Schlechte Tochter - Justine Lévy - E-Book

Schlechte Tochter E-Book

Justine Lévy

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14,99 €

Beschreibung

Louise ist schwanger, eine Überraschung, ein Glück. Doch beinahe gleichzeitig erfährt sie, dass ihre Mutter im Sterben liegt. Die schöne, von allen bewunderte Frau, die man sich hinfällig, hilfsbedürftig kaum vorstellen kann. Die ferne Mutter, die sie als Kind im Stich gelassen hat. Louise möchte ihr gerne nahe sein, für sie sorgen, sich mit ihr zusammen auf das Kind freuen. Und traut sich doch kaum, ihr von der Schwangerschaft zu erzählen. Wird die Mutter sich nicht zurückgesetzt, verraten fühlen? Louise wird sie, als gute Tochter, bis zum Tod begleiten, ihre Launen und Ängste ertragen, den körperlichen Verfall. Und hofft doch noch vieles zu klären aus der verpatzten Kindheit, endlich das Gefühl loszuwerden, nie wirklich wahrgenommen, geliebt worden zu sein. Wie kann man selbst eine gute Mutter werden, wenn die eigene versagt hat? Seine Tochter so lieben, wie man als Kind nie geliebt wurde? Wieso hat man noch als Erwachsene das Gefühl, an allem selbst schuld und als Tochter nie gut genug zu sein? Mit ihrer rückhaltlos offenen Beschreibung einer komplexen Mutter-Tochter-Beziehung ist Justine Lévy ein tief berührender Roman gelungen; mit ihrem ganz eigenen Stil voll tragikomischer Verve hat sie sich als große Schriftstellerin behauptet.

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Seitenzahl: 183

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Justine Lévy

Schlechte Tochter

Roman

Aus dem Französischen vonClaudia Steinitz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

1

SIE DENKT, ICH BIN IHRE MUTTER. Es macht mir Angst, wie sehr sie mir vertraut. Das ist nicht normal, sage ich mir. Sie denkt wirklich, ich bin ihre Mutter. Sie weiß nicht, dass ich verrückt bin, böse, eine wandelnde Katastrophe, ein Haufen Schuldgefühl, eine Strafe. Ich kann machen, was ich will, sie schlecht lieben, sie schlecht erziehen, sie sogar misshandeln; wenn ich will, kann ich ihre Kuscheltiere wegwerfen, sie ohrfeigen, grundlos schimpfen, auf Durchzug schalten, wenn sie weint, das Fläschchen vergessen, ihre Windeln wechseln oder nicht, sie wird mich trotzdem lieben, sie hat keine Wahl, sie wird mich lieben. Nein, verzeih, mein Liebes, mein Engel, verzeih, mein Baby, aber es ist verrückt, wie sehr du an mich glaubst, das darfst du nicht, das ist gefährlich, genauso habe ich sie auch geliebt, ich habe wie du gedacht, Mama sei meine Mama, es reiche aus, Mutter zu sein, um Mama zu sein, ich möchte so gern, dass du verstehst, ich würde es dir so gern sagen.

Woher weiß sie es überhaupt? Ich bin gar nicht so oft bei ihr. Sie hat das Kindermädchen, ihren Papa, die Mutter ihres Papas und natürlich mich, ungeschickt, übervorsichtig, geradezu schüchtern, meine Tochter beeindruckt mich, sie starrt mich an, ich würde am liebsten eine Sonnenbrille aufsetzen, wenn ich mich um sie kümmere, sie sieht so ernst aus, sie urteilt über mich, meine Angst quillt aus allen Poren, die Angst und die Mutter gleichzeitig, wahrscheinlich ist es eine Frage des Geruchs, dabei nehme ich jeden Tag ein anderes Parfum, keins gefällt mir, keins passt zu mir, ich schwitze, das muss hormonell sein, eine dreckige Mischung aus Hormonen und Angst, ich stinke wie verrückt, und trotzdem riecht sie, dass ich ihre Mutter bin, sie das Kind, ich die Mutter, sie lächelt nicht, wenn sie mich sieht, aber sie weint, wenn ich gehe, ist das nicht irgendwie unsere Geschichte, die Geschichte von Mama und mir?

Nach zwei Wochen Papapapa war ich enttäuscht, eifersüchtig, war wütend auf alles und jeden, konnte nicht mehr – und dann, eines Morgens, ist es passiert, meine Tochter hat Mama zu mir gesagt, und das war wie eine Liebkosung, ein Wunder, Mama ist nicht umsonst gestorben, habe ich gedacht. Am Schluss gewinnt immer Mama.

Hätte ich vor Mamas Augen gewagt, eine gute Mutter zu sein? Hätte ich ihr diesen Affront zumuten können? Oder hätte ich vor ihren Augen so getan, als wäre ich unvorsichtig, linkisch, aus dem gleichen Holz geschnitzt, hätte ich mich bemüht, es genauso schlecht zu machen wie sie, wie damals, als ich fünfzehn war, als ich wuchs und anfing, gebeugt zu gehen, um Papas Freundinnen nicht zu ärgern? Um Mama nicht wehzutun, hätte ich ihr vielleicht auch eiskaltes Badewasser eingelassen, ihr schwarze Sachen angezogen, ihr mit drei Monaten Würstchen gegeben und sie dann, zwei Jahre später, ganz allein in die Krippe geschickt, wie eine Große, sieh zu, wie du klarkommst.

Und überhaupt, hätte ich sie ihr anvertrauen können? Für einen Abend? Eine Woche? Die Ferien? Hätte sie mich an der Nase herumgeführt, wäre sie vernünftiger, organisierter, beständiger gewesen als mit mir? Vielleicht wäre ich eifersüchtig gewesen. Auf die Liebe, die sie mir nicht gegeben hat und die sie aufgehoben hätte, für sie.

2

ES IST EINE ÜBERRASCHUNG. Pablo weiß nichts, keiner weiß was, ich habe dichtgehalten und heimlich alle seine Termine abgesagt. So etwas mache ich zum ersten Mal. Zum ersten Mal schnüffle ich in seinen Sachen, seinem Kalender, seinem Telefon. Ich schäme mich ein bisschen. Habe vor allem Angst. In solchen Momenten entdeckt man immer furchtbare Sachen, eine Geliebte, ein verheimlichtes Kind, ein Laster. Ich entdecke nichts, ein Glück. Aber ich passe auf, dass ich die Grenzen nicht überschreite. Ich konzentriere mich auf die drei Reisetage, keinen mehr, keinen weniger: ein Promotion-Interview zum Erscheinen seines letzten Films, ein Essen mit seinem Agenten, um sein Pierre-Goldman-Projekt zu besprechen, eins mit einem Kumpel. Als ich anrufe, um abzusagen, zittere ich noch: Und wenn es nun kein Kumpel ist, wenn es ein Mädchen ist, das er bei einem Film kennengelernt hat, mein Herz explodiert fast, Eifersucht ist widerwärtig, verdirbt alles, macht einen verrückt, ich lasse mir bestimmt nie mehr Überraschungen einfallen.

Dann warte ich, bis er einschläft, und bereite gewissenhaft eine Liste für meinen Koffer vor, sexy Dessous, Stilettos, Biokekse, Armenisches Papier, Bücher, die man zu zweit lesen kann, Vitamine für den Fall eines Durchhängers, ich will, dass es klappt, perfekt ist, mehr als perfekt, ich will, dass er versteht, wie sehr ich ihn liebe, wie sehr ich an ihm hänge, dass es eine andere Louise gibt als die unmögliche Louise, die ihm das Leben zur Hölle macht, wenn sie abstürzt und durchhängt.

Am Morgen der Abreise wecke ich ihn. Auch das passiert zum ersten Mal. Herzlichen Glückwunsch, mein Liebster, pack deine Tasche, wir fahren weg. Normalerweise steht er vor mir auf, macht uns ein feines Frühstück, ich kann nicht mal Kaffee kochen, ich weiß nicht, wie und wohin mit dem Filter, dem Kaffeepulver, dem Wasser, kann doch nicht so schwer sein, aber ich hätte üben sollen, deshalb ist er im Taxi noch ganz verschlafen, zerzaust, unrasiert, er sieht mich von der Seite an, verblüfft, aber glücklich, sein Telefon klingelt pausenlos, herzlichen Glückwunsch, sagen seine Freunde, meine Frau hat mich entführt, antwortet er lachend, ich weiß weder wohin noch wie lange, er hält meine Hand, drückt sie, ich auch.

Ich denke nicht an Mama, ich will vor allem nicht an sie ganz allein im Krankenhaus denken. Na gut, zugegeben, ich denke ein bisschen an sie, aber sie ist in guten Händen, ich fahre nicht lange weg, ich bin erreichbar, ihre Chemo ist seit zwei Monaten vorbei, sie hat nur noch ein bisschen Wasser im Bauch, das ist ein Aszites, ein Aszites ist nichts, ich habe im Internet gelesen, es ist ein Flüssigkeitserguss in der freien Bauchhöhle, eine Ansammlung von Flüssigkeit im Hohlraum um das Bauchfell, klingt beeindruckend, wenn man es liest, ist aber kein Grund zur Aufregung, kein Grund, meine Überraschung zu annullieren.

Vorgestern hat sie mich ganz verstört angerufen, ich weiß nicht, was los ist, mein Bauch ist riesig, er schwillt und schwillt, der Homöopath antwortet nicht, die Masseuse ist im Urlaub, was habe ich da, was ist da los? Bleib ganz ruhig, habe ich gesagt, wir rufen Superdoc an, so nennen wir unter uns den Super-Chefarzt, den Papa mobilisiert hat, damit er an Mama seine superneuen Therapien ausprobiert, wir rufen Superdoc an, er wird dich sofort drannehmen, es ist bestimmt nichts Schlimmes, eine Nervensache. Aber Superdoc spricht nicht mit ihr am Telefon, Superdoc spricht nie mit ihr, Superdoc antwortet nur, wenn Papa persönlich ihn anruft, aber Papa ist auf Reisen, weit weg, in der Wüste, ohne Telefon, außer in Notfällen, und meine These beruht ja gerade darauf, dass es kein Notfall sein kann. Kein Problem, sage ich zu Mama, geh direkt in die Sprechstunde, ich komme dorthin, sie werden dich beruhigen, alles wird gut.

Mama will nicht aus dem Haus gehen. Ich kann nicht, dieser Bauch, meine Haare und außerdem, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, meine Zähne, der ganze Apparat, den mir Doktor A. gebaut hat und der deinen Vater so viel Geld gekostet hat, ist letzte Woche zerbrochen und ich kriege ihn nicht repariert. Das ist nicht schlimm, Mama, antworte ich, niemand wird auf deine Zähne achten. Sie schreit, sie ist wütend, warum wird niemand auf meine Zähne achten, sie weint wie ein Kind. Mit vollem Mund, ich bin gerade dabei, ein feines Frühstück zu kauen; meine Liste der für Rom zu kaufenden oder einzupackenden Sachen in der Hand, seufze ich heuchlerisch: Versuch wenigstens, deinen Apparat zusammenzuflicken, das kann doch nicht so schwer sein, nur für den Tag, für die Visite, ich bin gleich da. Wir kommen gleichzeitig im Krankenhaus an. Wir wissen noch nicht, weder die eine noch die andere, dass sie es praktisch nicht mehr verlassen wird.

Da ist sie, herausgeputzt, mit den komischen Schuhen an den Füßen, die sie bei ihrer Beisetzung tragen wird, den Ödemen in den Beinen, ihrem riesigen Bauch unter der hübschen Strickjacke, die wir von Papas Geld gekauft haben, sie war besorgt, uns standen 2000 Euro zu, sie hatte keine Ahnung vom Euro, sie rechnete immer in Francs, sie fand, mit 2000 Francs würden wir nicht sehr weit kommen, dann haben wir schöne Sachen gekauft, die sie an die erinnerten, die sie mit Sophia in den eleganten Boutiquen des Viertels klaute, oder an die Mäntel, meistens Pelze, die sie in den vornehmen Restaurants mitgehen ließen, indem sie sie beim Weggehen diskret mit ihren eigenen Mänteln schnappten, und die sie dann in Jacken, Röcke, Hosen oder Westen umarbeiten ließen, damit man sie nicht wiedererkannte – du bist schön wie ein gestohlenes Auto, sagte Sophia, und sie wusste, was sie sagte, denn sie hatten auch Autos geklaut und verfuhren mit den Autos ebenso wie mit den Klamotten.

An diesem Tag trägt sie ihre Strickjacke und ihren schönsten Lippenstift, ein Tuch über dem, was ihr an Haaren geblieben ist, sie hat ihre Zähne irgendwie hinbekommen, umso besser, nun kann sie ordentlich schreien, mit offenem Mund, aus voller Kehle, als die Krankenschwester dreimal ansetzt, um ihr in den Bauch zu pieken, die Kanüle anzusetzen und sie mit dem Schlauch zu verbinden, der die Flüssigkeit Tropfen für Tropfen herauslaufen lässt. Ich starre auf ihren Bauch. Ich denke an die widerliche Schlacht, die sich darin abspielt. Weil die Krankenschwester Geburtstag hat und nach nebenan in den Aufenthaltsraum gegangen ist, um ihre Kerzen auszupusten, spiele ich sogar ein bisschen Krankenschwester. Rufen Sie mich, wenn es nötig ist, hat sie gesagt. Aber Mama wollte nicht, sie war dagegen, dass man ihr den Geburtstag verdirbt, also muss ich auf den riesigen Bauch drücken, damit herausläuft, was ich zuerst für Pipi halte und über unseren Sachen auskippe, über ihre Taschen voller Papierkram, meine mit den nagelneuen sexy Dessous.

An diesem Tag habe ich Mama angelogen. Ich habe gesagt, ich fahre nach Brüssel, es nervt mich total, aber ich muss, verstehst du, mein Verleger, mein Buch, ich muss einfach. Ich komme in die Fernsehnachrichten, habe ich noch hinzugefügt, um mich noch besser zu entschuldigen und sie zu beeindrucken. Jetzt aber drücke ich erst mal. Drücke sanft, aber fest. Die Flüssigkeit fließt. Ich versuche zu vergessen, dass es komisch riecht, dass es klebrig ist, dass es zu dick ist und dass das Mama ist. Ich versuche mir einzureden, dass ich bestimmt auch Wasser im Bauch habe. Sie lächelt, ich lache, sie lacht auch, es läuft immer stärker, es ist das erste Mal, dass du mich schwanger siehst, sagt sie zu mir, und das ist der letzte lustige Satz, den sie in ihrem Leben zu mir gesagt haben wird.

Sie lächelt Doktor Lippi an, den netten Arzt, in den sie, glaube ich, ein bisschen verliebt ist, kokett bis zum Schluss, sogar mit geschwollenem Bauch, sogar mit auseinanderfallenden Zähnen, sogar mit der Maske des Todes auf dem Gesicht, sogar halb kahl, sie lächelt ihn an, mit ihren schön blauen, schön schmalen Augen, ihren Augen, denen sie vertraut, sie haben sie nie verraten, auch nicht, als sie total zugedröhnt war, auch nicht, als es ihr so schlecht ging oder im Gegenteil so gut und schwebend, dass sich ihr Blick davonmachte, nicht mal, als ich vier Jahre alt war und sie am Morgen mit verdrehten Augen nackt auf den Fliesen im Badezimmer fand und wie ein kleiner mutiger Hund versuchte, sie zu ihrem Bett zu zerren oder bis auf den Teppichboden oder sie wenigstens zu wecken, selbst da hatte sie immer diese Augen, also wenn es etwas gibt, was typisch ist für sie, dann ist es dieser Blick, und ich sehe genau, dass er ihn sieht, der nette Doktor Lippi, ich sehe, dass er sie schön findet, als er ihren Bauch abtastet und so tut, als würde er das Ausmaß der Krankheit nicht erfassen.

»Sehen Sie, wie viel Wasser da drin ist?«, fragt Mama. »Verrückt oder? Das ist wirklich verrückt.« Er lächelt. Er tastet weiter. Er sieht sie an. Er sieht mich an. Sein gutmütiges, erstauntes Gesicht. Seine Falten auf der Stirn wie Bergpfade. Sie ist zufrieden, dass sich jemand um sie kümmert und sie endlich ernst nimmt. Aber sie sagt nichts. Und er sagt auch nichts mehr. Er hat alles begriffen. Er weiß, dass der Feind da ist, maskiert, als Aszites getarnt, dass es aber kein Wasser ist, was aus ihrem Bauch läuft, dass da irgendein Dreck gärt, dass es eine Brühe von Metastasen ist.

3

IN ROISSY BEZAHLE ICH DAS TAXI. Das ist dein Geburtstag, du gibst keinen Cent aus, habe ich gesagt, mir ist nicht ganz wohl, aber das gehört zur Überraschung. Sonst ist er immer dagegen, aber jetzt geht es, er amüsiert sich darüber, er pfeift I’m just a gigolo, der Taxifahrer zwinkert ihm im Rückspiegel zu, Sie sind mir einer! Am Flugschalter wird es kritisch. Erst sagt man uns, dass der Flug Verspätung hat. Und dann, dass wir auf der Warteliste stehen. Warteliste? Was habe ich da wieder gemacht? Wie konnte ich so blöd sein? Ich weine. Meine Überraschung ist verdorben. Zum Glück nimmt Pablo die Sache in die Hand. Er hat begriffen, dass wir nach Rom fahren. Er hat den Ahnungslosen gespielt, er wollte mir eine Freude machen und so tun, als hätte er es nicht begriffen, aber er hat es natürlich begriffen.

Das mit Rom ist nämlich eine lange Geschichte zwischen uns. Er war noch nie da. Ich schon. Aber ich wollte nie, dass wir zusammen hinfahren. Ich habe zu viele Erinnerungen daran, hässliche Bilder, und ich habe in einem anderen Leben beschlossen, dass ich die Stadt nie wieder betreten würde. Und mein Papst?, fragte mich Pablo manchmal verzweifelt. Was ist mit deinem Papst? Wenn uns mein Papst eines Tages zur Audienz empfängt, müssen wir doch annehmen und hinfahren! Ich sagte, okay, ich wusste, dass bei seinem Papst die Chance nicht so groß war. Papst oder nicht, jetzt stehen wir auf der Warteliste, ich bin am Boden, ich sinke auf meiner Bank in mich zusammen, und Pablo regt sich am Schalter auf, schimpft, droht, Prozess, Presse, Boykottkampagne, Versager, Lügner, Idiot, Arschloch, Saftladen, Pleite. Ich bin gar nicht mehr sicher, ob ich überhaupt fliegen will. Ich dachte, ich könnte Mama und ihrer Krankheit entkommen. Ich wollte der Traurigkeit entkommen, sie sollte bei Mama im Krankenhaus bleiben. Sie ist im Krankenhaus geblieben. Aber das Schuldgefühl ist im gestreckten Galopp zurückgekommen, es hat die von der Warteliste geschlagene Bresche ausgenutzt und sich hineingestürzt, mir tut der Kopf weh und das Herz.

Endlich steigen wir ein. Aber im Hotel ist es noch schlimmer. Ich hatte die Adresse vom Kumpel eines Kumpels von Mama, der mir versicherte, es sei super – das hätte mich misstrauisch machen müssen. Gehen Sie spazieren, sagt die Dame an der Rezeption, das Zimmer ist nagelneu, es ist noch nicht ganz fertig, wir müssen noch ein paar Sachen in Ordnung bringen, Sie können Ihr Gepäck dalassen. Wir lassen unser Gepäck da. Wir kommen wieder. Das Zimmer ist immer noch nicht ganz fertig. Aber in Wirklichkeit ist es ein Zimmer, das noch nie benutzt wurde und das noch lange nicht fertig ist, es gibt keinen Duschkopf und keine Vorhänge, an der Decke hängt eine nackte Glühbirne, und es riecht nach Farbe. Aber es ist groß, sagt Pablo und geht wie ein Eigentümer in eine Richtung und dann in die andere, als würde es dadurch noch größer. Es ist sauber, fügt er hinzu. Und außerdem werden wir die Ersten sein, die sich darin lieben, und die Ersten, die sich darin küssen. Darüber muss ich lachen. Du bist die Erste, die in diesem Zimmer lacht, fährt er fort und küsst mich.

Das Tolle an Pablo ist, dass er immer positiv ist, sagt Papa oft. Ich denke an Papa, der Pablo schrecklich gern hat. Ich denke an Papa, der mir von Freunden erzählt hat, die er in Rom kannte, als ich geboren wurde, und mit denen er erbittert diskutierte, damit sie keine Terroristen würden. Ich denke an Ulderico P., den Freund, den er nicht daran hindern konnte, bewaffnete Überfälle durchzuführen und einen Geldfälscherring aufzuziehen, er musste aus Italien fliehen und versteckte sich in Frankreich, und weil er eine feste Anstellung brauchte, wurde er mein Babysitter. Ich denke an das alles. Ich denke an die ganzen Italiener, die sich bei uns häuslich einrichteten und mich so lange aufbleiben ließen, wie ich wollte, während sie rauchten, tranken und geheimnisvolle Telefongespräche führten. Ich denke nicht an Mama. Denke nicht an die Flüssigkeit, die aus ihrem Bauch läuft. Will mir nicht vorstellen, wie ihr Gesicht bei meiner Rückkehr aussehen wird, es wird sich schon verändert haben und mich stärker prägen als jedes andere.

Wir sind zufrieden. Es geht uns gut. In der Minibar steht Champagner. Wir wollen den Zimmerservice anrufen, um Gläser zu bestellen. Mist, stimmt ja, das Zimmer ist nicht fertig, es gibt noch kein Telefon. Egal! Trinken wir halt aus der Flasche. Er ist super, sagt Pablo und geht runter, um noch eine Flasche zu holen. Champagner! Wir denken auch nicht daran, denken in diesem Moment noch nicht daran, dass etwas in meinem Bauch ist, das vielleicht keinen Champagner mag.

Rom ist schön. Man muss sich nur umsehen, die Farbe ist überall. Man muss nur schnuppern, es duftet nach Blumen und Jasmin. Man muss nur eine Vespa mieten, perfekt, wir sind Römer. Pablo will, dass ich einen Antrag für die Villa Medici stelle, ich drehe in Cinecittà, du schreibst auf Italienisch, am Wochenende kommen unsere Freunde, die Wochenenden werden eine einzige Party, du hast nie mehr Depressionen, wie kann man in Italien traurig sein? Gute Idee, sage ich. Aber für Pablo ist es nicht nur eine Idee, es ist ein Beschluss, das ganze Wochenende sagt er, nächstes Jahr in Rom, er hat schon seine Fixpunkte und Gewohnheiten, das Café, in dem er sich verabreden wird, seine geheimen Plätze in Trastevere, seine Lieblingstrattoria, seine Zeitung, seine Abkürzung, um von der Piazza di Spagna zur Via Veneto zu kommen, den Code der Geheimtür, durch die man von hinten in die Gärten der Villa Medici gelangt. Ich weiß, dass er in zwei Wochen etwas Neues haben wird. Aber ich sage nichts. Ich lasse mich führen. Er hat den Stadtplan auswendig gelernt. Er steht früh um sechs Uhr auf, um neue Wege zu planen. Wir sind glücklich.

Gleichzeitig ist es nicht wahr. Ich habe diese gemeine Melodie im Kopf. Ich habe Mama angelogen und ihr die bescheuerte Geschichte von der Werbereise für mein Buch erzählt. Aber ich lüge auch mich an, wenn ich mir einbilde, dass ich es geschafft habe, Mama weit hinter mir zu lassen, wie sie Flüssigkeit pisst und Doktor Lippi anlächelt. Außerdem klingelt mein Handy pausenlos. Nummer unterdrückt. Das ist sie. Ich bin sicher, sie hat es erraten. Sie weiß, dass ich mich einen Dreck um die Werbung schere, dass es mich umbringt, ins Fernsehen zu müssen, dass ich sogar in Paris immer in letzter Minute absage. Mama ist clever. Aber ich lasse mich nicht fertigmachen. Mama ist auf dem Weg der Besserung, sage ich mir immer wieder. Mama hat nur Wasser im Bauch. Mama ist noch ganz braun von unserem Aufenthalt auf der Île d’Houat. Sehen die Ärzte nicht optimistisch drein? Würde man es nicht in ihren Augen lesen, wenn es ein Problem gäbe? Hauptsache, Pablo ist mit seinem Geburtstag zufrieden. Pablo und ich sind jetzt ein Paar. Und ich bin die Hälfte von diesem Paar. Diesmal muss ich es schaffen. Bis jetzt habe ich immer alles im Leben versaut. Aber jetzt muss es klappen. Pablo muss zurückkommen und seinen Freunden erzählen, Louise ist unglaublich, Louise ist eine Lebenskünstlerin, dieser Aufenthalt in Rom war unvergesslich, un-ver-gess-lich, sage ich euch. Also schicke ich Mama SMS. Ich gebe mir Mühe. Ich feile am Szenarium, dass es sich wirklich gelohnt hat, dass ich in den belgischen Fernsehnachrichten war, nicht mal Angst hatte, nicht mal Lampenfieber, das war wichtig für das Buch, weißt du, das verstehst du doch.

Ich weiß nicht, ob sie es versteht. Aber ich weiß, dass ich genau in jener Nacht verstanden habe oder dass irgendwas in mir endlich verstanden hat, dass sich etwas Seltsames ankündigte, und wenn ich mich amüsieren wollte und wollte, dass sich Pablo amüsiert und dass wir uns noch ein bisschen zu zweit amüsieren, dann mussten wir schnell machen, ganz schnell, denn bald würde es nicht mehr möglich sein. Es ist ein unbestimmtes Gefühl. Eine neue Übelkeit, als Pablo einschläft und ich meine Zigarette anzünde. Und sind mir nicht auch meine Büstenhalter schon seit ein paar Tagen zu eng und drücken? Und ist es nicht schon mehr als zwei Monate her …? Mal sehn, ich rechne, zwei Monate, zweieinhalb, vielleicht etwas mehr, ich irre mich sowieso immer bei meinen Berechnungen, beim letzten Mal waren es vier Monate, ich hatte gar nichts gemerkt, alle Ärzte waren entsetzt, und ich weiß nicht mal mehr, wie wir es geschafft haben, einen zu finden, der am Ende doch noch …

Ich muss versuchen fröhlich zu sein, denke ich, jetzt erst recht. Ich muss das Leben leichtnehmen in Anbetracht dessen, was ich zu vermuten beginne. Noch nie war ich so positiv, voll gutem Willen, optimistisch. Noch nie war ich so pablistisch. Also lasse ich Mama weit hinter mir. Mehr denn je verlasse ich sie am Ende meiner albernen SMS. Ich wiederhole mir wie ein Papagei, es wird schon gehen, es wird schon gehen, sie wird versorgt, ihre Kumpel aus dem Grand Hotel de Clermont, Papa, ihre Freundin Claire, die sie liebt, die Ärzte, ihre Mutter. Wir brauchen unsere ganze Zeit, um fröhlich zu sein, wie es sich gehört. Niemals wird Mama mich mehr gebraucht haben. Und noch nie war ich so wenig imstande, ihr zu helfen.