Schneeflockenträume in New York - Karin Koenicke - E-Book

Schneeflockenträume in New York E-Book

Karin Koenicke

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Beschreibung

Auch die Großstadt verbirgt einen Funken Magie! Der New Yorker Winter zaubert Eisblumen ans Fenster, aber die Malerin Nelly hat den Blick für kleine Wunder verloren. Seit Wochen sucht sie nach dem Aquarellmaler Julian, in den sie sich an einem goldenen Septembertag verliebt hat. Zudem ist ihr Kater verschwunden und ihr Fabrikjob wird immer härter. Vielleicht hält das Leben für Nelly einfach kein Glück bereit? Mitten in der verschneiten Großstadt begegnet sie einem Straßenmusiker, der ihr eine Haselnuss schenkt. Und genau diese unscheinbare Nuss sorgt dafür, dass sich Nellys Leben auf fast schon märchenhafte Weise verändert ... WICHTIGER HINWEIS: Dies ist die komplett überarbeitete Neuauflage des Romans "Drei Nüsse für Nelly".

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Schneeflockenträume in New York

Winterzauber: Band 1

Karin Koenicke

Impressum

Nachdruck, Vervielfältigung und Veröffentlichung - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages!

Im Buch vorkommende Personen und Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2021 dieser Ausgabe Obo e-Books Verlag,

alle Rechte vorbehalten.

M. Kluger

Fort Chambray 

Apartment 20c

Gozo, Mgarr

GSM 2290

Covergestaltung: Claudia Toman

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Inhalt

1. Kobaltgrün

2. Sternennacht - Vincent van Gogh

3. Sienabraun

4. Ballettschule - Edgar Degas

5. Königsgelb

6. Sonnenblumen - Vincent van Gogh

7. Kadmiumorange

8. Untitled - Keith Haring

9. Ultramarinblau

10. Tanz in der Stadt - Auguste Renoir

11. Titanweiß

12. Seerosen - Claude Monet

13. Karminrot

Rezepte

Winterzauber …

Eingeschneit - Ein Weihnachtshörbuch!

1

Kobaltgrün

Nelly

Die Farbe Grün steht wie keine andere für das Leben. Unsere Lungen füllen sich mit dem Sauerstoff, den das Blattgrün uns spendet. Unsere ganze Welt erwächst aus den Pflanzen, immer und immer wieder begrüßt uns ihr neues Grün, sprießen frische Triebe, erblüht die abgestorbene Natur im Frühling. Wohltuendes Grün beruhigt unsere Nerven, lässt uns Kraft tanken. Und nicht zuletzt ist Grün seit Urzeiten in vielen Kulturen die Farbe der Hoffnung.

Ausgerechnet bei den Knallfröschen passierte es. Die Schachteln kamen ganz harmlos auf dem Fließband angefahren, an dem Nelly arbeitete. Sie hüpften nicht mal herum, wie ihr Markenname „Jolly Jumping Jacks“ erwarten ließ, sondern saßen ganz brav in ihren kleinen Kartons und warteten darauf, dass Nelly sie in eine größere Box stapelte, diese zuklebte und etikettierte.

Das Problem war, dass die Frösche grün waren. Nicht irgendwie grün, sondern genau kobaltgrün mit einem Übergang in helles Smaragdgrün am Rand. Und das war es, was Nelly so zusetzte.

„Hast du eine Kröten-Phobie?“, fragte Cole, der ihr gegenüber saß. „Du siehst aus, als hätten die kleinen Hüpfer dir einen mordsmäßigen Schrecken eingejagt. Zuviel Horrorfilme geschaut?“ Mit flinken Händen packte er die Schachteln auf seiner Seite des Bandes und stapelte sie ordentlich aufeinander.

Nelly schüttelte den Kopf und versuchte, damit auch die Erinnerung abzuschütteln. Funktionierte nur leider nicht besonders gut.

„Es ist die grüne Farbe“, seufzte sie schließlich und befüllte ebenfalls eine Box. „Seine Augen hatten genau diesen Farbton.“

Cole verdrehte die Augen, seine hatten ein eher unspektakuläres Umbra-Braun. „Du redest doch wohl nicht von diesem malenden Traummann, der dich damals mit seiner Staffelei beeindruckt hat? Wenn es wenigstens ein Sixpack gewesen wäre, das könnte ich verstehen! Nelly, das ist Monate her!“

„Ich weiß.“ Sie senkte den Kopf und wandte sich wieder den Jolly Jumping Jacks zu, die ihr von der Verpackung hämisch entgegenzugrinsen schienen.

Cole hatte recht, sie war verrückt. Total durchgeknallt, genau wie diese Frösche. War sicher kein Wunder, dass sie ausgerechnet in einer Fabrik für Feuerwerkskörper arbeitete, das passte zu ihr.

„Weißt du, als ich an ihm vorbeiging, hat er ein Ufer gemalt, in Aquarell. Mächtige Trauerweiden, die am Wasser stehen und ihre Äste schläfrig nach unten hängen lassen. Zarte Nebelschwaden, die aus der Wiese steigen und der Landschaft etwas Märchenhaftes verleihen. Er hat seinen Pinsel gerade ins Kobaltgrün getaucht, um dem See noch mehr Tiefe zu geben, und sich ganz plötzlich zu mir umgedreht.“

Mit einem lauten Ratschen riss Cole einen Klebestreifen vom Spender und pappte damit den Karton zu. „Lass mich raten: Er hat dich mit einem langen Blick gefesselt, seine Augen sahen genau aus wie das wunderbar tiefgründige Seewasser in dieser Koboldfarbe, und du warst hin und weg.“

„Kobalt, nicht Kobold, du Ignorant!“, korrigierte Nelly ihn lachend, obwohl sie wusste, dass er sie nur ärgern wollte. „Und ja, genau so war es, der ganze Tag mit ihm war wunderbar. So etwas erlebt man kein zweites Mal. Aber was erzähl ich das dir, du hast einfach keinen Sinn für Romantik!“

„Stimmt. Mich kriegt man eher rum, indem man mir eine Pizza brutzelt. Nicht mit Leinwänden und so Zeug.“

„Gut zu wissen. Sollte Steve mal genug von dir haben, weiß ich jetzt, wie ich dich anmachen kann. Mit Salami, Oliven und geschmolzenem Mozzarella. Männer sind herrlich einfach gestrickt.“

„Du sagst es.“ Cole grinste. Im Gegensatz zu Nelly arbeitete er hier nur an zwei Tagen die Woche, ansonsten studierte er an der New York University irgendwas mit Maschinenbau oder Fahrzeugtechnik oder so. Er hatte es ihr schon mehrmals erzählt, aber sie konnte sich die genaue Bezeichnung nicht merken. Sein Freund wohnte in Philadelphia, sodass die beiden sich meist nur am Wochenende sahen und Cole manchmal mit Nelly ausging. Sie war sogar schon mehrmals mit ihm in einer Schwulenbar gewesen und hatte sich sehr amüsiert. Jedenfalls mehr als damals, als ein paar Kolleginnen sie mit in einen Nachtclub geschleift hatten, wo sie sich völlig deplatziert vorgekommen war. Jungs aufzureißen war nicht ihr Ding. Außer sie hießen Julian, hatten verstrubbelte, dunkle Haare und saßen mit einem Mona-Lisa-Lächeln vor einer Staffelei, auf der ein wunderbares Aquarell entstand.

„Hey, Nelly, lass uns morgen Abend zum Schlittschuhlaufen gehen“, schlug Cole vor. „Die Eisbahnen haben noch immer geöffnet. Ich bin ewig nicht mehr gelaufen und dich würde es auf andere Gedanken bringen.“

Sie zögerte. „Die am Rockefeller Center ist aber echt teuer.“ So gern sie mal wieder übers Eis gleiten würde – das gab ihr Geldbeutel nicht her. Seit sie ihren richtigen Job verloren hatte und hier in der Fabrik arbeiten musste, war da kein finanzieller Spielraum für solche Extratouren.

Doch Cole winkte ab, nachdem er die nächste Box voller Knallfrösche verschlossen hatte. „Quatsch, was sollen wir an der Fifth Avenue? Wir gehen in den Bryant Park, da ist die Eisbahn umsonst.“

„Okay!“ Nelly strahlte. Das war seit langer Zeit mal wieder etwas, worauf sie sich freuen konnte. Die Schicht war fast zu Ende. Sie verstaute die letzten Schachteln, etikettierte alles ordentlich und stapelte die Boxen für die Großhändler am vorgesehenen Platz. Beim Aufstehen rieb sie sich über den schmerzenden Rücken. Mit Ende zwanzig war sie zu jung für Abnutzungserscheinungen, aber sie war es nicht gewöhnt, den ganzen Tag zu sitzen. Doch was blieb ihr anderes übrig? Ihr alter Job als Wandgestalterin war futsch. Sie hatte Kinderarztpraxen mit lustigen Motiven verschönert, dem Haus eines Börsenhais in der Park Avenue täuschend echte Toskana-Szenen ins Wohnzimmer gepinselt und sogar die Wände eines Schwimmbades mit wasserfesten Bildern von tropischen Stränden verziert. Jeden einzelnen Auftrag hatte sie geliebt. Doch das war nun vorbei.

Sie zog ihre Jacke an und verließ zusammen mit den anderen Arbeitern die Verpackungshalle, um über den Hof zum Ausgang zu gehen. Das Fabriktor quietschte, als hätte es keine Lust, sich für die hinausströmende Spätschicht zu öffnen. Nelly blickte es mitfühlend an. Es war schon ein bisschen verrostet und spürte womöglich die Januarkälte in seinen Stäben. Vielleicht hätte es seinen Dienst weniger widerwillig getan, wenn ihm jemand mal eine frische Lage Farbe zukommen ließe? Aber hier in der Fabrik hatte man für so etwas natürlich nichts übrig.

Im Vorbeigehen strich Nelly mit den Fingern über das kalte Metall, bevor sie sich ihre Handschuhe überstreifte. Sie hatte es nicht so eilig wie ihre Kollegen, die mit langen Schritten durch das Tor marschierten, um bald nach Hause zu kommen. Auf Nelly wartete niemand. Bis vorgestern war sie jeden Abend von ihrem Stubentiger namens Doktor Schiwago mit einem vorwurfsvollen Maunzen begrüßt worden, wenn sie heimgekommen war. Der Herr wartete nämlich ungern so lange auf sein Essen. Nach dem Dinner kam er dann angeschnurrt und kuschelte sich an sie, zumindest dann, wenn er Lust darauf hatte. Heute jedoch würde der Kater nicht um ihre Beine streichen, sobald sie den Flur betrat. Er war nicht mehr da. Vieles war nicht mehr da in Nellys Leben.

„Was treibst du heute noch?“, wollte Cole wissen.

Sie hob die Schultern. „Ich gehe ein paar Straßen entlang, an denen ich Fotos von Doktor Schiwago aufgehängt habe. Will schauen, ob jemand meine Telefonnummer abgerissen hat. Und vielleicht klebe ich noch ein paar Zettel an irgendwelche Laternenpfosten oder Hausmauern.“

Dass sie ähnliche Zettel – allerdings ohne Katzenbild, dafür mit einem „Bitte melde dich, Julian!“ rund um alle Ateliers und Zeichenschulen, die sie in Manhattan ausfindig machen konnte, an Wände geklebt hatte, verschwieg sie lieber. Es hatte sowieso nichts geholfen und außerdem war es ihr peinlich.

„Tut mir echt leid für dich.“ Cole legte ihr kurz die Hand auf die Schulter. „Sicher taucht dein Kater bald wieder auf.“

„Ja, ganz bestimmt“, erwiderte sie, ohne viel Hoffnung in den Satz zu legen. Schiwago war noch nie ausgebüxt. Er war ein echter Hauskater und machte allenfalls kurze Ausflüge in die unmittelbare Nachbarschaft, kam aber immer wieder schnell heim. Dieses Mal nicht.

Um sich abzulenken, konzentrierte sich Nelly wieder auf ihren Kollegen, der neben ihr hermarschierte.

„Hast du heute wieder Basketball-Training?“, fragte sie. Cole spielte in einer Freizeitmannschaft, in der er allerdings geheim hielt, dass er auf Kerle stand. Fiel ihm sicher nicht schwer, denn mit seinem verbeulten Pick-up-Truck, dem Bart und den Holzfällerhemden, die er gern trug, wirkte er wie ein Vorzeige-Hetero.

Er grinste breit. „Klar! Wir haben eine Menge Spaß. Und ich freu mich nach dem Training auch immer, den Jungs in der Dusche auf den Hintern zu schauen.“ Lachend band er seinen Schal enger. Sein Atem stieg als feiner Nebel in die Luft und zeichnete sein Gesicht weich. Nelly sah ihn förmlich vor sich, heimlich lächelnd in der Dusche, Wasserdampf und glänzende Haut, unscharfe Konturen und nur ein paar Handtücher als Farbkleckse. Früher hatte sie sich einfach hingesetzt und die Szene auf eine Leinwand gepinselt, mit der sie ihn dann ein paar Tage später überrascht hätte. Doch irgendwie war ihr die Lust am Malen abhandengekommen.

„Na dann, frohes Sporteln!“, wünschte sie ihm.

„Soll ich dich mitnehmen? Ich bin heute mit dem Auto da, weil ich danach gleich weiterfahre.“ Er deutete zur Straßenecke, wo sein Pick-up wartete.

„Das ist lieb. Aber ich nehme die Bahn und laufe noch ein wenig durch die Straßen.“

„Okay. Wie du meinst.“ Er verabschiedete sich von ihr und eilte fröhlich pfeifend davon.

Nelly ging ein paar Schritte an der abblätternden Mauer entlang, blieb dann stehen und legte den Kopf in den Nacken. Der Himmel war heute Monet. Obwohl die Kälte sie in die Wangen kniff, musste sie lächeln. Schon als Kind hatte sie sich angewöhnt, den Himmel genau zu betrachten. Sie war beim Versteckspielen immer als Erste gefunden worden, aber das hatte sie nie gestört. Wer konnte sich denn einen guten Unterschlupf aussuchen, wenn am Horizont gerade ein leuchtendes Orange explodierte oder ein riesiger Aquarellpinsel die Farben verwischte? Später war sie dann in jede Kunstgalerie gepilgert, die sie finden konnte, und hatte die Landschaftsbilder genau studiert. Dabei war sie zu der Erkenntnis gelangt, dass nicht nur jeder Maler seine eigene Art hatte, den Himmel zu malen, sondern der Himmel schließlich auch jeden Tag anders aussah. Gerade so, als würde er morgens zu einer Kim Kardashian mutieren und sich vor dem Spiegel überlegen, welches Kleid er anziehen solle. „Nehmen wir einen kräftigen Cranach oder lieber einen kreativen Van Gogh?“ Heute hatte sich der Winterhimmel ganz offensichtlich für einen Impressionisten entschieden, für die sanften Pastelltöne von Monets Bild „Die Elster“, einer zarten Winterlandschaft. Julian hätte gewusst, was sie damit meinte. Aber er war nicht hier, um sich mit ihr über die Farben des Himmels zu unterhalten.

Als sie weiterging, blies ihr ein stechender Wind um die Nase. Natürlich hätte sie den Bus nehmen können. Oder vielleicht sogar auf Coles Angebot eingehen. Doch sie mochte es, noch ein wenig durchs verschneite New York zu laufen. Oder zumindest redete sie sich das ein, denn die Aussicht auf einen einsamen Abend zu Hause war nicht besonders verlockend. Die Weihnachtsdekorationen waren längst abgebaut worden, hinter den Fenstern flackerte kein Kerzenschein mehr, sondern das bläuliche Licht der Fernsehgeräte. Ganz vereinzelt sah Nelly noch einen bunt blinkenden Schneemann, und in einem der winzigen Vorgärten stand tatsächlich ein beleuchtetes Rentier inklusive roter Nase herum. Ob dort Kinder wohnten?

Nelly blieb am Gartenzaun stehen und versuchte, ein paar Details zu erkennen. Ja, es gab Spuren von kleinen Stiefeln im Schnee! Sie lächelte, aber nur einen kurzen Moment. Wie es sich wohl anfühlen musste, den Winter mit Kindern zu verbringen? Sicher war das etwas ganz Besonderes. Mit ihnen zum ersten Mal die dicken Flocken fangen, sich in die weiße Pracht legen und einen Schnee-Engel entstehen lassen, Schlitten fahren. Unvergessliche Momente, da war sie ganz sicher. Wie hatte sie den Winter geliebt als Kind! Doch jetzt – war es anders. Wie sollte man mit sich alleine um die Wette Flocken fangen? Und die Leute würden sie für verrückt erklären, wenn sie sich mitten im Central Park in den Schnee fallen ließ und mit den Armen wedelte, damit es am Ende wie Engelsflügel aussah. Wahrscheinlich würde man denken, sie hätte einen Anfall, und ihr eine Ladung Beruhigungsmittel verpassen.

Ihre Schritte waren schwerfällig, als sie weiterging. Ob sie diese Dinge jemals ihrem eigenen Kind zeigen konnte? Sie glaubte nicht recht daran. Sie war zu kompliziert für die meisten Kerle. Die wollten Frauen, mit denen man in einer Bar flirten konnte, die schlagfertig waren oder auf der Tanzfläche mit lasziven Bewegungen die Männerherzen zum Kochen und die Männer-Jeans zum Platzen brachten. Nelly war in solchen Sachen noch nie gut gewesen.

Sie kam an der U-Bahn an, nahm den Zug rüber nach Manhattan, wo sie an der 12. Straße eine kleine Wohnung hatte. In ihrer Tasche hatte sie noch ein paar Zettel, auf denen Doktor Schiwagos Foto und ihre Telefonnummer aufgedruckt waren. Klebestreifen hatte sie ebenfalls mitgebracht, so wanderte sie ein paar Straßen entlang und hängte noch einige Suchanzeigen auf.

Als sie um eine Ecke bog, schnupperte sie. Dieser Duft – der erinnerte sie an die Weihnachtsmärkte in ihrer Kindheit. Was genau war das? Sie machte ein paar Schritte die Straße entlang. Da sah sie es. Eine Holzbude, die mit Tannengrün geschmückt war, als wäre immer noch Advent. Es roch nach Glühweingewürz, nach Apfeltee mit Zimt – und nach heißen Maronen.

Natürlich! Es war der Geruch von gerösteten Esskastanien.

Nelly ging näher heran und erkannte, dass es eine Frau um die fünfzig war, die die „Maroni“ – wie ihre Grandma sie immer genannt hatte – liebevoll wendete. Sie hatte sich ein wollenes Kopftuch mit Folkloremustern um die braunen Haare gebunden, trug einen grünen Stoffmantel und Handschuhe, bei denen die Finger frei lagen.

Die Kundin, die gerade ihren Apfeltee entgegennahm, war das blanke Gegenteil der einfach gekleideten Maronifrau. Sie trug einen Mantel in leuchtendem Magenta, silberne Stiefel mit Pfennigabsätzen und ein spitzenbesetztes Hütchen. Dabei war sie bestimmt schon jenseits der siebzig.

„Von dem Geruch habe ich richtig Appetit bekommen“, sagte Nelly und lächelte die Maroni-Frau an. „Die kleinste Größe bitte.“ Sie deutete auf die Papiertütchen. Geld war zwar knapp, aber für eine Portion Kastanien reichte es noch.

„Das sind fünf Stück.“ Die Maroni-Frau holte die Maronen aus dem Ofen, füllte sie in das Tütchen und steckte die Münzen weg, die Nelly auf den Tresen gelegt hatte. Mit den freiliegenden Fingern konnte man gut kassieren, das wurde Nelly jetzt klar.

„Ich habe ewig keine mehr gegessen.“ Nelly schälte die erste Kastanie vorsichtig ab. Hui, die Dinger waren heiß! Aber sie schmeckten phantastisch, wie sie gerade feststellte.

„Probieren Sie den Apfelpunsch dazu“, schlug die bunt gekleidete Dame vor. „Ich lasse mir immer einen Schuss Rum reingeben, der wärmt von innen.“ Sie kicherte munter.

„Violetta, manchen Menschen reichen meine Maroni, damit ihnen nicht mehr kalt ist“, erwiderte die Verkäuferin lächelnd und nahm sich ebenfalls eine Kastanie, um sie zu essen.

„Si, Mirena, da hast du recht. Aber die junge Dame hier sieht aus, als könnte sie ein klein wenig Wärme im Leben gebrauchen.“

Die alte Italienerin nickte ihr zu und sah sie lange an.

Nelly hielt sich an der kleinen Tüte fest. War es schon so weit gekommen, dass ihr wildfremde Menschen ansahen, wie es um sie stand? Sie wollte gerade weitergehen, weil ihr das nicht recht war, da hörte sie etwas. Ein Saxophon blies erste Töne, ließ eine zögerliche Melodie entstehen, die zu ihnen herüberschwebte und sich erst nach einigen Takten zu erkennen gab.

„Time after time“, sagte Nelly und begann ganz automatisch, die Cyndi Lauper-Ballade mitzusummen.

„Wie bitte?“ Violetta sah sie fragend an.

„Das Lied!“, erklärte Nelly und machte einen Schritt nach hinten, um an der Bude vorbeizuschauen. An der nächsten Kreuzung stand ein alter Mann mit Schlapphut und einem Saxophon um den Hals. Daher kam also die Musik! „Da drüben spielt ein Straßenmusiker“, sagte sie, doch Violetta machte sich nicht die Mühe, zu ihm hinzusehen.

„Ach, mein Gehör lässt ein bisschen nach. Und diese neuen Canzone kenne ich sowieso nicht. Ich lege mir daheim gern Paolo Conte auf.“

Die Maroni-Frau grinste. Durch ihr Kopftuch aus Wolle drangen die Töne sicher auch nicht, aber das war egal. Sie hätte die Nummer wahrscheinlich ebenso wenig erkannt.

„Das Lied lief neulich im Radio, als ich mit meiner Katze am Fenster saß und …“ Nelly hielt inne. Die Erinnerung fiel sie so plötzlich an, wie Schiwago es gern am Sonntagmorgen getan hatte, wenn er schwungvoll in ihr Bett gehüpft und auf ihr herumgetrampelt war.

„Ist das die Mietze auf dem Foto?“ Mirena deutete auf den Zettel, den Nelly noch in der Hand hielt, und sah ihn genauer an. „Der schwarze Kater mit dem weißen Ohr?“

Sie nickte. „Er ist seit drei Tagen weg. Ich habe überall Suchanzeigen aufgehängt, aber bisher hat sich niemand gemeldet.“

„Wir kleben einen der Zettel hier an die Bude“, entschied Mirena kurzerhand. „Vielleicht fällt ja jemandem etwas ein.“

Violetta streckte ihr ebenfalls die Hand hin. „Geben Sie mir auch einen. Meine Nichte Emilia hat eine Konditorei, da kommen viele Leute vorbei. Aber sagen Sie – warum hat Ihr Kater so einen seltsamen Namen?“

Nelly wurde ganz warm bei so viel Mitgefühl. „Ich habe ihn bekommen, als er noch ganz klein war. Eigentlich hätte ich lieber eine Katze gehabt, hatte auch schon einige Namen ausgesucht, unter anderem Lara. Aber irgendwie landete dann der namenlose Kater bei mir. Er spielte mit allem, was ihm in die Pfoten kam, auch mit der Fernbedienung. Bekam dann aber einen Riesenschreck, als der Fernseher ansprang und bunte Bilder erschienen.“ Bei der Erinnerung musste sie lachen. Wie ein Blitz war der Kater hinter der Couch verschwunden und nur noch ein jämmerliches Maunzen war zu hören gewesen. Nelly hatte ihn vom Boden aufgeklaubt und auf ihren Schoß gesetzt, da war die Titelmelodie dieses uralten Films angelaufen. Und weil der kleine Kerl sich urplötzlich beruhigt hatte, nannte sie ihn dann natürlich Doktor Schiwago.

„Sie haben ihn so getauft, weil der Film mit Omar Sharif gezeigt wurde?“, fragte Mirena. „Das gefällt mir.“

„Er hat gerne Musik gehört“, sagte Nelly leise. Der Cyndi Lauper-Song war beim Refrain angekommen. Wenn du verloren bist, schau dich um und du wirst mich finden, lautete der Text, den sie hörte, obwohl nur das Saxophon sang. Ach, wenn das doch nur wahr wäre!

„Manchmal saß er auf dem Fensterbrett und schaute hinaus.“ Nelly redete mehr zu sich selbst, aber die beiden Frauen standen nah bei ihr und sahen sie ermunternd an. „Ich habe mir dann immer einen Stuhl geholt und mich dazugesetzt. Er mochte es, wenn Schnee fiel. Da wurde er ganz ruhig, nur seine Augen haben sich bewegt und fasziniert den Fall der Flocken verfolgt. Ich habe ihn gestreichelt, hinter den Ohren mochte er es am liebsten. Oft habe ich sogar meinen Kopf in sein weiches Fell gelegt. Er hat das nicht immer zugelassen, aber neulich sogar ganz lange. Da lief genau dieses Lied im Radio und wir saßen ganz still, Schiwago und ich, nur diese Musik war bei uns und der lautlose Schneefall, der alles überzuckerte und die ganze Welt in so ein wunderbares Weiß tauchte.“

Warum war er nur weg? Nelly musste schlucken und schälte schnell eine Kastanie ab, um nicht weinen zu müssen. Es war so schön gewesen mit ihm. Und er hatte noch gar nicht so arg viele Jahre auf dem Katzenbuckel, sie hätten sicher noch lange zusammen den Schneeflocken zusehen können und dem Regen, wenn er nimmermüde seine Bahnen an der Fensterscheibe zog und dem Herbst, der im goldenen Licht die roten Blätter herumwirbelte.

„Nehmen Sie noch ein paar.“ Mirena hielt ihr ein neues Tütchen hin, und Violetta hatte ihre Hand auf Nellys Arm gelegt.

Dankbar lächelte Nelly die beiden Damen an. „Sind Sie zu allen Menschen so nett?“

Die Italienerin lachte. „Kindchen, ich habe auch ganz andere Seiten, täuschen Sie sich da nicht!“ Ihre Freundin nickte bestätigend.

Es war Zeit, sich wieder auf den Weg zu machen. Nelly konnte ja nicht den ganzen Abend hier herumhängen. „Wir sehen uns sicher bald wieder“, rief sie und winkte freundlich.

„Ganz bestimmt!“

Sie ging die Straße entlang, die Töne wurden lauter. Genau, als der Musiker seinem Saxophon den letzten, wehmütigen Ton entlockte, stand Nelly vor ihm. Der Mann hatte ein zerfurchtes Gesicht, trug einen fleckigen Mantel und einen seltsamen Schlapphut, aber sein Lächeln war voller Wärme. Nelly fand ein paar Münzen in ihrer Jackentasche und warf sie in die Schale, die er vor sich aufgestellt hatte.

„Danke, meine junge Dame.“ Seine Stimme klang so rau, als hätte er sie lange nicht mehr benutzt. Vielleicht spielte er lieber, als dass er redete. Manchen Menschen fiel es leichter, sich auf diese Weise auszudrücken. Sie wollte gerade gehen, da hielt ihr der Mann etwas entgegen.

Eine blank polierte, braun glänzende Haselnuss.

Überrascht sah Nelly ihn an, doch er nickte ihr nur stumm zu und streckte ihr weiterhin seine Hand hin.

Also nahm sie die Nuss. Die fühlte sich angenehm an. Die glatte Schale schmiegte sich an ihre Finger und ihre Form lud förmlich dazu ein, sie wie einen Handschmeichler zu verwenden. Nelly konnte sich gar nicht mehr erinnern, wann sie zum letzten Mal eine Nuss mit sich herumgetragen hatte. Das war sicher lange her.

Sie bog um eine Ecke. Nur noch ein paar Blocks und eine Kreuzung überqueren, dann würde sie daheim sein. Mit der Nuss spielte sie weiterhin herum, doch offenbar drückte sie ein klein wenig zu fest zu, denn das runde Ding sprang ihr aus der Hand und kullerte über den Gehweg. Nelly lief hinterher, denn sie wollte die Nuss nicht verlieren. Doch die war eigensinnig, hüpfte ein paar Stufen hinunter und rollte zu einem vergitterten Kellerfenster, das einen Spalt offen stand.

Zögernd blieb Nelly vor den Stufen stehen. Dort unten lag einiges an Müll herum, den die Großstadt mit sich brachte. Eine leere Chipstüte, ein paar Zigarettenstummel, eine zerbeulte Coladose. Sollte sie wirklich dort hinuntergehen nur wegen einer Haselnuss? Doch die Nuss war ein Geschenk dieses schlapphütigen Saxophonisten gewesen, der sich so schön in ihr Herz gespielt und Erinnerungen an ihren Kater geweckt hatte. Deshalb stieg sie hinunter.

Sie bückte sich, hob die Nuss auf, die im Schnee lag, – und hielt inne. Was war das für ein Geräusch? Das hörte sich fast an wie eine Katze!

Nelly ging näher an das Kellerfenster zu ihren Füßen heran. Es war gar kein richtiges Fenster, eher ein Metallgitter, und dahinter bewegte sich etwas Dunkles. Ein vierbeiniger Schatten, der immer lauter maunzte, je tiefer sie in die Hocke ging. Die Art des Maunzens kam ihr so vertraut vor, dass ihr Herzschlag einen Moment aussetzte.

„Doktor Schiwago?“, rief sie mit bebender Stimme.

Der Kater antwortete mit einem lauten Ton.

Er war es! Nelly schob die Coladose zur Seite und kniete sich in den Schnee. Dass ihre Knie dabei nass wurden, war völlig egal, sie musste ihre Katze da rausholen! Das Kellerfenster war alt und rostig, sie rüttelte daran herum und nach ein paar Sekunden sprang es auf. Der schwarze Kater schoss heraus, drehte sich einmal um sich selbst und ließ sich dann bereitwillig von Nelly hochnehmen.

Sie hatte ihn gefunden! Vor Glück küsste sie ihn, vergrub ihre Nase in seinem herrlichen Fell, das heute allerdings ein wenig muffiger als sonst roch, und drückte ihn an sich.

„Wovon hast du dich denn ernährt die letzten Tage?“, fragte sie ihn, während sie mit ihm in den Armen nach oben stieg und sich eilig auf den Heimweg machte. „Hast du Mäuse gefangen und geschmolzenen Schnee getrunken?“

Natürlich antwortete er nicht, aber das machte ihr nichts aus. Er war offenbar auf einem kleinen Erkundungsspaziergang gewesen und das Fenster war irgendwie hinter ihm zugefallen. Egal, Hauptsache, er war wohlbehalten zurück.

Zu Hause öffnete sie eine Dose mit seinem Lieblingsfutter und setzte sich neben ihm auf den Boden, als er sich gierig auf den Napf stürzte. Allein ihm zuzuschauen, tat schon so gut. Das hätte sie stundenlang ausdehnen können. Nelly hatte sich seit langer Zeit nicht mehr so glücklich gefühlt.

Was war es doch für ein Wunder, den Kater wieder bei sich zu haben! Sie strich ihm über sein weißes Ohr, das sie so liebte, und lächelte. Anschließend setzte sie sich aufs Sofa und wartete darauf, dass er herangeschlichen kam. Es dauerte nicht lange. Schnurrend und mit vollem Bauch ließ er sich auf ihrem Schoß nieder, um mit geschlossenen Augen seine Streicheleinheiten zu genießen. Die gab sie ihm bereitwillig.

Nellys Blick fiel dabei auf die Haselnuss auf dem Couchtisch. Sie konnte sich gar nicht mehr erinnern, wann sie diese dort hingelegt hatte, aber zwischen zwei roten Kerzen und einem hölzernen Deko-Elch spitzte die braune Kugel heraus und schimmerte zufrieden vor sich hin.

Mit einem Mal wurde Nellys Inneres ganz warm, und das hing nicht mit Schiwagos Fell zusammen, es kam vielmehr aus ihrem Herzen. Sie sah das winzige braune Ding an, das so unscheinbar auf dem Tisch lag.

„Danke, du kleine Haselnuss, dass du mir meine Katze zurückgebracht hast“, flüsterte Nelly ihr zu und hatte fast das Gefühl, die Nuss glänzte jetzt ein kleines bisschen heller.

2

Sternennacht - Vincent van Gogh

Julian

Van Gogh malte seine berühmte Sternennacht nicht an einem lauen Sommerabend, den er mit einem Glas Rotwein ausklingen ließ. Vielmehr befand er sich in geschlossenen Räumen der Nervenheilanstalt von Saint Remy und haderte mit seinem Schicksal. Vielleicht ist das Bild deshalb so emotional mit seinen intensiven Kontrasten und der leidenschaftlichen Rhythmik in den Pinselstrichen? Die schwarz-züngelnde Zypresse, der aufgewühlte Himmel voller kosmischer Energie und ein Dorf, dessen Silhouette an Vincents Heimat Holland erinnert – wie ein nächtlicher Sog zieht es den Betrachter näher und offenbart die gequälte Seele des Malers. Auch der Sänger Don McLean war sehr berührt, denn er setzte dem Bild mit seiner Ballade „Vincent (starry night)“ ein musikalisches Denkmal.

Der Hobel glitt mit Feuereifer über das Eichenholz und schleuderte kringelige Späne auf den Boden der Werkstatt. Julian kam es vor, als hätte das Werkzeug in seinen Händen einen Riesenspaß daran, der Platte zu Leibe zu rücken. Er selbst liebte es immer noch, mit Holz zu arbeiten. Schon als Kind hatte er gerne im Betrieb seines Dads herumgelungert, mit beiden Händen in den Sägespänen gewühlt und den Duft eingeatmet. Gab es etwas, das besser roch als frisch geschnittenes Holz? Das hatte er sich damals nicht vorstellen können und auch bis heute nichts gefunden, was er lieber den ganzen Tag über riechen mochte.