Schlaf, Kindlein, schlaf... - Mark G. Hauser - E-Book

Schlaf, Kindlein, schlaf... E-Book

Mark G. Hauser

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Beschreibung

Kommissar Ferenc ermittelt in einem Fall, bei dem sich der Mörder nach seiner Tat selbst hingerichtet hat. Doch während er noch nach einem Motiv des Täters sucht, passiert der nächste Mord und wieder nimmt sich der Mörder nach der Tat selbst das Leben. Kann das ein Zufall sein? Oder gibt es einen Zusammenhang?

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Seitenzahl: 119

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Mark G. Hauser

Schlaf, Kindlein, schlaf...

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Als Lydia um kurz nach zehn Uhr abends nach Hause kam, wollte sie nur noch schlafen. Sie betrat die dunkle Wohnung und ging durch den Gang ohne das Licht einzuschalten. Mit diesen Kopfschmerzen war Licht das Letzte was sie jetzt brauchen konnte. Sie stellte ihre Trainingstasche einfach in den Flur und ging in Richtung Küche. Den Weg kannte sie in- und auswendig, schließlich war sie es gewohnt durch die Dunkelheit in ihrer Wohnung zu wandern. Wenn sie Kopfschmerzen hatte, und die hatte sie oft, war ihr die Dunkelheit immer noch am liebsten. So blieben die Schmerzen zumindest annähernd erträglich. In der Küche angekommen, musste sie dann doch das Licht anmachen, um sich ein Glas Wasser für die Schmerztablette einzuschenken. In ihrem Kopf hämmerte mindestens ein Presslufthammer. „Hoffentlich kann ich heute Nacht zumindest ein wenig schlafen“, murmelte sie, während sie die Packung mit den Tabletten öffnete. Ihr Tag war schrecklich gewesen. Nach sechs Stunden Violinenunterricht fühlte sie sich völlig ausgebrannt. Bereits nach der zweiten Unterrichtsstunde musste sie feststellen, dass sich die Schmerzen in ihrem Kopf breit machten.Dabei liebte sie das Violinenspiel mehr als alles andere. Lydia war musikalisch sehr begabt und sie mochte einfach den zarten Klang, den nur eine Violine erzeugen kann. Als Kind spielte sie oft stundenlang am Tag, nicht nur, um besser zu werden, sondern weil ihr der Klang so gut gefiel. Und je mehr sie spielte, desto besser wurde sie im Umgang mit dem Instrument und desto schöner waren die Töne, die sie spielte. Ihren großen Traum in einem Orchester zu spielen und damit um die Welt zu reisen musste sie jedoch bald aufgeben. Schon als Jugendliche plagten Lydia diese immer wiederkehrenden Kopfschmerzen. Besonders schlimm war es, wenn sie im Schulorchester zwischen den ganzen anderen Musikern saß und sich sowohl auf ihr eigenes, als auch auf das Spiel der anderen konzentrieren sollte. Mehrmals versuchte sie einen neuen Einstieg ins Orchester, doch die Schmerzen kamen immer wieder zurück. Auch verschiedene Therapien und Medikamente halfen nicht. Lydia musste sich einfach damit abfinden, dass sie ihren Traum nicht verwirklichen konnte. Doch auf irgendeine Weise wollte sie die Verbindung zu ihrer großen Liebe aufrecht erhalten und so beschloss sie, Kindern Unterricht zu geben. Während zu Beginn nur sehr wenige Eltern ihre Kinder zu ihr schickten, hatte sich inzwischen doch ein recht beachtenswerter Stamm an Schülern gebildet. Dies hatte zum einen damit zu tun, dass sehr viele Eltern versuchten, ihren Kindern schon früh die Musik nahe zu bringen, zum anderen hatte Lydia aber auch ein Händchen für den Umgang mit Kindern. Viele von ihnen freuten sich auf die Unterrichtsstunden, was Lydia die Arbeit natürlich sehr erleichterte. Sie liebte ihre Schüler, auch wenn diese sie manchmal auf die Palme brachten. So wie an diesem Tag. Ihr neuester Schüler Philipp hatte wieder einmal seine Hausaufgaben nicht gemacht. Dabei hatte er so viel Talent für die Violine, aber er schien es einfach nicht zu realisieren. Zu schade, dachte sich Lydia, während sie noch ihre Tasche mit den Yogasachen ausräumte. Sie ging gerne nach den Unterrichtsstunden noch zum Yoga. Es half ihr zu entspannen und die beinahe alltäglichen Kopfschmerzen ein wenig zu lindern. Während sie ihre Tasche wieder wegpackte, musste Lydia plötzlich lächeln. Sie dachte an die Neue im Kurs. Sie war erst zum zweiten Mal da gewesen, aber hatte es bereits geschafft, durch ihren Witz und ihre Lebenslust die Gruppe für sich zu gewinnen. Sie war in etwa so alt wie Lydia, vielleicht ein wenig älter. Nach der Stunde hatten sie sich kurz unterhalten und die Neue hatte gefragt, ob Lydia nicht einmal Zeit hätte, abends auszugehen. Sie hätte einige Zeit im Ausland verbracht und daher ein wenig den Anschluss verloren. Daher würde sie gerne mal ausgehen, neue Leute treffen und ein bisschen Spaß haben. Lydia war einverstanden, schließlich war sie seit Monaten nicht mehr aus gewesen. Der Unterricht hatte sie in letzter Zeit ziemlich in Anspruch genommen und auch ihre Schmerzattacken häuften sich in den letzten Wochen. Eine willkommene Abwechslung also. Sie hatten sich für den folgenden Freitagabend im Café „Carlisle“ verabredet, wollten dort eine Kleinigkeit essen und danach weiterziehen. Wie war nochmal ihr Name? Zu blöd, dachte Lydia, das kann morgen ja ganz schön peinlich werden. Für einen kurzen Moment konnte Lydia sogar ihre Kopfschmerzen vergessen. Leider war dieser Moment aber viel zu kurz.

Die Kinder waren gerade aus der Schule heimgekommen, als Jana das Essen auf den Tisch stellte. Sie ging ins Arbeitszimmer. „Es ist angerichtet, Frau Berger.“ Cynthia Berger blickte von ihrem Schreibtisch auf. „Danke Jana. Holen Sie die Kinder, wir essen in fünf Minuten“, sagte sie während sie sich bereits wieder ihren Unterlagen widmete. „Natürlich Frau Berger“, antwortet Jana, als sie das Zimmer verlies. Während Jana die Treppe zu den Kinderzimmern hinaufging, nahm Cynthia ihre Lesebrille ab und dachte nach. Jana war ein absoluter Glücksgriff gewesen. Obwohl sie erst 23 Jahre alt war, war sie doch in der Lage, den gesamten Haushalt zu meistern. Und sie tat dies immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Egal, ob kochen, Wäsche waschen oder sich um die Kinder kümmern, sie hatte alles im Griff. Zu Beginn war sie noch skeptisch, ob das junge Ding nicht doch eine zu große Versuchung für ihren Mann wäre, immerhin war sie doch sehr attraktiv. Ein hübsches Mädchen mit langen blonden Haaren und himmelblauen Augen. Doch Cynthia behielt beide mehr als gründlich im Auge und konnte keinerlei Anzeichen einer Annäherung feststellen. Und wie hoch war bitte die Wahrscheinlichkeit, dass hinter ihrem Rücken etwas stattfand, das sie nicht bemerkte? Dafür kannte sie ihren Mann viel zu gut. Niemals hätte er sich getraut, sie vor ihren Augen zu betrügen. Was er auf Geschäftsreisen tat, war ihr egal. Schließlich hatte sie selbst auch schon das eine oder andere Abenteuer auf Reisen erlebt. Aber in ihrem Haus vor ihren Augen würde sie so etwas niemals dulden. Cynthia stand auf, legte die Lesebrille auf den schweren Holzschreibtisch und ging an der großen Bücherwand vorbei hinüber ins Esszimmer. Dort saßen bereits ihre vier Kinder. Neben Klara, der Jüngsten, saß Jana, um ihr beim Essen zu helfen. Sie setzte sich an den Kopf des Tisches. Nachdem Jana das Essen ausgeteilt hatte, fragte Cynthia ohne aufzublicken: „Wann kommt mein Mann heute eigentlich nach Hause?“ Jana, die gerade den Auflauf für Klara in kleine Stücke zerteilte, überlegte kurz. „Das Flugzeug landet um 16:00 Uhr. Das heißt, Herr Berger sollte gegen 18:30 Uhr hier sein.“ „Gut, dann kann ich am Nachmittag noch in aller Ruhe weiterarbeiten.“ Cynthia hasste es, wenn ihr Mann ihr bei der Arbeit dazwischen redete. Sie hatten zusammen eine Logistikfirma aufgebaut, doch eigentlich war es Cynthia, die die Fäden in der Hand hielt. Ihrem Mann Christoph warf sie ab und an ein paar Krümel hin, damit auch er den Eindruck hatte, er wäre bedeutend für das Wachstum der Firma. Sie ließ ihn fast alle Außentermine wahrnehmen, solange auf diesen Veranstaltungen nichts von Bedeutung stattfand. So durfte Christoph sich wichtig fühlen und Cynthia konnte in Ruhe arbeiten. „Philipp, deine Violinenlehrerin hat berichtet, du hättest zum wiederholten Male nicht geübt und deine Hausaufgaben nicht gemacht. Stimmt das?“ Ihr ältester Sohn blickte auf. „Doch Mama, natürlich habe ich geübt.“ Mit seinen zehn Jahren hatte er die Unschuldsmiene bereits perfektioniert. „Und wie oft?“ Cynthia wusste schon worauf das hinauslaufen würde. Philipp überlegte. „Einmal. Oder zweimal. Doch zweimal. Bestimmt sogar.“ „Junger Mann ist dir klar, was dein Unterricht jede Woche kostet? Da könnten wir das Geld ja gleich verbrennen. Ab sofort wirst du täglich üben. Jeden Tag eine Stunde. Ist das klar?“ Philipp stocherte nur in seinem Essen. „Ob das klar ist?“, fragte Cynthia noch einmal mit Nachdruck. „Ja Mama.“ „Gut. Jana, haben Sie bitte ein Auge darauf, ja? Ich möchte nicht, dass die wertvolle Zeit und das viele Geld einfach verplempert werden.“ „Natürlich Frau Berger“, antwortete Jana, „ich werde darauf achten. Wir schaffen das schon, Philipp, nicht wahr?“ Sie lächelte den Jungen an und fuhr ihm kurz durch die Haare. Philipp nickte und lächelte zurück. Obwohl sie erst seit knapp drei Monaten bei den Bergers war, verstand sich Jana mit den Kindern bestens. Sie spielte mit den kleinen und half den Älteren bei den Hausaufgaben. Auch mit den anderen Angestellten verstand sich Jana hervorragend. Ja, dachte Cynthia bei sich, das Mädchen war ein echter Glücksgriff.

2

Lydia sah auf die Uhr. Schon zehn nach acht. Um ja nicht zu spät zu kommen, war sie schon fünf Minuten vor acht vor der Treppe zum Café „Carlisle“ gewesen. Ein wenig nervös hielt sie nun ihre Jacke auf dem Arm. Scheinbar hatte sich ihre neue Freundin ein wenig verspätet. Wie hieß sie doch gleich wieder? Lydia hatte den ganzen Tag überlegt, aber ihr wollte der Name einfach nicht mehr einfallen. Hatte sie sich überhaupt vorgestellt? Doch, ganz sicher sogar. Zu dumm. Während sie also wartete und immer noch über den Namen grübelte, kam ihre Verabredung plötzlich um die Ecke. Sie trug Jeans und ein schlichtes weißes Top. Um den Hals trug sie ein Goldkettchen mit einem kleinen Diamantenanhänger. Lydia fand, dass der grüne Anhänger perfekt zu ihrem langen, pechschwarzen Haar passte. Diese Frau wusste offenbar, was ihr gut stand. Mit einem entschuldigendem Lächeln erreichte sie Lydia. „Verzeih bitte die Verspätung, aber der Verkehr hierher war einfach nur schrecklich. Es gab einen Unfall und die eine Fahrspur war total blockiert und ich musste einen Umweg… ach egal, es hat ja noch geklappt. Schön, dass du da bist.“ Lydia musste bei so einer hektischen, aber dennoch herzlichen Entschuldigung lachen. „Ist schon okay so lange musste ich ja auch nicht warten. Wollen wir rein gehen?“ Die beiden gingen die Treppe nach oben und betraten das Café. Sie suchten sich einen Tisch am Fenster aus. Von dort aus hatte man einen herrlichen Blick auf die Innenstadt. Auf den Straßen und in vielen Cafés waren noch viele Menschen unterwegs und es schien, als würde die ganze Stadt aus dem Winterschlaf erwachen. Lydia versuchte immer noch verzweifelt, sich an den Namen von ihrem Gegenüber zu erinnern, aber er wollte ihr einfach nicht einfallen. Naja, irgendwie würde sie schon noch dahinter kommen. „Wohnst du schon länger in der Stadt?“, versuchte Lydia das Gespräch zu eröffnen. Es blieb allerdings bei dem Versuch, denn schon stand ein junger Kellner neben den beiden und wollte die Bestellung aufnehmen. Sie entschieden sich beide für einen Cappuccino. Lydia fiel auf, dass der junge Mann immer wieder verstohlen einen Blick auf ihre Freundin warf. Nicht gerade das, was man als unauffällig bezeichnen würde, dachte Lydia noch bei sich. Doch im selben Moment bemerkte sie, dass es auch ihrer Freundin nicht entgangen war und sie ihm ein kurzes Zwinkern schenkte. Der Kellner wurde ganz rot und verschwand augenblicklich wieder hinter dem Tresen, um die Bestellung zu bearbeiten. Lydia wurde aus ihren Gedanken gerissen. „Ich weiß, das ist jetzt peinlich, aber ich befürchte, ich habe deinen Namen nicht mitbekommen.“ Ein ungläubiges Grinsen breitete sich auf Lydias Gesicht aus. „Das ist ja lustig. Mir geht es genauso! Ich versuche auch die ganze Zeit mich an deinen Namen zu erinnern. Mir ist das auch ganz peinlich. Ich heiße Lydia.“ „Sandra, angenehm.“ Beide fingen an laut zu lachen. In diesem Moment kam der Kellner und brachte die beiden Cappuccino. Während sie den Zucker in die Tasse rührten, griff Sandra das Gespräch wieder auf. „Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, genau. Ich wohne schon einige Zeit hier, habe aber das letzte Jahr in Indien verbracht. Seit etwa einem Monat bin ich wieder zurück. Was ist mit dir?“ „Ich wohne hier seit ich zehn bin. Bis dahin ist meine Familie recht viel durch das Land gezogen. Aber dann war mal Ruhe für die nächsten 12 Jahre. Meine Eltern sind wieder weitergezogen, aber mir gefällt es hier. Außerdem habe ich hier einen Job, den ich nicht aufgeben möchte.“ Sandra nickte. „Ja, so etwas ist wichtig. Seit wann machst du Yoga?“ Lydia dachte kurz nach. „Schon seit einigen Jahren. Es hilft mir sehr, mich zu entspannen und mein Gleichgewicht zu finden. Außerdem hilft es, meine ständigen Kopfschmerzen im Zaum zu halten. Seit meiner Kindheit habe ich immer wieder diese Schmerzattacken und egal, was ich bisher unternommen habe, es will einfach nicht verschwinden. Yoga hilft zumindest ein wenig, die Schmerzen zu lindern.“ Sandra sah Lydia nachdenklich an. „Vielleicht kann ich dir helfen. Ein bisschen wenigstens. In Indien habe ich verschiedene Massagetechniken erlernt. Unter anderem auch eine Schläfenmassage, die vor allem zur geistigen Entspannung beitragen soll. Ich habe das zwar noch nie an jemanden direkt ausprobiert und ich kann dir auch nicht versprechen, dass es helfen wird, aber wenn du möchtest, können wir das gerne versuchen.“ Was habe ich zu verlieren, dachte sich Lydia, alles andere habe ich schon versucht. Und schlimmer wird es dadurch wohl auch kaum werden.

3