Schloss Elmau - Eine deutsche Geschichte - Dietmar Mueller-Elmau - E-Book

Schloss Elmau - Eine deutsche Geschichte E-Book

Dietmar Mueller-Elmau

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Beschreibung

Schloss Elmau wurde von 1914 bis 1916 vom Philosoph Johannes Müller (1864-1949) als kulturelle Begegnungsstätte erbaut. Der Inspiration des Geistes hat sich auch der Enkel Dietmar Müller-Elmau verschrieben und bietet heutigen Gästen mit einem höchstklassigen Kultur- und Kunstangebot Gelegenheit, Erholung im Kopf durch Denkanstöße zu finden.

Die wichtigsten Stationen der Geschichte von Schloss Elmau, für deren Verständnis seine Beschäftigung mit den Idealen und Feindbildern seines Großvaters ein Schlüssel war und in der er seine architektonische und inhaltliche Konzeption für Schloss Elmau als politisches Projekt begründet, sind Essenz dieses Buchs.



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ÜBER DAS BUCH

Schloss Elmau wurde von 1914 bis 1916 von dem Theologen und Philosophen Johannes Müller (1864–1949) als kulturelle Begegnungsstätte erbaut. Nach einem Großbrand und dem weitgehenden Abriss des denkmalgeschützten Gebäudes im Jahr 2005 wurde es 2007 von seinem Enkel Dietmar Mueller-Elmau in neuer Großzügigkeit und Ausrichtung wiederaufgebaut. Seinen Gästen bietet Schloss Elmau heute die Gelegenheit, durch eine weltweit einzigartige musisch-literarische Tradition sowohl Erholung als auch Denkanstöße zu finden.

Die Auseinandersetzung mit den ideengeschichtlichen Begründungen und der andauernden politischen Relevanz deutscher Zivilisationskritik, für deren Verständnis Dietmar Mueller-Elmaus Beschäftigung mit den Idealen und Feindbildern seines Großvaters zu einem wichtigen Schlüssel wurde, begründete auch seine architektonische und inhaltliche Konzeption für das neue Schloss Elmau als politisches Projekt.

DIETMAR MUELLER-ELMAU

SCHLOSS ELMAU

EINE DEUTSCHE GESCHICHTE

KÖSEL

»Gedenke Ihrer in diesen unbeschreiblichen Tagen, in denen das Ich völlig verschwunden ist und nur der Glaube allein noch helfen kann.«

(Prinz Max von Baden in einem Telegramm an seinen von ihm sogenannten Seelenführer Johannes Müller am Tag nach seiner Ernennung zum Reichskanzler am 3. Oktober 1918.)

»Man könne der lebendigen Wirklichkeit Gottes als seinem wahren Wesen nur unmittelbar wie ein Kind in einem unbewusst selbstvergessenen und nicht mehr hinterfragbaren Urvertrauen der Seele gewahr werden. Dies geschehe von selbst, wenn man sich nicht mit sich selbst befasst, ganz von sich absieht, im schöpferischen Lebensstrom untergeht, sich als Zelle im Ganzen und als Strahl im Lichtermeer Gottes einfühlt und darin lebensbejahend und wunschlos von allem unabhängig wird. Dann werde man den Atem der Schöpfung spüren und im All aufgehen, wo das große Schweigen und tiefe Stille herrschen.«

(Dr. Johannes Müller, Philosoph, Theologe und Gründer von Schloss Elmau.)

INHALT

VORWORT

TEIL I: SCHLOSS ELMAU

AUS SICHT SEINES GRÜNDERS DR. JOHANNES MÜLLER 1916–1945

AUS SICHT EINES DEUTSCHEN JUDEN 1932

ALS ERHOLUNGSHEIM FÜR DISPLACED PERSONS 1946–1951

AUS SICHT EINES ÜBERLEBENDEN DER SHOA 1946

ALS KULTURELLE BEGEGNUNGSSTÄTTE 1951–1996

ALS CULTURAL HIDEAWAY 1996–2005

ALS LUXURY SPA & CULTURAL HIDEAWAY 2007–2014

ALS ZWEI HOTELS IN EINEM

BILDTEIL

TEIL II: MEINE DEUTSCHE GESCHICHTE

DIE FREIHEIT UND IHRE FEINDE – ÜBER DIE ABGRÜNDE DEUTSCHER ZIVILISATIONSKRITIK

VON DER ZIVILISATIONSKRITIK ZUM ZIVILISATIONSBRUCH

IDEENGESCHICHTLICHE URSPRÜNGE DEUTSCHER ZIVILISATIONSKRITIK

PROFANISIERUNG DES SAKRALEN

VON DER LIBERALEN THEOLOGIE ZUR POLITISCH TOTALITÄREN ESCHATOLOGIE

POLITISCHE THEOLOGIE DES WIDERSTANDS

HISTORISCHE AUSEINANDERSETZUNG UND GESCHICHTSBEWUSSTSEIN

ZUR ANDAUERNDEN POLITISCHEN RELEVANZ DEUTSCHER ZIVILISATIONSKRITIK

EPILOG

DANK

ANHANG

THEMEN DER SCHLOSS-ELMAU-SYMPOSIEN

VERÖFFENTLICHUNGEN DER SCHLOSS-ELMAU-SYMPOSIEN

EINIGE LITERATURHINWEISE

BILDHINWEISE

QUELLENHINWEISE

VORWORT

Schloss Elmau wurde von 1914 bis 1916 von meinem Großvater, dem zivilisationskritischen Theologen und Philosophen Dr. Johannes Müller (1864–1949) als »Freiraum des persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens« erbaut. Seine Gäste sollten hier in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter bei Konzerten und Tanzabenden mit klassischer Musik und in unberührter Natur Urlaub vom Ich und seinen Vorstellungen machen, um im Sinne der Bergpredigt selbstvergessen, unbewusst und unmittelbar wie die Kinder ihrem göttlichen Wesen in der Stille gewahr werden zu können.

In Teil I beschreibe ich die aus meiner Sicht wichtigsten Stationen der Geschichte von Schloss Elmau von 1914 bis zu Brand und Abriss im August 2005 sowie meine architektonische und inhaltliche Konzeption für das neue Schloss Elmau, das seit seiner Eröffnung als Luxury Spa, Retreat & Cultural Hideaway im Juni 2007 vielfach als eines der besten Hotels der Welt ausgezeichnet wurde. Seine Gäste scheinen wie ich in ihrer freien Zeit vor allem ihre Freiheit genießen zu wollen, gleichgültig was auch immer jeder für sich darunter verstehen mag.

Die Eröffnung des Schloss Elmau Retreat im März 2015 und der G7- Gipfel im Juni 2015 markieren den vorläufigen Höhepunkt in der bewegten Geschichte von Schloss Elmau auf dem Weg von einem ehemals weltentrückten Idyll deutscher Innerlichkeit und metaphysischer Eindeutigkeit am Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem weltoffenen Idyll kosmopolitischer Weltläufigkeit und säkularer Vieldeutigkeit am Anfang des 21. Jahrhunderts.

In Teil II setzte ich mich mit den Abgründen und der andauernden politischen Relevanz kulturprotestantischer Zivilisations- und Kapitalismuskritik auseinander, für deren Begründer mein Großvater großes Vorbild war. Die Reflexion der Widersprüche in seiner Geschichte war für mich nicht nur ein wichtiger Schlüssel zum besseren Verständnis deutscher Geschichte, sondern auch der ideengeschichtlichen Begründung gegensätzlicher Ideale von Freiheit diesseits und jenseits des Atlantiks.

Mein ganz besonderer Dank gilt Prof. Dr. Dan Diner, Prof. Dr. Christoph Schmidt, Prof. Walter Laqueur, Prof. Dr. Saul Friedländer, Dr. Rachel Salamander, Stephan Sattler und Giovanni di Lorenzo für ihre Anregungen, Kritik und Verbesserungsvorschläge meiner Darlegungen.

Darüber hinaus möchte ich mich bei all jenen bedanken, mit deren Unterstützung ich in den letzten anderthalb Jahrzehnten Schloss-Elmau-Symposien insbesondere zu Fragen der politischen Theologie und Ideengeschichte durchführen durfte, allen voran bei Prof. Dr. Gabriel Motzkin, dem Direktor des Van Leer Instituts in Jerusalem, Prof. Dr. Michael Brenner, dem Direktor des Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU in München, und Prof. Dr. John Efron, dem Direktor des Institutes of European Studies at the University of California in Berkeley sowie bei dem leider viel zu früh verstorbenen Dr. Ron Asmus, Senior Fellow beim German Marshall Fund in Washington, sowie bei dessen ehemaligen Präsidenten Craig Kennedy für die Durchführung der Transatlantischen Foren in Schloss Elmau.

TEIL I: SCHLOSS ELMAU

AUS SICHT SEINES GRÜNDERS DR. JOHANNES MÜLLER 1916–1945

1395 tauchte der Name Elmau erstmals in einer Urkunde als Bezeichnung für eine Aue auf. Das Wort bedeutete ursprünglich Wasser, wurde aber später als Begriff für eine feuchte Wiese oder Insel verstanden, die von trinkbarem Wasser umflossen ist. Die Herkunft der ersten Silbe Elm ist unklar, könnte auf Alm oder Alpe zurückgehen, einen Weideplatz auf einem Berg. Die urzeitliche, von einem Gletscher und Meer geformte Topografie mit den Moränen und Buckelwiesen, auf denen Schloss Elmau steht, ist 60 Millionen Jahre alter Meeresgrund. Diese Bereiche stehen unter Naturschutz, vor allem wegen der vielen seltenen Blumen und der Enziane, die im Frühjahr die Buckel und Hügel wie einen blauen Teppich überziehen.

Ab 1542 wurde Elmau mit verschiedenen Einödhöfen, einer Sägemühle und einem Gasthaus besiedelt. Als sich die Bewirtschaftung nicht mehr lohnte, verkauften die Bauern, denen das Land gehörte, ihren Besitz an zwei Verehrerinnen von König Ludwig II., der in dem Gasthaus eine Wohnung hielt. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jährlich dort zu übernachten und die Pferde seiner Kutsche zu wechseln, wenn er anlässlich seines Geburtstags am 25. August für zehn Tage das von ihm erbaute Königshaus Schachen besuchte.

1886 verlor das Anwesen nach dem Tod des Märchenkönigs seine Bedeutung für die beiden Damen.

1912 kaufte der 1864 in Riesa bei Dresden geborene Philosoph und Theologe Dr. Johannes Müller mit finanzieller Unterstützung von Elsa von Michael (später Gräfin von Waldersee), geb. Haniel, das Anwesen und die umliegenden Wiesen für den Bau von Schloss Elmau. Architekt war sein Schwager Prof. Carlo Sattler, der 1915 auch das Müllerhaus für seine große Familie gebaut hatte, die damals acht Kinder und später elf Kinder umfasste.

1914 wurde vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges mit dem Bau des Schlosses begonnen.

1916 wurde Schloss Elmau zu Pfingsten von seinem Anhänger Prinz Max von Baden eröffnet. Sechs Monate später wurde mein Vater Bernhard im Müllerhaus geboren.

Johannes Müller hatte Theologie bei Franz Delitzsch in Leipzig studiert und in Philosophie über den Begriff der Ethik des von ihm bewunderten Baruch Spinoza promoviert, der als Erfinder der Bibelkritik gilt. Delitzsch war der Nachfolger von Albrecht Ritschl, einem Anhänger Immanuel Kants und Mitbegründer der sogenannten »Religionsgeschichtlichen Schule« der liberalen Theologie, der bis heute dominanten Denkschule des Luther-Protestantismus. Ritschl wollte den Glauben durch radikale Kritik an Dogma und Bibel mittels historisch-kritischer Methode einsichtig machen, was dem Glauben um des Glaubens willen seine Grundlage entziehen sollte.

Delitzsch war die zentrale Figur der lutherisch-heilsgeschichtlichen Judenmission, die einen theologischen Antijudaismus in der lutherisch geprägten Kritik an der jüdischen Werkgerechtigkeit mit einem Konzept der Liebe zu Israel verband: einerseits auf die Bekämpfung der religiösen Verleumdungen des Judentums und eine Verständigung von Juden und Christen zielte und andererseits das Judentum auf dem Wege der Mission zu überwinden trachtete (Christian Wiese).

Nach dem Tod seines Lehrers übernahm Johannes Müller von ihm die Leitung des Centralvereins zur Mission unter Israel. Das talmudische Judentum war für Johannes Müller durch die Geburt Jesu jedoch anders als für Luther und seinen Lehrer nicht hinfällig und die Auserwähltheit der Juden nicht aufgehoben worden. Jesus war für ihn vielmehr der erste »Überwinder der Religionen« und das paulinische Christentum das größte Hindernis des Menschen auf dem Weg zu seinem göttlichen Wesen. Da er die Juden also nicht bekehren, sondern nur mit seiner Interpretation der Bergpredigt für eine jüdische »Wesenskultur« und Jesus als Prototyp eines empfänglichen und schöpferischen Organs Gottes begeistern wollte, kam es zum Bruch mit Mission und Kirche.

Anschließend begann Müller zuerst in Schliersee und dann in den Sanatorien von Davos öffentliche Vorträge zu halten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Innerhalb kürzester Zeit sprach er in Deutschland, Skandinavien und den Niederlanden vor Tausenden von Zuhörern aus allen Schichten der Gesellschaft. Zusammen mit seinem theologischen Mitarbeiter im Centralverein, dem Pfarrer Heinrich Lhotzky, machte er 1903 Schloss Mainberg zum Treffpunkt für seine Leser und Freunde.

Das Anwesen, das ihm sein Freund Alexander Erbslöh zur Verfügung stellte, hatte im 19. Jahrhundert der Tapeten- und Tuchfabrikanten-Familie Sattler gehört. (Karl Sattler war der Erfinder des Schweinfurter Grüns, einer Tapetenfarbe, die aufgrund ihres hohen Anteils an Arsen angeblich auch Napoleon zum Verhängnis wurde und noch heute die Böden um Schweinfurt belastet.) Hier lernte er seine dritte Frau Irene Sattler kennen, die engste Freundin seiner bei der Geburt des dritten Kindes Marianne (Manne) verstorbenen Frau Marianne Fiedler, und auch Elsa Gräfin von Waldersee, die von ihm so beeindruckt war, dass sie ihre finanzielle Unterstützung anbot, falls eine Erweiterung notwendig werden sollte.

Nach der Aufgabe von Mainberg wegen Überfüllung und Trennung von Lhotzky aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über das weitere Vorgehen wurde ihm von seinem Lektor beim C. H. Beck Verlag, dem Autor Wilhelm Langewiesche, Elmau als idealer Ort für einen Neubau empfohlen. Gemeinsam mit Gräfin von Waldersee und seinem Schwager Carlo Sattler fuhr er nach Mittenwald und wanderte von dort nach Elmau. Er war so begeistert, dass er unverzüglich das bäuerliche Anwesen und die umliegenden Wiesen kaufte. Obwohl Gräfin von Waldersee die für den Bau erforderlichen Mittel für den Schlossbau großzügig zur Verfügung gestellt hatte, bestand sie jedoch darauf, dass Johannes Müller als alleiniger Eigentümer fungieren und für den Betrieb und alle weiteren Kosten das alleinige Risiko tragen solle.

Johannes Müller bezeichnete Schloss Elmau als einen »Freiraum des persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens«, ein Erholungsheim für Gesunde, andere als ein Refugium weltentrückter Innerlichkeit, Gemeinschaft und Hochkultur. Sein Leitspruch für Schloss Elmau war der Spruch Jesu: »Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.« Von Anfang an kamen auch viele berühmte Musiker, wie die Pianistin Elly Ney, und blieben teilweise für Monate. Bei den Konzerten durfte nicht geklatscht, beim Tanzen nach klassischer Musik nicht gesprochen werden.

Die subjektive, weil ichbezogene und zweckrationale »jüdisch-christliche Bewusstseinskultur« war für Müller die Wurzel allen Übels. Sie sollte durch eine objektive, weil zweckfreie und gottbezogene »Wesenskultur« der Seele abgelöst werden. Der lebendigen Wirklichkeit Gottes als dem wahren Wesen des Menschen könnten die Menschen nur unmittelbar wie ein Kind in einem naiven, völlig ichvergessenen, unbewussten und nicht mehr hinterfragbaren Urvertrauen der Seele gewahr werden. Dies geschehe am besten dadurch, dass man sich nicht mit sich selbst befasse, ganz von sich absehe, im schöpferischen Lebensstrom untergehe, sich als Zelle im Ganzen und als Strahl im Lichtermeer Gottes einfühle und darin lebensbejahend und wunschlos, von allem unabhängig werde. Dann werde man den Atem der Schöpfung spüren und im All aufgehen, wo das große Schweigen und tiefe Stille herrschen.

Da »Jesus in dieser, aber nicht von dieser Welt« sei und Gottes unendliche Gnade die Sonne über Gerechten und Ungerechten gleichermaßen aufgehen lasse, könne Gott nicht durch Vernunft einsichtig gemacht, durch Theologie begriffen, durch Einhalten der Gesetze besänftigt, in mystischer Ekstase erlebt, in meditativer Versenkung erfahren, im Glauben an ein unbegreifliches Dogma offenbart oder im Kultus angebetet werden. Jeder bewusste, vom Menschen ausgehende Versuch einer Annäherung an Gott sei grundsätzlich zum Scheitern verurteilt. Alles, was nicht schöpferisch ursprünglich und unbewusst von selbst wird, hätte keinerlei Wesen und Wert.

Er bezog sich damit vor allem auch auf Goethe, für den schöpferisch auch nur das sein konnte, was ursprünglich und unbewusst von selbst geschieht, und auch auf Nietzsche, der in der inneren Lösung von allem individualistischen Begehren die Voraussetzung künstlerischen Schaffens sah und an keine Kunst glauben wollte, wo das Individuum noch egoistische Ziele verfolgt. Der schöpferische Mensch würde laut Nietzsche in seiner Produktivität sterben, sobald er egoistisch beschränkt wird. Johannes Müller war überzeugt, dass der Mensch niemals etwas aus nichts schaffen und Urheber oder Schöpfer sein könne. Es gäbe daher keine Willensfreiheit, sondern nur die Freiheit als Organ Gottes, der nicht von dieser Welt und metaphysischer Urgrund von allem Sein sei. Alles andere sei Willkür.

Johannes Müller hoffte, dass die Betrachtung der Wettersteinwand, die Stille der Natur, das Erlebnis klassischer Musik bei den regelmäßigen Konzerten und vor allem der Tanz nach klassischer Musik, bei dem man auf die Musik und die Schritte des Partners achten musste und deswegen nicht an sich denken konnte, ebenso wie das Erlebnis von Gemeinschaft bei den gemeinsamen Mahlzeiten seine Gäste für die göttliche Wirklichkeit unmittelbar empfänglich machen würde.

Auch wenn seine wöchentlichen Fragebeantwortungen immer gut besucht waren, war er einerseits davon überzeugt, dass der größte Teil seiner Gäste Schloss Elmau wohl nicht seinetwegen besuchte, sondern nur wegen des guten Essens und der idealen Wandermöglichkeiten. Andererseits reagierte er auf schwärmerische Zustimmung zu seinen Ansichten allergisch, da die Wahrheit für ihn nur anarchisch-subjektiv und nie für zwei Menschen gleich sein konnte. Er wolle keine Überzeugungen vermitteln, sondern Interesse für eine praktikable Lebenshaltung wecken. Hierzu wollte er, wie Bonhoeffer und alle anderen in der religionsgeschichtlichen Schule der liberalen Theologie ausgebildeten Theologen, historisch fundierte Texte der Bibel in der Sprache seiner Zeit interpretieren, was er »verdeutschen und vergegenwärtigen« nannte.

Aufgrund der unendlichen Mannigfaltigkeit der Schöpfung Gottes könne für ihn die Menschwerdung für jeden gemäß den Anlagen seiner Person nur persönlich und entsprechend der kulturell gewachsenen Eigenart und Sprache seines Volkes nur völkisch geschehen. Es sei daher völlig unsinnig, nach einer allgemeingültigen Weltanschauung zu trachten oder gar andere von seinem Glauben, Volkstum oder Gedankentum überzeugen und sich damit über andere erheben zu wollen.

Er teilte daher auch weder das Anliegen der Deutschen Christen, eine deutsche Nationalreligion zu begründen, noch den Nationalismus. Ebenso lehnte er die Theosophie und Anthroposophie Rudolf Steiners und den Buddhismus ab. Sie alle seien dem Evangelium entgegengesetzte Versuche einer menschengemachten »Läuterung und Vergötterung des Ich«. Nichts darin sei wesentlich, sondern man würde nur so tun als ob.

Einen Besuch von Rudolf Steiner, der auf Wunsch des Theologen Friedrich Rittelmeyer gerne nach Schloss Elmau gekommen wäre, lehnte Johannes Müller allerdings immer ab. Die Steiner’sche Theosophie und ihre Wiederverkörperungslehre und Christusmystik waren seiner Ansicht nach dem Evangelium Jesu ganz fremd, gegensätzlich und daher unvereinbar mit ihm. Jesus sei ein Heiland aller Menschen und jeder, auch der größte Sünder, könne in diesem jetzigen Leben erlöst und wiedergeboren werden und die göttliche Gnade würde unbedingt und ohne Ausnahme jeden ergreifen, der sich ihr aufschließe, und ihn zu lebendiger Gemeinschaft mit dem Vater führen, und wer aus dem Glauben oder nur aus dem Empfinden heraus leben würde, was man aus der Lektüre der Seligpreisungen kenne, sei im Reiche Gottes. Dieses unbedingte, unmittelbare, gegenwärtige, diesseitige Heil kenne keine Theosophie. Die tatsächliche wirkliche Erlösung vom Ich und seinen Süchten durch Gottes Kraft gebe es hier nicht, sondern nur die Erlösung durch einen Läuterungs- und Vergottungsprozess, d. h. die Erlösung Gottes durch den Menschen und nicht die Erlösung des Menschen durch Gott. Es wäre jedoch nicht möglich, das Reich Gottes auf weltliche Weise und in weltlicher Gestalt zu verwirklichen, ohne es zu vereiteln. Auch das Judentum und die katholische Kirche seien dieser Versuchung erlegen. Daher stünde auch das paulinische Christentum in der gleichen Anfechtung. Das Evangelium Jesu wäre damit völlig unvereinbar, denn wenn die Menschen nicht werden würden wie die Kinder, könnten sie nach dem Verständnis Jesu nicht in das Himmelreich kommen.

Alle von der Theosophie Befangenen waren seiner Ansicht nach für das Wunder und Geheimnis des neuen Lebens unzugänglich. Er hielt die Theosophie bzw. Anthroposophie für einen der schlimmsten Schädlinge des geistigen Lebens. Es sei seine Pflicht, vor der Theosophie zu warnen. Dass Schloss Elmau im vergangenen Jahrhundert in der Öffentlichkeit dennoch immer wieder mit der Anthroposophie assoziiert wurde, ist allein der Werbung der Anthroposophen für die seit Mitte der 70er- bis Mitte der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts stattfindenden Jahrestagungen ihrer Eliten in Schloss Elmau zuzuschreiben, für die mit einem Bild von Schloss Elmau auf der Titelseite ihrer Zeitschrift Die Kommenden geworben wurde.

Johannes Müller hatte durch rege Vortragstätigkeit und Publikationen sowie regelmäßige Beiträge in der von seinem Freund Martin Rade herausgegebenen Christlichen Welt, der damals wichtigsten Zeitung des Bildungsbürgertums, großes Ansehen und Bekanntheit erlangt. Zu seinen Vorträgen pilgerten regelmäßig mehrere Tausend Zuhörer. Johannes Müller war für unzählige Gäste ein charismatischer Prediger, Seelsorger und Lebensberater in Zeiten größter zeitgeschichtlicher Umbrüche und persönlicher Sorgen. Prinz Max von Baden nannte Johannes Müller sogar seinen »Seelenführer« und fasste keine Entscheidung ohne seinen Rat. Sein Versuch, Johannes Müller für Richard Wagner, Bayreuth und Houston Chamberlain zu begeistern, blieb allerdings erfolglos. 1917 wurde Johannes Müller auf Vorschlag von Friedrich Mahling der Ehrendoktor der Theologischen Fakultät der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin (später: Humboldt-Universität) für tätige Nächstenhilfe verliehen.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt wurde Adolf von Harnack, einer der engsten Vertrauten und Berater von Kaiser Wilhelm II., zu einem glühenden Anhänger von Johannes Müller und ein regelmäßiger Gast in Schloss Elmau, das er jeden Sommer für zwei Monate besuchte: »Man kann im Gesamtgebiet der Alpen suchen und wird keinen Ort finden, der sich mit der Elmau vergleichen lässt: ein sonniges Tal, weit genug, um keine Gefühle der Enge aufkommen zu lassen, begrenzt genug, um als etwas Geschlossenes, Heimisches empfunden zu werden. Was der Gast hier sucht: Abgeschiedenheit und Stille, gehaltvolle Anregung und Geselligkeit, Ernst und Heiterkeit, in allem aber Freiheit. Nichts wird aufgedrängt, nichts aufgezwungen … Nach der Religion wird hier niemand gefragt, aber niemand wird sie vermissen, der nach ihr sucht!« (Adolf von Harnack)

Von Harnack gilt als Begründer des Kulturprotestantismus und bis heute als der politisch wie theologisch wirkungsmächtigste »Religionsintellektuelle« des 20. Jahrhunderts (Friedrich Wilhelm Graf).

1918 beschrieb der berühmte kulturprotestantische Theologe Ernst Troeltsch Johannes Müller neben dessen Bewunderern Ricarda Huch und Walther Rathenau »als vorbildhaften Evangelisten neudeutschen religiösen Idealismus, der nicht durch die Anbetung nationaler Macht verdorben ist, der ein riesiges Schloss als eine Art moralisches Sanatorium gestaltet (…), allem äußeren Macht- und Sinnenkultus abgekehrt, tiefste lauterste sachliche Ehrlichkeit, die aus der erfüllten Kraft Gottes lebt, das eigene Sein zur Wahrheit und Freiheit erhöht, das Einzelne verbindet in der Hingabe an das Ganze und seine Aufgaben, ursprüngliche Frische des Glaubens an Gott, Ich, Volk und Menschheit und im übrigen Gottvertrauen, das in den Gang der Dinge sich schickt und ihn bemeistert, wie er eben ist« (Schweizerische Theologische Zeitschrift, 35. Jg., 1918).