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Ein ungeklärter Todesfall und ein spektakulärer Mordanschlag an einer Universität – Kommissar Bark steht vor einem neuen Rätsel!
Nach dem Brand eines Kinos wird im Lüftungsschacht die Leiche eines 18-Jährigen gefunden. Der junge Mann verschwand vor 40 Jahren, in derselben Nacht, als seine Klassenkameradin ermordet wurde. Kristoffer Bark beginnt zu ermitteln, bis ein anderer Fall zur Priorität wird: Auf einem Universitätsfest wurden mehrere Ehrengäste tödlich vergiftet. Bald lassen neue Informationen einen Zusammenhang zwischen dem Cold Case von 1985 und dem Anschlag erkennen, und Bark begreift, dass ihre Vergangenheit die Opfer auf verhängnisvolle Weise eingeholt hat. Aber auch er und sein Team müssen auf der Hut sein …
Lesen Sie auch die anderen Bände der spannenden »Kristoffer Bark«-Reihe von der schwedischen SPIEGEL-Bestsellerautorin Anna Jansson!
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Nach dem Brand eines Kinos wird im Lüftungsschacht die Leiche eines 18-Jährigen gefunden. Der junge Mann verschwand vor 40 Jahren, in derselben Nacht, als seine Klassenkameradin ermordet wurde. Kristoffer Bark beginnt zu ermitteln, bis ein anderer Fall zur Priorität wird: Auf einem Universitätsfest wurden mehrere Ehrengäste tödlich vergiftet. Bald lassen neue Informationen einen Zusammenhang zwischen dem Cold Case von 1985 und dem Anschlag erkennen, und Bark begreift, dass ihre Vergangenheit die Opfer auf verhängnisvolle Weise eingeholt hat. Aber auch er und sein Team müssen auf der Hut sein …
Die Schwedin Anna Jansson gehört zu den erfolgreichsten Schriftsteller*innen ihres Landes. In mehr als zwanzig Jahren hat sie über 60 Bücher geschrieben; als gebürtige Gotländerin ist sie bekannt für ihre Krimireihe Maria Wern, Kripo Gotland. Allein in ihrem Heimatland haben sich Janssons Bücher über sieben Millionen Mal verkauft, und sie wurden in 17 Sprachen übersetzt. Mit dem Polizisten Kristoffer Bark hat sie einen neuen charismatischen sowie abgründigen Ermittler geschaffen, der im schwedischen Örebro Cold Cases löst. Hier lebt Jansson selbst und recherchiert an den malerischen Originalschauplätzen.
Leichenschilf · Witwenwald · Puppenblut
· Mädchenfeuer · Giftgrab
Anna Jansson
Ein Kommissar-Bark-Krimi
Roman
Deutsch von Susanne Dahmann
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »Gå över lik« bei Norstedts, Stockholm.
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Copyright der Originalausgabe © Anna Jansson 2024 by Agreement with Grand Agency
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2026 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Julie Hübner
Umschlaggestaltung und -motiv: © punchdesign Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von stock.adobe.com (CL-Medien, Marek, Palsur, cat_arch_angel)
JS · Herstellung: DiMo · BüYi
Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss
ISBN 9783641327859
www.blanvalet.de
Die Pflegekraft
Einmal saß ich in einem Zug, als eine akute Situation auftrat. Es wurde nach einem Arzt gerufen. Eine Frau war plötzlich in Ohnmacht gefallen. Ich weiß nicht, warum ich mich gemeldet habe, es kam wie von selbst, obwohl es nicht die Wahrheit war: »Hier, ich!«
Die Frau hatte blaue Lippen, ihre Augen waren geschlossen und die Haut kalt von Schweiß. Sie atmete nicht, und ich konnte keinen Puls fühlen. Aber ich machte eine Herzdruckmassage, und sie überlebte. Der Respekt, die Dankbarkeit und der Applaus, die ich bekam – dieser Moment veränderte mein ganzes Leben. Also bewarb ich mich für ein Medizinstudium, aber meine Noten reichten nicht aus, und ich beschloss, stattdessen in die Pflege zu gehen.
Die Februardunkelheit drückt gegen das Fenster. Einzelne weiße Flocken schweben vorbei, als ich den Empfang verlasse. Im Medikamentenzimmer habe ich die Arzneimittel gerichtet, die im Laufe der Nacht ausgegeben werden müssen. Die Tabletten, die verteilt werden sollen, befinden sich in den kleinen Schubladen des Wagens, eine für jeden Patienten. In den größeren Schubladen wird alles verwahrt, was ich sonst noch brauche. Wenn ich um Mitternacht nach den Patienten sehe, dann lasse ich den Wagen an seinem Platz stehen und hole nur, was ich benötige. Ich will die Stille bewahren und nicht unnötig stören. Schlaf ist wichtig, damit der Tag für die Patienten erträglich wird, vor allen Dingen im Hospiz, wo die meisten nur noch weniger als einen Monat zu leben haben und die wachen Stunden kostbar sind. Aber manchmal beurteilen die Ärzte das ja auch ganz falsch.
Man sollte glauben, dass ein Patient, der länger leben darf als erwartet, das als einen Gewinn betrachtet. Doch so ist es nur selten, wenn der Tod so gegenwärtig ist und die Zimmernachbarn wie eine ständige Erinnerung an das unvermeidliche Ende zusammensacken und rausgetragen werden. Hierher kommt man, wenn die Hoffnung nicht mehr darin besteht, gesund zu werden. Hier geht es bei Hoffnung um andere Dinge, so wie ein letztes Mal nach Hause zu kommen, es zu schaffen, Besuch zu empfangen, eine ganze Nacht schlafen zu dürfen, ohne vor Schmerzen oder mit Atemnot aufzuwachen.
Kaffeeduft breitet sich aus, und aus dem Stationszimmer ist gedämpftes Plaudern zu hören. Ansonsten ist es ganz still auf dem Korridor. Plötzlich geht über der Tür von Zimmer neun eine rote Lampe an, und ein Alarm schneidet durch die Nacht. Ich eile hin. Dort liegt Susanne Tyrsjö. Sie wird in der kommenden Woche 57 Jahre alt und möchte für einen kurzen Besuch nach Hause, wenn sie das schafft. Wahrscheinlich fällt es ihr schwer zu atmen. Sie hat Lungenkrebs und gehört zu den Menschen, die ihren prognostizierten Todestag um mehr als sechs Monate überleben. Vielleicht, weil sie von Grund auf gut trainiert ist und sich sowohl mental als auch physisch weigert aufzugeben. Wenn sie nicht mehr im Korridor auf und ab wandern kann, dann betreibt sie im Bett Gymnastik. Wir sind zusammen aufgewachsen, aber ich glaube nicht, dass sie sich an mich erinnert. Sie gehörte zu den Beliebten, und ich befand mich in den sozialen Randbereichen.
Ich öffne die Tür. Es riecht schwach nach dem Parfüm, das sie ihrer Aussage nach benutzt, um den Krankenhausgeruch fernzuhalten. Das verstößt gegen die Regeln, aber solange sie ein Einzelzimmer hat, habe ich nicht vor, irgendetwas dazu zu sagen. Sie sitzt mit der Sauerstoffmaske über der Nase kerzengerade im Bett und keucht. Atemnot, denke ich, doch ich täusche mich. Sie nimmt die Maske ab und bohrt ihren Blick in meinen.
»Ich möchte mich von meinem Mann scheiden lassen!«, sagt sie empört, und auf ihren blassen Wangen breiten sich rote Flecken aus. »Und Sie müssen mir helfen!«
»Jetzt? Wie meinen Sie das?« Ich bin gelinde gesagt erstaunt. Susanne ist klar und tatkräftig. Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass sie weiß, was sie will. »Aber ist es nicht ein wenig spät, um an eine Scheidung zu denken?«, füge ich hinzu und bereue meine Worte sofort. »Entschuldigen Sie. Das geht mich nichts an.«
Sie zuckt mit den Schultern, um mir zu zeigen, dass mein Übergriff keine Rolle für sie spielt.
»Ich meine nur, ich möchte heute Nacht Ihre Hilfe beim Ausfüllen der Scheidungspapiere.«
»Okay. Aber zuerst muss ich nach den anderen Patienten schauen. Wenn ich meine Runde gemacht habe, kann ich wieder zu Ihnen kommen.«
»Versprochen?«, fragt sie. Ihr Blick bohrt sich noch einmal in meinen, und es fühlt sich für mich an, als würde es hier um etwas Hochheiliges gehen.
Ich verspreche es, und mir fällt wieder auf, dass ihr Haar nach dem Abschluss der letzten Zytostatika-Behandlung gut wiedergekommen ist. Es ist grau und lockig und sehr kleidsam, auch wenn mir schon klar ist, dass sie um das lange blondierte Haar trauert, wie es das Foto neben dem Bett zeigt. Darauf ist ein Mann zu sehen, der seinen Arm um ihre Taille schlingt, während vor ihnen eine zuckersüße kleine Puppe von einem Mädchen steht, das jetzt 23 Jahre alt ist, aber immer noch zu Hause im Gästehäuschen wohnt, wie Susanne mir erzählt hat.
Ich drehe meine Runde und sehe nach den Patienten in den anderen Zimmern. Die meisten schlafen, und alles scheint ruhig zu sein. Aber meine Kolleginnen im Stationszimmer sind irritierend laut. Ich gehe hin, stelle mich an die Kaffeemaschine und trinke eine Tasse im Stehen, während ich zuhöre, um zu begreifen, warum sie so aufgeregt sind.
Offensichtlich war der Rockstar Vilgot Vedin am Nachmittag hier zu Besuch. Er hat Bauchspeicheldrüsenkrebs und möchte seine Tage hier bei uns beschließen. Natürlich sind wir zur Verschwiegenheit verpflichtet, aber es würde mich dennoch wundern, wenn meine Kolleginnen zu Hause nicht irgendetwas davon weiterflüstern würden. Das hier ist eine Sensation für sie. Für mich ist Vilgot immer noch der Junge, der zu Hause in Hallsberg in der Autowerkstatt gearbeitet hat. Es fällt mir schwer, irgendeine Größe in ihm zu erkennen.
Eine knappe halbe Stunde später bin ich wieder bei Susanne. Ich habe mich beeilt, weil ich Angst hatte, dass sie einschlafen würde. Aber sie ist hellwach und hat alles bis ins Detail geplant.
»Auf der Website vom Gericht gibt es ein Formular, das man nutzen kann, um die Scheidung zu beantragen. Haben Sie die Möglichkeit, das für mich auszudrucken, ein frankiertes Kuvert zu besorgen und es dann zur Post zu bringen, wenn ich das Formular ausgefüllt habe?«
»Ja«, sage ich und überlege, wo wohl die Grenze verläuft, was ich als Pflegekraft tun darf. Ich weiß nicht, ob ich das Recht habe, ein Testament zu bezeugen für den Fall, dass sie mit ihren neuen Absichten andere Begünstigte einsetzen will. Aber jetzt geht es erst mal um die Scheidung, und sie hat vor, den Antrag selbst auszufüllen. Ich werde nur einen Brief in den Postkasten werfen. Das ist okay. Die einfachste Möglichkeit ist, eines der Kuverts vom Landeskrankenhaus zu nehmen, die vorfrankiert sind.
»Ich möchte, dass Sie den Brief direkt in den Kasten werfen, wenn Sie aus Ihrer Nachtschicht kommen, damit es keine Verzögerung gibt.«
»Das werde ich tun.«
»Dann hängt alles davon ab, wie lange das Gericht braucht«, fährt sie fort. »Ich muss versuchen, so lange zu überleben, bis die Scheidung durch ist.«
Ich habe einen Einwand.
»Glauben Sie nicht, dass das Gericht Ihren Mann benachrichtigen wird, dass Sie den Antrag gestellt haben?« Ich habe selbst eine Scheidung durchgemacht, und wir hatten damals eine noch sehr kleine Tochter. Ich wollte die Scheidung nicht. Es traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel, als ich vom Gericht benachrichtigt wurde. Wir bekamen sechs Monate Bedenkzeit. Danach durfte ich meine Tochter achtzehn Jahre lang nicht sehen. Aber mein Privatleben ist natürlich nichts, was ich mit Susanne Tyrsjö oder mit anderen Patienten teile.
»Ich wünschte, ich könnte seine Miene sehen, wenn er den Brief vom Gericht liest«, sagt Susanne und schenkt mir eines ihrer seltenen Lächeln. »Wissen Sie, das ganze Leben lang haben andere hinter ihm aufgeräumt. Er hat niemals Verantwortung übernehmen müssen. Jetzt ist es an der Zeit, dass er sieht, dass das, was er tut, Konsequenzen hat.«
»Es ist schwer einzuschätzen, wie lange so ein Antrag dauert«, sage ich und erinnere mich, dass es ein langwieriger Prozess war. »Vielleicht sollten Sie dem Gericht mitteilen, dass Ihre Zeit begrenzt ist«, sage ich so diplomatisch wie möglich.
»Gute Idee. Ich schreibe, dass ich im Sterben liege. Vielen Dank, dass Sie mir helfen.«
»Gerne.«
Kurze Zeit später komme ich mit dem zurück, was sie braucht. Das hier ist ihre Sache, aber ich kann doch nicht umhin zu fragen, weil ich ja weiß, wer ihr Mann ist.
»Warum wollen Sie sich scheiden lassen, jetzt, wo das Leben bald zu Ende ist?«
Susanne legt den Stift hin und schaut mich mit ihren dunkelblauen Augen über den Rand der Sauerstoffmaske an. In ihrer Stimme schwingt sowohl Trauer als auch Zorn mit.
»Wir haben uns gelobt, einander zu lieben, bis der Tod uns scheidet. Aber nun bin ich einsam und habe Angst, und er ist nicht für mich da, wenn ich ihn am meisten brauche.«
»Aber er kommt doch und besucht Sie«, sage ich, denn das habe ich von meinen Kolleginnen, die tagsüber arbeiten, gehört.
»Ja, er kommt hierher, aber er ist nicht anwesend. Er setzt sich pflichtschuldigst auf einen Stuhl hinten im Zimmer, die ganze Aufmerksamkeit auf sein Handy gerichtet. In den sozialen Medien nimmt er die Welle aus Mitgefühl entgegen. Auf diese Aufmerksamkeit fährt er total ab. Er kriegt verdammt noch mal einen Kick von all den Leuten auf Facebook, die es so süß finden, dass er mir meine Lieblingsschokolade gekauft hat. Blumen hätten auf einem Foto besser ausgesehen, aber diese Sorte Requisiten dürfen ja nicht auf die Station. Schade für ihn!«
Die Bitterkeit, die aus ihr spricht, trifft mich unvorbereitet, auch wenn ich mich aus der Schulzeit daran erinnere, dass er ein eher trockener Typ war. »Urteilen Sie nicht etwas hart über ihn? Ich glaube, es ist nicht so leicht, Angehöriger zu sein …«
»Sie haben ja keine Ahnung …« Susannes Blick wird schwarz, Tränen treten ihr in die Augen, die sie mit einer zornigen Bewegung wegwischt. »Ich habe ihn angerufen, ehe ich Sie geholt habe.«
»Sie haben Ihren Mann jetzt angerufen, mitten in der Nacht?«, frage ich, weil mir nichts anderes einfällt, was ich sagen könnte.
»Ja, und er ist rangegangen. Aber ich habe auch eine Frauenstimme im Hintergrund gehört.«
»Könnte das nicht Ihre Tochter gewesen sein?«, frage ich dämlich, weil ich ihr den Schmerz ersparen und das Misstrauen, das sie plagt, lindern will.
Sie schüttelt den Kopf und stößt ein eiskaltes Lachen aus, sodass sich mir die Nackenhaare aufstellen.
»Nein, es ist nicht unsere Tochter, die Duftspuren auf seinen Kleidern hinterlässt. Das ist eine andere Frau. Und die tut mir aufrichtig leid. Mein Mann verbraucht die Menschen, die ihn lieben. Eines Tages wird auch diese Frau, die jetzt sein Bett teilt, das begreifen. Ich hasse den verdammten Kerl, ebenso wie ich ihn einmal geliebt habe.«
Ich protestiere und spiele das herunter, was sie sagt, weil es so schrecklich ist. Es schlägt eine Saite in mir an und weckt Erinnerungen an meine eigene Scheidung, die ich vergessen möchte. Dann fasse ich wieder Mut. Ich bin hier, um zuzuhören und zu trösten. Um ihr zu zeigen, dass ich es nicht eilig habe, setze ich mich auf den Stuhl an ihrem Bett.
»Ich kenne Sie«, sagt sie, und ein Angstblitz zuckt durch meinen Körper. Ich befürchte, dass sie anfangen wird, über das zu reden, was ich am liebsten vergessen möchte. Doch stattdessen erzählt sie lange von ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Im Laufe der Jahre habe ich viele Lebensgeschichten gehört. Das hier wird nicht die schlimmste sein, denke ich. Aber wieder täusche ich mich, denn das, was sie jetzt erzählt, weckt erst recht die Angst in mir und lässt mein eigenes Dasein und alle meine Wahrheiten einstürzen. Ich werde in die abgrundtiefe Dunkelheit geschleudert, die mir mein Leben gestohlen hat. Denn unser beider Leben sind offenbar auf eine Weise miteinander verflochten, die ich niemals hätte ahnen können. Ich hoffe, dass sie meine Bestürzung und meinen Zorn nicht wahrnimmt.
Sie beobachtet mich, und ihr Blick wird intensiver.
»Als Pflegekraft unterliegen Sie der Schweigepflicht, nicht wahr? Das, was ich jetzt gesagt habe, bleibt unter uns.«
»So ist es. Was Sie erzählen, bleibt für immer unter uns.«
Sie scheint sich mit meiner Versicherung zufriedenzugeben.
»Jetzt muss ich schlafen. Kann nicht länger reden.«
Ich weiß nicht, ob Susanne Tyrsjö gemerkt hat, dass ich völlig die Fassung verloren habe und in Panik geraten bin. Ich habe Tabletten dabei, aber die liegen in meinem Rucksack im Stationszimmer. Da kann ich jetzt nicht hingehen. Meine Arbeitskollegen dürfen meine Angst nicht sehen. Ich hyperventiliere und schwitze. Das Gerede über meine psychische Gesundheit würde niemals aufhören. Gerüchte verbreiten sich in den Korridoren des Krankenhauses wie ein Lauffeuer. Ich bin nicht fest angestellt, sondern arbeite auf Stundenbasis als Springer. Da muss ich den Eindruck erwecken, eine sichere Bank zu sein. Eine zuverlässige Kraft, die man anrufen kann, wenn jemand krank ist oder bei seinen Kindern sein muss. Ich kann mir nicht leisten, schwach zu sein.
Im Medikamentenzimmer finde ich die beruhigenden Tabletten, die ich brauche. Ich quittiere sie im Narkotika-Journal als für einen Patienten bestimmt. Die Tabletten werden regelmäßig gezählt, und wenn was verschwindet, dann kann das zu unbequemen Fragen führen. Es geht mir furchtbar schlecht. Als ich mich in die Toilette einschließe, zittere ich unkontrollierbar vor Angst. Entsetzliche Erinnerungen, von Susannes Bekenntnis geweckt, überspülen mich. All der Hass, die Drohungen und die Erniedrigungen, die ich im Laufe meiner Jugend erleben musste, haben sich im Körper festgesetzt. Ich ringe nach Atem. Der Puls dreht durch. Ich habe mir eine Verteidigung gegen die Anklagen und den Hohn aufgebaut, habe mir ein neues Dasein geschaffen, wo ich nur selten infrage gestellt werde. Doch das Bekenntnis von Susanne Tyrsjö lässt mich an allem zweifeln, wovon ich glaubte, dass es wahr sei. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin und was eigentlich passiert ist.
Wie vernebelt mache ich die Übergabe an das Personal von der Tagschicht. Meine Arbeitszeit ist vorüber. Als ich die Station über die Glasgalerie des Hauses verlasse und zum Personalparkplatz gehe, ist es immer noch dunkel. Allmählich wächst in mir eine neue Kraft. Kommende Nacht werde ich im Schutz der Dunkelheit zu dem alten, aufgegebenen Kino in Hallsberg gehen, um mit eigenen Augen zu sehen, ob das Schreckliche, was Susanne erzählt hat, wahr ist.
Langsam wird es heller. Nach dem Schneeregen des Tages und den Minusgraden der Nacht ist mein Auto von einem Eispanzer überzogen. Zitternd drehe ich den Zündschlüssel herum, die Scheibenwischer funktionieren, stecken aber bald in der Eisdecke fest. Ein Zettel flattert vorbei, und ich sehe, dass ich ein Parkticket bekommen habe. Ich hätte mir eine Parkgenehmigung fürs Personal holen können, aber ich will meinen Namen nicht hinter einer Windschutzscheibe präsentieren. Ich will keine Aufmerksamkeit wecken, will nicht gesehen werden, will nicht gehört werden für den Fall, dass einer von denen, die mir das Leben zur Hölle gemacht haben, meinen Namen sieht. Ich will nicht, dass alte Gerüchte wieder zum Leben erweckt werden.
Das Tageslicht sickerte durch die Lamellen der Jalousie ins Schlafzimmer, als er aufwachte. Streifen aus Licht und Schatten krochen über den Fußboden. Er schaute Mia Berger an, die Frau, die er liebte, und das Glück darüber, dass sie so dicht neben ihm lag, erfüllte ihn mit Wärme.
Kristoffer Bark fühlte sich reich und privilegiert, dass diese wunderbare Frau ihn haben wollte. Er sah sie mit einer Zärtlichkeit an, die er seit Ewigkeiten für niemanden mehr empfunden hatte. Das dunkle, wellige Haar, die schönen Gesichtszüge. Die hellen Hügel ihrer Brüste, sie sich im Takt mit ihrer ruhigen Atmung hoben und senkten. In diesem Moment war alles gut. Fast perfekt. Abgesehen davon, dass das Bett nur eins zwanzig breit war und sie sich die einzige Decke geschnappt hatte.
Ehe sie am Abend zuvor eingeschlafen war, hatten sie dicht beieinandergelegen, nachdem eine verspielte Liebesstunde abrupt zu tiefstem Ernst geworden war. Mit ihrem Blick in seinem und betont langsam hatte sie ihn über die Grenze geführt, und danach, als sie auf seinem Arm ruhte, hatte sie gesagt, dass es das letzte Mal gewesen sei. Dass sie so nicht weitermachen könnten. Warum?, hatte er gefragt, obwohl er doch wusste, was sie darauf antworten würde. Dass sie eine geschützte Identität hatte und keine Risiken eingehen durfte. Dass sie allein leben musste, bis die Gefahr vorüber war. Außerdem arbeiteten sie zusammen, und das würden sie nicht weiter tun können, wenn sie ein Paar wären. Die Polizeidirektion hatte die entsprechenden Regeln schon seit Langem deutlich gemacht. In dem Fall würde einer von ihnen versetzt werden.
Mit ihrer Liebesgeschichte war es auf und ab gegangen. Zuerst hatte Bark zu viel und zu schnell gewollt, und sie war zurückgewichen. Aber dann war sie doch einmal über Nacht geblieben, als kein Bus mehr ging. Vielleicht hatte sie den letzten Bus auch absichtlich verpasst. Er durfte nicht einmal wissen, wo sie wohnte. Sie hatte ein Postfach. In Wirklichkeit hieß sie nicht Mia Berger, sondern ganz anders. Und ihr Sohn Alex, der Polizist, war durch einen reinen Zufall in Barks Team gelandet, das Cold Cases bearbeitete. Alex wusste nichts von den heimlichen Treffen seiner Mutter. Soweit Bark informiert war, hatte auch Alex seinen Namen geändert. Wenn Kristoffer sich selbst einen guten Rat hätte geben sollen, dann wäre es der gewesen, sich vor einer Frau mit einem gekränkten Ex im Gepäck zu hüten. Aber dazu war es jetzt zu spät.
Man sollte meinen, dass Mia wieder Mut gefasst hätte, da ihr Ex-Mann ja im Gefängnis saß. Doch als sie kürzlich in Stockholm gearbeitet hatte, war sie ihm zu ihrem Entsetzen vor dem Buchladen im Untergeschoss des Hauptbahnhofs begegnet. Sie war sich ganz sicher, weigerte sich aber, ihm seinen richtigen Namen zu sagen oder wo er einsaß. Und Bark hatte widerwillig versprochen, nicht zu versuchen, diese Informationen anderweitig herauszubekommen, wenngleich das Gefängnis in Kumla am wahrscheinlichsten war.
»Könnte es nicht ein Doppelgänger gewesen sein?«, hatte er sie gefragt. »Angeblich hat jeder Mensch ein Lookalike.«
Doch Mia war sicher, den Mann gesehen zu haben, der ihr Leben zerstört hatte. Bark fiel es trotzdem schwer, das zu glauben, er wollte eine andere Erklärung finden.
»Wenn man jemanden zu lange anstarrt, dann ist klar, dass derjenige irgendwann zurückstarrt und sich fragt, warum man das wohl tut. Du hast gesagt, er hätte dich angestarrt.«
»Nein, Kristoffer, er hat mich wiedererkannt. Du musst mir glauben, was ich sage. Das war er.«
Die Begegnung mit dem Ex-Mann hatte Mia veranlasst, ihren Dienst in Stockholm zu beenden und nach Örebro zurückzukehren. Außerdem hatte sie die Sache über ihren juristischen Kontaktmann überprüfen lassen, der sich dann schließlich mit dem Bescheid meldete, ihr Ex säße immer noch im Gefängnis. Doch Mia wagte nicht, das zu glauben. Sie traute sich nicht einmal, die Freiheit auszunutzen, die sie hatte, weil ihr Peiniger hinter Schloss und Riegel saß.
Kristoffer wusste nicht, was genau der Verrückte ihr angetan hatte. Sie sprach nicht über ihre Vergangenheit, obwohl er ihr in der Zeit, als sie seine Therapeutin gewesen war, alles von sich erzählt hatte. Das, was sie hatten, war keine ausgewogene Beziehung, wenn man es nun überhaupt eine Beziehung nennen wollte. Er liebte sie, wusste aber nicht genau, was sie fühlte. Sie hatten Sex, wenn es ihnen nicht gelang zu widerstehen. So wie diese Nacht.
Jetzt vibrierten ihre dunklen Wimpern. Sie öffnete die Augen und schenkte ihm einen warmen Blick, und seine Sorge, dass sie niemals eine gemeinsame Zukunft haben würden, schmolz dahin. Im Moment war sie hier, und alles war gut. Er strich mit dem Zeigefinger über ihre weiche Wange und dann über das Schlüsselbein, hob vorsichtig die Decke an und betrachtete sie mit einem Blick, den sie nicht missverstehen konnte.
»Komm«, sagte sie und rutschte ein wenig zur Seite. Ihr Lächeln wurde breiter und hieß ihn willkommen. Also schob er sich unter die Decke und schenkte ihr alles, wovon er gelernt hatte, dass sie es mochte, und achtete aufmerksam auf ihre Atmung und ihre Rückmeldung. Als sie dann erschöpft in seiner Umarmung ruhte, kehrte der Ernst wieder zurück, und sie sprach aus, was sie dachte.
»Ich habe Angst, dass du glauben könntest, ich würde nur mit deinen Gefühlen spielen. Ich liebe dich, und das hier ist der reine Wahnsinn. Ich setze dich einer großen Gefahr aus, falls mein Ex jemals herausbekommen sollte, dass wir eine Beziehung haben. Er würde versuchen, dich zu töten.«
»Das ist es absolut wert«, sagte er mit einem breiten Grinsen und meinte es auch so.
»Mach keine Witze darüber«, sagte Mia und begann, sich anzuziehen. »Du begreifst nicht, was er zu tun imstande ist. Er würde dich töten und Alex gleich mit. Und dann, nachdem er mir alles, was ich liebe, weggenommen hätte, würde er mir einen langen und qualvollen Tod bereiten. So arbeitet er.« Sie legte den Zeigefinger über Kristoffers Mund, um seinen Kommentar nicht hören zu müssen. »Wie kann es angehen, dass es schon so spät ist? Ich werde weder duschen noch frühstücken können.«
»Das habe ich schon geahnt, und deswegen hab ich dir ein paar Stullen geschmiert. Die Tüte steht im Kühlschrank, die kannst du mitnehmen. Da ist auch eine Flasche Saft drin.«
»Wann hast du das denn gemacht?«, fragte sie lachend, während sie ihren BH aus dem Bücherregal fischte.
»Als du geschlafen hast und ich nackt unter dem Sternenhimmel auf dem Balkon stand und der ganzen Welt zurufen wollte, dass ich der glücklichste Mensch bin. Aber es war zu kalt, also bin ich wieder reingegangen. Ich konnte nicht schlafen und wusste ja, dass du heute im Frauenhaus sein wirst.«
Mia war als Psychologin ehrenamtlich dort tätig, um bedrohten Frauen zu helfen. Das Frauenhaus war der sichtbare Teil eines Netzwerks, das eigentlich im Verborgenen arbeitete. Bark nahm an, dass es eine Art für Mia war, die Hilfe, die sie selbst erfahren hatte, zurückzugeben.
»Kristoffer Bark, ich liebe dich. Aber in Zukunft müssen wir klüger sein.«
Dazu hätte er eine Menge sagen können. Doch da Mia es eilig hatte, war jetzt nicht die richtige Gelegenheit. Er selbst würde mit dem Bus zu seinem alten Vater in Garphyttan fahren. Papa Robert, der in seiner Jugend Athlet gewesen war, hatte sich entschieden, Langlaufen zu gehen. Ab und zu hatte er Probleme mit dem Herzen, vor allen Dingen, wenn es kalt war, also hatte Kristoffer versprochen, dass er mitkommen würde. Im besten Fall würde er seinen Vater dazu bringen können, etwas langsamer zu machen, wenn er selbst so tat, als hätte er die schwächere Kondition. Früh am Morgen hatte es geschneit, und möglicherweise waren die Loipen noch nicht gespurt. Dann würde es anstrengend werden.
Mia mochte keine langen Abschiede. Sie gab ihm einen Kuss, und dann war sie verschwunden.
Bark bestieg den Bus nach Garphyttan. Es war glatt, und die Straßengräben waren bedrohlich tief. Hinter der Kreuzung nach Vintrosa war ein Auto von der Straße abgekommen, und durch die Scheibe des Busses konnte er sehen, dass ein Abschleppwagen schon auf dem Weg war.
Als Kristoffer ankam, hatte sein Vater die Skier schon aufs Auto geladen, und auf dem Küchentisch stand ein Korb mit Proviant. Nur Robert selbst war nicht zu sehen.
»Hallo, Papa. Bist du da?«
Es kam keine Antwort, doch aus dem Schlafzimmer waren Stimmen zu hören, und Kristoffer ging hin. Da saß Robert mit seinem Handy auf der Bettkante und lachte.
»Meine Güte, die ist ganz schön gut, deine Ella! Sie hat einen eigenen Podcast, wusstest du das?«
»Also, erstens ist sie nicht meine Ella. Wir sind seit bald fünfzehn Jahren getrennt. Zweitens: Ja, ich weiß, dass sie einen Podcast hat und dass sie ein Buch schreibt. Was ich nicht wusste, ist, dass du Podcasts hörst.«
»Ich liebe Podcasts«, erwiderte Robert, »vor allen Dingen den von Ella. Er heißt Bekenntnisse einer Krankenschwester, und sie erzählt da viele lustige Anekdoten über dich. Das solltest du dir mal anhören.«
Bark seufzte.
»Auf keinen Fall. Lass uns fahren!«
Mit einem Mal sah Robert bekümmert aus.
»Kristoffer, ich habe viel darüber nachgedacht, wie es dir wohl geht. Wie steht es mit deiner Epilepsie? Wann darfst du wieder Auto fahren?«
»Ich nehme Medikamente, die helfen, und wenn ich ein Jahr lang keinen Anfall hatte, dann ist es okay, wenn ich wieder fahre. Du weißt ja, ich bekomme nur selten Anfälle, es ist mehr so ein Gefühl, als würde ich mich außerhalb des Körpers befinden und könnte mich nicht rühren. Das Elend hat auch einen Namen, man nennt es Autoskopie.«
»Das heißt, du musst bei der Arbeit immer noch jemanden haben, der dich fährt?«
»Ja, so ist es. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie frustrierend es ist, neben jemandem sitzen zu müssen, der schlechter fährt als ein blindes Huhn.«
Sie gingen hinaus und setzten sich ins Auto – Robert am Steuer. Auch hier war es glatt auf der Straße, und Robert geriet bereits an der Ausfahrt ins Rutschen und konnte den Wagen nur schwer wieder auf Kurs bringen. Für Kristoffer wäre es viel entspannter gewesen, wenn er selbst hätte fahren dürfen. Robert wurde angesichts von Schnee und Eis auf der Straße zu einem spielenden Kind. Er fand es spannend, ein bisschen herumzuschleudern, und so landeten sie fast im Straßengraben, als sie den Hügel nach Ånnaboda hinauffuhren, wo sie laufen wollten. Die Loipen hier waren gut, und es waren sogar einmal die schwedischen Langlaufmeisterschaften hier oben ausgerichtet worden. Doch heute war die größte Herausforderung die Straße dorthin.
Robert setzte seine obligatorische Befragung fort.
»Wie gesagt, habe ich viel darüber nachgedacht, wie es dir wohl geht, Kristoffer. Bist du einsam? Ich würde mir wünschen, dass du jemanden findest, mit dem du leben kannst. Soweit ich weiß, gab es da niemanden, seit Ella und du euch getrennt habt, und das ist schade, denn das Leben ist viel reicher, wenn man jemanden hat, mit dem man es teilen kann. Ich weiß schon, ich bin ein neugieriger alter Vater, aber ich möchte so gerne, dass es dir gut geht.«
»Es ist alles gut, Papa. Kein Problem. Ich bin nicht einsam.«
»Aha, du triffst jemanden?«, fragte Robert neugierig und wandte den Blick von der Straße ab. Das Auto folgte der Bewegung, und Kristoffer griff ins Lenkrad.
»Ja, möglicherweise.« Er lenkte den Wagen wieder auf die Straße. »Könntest du dich bitte aufs Autofahren konzentrieren, damit wir diesen Tag überleben?«
»Du triffst also jemanden. Aber es ist niemand, dem ich schon vorgestellt worden bin. Schämst du dich für deinen alten Vater?«
»Keine Sekunde. Ich bin stolz auf dich. Aber es ist ein wenig kompliziert.«
»Ist sie verheiratet?«
»Wenn es etwas zu erzählen gibt, dann verspreche ich, dass ich es tun werde«, entgegnete Kristoffer mit einem tiefen Seufzer.
»Ich weiß, dass du viel Arbeit hast. Aber man kann ja auch im Internet daten«, erklärte Robert. »Berit und ich gucken als abendliches Vergnügen gern gemeinsam auf Tinder. Aber wenn ich sehe, was es da alles gibt, dann bin ich so zufrieden damit, Berit als Gesellschaftsdame in verträglichen Portionen zu haben. Getrennt zu wohnen und Nachbarn zu sein, ist einfach perfekt. Könnte das nicht auch etwas für dich sein?«
»Ich bin fünfzig geworden und glaube nicht, dass ich weitere gute Ratschläge benötige«, sagte Kristoffer mit einem Lächeln.
»Aber einen bekommst du trotzdem noch von mir: Nimm nicht die Erstbeste, aber auch nicht die Letztschlechteste. Denk drüber nach.« Und da waren sie angekommen.
Eine Stunde später hatten sie drei Runden auf der Loipe gedreht und aßen aus ihrem Picknickkorb Sirupbrot mit gebratenen Eiern, von Berit selbst gebackene Zimtschnecken und tranken dazu heißen Kaffee. In der Wanderhütte war es warm, und draußen vor den großen Fenstern sahen sie den See, wo das Eis in gebrochenen Schollen lag, zwischen denen die Enten tauchten und schwammen. Es war ein schöner Moment, und sie sprachen über lang zurückliegende Erinnerungen.
Als Kristoffer später am Nachmittag wieder in seiner Wohnung in der Drakenbergsgatan in einem Wohngebiet mit langen Reihen dreistöckiger Häuser saß, fühlte er sich rastlos. Für den nächsten Tag hatte er der kleinen Moa versprochen, dass sie auf dem Hügel vor dem Haus Schlitten fahren und dann heiße Schokolade trinken würden. Er war ihr Patenonkel, und sie sahen sich, wenn ihre Pflegeeltern ein wenig Entlastung brauchten. Ansonsten hatte er keine Wochenendpläne. Allerdings wartete im Büro einiges an Papierkram auf ihn, und er wollte schon mal anfangen, solange niemand anders ihn störte. Also nahm er den Bus für die zwei Kilometer in die Stadtmitte und versprach sich selbst ein nettes Abendessen im Restaurant, wenn alles Akute erledigt wäre.
Auch wenn eigentlich festgelegt war, dass Bark und sein Team an Cold Cases arbeiten sollten, die alte Mordfälle und schon länger vermisste Personen betrafen, waren sie doch zunehmend zu einer Instanz geworden, an die alle Kollegen ihre liegen gebliebenen Ermittlungen weitergaben. Und das mit allem Recht. Die Stapel wuchsen, und das Vertrauen in die Polizei schrumpfte, wenn nicht genug Fälle innerhalb einer vernünftigen Zeit bearbeitet und aufgeklärt wurden. Im Moment hatten sie jedoch keine größere Ermittlung am Laufen.
Barks Team hatte seine Räume im Turmzimmer oberhalb des Gerichtszentrums. In den angrenzenden Gebäuden war die Polizeibehörde untergebracht, ein Glasgang verband die zwei Häuser miteinander. Es lag eine gewisse Symbolik darin, dass Polizei und Justiz nah beieinanderlagen, aber dennoch räumlich getrennte Behörden blieben.
Bark betrat das Gebäude und stieg mit großen Schritten die schwankende Treppe zum Turmzimmer hinauf. Es roch nach angebranntem Kaffee, und ein Geräusch, das an ein Schnarchen erinnerte, sickerte durch die angelehnte Tür des Büros. War da doch noch jemand an einem späten Samstagnachmittag?
Kristoffer öffnete die Tür, doch der Raum war leer. In der Küche war die Kaffeemaschine eingeschaltet, und es roch übel verbrannt von der Platte. Er schaltete sie aus. Offensichtlich war jemand hier. Am lautesten war das Schnarchen aus der Abseite zu hören, wo Ingrid immer arbeitete. Doch es war unwahrscheinlich, dass sie es auf eine solche Lautstärke bringen würde.
Er öffnete die Tür und erkannte den Kollegen Henrik Larsson, der mit weit offenem Mund auf Ingrids Pritsche lag. Neben ihm auf dem Fußboden standen eine leere Flasche Rum der billigeren Sorte und eine Plastikflasche, in der offensichtlich Cola gewesen war.
»Henrik, was ist los?«, fragte Bark laut. Henrik schlug die Augen auf und starrte ihn an, dann rappelte er sich hoch, nur um sich gleich wieder mit einem ungraziösen Rumms zurück auf die Pritsche zu setzen. Seine Kleider waren zerknittert, die Augen geschwollen und blutunterlaufen, und seine Wangen hingen herunter wie bei einem Bluthund.
»Teufel auch, was hast du mich erschreckt, Bark!«
»Und hier war offenbar eine Party, oder was?« Kristoffer blickte vielsagend auf die Flaschen. »Was ist los mit dir?«
Henrik schlug die Hände vors Gesicht. Er brach in Tränen aus und weinte so, dass die Schultern zuckten. Bark setzte sich neben ihn.
»Es ist die reinste Hölle.«
»Bist du nüchtern genug, um darüber zu sprechen?«
Henrik schüttelte den Kopf.
»Ich glaube nicht.«
»Du kannst jedenfalls nicht hier in der Polizeizentrale sitzen und saufen. Das ist dir ja wohl klar, oder?« Bark schnüffelte. »Und geraucht hast du auch. Auf dem Fußboden liegen Kippen. Du wirst höllischen Ärger mit Ingrid kriegen, wenn du hier nicht aufräumst und lüftest.«
Bark hatte seinen Kollegen noch nie in so einem bedauernswerten Zustand gesehen. Henrik war ein vorsichtiger Mann und für gewöhnlich sehr zurückhaltend mit Alkohol. Er hatte fünf kleine Kinder, von denen das älteste noch nicht einmal in die Schule ging, und seine Frau, Viktoria, eine Ärztin und Wissenschaftlerin, arbeitete mehr als Vollzeit. Die Gleichung ging nur auf, weil eine gutherzige Großmutter immer wieder einsprang. Und plötzlich hatte Kristoffer eine Ahnung, was vorgefallen sein könnte.
»Mir ist so schlecht!« Henrik stürzte in die Teeküche und übergab sich in einen Topf. Mit dem Topf in beiden Händen sank er an der Wand hinunter auf den Boden und stöhnte laut. »Viktoria hat mich rausgeschmissen. Sie will sich scheiden lassen. Ich weiß nicht, wohin. Ich weiß nicht, was ich tun soll.«
»Du kannst ein Weilchen auf meinem Sofa schlafen, bis sich die Sache wieder löst«, sagte Bark und bereute es im selben Moment, als er es aussprach. Sein Kumpel Tor war zuvor schon einmal in einer ähnlichen Situation gewesen, und als seine Frau ihn gnädig wieder aufnehmen wollte, war es fast unmöglich gewesen, ihn aus der Wohnung zu kriegen, denn Tor hatte das gemeinsame Junggesellenleben zu gut gefallen.
Während er darauf wartete, dass die Schluchzer abnahmen, räumte Bark in Ingrids Abseite auf. Das Lüften würde schwierig werden, denn der Raum hatte kein Fenster, also öffnete er nur die Tür und gegenüber die Fenster des Turmzimmers, um die schlimmsten Wolken rauszutreiben.
»Warum hat Viktoria dich denn rausgeschmissen?«
Die Pflegekraft
An diesem frostigen Morgen begebe ich mich nach Hallsberg, wo ich aufgewachsen bin. Die Stadt hat circa 16 000 Einwohner, von denen hoffentlich die meisten noch schlafen. Ich denke an das alte Kino, das Cinderella hieß. Es ist doch seltsam, dass die Bruchbude noch steht. Sie hätte dem Erdboden gleichgemacht werden sollen, um Wohnhäusern oder einem Parkplatz Raum zu geben. Ich habe überhaupt keine Schwierigkeiten, dorthin zu finden. Das Kino liegt in einem Viertel mit Einfamilienhäusern an einer Straße, die parallel zur Eisenbahn verläuft. In einem Fenster des Hauses direkt gegenüber hängt ein verirrter Weihnachtsstern, obwohl wir schon lange Februar haben.
Es ist kalt und sternenklar und Vollmond. Als ich von der künstlichen Beleuchtung auf der E20 weg- und am Bahnhof vorbeigefahren bin, entdecke ich massenhaft Sterne, die ich noch nie gesehen habe. Ich parke ein paar Straßen vom Kino entfernt und nehme die Schneeschaufel mit, um Ratten zu erschlagen, wenn ich welche finde, dazu einen Schraubenzieher und ein paar andere Dinge, die ich benötige. Das letzte Stück laufe ich. Der Schnee knarrt unter den Schuhen. Privat trage ich immer dunkle Kleidung. Möchte nicht auffallen, möchte immer reinpassen.
Jetzt sehe ich das Holzgebäude, das einmal das Cinderella war. Das Kino, in dessen Saal hundert Personen passen, liegt ein wenig abseits und ist von einem dichten Gestrüpp umgeben. An der einen kurzen Seite des Hauses gibt es eine Veranda, dort war der Haupteingang. Die Fenster sind zugenagelt. Hierhin reicht keine Straßenbeleuchtung. Ich hole mein Handy heraus und beleuchte damit das letzte Stück bis zum Kino. Die gelbe Farbe ist abgeblättert, und auf der Schwelle sind braungraue feuchte Flecken zu erkennen.
Am Zaun, der das Kino umgibt, hängt ein Informationskasten. Hinter der gesprungenen Glasscheibe kann ich die Reste von Filmplakaten aus der Zeit bis 1984 sehen, als das Kino noch bespielt wurde. Amadeus, Ronja Räubertochter und etwas weiter unten ein Film mit dem Titel Ein Single kommt selten allein. Den Film habe ich tatsächlich gesehen und erinnere mich noch fragmentarisch daran. Da ging es um einen einsamen Typen, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, Gratulationskarten zu verfassen. Eine romantische Komödie, die ich mir angesehen hatte, weil ich so einsam war. Wenn schon niemand mit mir zusammen sein wollte, dann wünschte ich mir doch wenigstens Leute um mich herum, mit denen ich im Kino ein gemeinsames Erlebnis teilen konnte. Meine Quälgeister aus der Schule wären niemals in einen Film wie diesen gegangen, das war mir schon damals klar.
Über die Glasscheibe hat jemand ein Plakat von 2019 geklebt, das für eine Sommerrevue mit dem Titel En riktig soppa im Park des Heimatmuseums wirbt. Der Text ist kaum mehr lesbar.
Fast vierzig Jahre sind vergangen, seit hier in Hallsberg ein Mädchen namens Frida ermordet wurde. Ich erinnere mich an das Ereignis mit furchtbarer Deutlichkeit. An das blonde, zum Pferdeschwanz gebundene Haar und das Lächeln mit der Zahnspange. Das Foto, das durch die Presse ging, war so ein oberflächliches Abbild von dem, was Frida war. Da waren ihr Kichern und der Witz und der Ernst in den blau-grünen Augen. Die Polizei hat nie herausgefunden, was passiert ist. Bis heute ist es ein ungelöstes Rätsel.
Die Eingangstür zum Kino ist verzogen, die weiße Farbe vergilbt und in großen Placken abgeblättert. Mit einem festen Tritt kriege ich sie am unteren Ende ein wenig auf, dann schiebe ich das Blatt der Schaufel hinein und hebele. Danach stehe ich vollkommen still da.
»Hallo?«, flüstere ich in die Dunkelheit. Die Gefahr besteht, dass irgendwelche Penner hier Schutz vor dem Matschwetter gesucht haben. Auch wenn das Haus nicht beheizt ist, bedeutet ein Dach über dem Kopf schon viel für jemanden, der sonst nirgends hinkann. Als ich die Taschenlampe im Handy wieder einschalte, entdecke ich menschliche Spuren: zurückgelassene Spritzen und Kanülen, einen verrußten Löffel, Bierdosen, Lumpen und die Asche eines Feuers, das direkt auf dem Boden gemacht wurde. Aber es scheint eher ein Sommerunterschlupf für Fixer zu sein. Im Winter sitzen sie in der Bibliothek des Kulturviertels in Örebro, wenn die geöffnet hat.
Wie der Atemzug des Todes schlägt mir eiskalte Luft entgegen, als ich weiter hineingehe. Ein altmodisches Foyer taucht im Lichtkegel auf, dazu ein langer Tresen, an dem man früher seine Mäntel abgeben konnte, dahinter eine Garderobe, auf deren Türen jemand schwarz-weiße Graffiti gesprüht hat. Ich gehe weiter hinein. Der Kinosaal hat mit rotem Samt bezogene Stühle. Ich erinnere mich an das Stimmengemurmel, das jetzt in vierzig Jahren Stille ertrunken ist. Auch die Auslegeware ist rot, ebenso der Vorhang, der in Fetzen über einer vergilbten Leinwand herunterhängt.
Ein schwacher, aber unangenehmer organischer Geruch lässt mich denken, dass ich doch auf der richtigen Spur bin. Das könnten tote Mäuse sein oder Ratten vielleicht oder gar ein menschlicher Kadaver? Ich gehe die wenigen Stufen zur Bühne hinauf und suche mir einen Weg hinter die Leinwand. Da entdecke ich eine Tür und dahinter eine verfallene Treppe. Im oberen Stockwerk kann man nicht aufrecht gehen. Ich muss an den Alten denken, der damals den Filmprojektor bedient hat. Er war groß und kräftig und konnte sich hier oben sicher nicht ohne Probleme bewegen. Die Wände sind mit Postern von alten Filmstars wie Ingrid Bergman, Humphrey Bogart und Greta Garbo tapeziert. In der Kälte wird mein Atem zu Rauch. Ich gehe wieder hinunter. Der Projektorraum, der sich an den Eingang anschließt, ist nicht mehr als eine Abseite. Alle technische Ausrüstung ist weg. Hier gibt es nur noch ein Regal mit richtig alten Filmen, ein paar VHS-Kassetten mit Pornos und einen Röhrenfernseher, in dem sich die Mäuse ein Nest gebaut haben. Massenhaft kleine schwarze Köttel deuten darauf hin, dass sie zahlreich sind. Auch auf dem mit Stoff bezogenen Sessel, in dem der Kinobesitzer zu thronen pflegte, liegen Häufchen von Hinterlassenschaften, und auf dem Boden erkenne ich Rattenkot.
Um das Schreckliche, das Susanne mir erzählt hat, noch ein wenig von mir fernzuhalten, und damit ich keinen Panikanfall kriege, hole ich ein paarmal tief Luft, ehe ich weitersuche. An der hinteren Wand des lang gezogenen Projektorraums schließt sich eine Toilette an. Ich öffne die Tür, und der Gestank wird heftiger. Ich leuchte mit der Handytaschenlampe. Oben an der Decke verläuft ein Lüftungsrohr. Von dem hat Susanne gesprochen. Jetzt gilt es. Ich beginne zu zittern. Auf irgendetwas muss ich stehen. Um heranzureichen, ziehe ich mir den Sessel heran.
Ich wage nicht, meine Füße auf die fadenscheinige Sitzfläche zu stellen, sondern klettere auf den Holzrahmen, stütze mich mit der Hand an der Wand ab und schaue zur Decke hinauf. Vier Schrauben halten das Gitter am Eingang des Lüftungsschachts. Ich klettere wieder hinunter und hole den Schraubenzieher aus der Tasche. Das Handy lege ich mit der nach oben leuchtenden Taschenlampe auf das rissige Waschbecken. Ich ziehe die Handschuhe aus und steige wieder auf den Stuhl. Mit vor Kälte steifen Fingern drehe ich die Schrauben heraus, dann hebe ich die Platte ab und schaue in völlige Dunkelheit.
Ich steige vom Stuhl und greife nach meinem Handy, das ganz plötzlich anfängt zu klingeln, sodass ich vor Schreck aufschreie. Meine Stimme und die Klingeltöne hallen zwischen den Wänden wider. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich bin geschockt und versuche, mich wieder unter Kontrolle zu bringen. Es ist eine unbekannte Nummer, wahrscheinlich das Krankenhaus. Ich muss rangehen, denn ich muss alle zusätzlichen Schichten übernehmen, die ich nur kriegen kann.
Ich höre auf die Stimme in meinem Ohr. Es ist, wie ich gedacht habe. Ich sage für eine weitere Schicht im Hospiz zu und beende dann das Gespräch. Der Schock sitzt mir noch in den Knochen. Ich atme ein paarmal tief durch, und mein Puls beruhigt sich. Mit dem Handy in der Hand klettere ich wieder auf den wackeligen Rahmen des Sessels. Jetzt darf ich nicht in Panik geraten. Ich versuche, langsam zu atmen. Bald werde ich erfahren, was wirklich passiert ist. Will ich das denn? Das, worüber ich mein ganzes Erwachsenenleben lang gegrübelt habe, wird vielleicht eine Antwort bekommen.
Ich beuge mich vor und stelle mich auf die Zehenspitzen. Der Stuhl wackelt, aber ich halte das Gleichgewicht und lasse den Lichtschein des Handys die Dunkelheit schräg über mir ausleuchten. Erst sehe ich nur das Mondlicht, das hereinsickert, und etwas, das aussieht wie ein Abluftrohr. Als ich versuche, weiter hineinzusehen, wird mir klar, dass ich dafür höher hinauf und ein Stück weit in den Lüftungsschacht klettern muss. Ich hole den Röhrenfernseher, stelle ihn auf den Sessel und bewältige den Balanceakt, mich hinauf und über den Rand in den Schacht hineinzuhieven.
Da ist es so eng, dass ich mich kaum vorwärtsschieben kann. Aber das ist auch nicht nötig, denn ich starre in ein paar leere, tote Augenhöhlen, in ein Gesicht, dessen Haut über das Skelett gespannt ist. Zerzauste Haarbüschel werden sichtbar, wo eigentlich der Hinterkopf sein sollte.
Ich weiß, wer das ist, kann meinen Schrei nicht unterdrücken. Während ich auf den Boden des Toilettenraumes hinunterrutsche, übergebe ich mich, es läuft mir über die Kleider, und ich begreife im selben Moment, dass ich jetzt meine DNA an diesem Ort hinterlassen habe.
Am liebsten würde ich wegrennen, reiße mich aber zusammen. Jetzt muss ich klar denken und klug sein, auch wenn die Gefühle mit mir durchgehen. Ich ziehe wieder die Handschuhe über und wische meine schwarze Jacke so gut es geht mit einer feuchten und krumpeligen alten Klopapierrolle ab. Ich brauche Benzin! Ich muss das Kino bis auf die Grundmauern niederbrennen, ohne dabei entdeckt zu werden. Wenn ich mit einem Kanister in der Hand in eine Tankstelle spaziere, könnte es sein, dass ich von einer Überwachungskamera eingefangen werde. Das ist verdächtig. Aber wenn ich mein Auto betanke und dabei auch Benzin in meinen Reservekanister fülle, ist die Gefahr, entdeckt zu werden, nicht so groß. Der Gedanke, das Kino niederzubrennen und die Polizei im schützenden Lüftungsschacht eine Leiche finden zu lassen, gefällt mir.
Ich fahre erst zur Tanke und dann wieder zurück zum Kino, schütte Benzin aus, zünde es an und beeile mich, zum Ausgang zu kommen. Als die Flammen knistern, kommen die Ratten aus ihren Schlupflöchern. Überall prasselt es, aber ich stehe mit der Schaufel bereit. Wenn sie sich auf ihre Hinterbeine stellen und zischen, dann erschlage ich sie mit sicherer Präzision. Das habe ich früher schon getan. Ich habe sogar eine Plastiktüte dabei, worin ich die toten Tierkadaver aufbewahren kann. Eine Schlange kommt mit einer fetten Ratte eine ganze Woche aus. Die restlichen toten Tiere werde ich in die Tiefkühltruhe packen.
Als ich zu der Stelle gehe, wo mein Auto geparkt ist, habe ich noch Benzin im Kanister. Ich komme an einer weißen Villa mit Garage vorbei. Das Tor ist nicht richtig verschlossen, und ich kann der Verlockung nicht widerstehen, ein paar unnötig teure Autos von der Sorte, wie ich sie mir niemals werde leisten können, anzuzünden. Dann fahre ich schnell weg.
Am Sonntagmorgen erwachte Kristoffer Bark mit einem Geruch von geräucherter Wurst und gebratenen Zwiebeln in der Nase und davon, dass jemand in der Küche klapperte. Er hatte schöne Träume von Mia gehabt und hoffte, dass sie zurückgekommen war. Schließlich hatte sie immer noch einen Schlüssel zu seiner Wohnung. Ihm gefiel der Gedanke, dass sie einfach so bei ihm auftauchen könnte.
Bark stieg aus dem Bett und warf sich den Morgenmantel über, den er vor vielen Jahren von Ella zu Weihnachten bekommen hatte, als sie noch eine Familie gewesen waren. Er musste mindestens zwanzig Jahre alt sein, offensichtlich aber von guter Qualität, dachte er, als er schlaftrunken Richtung Küche wanderte. Dort arbeitete Henrik, sein vorübergehender Übernachtungsgast, der auf dem Wohnzimmersofa geschlafen hatte. Nun stand er da und briet Eier. Es war zehn Uhr am Sonntagmorgen, und sie hatten bis weit nach Mitternacht über das Hamsterrad der Hölle gesprochen.
»Guten Morgen!« Henrik hatte zwei Teller mit gewürfelten Kartoffeln auf den Tisch gestellt, die er nun mit Spiegelei, Roter Bete und Essiggurken belegte. »Die Erfahrung sagt, dass der Tag am besten wird, wenn man anständig gefrühstückt hat.«
»Ah so«, erwiderte Bark und ließ sich auf seinen üblichen Platz am Küchenfenster sinken. Aus einem grauen Himmel schneite es, und hinter seinen Schläfen pochte ein Kopfschmerz. Er war nicht einmal sicher, dass er eine Tasse Kaffee runterkriegen würde. Zu ihren wirklich schwermütigen Gedanken hatten sie ein paar Bier, Grog und dann ein paar Flaschen Rotwein gebraucht, ehe Henrik auf dem Sofa nach hinten gekippt war.
Der Grund für seine temporäre Wohnungslosigkeit war, dass er seiner Frau verschwiegen hatte, dass er sich heimlich hatte sterilisieren lassen. Sie hatte an seinen intimeren Körperteilen eine kleine Narbe entdeckt und nachgefragt. Sie hatten fünf Kinder, und Henrik lebte in Angst und Schrecken, dass sie wieder schwanger werden könnte. Und wenn Bark den Kollegen richtig verstanden hatte, dann hatte Viktoria in der Hoffnung auf ein weiteres Kind ein romantisches Wochenende arrangiert, das auf den vermuteten Termin des Eisprungs fiel. Die Entscheidung, keine weiteren Kinder zu haben, war einseitig und heimlich getroffen worden, und sie war außer sich vor Wut. Wie sollte sie ihm jemals wieder vertrauen können? Zitat Ende.
Bark konnte sich nicht vorstellen, Kartoffeln, Ei und Essiggurken zum Frühstück zu essen. Um den Geruch von Gebratenem aus der Nase zu kriegen, nahm er seine Kaffeetasse und setzte sich im Wohnzimmer vor den Fernseher, in der Hoffnung, die Zehn-Uhr-Nachrichten sehen zu können. Doch Henrik kam mit seinem Teller dazu, schnappte sich die Fernbedienung und wechselte den Kanal.
»Ich sehe mir sonntagsmorgens immer Fragen Sie Ihren Arzt an. Ich glaube, seit es das gibt, habe ich nicht eine einzige Folge verpasst. Da gibt es superinteressante Interviews, und dann können die Leute anrufen und Fragen zu ihren Krankheiten stellen. Ja, aber, verdammt noch mal, sieh mal … das ist doch Ella! Deine Ex ist im Fernsehen!«
Bark starrte auf die Mattscheibe. Ella sah nicht so aus wie sonst. Henrik drehte die Lautstärke hoch. So war es am Abend zuvor auch gewesen – er hatte die Fernbedienung in seiner Gewalt. Das hier konnte eigentlich nicht gut ausgehen.
»Sieh dir das an! Sie wird interviewt. Wusstest du davon?«
»Nein.« Bark sank ins Sofa zurück. Es war wirklich Ella, aber in Kleidern, die er sie noch nie hatte tragen sehen, und auf eine neue Weise geschminkt. Ihre Haare sahen fluffiger aus, und ihre Augen glitzerten. Es wirkte ganz so, als würde es ihr gefallen, im Rampenlicht zu stehen, und das erstaunte ihn wirklich. Er zitterte vor dem, was aus ihrem rot angemalten Mund kommen würde. Nicht dass sie in irgendeiner Weise Feinde wären, das waren sie wirklich nicht. Aber trotzdem.
Eine Frau in weißem Arztkittel, wahrscheinlich die Moderatorin, beugte sich mit einem Mikrofon zu Ella hinüber.
»Und nun haben wir hier im Studio Ella Bark bei uns zu Gast. Sie sind seit 25 Jahren Krankenschwester und produzieren einen sehr erfolgreichen Podcast mit dem Titel Bekenntnisse einer Krankenschwester. Können Sie unseren Zuschauern kurz berichten, was für Geheimnisse Sie da offenbaren?«
Ella sah direkt in die Kamera. Ihre Augen wurden feucht. Das hier war echt und übertrug sich direkt vom Bildschirm ins Herz.
»Als meine Tochter vor Jahren spurlos verschwand, konnte ich die Ungewissheit nicht ertragen. Die Suche zog sich über fünf schreckliche Jahre hin, in denen ich nicht wusste, was ihr zugestoßen war. Es war eine Zeit der ununterbrochenen Albträume. Um schlafen zu können, trank ich Wein und nahm Tabletten. Als ich die Tabletten nicht mehr verschrieben bekam, kaufte ich die Rezepte von einem pensionierten Arzt, der sich seinen Ruhestand ein wenig vergolden wollte.«
»Und Sie haben Tabletten gestohlen«, schob die Frau im weißen Kittel mit einem etwas lüsternen Blick ein.
»Das habe ich«, erwiderte Ella ernst und offen. »Und ich schäme mich dafür. Tabletten aus dem Medikamentenschrank im Krankenhaus zu entwenden, das bedeutet, dass man Steuergelder missbraucht, die eigentlich dem Gesundheitssystem zugutekommen sollten. Aber ich war krank vor Sorge, was meiner Tochter zugestoßen sein könnte, und war im Begriff unterzugehen.«
Die Moderatorin nickte theatralisch.
»Sie waren in einer Klinik und sind inzwischen trockene Alkoholikerin und frei von Drogen. Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Sie nicht wieder abrutschen werden?«
In Bark schoss die Wut hoch. Wenn diese Moderatorin in seiner unmittelbaren Nähe gewesen wäre, hätte er ihr mal deutlich die Meinung gesagt. Die hatte ja keine Ahnung, wie sehr Ella hatte kämpfen müssen, um so weit zu kommen. Er war stolz auf sie.
»Jetzt, da ich weiß, was meiner Tochter Vera zugestoßen ist, kann ich das Leben besser bewältigen. Jetzt verspüre ich nur noch Trauer und nicht mehr diese vernichtende Ungewissheit.«
»Ihre Tochter wurde ermordet«, fuhr die Frau in dem weißen Kittel fort. »Sie müssen doch voller Hass gegen die Person sein, die das getan hat.«
»Nein«, erwiderte Ella und ließ sich nicht verleiten, diese Richtung einzuschlagen.
»Aber was verspüren Sie denn dann?«, hakte die Moderatorin nach.
»Dankbarkeit dafür, dass das Leben dennoch weitergehen kann. Dankbarkeit, weil Veras Vater mich niemals im Stich gelassen hat. Kristoffer war in all diesen Jahren unfreiwilliger Antialkoholiker.« Ella lächelte ein wenig, und in ihren Augen glitzerte es.
Im Publikum breitete sich vereinzeltes Kichern aus, doch der Moderatorin schien jeder Humor abzugehen.
»Unfreiwilliger Antialkoholiker? Was meinen Sie damit?«
Wenn man einen Witz erklären muss, ist er schon tot, dachte Bark, während Ella erklärte.
»Er hat sich völlig vom Alkohol ferngehalten, um mich unterstützen zu können, und ich wäre nicht mehr am Leben, wenn er nicht in Zeiten tiefster Erniedrigung und Verzweiflung für mich da gewesen wäre.«
»Können Sie das mit der Erniedrigung noch mal näher erklären?«, beharrte die Moderatorin, und Bark hätte abgeschaltet, wenn nicht Henrik die Fernbedienung fest umklammert gehalten hätte. Er war völlig auf seine Lieblingssendung konzentriert.
»Diese Dinge liegen jetzt hinter mir«, entgegnete Ella mit Nachdruck, und Bark war drauf und dran, ihr zu applaudieren. »Sie haben doch sicher auch schon mal Sachen gemacht, auf die Sie nicht stolz sind, oder?«
Im Publikum wurde vereinzelt gelacht. Die Frau im weißen Kittel errötete sichtbar, und Ella fuhr fort.
»Was ich dabei gelernt habe, ist, dass es nicht immer so leicht ist, Mensch zu sein. Verständnis und Versöhnung sind wichtig, und dass man niemanden einfach so verurteilt. Denn man weiß nicht, wann man selbst das nächste Mal Wohlwollen und Wärme von jemandem braucht. Davon handelt mein Buch, das nun herauskommt. Der Titel wird wie der des Podcasts sein: Bekenntnisse einer Krankenschwester, und man wird es bald in jeder gut sortierten Buchhandlung erhalten können.« Sie lächelte erneut in die Kamera. »Ich bin kein Opfer. Ich gehe mit neuen Einsichten aus dieser Zeit und mit Fähigkeiten, das Leben zu leben, das ich möchte. Und wenn meine Erkenntnisse anderen helfen können, dann freut mich das.«
Die Frau mit dem weißen Kittel wirkte jetzt etwas säuerlich und wendete sich ihrem nächsten Interviewopfer zu.
»Schalt ab«, sagte Bark, »mehr halte ich nicht aus!«
»Nein, jetzt können wir nicht abschalten. Gleich kommt der Wettbewerb: Errate meine Diagnose. Vorigen Sonntag habe ich neun Punkte gemacht. Neun von zehn! Es handelte sich um das Sjögren-Syndrom.«
Am Nachmittag fuhr Kristoffer mit der kleinen Moa Schlitten auf dem Hügel vor dem Haus. Als sie mit roten Wangen und halb erfroren wieder hereinkamen, hatte Henrik heiße Schokolade gemacht. Moa plapperte davon, wie schnell sie gefahren und wie elegant sie um die anderen auf dem Schlittenhügel herumgesaust war – doch dann merkte sie, dass Henrik plötzlich Tränen in den Augen hatte.
»Warum weinst du?«, fragte sie und streichelte ihm die bärtige Wange.
»Weil ich traurig bin«, erwiderte Henrik schlicht.
»Bist du der Weihnachtsmann? Bis nächstes Weihnachten ist es noch total lange, und ich kann verstehen, wenn du deshalb traurig bist.« Moa sah ihn forschend an.
»Möglicherweise ist das so«, sagte Henrik. »So als Weihnachtsmann darf man auch ein kleines Geheimnis haben.«
Das fand Moa auch. Mit großem Interesse sah sie zu, wie Henrik alles in der Spülmaschine, die Kristoffer bereits eingeräumt hatte, wieder umsortierte: Gabeln in einer Reihe, Messer von Löffeln getrennt.
»Warum machst du das?«, fragte sie.
»Weil man dann das Besteck nicht sortieren muss, wenn man alles wieder ausräumt. Ich mache das immer so.«
Bark merkte, dass diese unfreiwillige Wohngemeinschaft an seinen Nerven zu zerren begann. Nachdem Moa abgeholt worden war, brachte er die Frage auf, ob Henrik nicht wieder nach Hause ziehen könnte, und der versprach, seine Frau anzurufen.
Bark checkte seine Nachrichten im Handy. An mehreren Stellen in Hallsberg brannte es. Offenbar Brandstiftung. Bark schaltete die Lokalnachrichten ein, die gerade angefangen hatten.
»Es brennt in Hallsberg!«, rief er Henrik zu, der gerade sein Handy weglegte. Offenbar hatte Viktoria ihn sofort weggedrückt. Die beiden ließen sich vor dem Fernseher nieder.
Heute früh wurde in Hallsberg ein ehemaliges Kino in Brand gesetzt. Auch eine Garage mit einem Stapel Sommerreifen und zwei Autos haben gebrannt. Die Brände gingen kurz nacheinander los, und alles deutet darauf hin, dass es sich um Brandstiftung handelt. Die Polizei hat keinen Verdächtigen festgenommen. Die Bevölkerung wird gebeten, Fenster und Türen zu schließen und das Haus nicht zu verlassen. Die Rauchgase können giftig sein.
Im selben Moment vibrierte Barks Handy. Es war die Polizeichefin der Region Bergslagen, Regina Zimmermann.
»Hallo Bark, hier Regina. Sorry, dass ich am Wochenende störe, aber könntest du bitte in die Zentrale kommen? Ich muss etwas mit dir besprechen.«
Die Pflegekraft
Ich bin zu Hause. Die nach Feuer und Erbrochenem stinkenden Kleider habe ich in die Waschmaschine gesteckt, meine Stiefel habe ich so gründlich geputzt, dass kein Ruß und keine Asche mehr darauf sein können.
Obwohl ich vor der Nachtschicht ein paar Stunden geschlafen habe, bin ich doch alles andere als ausgeruht. Aber ich muss Dinge erledigen, die nicht warten können. Ehe ich mit dem Auto zum Krankenhaus fahre, treffe ich mich mit meiner Tochter Tove in der Wasa-Konditorei in der Stadt. Sie ist einundzwanzig. Nach dem, was damals passiert ist, als sie ein Jahr alt war, haben wir uns lange nicht gesehen und erst seit Kurzem wieder Kontakt. Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, wollte sie meine Version der Ereignisse hören, und ich bin froh, dass sie mich noch einmal sehen will. Tove besucht die Restaurantfachschule in Grythyttan und macht eine dreijährige Ausbildung zur Köchin und Menügestalterin. Danach will sie als Sommelier arbeiten. Sie wird ein völlig anderes Leben führen, als ich es ihr hätte bieten können, und sie hat das ganz allein erreicht. Ich bin stolz auf sie, und gleichzeitig habe ich Angst, dass unsere Welten sich noch weiter voneinander entfernen werden. Jetzt, da wir endlich wieder Kontakt geknüpft haben....Ende der Leseprobe
