Schmetterling im Sturm - Walter Lucius - E-Book + Hörbuch

Schmetterling im Sturm E-Book

Walter Lucius

3,8
13,99 €

Beschreibung

Schaduwprijs 2013 für das beste Thrillerdebüt +++ Im Amsterdamer Wald wird ein Junge angefahren und schwer verletzt zurückgelassen. Es gibt keinen Hinweis auf seine Identität. Die einzige Spur: Der Junge trägt traditionelle afghanische Mädchenkleidung. Die Journalistin Farah Hafez, selbst afghanischer Herkunft, ahnt, dass es um weit mehr geht als einen Unfall mit Fahrerflucht. Ihre Recherchen führen in die höchsten politischen Kreise von Amsterdam, Moskau und Johannesburg. Immer weiter wird sie in den Fall hineingezogen, bis ihr eigenes Leben auf dem Spiel steht … +++ »Spannend bis zur letzten Seite.« Algemeen Dagblad +++ Erster Teil der Heartland-Trilogie

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Seitenzahl: 738

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Die Journalistin Farah Hafez hat ein gefährliches Hobby: Kampfsport. Als sie gerade ihre letzte Gegnerin in der Notaufnahme besuchen will, wird ein schwerverletztes Kind eingeliefert, Opfer eines Unfalls mit Fahrerflucht. Die Kleidung des Kindes weckt sofort Farahs Interesse, denn es handelt sich um traditionelle afghanische Mädchenkleidung – das Kind aber ist ein Junge. Mit Schrecken erinnert sich Farah an ein Ritual, das in ihrem Geburtsland Afghanistan praktiziert wird und bei dem minderjährige Jungen älteren Männern zugeführt werden. Dass dieses Ritual seinen Weg in die Niederlande gefunden haben soll, lässt Farah keine Ruhe. Nach den Recherchen zu dieser Story wird nichts mehr so sein, wie es war.

Walter Lucius ist das Pseudonym des Drehbuchautors und Produzenten Walter Goverde. Er hat für zahlreiche Theater- und Fernsehproduktionen gearbeitet und ist Gründer von Odyssee Productions, einer Produktionsfirma, die u.a. Projekte für die niederländische Regierung entwickelt hat. Schmetterling im Sturm ist sein erster Roman und der Auftakt der Heartland-Trilogie.

Andreas Ecke studierte Germanistik, Niederlandistik und Musikwissenschaft und übersetzte unter anderem Bücher von Geert Mak, Otto de Kat und Cees Nooteboom. Für seine Übersetzung von Gerbrand Bakkers Roman Oben ist es still

Walter Lucius

Schmetterling im Sturm

Thriller

Die Niederländische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel

Der vlinder en de storm

bei Uitgeverij A. ‌W. Bruna, Utrecht, Niederlande

Die Übersetzung dieses Buches wurde von der niederländischen Stiftung für Literatur gefördert.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2014

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 4544.

© Suhrkamp Verlag Berlin 2014

© 2013 Walter Lucius

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

Umschlagfotos: plainpicture/Mira (Schmetterling), FinePic®, München (Hintergrund)

Für Nicole

All along the watchtower, princes kept the view

While all the women came and went, barefoot servants, too

Outside in the distance a wildcat did growl

Two riders were approaching, the wind began to howl.

ERSTER TEIL

Tänzer

Weil er so schnell zwischen den Bäumen hindurchrannte, war er schon zweimal gestürzt. Es war dunkel. Er hatte die Sandalen verloren und lief barfuß weiter. Wenn abgebrochene Zweige in seine Fußsohlen schnitten, spürte er den Schmerz kaum. Er stieß sich die Zehen an Baumwurzeln, doch auch das kümmerte ihn nicht. Noch nie war er so gerannt.

Nach kurzer Zeit hatte er das Gefühl, sich vom Boden zu lösen. Er schwebte, wobei Zweige ihm ins Gesicht peitschten oder Äste seinen Leib schrammten. Als ein Ohrring an einem Zweig hängen blieb und aus dem Ohrläppchen gerissen wurde, spürte er fast nichts. Die Euphorie des Entkommens machte ihn gefühllos, gab ihm Kraft, verlieh ihm Schnelligkeit.

Alles in ihm war aufs Rennen gerichtet, fast wie bei einem Tier. Jeder Atemzug, jeder Herzschlag, jede Bewegung diente seiner Flucht. Es kam nicht darauf an, wohin er rannte. Nur weg, so schnell, so weit wie möglich.

Er hatte es schon einmal versucht, aber damals hatten sie ihn eingefangen. Und so geschlagen, dass er wochenlang kaum schlafen konnte. Trotzdem wagte er es jetzt wieder. Der Mann mit den langen, schwarzen Haaren hatte ihn auf seine glühende Wange geküsst, ihn mit der großen Hand vorwärtsgeschoben und in einer unverständlichen Sprache einen Befehl gebrüllt.

Er hatte die Schüsse gehört und war losgerannt. Solange er rannte, war er sicher. Er rannte auf das Licht zu, das hinter den Bäumen aufleuchtete. Er hörte nur noch seinen eigenen Atem und Herzschlag. Das Licht kam schnell näher, es war seine Erlösung, und er wollte es umarmen.

Das Licht traf ihn mit einem dumpfen Schlag.

1

Farah Hafez legte die Halskette mit dem versilberten Anhänger in Form einer Vogelklaue vorsichtig neben die drei silbernen Ringe und das schwarze Lederarmband mit Schlangenverschluss. Sie blickte ihrem nackten Spiegelbild in die hellblauen Augen und strich mit den Fingern über die vielen winzigen Narben auf Armen, Brüsten und Bauch. Sie hatte diese Male vor langer Zeit selbst in ihre karamellfarbene Haut gekerbt, getrieben von der Ahnung, dass es keine Liebe ohne Schmerz geben kann.

Sie bewegte die Zunge über den Gaumen. Es war, als hätte sie wieder den Geschmack der Unschuld im Mund. Einer Unschuld, die sich im Lauf der Jahre verflüchtigt hatte, wie die meisten Erinnerungen. Das einzig Greifbare waren die Narben.

Los jetzt: das lange, pechschwarze Haar, das in Locken über die Schultern fällt, zu einem strammen Knoten aufstecken. Die schwarze Seidenhose an den Hüften festschnüren. Die Jacke mit den weit geschnittenen Ärmeln anziehen und die rote Seidenschärpe so binden, dass beide Enden über die linke Hüfte hängen.

Farah Hafez betrachtete sich in ihrer Kampfkleidung. Nur eine hauchdünne Stoffschicht schien sie von der Außenwelt zu trennen, doch sie trug einen imaginären Panzer. Eine unsichtbare, aber undurchdringliche Rüstung. Sie atmete tief ein, schloss die Augen und versuchte, das aufgeregte Johlen zu ignorieren, das in unregelmäßigen Wellen aus dem Saal und durch die Katakomben des Theaters Carré bis in ihre Garderobe drang.

Sie beugte leicht die Knie und begann mit den Aufwärmübungen, die sie von ihrem Vater gelernt hatte. Bald hörte sie nur noch ihren Atem. Sie war wieder fünf und stand unter dem alten Apfelbaum in dem ummauerten Garten hinter ihrem Elternhaus, in der windlosen Vormittagshitze von Wazir-Akbar-Khan, dem wohlhabenden Viertel von Kabul. Neben ihrem Vater in seinem blütenweißen Hemd und der maßgeschneiderten Leinenhose. Er zählte laut in der für sie unverständlichen Sprache, die er selbst als kleiner Junge von seinem indonesischen Kindermädchen gelernt hatte: »Satu, dua, tiga …«

Jetzt flüsterte Farah die gleichen Wörter in der Garderobe eines hundert Jahre alten, auf Holzpfählen errichteten steinernen Zirkusgebäudes in Amsterdam. Nach jedem Atemzug die gleichen Wörter: »Satu, dua, tiga.« Sie spürte, wie ihre Stöße und Tritte die schwere Luft um sie herum in Bewegung versetzten.

In diesem Moment schwang die Tür auf, und sie erkannte die Silhouette ihres Trainers. Die dunkle Stimme des Ansagers, der ihren Kampf ankündigte, hallte durch die Gänge, dazu ein anschwellendes Dröhnen großer asiatischer Trommeln. Während sie durch die schmalen Flure zum großen Saal ging, schnappte sie Fetzen der Ansage auf.

»Farah Hafez! Ein Racheengel mit dem Körper und der Kraft einer orientalischen Tigerin!«

Orientalisch? Seit ihrem zehnten Lebensjahr wohnte sie in diesem Land. Und wenn sie auch ihr afghanisches Herz nicht verleugnen konnte, fühlte sie sich in fast jeder Hinsicht als Niederländerin.

Blinzelnd trat sie in das grellweiße Licht eines Spots und stieg die Stufen zur Matte hinauf. Ihre Gegnerin auf der anderen Seite, eine weißblonde Russin, erinnerte sie an einen Aasgeier. Kalt und rücksichtslos. Vergeblich suchte Farah bei ihr nach Anzeichen von Respekt. Diese Frau strahlte nichts als Hass aus. Es verwirrte sie einen Moment. Sie selbst nahm an dieser Kampfsportgala teil, weil sie ihren Sport von ganzem Herzen liebte. Neben ihrem Beruf als Journalistin war er der wichtigste Fixpunkt in ihrem Leben. Pencak Silat, die edle Kampfkunst vom indonesischen Archipel. Als kleines Mädchen hatte sie diese Kunst von ihrem Vater erlernt, schon deshalb würde sie ihr immer treu bleiben. Es war eine lebenslange Bindung. Aber auch eine Art zu leben. Das Bemühen um seelische und geistige Weiterentwicklung gehörte dazu, positive Ziele und ein zutiefst menschliches Ethos.

Sie schloss die Augen und tauchte noch einmal in die Stille ihrer Vorbereitung ein. Ihr Vater stand wieder neben ihr, in demselben Leinenanzug wie bei ihrem letzten Abschied, als hätte der schwarze Borgward, der ihn jeden Morgen zum Ministerium gefahren hatte, umgedreht und ihn nach Hause gebracht. Zurück aus dem Tod. Ihr Vater sprach mit ruhiger Stimme, ein Geist, der sich über nichts mehr aufzuregen brauchte.

»Weißt du noch, was du getan hast, als du zum ersten Mal die Angst spürtest?«

Sie wusste es. Es war an dem Tag geschehen, als er ihr plötzlich wie ein riesiger Schatten erschienen war, der drohend auf sie zukam. Mit einem Schrei war sie nach hinten gefallen. Er hatte sie hochgezogen und ihr die Hände auf die Schultern gelegt. Beruhigend. Damals und jetzt. Seine ruhige Stimme.

»Du musst die Angst spüren, um durch sie hindurchgehen zu können.«

Sie nahm ihre Anfangsposition ein, wenige Zentimeter von ihrer Gegnerin entfernt. Die rechte Hand geöffnet und vorwärtsgerichtet wie in einer eingefrorenen Bewegung, einem Schlag auf eine imaginäre Wand. Die Russin stand da wie ihr Spiegelbild. Farah spürte die elektrische Spannung, als ihre Handflächen sich beinah berührten. Sie wusste, dass sie gegen diese Frau mit Kraft allein nicht die geringste Chance hatte. Sie musste gewandt und schnell sein.

Auf den Startruf des Kampfrichters reagierte sie einen winzigen Moment zu spät. Die Russin packte ihren linken Arm und stieß sie mit voller Wucht nach hinten. Die lähmende Angst war sofort wieder da. Auf einmal hatte sie zwei Gegnerinnen: die Angreiferin und sich selbst. Sie hätte wie Bambus sein sollen, der sich bog und hart zurückfederte. Keine zu straff gespannte Saite, die bei jeder Bewegung reißen konnte. Sie musste sich sammeln. Atmen. Wach sein.

Aus dem linken Augenwinkel sah sie einen Schlag kommen. Sie blockte ihn ab und brachte den Arm ihrer Gegnerin mit einem Beugehebel unter Kontrolle. Aneinander ziehend kreisten sie über die Matte. Plötzlich griff die Russin nach Farahs Kopf und zerrte an ihren langen Haaren. Der Schmerz trieb ihr Tränen in die Augen. Farah trat der Russin mit dem rechten Schienbein in die Lende, führte eine sichelnde Beinbewegung aus, mit der sie ihre Gegnerin auf den Rücken warf, hielt sie mit den Beinen auf der Matte und fixierte den ausgestreckten Arm der Frau an ihrer Brust. Die Russin lag unter ihr, gefangen in einem Haltegriff mit Streckhebel.

Plötzlich spürte Farah einen brennenden Schmerz in der linken Wade. Ihre Gegnerin hatte mit voller Kraft die Zähne in ihre Muskeln geschlagen. Der Schmerz schoss durch Farahs ganzen Körper, aber statt loszulassen, überstreckte sie den Ellbogen der Frau spürbar und hielt sie dadurch noch sicherer auf der Matte.

So lagen sie eine Zeitlang, die Russin in einem Haltegriff gefangen, auf ihr Farah, schreiend vor Schmerzen, aber entschlossen, nicht loszulassen. Bis der Kampfrichter mit der flachen Hand auf die beiden angespannten Körper schlug.

»Berhenti, berhenti!« Halt, halt!

Farah löste den Griff, erhob sich schwankend, strich dabei über ihre Wade und blickte auf die blutverschmierte Handfläche. Dann schaute sie in die zusammengekniffenen Augen der Russin und spürte, wie eine unkontrollierbare Kraft von ihr Besitz ergriff. Es war einer jener Momente, vor denen sie sich am meisten fürchtete. Etwas oder jemand bemächtigte sich ihrer Person und trieb sie zu Handlungen, die nicht ihrem Willen unterworfen waren.

Schneller, als sie denken konnte, schlug sie eine rechte Gerade auf das Kinn ihrer Gegnerin, rammte ihr die linke Faust in die Rippen und beendete den Angriff mit einem geraden Tritt, der die Frau rückwärts auf die Matte schleuderte. Wie eine Stoffpuppe sackte die Russin zusammen.

Aus großer Entfernung hörte Farah jemanden ihren Namen rufen. Sie wandte den Kopf. Ihr Trainer war hinter ihr auf die Matte gesprungen, Angst im Blick. Als sie sich wieder umdrehte, sah sie den Kampfrichter und einen Betreuer über den Körper der Russin gebeugt, die regungslos dalag.

Im Saal herrschte Totenstille.

2

Im Schein des Blaulichts schienen die Regentropfen an der Windschutzscheibe des Rettungswagens zu fluoreszieren. Obwohl die Wischer wie besessen arbeiteten, blieb die Sicht auf der unbeleuchteten Straße im Stadtwald schlecht, aber Danielle Bernson vertraute ihrem Fahrer blind. Er hielt auch Kontakt mit der Leitstelle, es war nämlich nicht klar, wo genau das Unfallopfer lag.

Ein Kind, angefahren und liegengelassen. Der Anrufer hatte keinen genauen Ort genannt.

Im Außenspiegel sah Danielle einen Polizeiwagen mit Blaulicht, der sie schnell einholte. Als sie wieder nach vorn schaute, schrie sie auf. Kaum fünfzig Meter vor ihnen lag ein Häuflein Mensch auf der Straße. Der Fahrer bremste pumpend und brachte den Rettungswagen kurz vor dem reglosen Körper quer zum Stehen. Danielle sprang in den Regen hinaus, den Notfallkoffer und den Beatmungsballon in der Hand.

Es war ein Mädchen. Es lag bäuchlings auf dem Asphalt, der Kopf war seitlich aufgeschlagen, der rechte Arm in einem unnatürlichen Winkel abgeknickt, während der linke gestreckt neben dem Rumpf ruhte. Geradezu bizarr war die Stellung des linken Beins, das mit dem übrigen Körper scheinbar nichts mehr zu tun haben wollte.

Danielle kniete sich hin, schob vorsichtig die Hand unter den Kopf und Hals des Mädchens und drehte es zusammen mit dem Fahrer sehr langsam um. Sie fixierte den Hals mit einer Zervikalstütze. Das Kind stammte vermutlich aus dem Nahen Osten, der dunkelbraunen Haut und dem pechschwarzen Haar nach zu urteilen. Um die Augen scharfe Kajalstriche, der Mund verschmiert von feuerrotem, verlaufenem Lippenstift. Das Mädchen trug ein violettes, besticktes Gewand, als käme es geradewegs von einem traditionellen Fest. Und es war mit Schmuck behängt: an den Ohren, am Hals, an den Handgelenken, sogar an den Fesseln. Schmuck mit kleinen kupfernen Glöckchen, die schon bei der leisesten Berührung matt klingelten.

Die Augen des Mädchens waren geschlossen. Das einzige Lebenszeichen war die flache, schnelle Atmung. Danielle strich ein paar Haarlocken, die durch geronnenes Blut verklebt waren, von der Kopfwunde und gab dem Kind Sauerstoff.

Am rechten Straßenrand manövrierte der Streifenwagen geschickt am RTW vorbei und hielt in einigem Abstand und ebenfalls quer auf der Straße an, das Blaulicht blieb eingeschaltet. Kurz darauf hörte Danielle die quietschenden Bremsen eines weiteren Fahrzeugs, das hinter dem Rettungswagen zum Stillstand kam. Dann eine Autotür und eilige Schritte. Sekunden später tauchte vor ihr ein Mann mittleren Alters auf, der wie ein Nordafrikaner aussah, und hockte sich neben das Mädchen.

»Ich brauche Platz«, sagte sie ärgerlich. Als sie wieder aufschaute, sah sie das Entsetzen in seinem Blick.

»Marouan Diba, Kriminalpolizei«, sagte er, ohne sie anzusehen. »Gibt es Zeugen?«

»Nein. Sie lag hier ganz allein.«

Ein zweiter Mann hatte einen Schirm geöffnet und hielt ihn über sie, während er ihr mit einer Taschenlampe leuchtete.

Um die Lippen des Mädchens begann sich die Haut schon blau zu verfärben. Danielle griff zum Stethoskop und horchte abwechselnd die rechte und linke Brustseite ab. Rechts hörte sie Atemgeräusche, links nichts.

»Kommt sie durch?«, fragte der Kriminalbeamte vor ihr.

Sie ignorierte ihn und versuchte, der Rettungsassistentin so sachlich wie möglich ihren Befund mitzuteilen. Aber ihre Stimme zitterte.

»Pneumothorax mit Spannungskomponente.«

Das Kind schwebte in akuter Lebensgefahr. Einige gebrochene Rippen spießten offenbar nach innen, so dass Luft in die Pleuralhöhle eindrang, der Druck stieg schnell an, die Verdrängung des Herzens behinderte den venösen Rückfluss. Danielle nahm die dickste Kanüle aus dem Koffer, setzte sie in den zweiten linken Rippenzwischenraum und hörte das Zischen der entweichenden Luft. Als würde sich ein Ballon leeren.

Der Kriminalbeamte fluchte, aber es schien ein Ausdruck der Erleichterung zu sein. Danielle reagierte nicht darauf.

»Sie muss mit dem Kopf sehr hart aufgeschlagen sein. Wahrscheinlich zuerst auf die Windschutzscheibe und dann auf den Asphalt«, sagte sie. »Im besten Fall hat sie ein mittelschweres Schädel-Hirn-Trauma.«

»Und im schlimmsten?«, fragte der Beamte.

»Innere Blutungen«, antwortete sie, während sie die Atmung des Mädchens kontrollierte. Gleich darauf wies sie die Rettungsassistentin an, eine Infusion vorzubereiten. Sie betrachtete den abnorm gedrehten linken Oberschenkel und sah jetzt ein Stück Knochen herausragen. Das Bein schwoll rasch an.

Behutsam tastete sie das Becken des Mädchens ab und erschrak, als sie Bewegung spürte.

»Sie hat vermutlich auch eine Beckenfraktur. Das bedeutet, dass sie innerlich verbluten kann.«

Danielle nahm die Schere und begann, das Kleid auf Beckenhöhe zu zerschneiden, damit sie die Fraktur besser einschätzen konnte. Nach den ersten Schnitten sah sie, dass das Mädchen keine Unterwäsche anhatte.

Und dass es ein Junge war.

Der Ermittler sah das Gleiche und fluchte wieder. Er stand auf und ging fort. Die Rettungsassistentin reichte Danielle die Beckenschlinge, die sie dem Jungen gemeinsam anlegten.

»Cook-Nadel«, rief Danielle aufgeregt.

Um die Infusion anlegen zu können, musste sie die Cook-Nadel in das rechte Schienbein des Jungen bohren. Glücklicherweise reagierte er darauf mit einem Stöhnen. Das Gehirn nahm also Schmerzreize wahr. Trotzdem musste alles schnell gehen. Sie legte die Infusion an und versorgte die Beinwunden mit steriler Gaze. Anschließend drehte sie zusammen mit der Assistentin und dem Fahrer den Jungen auf das gelbe Spineboard und fixierte den Kopf mit zwei Blöcken.

»Bei drei«, rief sie und begann zu zählen.

Die Kriminalbeamten halfen, das Spineboard mit dem Jungen in den Wagen zu heben. Danielle sprang auf den Sitz neben der Trage, die Türen wurden geschlossen, und als sie losfuhren, hörte sie, dass der Fahrer dem Krankenhaus ihre voraussichtliche Ankunftszeit durchgab, damit das Traumateam in der Notaufnahme bereitstand. Während der Rettungswagen in rasender Fahrt den Amsterdamse Bos verließ, wurde ihr klar, dass sie sich von diesem Jungen nicht trennen konnte, bevor sie ihn gerettet hatte.

3

Erst als sie in der Garderobe saß, den Arm ihres Trainers auf der Schulter, sah Farah wieder klar. Es war wie das Erwachen aus einem Alptraum. Zuerst hatte sie ihren Trainer nur fragend anschauen können, und er hatte beruhigend auf sie eingeredet.

»Es war nicht deine Schuld, Farah. Ich habe gesehen, was passiert ist. Es war nicht deine Schuld.«

Jetzt konnte sie sich das Geschehene erklären. Sie hatte zu viel einstecken müssen. An der physischen Kraft ihrer Gegnerin hatte es nicht gelegen, Farah hatte fast all ihre Tritte und Stöße geblockt, aber gegen etwas anderes, viel Stärkeres und Gefährlicheres hatte sie sich nicht verteidigen können: Es war der Hass der Russin, der ihren emotionalen Schutzschild durchdrungen und eine unkontrollierbare Wut in ihr ausgelöst hatte.

Sie wusste, wie wichtig es war, auch in den unmöglichsten Situationen ihr Temperament im Zaum zu halten. Selbstkontrolle hatte ihr schon mehrmals das Leben gerettet. Meistens konnte sie sich zügeln, weil sie als Kind von ihrem Vater gelernt hatte, die mächtigen Kräfte in ihrem Inneren zu beherrschen und zu lenken. Doch ausgerechnet heute Abend hatte sie die Beherrschung verloren. Es waren nur wenige Sekunden gewesen, aber in diesen Sekunden hatte sie eine Frau vielleicht tödlich verletzt.

Bei ihren Kämpfen verlor sie sich nur selten in ihrer Wut. Viel öfter passierte ihr das in der Liebe. Die Zahl ihrer Opfer war beachtlich, doch selbst die Männer, denen sie vielleicht wirklich das Herz gebrochen hatte, blieben am Leben. Bei der Frau, die ihr heute auf der Matte gegenübergestanden hatte, war das noch nicht sicher.

Die Tür wurde geöffnet. Während vom Gang her tumultartiger Lärm hereinwehte und ihr Trainer flüsternd ein paar Worte mit einem Carré-Mitarbeiter wechselte, suchte Farah nach Stille in ihrem Inneren. In dieser Stille wollte sie um Verzeihung bitten, vor allem ihren Vater. Sie würde alle Konsequenzen auf sich nehmen, um das Getane wiedergutzumachen.

Die Tür schloss sich, und sie hörte, wie ihr Trainer mit schweren Schritten näher kam, hinter ihr stehen blieb und wartete. Auf ein Zeichen, dass sie bereit war für das, was er erfahren hatte. Sie konnte ihn atmen hören. Tränen liefen ihr aufreizend langsam über die Wangen, alles nahm sie mit einer Intensität wahr, die sie nur von früher kannte, von den Stunden mit ihrem Vater unter dem Apfelbaum. Papa, wo bist du? Erst als sie ihren Atem unter Kontrolle hatte, stand sie auf, drehte sich um und sah Gefasstheit im Blick ihres Trainers. Beruhigung. »Doch nicht so schlimm.«

Kaum eine Viertelstunde später lenkte Farah ihren schwarzen Porsche Carrera in die Tiefgarage des Waterland Medisch Centrum, stellte ihn in der Nähe der Treppe ab und rannte zur Notaufnahme hinauf.

Die Empfangsmitarbeiterin sah sie mit einem müden, gleichgültigen Blick an. Farah erklärte, sie komme wegen der Frau, die vor wenigen Augenblicken mit zwei gebrochenen Rippen und einer Gehirnerschütterung eingeliefert worden sein müsse.

»Und Sie sind …?«

»Ich bin diejenige, die sie in diesen Zustand versetzt hat«, antwortete sie.

Die Frau schaute sie fassungslos an. Im gleichen Moment kamen Ärzte und Pflegerinnen in den Vorraum gestürmt. Sie rannten am Empfang vorbei und drängten sich um einen Rettungswagen, der gerade mit heulenden Sirenen vorgefahren war.

Ein offenbar schwer verletztes dunkelhäutiges Mädchen wurde auf einer Trage hereingerollt. Bunte Lappen am Körper der Kleinen schienen Fetzen eines traditionellen Gewands zu sein. Das Mädchen war mit Schmuck behängt, Glöckchen klingelten bei jeder Bewegung der Trage. Farah achtete kaum auf die eiligen Handgriffe und die Rufe der Ärzte und Pflegerinnen, sie schaute in die Augen des Mädchens, in denen sie Todesangst las. Sie sah, wie sich die bläulichen Lippen langsam bewegten und ein Wort zu bilden versuchten.

Keiner der Anwesenden schien es zu sehen oder zu hören. Und auch wenn sie es gehört hätten, hätte keiner das Wort verstanden, weil diese Sprache niemand hier sprach. Doch Farah hatte dasselbe Wort heute Abend in der Garderobe zwar nicht ausgesprochen, aber gedacht.

»Padar.« Vater.

Sie schlüpfte zwischen zwei Helfern hindurch zur Trage und beugte sich über das Mädchen. Sie sagte auf Dari: »Ganz ruhig, Liebes. Er kommt gleich.«

Die blonde Ärztin im orangefarbenen Notarztanzug blickte erstaunt auf.

»Sind Sie eine Verwandte?«

»Nein, aber sie hat von ihrem Vater gesprochen.«

»Es ist keine Sie, es ist ein Junge.«

Ein Junge, in diesem Gewand, mit Schmuck und Make-up … Farah war sofort klar, was das vermutlich bedeutete. Nie hätte sie gedacht, dass diese jahrhundertealte Tradition aus ihrem Herkunftsland hier im Westen ankommen könnte. Aber so war es, der Beweis lag blutend vor ihr auf der Trage.

»Haben Sie einen Dolmetscher?«, fragte Farah.

»Wird telefonisch angefordert«, antwortete die Ärztin und hielt Farah zurück, als der Junge in den Schockraum gerollt wurde.

»Ich kann übersetzen!«, rief Farah ihr nach, während sie beobachtete, wie der Junge samt gelbem Brett auf den Behandlungstisch gehoben wurde. Es entstand ein nervöser Wortwechsel. Soweit Farah heraushören konnte, weigerte sich die Ärztin, den Jungen dem Traumateam zu überlassen. Plötzlich winkte sie Farah zu sich.

»Fragen Sie ihn, wer sein Vater ist«, sagte sie, als sie das Gewand wegzuschneiden begann. Zwei Pflegerinnen nahmen dem Jungen sämtliche Schmuckstücke ab und steckten sie in einen durchsichtigen Plastikbeutel, den sie unten an die Trage hängten.

Farah näherte sich dem Jungen, dessen magerer Leib gerade zugedeckt wurde. Sie schätzte ihn auf sieben, höchstens acht Jahre. Sein schwaches Wimmern war herzzerreißend, so etwas vergaß man nie mehr. Leise begann sie auf Dari mit ihm zu sprechen, sie sagte ihm, dass er in Sicherheit sei, dass er durchhalten müsse und dass er tapfer sei wie ein Löwe. Dass sie bei ihm bleiben werde.

Vorsichtig berührte sie seine Hand, der Junge griff nach ihren Fingern.

»Wie heißt du?«

Er blickte sie verstört an, als käme sie aus einer anderen Welt.

»Namet chist?« Wie ist dein Name? Sie näherte sich mit dem Ohr seinem Mund, aber weil um sie herum laut Anweisungen und Informationen ausgetauscht wurden, konnte sie sein flüsterndes Stammeln nicht verstehen.

Sie hörte die blonde Notärztin telefonisch einen Patienten mit »Dringlichkeitsstufe rot« ankündigen. Kurz darauf kam eine Pflegerin angerannt. »Der Traumatologe ist unterwegs«, rief sie.

»Ich operiere«, erwiderte die Ärztin ruhig, während sie zwischen zwei Rippen einen Schlauch einführte. Bei dem Anblick bekam Farah weiche Knie.

Sie beugte sich wieder zu dem Jungen hinunter und flüsterte ihm ins Ohr: »Ma Farah astom, to ki hasti?« Ich bin Farah, wer bist du?

Sie sah Tränen über seine Wangen rollen und hätte am liebsten mitgeweint, riss sich aber zusammen. Etwas anderes als Floskeln fiel ihr nicht ein.

»Ich bin bei dir. Ich gehe nicht weg.«

Der Junge schaute sie flehend an, als sie ihm sanft die Tränen aus dem Gesicht wischte.

»Hat er Ihnen schon was gesagt?«, fragte die Ärztin.

»Noch nicht. Wo haben Sie ihn eigentlich gefunden?«

»Amsterdamse Bos. Angefahren. Fahrerflucht.« Farah konnte die Wut aus der knappen Antwort heraushören. Gleich darauf wandte sich die Ärztin wieder an die Pflegerinnen: »Also. Wir haben eine Open-Book-Fraktur und Femurfraktur. Wahrscheinlich innere Blutungen im Beckenraum, möglicherweise auch im Kopf. Der Junge kommt erst in den OP. Die Beckenfraktur muss stabilisiert werden, damit er nicht verblutet. Anschließend CT. Alles klar?«

Der Junge wurde aus dem Schockraum herausgerollt. Farah ging neben ihm her und hielt seine Hand. Auf dem Weg zum Aufzug kam die Ärztin hinzu.

»Wie heißen Sie?«, fragte sie im Fahrstuhl.

»Farah.«

»Hören Sie, Farah, Sie dürfen nicht mit in den OP.«

»Das hatte ich auch nicht vor.«

»Aber können Sie Ihren Namen und Ihre Telefonnummer hinterlassen?«

»Ich melde mich wieder«, antwortete Farah. »Nach wem muss ich fragen, wenn ich Sie sprechen will?«

»Nach Danielle. Danielle Bernson.«

Der Junge stöhnte. Farah hielt immer noch seine Finger; mit der anderen Hand strich sie ihm übers Haar.

»Gleich wirst du schlafen«, flüsterte sie. »Dann sind alle Schmerzen weg. Und wenn du aufwachst, bin ich wieder da.«

Er schien sich ins Unvermeidliche zu ergeben.

Die Fahrstuhltüren öffneten sich. Sie gingen durch einen leeren Flur zum OP 12.

»Wir sind da«, sagte Danielle.

Farah beugte sich tief zu dem Jungen hinunter.

»Die Ärztin wird alles Nötige für dich tun. Ich warte hier auf dich. In Ordnung?«

Einen Moment schaute er sie fast verzweifelt an. Farah küsste ihn auf die Wange und ließ langsam seine Hand los.

»Danke, Farah«, sagte Danielle, während der Junge in den OP gerollt wurde.

Farah hörte sie kaum. Als der Junge hinter den Schiebetüren verschwunden war, nahm sie nur noch das wilde Hämmern ihres eigenen Herzens wahr. Eine Weile wanderte sie in dem leeren Flur auf und ab. Dann fasste sie einen Entschluss. Sie betrat wieder den Fahrstuhl und fuhr zur Tiefgarage hinunter. Fünf Minuten später jagte sie mit ihrem Porsche über die A9.

4

Farah bremste hart und wechselte auf die Ausfahrt Amsterdamse Bos. Während sie konzentriert die Kurven der bald nur noch spärlich beleuchteten Straße durch den Stadtwald nahm, wurde ihr bewusst, dass sie gerade etwas tat, das sie sich schon vor langer Zeit zu tun verboten hatte: dem erstbesten Impuls nachgeben.

Gedankenlos war sie hierher gefahren, ohne eine Vorstellung davon, was sie überhaupt suchte oder wo sie suchen sollte. Was hatte sie dazu getrieben? War es der Blick des Jungen? Seine Angst? Seine Verzweiflung, hörbar in einem einzigen geflüsterten Wort, das wie ein Echo aus ihrer eigenen Vergangenheit klang?

Sie fuhr an den Straßenrand, hielt an und ließ den Motor laufen. Ihr Herz klopfte immer noch viel zu schnell. Sie schloss die Augen und versuchte, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Sie sah sich wieder in dem Garderobenspiegel, am Anfang des Abends. Voller Selbstvertrauen. Unter ohrenbetäubendem Jubel stieg sie zu der Matte im großen Saal des alten Theaters hinauf. Doch statt der Russin stand dort der Junge in seinem handgewebten, goldbestickten Gewand. Während der Jubel verstummte, blickte er Farah unbewegt an. Dann hob er den rechten Arm. Der zögernde Beginn eines Begrüßungsrituals. Fast unerträglich langsam drehte er sich dabei um die eigene Achse. Mit einem flüchtigen Stampfen des rechten Fußes brachte er die Glöckchen an seiner Fessel zum Klingeln.

Er begann zu tanzen, langsam und unbeteiligt, als bewege er sich fremdgesteuert und willenlos im grellweißen Licht des Spots. Aber in seinem Blick sah Farah Verzweiflung, die gleiche Verzweiflung, die sie selbst empfunden hatte, als sie im Krankenhaus seine Hand gehalten und er beinah unhörbar geflüstert hatte.

»Padar.«

Wie oft hatte Farah das Dari-Wort für Vater gedacht, in dem Schweigen, das zu den Toten gehört. Heute Abend hatte der Junge mit seinem Flüstern dieses jahrelange Schweigen plötzlich gebrochen. Und die wenigen heiseren Laute hatten in ihr wieder den Willen geweckt, etwas zu ergründen, das sie immer noch nicht verstand. Sie würde die Spur dieses Jungen zurückverfolgen. Und bei der Suche würde sie vielleicht nicht nur mehr über ihn, sondern auch über sich selbst erfahren.

Irgendetwas sagte ihr, dass die Geschehnisse hier in diesem Wald heute Abend von viel größerer Bedeutung für ihr Leben waren, als sie im Augenblick erkennen konnte. Der Gedanke machte ihr Angst, aber sie war fest entschlossen, diesmal auf ihre Intuition zu vertrauen. Seltsamerweise ließ dieser Entschluss ihr Herz allmählich ruhiger schlagen.

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie im Rückspiegel zwischen den Bäumen blaue Lichtstreifen periodisch aufleuchten. Kurz danach sauste das glänzend rote Metall eines Feuerwehrfahrzeugs mit heulender Sirene vorbei. Sie gab sofort Gas und fuhr dem Wagen nach. Als er nach links auf einen schmalen Waldweg abbog, hielt sie an. In etwa hundert Metern Entfernung schossen Stichflammen auf. Ein Unfall an einer so abgelegenen Stelle? Unwahrscheinlich. Sie wollte lieber weiter der Straße folgen. Eine richtige Entscheidung, wie sich wenige Minuten später zeigte. Im Licht großer Arbeitslampen hockten zwei Spurensicherer auf dem Asphalt.

Farah stieg aus dem Wagen und blieb vor dem rotweißen Band stehen, das quer über die Straße gespannt war. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihre Kleidung nicht ganz zu den Umständen passte. Was sie anhatte, war als Gala-Outfit für den ursprünglich geplanten festlichen Abschluss des Abends gedacht: eine schwarze Chanel-Hose, die Beine locker bis über die Waden aufgekrempelt, und offene Castello-Stiefeletten mit hohen Blockabsätzen. Ihren glänzend schwarzen Versace-Blazer aus dem Secondhand-Laden hatte sie auf dem Rücksitz liegen lassen. In dem engen, silbern glitzernden T-Shirt und mit ihrem wirren Haar sah sie aus wie ein Fotomodell, das mitten in einem Shooting vom gesamten Aufnahmeteam im Stich gelassen worden war.

Ein wenig ratlos beobachtete sie, wie einer der Beamten in ungefähr dreißig Metern Entfernung auf der rechten Straßenhälfte Bremsspuren markierte. Die Spuren bogen nach rechts auf den unbefestigten Seitenstreifen ab. Einige Meter dahinter, ebenfalls auf der rechten Seite, waren mit weißer Kreide Umrisse auf den Asphalt gezeichnet: ein kleiner Körper in bizarrer Haltung, wie eine Comicfigur in einer sinnlosen Bewegung erstarrt. Dort hatte der Junge gelegen.

Die Bremsspuren konnten von dem Wagen stammen, der den Jungen angefahren hatte. Allerdings lagen mehrere Meter zwischen dem Umriss und der Stelle, an der die Spuren auf den Seitenstreifen wechselten. Der Wagen musste den Jungen mit großer Wucht getroffen und meterweit durch die Luft geschleudert haben. Oder er hatte dem Jungen noch ausweichen können, ihn also gar nicht angefahren, weil der Fahrer heftig gebremst und den Wagen nach rechts gelenkt hatte, wo er schließlich an einem Baum zum Stillstand gekommen war. In diesem Fall hatte der Junge nicht auf der Straße gestanden, sondern schon gelegen.

Farah sah, dass auf der linken Straßenseite in Höhe der Kreidezeichnung der zweite Beamte andere Bremsspuren untersuchte. Sie bückte sich unter dem Flatterband durch und ging auf ihn zu. Er war noch jung. Da er sich ganz auf den nassen Asphalt konzentrierte, wurde er sich ihrer Anwesenheit erst bewusst, als sie direkt vor ihm stand. Überrascht blickte er zu ihr auf.

»Entschuldigen Sie die Störung. Ich wohne hier in der Nähe«, sagte Farah freundlich. »Ich wüsste gern, was hier passiert ist.«

Der junge Polizeibeamte musterte sie einen Moment und deutete schließlich auf einen Punkt hinter ihr. »Ist das Ihrer?«

»Der Carrera?«, fragte Farah und drehte sich kurz um. »Ja, das ist meiner.«

»3,2-Liter-Heckmotor, 230 PS, tiefer gelegtes Fahrwerk und Gasdruckstoßdämpfer. In so etwas will man nicht nur fahren, in so was will man wohnen«, stellte der Spurensicherer mit bewunderndem Kennerblick fest. »Und ich würde wetten, dass er in sechs Sekunden von null auf hundert kommt.«

»Das habe ich nie ausprobiert«, sagte Farah. »Er ist von 1987, ich versuche, ihn zu schonen.« Offenbar hatte sie den ersten Test bestanden, und das wollte sie ausnutzen. Sie zeigte auf die Scherben eines Scheinwerfers. »Wie schnell ist dieser Wagen gefahren?«

»Grob geschätzt, knapp achtzig. Vollbremsung. Sieht man an den fetten Spuren hier.« Sein Finger kreiste über dem Ende der Bremsspur, wo die Abdrücke am deutlichsten waren.

»Der Junge lag dort«, sagte Farah und schaute zu der Kreidezeichnung. »Kann er von diesem Wagen angefahren worden sein?« Sie hätte sich auf die Zunge beißen mögen. Der Mann wurde sofort misstrauisch.

»Der Junge?«

»Ich bin Journalistin«, gestand Farah. »Ich möchte herausfinden, wer hierfür verantwortlich ist.«

»Können Sie sich ausweisen?« Seine Stimme verriet jetzt Nervosität. Er besaß noch wenig Erfahrung und versuchte, ihr mit seinem bisschen Autorität zu imponieren. Aus dem Augenwinkel sah sie den zweiten Beamten näher kommen. Sie unternahm einen letzten Versuch.

»Sie tun Ihre Arbeit und ich meine. Stammen die Spuren auf der anderen Seite vom selben Wagen?« Der andere Beamte, zweifellos der Vorgesetzte seines jungen Kollegen, war nur noch wenige Meter entfernt. »Ich meine«, fügte sie schnell hinzu, »war hier mehr als ein Wagen?«

»Das hier ist ein Tatort. Sie müssen hinter der Absperrung bleiben.«

Farah blickte in das mürrische Gesicht des zweiten Spurensicherers und wusste, dass sie kein Entgegenkommen mehr erwarten konnte.

»Das verstehe ich. Entschuldigen Sie bitte.« Sie merkte, dass ihr plötzlich zum Heulen zumute war, und wandte sich schnell ab. Im Weggehen konnte sie die beiden Männer miteinander tuscheln hören.

»Hallo?!«, rief der Ältere.

Sie drehte sich um und sah ihn näher kommen.

»Wie ich höre, sind Sie von der Presse.«

»Ähm, das stimmt«, antwortete Farah, »aber ich bin hier, weil …« Wieder musste sie mit den Tränen kämpfen. »Ich war dabei, als er in die Notaufnahme gebracht wurde. Ein schwer verletztes Kind einfach liegen zu lassen, hier … das ist doch …«

Sie standen sich einen Augenblick schweigend gegenüber.

»Es tut mir leid, wir dürfen der Presse keine Auskünfte geben.« Er lächelte verschwörerisch. »Aber Sie haben Recht.«

»Womit?«

»Es war mehr als ein Wagen.«

Sie brauchte einen Moment, um die Bedeutung seiner Worte zu erfassen.

»Ich danke Ihnen«, sagte sie heiser.

»Wofür?«

»Für Ihre … Hilfe.«

»Wir haben niemandem geholfen. Hier war niemand, der um Hilfe gebeten hat.« Er drehte sich um. »Kevin, hast du hier in den letzten fünf Minuten jemanden gesehen, der etwas wissen wollte?«

Sein junger Kollege schüttelte lächelnd den Kopf.

Farah stieg in den Carrera, wendete und fuhr zu dem Waldweg zurück, auf den der Feuerwehrwagen abgebogen war. Währenddessen versuchte sie zu ordnen, was sie gerade gesehen und erfahren hatte. Auf beiden Straßenseiten Bremsspuren, aus entgegengesetzten Richtungen. Zwei Wagen. Praktisch gleichzeitig oder kurz nacheinander an derselben Stelle. Und der Junge als Bindeglied. Drei Elemente eines makaberen Rätsels, das vorläufig ein Rätsel blieb.

Als sie den Waldweg erreichte, waren immer noch Flammen zu sehen. Sie fragte sich gar nicht erst, was dieses Feuer mit dem Unfall zu tun haben könnte. Sie folgte einfach ihrer Intuition, und die sagte ihr, dass sie sich die Sache aus der Nähe anschauen sollte.

5

Ein von Bäumen umgebenes Inferno erwartete sie. Nicht das Feuer und das Chaos zogen sie an. Es war vor allem das unbestimmte Gefühl, es könne einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen hier und dem Unfall mit Fahrerflucht ganz in der Nähe geben.

Ein Polizist forderte sie mit erhobener Hand zum Anhalten auf, doch sie wedelte kurz mit ihrem Presseausweis, in der Hoffnung, dass er sie für eine Kriminalbeamtin hielt, und gab Gas, ohne seine Reaktion abzuwarten. Direkt hinter einem Löschwagen stellte sie den Porsche ab, öffnete die Tür und ging schnell um das Feuerwehrfahrzeug herum zu der Lichtung, auf der behelmte Männer das rauchende Gerippe eines Kombis mit dicken Schichten weißen Schaums bedeckten. Jemand brüllte etwas. Zu spät merkte sie, dass sie in Reichweite eines Strahlrohrs geraten war, das die Bäume in der Umgebung der Brandstelle nass hielt. Bevor sie zur Seite springen konnte, wurde sie von einem Schwall Wasser umgeworfen.

Als sie sich benommen und völlig durchweicht aufrappelte, half ihr eine unbekannte Hand. Noch schwankend auf ihren hohen Absätzen, schaute sie in die hellbraunen Augen eines jungen Mannes mit einem schmalen, modischen Schnauz- und Kinnbart, der die kantigen Linien seines anziehenden Gesichts betonte.

»Verirrt?«, schrie er, um den Lärm zu übertönen.

»Eher unerwünscht, fürchte ich«, sagte Farah und zupfte an ihrem T-Shirt, das sich wegen des Wassers wie dünne Folie um ihren Oberkörper spannte. Sie konnte zupfen, so viel sie wollte, der durchweichte Stoff legte sich gleich wieder faltenlos um ihre BH-freien Brüste. Sie hätte ebenso gut topless herumlaufen können.

»Joshua Calvino, Kriminalpolizei. Was macht eine Dame wie Sie in einem Wald wie diesem?« Er sagte es so schelmisch, dass sie trotz allem lächeln musste.

»Okay, Joshua. Ich war in der Notaufnahme des WMC, als ein schwer verletzter Junge eingeliefert wurde. Er ist hier in der Nähe angefahren worden. Und ich wollte wissen, was genau passiert ist.«

»Der Junge wurde aber an einer anderen Stelle angefahren.«

»Hmm, weiß ich. Dort war ich schon.«

»Was suchen Sie dann hier?«

»Es waren zwei Autos beteiligt. Es könnte sein, dass einer dieser Wagen hier angezündet worden ist.«

Er blickte sie aufmerksam an. Sie sah, dass er sich die größte Mühe gab, nicht auf ihre Brüste zu schauen.

»Sie wandern sicher nicht zum Vergnügen bei Nacht und Nebel durch den Stadtwald. Was machen Sie beruflich?«

»Ich bin Journalistin.« Sie zeigte ihm ihren Ausweis. Inzwischen hatten sie die Stelle erreicht, an der das ausgebrannte Wrack fast unter Löschschaum verschwunden war. Der Boden war matschig, und dicke Rauchschwaden hingen in der Luft. Mitten in dem Durcheinander, zwischen hin und her rennenden Feuerwehrleuten mit langen Schläuchen, fiel ihr ein nicht uniformierter Mann mittleren Alters auf, der wütend gestikulierte und den Einsatzleiter anschnauzte.

»Mein Partner«, erklärte Joshua, der die Szene verärgert beobachtete. »Er regt sich so auf, weil die Männer mit ihrem Löschgerät und ihren Stiefeln wahrscheinlich alle Spuren verwischt haben. Und dadurch sind vielleicht entscheidende Hinweise verloren gegangen.«

»Was ist mit dem Auto passiert?«, fragte sie vorsichtig.

»Mit Benzin übergossen und dann … pfft.« Joshua Calvino stellte pantomimisch das Anzünden und Wegwerfen eines Streichholzes dar.

Der andere Fahnder näherte sich mit energischem Schritt. Man sah ihm an, dass er auf Farahs Anwesenheit deutlich weniger Wert legte als sein jüngerer Kollege.

»Die Kerle da sind Katastrophe genug«, sagte er und zeigte auf die Feuerwehrleute hinter ihm. »Das Letzte, was wir hier noch brauchen, sind Katastrophentouristen.« Dabei schaute er so demonstrativ auf Farahs Brüste, dass sie sofort heftige Abneigung gegen ihn empfand.

»Sie war in der Notaufnahme, als man den angefahrenen Jungen gebracht hat«, erklärte Joshua. »Sie glaubt, dass der Brand hier etwas mit dem …«

Er brach ab, weil die Feuerwehrmänner beim ausgebrannten Kombi aufgeregt durcheinanderriefen. Farah folgte ihm eilig zu dem Wrack. Dort sah sie etwas, das sie lieber nicht gesehen hätte: zwei schwarze, in bizarrer Haltung erstarrte Körper auf der Ladefläche, von einem Muster aus Schaum überzogen.

Vom Anblick und Gestank der beiden verkohlten Leichen überrumpelt, drehte sie sich um, stützte sich am nächsten Baum ab und würgte in kurzen, krampfartigen Stößen ihren Mageninhalt aus. Selbst der Geruch des Erbrochenen war angenehm im Vergleich zu dem des verbrannten Menschenfleisches, der sich in ihrer Nase festgesetzt hatte. Sie presste ein Taschentuch auf den Mund und richtete sich wieder auf.

Joshua Calvino legte ihr die Hand auf die Schulter. »Sie haben erst mal genug gesehen.« Er sagte es genau so, wie man es in einer solchen Situation sagen musste. Wie jemand, der sowohl Autorität als auch Einfühlungsvermögen besaß. Jemand, auf den sie gern hören wollte.

»Hier.« Er reichte ihr ein Fläschchen Wasser, das sie gierig leerte.

»Danke.«

»Ich muss weiter. Und Sie müssen hier weg. Meinen Sie, es geht wieder?«

Dieses sinnliche Lächeln, das strahlend weiße Zähne entblößte, passte nun eigentlich gar nicht zur Situation. Aber Joshua Calvino besaß anscheinend auch die Fähigkeit, die Schwerkraft schrecklicher Ereignisse mühelos zu überwinden. Beinahe erwartete sie, dass er zu singen anfing, mit Begleitmusik vom Band, und die Feuerwehrleute im Hintergrund einen Showtanz zum Besten geben würden, wie man es aus Bollywood-Filmen kannte. Sie schaute ihm nach, als er zu seinem jetzt aufgeregt telefonierenden Kollegen ging.

Als sie kurz danach vorsichtig auf die Straße einbog, war ihr schwindelig, vor allem aber war sie deprimiert. Sie fuhr auf dem schnellsten Weg um den Amstelveense Poel herum zu dem großen reetgedeckten Haus, das dem Fernsehregisseur und Dokumentarfilmer David van Rhijn gehörte. Schon ein halbes Jahr hielt ihre Beziehung zu diesem Mann, der all ihren Launen gewachsen zu sein schien.

David war an diesem Abend aus Indien zurückgekehrt, nach Dreharbeiten zu einem Film über die Geschichte des dortigen Eisenbahnnetzes, das täglich etwa achtzehn Millionen Menschen beförderte. Sie wusste nicht, wie er den Flug verkraftet hatte und ob er noch wach war. Eigentlich hätte sie ihn gern erst angerufen, aber sie entschied sich dagegen. Wenn er schlief, wollte sie ihn nicht wecken. Dann war es besser, wenn sie sich behutsam an ihn schmiegte, zur Ruhe kam und einschlief.

Sie dachte an die Erlebnisse der vergangenen Stunden. Den Kampf im Carré, sein Ende, die Ankunft des Jungen im Krankenhaus, ihre eigenen eher hilflosen Versuche zu helfen, die Bemühungen der Ärztin, die sich den Fall so zu Herzen nahm.

Ursprünglich war sie ja wegen ihrer verletzten Gegnerin zum Krankenhaus gefahren, fiel ihr plötzlich ein, als Davids Haus in Sicht kam. Der Zufall war doch nichts anderes als eine meisterhafte Inszenierung. Schon deshalb hätte sie so gern an ihn geglaubt.

6

Davids Haus strahlte etwas Beschützendes und Harmonisches aus. Während Farah die breite Holztreppe hinaufstieg, erinnerte sie sich daran, wie sie vor sechs Monaten zum ersten Mal durch diese Räume gestreift war, eine Alice im Wunderland. Das Haus war die Heimstatt eines Globetrotters, der von seinen Reisen asiatische Drachen, afrikanische Donnergötter, mexikanische Skelette, Buddhas, russische Ikonen oder amerikanische Baseball-Devotionalien mitzubringen pflegte. Ein unerschöpfliches Raritätenkabinett, das sich mit den italienischen Designermöbeln, postmodernen Gemälden und unzähligen Büchern, die überall in Stapeln herumlagen, wundersamerweise zu einem organischen Ganzen fügte.

Als sie ihn kennengelernt hatte, trauerte er um die Liebe seines Lebens, die vor einiger Zeit an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben war. Seine Offenheit, wenn er über den Verlust und die plötzliche Leere sprach, und seine Schuldgefühle, weil er trotz allem wieder so etwas wie einen möglichen neuen Lebenssinn, Farah selbst nämlich, entdeckte, hatten sie berührt. Er gebärdete sich nicht als Opfer, versuchte nicht, ihr Mitleid zu erwecken, um sie dann zum Trost in sein leeres Bett zu holen. Er erzählte ihr einfach von seinem Leben, wie er es nun sah. Sie spürte Leid ohne Übertreibung, Kummer ohne Scham. Trauer ohne Hintergedanken.

Schuld an Farahs plötzlich erwachter Leidenschaft für diesen gedrungenen Mann mit dem dunklen Lockenkopf und der unerschöpflichen Energie waren seine melancholischen Augen. Sie gaben ihr das vertraute Gefühl von Geborgenheit wieder, das sie seit ihren Kinderjahren in Kabul vermisst hatte. Zwei Tage nach ihrer ersten Begegnung klingelte sie an der Tür des freistehenden Hauses mit Aussicht auf den Amstelveense Poel. Nachdem David geöffnet hatte, standen sie sich eine Ewigkeit schweigend gegenüber, bis ihm Tränen in die Augen traten. Sie schlang die Arme um ihn und küsste die Tränen weg. Endlich war sie zu Hause.

Aber bis heute noch nicht so weit, dass sie endgültig bei David einziehen wollte. Er hatte gesagt, sie könne seinetwegen gern »den ganzen verdammten Krempel ausräumen«, um sein Haus auch zu ihrem zu machen. Wenn er da war, empfand sie es als sein Reich und fühlte sich wohl darin. Doch sobald er wieder in irgendein fernes Land abreiste, erschien das riesige Haus auf einmal bedrückend leer. Nur manchmal hörte sie dann noch ein schwaches Echo ihrer eigenen, kindlichen Juchzer, wenn David sie durch die Zimmer und Flure jagte und dabei archaische Brunftlaute ausstieß, und betrachtete lächelnd das Bett, auf dem sie es trieben, mal temperamentvoll und schnell, mal geduldig und langsam, aber immer mit Lachen und Flüstern, Worten der Verwunderung.

Außerdem vermisste sie die köstlichen Düfte aus der Küche, denn bei aller robusten Männlichkeit war David auch ein raffinierter Koch. Ihr zuliebe hatte er sich gleich nach dem Kennenlernen mit afghanischen Rezepten beschäftigt und ihr Lieblingsgericht Qabili palau auf den Tisch gezaubert, als sie das erste Mal zum Essen kam.

Trotz allem behielt sie vorläufig ihre Wohnung am Nieuwmarkt mitten im Zentrum von Amsterdam.

Doch jetzt sehnte sie sich stärker denn je danach, bei ihm zu sein. Nach seinem massigen Leib. Seinem würzigen Single-Malt-Atem. Seinen riesigen Händen. Seiner männlichen Umarmung. Sie schlich ins Schlafzimmer auf der ersten Etage, wo sie ihn leise und unregelmäßig schnarchen hörte. Die Nachttischlampe war noch an, ihr Licht spiegelte sich in der Flasche Campbeltown Whisky zwischen der geöffneten New York Times und dem auseinanderfallenden Independent.

Sie legte ihre Ringe ab, das Armband und die Kette, zog sich leise aus, ging auf Zehenspitzen ins Badezimmer und stellte die Dusche auf Massage. Bald spürte sie, wie ihr Körper sich unter dem breiten, heißen Strahl allmählich entspannte und ihr Widerstand gegen den Kummer schwand. So hätte sie eine Ewigkeit stehen können: die Arme vor den Brüsten gekreuzt, den Rücken leicht gebeugt. Wie Eva auf einem Gemälde von Michelangelo, in dem Augenblick, als sie vom Erzengel aus dem Paradies vertrieben wurde.

Als sie sich umdrehte, stand David in der Tür, zerzaust, nackt und in einem labilen Gleichgewicht zwischen Schlafen und Wachen. Er lehnte sich an den Türrahmen und kratzte sich mit der linken Hand gedankenlos im Schritt.

»Ich hab auf einem indischen Sender eine Art Castingshow gesehen«, sagte er nach einem Gähnen. »Sie heißt Bathroom Singer« – wieder ein Gähnen –, »und der Witz ist, dass die Kandidaten angeblich nur im Badezimmer singen können. Einfach unglaublich, sie haben im Studio ein komplettes Badezimmer aufgebaut, und die Sendung ist ein echter Hit.« Er schlafwandelte auf sie zu, wobei sein Glied sich aufzurichten begann, und sagte mit übertriebenem indischem Akzent und in schmeichlerischem Ton: »So welcome to the show, miss Hafez. What will you sing for us tonight?« Erst als er vor ihr stand, sah er, dass sie weinte.

»Sind das Glückstränen, weil du gewonnen hast, oder bist du einfach so froh, mich wiederzusehen?«, fragte er unsicher lächelnd. Er schloss sie in die Arme.

Farah schmiegte sich an seinen warmen, behaarten Leib und schluchzte.

»Ist ja gut, Liebling, komm.« Er hob sie hoch, trug sie ins Schlafzimmer, setzte sich mit ihr in den Armen aufs Bett und bedeckte ihr nasses Gesicht mit zärtlichen Trostküssen. Dann schaute er sie lange und ernst an. Abwartend.

»Einen Augenblick nicht sprechen«, flüsterte sie und schob ihn sanft zurück. Als er sich seufzend aufs Bett sinken ließ, beugte sie sich über ihn, ließ die Tropfen von ihren nassen Haaren auf seine Brust fallen und küsste ihn lange und stürmisch.

Es erregte sie, so über ihm zu knien. Mit dem linken Mittelfinger massierte sie ihre Klitoris, bis sie feucht genug war, ihn in sich hineingleiten zu lassen. Sie richtete sich auf und begann die Hüften rhythmisch vor und zurück zu bewegen, eine reitende Amazone. David packte mit seinen Pranken ihre Hüften, zog, als wolle er noch weiter in sie eindringen, und bewegte sein Becken auf- und abwärts.

»Schneller«, stöhnte sie, sie spürte, dass sie jeden Moment kommen würde.

»Schneller«, wiederholte sie beinahe flehend, als er tiefer in sie eindrang. Dann kam das erlösende Gefühl, von einer haushohen Welle emporgerissen zu werden und sekundenlang schwerelos über dem Bett zu schweben, und sie schrie auf. Kurz danach war David so weit, dass er sich zuckend in ihr entlud.

Als sie wieder sanft auf ihm landete, schien ihre Trübsal langsam davonzutreiben.

Sie wusste nicht, wie lange oder wie kurz sie neben David gelegen hatte. Sie war klamm. Der Digitalwecker zeigte fünf Minuten nach vier. Sehr vorsichtig löste sie sich aus Davids Umarmung, ging lautlos zur offenen Balkontür und trat zwischen den wehenden Gardinen ins Freie. Der Regen hatte in dieser zu warmen Augustnacht eine Scheinkühle hinterlassen.

Gedankenverloren blickte sie über den Amstelveense Poel zum gegenüberliegenden Ufer, in dieser Jahreszeit das Reich von Graureihern, Nilgänsen und Mönchsgrasmücken. Unbegreifliches faszinierte sie seit jeher. Als sie fünf Jahre alt gewesen war, hatte sie vom Fenster aus ihren Vater unter dem Apfelbaum diese langsamen Schlag- und Trittbewegungen vollführen sehen. Ein unwirklicher Tanz zu unhörbaren Klängen. In ihrem jungen Geist blitzte die Befürchtung auf, ihr Vater sei verrückt geworden. Doch seine Ruhe, Kraft und Selbstbeherrschung fesselten sie, und mit offenem Mund verfolgte sie ein Ritual, so herausfordernd geheimnisvoll und unbegreiflich, dass sie es um jeden Preis ergründen musste.

Morgen für Morgen hatte sie ihn dann heimlich von ihrem Fenster aus beobachtet und bald entdeckt, dass die Abfolge seiner Bewegungen immer gleich war. Sie begann, ihn nachzuahmen. Tag für Tag. Bis sie genug Mut gesammelt hatte, um eines Morgens als Erste unter dem Apfelbaum zu stehen und darauf zu warten, dass ihr Vater aus dem Haus kam. Sobald er erschien, machte sie die erste Bewegung, graziös, wie sie es bei ihm gesehen hatte. Als sie fertig war, stand ihr Vater noch vor der Tür. Reglos. Sie blickte ihn an, bereit für die Strafe, die sie womöglich erwartete. Aber er legte schweigend die Handflächen gegeneinander und verbeugte sich vor ihr. Diesen magischen Moment sollte sie nie vergessen. Es war der Anfang ihrer seelischen Verbundenheit, die auch seinen Tod vier Jahre später überdauerte.

Der Wind hatte gedreht, der Lärm von der A9 zerstörte die Illusion natürlicher Harmonie. Farah ging ins Zimmer zurück und betrachtete den schlafenden David. Sie lächelte. Sogar während des Traumschlafs wäre er noch ein standfester Liebhaber.

Aber das Versprechen, das sie am Abend gegeben hatte, klang noch in ihr nach: »Buru khauw sho. Waqte ke bedar shodi mar peshet mebashom.« Gleich wirst du schlafen. Und wenn du aufwachst, bin ich wieder da. Im begehbaren Kleiderschrank fand sie Röhrenjeans und eine schlichte weiße Seidenbluse. Während sie in ihre Asics schlüpfte, suchte sie ihr Handy und rief im WMC an. Die Operation war noch im Gange. Bisher hatte niemand nach dem Jungen gefragt.

Sie ging zum Bett zurück, beugte sich über David, küsste ihn auf die schweißnasse Stirn und schlich aus dem Schlafzimmer. Leise lenkte sie den Carrera aus der Einfahrt, wie man mit einem kleinen Boot einen sicheren Hafen verlässt und aufs offene Meer hinausfährt.

7

Als Marouan Diba gegen vier Uhr morgens mit dem alten Toyota Corolla vom Amsterdamse Bos in Richtung Polizeidirektion Amstelveen fuhr, war er fix und fertig. Er stank nach Rauch und schwitzte wie ein Affe. Schon deshalb ärgerte es ihn, dass sein viel jüngerer Kollege Joshua Calvino neben ihm noch so frisch und munter aussah, als hätte der Bereitschaftsdienst gerade erst begonnen.

»Ich hab's doch gesagt: zu viele Kohlehydrate, zu fettes Fleisch und jede Menge künstliches Giftzeug«, spottete Calvino, als sich auch noch Marouans Darm lautstark zu Wort meldete. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, kurbelte er die Seitenscheibe hinunter.

Marouan wusste, dass sein gepflegter Kollege Recht hatte. Dreimal hatte er in dieser Nacht bei einem Schawarma-Imbiss angehalten und eine Ladung Weißbrot und Schafsfleisch mit einem Mischmasch an Soßen hinuntergeschlungen. Calvino war nur einmal mitgegangen und hatte ein paar Salatblätter aus einem Plastikschälchen gegabelt.

»Aber tröste dich«, sagte Calvino grinsend, während er zufrieden auf das Display seines Handys schaute, »heute wird wieder ein herrlicher Tag, fast wolkenlos, bis zu 32 Grad Celsius und durchschnittlich Windstärke 3 auf der Beaufortskala, was bedeutet …«

»Dass es keinen Grund gibt, noch mehr Worte darüber zu verlieren«, unterbrach ihn Marouan, gab Gas und schnitt die Kurven, weil er dringend auf die Toilette musste. Doch Calvino arbeitete sich weiter an Marouans Toleranzschwelle heran und stimmte aus vollem Halse seinen Lieblingssong an: »It's a new dawn, it's a new day, it's a new life …«

»Hör mal, du halber Itaker«, sagte Marouan laut, »ich erkläre dich für unheilbar krank. Du leidest an chronischer Positivitis.«

»Und das«, entgegnete Calvino lachend, »sagt jemand, dessen Nachname mit D wie Depression anfängt!«

Die unablässigen Frotzeleien hatten vor allem den Zweck, ihre Zusammenarbeit erträglich zu machen. Wenn Marouan daran dachte, wie leicht Calvino es hatte, konnte er grün vor Neid werden. In den achtziger Jahren hatten Marouan und andere junge Männer mit ausländischen Wurzeln noch Barrieren niederreißen und sich mit den Vorurteilen im Polizeiapparat herumschlagen müssen. Vorkämpfern wie Marouan hatten es Leute aus Calvinos Generation zu verdanken, dass sie heute viel leichter vorankamen. Der Rang, mit dem Calvino gleich nach der Ausbildung seine Laufbahn bei der Kriminalpolizei begonnen hatte, war Marouan damals wie ein fast unerreichbares Endziel vorgekommen. Der Gedanke, dass er selbst nicht mehr von seiner Pionierarbeit profitieren würde, war immer noch schwer zu ertragen. Aber es gab in Marouans Leben noch manches andere, das schwer zu ertragen war, und auch damit hatte er sich irgendwann abgefunden.

Eine Hitzewelle im August. Die drückende Wärme hielt nun schon sechs Tage an, und allein während seines Bereitschaftsdienstes, der um zweiundzwanzig Uhr angefangen hatte und offiziell heute Morgen um sechs enden würde, hatte sie der Leitstelle eine Rekordzahl an Notrufen beschert. Gut, es ging dabei nicht um Serienmorde, Bankraube oder terroristische Anschläge, aber die Auseinandersetzungen zwischen Nachbarn, die Schlägereien und häuslichen Handgreiflichkeiten folgten so beunruhigend schnell aufeinander, dass Marouan den Eindruck hatte, die gesamte niederländische Bevölkerung stehe kurz vor dem Durchdrehen.

Als nach Mitternacht ein angefahrenes Kind im Amsterdamse Bos gemeldet wurde, hatte er das Gefühl, die Welt würde für einen Moment den Atem anhalten. Die Vorstellung, dass jemand ein schwer verletztes Kind auf einer einsamen Straße mitten im Stadtwald zurückließ, hatte ihn so wütend gemacht, dass er viel zu schnell fuhr und fast den quer auf der Straße stehenden Rettungswagen gerammt hätte. Er glaubte oft, dass er in seinem Leben schon alles gesehen hatte, dass es nicht mehr schlimmer kommen konnte, dass er abgehärtet war. Aber immer noch gab es Erfahrungen, die ihm an die Nieren gingen. Und diese gehörte dazu.

Als er das lebensgefährlich verletzte Mädchen auf dem nassen Asphalt liegen sah und die blonde Ärztin dabei beobachtete, wie sie eine Kanüle in die aufgeblähte Brusthöhle einführte, hatte er seinen Gefühlen Luft gemacht – obwohl seine Flucherei natürlich niemandem half. Er konnte auch den Ärger der Ärztin verstehen, die ihn am liebsten weggeschickt hätte, denn er schaute ihr auf die Finger, ohne etwas Nützliches zu tun. Überhaupt nicht verstehen konnte er dagegen, dass sein Kollege Calvino sofort richtig reagierte, seinen Schirm öffnete und seine magische Taschenlampe einschaltete. Woher nahm dieser Mensch die Geistesgegenwart? Er machte nicht viel, aber er beherrschte die Situation und stahl Marouan die Show.

Es wurde eine Nacht der Überraschungen. Zuerst entpuppte sich das schwer verletzte Mädchen als schwer verletzter Junge. Und kurz danach war ein dumpfer Knall zu hören, nicht allzu weit weg. Marouan vermutete zunächst einen Unfall auf der nahe gelegenen A9. Aber einige Minuten später, als der Rettungswagen mit dem Jungen gerade außer Sicht war, wurde ein brennendes Auto im Wald gemeldet.

Marouan wies die beiden Streifenbeamten an, die Unfallstelle bis zum Eintreffen der Spurensicherung abzusperren. Dann fuhr er mit Calvino schnell zu der Lichtung, wo sie einen brennenden Kombiwagen vorfanden.

Als die Bäume in der Nähe der hoch aufzüngelnden Flammen reihenweise wie Kerzendochte zu brennen anfingen, konnten sie nur zuschauen. Bald traf die Feuerwehr mit schwerem Gerät ein. Und es geschah, was er befürchtet hatte: Innerhalb von Sekunden verwandelten die behelmten Männer in ihren reflektierenden Uniformen den Tatort in einen Froschtümpel und verwischten alle eventuell vorhandenen Spuren. Er protestierte lautstark und fragte sämtliche Feuerwehrleute nach ihrem Einsatzleiter. Seine Wut erreichte Alarmstufe Rot, als er den Mann gefunden hatte und der ihn mit der sinnlosen Bemerkung abspeisen wollte, sie täten ja nur ihre Arbeit. Marouan gab ihm zu bedenken, dass sie auf diese Weise seine Arbeit unmöglich machten.

Inzwischen flirtete Calvino mit einer patschnassen orientalischen Schönheit, die aus der Luft gefallen zu sein schien. Und weil in dieser verrückten Nacht alles etwas anders war, als man zunächst glaubte, gab sich Miss Wet T-Shirt mit den Traumbrüsten als Journalistin zu erkennen, die gern einen Zusammenhang zwischen dem angefahrenen Jungen und dem brennenden Kombi sehen wollte. Als das Feuer gelöscht war und auf der Ladefläche unter dem Schaum zwei verkohlte Leichen gefunden wurden, war sie dann auf einmal ganz still.

Aber Marouan teilte ihre Vermutung: Auch sein Bauchgefühl sagte ihm, dass hier ein Zusammenhang bestand. Die beiden Tatorte lagen verdächtig nah beieinander, und zwischen dem Notruf wegen des angefahrenen Kindes und dem Anzünden des Kombis konnte nicht viel Zeit vergangen sein.

Den grauenhaften Fund meldete er sofort der Direktion. Plötzlich hatte man es nicht mehr mit einem abgefackelten Auto zu tun, sondern mit einem Doppelmord. Bestimmt eine Abrechnung im kriminellen Milieu. Dann klingelte er Tomasoa aus dem Bett. Der Leiter der Direktion hörte sich Marouans knappen Bericht an und wusste, was zu tun war. Er und der Staatsanwalt würden morgen entscheiden, ob der Fall die Aufstellung einer Sonderkommission rechtfertigte. Marouan ging davon aus, dass er seinen bevorstehenden Urlaub – den alljährlichen dreiwöchigen Familienbesuch in seinem Herkunftsland – nicht zu verschieben brauchte. Seine Frau packte schon die Koffer. Der Flug war für übermorgen gebucht.

Sie waren nun fast da. Marouan biss die Zähne zusammen und versuchte, den Aufstand seines Gedärms zu unterdrücken. Das Lenkrad in seinen Händen schien sich von selbst zu drehen, er dachte wieder an die Journalistin. So plötzlich sie aufgetaucht war, so plötzlich war sie auch wieder verschwunden.

Farah Hafez vom Algemeen Nederlands Dagblad. Marouan kannte die Zeitung, in seinen Augen ein Blatt für Studenten und linke Intellektuelle. Er las De Nederlander, von manchen als Titten-und-Tratsch-Gazette bezeichnet, aber nach seinen Maßstäben eine Qualitätszeitung. Sobald diese Farah Hafez ein trockenes T-Shirt anhatte, würde sie sich auf den Fall des Jungen und des Kombiwagens stürzen und alles auf ihre eigene, provozierende, antiautoritäre Weise erklären. Nach Art des AND eben. Und Kollege Calvino würde es mit veganem Grinsen zur Kenntnis nehmen.

Calvino sollte gleich bei der Spurensicherung anrufen. Deren Erkenntnisse zu dem Unfall mit Fahrerflucht mussten möglichst bald auf seinem Schreibtisch liegen. Am besten brachte er vor dem Urlaub alle Fakten in einen übersichtlichen Zusammenhang, so dass Calvino kaum noch etwas vermasseln konnte.

Während er auf der Besuchertoilette saß und den Kampf mit seinem Darm erleichtert beendete, gestand er sich ein, dass ihm die Sache mit dem Jungen viel näher ging als erwartet. Bald darauf kaute er schon wieder auf einem Schokoriegel und ging zu Calvino, der noch mit der Spurensicherung telefonierte.

»Folgender Plan, Kollege«, sagte er mit Nachdruck, als Calvino das Gespräch beendet hatte. »Wir fahren zum Krankenhaus. Vielleicht ist der Junge ansprechbar. Dann zur Leitstelle. Ich will wissen, wer den Unfall gemeldet hat.«

»Unverbesserlich«, erwiderte Calvino lächelnd nach einem mitleidigen Blick auf den Schokoriegel. Er fing die Autoschlüssel, die Marouan ihm zuwarf. »Wirklich unverbesserlich!«

8

»Eins, zwei, drei, vier … weiterzählen!«, befahl Danielle, während der Junge mithilfe eines Rollboards langsam von der Trage auf den OP-Tisch umgelagert wurde. Erst bei »zehn« lag er so, wie er liegen musste, und konnte geröntgt werden. Danielle hörte die Anästhesistin in ruhigem Ton zu dem Jungen sagen: »I'm going to put you to sleep. Everything will be okay.« Es klang wie aus einem Märchen.

Aber die meisten Märchen hatten ein Happy End, während die Lebensgeschichte dieses Jungen wahrscheinlich ganz anders ausgehen würde, dachte Danielle. Vielleicht wachte er gar nicht mehr auf. Die Art von Empathie, die sie gerade so intensiv empfand, war in Situationen wie dieser ausgesprochen kontraproduktiv. Aber sie konnte sich nicht dagegen wehren, das Mitleid hatte still und leise von ihr Besitz ergriffen. Sie merkte, dass ihr die Hände zitterten und ihr Puls sich beschleunigte.

Während die Narkose eingeleitet wurde, beugte sie sich über den Jungen. Aber sie wusste, dass sie nicht ihn, sondern sich selbst beruhigen wollte. Die Angst war zurückgekehrt. Die gleiche Angst wie vor einem halben Jahr, als sie in die afrikanische Nacht geflüchtet war, vor den Soldaten, die mit Macheten und Sturmgewehren das Lager überfallen hatten. Durch ihre Flucht war sie einem unvorstellbaren Massaker entgangen. Doch sie hatte auch die Kinder in den Sanitätszelten ihrem Schicksal überlassen.

Deshalb würde sie nie mehr flüchten, hatte sie sich geschworen. Und auch jetzt nicht vor der Verantwortung für diesen Jungen davonlaufen.

Zusammen mit der OP-Assistentin begann sie, den Bauch, das Becken und die Oberschenkel des Jungen mit Povidon-Iod einzureiben. Sie markierte gerade die Stellen für die Pins des Fixateur externe, als der benachrichtigte Traumatologe Nick Radder den OP betrat. Radder, Anfang sechzig, war in seiner Freizeit recht umgänglich, aber sobald er in den grünen OP