Schmerzeslust - Helmut G Götz - E-Book

Schmerzeslust E-Book

Helmut G Götz

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Beschreibung

In kurzen Abständen werden in Wien bestialische Morde verübt, die selbst die erfahrenen Kriminalisten Marbaum und ihr Team schockieren. Die Opfer, die sich alle innerhalb gewisser BDSM-Kreise bewegt haben, wurden vor ihrem Tod auf grausamste Art und Weise gefoltert. Nach und nach gelingt es den Kriminalisten, sich Zutritt zu den Kreisen zu verschaffen in welchen BDSM als Lebensphilosophie angesehen wird. Dabei erfahren sie, dass in der Szene, neben der offiziellen noch eine andere, eine abgeschottete existiert zu der nur exklusive Mitglieder Aufnahme finden und in welcher sie sich auf die Suche nach dem Monster in Menschengestalt machen. Immer tiefer geraten sie bei ihren Ermittlungen in eine Welt, die sie zusehends schockiert und gleichermaßen fasziniert.....,

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Seitenzahl: 272

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ähnliche


Roman

Schmerzes Lust

H.G.GÖTZ

Inhaltsangabe

Noch nie gesehen……………………………………………………………………Seite 4

Ins Gehirn gebrannt……………………………………………………………Seite 13

Die Besprechung………………………………………………………………………Seite 24

Abartig……………………………………………………………………………………………Seite 33

Ein Gemetzel………………………………………………………………………………Seite 43

Nichts………………………………………………………………………………………………Seite 54

Lehrstunde……………………………………………………………………………………Seite 63

Das dritte Opfer……………………………………………………………………Seite 79

Die Party………………………………………………………………………………………Seite 102

Unverhofft kommt oft…………………………………………………………Seite 135

Erkenntnisse………………………………………………………………………………Seite 155

Tote Seelen…………………………………………………………………………………Seite 166

Sandra………………………………………………………………………………………………Seite 181

Die Aufnahme………………………………………………………………………………Seite 201

Anders wie geplant………………………………………………………………Seite 209

Der nächste Tag………………………………………………………………………Seite 240

Das Verhör……………………………………………………………………………………Seite 246

Der Marquis de Sade vertrat unter anderem die Ansicht,

dass das Verbrechen, die Seele der Lust sei.

Zudem meinte er, dass nicht die Prasserei, auf welche Art und Weise diese auch immer angewandt würde, es sei,

die Spaß macht, sondern die Idee des Bösen.

Unerwähnt ließ er, was passiert, wenn die Idee aufhört, bloße Idee zu sein!

Noch nie gesehen

Schon beim Eintreffen vor dem kleinen Vorstadthäuschen das am Rande von Wien lag, wusste sie, dass sie hier mit etwas konfrontiert sein würde, dass sie bis dato noch nicht gesehen hatte.

Das Haus, typisch für diese Gegend, sauber und gepflegt, mit kleinen Büschen und Blumenbeeten vor dem Haus, einer Rasenfläche die gerade groß genug war, um den Kauf eines Rasenmähers zu rechtfertigen, hatte alles was man sich unter dem vorstellte das man unter den Begriff gutbürgerlich kannte.

„Morgen Maria“, begrüßte sie einer der Kollegen am Eingang.

„Morgen Stefan“, grüßte sie ihn zurück. „Wo ist die Leiche“, fragte sie ihn.

Selbst ihr, die diese Frage nicht das erste Mal gestellt hatte, kam es seltsam vor, in welch selbstverständlichem Ton sie (wieder einmal) danach gefragt hatte.

So, als wäre sie im Supermarkt, um eine der Regalbetreuerinnen zu fragen, wo der Zucker steht.

War das wieder einer jener Tage, an denen sie ihren Job – solche gab es mitunter – Scheiße fand? Sie verwarf die Frage so schnell wie sie aufgetaucht war.

Stefan rückte nicht gleich mit der Sprache raus. Er wirkte bedrückt, fast geschockt.

Maria wunderte sich.

„Siehst ganz schön grün um die Nase aus“, sagte Maria.

Eigentlich kannte sie ihren Kollegen als toughen Typen. Nicht umsonst hatte er über 15 Jahre erfolgreich und

ohne abgestochen zu werden, als verdeckter Ermittler überlebt. In Wien eine reife Leistung, wie sie selbst zugeben musste.

„Was ist“, fragte sie ihn.

Stefan sah sie an, als hätte er einen

Geist gesehen.

„So was hab ich noch nie gesehen“, meinte er kopfschüttelnd.

Ja, er war grün um die Nase.

„Also, wo ist sie“, fragte sie ihn nochmals.

Er wies mit dem Daumen nach rechts, in Richtung der Eingangstür.

„Da unten im Keller!“

Maria sah ihn noch einmal an und begann dann die Treppe hinunter zu gehen. Kaum hatte sie die ersten Schritte gemacht, stieg ihr ein Gestank in die Nase, der ihr nicht neu war.

Verwesung! Hier lag schon seit Längerem ein toter Körper. Sie hasste diesen Geruch, an den sie sich auch nach 20 Jahren noch nicht gewöhnt hatte. Sie kramte in den Taschen ihrer Jeans nach einem Taschentuch und fand eine angebrochene Packung Papiertaschentücher. Sie blieb auf der Treppe stehen, zog eines aus der Packung und hielt es sich vor die Nase.

Unten angekommen, wünschte sie sich, dass sie endlich das Vorhaben in die Tatsache umgesetzt hätte, sich ein kleines Parfümfläschchen einzustecken, mit dem sie das

Taschentuch betupfen konnte.

Die Spurenfahndung war bereits vor ihr eingetroffen. Die Kollegen hatten einen hellen Scheinwerfer aufgestellt, der es ihnen erlaubte, den dunklen Keller bis in den letzten Winkel auszuleuchten. Der Erste der sie begrüßte, kaum dass sie unten angekommen war, war Markus. Wie sie ein alter Hase und von dem sie wusste, dass er auf sie abfuhr.

Was er nicht wusste, war das sie nie im Leben darauf eingehen würde.

„Morgen Maria“, grüßte auch er sie.

Sie hob nur die Hand, erwiderte den Gruß nicht. Stefan hatte Recht gehabt.

Das, was sie sah, verschlug ihr augenblicklich die Sprache.

Ihr fiel augenblicklich auf, dass der Raum anders aussah, wie ein normaler Keller. Hier wurden keine Kartoffel und Äpfel gelagert. Dieser Keller diente anderen Zwecken.

Bei dem Anblick, der sich ihr plötzlich bot, als sie ihren Kopf in die linke hintere Ecke des Raumes wandte, geriet das Aussehen des Kellers in den Hintergrund. Zumindest für den Moment. Der Keller war kaum 30 Quadratmeter groß. Alles in ihm war in Schwarz gehalten. Die Wände, die Decke, selbst der Boden. An den Wänden hingen seltsam altmodisch wirkende Leuchter, deren Glühbirnen ein flackerndes Licht abgaben und das der Umgebung ein geheimnisvolles, fast schon schauriges Flair verlieh.

„Der Besitzer dieser Gruft sollte sich mal dringend von einem Innendesigner beraten lassen“, dachte sie sich.

Sarkasmus war immer noch ein gutes Mittel, um über die Runden zu kommen.

Von der Decke hing ein Kronleuchter. Nur dass dieser nicht mit elektrischen Glühbirnen funktionierte. Irgendwer hatte Kerzen, anstatt der Glühbirnen, in die Fassungen gesteckt. An der rechten Wand befanden sich eiserne Handhalterungen, Fesseln gleich. In einer der Ecken sah sie einen Käfig, der gerade groß genug war, um einen Menschen darin einzusperren. Unweit davon ein schwarzer Tisch auf dem allerlei Peitschen und Handschellen lagen. Das Beeindruckendste jedoch an diesem Raum, dass sie sah, war ein riesiges Andreaskreuz, vor dem sie nun stand. An diesem hing jene Leiche, die diesen bestialischen Gestank von sich gab.

Doch was sie tatsächlich schockierte war der Zustand des Körpers der daran hing.

Sie war zu schnell, zu nahe an das Kreuz herangetreten. Augenblicklich verspürte sie jenen Würgereiz, den sie unmöglich verhindern konnte. Nicht dass dies ihre erste Leiche gewesen wäre. Die hier hing aber schon länger hier. Dementsprechend der Verwesungsgeruch, der von ihr ausging.

Den Gestank würde sie wieder nur schwer aus den Klamotten bringen!

Die Frau die so grausam hier unten gestorben war, war um nur wenigere Jahre jünger wie sie selbst. Welches sie, ohne das Gesicht gesehen zu haben, schon bestimmen konnte. Der Körper, die Haut – so viel davon noch übrig war, zeigte jene Straffheit, die jüngeren Frauen zu eigen ist. Keine Altersflecken, keine Falten an den Knien oder dem Hals. Das blonde Haar - das grelle Licht des Scheinwerfers half ihr dabei dies bestimmen zu können, schien natürlich zu sein.

Sie hätte gerne das Gesicht der Leiche gesehen, brachte es aber nicht über sich, das Haar auf die Seite zu streichen. Auch an diesem, es schien als wäre es total verschwitzt, klebte Blut. Nein, das Gesicht würde sie noch früh genug sehen. Das was sie im Moment sah, reichte.

Trotzdem, es half nichts. Sie musste näher ran. Obwohl sie sich auf den ersten Blick nicht vorstellen könnte, dadurch etwas noch genauer erkennen zu können, als sie es ohnehin schon tat.

Nicht zuletzt deswegen, weil kaum ein Zentimeter an diesem Körper, heil zu sein schien. Selbst an den Beinen konnte sie nur wenige Stellen entdecken, die nicht von tiefen Narben bedeckt waren. Die Striemen, Schnitten nicht unähnlich, hatten mittlerweile eine dunkle, fast schwarze Färbung angenommen. Sie schienen so tief zu sein, dass man eine Fingerspitze darin stecken konnte. Die Haut um diese Narben herum, hatte jene Bleiche angenommen, die typisch für einen Leichnam war.

Sie mochte sich nicht vorstellen wie er Rücken oder das Gesicht aussah

Markus musste sie zweimal ansprechen, bevor sie reagierte.

„Maria“, sagt er. „Maria“. Erst dann reagierte sie auf ihn. Entgeistert sah sie ihn an, fragend und verwundert.

Markus fasste sie sachte am Arm.

„Ich hab auch eine Zeit lang gebraucht um mit dem Anblick klarzukommen“, gestand er ihr. Er wandte für einen Augenblick den Kopf, sah auf den Leichnam.

„Willst du dich setzen“, fragte er sie.

Sie nickte nur.

Markus sah sich um, suchte nach einer Sitzgelegenheit für sie.

„Komm“, meinte er. „Setz dich hier auf die Stufe.“ Sie tat, was er ihr vorgeschlagen hatte.

Maria legte sich ihre Hände auf beide Wangen, hielt dabei das Taschentuch vor ihre Nase gepresst.

Manchmal blinzelte sie. Der stechend scharfe Geruch, ließ ihre Augen tränen.

Markus setzte sich neben sie auf die Stufe und legte einen Arm um sie.

„Was…!“ Mehr war sie nicht imstande zu sagen.

Markus, der ihr mit einer beruhigenden Bewegung über den Rücken strich, sagte: „Tja, es sieht so aus, als hätten wir es hier mit einer BDSM-Anhängerin zu tun.“ „BDSM“, wandte sich Maria verwundert an ihn.

„Ja“, meinte Markus bestätigend. „Du weißt schon,

Peitschen, Fesseln, Handschellen und so weiter.“

Maria wies auf den Leichnam und sagte: „Das waren doch keine Peitschen.“

Markus ging nicht weiter darauf ein. „Sophie Brandtner,

Alter 32“, sagte er.

„Hat sich das Häuschen hier vor rund drei Jahren gekauft. Arbeitet als Sekretärin für ein Notariat in der Innenstadt. Und sie ist BDSM Anhängerin!“

„Verzeihung, war“, fügte er hinzu.

„Woher weißt du das“, wollte Maria von ihm wissen. Nur weil sie da oben hängt, bedeutet das nicht, dass sie…!“

Markus unterbrach sie.

„Und warum denkst du, hat sie in ihrem eigenen Keller ein Andreaskreuz stehen“, wollte er von ihr wissen.

„Außerdem haben wir in einem Wandschrank im oberen Stock mehrere Tools gefunden die eindeutig darauf hindeuten. Peitschen, Fesseln, Nadeln, Masken aus Latex, Videos und so weiter…“, sagte er.

„Glaub´ mir, dass sind keine reinen Sammlerobjekte!“

Maria starre weiter auf den Körper.

„Das hat doch mit BDSM nichts mehr zu tun“, sagte sie protestierend.

„Die Frau ist einfach nur gefoltert worden. Sieh dir mal den Körper an“, forderte sie ihn auf, wobei sie mit einer Hand auf die Leiche wies.

„Was haben die Klugscheißer von der Spurensuche bis jetzt herausgefunden“, wollte sie von ihm wissen.

Langsam gewann sie wieder ihre Fassung.

„Hmm“, begann Markus. „Die sind ja noch dabei, wie du sehen kannst. Tatsache ist, dass sie massiv Blut verloren hat. Sie rätseln aber noch herum ob sie aufgrund der…, Behandlung gestorben ist oder aufgrund eines Herzinfarktes“, ließ er sie wissen.

„Kein Mensch kann so was überleben“, sagte Markus.

„Manche der Wunden sind derart tief…“; setzte Maria erneut an.

„Das bringt man doch nicht mit einer Peitsche zustande!“

„Das glauben die Meds auch nicht“, bestätigte Markus ihr.

„Sie meinen, dass man derartige Wunden nur mit etwas Scharfem, Metallischen, verursachen kann.

„Manche an der Seite sind so tief, dass man die Rippen sehen kann. Genaueres werden wir aber erst erfahren, wenn sie auf dem Tisch war.“

"Mein Gott“, sagte Maria.

„Wer tut denn so was“ fragte sie ihn bestürzt.

„Ich hab keine Ahnung“, sagte Markus. „Aber der, der das getan hat, hat seiner Wut freien Lauf gelassen!“

Markus sah, wie sie ihn entsetzt ansah.

Es vergingen ein paar Minuten, bevor Maria sich von dem

Anblick abwenden konnte.

„Ich muss hier raus“, sagte sie zu ihrem Kollegen. „Ich bring dich hoch“, erwiderte Markus.

„Bis die Spurensicherung fertig ist, dauert es eh noch eine Weile.“

An der frischen Luft angekommen, beugte sich Maria nach vorne, stemmte dabei ihre Hände auf die Oberschenkel. Sie versuchte Luft zu bekommen, merkte, dass sie jeden Moment ihr Frühstück wieder hergeben würde. Zum Glück hatte sie an diesem Morgen außer einer Tasse Kaffee und einem alten Croissant, das noch von gestern übriggeblieben war, nichts gefrühstückt.

Wieder griff sie sich das Taschentuch, um sich den kalten Schweiß von ihrer Stirn abzuwischen und war dann endlich wieder in der Lage, sich aufzurichten.

Markus sah sie besorgt an.

„Warum fährst du nicht zurück ins Büro und ich halt dich auf dem Laufenden“, fragte er sie.

„Die Spurensicherung wird hier noch ein paar Stunden zugange sein. Wenn wir dann alles beisammenhaben, komm ich auch rein und lass dich wissen, was wir haben.“

Marias Blick war starr nach vorne gerichtet.

Noch immer hatte sie den Zustand des Leichnams vor Augen.

„Ja“, begann sie. „Das mach ich auch. Wir sehen uns dann im Büro.“

Mit langsamen Schritten begann sie die Stufen nach oben zu nehmen, um zu ihrem Wagen zu gehen.

Kaum hatte sie sich in ihren Dienstwagen gesetzt, ergriff sie mit beiden Händen das Lenkrad.

Wieder sah sie starr nach vorne. Als es ihr endlich gelang, ihre Fassung zurückzugewinnen, startete sie den

Wagen und fuhr los.

Ins Gehirn gebrannt

Als Maria zurück im Büro angekommen war, setzte sie sich in ihren Stuhl und schnaufte zum ersten Mal richtig durch. Der Anblick des halb verwesten, geschundenen Körpers hatte sich in ihr Gehirn gebrannt. Sie suchte den Raum nach etwas ab, dass sie ablenken würde. Doch nichts in dem hatte sich seit einer Ewigkeit verändert.

Wie sollte es auch?

Die beiden anderen Schreibtische ihrer Kollegen, Markus und Philipp sahen so aufgeräumt wie immer aus.

„Wie können Männer nur so ordentlich sein“, fragte sie sich zum hundertsten Mal.

„Ist ja fast schon ekelhaft“, dachte sie sich insgeheim deren Ordentlichkeit bewundernd.

Betrachtete sie hingegen ihren eigenen …!

An den Wänden hingen Urkunden die Zeugnis von den Errungenschaften gaben die sie und ihr kleines Team im Laufe der Jahre gesammelt hatten. Ergebnisse von Wettbewerben, Zeitungsausschnitte, in denen sie und ihr Kollege Markus erwähnt wurden, weil sie den einen oder anderen Mörder gefasst hatten. Ihre Ernennung zum Chefinspektor.

Ihr Blick fiel auf den Kleiderständer, der neben der Tür stand und der aussah, als hätte ihn jemand aus einem Alt Wiener Kaffeehaus mitgehen lassen. Darauf hing noch immer eine Jacke, die sie irgendwann einmal dort vergessen hatte. Hundert Mal hatte sie schon vorgehabt diese wieder mit nach Hause zu nehmen. Ihr Blick fiel auf die uralten Stühle, die schon in diesem Büro standen, als sie den Job angetreten hatte.

„Die könnten sie auchwieder mal austauschen“, dachte sie sich. Tränen waren darauf von jenen vergossen worden, die darauf Platz nehmen mussten. Flüche und Drohungen waren auf diesen gegen sie und ihre Kollegen ausgestoßen worden. Der eine oder andere hatte sogar den Versuch unternommen aufzuspringen und zu fliehen.

Jedes Mal ergebnislos.

Wie viele Verdächtige, Verhaftete sie darauf schon hat sitzen sehen? Fast wäre sie versucht gewesen, die Zahl schätzen zu wollen, gab es jedoch auf.

Zu viele waren es gewesen.

Ihr Blick fiel auf den Linoleumboden.

„Billig“, dachte sich Maria mehr zum hundertsten Mal. Er erinnerte sie an den Fußboden, den sie zuhause hatten, kurz nachdem sie von Niederösterreich nach Wien gezogen waren, weil es ihrem Vater nicht gelungen war am Land einen Job zu finden.

Kaum in der Stadt angekommen, hatte sie diese Stadt auch schon zu hassen begonnen. Der Verkehr, der hier damals schon herrschte, die Unfreundlichkeit der

Menschen, der Dreck auf den Straßen. In den zehnten Wiener Gemeindebezirk waren sie damals gezogen. In jenen Bezirk, in dem man auf den Namensschildern der Häuser vor allem Namen wie Mikulic, Ibrahimowitsch und Suleiman lesen konnte. Sie, damals zehn Jahre alt, hatte gerade die Volksschule beendet, sah sich einem Kulturschock ausgeliefert, der größer nicht hätte sein können.

Vom ländlichen Retz mit seinen umliegenden Weinbergen, seinen schmalen Gassen, der Gemütlichkeit die diese Stadt atmete, dem kleinstädtischen Flair, hatte das Leben sie in jenen Bezirk geführt, der selbst unter Wienern, als der hässlichste aller Wiener Bezirke galt.

„Wie viele Jahre ist das schon her“, fragte sie sich selbst.

Erschrocken stellte sie wieder einmal fest, dass sie die magische Vierzig überschritten hatte. Noch ein Grund warum sie an diesem Tag schlecht drauf sein konnte. Je mehr desto besser!

Da war sie wieder. Diese Angewohnheit, die sich wie ein Virus in ihr Unterbewusstsein geschlichen hatte und der immer dann zum Vorschein kam, wenn ein Tag so wie der heutige begonnen hatte. Immer dann, wenn sie vor einer Leiche gestanden war – sie hatte sich mittlerweile abgewöhnt sich daran erinnern zu wollen, wie viele sie schon gezählt hatte – konnte sie an nichts ein gutes Haar lassen. Alles und jeder war ihr recht, um mit ihrer Grantigkeit bedacht zu werden. Sie hatte es mit dem Gym versucht, war Joggen gegangen. Hatte schon daran gedacht, sich in die Hände eines Therapeuten zu begeben. Ein Gedanke den sie, so wie alles andere, schnell wieder fallen ließ.

Bis sie dahintergekommen war, dass es einfacher (und billiger) war, im Stillen herumzugranteln, anstatt sich ein zeit- und energieaufwendiges Hobby zu suchen. Oder einen Therapeuten.

Schließlich, ihre Muffigkeit hatte sich bis auf ein Minimum verzogen, fiel ihr Blick auf den kleinen Wandspiegel, der gleich neben der Tür hing.

Ihr Alter war ihr wieder in den Sinn gekommen!

Einen Moment lang sah sie diesen an, überlegte sich, ob sie sich getrauen sollte, zu diesem hinzugehen, um ihr Gesicht darin zu betrachten.

„Verdammte, ich hab die Vierzig hinter mir“, hallte es in ihrem Kopf.

Welches letzten Endes der Grund dafür war, aufzustehen, um zum Spiegel zu gehen und sich darin zu betrachten. Endlich stand sie auf, ging zu diesem hin und betrachtete sich darin.

„Siehst doch gar nicht so schlecht aus“, sagte sie zu sich selbst.

Irgendwie musste sie sich ablenken. Und wenn es mit ihrem eigenen Aussehen war.

Ihr blondes schulterlanges Haar, das ihren ovalen Kopf umrandete, zeigte noch immer keine Spur von Grau. Ihre hohen Backenknochen dazu die kleine wohlgeformte Nase ergaben ein harmonisches Bild, fand sie. Die Oberlippe schien ihr etwas zu schmal zu sein. Ein Gedanke, den sie schnell zur Seite schob. Kaum Falten auf der Stirn. Aber in den Augenwinkeln! Diese kleinen unzähligen Fältchen! Doch auch daran hatte sie sich mittlerweile gewöhnt.

„Was soll ich mir Cremes ins Gesicht schmieren, die nur eines weniger machen? Mein Bankkonto“, hatte sie einmal zu einer ihrer Kolleginnen gesagt. „Wem ich nicht gefalle, soll einfach wegschauen.“

Trotz der kleinen Makel, die sie tunlichst nicht zu beachten suchte, wusste sie, dass sie eine attraktive Vierzigerin war.

(Sie musste ja niemanden sagen, dass sie diese schon vor drei Jahren überschritten hatte).

Etwas, dass sie die Tatsache leichter ertragen ließ. Ein wie sie meinte, wesentlich größeres Problem war ihr Po, der für ihren Geschmack etwas zu ... umfangreich war. Sie begann sich ein wenig zu verdrehen, um ihr Hinterteil besser betrachten zu können.

„Na ja“, sagte sie leise zu sich selbst. „Einen anderen hast du nicht.“

Wieder sah sie in den Spiegel, sah sich selbst in die

Augen und sagte: „Für eine Eins siebzig große Vierzigjährige siehst du gar nicht so schlecht aus.“

„Also lass die Selbtsmitleidnummer“.

Sie drehte sich wieder von ihrem Spiegelbild ab, wollte gerade wieder zurück zu ihrem Tisch gehen, als ihr Diensthandy zu läuten begann. Schnell zog sie es aus der Tasche. Es war Markus.

„Hi Markus“, begrüßte sie ihn. „Was gibts?“

„Bist du schon wieder im Büro“, fragte er sie.

„Klar, wo soll ich sonst sein“, gab sie ihm zur

Antwort.

„Sie haben die Leiche mittlerweile abgenommen“, hörte sie ihn sagen. „Sei froh, dass du die Rückseite nicht gesehen hast!“

„So schlimm“, fragte sie ihn.

„Du machst dir keine Vorstellungen“, ließ er sie wissen. „Ich hab ein paar Bilder mit meinem Handy aufgenommen.“ Er legte eine Pause ein. Maria kam es vor, als würde er sich erst fassen müssen.

„Markus?“

„Ja, ich bin noch dran“, erwiderte er kurz. Ich komm dann ins Büro. Das musst du dir ansehen“, meinte er nur kurz und hängte auf.

„Was kann noch schlimmer sein als das, was sie gesehen hatte“, fragte sie sich.

Verwundert über die Aussage ihres Kollegen stand sie da, das Handy noch immer in der Hand das sie ansah wie etwas, dass sie zum ersten Mal in der Hand hatte.

45 Minuten später kam Markus bei der Tür herein. Schon als er den ersten Schritt ins Büro gesetzt hatte, sah sie ihm an, dass er etwas gesehen hatte, dass ihr noch bevorstand. Mit langsamen Schritten fast bedächtig, ging er zu ihrem Schreibtisch, zog den Stuhl etwas zurück und ließ sich darauf fallen.

„Ich hoffe, du hast in der Zwischenzeit nichts gegessen“, sagt er.

Sie streckte langsam ihre Hand aus, nahm ihm das Handy aus der Hand und begann sich die Fotos anzusehen. Ihre Augen weiteten sich. Sie schlug ihre freie Hand vor den Mund. Konnte nicht fassen, was auf den Bildern zu sehen war.

„Oh mein Gott“ entfuhr es ihr. Ihre Finger schienen auf einmal wie gelähmt zu sein, sodass sie sich zwingen musste, weiter nach vorn zu scrollen. Danach legte sie das Handy hin, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und schloss die Augen. Ihr Magen begann zu rebellieren. Sie wusste, dass sie es nicht mehr zum kleinen Waschbecken schaffen würde, zog den Papiereimer, der neben ihrem Schreibtisch stand, heran und übergab sich in diesen.

Nachdem sie auch noch den letzten Rest ihres Magens von sich gegeben hatte, griff sie blindlings nach oben auf ihren Schreibtisch, um mit der Hand nach der Box mit den Taschentüchern zu greifen. Schließlich fand sie sie riss ein paar der Tücher daraus, um sich den Mund abzuwischen. Auch dann noch blieb sie in gekrümmter Haltung sitzen.

„Willst du ein Glas Wasser“, fragte Markus sie.

Sie brachte kein Wort heraus. Ihre Kehle brannte wie Feuer, fühlte sich an, als hätte sie Säure von sich gegeben. Sie nickte nur.

Erst als Markus ihr das Glas mit dem Wasser vor den gebeugten Kopf hielt, hob sie diesen wieder. Mit zittrigen Fingern griff sie blindlings danach, richtete sich auf und nahm einen Schluck.

Endlich öffnete sie wieder die Augen. Musste es tun. Sie wollte etwas anderes sehen als das, was sie, bis ans Ende ihres Lebens verfolgen würde.

Maria sah ihn an und sagte: „Das gibts doch nicht!“

„Wer kann denn so etwas tun?“

Sie sah den Schock im Gesicht ihres Kollegen, der nur mit den Schultern zuckte. Er sah müde aus. So, als wäre er in den letzten paar Stunden um Jahre gealtert.

„Ich weiß es nicht“, gab er schließlich zu. Fast wäre Maria versucht, sich nochmals das Handy zu greifen, um sich die Bilder ein weiteres Mal anzusehen. Doch sie ließ es. Noch einmal würde das ihr Magen nicht verkraften.

Lange Minuten sagte keiner der beiden ein Wort. Saßen nur stumm gegenüber. Es war Maria, die ihn schließlich wieder zu sprechen begann: „Ruf bitte Dr. Kahlberger an. Ich will sofort wissen, wenn er mit der Autopsie fertig ist.“

„In Ordnung“, sagte Markus, nahm sein Handy vom Tisch und wählte die Nummer des Arztes.

Als Markus das Gespräch beendet hatte, legte er die Hand auf seinen Oberschenkel und sagte: „Er sagt, dass es bis morgen dauern wird, bis er mit dem Bericht fertig ist.“

Markus sah, dass Maria über etwas nachdachte. Spannung lag in der Luft, die von ihr ausging. Spannung, die so dicht war, dass er es nicht wagte, sie zu unterbrechen. Endlich nach einer Zeit, die Markus endlos vorgekommen war, stand sie auf und sagte: „Ich geh nach Hause und besauf mich. Wehe es ruft mich heute noch jemand an.“ Damit war sie schon an der Tür und war kurz darauf verschwunden.

Markus gefiel das Vorhaben das seine Vorgesetzte, die in den letzten Jahren seine Freundin geworden war, in die Tat umzusetzen gedachte. Schließlich stand auch er auf, ging zur Tür und machte sich auf den Weg, um sich ebenfalls gehörig zu betrinken.

Sie hatten es ich beide verdient.

Nach dem achten Tequila und dem vierten Bier hatte sie genug und ging nach Hause. Was ihr nicht allzu schwer fiel. Irgendwie kam ihr die üblichen Bargespräche in ihrem Stammlokal an diesem Tag flau vor. Das ewige Geplapper von diesem und jenem Fußballklub, das Hin und Hergejammere ihrer Kollegen, weil sie wieder eine neue Vorschrift zu befolgen hatten. Bart der Barbesitzer, der seinen Namen aufgrund seiner Schwäche für die gleichnamige Komikfigur bekommen hatte, versuchte sie aufzuheitern.

„Irgendwie siehst du heute etwas mitgenommen aus“, hatte er gemeint.

Sie sah ihn mit einem Blick an, der sagen sollte: „Du hast ja keine Ahnung“, beließ es aber bei dem Blick, wissend das man Dienstliches nicht in der Bar herum posaunte.

Irgendwie schaffte sie es, sich in ihre Wohnung zu schaffen. Kaum war sie bei der Tür rein, ließ sie ihre Jacke von den Schulten fallen, wo sie sie noch am nächsten Morgen finden würde. Mitsamt ihren Schuhen ließ sie sich auf die Couch im Wohnzimmer fallen, schaltete den Fernseher ein und war binnen zehn Minuten eingeschlafen.

Gegen drei Uhr wachte sie plötzlich schweißgebadet auf.

Der Grund dafür war nicht das Herumgeballere von Bruce

Willis im Fernseher, sondern die Bilder, die sie am Handy von Markus gesehen hatte. Irgendwie gelang es ihr, dass der Tequila und das Bier dortblieben, wo sie sie Stunden zuvor hingeschafft hatte. Doch niemals würde sie es schaffen, mit diesen Bildern im Kopf, wieder einschlafen zu können.

Jedes Detail der Fotos kam ihr wieder in Erinnerung. War die Ansicht der Vorderseite der Frauenleiche schon schockierend genug gewesen. Doch das, was sie auf den Bildern gesehen hatte, die die Rückseite des Körpers gezeigt hatte, war…! Sie suchte nach einem Wort, das den Zustand des Leichnams hätte beschreiben können, fand aber keines. Noch nie hatte sie in all ihren Dienstjahren solche Verstümmelungen gesehen.

Umsonst versuchte sie, das Gesicht der Frauenleiche, auszublenden. Dieses Gesicht wies mehrere Hämatome auf. Das rechte Auge des Opfers hing halb aus der Augenhöhle. Im Mund steckte eine Art Hartplastikkugel, die links und rechts von einem ledernen Riemen hinten am Kopf zusammengehalten wurde. Die Opfer, so war sie sich gewiss, musste höllische Schmerzen erlebt haben. Es sah aus, als hätte der Täter sie stundenlang gefoltert. Blaue und rote Flecken auf der Haut wechselten sich ab mit wie es ihr vorkam, Kratzern, von denen sie hoffte, dass sie DNA darin finden würden. Um den Hals hatte sie eine Art Halsband, das innen mit scharfen Nägeln bestückt war, die sich tief in den Hals gebohrt hatten.

An den Rippenbögen wies die Leiche ähnlich wie am Rücken, Peitschenhiebe auf. Eines jedoch kam ihr – warum wusste sie selbst nicht – seltsam vor. Der Täter hatte offensichtlich für die Rückseite eine andere Art von Peitsche benutzt, wie für die Vorderseite. Der Rücken war über weite Teile wie aufgerissen. So, als hätte er eine Peitsche benutzt, deren Riemen mit Klingen besetzt gewesen wären. Die Hiebe waren mit großer Wucht durchgeführt worden. Selbst die Brüste und das Abdomen, waren malträtiert worden. Die Striemen waren in der Mitte dichter, hatten eine breitere Spur hinterlassen, wie zum Ende hin. Die rechte Brustwarze des Opfers hing in unnatürlicher Weise runter, war halb abgetrennt. Eine dicke Blutspur zeichnete sich ab, die aus dieser Wunde ausgetreten war. An den Beinen hatte der Täter offensichtlich mit einem Messer Kerben in ihr Fleisch geschnitten. Doch das, was Maria am meisten schockiert hatte, war, was er an der Vagina des Opfers gemacht hatte. An dieser hatte er horizontal und waagrecht Schnitte gesetzt, um ein Stück Stacheldraht, zu einer eng aufgerollten Kugel geformt, zu platzieren.

Marie hoffte, dass die Frau zu diesem Zeitpunkt schon tot oder zumindest so von Schmerzen betäubt war, dass sie diese Behandlung nicht mehr voll miterleben hat müssen. Ein eiskalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Alles in ihr verkrampfte sich.

Wieder stellte sie sich die eine Frage, die sie sich noch öfters stellen würde: „Wer ist imstande so etwas zu tun?“

Kein Mensch, der auch nur einen Funken Gefühl in sich hatte, konnte einem anderen Menschen solche Qualen zufügen.

Erst da wurde ihr bewusst, dass sie es mit genau solch einem Menschen zu tun haben musste. Mit einem, der sein letztes bisschen Mensch-Sein verloren hatte.

Die Besprechung

„Das kann nicht sein!“ sagte Maria.

„Es kann nicht sein, dass der Täter nichts hinterlassen hat.“

Sie sah ihr kleines Team, die Augen vor Erstaunen geweitet, an. Sie arbeitete seit mehr als fünf Jahren mit diesen beiden Männern zusammen. Markus, der zuvor verdeckt, in der Wiener Drogenszene unterwegs gewesen war und Philipp, dem es beim Betrugsdezernat zu langweilig geworden war. Er war auch der jüngste der Truppe. Jahrelang hatte er sich mit White Collar Kriminellen herumärgern müssen, bis ihm klar wurde, dass er an die großen Fische ohnehin nicht rankommen würde. Und wenn, dann waren sie binnen kürzester Zeit und mithilfe eines Anwalts der am Tag mehr verdiente wie er in einer Woche, wieder draußen gewesen.

An diesem Tag jedoch, nachdem er die Bilder der Leiche gesehen hatte, wünschte er sich die Zeit zurück, als er es noch mit verkackten Schlipsträgern zu tun hatte, wie er sie nannte.

Der Erste, der wieder etwas sagte, war Markus, der nach

Maria, der Erfahrenste der Truppe war.

„Außer ein paar Lederpartikel unter den Nägeln an diesem Halsband, ein paar nichtssagenden Abdrücken in den Blutlachen, die weiter nichts ergeben haben und ein paar Filzfasern haben wir rein gar nichts. Diese Lederpartikel stammen aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Handschuh. Also keine Fingerabdrücke!“

Philipp war stutzig geworden. „Wie kann das sein, dass wir bei der Menge an Blut die das Opfer verloren hat, keine Schuhabdrücke gefunden haben?“

Er bekam von Markus prompt die Antwort: „Der Täter und wir gehen davon aus das es ein Mann war, dürfte einen dieser Ganzkörperoverals getragen haben. Die bestehen aus einer filzähnlichen Faser. Davon haben wir eine

Menge gefunden.“

„Keine Hautpartikel, nicht das Geringste, kein Haar", fragte Maria nochmals ungläubig.

Markus schüttelte den Kopf, hatte den Blick gesenkt. Als würde er sich schämen, nicht mehr anzubieten zu haben.

Maria ließ sich, offensichtlich enttäuscht in ihren Stuhl fallen, der ein quietschendes Geräusch von sich gab. Keiner der Anwesenden wagte, ein Wort zu sagen. Nachdem Maria ihre Enttäuschung abgeschüttelt hatte, setzte sie sich mit einem Ruck auf.

„Okay, was haben wir?“

Sie hielt eine Hand hoch, um an ihren Fingern eine Auflistung herunter zu beten.

„Das Opfer war offensichtlich BDSM Anhängerin. Und zwar eine der Hardcore Abteilung. Das beweisen die ganzen Spielsachen, die wir in ihrem Haus gefunden haben. Dann wären da noch die alten Narben, die bei der Autopsie festgestellt wurden. Dr. Kohlberger hat gesagt, dass sie, während der…Folter wahrscheinlich mehrere Male das Bewusstsein verloren hat. Der Blutverlust war zwar groß, aber nicht so groß, dass er sie umgebracht hätte!“

„Sie ist wahrscheinlich an Entkräftung gestorben.“

Sie musste einen Moment lang innehalten. Das war ihr einfach zu abartig.

„Dieses Monster, dass ihr das angetan hat, hat sie so lange gefoltert, bis sie keine Kraft mehr hatte, um am Leben zu bleiben!“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf, verstand es nicht. „Sie hat sich solange gegen die Schmerzen, gegen den Tod gewehrt bis sie nichts mehr hatte!“

Sie ließ die Hand, die sie zum Aufzählen benutzt hatte, wieder sinken.

„Was aber hat das mit dem Stacheldraht zu bedeuten“, fragte sie in die Runde.

„Wollte der Typ was Besonderes damit ausdrücken oder ist er einfach nur ein perverses Schwein?“

Philipp meldete sich wieder zu Wort: „Woher wissen wir, dass es sich bei dem Täter um einen Mann handelt?“ Maria und die anderen sahen ihn ungläubig an, woraufhin Maria ihm die Fotos der Spurensicherung zuwarf. Philipp sah sich einen Moment lang das oberste Bild an, bevor er es angeekelt wieder auf Marias Tisch zurücklegte.

„Sieh dir diese Bilder, diese Wunden an“, forderte sie ihn auf.

„Keine Frau ist in der Lage solche Wunden auf so exakte Weise und über eine so lange Zeit zuzufügen! Das hat Stunden gedauert!“

„Derjenige, der das getan hat, hat Erfahrung damit, hat Kraft. Er muss das und damit meine ich den Umgang mit den Peitschen immer und immer wieder geübt haben. Er war so gut damit, dass er seine Hiebe immer wieder auf die gleiche Stelle mit der gleichen Kraft ausüben konnte. Jeder einzelne Schlag war perfekt! Die Abstände zueinander. Das schaffst du nicht, wenn du keine Übung darin hast. Ausreichend Übung und ausreichend Kraft“

„Apropos Hiebe auf dem Rücken“, warf Markus ein.

„Diese Schläge wurden nicht mit einer, ich sage mal handelsüblichen Peitsche durchgeführt. Wir haben das überprüft. In den paar BDSM Shops in Wien bekommt man nur die üblichen die zumeist aus Leder gefertigt sind.“ „Dr. Kahlberger glaubt, dass in die Peitsche, die er Täter für die Rückseite benutzt hat, scharfkantige Metallgegenstände eingearbeitet gewesen sein müssen.“

Bei den letzten Worten Markus´ schüttelte Maria abwehrend den Kopf.

„Eine Art Geißel“, warf Philipp ein. „Ähnlich jener die vor der Kreuzigung Christi benutzt worden war?“

Maria und Markus sahen ihn überrascht an.

„Sieh mal einer an“, sagte Markus. „Da kennt sich jemand mit Religion aus.“

Philipp runzelte seine Stirn.

„Ach was“, erwiderte dieser. „Ich hab mir vor Kurzem den Film Die Passion Christi von Mel Gibson angesehen. Da kommt so eine Geißel vor. Wenn ich mir die Wunden auf den Fotos ansehe, kann das nur mit so einem Gerät gemacht worden sein!“

„Stimmt.“ sagte Maria.

„Philipp, du siehst dich im Internet um und findest heraus, wo man eine solche Geißel eventuell herbekommen kann.“

„Mach ich.“

„Markus, du stellst eine Liste all jener BDSM Klubs zusammen, die es im Wiener und niederösterreichischen

Raum gibt.“

„Geht klar.“

„Und damit ihr nicht glaubt, dass ich nichts zu tun habe…, ich kümmere mich um die online Plattformen! Mal sehen was sich in der Szene so alles tut!“

Damit wandte sie sich ihrem Computer zu, den sie offen vor sich stehen hatte.

„Na los“, scheuchte sie ihre beiden Mitarbeiter auf.“

„Da draußen läuft ein Irrer rum!“

„Ja Chefin“, sagten beide fast gleichzeitig, standen von den Stühlen auf, um sich an die Arbeit zu machen.

Es war bereits nach 20 Uhr, als Maria sich wieder an ihre Mitarbeiter wandte: „Ich denke, wir lassen es für heute gut sein“, sagte sie, ein Gähnen nur mit Mühe unterdrückend.

„Wir sehen uns dann morgen früh und ihr könnt mir dann erzählen, was ihr herausgefunden habt.“

Mit diesen Worten begann sie ihren Rücken durchzustrecken, um sich anschließend mit den Händen das Gesicht abzurubbeln.

„Was für ein Scheißtag“, dachte sie sich.