und allem, was die Zubehörliste hergegeben hat. Das Teil fährt sich einfach himmlisch. Und hinter dem Steuer, da sitz ich, die Liesel Sumpfmoser, knapp unter Mitte vierzig, eher klein, schlank, dunkelhaarig, weil mit italienischen Wurzeln mütterlicherseits, und dazu noch mit einer beachtlichen Oberweite väterlicherseits.

Unser guter Doktor fährt schon lang nicht mehr selbst Auto, was auch besser ist. Und das mit der Praxis kriegt er altersbedingt auch nicht mehr so ganz auf die Reihe. Damit jedoch unsere Heimatgemeinde Bad Heiterbach nicht gänzlich ohne ärztliche Versorgung dasteht, schmeißen wir zwei den Laden. Wir zwei, das bin ich, die Liesel, immer noch knapp unter Mitte vierzig und seit fast dreißig Jahren Arzthelferin, und meine Kollegin, die Schwester Minna, knapp über Ende sechzig und ehemalige langjährige Krankenschwester. Gemeinsam halten wir die Praxis von unserem Dr.Steinkauz am Laufen.

Auf dem Weg zur Praxis schau ich jeden Morgen im Laden von der Witwe Knoblauch rein. Mit der Gertrud ist es dasselbe wie mit dem Doktor. Wenn die mal nicht mehr ist, gibt’s keinen Laden mehr weit und breit.

Wie ich grad vor dem kleinen Dorfladen anhalten will, überholt mich von hinten lautstark ein Sanka. Ich bin bestimmt nicht neugierig, aber da muss ich dann doch hinterher. Reines Berufsinteresse. Und wenn hier schon mal was passiert.

Der Sanka stoppt vor dem Haus der Bollingers, und zwei Sanitäter rennen rein. Ich hinterher. Der alte Bollinger Paul liegt in der Wohnstube auf einem ausgefransten alten Teppich, neben ihm knien schon die Sanitäter. Seine Frau, die Klara, hockt auf einem morschen Stuhl und hat die Hände vors Gesicht geschlagen. Die Sanitäter hantieren mit irgendwas rum, was ich nicht seh, weil sie mir den Rücken zugedreht haben, dann plötzlich springt ein Sanitäter hoch und will aus dem Zimmer stürmen, wobei er mich fast über den Haufen rennt.

»Gehören Sie hier dazu?«, fragt er unwirsch.

»So direkt eigentlich nicht«, muss ich zugeben.

»Dann raus hier«, mault er mich an und schiebt mich aus dem Haus. »Immer diese Gaffer.« Dann verschwindet er im Sanka.

»So eine Frechheit«, sage ich zur Nachbarin der Bollingers, die im Morgenmantel aus ihrem Haus herausgeschlappt ist und auch mal gucken will, was da abgeht. Es ist die Luise Hüttler, und ihr Mann, der Adi, kommt auch grad raus ins Freie, mit Bierflasche und in Unterhosen. Dann treten noch zwei weitere Dorfbewohner aus der Gertrud ihrem Laden raus, stellen sich mit dazu, und wir ratschen eine Runde. Dass der arme Paul schon seit Monaten so schlimm verwirrt ist. Dass er immer öfter von zu Hause abhaut und sich im Dorf verläuft. Und wie schlimm das für die Klara ist. Die Luise weiß sogar zu berichten, dass der Paul kürzlich der Ordensschwester Hildegard von der Katholischen Sozialstation an die Wäsche wollte und ihr Sauereien gesagt hat.

»Und dann?«, will ich wissen.

»Dann hat sie sich nicht drauf einlassen wollen«, informiert mich die Hüttlerin.

Wir ratschen weiter, und immer mehr Leute stellen sich dazu.

»Was hat der eigentlich ganz genau, der Paul?«, fragt plötzlich jemand. Alzheimer und Demenz machen die Runde, also zücke ich mein Smartphone und rufe seine Krankenakte auf. Seit dem letzten Update unseres Praxisprogramms »Country Doc3.0 easy« bin ich ständig mit der Praxis verbunden und habe auf alles Zugriff. »Hochgradige Karotisstenose beidseits«, les ich vor und zeige den Umstehenden den Entlassungsbefund vom Klinikum auf dem Handy.

»Und was ist das genau?«, will jemand anderes wissen.

Keine Ahnung. Schnell google ich den Begriff und erkläre meinem staunenden Publikum, dass es sich bei der hochgradigen Karotisstenose um eine massive Verengung der Halsschlagadern handelt, links und rechts. Dadurch gelangt viel zu wenig Blut in die Rübe, und das Hirn setzt aus.

Alle nicken verständnisvoll. Bei der Diagnose ist es auch kein Wunder, dass der Paul manchmal halb nackt durchs Dorf läuft und unflätiges Zeug an die Leut hinschwätzt, sodass die arme Klara ihn suchen und sich für ihn entschuldigen muss. Und das, wo sie doch selbst so unglaublich schlecht zu Fuß ist mit ihren neunundsiebzig Jahren. Die Anwesenden sind sich einig, dass das auf gar keinen Fall so weitergehen kann und dass es eine Schande ist, dass sich keines von den drei Kindern für die Eltern zuständig fühlt. Und überhaupt ist es eine Sauerei, dass man seine alte Mutter ganz alleinelässt mit ihrem…

Wie wir so im Gespräch vertieft vor dem Haus herumstehen, kommt plötzlich einer von den Sanitätern wieder raus und streift sich seine Gummihandschuhe ab.

»Tot?«, fragt die Luise Hüttler teilnahmsvoll.

Der Sanitäter nickt.

»Der Paul war unser Patient«, erkläre ich ihm.

Was das jetzt heißen soll, will er wissen.

Selbstverständlich, dass der Paul ein Patient von der Praxis Dr.Steinkauz war, so wie es alle Eingeborenen hier im Ort sind, erkläre ich ihm. Und dass ich die dazugehörige Helferin, die leitende Erstkraft sozusagen, bin und damit über alles voll im Bilde.

»Das trifft sich gut«, sagt der Sanitäter, »dann verständigen Sie gleich mal Ihren Chef. Der muss den Tod feststellen.«

»Dann ist der Paul noch gar nicht richtig tot?«, will jemand wissen.

Der Sanitäter guckt in die Luft und verschwindet in seinem Auto.

»Toter geht’s nicht«, sagt der zweite Sanitäter, der grad zum Haus rauskommt und die Frage noch mitbekommen hat. Er steigt ebenfalls in seinen Sanka, knallt die Autotür hinter sich zu, dann fahren die beiden Männer vom Hof.

Endlich kann ich rein. Die Klara hockt immer noch auf ihrem Stuhl und weint leise vor sich hin. Der Paul liegt immer noch auf diesem alten Teppich und ist tot. »Was ist denn passiert?«, will ich wissen und setz mich neben die Klara auf das zerschlissene Sofa.

Die Klara schüttelt den Kopf. »Heut Nacht ist er aufgestanden«, jammert sie. »Das war nix Besonderes, er steht ja praktisch jede Nacht auf und geistert durchs Haus. Ich hab lang schon aufgegeben, ihm da jedes Mal hinterherzugehen.«

Ich rutsche hin und her. Irgendwas zwickt mich in den Arsch. Das Sofa ist voller Papierkram. Wahrscheinlich, damit sich die rostigen Sprungfedern nicht gleich in den Hintern bohren. Prospekte vom Sanitätshaus, Faltblätter von der Katholischen Sozialstation, von Essen auf Rädern, dazu drei Jahrgänge »Apotheken Umschau«. Kurz entschlossen schnapp ich mir das ganze Zeug mitsamt der Klara und marschier rüber in die Küche, von wo aus man den Toten nicht sehen kann. Eine typische uralte Bauernküche mit dem üblichen gusseisernen Herd, in dem das ganze Jahr über ein Holzfeuer brennt. Zum Kochen wie zum Heizen. Ich füttere ihn mit den Prospekten und dem ganzen restlichen Papierzeug.

»Magst ein Bier?«, fragt die Klara.

Da sag ich nicht Nein.

Sie öffnet zwei Flaschen und stellt sie vor uns auf den Tisch. Wir prosten uns zu, und ich schau mich in der Küche um. Appetitlich ist das hier nicht gerade. Geht mehr so Richtung Saustall. Auf dem Tisch türmt sich eine Müllkippe aus Essensresten und dem gesamten dreckigen Geschirr von gestern Abend. Daneben Bierpfützen mit abgebissenen Fußnägeln drin. Drüber baumelt ein Fliegenband in unseren Landesfarben, weiß-blau, mit geschätzten tausend toten Fliegen dran.

»Und dann?«, frag ich die Klara weiter, wie wir auf zwei vergilbten Hockern in der verrußten Küche sitzen.

»Nix und dann«, sagt die Klara. Nur, dass gestern Abend die Hilde endlich mal wieder da war, ihre älteste Tochter, mit Mann. Und dass sie zur Feier des Tages was Besonderes gekocht hat, Rollbraten mit Knödeln und Rotkohl, und natürlich hat man was getrunken. Vielleicht ein bisserl viel. »Mit vollem Bauch und ein paar Gläsern Wein penn ich wie ein Ratz«, jammert die Klara und nimmt einen großen Schluck aus ihrer Bierpulle. Da hat sie natürlich nicht mehr mitkriegen können, dass der Paul wieder mal die Treppe runter und ins Wohnzimmer getappt ist. Und offenbar dort zusammengebrochen oder gestolpert ist. Jedenfalls ist er mit dem Kopf voll gegen die Tischkante geschlagen. Auch das war nicht das erste Mal, dass er wo dagegengeknallt ist. Überall Schrammen hat er schon gehabt. Bisher war’s nix Ernstes, aber jetzt ist er davon tot. Verdammt.

Der Qualm aus dem undichten Herd beißt in meiner Nase, und ich such nach einem Taschentuch. Mist. Meine Handtasche liegt noch in der Stube nebenan. Eigentlich wollt ich da ja nicht mehr rein, aber meine Tasche brauch ich natürlich. Beim Durchgehen kann ich mir einen letzten Blick auf den Verstorbenen nicht verkneifen. Etwas gelb erscheint er mir, der Paul. Vielleicht ist es aber auch nur wegen der düsteren Beleuchtung. Was gar keine richtige Beleuchtung ist, diese Fünf-Watt-Birne in der Bude da. Aber eigentlich ganz gut so, denn genauer anschauen will ich den Paul besser nicht.

Die Klara hockt immer noch auf ihrem wackligen Küchenschemel und hält sich mit einer Hand an ihrer Bierflasche fest. Leise schluchzt sie vor sich hin und wischt sich mit ihrer dreckigen Küchenschürze über das Gesicht. »Im Grund ist es ja so das Beste«, sagt sie dann. »Ich hätt des nimmermehr lang ausgehalten. Weißt du, was das Allerschlimmste war?«

»Nein, woher?«

»Das Schlimmste war, dass er die ganze Zeit über gesungen hat! Laut und falsch, den ganzen Tag lang und die halbe Nacht.«

»Und was?«

»Soldatenlieder! Irgendwas vom Militär. Sein Lebtag hat er so was nicht gemacht, aber seit ein paar Monaten ständig! Ich war nur noch mit diesen Ohrstöpseln unterwegs«, jammert die Klara und zieht ein paar dreckige Ohropax aus ihrer Schürzentasche. »Sogar nachts! Damit ich sein Geschnarche nicht hör. Und sein Gegröle, wenn er plötzlich aufsteht, mitten in der Nacht, und in den Krieg marschiert.«

2

Mit ziemlicher Verspätung erreich ich den Laden von der Gertrud Knoblauch. Weil sie weiß, dass ich es morgens immer eilig hab, bereitet sie mir meistens alles vor: Brötchen, Käse, Wurst, dazu Butter und Milch und viel Kaffee. Eben alles, was man so braucht, um einen Praxistag zu überleben. Wenn’s irgendwie geht, halte ich mich nicht allzu lang bei ihr auf und bin gleich wieder mit meinen zwei vollen Tüten raus. Bezahlt wird später.

Aber heute geht es im Zeitplan irgendwie nicht richtig vorwärts, es klemmt sogar ganz gewaltig, das merk ich sofort, wie ich bloß die Tür aufmach. Vor mir in dem kleinen alten Dorfladen steht ein weit nach vorn gebeugter Tourist in Wandererverkleidung. Er hat seine Nase platt gegen die Käsetheke gepresst und streckt mir seinen Arsch entgegen. Und nicht nur das. Seine nordischen Walkingkrücken hat er unter dem linken Arm so eingeklemmt, dass die Spitzen von den Dingern voll in Richtung meiner Nase zeigen. Ja, verreck! Vorsichtshalber bleibe ich erst mal in der offenen Tür stehen und warte ab. Ich wäre weiß Gott nicht die Erste, der sich so ein Gebirgszahnstocher ins Nasenloch oder in ein Auge bohrt. Aus sicherer Entfernung höre ich von hinten, wie er vorne etwas sagt.

»Ist das auch ganz sicher kein Analogkäse?«, will der Touri von der Witwe Knoblauch wissen.

»Himmel, na, wo denkenS’ hin!«, schnaubt sie entrüstet zurück. Die Gertrud ist ausgesprochen übergewichtig und schnauft so, wie sie aussieht– wie ein alter Ackergaul. Noch letztes Jahr hat sie beim Landeswettbewerb »Dick im Geschäft« den zweiten Platz gemacht. Jetzt aber, nach einer vermurksten Hüftoperation, humpelt sie mit dem linken Fuß, dass es Gott erbarmt. Der Fuß geht in Bayern bis zum Hintern rauf, und es versteht sich doch eigentlich von selbst, dass man eine alte Frau unter solchen Umständen nicht mit blöden Fragen belämmern kann. Und da die Gertrud schon rein aus Prinzip keinen Analogkäse verkauft, weiß sie natürlich auch nicht, was das überhaupt sein soll. Ich selbst hab momentan zwar auch keinen Plan, was das sein könnt, aber völlige Ahnungslosigkeit hat mich noch nie von irgendwas abgehalten. Schon gar nicht davon, unschuldige Einheimische gegen fremdländische Eindringlinge zu verteidigen.

»Der Käse ist absolut einwandfrei«, springe ich der Witwe zu Hilfe und schiebe mich mit der nötigen Vorsicht an den Felsharpunen und dem ausgestreckten Hinterteil des Wanderers vorbei. Der Touri guckt mich fragend an. Ich überlege, was es sein kann. Ein Schwabe wahrscheinlich, von denen es hier nur so wimmelt. Oder ein Ossi vielleicht? Da der Gipfelstürmer nichts weiter sagt, stelle ich die nähere Einsortierung vorläufig zurück und setze ihn weiter ins Bild. »Und ganz speziell dieser Käse da«, sage ich und deute auf eine dunkelrote Rollwurst hinter dem Thekenglas, »dieser Spitzenkäs wird täglich frisch produziert. Den druckt die Gertrud nämlich selbst, jeden Morgen, in ihrem Hinterteil«, erkläre ich und deute auf die Tür, die zum rückwärtigen Teil des Ladens führt. »Da hinten halt, im hinteren Teil von ihrem Kabuff. Das ist sozusagen Hausmacherkäs«, sage ich, während der Tourist mich total entgeistert anglotzt.

»Mit ihrem neuen 3D-Drucker«, erkläre ich weiter, »des kennen Sie doch bestimmt aus dem Fernsehen. Des sind diese neuen Drucker halt, mit denen man sich komplett alles selbst drucken kann, was man im Haushalt braucht.«

Der Tourist hat das Maul auf wie ein Karpfen an der Luft.

»Und deshalb ist das hier auch kein Analogkäse nicht, sondern ein…« Erwartungsfroh und aufmunternd schaue ich den Touri an, genauso wie der Günther Jauch seine Kandidaten bei der Millionenfrage anguckt. »Na! Wird’s jetzt bald?«, frage ich nach zwanzig Sekunden Stille noch mal nach. Das wirkt.

»Digitalkäse?«, entfährt es dem Klettermaxe in bestem Schwäbisch.

»Hundert Punkte!«, klatsche ich begeistert. »Und jetzt, wo Sie es schon selbst gesagt haben, versteht man sich doch gleich viel besser, gell?«

Und zur Gertrud gewandt sage ich leise: »Pack ihm den Käs ein, rasch, bevor er sich’s noch anders überlegt.« Damit schnapp ich mir meine beiden Tüten und seh zu, dass ich Land gewinn.

Also, wo war ich stehen geblieben? Ah ja, bei unserem Dr.Steinkauz. Der Gute. Inzwischen ist er schon längst Mitte siebzig und gehört eigentlich in Rente. Allerdings hat er seinen rechtzeitigen Absprung aus der Praxis bereits mehrfach gründlich verpasst. So oft jedenfalls, bis es irgendwann zu spät war. Und zwar nicht nur für ihn, sondern auch für mich, die Schwester Minna und das ganze Dorf. Zum ersten Mal ist es passiert, als der Doktor fünfundsechzig war und eigentlich in seinen wohlverdienten Ruhestand hätte treten sollen. Da hatte er noch nicht so die rechte Lust. »Ich mach halt noch ein Jährchen«, hat er gesagt und weitergewurstelt. Ein Jahr später wiederholte sich dasselbe Spiel. Wieder wollte er nicht und sagte: »Dann mach ich halt noch ein Jährchen.« Was hätt er auch sonst machen sollen? Er hätt sich ja ohne uns und ohne seine Praxis zu Tode gelangweilt. Also arbeitete er weiter und weiter, bis sich hinter unserem Rücken die wirtschaftliche Gesamtsituation für Hausarztpraxen auf dem Land derartig verdüstert hatte, dass die Praxis plötzlich unverkäuflich war. Nicht einmal geschenkt hätte sie so ein jungdynamischer Nachfolger übernehmen wollen, so stellte es sich heraus.

Doch ohne den Dr.Steinkauz oder eben einen jugendlichen Nachfolger drohte die Verbandsgemeinde Bad Heiterbach von einem Tag auf den anderen gänzlich ohne ärztliche Versorgung dazustehen. Und deshalb haben wir, also die Minna und ich, beschlossen, dass der gute Doktor in Gottes Namen so lange weitermachen muss, wie es irgendwie nur geht. Auch wenn die Hauptlast an uns hängen geblieben ist. Aber das war uns bei der Entscheidung bereits klar– und eigentlich auch vorher meistens schon der Fall. Seit mittlerweile sechs Jahren schmeißen wir zwei den Laden praktisch alleine. Der Doktor befindet sich sozusagen in nachgelagerter oder, besser gesagt, in völlig verspäteter Altersteilzeit, die er dort verbringt, wo er schon sein ganzes bisheriges Arbeitsleben verbracht hat, nämlich in seinem Sprechzimmer. Dort liest er seine Zeitung, isst was oder spielt am Computer. Und solange wir ihn nicht wirklich dringend zu irgendwas ernsthaft Medizinischem brauchen, lassen wir ihn in Ruhe.

Unsere Praxis befindet sich übrigens im schönen heilklimatischen Luftkurort Bad Heiterbach im noch viel schöneren Allgäu. Bad Heiterbach ist das Zentrum einer Verbandsgemeinde, bestehend aus den ehemals eigenständigen Weilern Soichgrub und Hinterfötz im Fötztal sowie den Einsiedeleien Heufricken und Vogeltann. Das war freilich nicht immer so. Die seinerzeitige Zwangsvereinigung unter dem Oberbefehl der bayrischen Landesregierung ging nicht ohne die ortsüblichen kriegerischen Auseinandersetzungen vonstatten. Nachweislich seit dem ersten bajuwarischen Bauernkrieg herrscht unter den Bewohnern der verschiedenen Dörfer eine innige Abneigung bis hin zur offenen Feindschaft, die auch durch gelegentliche grenzüberschreitende Eheschließungen nicht gelindert, sondern eher noch weiter angeheizt wurde.

3

Vor der Praxistür warten heut Morgen schon der Kipfler Michl mit seinem Kehlkopftumor und der Döpfners Johann mit seinem diabetischen Raucherbein. Seit ihm letzte Woche auch das zweite Raucherbein abgenommen wurde, sitzt er im Rollstuhl. Zusammen mit der Alice Heimerl und ihrem schweren, kortisonpflichtigen Asthma bilden die beiden Männer den üblichen morgendlichen Halbkreis um den Aschenbecher und qualmen um die Wette.

»Alles panettoni?«, rufe ich. Und: »Schmeckt’s?« Ich winke freundlich in die Runde, öffne die Tür, gehe durch das Wartezimmer weiter zur Anmeldung und starte den Computer. Der ist zwar nicht mehr ganz neu, fährt aber trotzdem noch deutlich schneller hoch als unser guter Doktor, der sich momentan noch ein Stockwerk über uns befindet. Die Praxis liegt im Erdgeschoss vom Doktor seinem Wohnhaus, was ein abgrundtiefer Blödsinn ist und den Doktor mehrere Jahre seines Lebens gekostet hat, worüber er nicht müde wird zu lamentieren. Und natürlich hat er damit recht. Wenn man als Arzt in seiner Praxis wohnt, ist man Tag und Nacht, am Wochenende und an sämtlichen Feiertagen für sämtliche Patienten mit ihren großen, kleinen und eingebildeten Wehwehchen erreichbar. Kein Arzt, der einigermaßen bei Sinnen ist, und Exemplare dieser Art soll’s ja vereinzelt auch noch geben, will heutzutage in dem Haus drinnen wohnen, in dem seine Praxis ist. Das kommt einer freiwilligen Freizeitberaubung gleich. Früher jedoch hat man das oft so eingerichtet, weil man es für praktisch hielt, daher führt auch heute noch eine praktische Treppe vom Flur am Ende der Praxis in die Wohnung darüber. Am Fuß dieser Treppe stehe ich nun und schreie zum Doktor hoch: »Frühstück ist fertig!«

Und der schreit zurück: »Bin gleich da!«

In unserer Praxis herrscht perfekte Arbeitsteilung. Während die Minna dem Doktor sein Frühstück zubereitet, das heißt, ihm seine Brötchen schmiert und nebenbei für alle Kaffee kocht, gehe ich schon mal ins Wartezimmer und nehme eine Grobeinteilung des bisher versammelten Krankenguts vor.

»Wer braucht ein Rezept?«, frage ich, und drei Hände gehen nach oben. »Wer braucht eine Krankschreibung?«, frage ich weiter, vier Hände gehen hoch. »Und wer ist ernstlich krank?«, frage ich zum Schluss. Keine Hand. Auch recht. Natürlich kann sich dieser Zustand minütlich ändern. In einer Praxis muss man auf alles vorbereitet sein, und gute Vorbereitung ist alles. Dazu gehört zum Beispiel auch eine ganze Schublade voll mit vom Doktor bereits unterschriebenen Rezepten und eine weitere Schublade mit ebenfalls unterschriebenen Krankmeldungen, Attesten und sonstigen Bescheinigungen. So kann ich die gewünschten Krankmeldungen und Rezepte ausstellen, ohne den Doktor damit behelligen zu müssen. Und nach so vielen Jahren in der Praxis weiß ich sowieso schon auswendig, was für Krankheiten die Patienten haben und welche Medikamente sie brauchen. Oder wollen. Besonders die Zahl an Patienten, die Globuli wollen, nimmt dramatisch zu. Natürlich ist mir klar, dass dieses ganze homöopathische Zeugs, Globuli und Tropfen und Tinkturen, völlig wirkungslos ist, aber wenigstens schadet es auch nix. Also bekommen die Patienten, was sie wollen.

Als diese Hysterie mit den Kortisonsverweigerern und Penicillinhassern losging, vor vielen Jahren, da hab ich mich mit denen noch angelegt. Meistens waren das so zehnmalgscheite zugezogene Stadtflüchtlinge, die in den Neubausiedlungen hausten. Und davon natürlich in erster Linie die jungen Mütter mit ihren Bälgern. Mei, was haben die mich genervt. Alles musste pflanzlich und natürlich sein.

»Ja, was heißt denn hier natürlich?«, hab ich sie angepflaumt. »WennS’ alles natürlich wollen, dann gehenS’ doch in den Wald, gute Frau, und suchenS’ Schwammerl! Am besten einen Fliegenpilz und einen Knollenblätter! Ein Eisenhut im Maiglöckchensalat soll übrigens auch natürlich sein und sehr gesund!«

»Reg dich doch nicht so auf, Liesel«, hat der Doktor versucht, mich zu beruhigen. »Jeder kriegt das, was er braucht. Des Menschen Pille ist sein Himmelreich.«

Weil immer noch keiner von uns nicht die geringste Ahnung hat, wie sich diese haufenweise Globuli voneinander unterscheiden, sind wir dazu übergegangen, grundsätzlich »ArnikaD6« zu verordnen. Des passt immer.

Während der Doktor wie immer um diese Zeit sein Frühstück zerkaut und dabei die Zeitung liest, sitze ich an der Rezeption und beobachte, wie sich die Minna schräg gegenüber im Behandlungszimmer zwei mit einer neuen Patientin rumschlägt, die ich grad eben computertechnisch aufgenommen hab. Sie verlangt ein Attest. Genau genommen sind es zwei Patienten, eine Mutter mit Sohn. Die Minna ist eine resolute und drahtige kleine Person, der nichts schnell genug gehen kann und die trotz ihres fortgeschrittenen Alters ununterbrochen eine unbayrische Hektik verbreitet. Nörgelnde oder wehleidige Patienten hat sie gefressen. Drückeberger oder arbeitsscheue Minderleister bringen sie gänzlich auf die Palme. Mit so einer Haltung tut man sich in einer Arztpraxis wie unsrer natürlich nicht grad leicht. Schwerer jedenfalls als in der Ambulanz eines Krankenhauses, wo die Minna fast vierzig Jahre lang das Regiment geführt hat. Zuletzt als kommandierende Oberschwester. Trotzdem ist die Minna für unsere Praxis Gold wert. Ich selbst habe zwar auch schon dreißig Praxisjahre auf dem Buckel, die Lehrzeit mit eingerechnet, aber mit der klinischen Erfahrung von der Minna kann ich nicht mithalten. Nicht ganz jedenfalls.

Das Duo, das sich im wahrsten Sinne des Wortes in der Behandlung zwei breitgemacht hat, ist genau nach der Minna ihrem Geschmack. Die Mutter wiegt fünfundneunzig Komma acht Kilo. Das weiß ich, weil sie sich heimlich auf die gebrauchte Sauwaage von der BayWa draufgestellt hat, wie sie gemeint hat, es schaut keiner hin. Es hat auch keiner hingeschaut, aber ich krieg das Ergebnis simultan auf meinem Bildschirm angezeigt, von wo aus es gleichzeitig in der Patientenakte abgespeichert wird. Weil der eigentliche Patient das Kind ist, steht das Gewicht zwar jetzt in dessen Akte drin, aber das macht nix. Viel fehlt dem dazu eh nicht mehr.

Die Mutter hat eine Fast-Food-Tüte in der Hand und steht schmatzend neben der Waage. Sie trägt ein Schlabber-T-Shirt und dazu kurze grüne Radlerhosen, aus denen massive Oberstampfer hervorquellen. Der Sohnemann, dreizehn Jahre alt, ist der Mutter wie aus dem Pfannkuchengesicht gedrückt. Teilnahmslos hockt er auf dem Untersuchungsstuhl und spielt Nintendo.

»Wo fehlt’s uns denn, Kleiner?«, fragt die Minna. Noch ist sie ganz ruhig.

Doch der Sohn beachtet sie gar nicht. Stattdessen antwortet die Mutter, während sie weiter auf irgendwas rumkaut: »Mein Marc-Aurel braucht ein Attest.«

Die Minna mustert die Mutter von oben bis unten. »Burka ist grad groß in Mode«, murmelt sie leise, aber vernehmlich.

Die Mutter tut so, als hätt sie nichts gehört, schluckt runter und klappt wieder den Kiefer auf: »Morgen hat er Schwimmen in der Schule, und da will er nicht hin.«

»Ja, aber warum denn nicht?«, erkundigt sich die Minna teilnahmsvoll. »Schwimmen ist doch so gesund!«

»Will nicht«, entgegnet das Balg und spielt weiter Nintendo.

»Schauen Sie, liebe Frau«, sagt jetzt wiederum die Mutter, »der Marc-Aurel hat es nicht so mit dem Körperlichen.«

Die Minna schaut verdutzt. »Nicht? Dafür ist er aber recht gut beieinander«, gibt sie schließlich zurück.

Die Mutter schmatzt, leckt ihre Fettfinger ab und lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. »Seine wirklichen Schwierigkeiten liegen auch ganz woanders«, presst sie zwischen den Kauleisten hervor. »Mein kleiner Prinz hat es nämlich ganz gewaltig mit dem Kopf, müssen Sie wissen.«

Die Minna setzt ein fragendes Gesicht auf und untersucht den Kugelkopf mit einer Lupe. »Also, ich kann da nix Besonderes finden«, murmelt sie vor sich hin. »Läuse hat er jedenfalls keine.«

»Natürlich hat er keine Läuse«, empört sich die Mutter mit erhobener Stimme. »Und mit Ihrer blöden Lupe werden Sie auch nix finden! Es macht sich da drinnen breit. In seinem Hirn, da spielt sich das alles ab!« Die Mutter hat sich nun aufs Kreischen verlegt und tippt mit ihren Wurstfingern energisch gegen den Kinderkopf.

Die Minna zuckt zusammen und senkt die Lupe. Aus den Augenwinkeln schaut sie regungslos zu mir hinüber, und zusammen erwarten wir die Diagnose. Klarer Fall von Hirntumor. Was sonst? Der aufgedunsene Leib des Burschen kommt vom Kortison, die Pickel stammen von der Chemo. Wie hab ich das übersehen können! Höchstens sechs Monate werden ihm verbleiben. Das arme Kind. Natürlich kriegt er von uns jedes Attest, das er in dieser Zeit noch braucht. Gemeinsam starren wir auf die Mutter. Diese starrt zurück.

»Mein Marc-Aurel ist nämlich hochbegabt«, platzt es schließlich aus ihr heraus.

Der Verkündigung folgt Stille. Ich warte darauf, dass die Minna explodiert, aber vergeblich. Stattdessen hat sie Kreide gefressen.

»Aber das ist doch nicht schlimm«, redet sie sanft und beruhigend auf den Knaben ein. Und zur Mutter gewandt fährt sie säuselnd fort: »Warum haben Sie uns das denn nicht gleich gesagt? Dafür braucht man sich doch nicht schämen, wegen ein bisschen hochbegabt!« Und weiter sülzt die Minna vor Verständnis triefend: »WissenS’, Frau, jedes zweite Balg, des heutzutage hier hereinkommt, ist hochbegabt. Aber das macht doch nix! Uns jedenfalls nicht. Wir haben da überhaupt gar keine Vorurteile nicht. Jeder Legastheniker, jeder Sonderschüler, jeder unmusikalische Rechendepp und jeder Sportversager ist heutzutage hochbegabt.« Sie beugt sich freundlich lächelnd zu dem Burschen runter, der jetzt zum ersten Mal sein Nintendo-Dings auf seinen überbreiten Oberschenkeln abgelegt hat und der Minna sein Mondgesicht entgegenstreckt.

»Gell?«, sagt die Minna zu ihm wie zu einer kranken Kuh. »Gell, du bist Nichtschwimmer?«

Der Bube nickt. Endlich fühlt er sich von einem einfühlsamen Menschen verstanden und akzeptiert. Ein Gefühl der Harmonie durchflutet unsere nüchterne Praxis.