Beschreibung

Maja und Silke, beide Mitte dreißig, sind die besten Freundinnen - trotz der großen Distanz zwischen ihnen. Denn dummerweise hat es Silke nach Berlin verschlagen, während Maja in Hamburg sitzt und einen neuen Job sucht. Bis sie den hat, spielt Maja auf Facebook Orakel und erteilt anderen gute Ratschläge. Silke arbeitet derweil für ein Kochmagazin. Als sie den Auftrag erhält, eine Kritik über ein Hamburger Lokal zu verfassen, freuen sich die beiden Frauen auf ein Wiedersehen in der Hansestadt. Dieses feiern sie mit einer Party, auf der ganz unerwartet auch zwei interessante Männer auftauchen. Doch sind der charmante Autor Zoran und der in Scheidung lebende Alfred wirklich die Richtigen für Maja und Silke? Und wie lange halten es die beiden Freundinnen noch ohne einander aus?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 363


Ulrike Renk und Silke Porath

Schokolade ist auch nur Gemüse

Roman

INHALT

Für unsere Lieben und alle Schokoholics

Das Orakel erwacht

Maja

Der perfekte Abend geht irgendwie anders. Okay, ich habe zwei Tafeln Milka, das gönne ich mir sonst selten. Nicht wegen der Kalorien, sondern wegen meines Budgets. Aber heute kam die Kohle vom Amt, einen Tag früher als gedacht. Mit den verbliebenen 5 Euro und 72 Cent habe ich also Schokolade, eine neue Kerze und ein Fläschchen Prosecco für mich gekauft. Wie gesagt, die Zutaten für einen perfekten Abend wären eigentlich im Haus. Nur … mit einer Flasche Blubberbrause allein kann ich mir das Fernsehprogramm auch nicht schöntrinken. Ich habe weder Lust auf dummdusselige Fragen von Günther Jauch noch auf getauschte Frauen, liebesbedürftige Bauern oder New Yorker Superpolizisten. Und Silke geht nicht ans Telefon. Wahrscheinlich muss sie wieder Überstunden schieben, die ihr kein Mensch bezahlt. So gesehen hat es auch seine Vorteile, dass ich nicht ins Büro muss. Nicht mehr. Seit über einem halben Jahr bin ich »Kundin« beim Arbeitsamt. Was ich anfangs auch noch okay fand, denn ganz ehrlich: Meinen Pleitegeier von Chef und seine funktions­untüchtige Veranstaltungsagentur vermisse ich nicht wirklich.

Aber so langsam langt’s. Urlaub macht nur dann Spaß, wenn man sich eine Reise leisten kann. Oder mal neue Klamotten. Beides ist mit Arbeitslosengeld nicht drin. Ich mag gar nicht dran denken, was ich in den vergangenen Monaten alles nicht gekauft habe.

Meine Laune ist trotz Schokolade also nicht die beste. Einen kurzen – sehr kurzen! – Moment wünsche ich mir Sven zurück. Aber eigentlich kann der bleiben, wo der Pfeffer wächst. Drei Jahre mit einem Schönling, der eine Ersatzmama und keine echte Frau wollte, waren genug. Ich vertreibe das schwache Kribbeln beim Gedanken an ihn mit der Erinnerung an hochgeklappte Klobrillen, langweilige Fußballabende und Berge von Hemden, die ich vor vier Monaten noch bügeln musste.

»Hier ist die elektronische Silke. Nachrichten bitte nach dem Piep.« Na prima. Das war der siebte Versuch. Sie ist wirklich nicht zu erreichen. Ich mache den Fernseher aus und fahre den Laptop hoch. Ein Überbleibsel aus besseren Tagen. Silke hat ­dasselbe Modell. Wir haben es vor anderthalb Jahren gemeinsam gekauft, in einem schnuckeligen Computerladen an der ­Alster. Mit einem schnuckeligen Verkäufer. Der leider schnuckelig schwul war. Aber mit Computern kannte er sich aus und er hat auch nicht gelacht, weil uns die Gehäusefarbe wichtiger war als das technische Innenleben. Ich hacke auf der Tastatur herum und wünsche mich in unsere WG zurück. Dreieinhalb Zimmer in Harvestehude. Nur Silke und ich. Und Sven, klar, aber nicht jeden Abend. Erstens hätte ihn Silke sonst kaltgemacht. Und zweitens wäre unsere sogenannte Beziehung dann vermutlich schon nach wenigen Wochen in die Brüche gegangen. Was im Nachhinein betrachtet wohl besser gewesen wäre.

Mit einem kräftigen Biss in Schoki Nummer eins vertreibe ich die Geister der Vergangenheit und logge mich bei Facebook ein. »Silk Stockings sent you a gift for your farm at Farmville.« Na, immerhin hat meine beste Freundin daran gedacht, mir einen Bonus für die Farm zu schicken. Silke ist im Netz nicht Silke, sondern Silk Stockings. Und ich bin nicht Marianne, sondern Bee Maja. Erstens weiß man nie, welcher potenzielle Arbeitgeber einen googelt, und zweitens ist Marianne … unsexy. Aber so was von. Deswegen nenne ich mich auch im richtigen Leben Maja, im Netz kommt eben noch das »Bee« hinzu.

Und die Biene schwirrt nun zur Farm. Prima, mein virtueller Mais ist fertig und kann geerntet werden. Ich finde im Hühnerstall ein goldenes Ei, pflücke das Obst von den Bäumen und … habe nichts mehr zu tun. Aber noch einen langen Abend vor mir. Im Chat ist tote Hose und klar, Silke ist nicht online. Entweder sitzt sie wirklich noch am Schreibtisch oder sie genießt das Ber­liner Nachtleben. Wäre sie nicht meine beste Freundin, dann wäre ich neidisch auf sie.

Bei Facebook scheint heute Abend nichts los zu sein. Kaum neue Meldungen. Eine Menge langweiliger Musikvideos wurden gepostet. Dämliche Quizfragen. Sonst nix. Ich scrolle nach unten. Weiter nach unten. Und dann endlich mal eine richtige Statusmeldung. Von einem Teenager, aber was soll’s. Je später der Abend, desto gleichgültiger ist mir das. Mal sehen, was das Mädel so treibt. Sie ist die Nichte eines Bekannten einer Bekannten. Oder so. Keine Ahnung, wie wir im wahren Leben miteinander verbunden sind. Virtuell steht sie jedenfalls auf der Liste meiner 769 Freunde. Ich klicke auf Kevsers Profil. Dort steht: »Schreib mir eine private­ Nachricht mit einer Zahl zwischen 1 und 500 und ich poste unter dieser Zahl in meinem Profil, was ich über dich denke. Kein anderer wird wissen, wer gemeint ist.«

Okay, Kevser. Mach ich: »42«. Ich lehne mich zurück, lasse mir ein Stück Schokolade auf der Zunge zergehen und spüle mit einem Schlückchen Prosecco nach.

»Hier ist die elektronische Silke. Nachrichten bitte nach dem Piep.«

»Hey Süße, geh doch mal ans Telefon. Es ist gleich halb zehn. Ich versuche seit Stunden, dich zu erreichen. Es gibt nur eine Entschuldigung, die ich dir durchgehen lasse, wenn du nicht zurückrufst: Du hast ein Date mit George Clooney, der gerade in Berlin seinen neuen Werbespot für pervers teure Kaffeekapseln dreht. Ich sitze hier übrigens mit Robbie und tröste ihn über den ersten Ehekrach mit seinem Topmodel hinweg. Also ruf mich an, wenn du mit Mr Clooney fertig bist.«

Statt an Robbies Ohr lutsche ich an einem weiteren Stückchen Alpenmilchschokolade. Mindestens genauso lecker, versuche ich mir einzureden. Ich lade Kevsers Profilseite neu und tatsächlich, sie hat geschrieben: »42: Du bist toll. Voll nett. Echt.« Na super. Da sind ja die Horoskope in den bunten Blättern aussagekräftiger. Ich drücke trotzdem auf »Gefällt mir«, will ja schließlich kein kindliches Trauma auslösen. Aber eigentlich … Das geht doch besser!

Ich schicke Kevser eine private Nachricht: »Danke für den Spruch, echt krass nett! Ich klau mir die Idee, das ist lustig.« Keine zehn Sekunden später habe ich den Aufruf in meinem Profil gepostet. Ich gieße mir noch ein Gläschen ein und warte.

Lange gedulden muss ich mich nicht. Schon nach einer knappen Minute kommt die erste Nachricht. Von Kevser: »499.« Alles klar, Mädchen, dann zeig ich dir mal, wie das richtig geht.

»Du bist jung, du bist verdammt hübsch und du bist eine richtig gute Freundin.« Hmm. Nichtssagend. Ich klicke mich durch Kevsers Profil, schaue die hochgeladenen Fotos an: Teenager beim Tanzen, Familienfotos, Kevser mit ihren großen Schwestern. »Allerdings vertraust du nicht immer auf deine Stärken. Das kannst du aber, denn du bist innerlich größer, als du glaubst. Geh den Weg, der dir gefällt, und lass dich nicht von anderen zu Dingen drängen, die dir widerstreben.«

Wow. Klingt gut, Bee Maja muss sich selbst loben. Der Orakelspruch für 499 wandert ins Netz. Und das erste Stück von Milka-Tafel Nummer zwei in meinen Mund. Noch einmal versuche ich, Silke zu erreichen. Immer noch das verdammte Band. Aber eine Nachricht von Kevser lenkt mich ab: »Boah, Wahnsinn. Das stimmt total!«

Bingo! Ich grinse und proste dem Bildschirm zu. Da flattert schon die nächste Anfrage in meinen Postkasten: »13«. Meine Cousine, die einen Reitstall bei Fürth betreibt.

»13 – Mit dir kann man Pferde stehlen – wenn man dich als Freund hat. Jedem öffnest du dein Herz nämlich nicht. Aber wer es in deinen Augen wert ist, der hat eine Freundin fürs Leben. Du bist warmherzig und nutzt deine Talente sehr erfolgreich.«

Und da ist schon 65. War mal in meiner Parallelklasse, ist jetzt verheiratet, lebt auf Sylt und ist Hobbykoch. Ich orakele: »65 – Wer dich zum Freund hat, der kann sich tausend­prozentig auf dich verlassen. Du setzt dich für die Dinge ein, von denen du überzeugt bist. Und das mit vollem Elan. Dein Leben lang hütest du das Kind in dir wie einen Schatz. Gemeinsam blickt ihr staunend auf eine wundervolle Welt.«

Leider unterbricht eine Nachricht von 13 meinen Schreibfluss. Cousinchen schreibt: »Hey Marianne, sag mal … wo hast du das abgeschrieben? Das stimmt total!«

Abgeschrieben? Hallo, geht’s noch? »Karin, das hab ich selbst erfunden! Grüß mir deine Mutter.« Abschreiben? Also bitte … Bee Maja braucht zum Wahrsagen nur ein bisschen Schokolade. Okay, der Prosecco tut auch seinen Dienst.

Jetzt für 103. Eine Autorin, deren Bücher ich im Regal stehen habe. Persönlich kenne ich sie nicht. Sie bekommt folgenden Orakelspruch: »103 – Das Leben ist eine Kunst und du beherrschst sie. Ich kenne dich (noch) nicht persönlich, was schade ist, aber ich bin sicher, dass du mir eine Menge sagen könntest, von dem ich profitiere.« Ist doch so. Die Frau kennt sich mit dem Schreiben aus und so ein, zwei Tricks, wie ich meine Orakelsprüche verbessern kann, hätte sie bestimmt. Nach fünf Sekunden klickt sie auf »Gefällt mir«. Damit verrät sie zwar ihre Identität, ist aber nicht mein Problem.

Meine Herren, das flutscht ja! Da hab ich die träge Facebook-Gemeinde doch ein bisschen aufgerüttelt. Mein Postfach füllt sich im Sekundentakt mit neuen Nachrichten. Selbst meine Zahnärztin will, dass ich für sie orakele. Bitte, gern: »290 – Normal kann jeder … Du suchst das Besondere, weil du selbst etwas Besonderes bist. Deine Freunde überschüttest du mit Liebe, wer dir dumm kommt, dem zeigst du die Zähne.«

Prost Maja, du bist echt gut! Außerdem macht das bedeutend mehr Spaß, als stur in die Glotze zu starren. Ich sage einem netten, aber erfolglosen Hobbydichter, was ich von ihm halte: »317 – Du bist kreativ, ohne abgehoben zu sein. Du bist ein Wortkünstler, der sein Handwerk beherrscht. Du bist ein Zauberer der Buchstaben – und ein irrsinnig sympathischer Mensch obendrein!« Der Poet bedankt sich prompt: »Echt? Oh Mann, das tut mir jetzt aber gut. So etwas Nettes hab ich lange nicht gehört.« Ich grinse. Verdient hat er es, denn seine Texte sind wirklich nicht schlecht. Leider will kein Verlag seine Bücher herausbringen. Darüber wettert er regelmäßig hier bei Facebook. Ich freue mich … nur ein paar Sätze und schon hab ich den Abend eines frustrierten Menschen gerettet. Bee Maja, Queen of Oracle. Darauf stoße ich mit mir selbst an, lutsche ein bisschen Schokolade und mache weiter.

Nummer 6. Die Bedienung in der Videothek, in der ich bis vor Kurzem noch Stammkundin war. Jetzt kann ich mir nur noch die abgenudelten Uraltfilme aus der öffentlichen Bibliothek leisten. Ich hätte große Lust, mal wieder in den kleinen Laden zu gehen, denn die Gespräche mit Wiebke, bei einem Kaffee aus dem Pappbecher, waren immer witzig. Vor allem dann, wenn sie von ihren Kids erzählt hat. »6 – Macht gute Laune und hat gute Laune, kennt aber auch die ernsten Seiten des Lebens. Du bist ein Familientier. Man muss dich nur einmal live erleben, um deinem Witz, Charme und Esprit sofort zu erliegen!« Wiebke drückt fast augenblicklich auf »Gefällt mir«. Gefällt mir, wenn’s ihr gefällt! Ich beschließe, demnächst mal wieder auf einen Kaffee zu ihr zu gehen.

Oh verdammt – gleich Mitternacht! Einmal versuche ich noch, Silke in Berlin ans Rohr zu kriegen. »Hier ist die elektronische …« Mist. Wieder nichts.

Zum Abschluss des Abends gönne ich mir einen letzten Orakelspruch. Eine Frau aus dem Schwarzwald. Keine Ahnung, wie die auf meiner Freundesliste gelandet ist. Ich schaue auf ihrem Profil nach. Sie vermietet Ferienwohnungen und hat eine Menge Makroaufnahmen eingestellt. Ein Käfer in Nahaufnahme, Blumen, eine Biene. Na dann: »121 – Du lässt dich von den kleinen Dingen begeistern, den winzigen Details, die das Leben lebenswert machen. Danach gestaltest du dein Umfeld. Trotzdem oder gerade deswegen behältst du das große Ganze im Blick. Du bist offen für Neues, kennst aber deine Wurzeln. Du bist mit einer guten Portion Humor ausgestattet und der seltenen Gabe, dass andere sich bei dir im Handumdrehen willkommen fühlen.«

Ganz schön anstrengend, so ein Job als Orakel. Nur gut, dass ich morgen ausschlafen kann. So wie übermorgen. Und den Tag danach. Und den danach auch. Beinahe hätte ich vergessen, dass ich selbst ein Problem habe, weil ich etwas ganz Entscheidendes nicht habe: einen Job. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn ich mal fröhlich ins Bett gekommen wäre. Ah! 121 schickt eine Nachricht: »Bee Maja, das ist das Schönste, was mir ein Mensch seit Langem gesagt hat. Und es stimmt zu hundert Prozent.«

Das ist jetzt wiederum das Schönste, was ich seit Monaten gehört habe. Ich fahre den Laptop runter und träume kurz darauf von einem Heuschober im Schwarzwald. Robbie streichelt ein Kälbchen und sieht mich dabei sehr verliebt an …

Geschäftsessen und andere Widrigkeiten

Silke

Neun Anrufe in Abwesenheit, sechs Nachrichten auf der Mailbox, alle von Maja. »Silk, wo bist? Immer gehst du nicht dran, wenn ich dich brauche.« Ach. Liebelein. Der Akku war leer. Maja ist meine beste Freundin. Immer schon, seit dem Sandkasten. Mit ihr kann man Pferde stehlen, wobei es in der Hamburger City nicht allzu viele Pferde gibt, feiern, lachen, weinen, gemütlich auf der Couch lümmeln oder aufgebrezelt die Stadt unsicher machen. Zusammen schaffen wir es, zwanzig Leute mit einem Fünf-Gänge-Menü zu beeindrucken oder eine ganze Kneipe zu unterhalten. Bis vor einem Jahr haben wir uns sogar eine Wohnung geteilt. Aber dann wurde ich versetzt. Von Hamburg nach Berlin. Maja ist seit ein paar Monaten Single und arbeitslos. Und ich bin nur am Wochenende in Hamburg. Drei Dinge, die nicht wirklich gut für sie sind.

Ich streife die Stiefel von meinen Füßen, stoße sie in die Ecke des Flures, lasse die Jacke fallen, öffne den Kühlschrank und stelle entsetzt fest, dass kein Weißwein mehr kalt steht. Zum Glück ist noch eine Flasche Pinot im Abstellraum. Nicht meine Lieblingssorte, aber besser als gar nichts. Klirrend lasse ich zwei Eiswürfel in mein Glas fallen, fülle es und schalte den PC an. Ich will sehen, was bei Facebook los ist. Ich habe mich dort als Silk Stockings und nicht als Silke Strümpf angemeldet. Silke Strümpf, was für ein bescheuerter Name! Den Nick dagegen finde ich gut. Silk Stockings hat etwas Verruchtes – nicht, dass das wirklich zu mir passen würde …

Bis vor acht Monaten war ich mir übrigens ziemlich sicher, meinen bescheuerten Nachnamen noch vor Jahresablauf ändern zu können. Doch dann habe ich Jochen mit einer anderen überrascht und der Traum vom neuen Nachnamen und Goldring am Finger rückte in weite Ferne.

Es ist weit nach Mitternacht. Das Geschäftsessen war zäher als Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst. Eine Weile habe ich befürchtet, dass ich bis morgen früh in dem Lokal ausharren muss. Aber zumindest das Steak war fantastisch.

Ich bin in der Redaktion einer aufstrebenden Kochzeitschrift beschäftigt. EatArt war in den Neunzigern das Hobby­projekt eines großen Verlegers, lange bevor es hip wurde, Fernsehköchen zuzuschauen und sich Kochduellen zu stellen. Inzwischen erscheint die Zeitschrift nicht mehr halbjährlich, sondern monatlich, und ist auf Hochglanz poliert. Schöne Bilder von schönen Menschen, die schöne Dinge kochen und essen. Und ich bin von der Praktikantin, die meistens nur schlechten Kaffee kochte, zur Leiterin der Redaktion in Berlin aufgestiegen. Wie das passieren konnte, frage ich mich manchmal selbst.

Es dauert ewig, bis der Laptop hochgefahren ist. Das Gehäuse ist ein Traum, aber ein wenig mehr Leistung täte dem Gerät echt gut. Aber ich hänge daran, schließlich haben Maja und ich uns als Symbol unserer Freundschaft identische Laptops gekauft. Auf Facebook sind nur noch drei meiner »Freunde« unterwegs – die üblichen Nachtschwärmer, die in den dunklen Stunden zu virtueller Höchstleistung auflaufen, aber am Tag und im richtigen Leben versagen.

Majas Pinnwand ist voll mit seltsamen Statusmeldungen. »104 – Du hast dir das Kind im Manne bewahrt. Darauf kannst du stolz sein! Du magst ruhige Zeiten, brauchst aber dann und wann auch ein wenig Action.«

Was zum Teufel ist das? Ich scrolle weiter runter und finde diesen Eintrag: »Schreib mir eine private Nachricht mit einer Zahl zwischen 1 und 500 und ich poste unter dieser Zahl in meinem Profil, was ich über dich denke.« Verblüfft lese ich die Nachrichten. Zwanzig hat Maja an diesem Abend geschrieben. Was ist in sie gefahren? Die Einträge sind zum Teil wirklich witzig und schlüssig. Ich überlege, welche Person zu welcher Zahl passen könnte, und lege eine kleine Liste an. Der Blick auf die Uhr beschert mir eine unliebsame Überraschung, es ist schon nach zwei und in vier Stunden muss ich wieder aufstehen. Zum Glück ist es Freitag, sodass ich mich am Mittag in die Bahn schmeißen und nach Hamburg düsen kann. Maja ist mir eine Erklärung schuldig, auf die ich schon sehr gespannt bin. Schnell schicke ich ihr eine PN mit der Zahl 365, dann gehe ich schlafen.

Ich träume von Zahlen und seltsamen Meldungen, von langweiligen Essen und eiskaltem Wein. Verdientermaßen habe ich eine dicke Zunge, die an meinem Gaumen klebt, als der Wecker klingelt. Noch fünf Minuten, denke ich.

Als ich das nächste Mal die Augen öffne, scheint die Sonne in mein Schlafzimmer. Scheißescheißescheiße! In Windeseile ziehe ich mich an, klatsche mir kaltes Wasser ins Gesicht und greife nach meiner Handtasche. Das ist nicht das erste und bestimmt auch nicht das letzte Mal, dass ich verschlafe, deshalb habe ich eine erstaunliche Routine, wenn alles ganz schnell gehen muss. Deo, Schminkzeug und ein paar T-Shirts zum Wechseln warten im Büro auf mich. Dort steht auch der Kaffeevollautomat. Bisher habe ich es nämlich noch nicht geschafft, mir eine intravenöse Kaffeeleitung legen zu lassen. Heute wäre mal wieder ein Tag, an dem ich die gebrauchen könnte.

Nach zehn Minuten habe ich mich einigermaßen restauriert, doch ich fühle mich schon jetzt verbraucht. Zum Glück steht nichts Besonderes an. Ich fahre den PC hoch und checke meine Mails. Der langweilige Typ von gestern hat mir doch tatsächlich eine Nachricht geschickt: »Es war nett, mit Ihnen zu plaudern. Dennoch denke ich, dass die Artikelserie in die Hand eines Mannes gehört, schließlich dominieren Männer die Sterneküche.« Wieder so ein Typ, der nicht davon überzeugt ist, dass es eine gute Idee war, Frauen das Wahlrecht zu geben. Pech gehabt, denke ich, entweder mache ich das oder keiner. Ich formuliere meine Antwort etwas höflicher und schicke sie ab. Er will etwas von uns, versuche ich mich zu überzeugen, er wird also zustimmen. Das Klingeln des Telefons reißt mich aus meinen Gedanken. Ich schaue auf das Display: die Nummer meines Chefs in Hamburg.

»Strümpf«, melde ich mich und versuche, beschäftigter zu klingen, als ich es bin.

»Silke, wie geht es dir?« Frank säuselt ins Telefon. Ich hasse es, das macht er nur, wenn er etwas von mir will.

»Wun-der-bar!«, sage ich betont fröhlich. »Habe nur viel zu tun.«

»Das habe ich befürchtet. Heißt das, dass du dieses Wochenende nicht nach Hamburg kommst?« Das ist eine Fangfrage, ich spüre es genau.

»Warum?«

»Ach, ich dachte nur …« Nein Frank, du willst etwas von mir. Nur was? »Falls du am Wochenende in Hamburg sein solltest …« Wieder stockt er. Das ist eine seiner Maschen. Er windet sich, bis er das hört, was er hören will.

»Sagst du mir jetzt, was du von mir willst, oder kommt erst noch der Werbeblock? Ich habe hier jede Menge Arbeit auf dem Tisch«, lüge ich.

»Hat es geklappt mit dem Auftrag?« Frank klingt erfreut.

Alles, was hier in der letzten Zeit klappt, sind die Türen, denke ich, aber das sage ich nicht. Stattdessen: »Sieht fast so aus.«

»Wunderbar, das ist ganz wunderbar. Ich wusste ja, dass du die Richtige für den Posten bist.«

»Und was soll ich jetzt in Hamburg?«

»An der Alster hat ein neues Lokal aufgemacht. Molekularküche. Es nennt sich Reagenzglas und heute Abend ist die Einweihungsfeier. Wir sind eingeladen, aber ich kann nicht.«

Das kann ich mir denken. Frank mag Molekularküche ebenso wenig wie ich. Wir beide haben lieber etwas Festes zum Kauen als ein Hauch von Nichts in Wolkenform auf dem Teller.

»Heute Abend?« Ich blättere hörbar in meinem Termin­kalender. »Sieht schlecht aus.«

»Du würdest mir einen riesigen Gefallen tun. Bitte.«

Die Tage, an denen Frank »bitte« sagt, ­streiche ich mir rot im Kalender an, in diesem Jahr waren es schon drei, dies ist der vierte. Dem Restaurant muss jetzt schon ein wahnsinnig schlechter Ruf vorauseilen.

»Du dürftest anschließend in ein Lokal deiner Wahl gehen. Auf Kosten der Zeitschrift.«

»Mit Begleitung?«, frage ich vorsichtig. Maja würde es guttun, mal wieder richtig auszugehen.

»Mit Begleitung, ja.«

»Getränke inklusive?«

Frank zögert, ich trommele mit den Fingern auf dem Schreibtisch, er soll ruhig mitbekommen, dass ich nicht alle Zeit der Welt habe.

»Okay, Getränke inklusive.«

»Dann mach ich es. Schick mir die Einladung per Mail.«

»Der Bericht über die Einweihung sollte positiv sein«, sagt er leise.

»Das versteht sich von selbst. Ich bin Profi, Frank.«

»Ja, das bist du!« Die Erleichterung ist ihm deutlich anzu­hören und ich frage mich, ob noch etwas im Kleingedruckten steht, das er mir verschweigt. Sei’s drum, heute Abend werden Maja und ich erst das Reagenzglas besuchen und es uns dann so richtig gut gehen lassen. Ich nehme mein Handy und drücke die Kurzwahltaste. Maja meldet sich verschlafen.

»Maja, ich habe eine Überraschung für dich!«

Chemie versus Tristesse

Maja

»Moleku … was?« Herrje, so sehr ich Silke mag – mitten in der Nacht kann sie mich so gern haben wie ein Versicherungsvertreter.

»Mo-le-ku-lar-kü-che«, wiederholt Silke, als würde sie einer Vierjährigen erklären, wie man sich die Schuhe zubindet. Zu­gegeben, im Moment befinde ich mich geistig auf diesem Niveau. Trotzdem will ich ernst genommen werden! »Süße, schmeiß dich heute Abend in Schale und lass dich überraschen. Und bitte zieh nicht wieder die Biber-Bettwäsche auf, die mag ich nicht«, kommt es aus dem Hörer.

Ehe ich auch nur ansatzweise sortieren kann, was mir eben mitgeteilt wurde, ist die Leitung auch schon tot. Ich schäle mich aus dem Bett und latsche in die Küche.

Kaffee – das Einzige, was hilft! Während die Maschine blubbert, rekapituliere ich: Silke kommt heute. Zu mir. Über Nacht. Und wir gehen essen. Irgendein neues Lokal an der Alster wird eröffnet. Silkes Chef zahlt.

»Yeah!«, rufe ich und ziehe die Kanne aus der Maschine, noch ehe das komplette Wasser durchgelaufen ist. Meine Saeco hat vor zwei Monaten den Geist aufgegeben und seitdem brühe ich mir dünnen Filterkaffee. Schmeckt zwar nicht, ist aber von den Kosten her absolut Arbeitslosengeld-kompatibel.

Eine halbe Tasse später ist mir klar, dass leider nicht nur meine Kaffeekochmethode, sondern auch meine Garderobe von vorgestern ist. Ich muss gar nicht im Schrank wühlen, um zu wissen, dass da nur Sachen lagern, deren große Zeit längst vorbei ist. Und die wenigen Designerteile, die ich hatte, habe ich meistbietend bei eBay vertickt. Mist. Ein Notruf ist fällig! Keine fünf Minuten später schicke ich eine Mail los.

An: [email protected]

Von: [email protected]

Gesendet: Freitag, 5. Mai, 9.34 Uhr

Betreff: Kleines oder großes Schwarzes

Süße,

ich freu mich auf dich! Aber willst du wirklich, dass ich nackt in dieses Chemie­labor-Lokal gehe? Mein Kleiderschrank ist der traurigste Ort der westlichen Hemisphäre. Wenn du dich nicht blamieren willst, bring mir bitte, bitte etwas zum Anziehen mit. Stell dir ruhig vor, wie ich dich auf (nackten!) Knien anflehe! Oder ist es angebracht, das Reagenzglas im weißen Kittel mit Schutzbrille zu besuchen?

Deine Maja

P.S.: Du bekommst die Baumwoll-Bettwäsche mit den hellblauen Streifen!

Ich klicke auf »Senden« und freue mich, dass Silke und ich dieselbe Kleidergröße haben. Schon zu seligen WG-Zeiten haben wir ständig Klamotten getauscht. Denn was die eine nicht im Schrank hatte, war bei der anderen garantiert zu finden.

Ich freue mich übrigens, dass Silke mal rauskommt aus dem Berliner Mief. Sie sitzt viel zu oft in der Redaktion dieser Kochzeitschrift, in der alle Fotos aussehen, als ob das Essen aus Plastik wäre. Silke hat mir mal verraten, dass die Lebensmittel meistens roh sind, wenn sie fotografiert werden. Oder tiefgekühlt. Oder mit Haarspray präpariert, damit die Scheinwerfer nicht gleich alles zum Schmelzen bringen. Das Schärfste ist aber, dass die Fotografen appetitanregende Hochglanzbilder abliefern und die Redaktion erst dann passende Rezepte entwirft, getreu dem Motto: »Wie könnte das gekocht worden sein, wenn es nicht roh wäre?« Meistens haben sie nicht mal Zeit, ihre Anleitungen selbst auszuprobieren. Kein Wunder also, wenn Millionen Hausfrauen am heimischen Herd zusammenbrechen, weil das angeblich kinderleichte Sternemenü aussieht wie der Mageninhalt einer Katze. Wie immer im Leben gilt: mehr Schein als Sein.

Ich beschließe, heute Abend jünger zu scheinen, als ich es bin, und quetsche den letzten Rest Jungbrunnenmaske aus der Tube auf mein Gesicht. Die Maske hält in der Regel, was sie verspricht, und ich freue mich auf den seidigen Teint, der in einer knappen halben Stunde unter ihr zum Vorschein kommen wird. Noch sehe ich eher aus wie ein Monster. Wie gut, dass ich keine Webcam habe, denke ich und logge mich bei Facebook ein.

Mit Traditionen soll man nicht brechen, und so ignoriere ich die sieben privaten Nachrichten erst einmal und schaue nach meiner Farm. Der virtuelle Hund darf Enten jagen, ich ernte ein paar Erdbeeren und finde einen schnieken Hengst, der mir ein paar fette Bonuspunkte beschert. Aus Spaß besuche ich Silkes Farm. Die ist viel kleiner als meine. Außerdem sind alle Weizenfelder vertrocknet. Und sie könnte sich wirklich mal ein bisschen liebevoller um ihre Hühner kümmern! Tierfreundin, die ich bin, miste ich Silkes Hühnerstall aus, was mit einem goldenen Ei belohnt wird. Nach der Farmarbeit wage ich mich nun doch an die privaten Nachrichten. Und staune Bauklötze: Zwei Orakelkunden bedanken sich überschwänglich, fünf weitere wollen meine Einschätzung hören. Sofort kribbelt es in meinen Fingern und Bee Maja legt los.

»110 – Du tanzt durchs Leben, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Du bist eine facettenreiche Persönlichkeit, nie langweilig, immer überraschend. Du bist denen treu, die es verdienen, aber wenn es sein muss, fährst du auch mal die Krallen aus (was ich sehr gut finde – aber um den Nagellack beneide ich dich trotzdem).« Das war für eine Bekannte, die sich im Profilbild als Ballerina präsentiert. Ehrlich gesagt, wusste ich bis eben nicht, dass sie tanzt. Aber ich kenne den Nagellack … Chanel. Ein Traum. Für Bee Majas Geldbeutel derzeit leider eine Nummer zu groß.

Die nächste »Kundin« ist Carina. Sie ist auf verschlungenen Wegen in meiner Freundesliste gelandet und gibt auf Facebook regelmäßig bissige Kommentare ab. Ich schaue mir schnell ihr Profil und ein paar Fotos an. Dann antwortet das große Orakel: »68 – Du bist schön. Du bist klug. Du bist witzig. Du bist eine Frau, um die andere Kerle deinen Mann beneiden. Ich kenne dich noch nicht persönlich, aber ich wette, wenn wir uns mal begegnen, dann hat das Zwerchfell jede Menge Arbeit. Du hast Witz. Einen sehr scharfen Blick. Manchmal ein (angenehm) loses Mundwerk. Miesepeter kannst du nicht ab. Du genießt den Moment, hast aber immer auch dein großes Ziel vor Augen. Um das zu erreichen, tust du mehr, als andere schaffen würden.«

Ich finde mich echt gut und gönne mir noch ein Tässchen Kaffee. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass ich noch eine gute Viertelstunde unter der Wundermaske vor mir habe. Zeit genug, um noch ein paar Menschen glücklich zu machen. Nummer 286 zum Beispiel. Die Frau wohnt laut Profil in Hannover. Wie sie aussieht? Keine Ahnung. Das einzige Bild von ihr zeigt den Umriss einer Frau, die sich ein Stück Pappe vors Gesicht hält. Entweder ist sie grottenhässlich – oder ein Promi. Das Orakel bedient auch VIPs!

»286 – Dein wahres Gesicht weißt du zu verbergen. Aber deine Freunde wissen, was für ein toller Mensch du bist. Schwarz-Weiß-Denken gibt’s bei dir nicht. Die Welt ist bunt und deine Persönlichkeit ist es auch!«

So. Entweder habe ich ein hässliches Entlein glücklich gemacht, oder ich werde demnächst von einer Filmschauspielerin zu einer Premiere eingeladen. Mit der Kaffeetasse proste ich mir selbst zu. Und weiter geht’s: 365. Hey! Silk Stockings! Also war Silke gestern Nacht doch noch online? Na, da muss ich nichts recherchieren. »365 – liebste Freundin! Ich bin so stolz, dich zu kennen. Du bist humorvoll, auf deine ganz eigene Art, die ich so liebe. Das Leben hat dir auch seine dunklen Seiten gezeigt. Aber du hast es dennoch geschafft, immer eine Lichtgestalt zu bleiben. Dir macht keiner was vor. Missgunst und Lügen sind dir ein Gräuel. Für deine Lieben bist du der Fels in der Brandung, du bist stark und zart, fröhlich und auch mal ernst. Du bist eine der tollsten Frauen, die ich kenne. Ach, was schreibt das Orakel: Du bist die tollste.« Mir wird ganz warm ums Herz, als ich das tippe. Ich wollte Silke schon längst mal sagen, wie wundervoll ich sie finde. Und am Bildschirm ist es weit weniger kitschig als ihr gegenüber auf der ausgesessenen Couch in meinem winzigen Wohnzimmer.

Jetzt aber schnell, ab ins Bad, die Pampe vom Gesicht waschen. Wehe, ich sehe darunter nicht aus wie Angelina Jolie! Aber ohne die Schlauchbootlippen, bitte. Was ich mit den Haaren anstellen soll, weiß ich nicht. Mein letzter Friseurbesuch war kurz nach dem Aussterben der Dinosaurier, die Haarspitzen sehen aus wie die Fransen an einem alten Teppich. Und natürlich ist kein Tropfen Haarkur mehr in der Tube. Dasselbe traurige Nichts ist im Lippenstift, der Lidschatten bröselt in seiner abgegriffenen Schachtel vor sich hin und der Nagellack ist eingetrocknet. Scheiß auf meine Finanzen! Ein chemisch hergestelltes Essen verlangt nach einem chemisch behandelten Gesicht. Also nichts wie los in den Drogerie­markt.

Hey Boss, ich brauch Klamotten

Silke

Das kleine gelbe Symbol in meiner Taskleiste blinkt auf. »Sie haben Post«, murmele ich. Bestimmt ist das die Mail von Frank mit den Eckdaten zur Einweihung des Reagenzglas. Grundgütiger, warum habe ich mich nur darauf eingelassen? Wenn das Lokal hip oder cool wäre, hätte Frank das selbst übernommen. Die Sache hat doch einen Pferdefuß!

Doch die Mail ist von Maja. Ich klicke auf »Antworten«, lehne mich zurück und denke nach. Majas finanzielle Lage ist desaströs. Dieser Idiot, mit dem sie zuletzt zusammen war, hat es geschafft, ihre gesamten Ersparnisse auf den Kopf zu hauen und ihr zusätzlich auch noch Schulden zu hinterlassen. Daran knabbert sie mehr als an der beendeten Beziehung. Was sie an diesem Langweiler Sven gefunden hat, ist mir sowieso nie klar gewesen. Aber das ist das Schöne an unserer Freundschaft: Wir werden uns nie um einen Mann streiten, weil wir einfach zu verschiedene Beuteschemata haben.

Den Job hatte Maja schon vorher verloren, was eigentlich kein richtiger Verlust war, denn dieser dusselige Eventmanager hatte sowieso keine Ahnung von dem, was er tat. Nun ja, das trifft bedauerlicherweise auf viele Männer zu. Ich versuche seit einiger Zeit, Maja im Verlag unterzubekommen, doch bis auf unbezahlte Praktikantenstellen gibt es hier momentan nichts.

Wieder schaue ich auf meinen PC – eine weitere Mail ist angekommen. Diesmal ist sie von Frank. Ich drucke sie aus, fahre den PC runter und beschließe, für heute Schluss zu machen. Heike, meine Mitarbeiterin, schaut mich erst verblüfft, aber dann durchaus dankbar an, als ich auch sie ins Wochenende entlasse. Was soll’s, noch haben wir den Auftrag für die Artikel­serie nicht, da können wir auch eher Feierabend machen, schließlich läuft uns die Arbeit nicht weg.

Auf dem Weg zum Parkplatz überfliege ich die Mail von Frank. »Es wird um elegante Abendkleidung gebeten.« Na toll. Was ziehe ich heute Abend an? Obwohl mein Kleiderschrank besser gefüllt ist als der von Maja, habe ich oft das Gefühl, nur einen Haufen Nichts zu besitzen. Aber der Dresscode kann nicht der Grund sein, warum Frank den Termin nicht wahrnimmt. Er verbringt sicherlich mehr Zeit im Bad als Maja und ich zusammen. Na ja, fast. »Falls jemand eine Lebensmittelallergie hat, möge er das vorab mitteilen. Das Food wird non-convenience produced, wir verwenden ausschließlich functional food und instincto food.« Alles klar, denke ich, sie gebrauchen derart viele Fremdwörter, weil sie nicht wissen, was sie tun. Frank hat sicher schon Informationen unter der Hand bekommen.

Überrascht sehe ich, dass die Mail nicht nur einen, sondern zwei Anhänge hat. Auch der zweite ist eine Einladung für Frank. Sie kommt vom Weissen Haus in der Speicherstadt, einem der absoluten In-Restaurants in Hamburg – selbst nach Tim Mälzers Rückzug. »Kleine geschlossene Gesellschaft …« Okay, keine Frage, dieses Lokal wäre auch meine erste Wahl gewesen. Ich überlege, ob ich sauer sein soll, lasse es dann aber. Es lohnt sich einfach nicht. Maja und ich werden uns kurz in der Experimentierküche umschauen, einen Sekt trinken und uns dann lächelnd in das Nachtleben Hamburgs verabschieden.

Da fällt mir ein: Noch immer ist die Frage nach dem richtigen Outfit nicht beantwortet. Elegante Abendkleidung? Natürlich hängt der eine oder andere Fummel in meinem Kleiderschrank, es gibt immer wieder Einladungen dieser Art, die ich wahrnehmen muss. Doch jetzt, denke ich und ziehe grinsend das Handy aus meiner Tasche, wäre es an der Zeit, mir ein paar neue Teile für meine Garderobe zu besorgen.

»Frank«, säusele ich lächelnd, als er sich meldet. »Das find ich aber großartig von dir.«

»Silke?«

»Ja, ich habe gerade die Einladung bekommen. Eine kleine geschlossene Gesellschaft im Weissen Haus. Super, da wollte ich schon lange mal hin.«

»Was?«

»Na, die Mail, die du mir gerade geschickt hast. Versuchen die sich dort inzwischen auch in der Molekularküche? Das schmeckt sicherlich grandios.« Ich unterdrücke ein Auflachen.

»Was? Weisses Haus? Ja, äh … Nein, du sollst das Reagenzglas begutachten. Ich muss dir die falsche Einladung geschickt haben …« Er klingt hektisch, ich grinse diebisch.

»Oh nein, und jetzt hatte ich mich so gefreut.« Ich ziehe einen Schmollmund und bilde mir ein, dass er es hören kann. »Können wir nicht tauschen?«

»Nein, das geht auf keinen Fall. Meine Frau …«

Ah, daher weht der Wind. »Ach so, deine Frau möchte lieber ins Weisse Haus, das kann ich verstehen. Ich ja auch. Nun ja, auf der Einladung vom Reagenzglas steht aber, dass man in eleganter Abendkleidung erscheinen soll.«

»Richtig.«

»Das ist ein Problem, Frank. Meine Abendkleidung ist schon lange nicht mehr elegant. Und etwas Neues … ich wollte sowieso mal mit dir über eine Gehaltserhöhung sprechen. Weißt du, seit ich hier auch repräsentative Termine für die Zeitschrift wahrnehmen muss …«

»Gehaltserhöhung? Spinnst du?«

»Nein. Schau mal, die elegante Abendkleidung ist doch quasi Arbeitskleidung für mich. Muss so etwas nicht der Arbeitgeber zahlen?«

Wir diskutieren noch eine Weile und irgendwann spüre ich seinen Widerstand bröckeln. Kurze Zeit später habe ich ihm einen netten Betrag aus den Rippen geleiert. Genug, um mit Maja shoppen zu gehen. Ich lege auf, setze mich in meinen Wagen und drücke die Kurzwahl ihrer Nummer. »Maja, wo bist du? Du wirst nicht glauben, was ich dir jetzt erzähle.«

Von der Raupe zum Schmetterling

Maja

Das ist das Paradies. Und Bee Maja ist mittendrin! »Na los, husch, geh suchen, hol das Kleidchen«, ruft Silke und schubst mich in die Designerboutique. Ich fürchte, ich fange gleich an, zu sabbern wie ein Köter beim Anblick eines Knochens. Der Laden ist verdammt leer, also verdammt teuer. Nur einige ausgewählte Stücke hängen auf den Kleiderstangen, die Schuhe thronen einzeln auf beleuchteten Podesten und die passenden Handtäschchen warten hinter Glas auf neue Besitzerinnen.

Ich dachte ja erst, Silke würde einen Scherz machen, als sie mir die Höhe des Betrags nannte, den sie ihrem Chef für »Arbeitskleidung« abgerungen hat. Aber sie scherzte nicht – kaum hatte ich sie am Hauptbahnhof in Empfang genommen, rauschten wir schon per U-Bahn zu den Bleichen. Hier kaufen sonst nur die hanseatischen Unternehmergattinnen ein. Oder die gut verdienenden Huren aus der Herbertstraße. Heute aber sind Bee Maja und Silk Stockings dran. Oder fast, denn Silk Stockings hat einen Plan, wie sie ihrem Chef neue Klamotten und ein paar Extrataler für die abgebrannte Freundin abluchsen kann.

»Bonjour«, säuselt eine Stimme aus dem Off. »Wie kann isch die Damen ’elfen?« Eine Gestalt tritt hinter einer spiegel­verkleideten Säule hervor. »Je suis Yves, aber nischt der ­Designer«, sagt die Erscheinung.

Silke reißt die Augen auf und starrt den Kerl an. Ich kann mich gerade noch in einen Hustenanfall flüchten, ehe ich laut lospruste. Vor uns steht ein schmächtiges Männlein mit an­gedeutetem Oberlippenbart, gehüllt in edelsten schwarzen Zwirn und von oben bis unten wie ein Christbaum mit Glitzer und Flimmer behängt. An jedem Finger seiner Hände trägt er zwei Ringe, von denen einer größer ist, als es Harald Glööckler erlauben würde.

»Bonjour Yves«, flötet Silke, als kaufe sie täglich in solchen Läden ein. »Wir suchen ein kleines Kleidchen für eine kleine Einladung.«

»Oh, isch versteh, isch weiß«, säuselt Yves und umrundet uns wie ein Tänzer des Bolschoi-Balletts. »Kleine Kleid, oh, isch ’abe Traum für die Damen, Momeeent, warten Sie!« Dann verschwindet er im hinteren Teil des Ladens, um gleich darauf einen Kleiderständer hervorzuziehen, der vorher nicht zu sehen war. »Ist noch nischt offiziell in die Läden, ist neue Kollektion, direkt aus Paris.« So, wie er »Paris« sagt, könnte man meinen, er lutsche ein Praliné. Aber von mir aus kann Yves quatschen, was und wie er will. Denn auf dem Kleiderständer reiht sich ein Traumkleid an das nächste.

»Wow«, flüstere ich. Und auch Silke kann sich ein »Oooh« nicht verkneifen. Auch wenn sie gut verdient, ist es nicht so viel, dass sie ständig in Edelboutiquen einkaufen könnte.

Und dann legen wir los. Meine Hände zittern, als ich das erste Kleid anprobiere. Rote Seide, der Rock so raffiniert geschnitten, dass ich mit einem Schlag einen perfekten Hintern und perfekte Knie zu haben scheine. Das Oberteil macht aus meinem A-Körbchen dank viel Seide ein B. Mindestens.

»Silke, schau!«, rufe ich und schwebe aus der Umkleide, die hier kein muffiges Kabuff mit einem löchrigen Vorhang ist, sondern ein richtiges Zimmer, in dem locker meine Küche Platz hätte.

»Boah!«, kommentiert meine Freundin, die sich ihrerseits in einem schwarzen Tafttraum vor dem Spiegel dreht. Das Kleid ihrer Wahl ist im Rücken verboten tief ausgeschnitten, hat eine kleine Schleppe und ist ansonsten so schlicht, dass es nur teuer sein kann.

»Parfait, c’est jolie!«, säuselt Yves und dreht ein paar Pirouet­ten um uns.

»Hast du mal auf den Preis geschaut?«, flüstere ich Silke zu.

Sie grinst. »Ist ungefähr so viel, wie dir das Amt in vier Monaten überweist, schätze ich?«

»In fünf. Mindestens!«

»Bingo!«, ruft Silke und wir schlagen ein. »Yves«, sagt sie dann huldvoll, »das ist ganz nett, aber würden Sie uns noch weitere Modelle zeigen? Ein ähnliches trug Scarlett Johannson bei den Academy Awards …« Sie verzieht beinahe angewidert das Gesicht und Yves hüpft wie ein Gnom hin und her, präsentiert hellblaue Kleider und dunkle aus Samt, kurze und sehr lange, weit geschnittene, zu weit ausgeschnittene. Immer bringt er ein Paar traumhafter Schuhe, die exakt auf das jeweilige Kleid abgestimmt sind. Und wenn er merkt, dass uns ein Modell zusagt, hat er nur Sekunden später die passende Handtasche parat.

»Puh«, sage ich nach anderthalb Stunden und lasse mich – jetzt wieder in Jeans und Bluse – neben Silke auf die wuchtige Couch sinken. Silke nimmt einen Schluck Champagner, den Yves zusammen mit frischen Erdbeeren kredenzt hat, und lässt den Blick über die Traumkleider schweifen, die mittlerweile wieder in Reih und Glied auf der Stange hängen. Yves hat sich dezent zurückgezogen. Ich nehme an, er poliert seine Ringe.

»Und, Maja, welches Kleid darf’s sein?«

Ich schaue Silke in die Augen. Nein, das hier ist definitiv kein Scherz. Ich werde in wenigen Augenblicken die Trägerin eines waldgrün schimmernden Seidentraums sein, der meine Schultern umspielt wie ein Moosbett den Körper einer Märchenprinzessin. »Das grüne«, antworte ich und zeige mit zitternden Fingern auf das Kleid. Es wird mir zwar nur einen Abend lang gehören … aber immerhin!

»Ich find auch, dass dir das am besten steht«, sagt Silke. »Und ich nehme das cremefarbene. Der Faltenwurf kaschiert alles, was es zu kaschieren gibt.« Ich wüsste zwar nicht, was Silke kaschieren will, aber ich muss zugeben, dass das Kleid wie für sie gemacht ist.

»Yves!«, ruft Silke gönnerhaft. »Zahlen, bitte!«

»Un moment, Mesdames, isch ’ole die Chef.«

Ein paar Minuten später hängt Silke am Hals eines Hünen, der besser als Türsteher in die »Ritze« passen würde als in eine Nobelboutique. »Uwe!«, quietscht sie und lässt sich von dem Stallone-Verschnitt knutschen. Gerade auf dem Weg hierher hat sie mir die schräge Story erzählt, wie sie diesen Uwe in einem Stuttgarter Gourmettempel kennenlernte, in dem sich ein Haufen­ Neureicher zum Schauessen traf. Er kommt tatsächlich aus dem Rotlichtmilieu, hat sich dann aber in eine seiner »Damen« verknallt und ist mit einer Designerboutique sesshaft geworden. Den Goldklunkern um Hals und Handgelenke nach zu urteilen, scheint auch das ein einträgliches Geschäft zu sein. Ich würde mich nicht wundern, wenn sein Dienstwagen ein flachgelegter knallroter Ferrari wäre.

Silke zieht Uwe zur Seite und flüstert ihm irgendwas ins Ohr. Immer mal wieder werfen die beiden einen Blick zu mir. Ich starre abwechselnd auf meine Füße und auf die Manolo Blahniks, die sich direkt vor mir im Licht eines einzelnen Scheinwerfers auf einem elektrischen Teller drehen. Je länger Silke flüstert und gestikuliert, desto verschlagener wird Uwes Grinsen. Schließlich weist er Yves an, die gewählten Kleider einzupacken. Silke und Uwe gehen zur Kasse. Uwe tippt eine pervers hohe Zahl ein, lässt die Kasse rattern und drückt meiner Freundin dann einen Packen Scheine in die Hand.

»Schönen Abend, Ladys«, ruft er und schnippt mit den ­Fingern in Richtung Yves. Der glitzernde Tänzer schwebt herbei, und nur Minuten später sind wir um wunderschöne Schuhe, ­Taschen und Kleider reicher. Silkes Chef ist dafür um gut viertausend Euro ärmer.

»So, abzüglich Leihgebühr bleibt noch ein feiner Etat für Powershopping bei Zara und Mango!« Silke strahlt und hakt sich bei mir unter. Okay, das ist zwar nicht Saint Laurent oder Dior, aber den Klamotten sieht man das nicht unbedingt an. Und mal ehrlich: Lieber kaufe ich mir fünf Kleider und sechs Hosen als ein winziges, teures Seidenfähnchen. Wie meine ­kluge Freundin mit den manchmal etwas undurchsichtigen ­Kontakten eben bewiesen hat, kann man sich die Designerstücke auch leihen. Und solange Karl Lagerfeld nicht erkennt, dass Bee Maja und Silk Stockings Stars sind, die man zu Werbezwecken mit einer ganzen Kollektion ausstatten sollte, müssen wir die Modebranche eben ein wenig austricksen.

Dass wir so schnell keinen Friseurtermin mehr ergattern konnten, ist natürlich jammerschade. Aber nicht wirklich schlimm, denn meine liebste Freundin hat es geschafft, mithilfe von gefühlt fünfzig Haarnadeln aus den Spargelstrippen, die sich meine Haare nennen, eine ansehnliche Frisur zu ­zaubern.

Zauberhaft sieht auch Silke aus, als sie neben mir im Taxi sitzt. Der Fahrer, ein ganz junger Kerl, schaut immer wieder in den Rückspiegel.

»Halt! Bitte anhalten!«, ruft Silke plötzlich. »Sofort!«

Das Taxi bremst abrupt.

»Wir sind doch noch gar nicht an der Alster«, sage ich.

»Nein, aber goldrichtig«, antwortet sie, zieht einen Zwanziger aus der bestickten Tasche und verlässt mit einem non­chalanten »Stimmt so« das Taxi. Ich habe ein wenig Mühe, mich mit den Zehn-Zentimeter-Absätzen und dem hautengen Rock aus dem Auto zu schälen. Als ich es endlich geschafft habe, stehe ich vor einer Würstchenbude.

»Das ist aber nicht dein berühmtes Reagenzglas!«

»Nein, Maja, das ist langjährige Erfahrung. Wir essen jetzt erst mal eine fette Currywurst mit Pommes. Sonst werden wir nachher den Hungertod sterben!«

Chemie gehört ins Labor, nicht in die Küche

Silke

Ich schaue Maja an, die ihre Pommes in die Mayonnaise tunkt, ein glückliches Lächeln im Gesicht. So entspannt habe ich sie lange nicht mehr gesehen. Plötzlich stößt sie mich in die Seite, nur mit Glück schaffe ich es, keine Currysoße auf meinen Leihfummel zu kleckern.

»Guck mal da drüben«, wispert Maja.

»Hmm?« Ich wische mir schnell den Rest Soße von den Händen und folge ihrem Blick.

»Nicht so auffällig!« Maja kichert. »Die Frau in dem grünen Rock.«

»Grundgütiger«, murmele ich. »Das ist doch Sabine mit ihrer Lebensgefahr.«

Das Pärchen steht an der Ampel und streitet sich lautstark.

»Genau, das ist Nummer 67.«

»Nummer 67?« Dann fällt mir Majas Orakelspiel auf Facebook ein. »Was hast du ihr geschrieben? Dass sie sich von der Lebensgefahr befreien soll?« Der Typ hat ordentlich Durchzug im Oberstübchen, ich sehe förmlich die Gardinen aus den Fenstern flattern. Jedes Mal, wenn ich die beiden treffe, macht er sie wegen Nichtigkeiten nieder. So etwas wie den braucht kein Mensch.

»So in der Richtung. Ich habe es nur in freundlichere Worte verpackt.«

»Liebes Orakel, manchmal helfen nur klare Ansagen.«

Maja schaut mich an, ihre Augen funkeln. »Vermutlich hast du recht, aber ich wollte trotzdem etwas einfühlsamer sein, schließlich bin ich ein Orakel und keine Kummerkastentante.«