Schöne Ungeheuer - Wilfried Steiner - E-Book

Schöne Ungeheuer E-Book

Wilfried Steiner

0,0
20,99 €

Beschreibung

Der Physiker Jan Koller wird am Vorabend eines Kongresses tot aufgefunden. Wenig später wird die Täterin verhaftet: Seine Forscherkollegin Jelena Karpova hat den Mord gestanden. Doch nicht alle sind von Jelenas Schuld überzeugt: Ihre Anwältin Eva Mattusch glaubt, dass Karpova durch ihr Geständnis den wahren Täter schützen will. Gemeinsam mit dem Wissenschaftsjournalisten Georg Hollaus beginnt sie zu ermitteln. Ihre Nachforschungen führen sie nach Genf und tief hinein in das faszinierende Forschungszentrum CERN. Sie tauchen ein in die Welt besessener Wissenschaftler, die nicht weniger ergründen wollen als die Entstehung des Universums, eine Sphäre voller komplexer physikalischer Theorien, aber auch reich an Eitelkeiten und Eifersucht. Verbirgt sich hier die Lösung des Rätsels um Jelena Karpova? Oder hat die Stadt Genf noch andere Antworten zu bieten? Schließlich wurde hier nicht nur Wissenschafts-, sondern auch Literaturgeschichte geschrieben: Zweihundert Jahre zuvor entstand in der Villa Diodati der Roman "Frankenstein", der von der Hybris der Wissenschaft erzählt und von ihrem Scheitern. Die Literatur und die Naturwissenschaft, der Journalist und die Juristin: Sie alle treibt die Suche nach der Wahrheit um, nach der einen Erzählung, die alles erklärt. Wilfried Steiner gelingt es, diese konträren Welten zusammenzuführen in einem ebenso inspirierenden wie unterhaltsamen Roman, der den Blick weitet für die Wunder einer verborgenen Welt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 316

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Wilfried Steiner

SCHÖNE UNGEHEUER

Roman

OTTO MÜLLER VERLAG

Die Drucklegung dieses Buches wurde gefördert vom Land Oberösterreich sowie von Stadt und Land Salzburg.

www.omvs.at

ISBN 978-3-7013-1292-4

eISBN 978-3-7013-6292-9

© 2022 OTTO MÜLLER VERLAG SALZBURG-WIEN

Alle Rechte vorbehalten

Satz: Media Design: Rizner.at

Druck und Bindung: Finidr s.r.o., Český Tĕšín

Covergestaltung: Leopold Fellinger

Covermotiv (Detektor CMS des Large Hadron Collider am CERN):

Wilfried Steiner

Das Firmament klafft entzwei, glühendes Rot sickert durch den Spalt. Ein hohes Pfeifen erfüllt die Luft, für menschliche Ohren kaum zu ertragen. Schlagartig wird es so heiß, dass manche Hirten sich die Kleider vom Leib reißen, weil sie denken, sie würden brennen. Eine von überirdischen Scheinwerfern erhellte Nacht, eine Flut aus lodernder Atmosphäre. Zwischen den versengten Fußsohlen schwappt die Hölle herauf.

Inhalt

ERSTER TEIL: HIMMEL IN FLAMMEN

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ZWEITER TEIL: DIE WELTMASCHINE

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

DRITTER TEIL: DAS GESCHÖPF

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

VIERTER TEIL: WÖLFE IM GOTTESDIENST

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

ERSTER TEIL

HIMMEL IN FLAMMEN

EINS

Ich war noch niemals in Sibirien.

Nun kann sich diese Gegend, was ihre Attraktivität betrifft, natürlich nicht mit New York messen, und die meisten Menschen, die das Land noch nie betreten haben, werden es auch nicht besonders vermissen.

Doch in meinem Fall ist das anders.

Jemand, der sich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, mit einem Ereignis an einem bestimmten Ort beschäftigt, sogar das Ziel (oder den Traum) hat, darüber ein Buch zu verfassen, sollte doch alles daransetzen, diesen Ort aufzusuchen. Noch dazu, wenn es ein Werk werden soll, das wissenschaftlichen Kriterien standhält. Dann müsste doch die Recherche an der Stätte des Geschehenen unverzichtbar sein, nein, mehr als das, der Verfasser müsste einen unstillbaren Drang verspüren, dorthin zu reisen.

Aber nein.

Nicht nur, dass mich schon der Gedanke an die tagelange Anreise zurückschrecken lässt, ganz zu schweigen von der Vorstellung, allein durch die menschenleere Tundra zu streifen – ich habe auch gleich eine schöne Rationalisierung parat: Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass ausgerechnet ich dort etwas Neues herausfinden würde, nach all den professionellen Expeditionen der Vergangenheit. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik. Doch dann höre ich meine innere Gegenstimme, und sie verkündet, dass mein geplantes Werk automatisch wertlos wäre, wenn ihm nicht bisher unbekannte, am Schauplatz entdeckte Erkenntnisse zugrunde lägen.

Keine Reise, kein Buch. Die Lähmung ist vollkommen. Und dennoch sammle ich weiter Informationen, die Ordner türmen sich in jeder Ecke meines Arbeitszimmers, keine noch so abseitige Nachricht über mein Thema, die nicht fein säuberlich abgeheftet und zusätzlich in einer von Hunderten Word-Dateien gespeichert wäre.

An Zeit mangelt es mir nicht. Ich arbeite beim Beobachter, einer mittelgroßen Wiener Zeitung, die jeden Tag aufs Neue an ihrem Anspruch scheitert, der österreichische Guardian zu werden. Dort hat man mir mit den Jahren eine gewisse Narrenfreiheit zugestanden. Mein Beruf wird mit einem von jenen zusammengesetzten Begriffen bezeichnet, deren erster Teil Erwartungen weckt, die der zweite nicht erfüllen kann. Wissenschaftsjournalist. Großer Auftakt, enttäuschender Abgang. Wie Theaterkritiker. Literaturredakteur. Oder Musiklehrerin. „Wenigstens“, pflegte Helga zu sagen, „kein Oxymoron wie katholische Frauenbewegung.“ Sie tröstete mich immer, wenn mich das Gefühl beschlich, ein Versager zu sein. „Wer es nicht zum Künstler oder Wissenschaftler bringt“, sagte sie gern, „wird eben Journalist. Daran ist nichts Ehrenrühriges.“ Ich bildete mir stets ein, in dieser Beschwichtigung eine Portion Verachtung mitschwingen zu hören. Dass sie mich schließlich verlassen hat, scheint diesen Verdacht zu bestätigen. Manchmal denke ich, wenn ich das Buch zu Ende geschrieben hätte, wäre sie vielleicht geblieben.

Mein Kollege Herbert Schiller, Ressortleiter für Politik und Wirtschaft, der von allen schlicht Herbert genannt werden möchte, war einst ein Journalist der alten Schule. In dieser Zeit waren wir beinahe Freunde. Doch dann geschah etwas mit ihm. Sei es, weil er plötzlich beschloss, Karriere zu machen, sei es, weil er schlechte Berater hatte: Er rutschte ab und tummelte sich plötzlich in jenem geistigen Biotop, dem heute alle modernen Führungskräfte entsprungen zu sein scheinen, die angetreten sind, dem Kultur- und Medienbetrieb dynamische Impulse zu geben: der fabelhaften Welt des Marketing.

Von dort kommen Menschen, die Worte wie Zielgruppe oder Synergieeffekt aussprechen können, ohne dabei auszusehen, als hätten sie in eine Zitrone gebissen. Sie sagen Sätze wie „leise ist das neue laut“, und der Spiegel, in den sie dabei blicken, zersplittert nicht. Erstaunlicherweise. Sie sitzen in den Vorstandsetagen von Theatern, Zeitungen und Kunstvereinen, erklären den dort vereinzelt noch vorkommenden Dinosauriern, die in Ideen vernarrt sind, dass Inhalt jetzt content heißt, wie man eine corporate identity entwickelt und dass man, sofern man nicht untergehen will, zur Marke werden muss.

Herberts Verhältnis zu mir ist mittlerweile gespalten. Er ist vor nicht allzu langer Zeit zum Feuilletonchef befördert worden und würde fast alles tun, um dem Chefredakteur zu gefallen, denn sein großes Ziel ist es, zumindest sein Stellvertreter zu werden. Dazu braucht er Verbündete, und ich hätte einer sein können. Es entgeht ihm jedoch nicht, dass ich bei manchen seiner Äußerungen während der Redaktionssitzungen den Eindruck erwecke, als müsse ich gerade eine Wurzelbehandlung über mich ergehen lassen, und er versteht nicht, warum ihn sein alter Freund mit einem Mal so viel Abneigung spüren lässt. Ich vermute, dass er sich manchmal wünscht, ich würde die Zeitung verlassen, doch der Chefredakteur ist der Ansicht, ein exzellentes Feuilleton (er spricht es immer aus wie Fauteuil) brauche eine gute Wissenschaftsseite. Ich nehme an, er kennt niemanden außer mir, der diese Arbeit für einen solchen Hungerlohn erledigen würde. Als kürzlich ein Artikel von mir über die zweifelhafte Beweislage der Inflationstheorie im Spektrum der Wissenschaft zitiert wurde, war es nicht einfach, seinen Gesten des Stolzes zu entrinnen. Also musste mir auch Herbert gratulieren.

Meine Beziehung zu Herbert ist getragen von der Wehmut, einen gleichgesinnten Mitkämpfer verloren zu haben, und dem Zorn, Zeuge seines Irrweges zu sein und hilflos zusehen zu müssen, wie er dem Moloch der Vermarktung huldigt.

„Warum kündigst du nicht einfach?“, fragte Helga oft. Ja, warum? Für mich selbst habe ich zwei Antworten: Erstens, mein Kollege kann nichts dafür, dass ich ihn nicht mag. Zweitens, alles wird sich ändern, wenn mein Buch endlich fertig ist.

Helgas guter Freund Manfred, der seinen Lebensunterhalt mit populärwissenschaftlichen Büchern über Psychologie bestreitet (und ja, er beendet sie, eins nach dem anderen), hatte für mein Leiden einen Namen: Prokrastination. Da ich nicht verhindern konnte, dass wir ihn öfters zum Essen zu uns nach Hause einluden, durfte er mir seine Diagnose an meinem eigenen Küchentisch servieren.

„Das unnötige Aufschieben von Projekten, die man sich vorgenommen hat, die ständige Unterbrechung, das Sich-Verzetteln“, dozierte er einmal, „ist weit verbreitet. Und das häufig trotz vorhandener Gelegenheiten und Fähigkeiten, wie bei dir!“ Mir war nicht ganz klar, ob er Wikipedia zitierte oder einen seiner eigenen Psycho-Ratgeber. Ich senkte den Kopf, aber nicht wie ein ertappter Klient, eher wie ein Stier, bevor das Gatter geöffnet wird, und umklammerte die Stoffserviette, um meine Hände von anderen, gesellschaftlich weniger akzeptierten Tätigkeiten abzuhalten.

„Siehst du?“ Helga schaute mich triumphierend an.

Diese Frage fällt mir auch immer ein, wenn ich über Helga und Manfred nachdenke. Ich glaube nicht, dass sie in ihn verliebt war. In meiner Deutung war er genau das: ein Siehst-du-Freund, der immer dann herhalten musste, wenn Helga wieder einmal an meiner Therapieresistenz verzweifelte. Siehst-du-Freunde oder -Freundinnen sind in Beziehungen von enormer Wichtigkeit, man kann sich nach ihren verständnisinnigen Worten zurücklehnen, den Partner schweigend betrachten und hoffen, dass der unabhängige Blick von außen einen Veränderungsprozess in Gang setzt. Solche Zeilen würde ich schreiben, sollte ich jemals einen Ratgeber publizieren müssen, wovor mich das Schicksal bewahren möge.

Am 30. Juni 1908 gegen 7:15 Uhr Ortszeit fand im sibirischen Jenisseisk in der Nähe des Flusses Steinige Tunguska ein Ereignis statt, das die Welt so noch nicht gesehen hatte. Augenzeugen berichteten von mehreren hellen Lichtblitzen, einem blauweiß leuchtenden Objekt, das vom Himmel fiel, einem Sternschnuppenregen bei Tag, mehreren (bis zu vierzehn) Explosionen, die noch in fünfhundert Kilometern Entfernung wahrgenommen werden konnten, ebenso wie gleißende Feuersäulen. Ein alter Mann erzählte von einem steten Brummen, das immer lauter geworden und schließlich zu einem Grollen und Scheppern angeschwollen sei. Der Sternregen wurde immer intensiver und ließ die Sonne verblassen. Dann folgten die Blitze, so hell, dass nichts mehr sichtbar war außer dem Licht, gefolgt von einem ungeheuren Knall und einem Beben, das die Erde durchlief. In einem Umkreis von tausend Kilometern hörte man die Explosion, seismologische Stationen in Irkutsk, Tiflis, Jena und sogar in Washington und Potsdam zeichneten Erschütterungen auf. Es zeigte sich, dass die Druckwelle den Globus einmal umrundete. Ein ähnliches Phänomen gab es nur 1883 bei der Eruption des Krakatau. Über die Stärke der Detonation scheiden sich die Geister. Russische Wissenschaftler errechneten, dass sie der Energie von tausend Atombomben des Hiroshima-Typs entsprochen haben müsste.

Auf einer Fläche von über zweitausend Quadratkilometern wurden Schätzungen zufolge sechzig bis achtzig Millionen Bäume entwurzelt. Überraschenderweise waren im Epizentrum die Bäume zwar verkohlt, aber nicht umgeknickt. Aufrecht und schwarz hatten sie dem Feuersturm widerstanden, während ihre Zweige und Blätter binnen Sekunden verglüht waren.

Da die Region dünn besiedelt war, gibt es keine verlässlichen Opferzahlen. Manche sprechen von Hunderten verbrannten Rentieren, von Hirten, die samt ihren Zelten durch die Luft geschleudert wurden. Eine Quelle berichtet von zwei getöteten Menschen. An anderer Stelle heißt es: „Jemand brach sich den Arm, es gab einige blaue Flecken, und ein alter Mann starb vor Schreck. Ein günstigeres Verhältnis von Ausmaß der Katastrophe zu Anzahl der Verletzten wird man lange suchen müssen.“

In den folgenden drei Nächten war der Himmel hell erleuchtet, nicht nur am Ort des Geschehens, sondern weit darüber hinaus. Im fernen London konnte man mitten in der Nacht Zeitung lesen, im schottischen St. Andrews absolvierten einige stoische Golfspieler um drei Uhr früh ohne zusätzliche Beleuchtung ihre Runden.

Die naheliegende Erklärung für all diese Phänomene wäre der Aufprall eines schweren Meteoriten oder Asteroiden. Doch das musste man erst beweisen.

Manfred vertrat die Meinung, meine Fixierung auf den alten Knall, wie er das Ereignis nannte, hänge mit einem verdrängten Erlebnis in meiner Kindheit zusammen. Irgendetwas ganz Frühes, Schreckliches, das sich der kleine Bub nicht erklären konnte und das sein Vertrauen in die Welt quadratkilometerweit einknicken ließ. „Die plötzliche Abwendung der Mutter“, sagte er leise, als könnte mich die unerbittliche Wahrheit seiner Worte aus der Bahn werfen, „kann bei einem Kleinkind zu einer Todeserfahrung werden. Als Erwachsener suchst du nun auf einer verschobenen Ebene nach einer Erklärung für diesen Schock.“ Er lehnte sich zurück und legte die Fingerkuppen aneinander. Mein Blick suchte das scharfe Steakmesser, es lag in Reichweite, doch am Ende siegte wie immer die Vernunft und Manfred behielt seine Finger.

Helga betrachtete mich in solchen Momenten mit einer Mischung aus Empathie und Ungeduld. Einerseits war ich der bemitleidenswerte, schon als Baby traumatisierte Neurotiker, andererseits der renitente Starrkopf, der sich weigerte, Hilfe anzunehmen. Helga durfte auf eine wohlbehütete Kindheit zurückblicken, stets war sie von verständnisvollen Eltern verhätschelt und gefördert worden, und das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Selbstbewusst, bildschön und klug, wie sie war, wurde sie von allen auf Händen durchs Leben getragen. Schon mit dreißig war sie leitende Chemikerin in einem angesehenen Konzern. Durch ihre regelmäßigen Besuche in allen möglichen Fitnesszentren sah sie fünfzehn Jahre jünger aus als ich, obwohl der Altersunterschied nur fünf Jahre betrug. Einzig bei der Partnerwahl hatte sie danebengegriffen.

Was genau der Grund war, warum sie mich letztlich verließ, darüber kann ich nur spekulieren. Ich hätte es in unserem sogenannten letzten Gespräch gerne herausgefunden, doch für Helga war alles so klar gewesen, dass sie es für unnötig gehalten hatte, ihre Motive im Detail vor mir auszubreiten.

„Aber du weißt es doch, Georg“, hatte sie gesagt.

Nachdem sie ausgezogen war, wartete ich auf den großen emotionalen Einbruch. Doch er kam nicht. Zwar vermisste ich sie in manchen Momenten; der tiefe Abgrund jedoch, in den ich zu stürzen fürchtete, tat sich nicht auf. Vielleicht ein weiterer Beweis für meine mangelnde Gefühlstiefe.

Möglicherweise hing es damit zusammen, dass meine innere Grundhaltung, für den Rest der Welt – aber besonders für Helga – eine Zumutung zu sein, sich allmählich auflöste. Oder nein, das stimmt nicht ganz. Ich saß abends auf dem Balkon, eine Zigarette in der Hand, ein Glas Wein vor mir auf dem Campingtisch, und empfand mich immer noch als Zumutung. Aber nur für mich selbst.

Manfred hätte das sicher als eine besonders perfide Form des Narzissmus interpretiert. Doch er war weg. Nie wieder musste ich ein Steak vor ihn hinstellen, mit dem gequälten Lächeln des Gastgebers wider Willen.

Nur Helgas Parfum in den Polstern hielt sich lange, gegen alle Naturgesetze.

Eine Art zerbrechliche Selbstgenügsamkeit stellte sich ein. Sollten die Tage doch hingehen, wie sie wollten.

Die große Veränderung stellte sich erst ein, als Herbert mich mit verschwörerischer Miene in sein Büro bat. Das war unüblich. Ging es etwa um so lebenswichtige Angelegenheiten wie einen Relaunch des Layouts?

Weit gefehlt.

Alles fing an.

ZWEI

Die ersten Forschungen am Schauplatz begannen erst neunzehn Jahre später.

In einer alten sibirischen Zeitung, die ihm 1921 zufällig in die Hände fiel, entdeckte der Meteorologe und Meteoritenforscher Leonid Alexejewitsch Kulik einen Bericht, der seine Neugier entfachte: Er las über eine rätselhafte Himmelserscheinung. Im Jahr 1908 sei in der Nähe der Ortschaft Kansk in Ostsibirien ein riesiger Brocken auf die Erde gestürzt. Es gebe zahlreiche Zeugen. Sogar Passagiere der Transsibirischen Eisenbahn, deren Trasse Hunderte Kilometer vom Einschlagsort entfernt verlief, hätten ein Zittern der Schienen und ein Schlingern der Waggons wahrgenommen. Einige sprachen von einem rotglühenden Objekt, das aus dem Boden der Taiga ragte. Professor Kulik wusste sofort, was geschehen war.

Im Herbst 1921 brach er auf, die Zeitung im Gepäck. Mit der Transsibirischen Eisenbahn reiste er durch den Ural und über Krasnojarsk 4800 Kilometer weit bis nach Kansk. Was er fieberhaft suchte, waren ein Einschlagkrater und Spuren des Meteoriten in der Erde. Er sprach mit zahllosen Einheimischen, notierte jeden noch so geringen Hinweis, verteilte Fragebögen und untersuchte den Boden Quadratmeter für Quadratmeter.

Doch da war nichts. Hatte er sich geirrt? Davon wollte er nichts wissen.

Er stöberte in Archiven und fand weitere Zeitungsberichte. Daraus schloss er, dass er sich am falschen Platz befand. Sechshundert Kilometer zu weit südlich. Der Himmelskörper musste woanders eingeschlagen sein, in der Nähe des Flusses Steinige Tunguska.

Nach seiner Rückkehr in die Hauptstadt sprühte er vor Enthusiasmus. Nichts auf der Welt würde ihn davon abhalten, eine Expedition zu diesem Ort auszurichten.

Außer den Behörden.

Obwohl er einen angesehenen Posten am Mineralogischen Museum in Petrograd bekleidete und wegen seiner revolutionären Aktivitäten gegen den Zar über einen guten Ruf im Sowjetstaat verfügte, schlug seinem Vorhaben Misstrauen entgegen. Die Akademie der Wissenschaften reagierte zurückhaltend. Was sollte das sein, ein Meteoriteneinschlag in der Taiga, von dem man in Moskau oder Petrograd noch nie etwas gehört hatte? Außerdem misstrauten die Professoren den rückständigen Naturvölkern in der Region, ihren seltsamen Schamanen, die mit Hilfe von Fliegenpilzen durch die Zeit reisten und ihre Ahnen besuchten, ihren Naturreligionen, die sie auch in der atheistischen UdSSR weiter pflegten. Mit amanita muscaria im Blut ist es nicht so abwegig, Feuerbälle durch die Luft fliegen und rotglühende Trümmer in der Erde stecken zu sehen.

Doch Leonid Kulik war kein Mann, der leicht aufgab. Als leidenschaftlicher Lyriker wusste er, dass man seinen Inspirationen trauen musste. Seine Besessenheit ebnete ihm schließlich den Weg. Einige einflussreiche Wissenschaftler, angesteckt von seiner Begeisterung, setzten sich für ihn ein, und die Akademie bewilligte das Projekt doch noch.

Im März 1927 startet die Expedition. Es ist die Zeit der Schneestürme, nur mühsam kommen die Pferdeschlitten voran. Erst Wochen später erreichen sie ihre erste Station: das Handelsdorf Wanawara. Hier sollen die Druckwellen Häuser abgedeckt, Fenster und Türen eingedrückt haben. Entfernung vom geschätzten Epizentrum: fünfundsechzig Kilometer. Wieder beginnt er mit seinen Befragungen. Die Menschen erweisen sich als wenig hilfsbereit, fast als hätten sie Angst, dass sie das Unglück erneut heraufbeschwören könnten, wenn sie darüber sprächen. Sie erzählen vom Feuergott Agdy oder Ogdy, der vom Himmel herabsteigt, wenn man ihn verärgert.

Doch immerhin erfährt Kulik, dass der Hauptort der Verwüstung weiter nördlich liegt. Rentierhirten vom Volk der Tungusen hätten die Explosion aus nächster Nähe beobachten können. Kulik und sein Tross ziehen weiter nach Norden. Auch die Tungusen sind misstrauisch und halten sich bedeckt. Mit viel Verhandlungsgeschick schafft es Kulik, einen alten Hirten als Vertrauten und Führer zu gewinnen. Der erzählt ihm, was er erlebt hat:

„Ich stand“, sagt er, „in einer grell erleuchteten heißen Nacht.“ Später habe er die blauweiß leuchtenden Fäden am Himmel gesehen, wie Leuchtspurraketen, nur viel, viel heller. Es sei wie ein langsamer Sternregen, ein Sternschnuppenregen bei Tag gewesen. In einem Moment sei es ihm erschienen, als husche ein ungeheures Licht über die Sonne, das sie für einen Augenblick überblendete. Am Ende seien Blitze aufgeflammt, gefolgt von hellem Donnern, das ihm beinahe das Trommelfell zerrissen hätte.

Gemeinsam erreichen sie den Flusslauf der Steinigen Tunguska, zäh geht es voran, stromabwärts. Mit jedem Tag wird Leonid Kulik unruhiger. Sie müssen dem Zentrum der Katastrophe nun ziemlich nahe sein. Doch weit und breit ist nicht die winzigste Spur eines Kraters zu sehen. Im April entdeckt er in einem Seitental an die tausend umgeknickte Bäume, ihre Spitzen zeigen alle in dieselbe Richtung. Kein Zweifel, die Druckwelle des Meteoriten hatte sie niedergemäht. Mit ihren Packpferden kämpfen sie sich nordwärts. Mittlerweile ist es so kalt, dass Vögel im Flug erfrieren und vom Himmel fallen. Kulik findet eine Stelle, an der Hunderte Lärchen und Birken entwurzelt worden sind. Diesmal zeigen ihre Stämme in alle Richtungen. Doch auch hier gibt es keinen Krater.

Nach mehreren Wochen, gezeichnet von Schwäche und Krankheiten, stoßen die Forscher auf ein besonders stark zerstörtes Gebiet. Langsam bekommt Kulik eine Ahnung, welches Ausmaß das Ereignis neunzehn Jahre zuvor gehabt haben muss. Und er entdeckt etwas, das ihn verblüfft: Mitten im Kreis der Verwüstung stehen einige Bäume aufrecht. Ihre Äste und Blätter sind verschwunden, das Feuer hat ihre Rinde geschwärzt. Wie geteerte Telegrafenmasten ragen sie zum Himmel. Näher vermag man der Stätte des Einschlags nicht zu kommen.

Wie kann es sein, dass selbst hier keine Spuren eines Impaktors zu sehen waren?

Trotzdem ist Kulik davon überzeugt, dem Beweis für seine Meteoritentheorie ganz nahe zu sein. Doch er muss das Unternehmen vorerst beenden, die Vorräte werden knapp.

Im Herbst 1927 treffen Kulik und seine Mitreisenden in Leningrad ein. Er kommt mit leeren Händen und befürchtet ein Ende des Geldflusses der Akademie. Zu seiner großen Überraschung lösen seine Berichte aber nicht nur in Russland, sondern auch in London und New York ein gewaltiges Medieninteresse aus. Von Forschungsstationen der ganzen Welt treffen Messdaten und Aufzeichnungen von seismischen Wellen aus dem Jahr 1908 ein, die bisher niemand zuordnen konnte. Kulik hält Vorträge und fesselt sein Publikum mit einem apokalyptischen Szenario:

„Wäre der Meteorit um nur vier Stunden und achtundvierzig Minuten früher niedergegangen“, sagt er, „so hätte im Explosionszentrum das damalige St. Petersburg gelegen und niemand weiß, was dann davon übriggeblieben wäre.“

Die Akademie finanziert eine neue Expedition, sie dauert mehrere Monate, doch Kulik findet nichts Neues. Er weiß nun: Er muss es mit Tiefenbohrungen versuchen. Irgendwo unter der sibirischen Erde liegen Bruchstücke des Himmelskörpers, das weiß er ganz genau! Er kehrt nach Leningrad zurück; mit dem Mut der Verzweiflung rüstet er eine weitere Erkundungsreise in das Absturzgebiet aus. Mit den besten Bohrern, die die damalige Technik zu bieten hat. Es gelingt ihm, mit diesen Geräten bis zu vierunddreißig Metern Tiefe vorzudringen. Und er entdeckt: nichts. Nichts von dem, was er finden hätte müssen, wenn es schon keinen Krater gibt – vermehrte Eisen-, Nickel- und Iridium-Vorkommen. Die klassischen Bestandteile eines Geschoßes aus dem All.

So unermüdlich er auch gräbt: nichts.

Er bricht ab.

Niedergeschlagen und ausgezehrt trifft er in Moskau ein. Nun erheben die Kritiker ihre Stimmen: Man könne an der Meteoritentheorie nicht länger festhalten. Es müsse ein Komet gewesen sein, der einige Kilometer oberhalb des Bodens detoniert sei. Ein Komet würde sowohl die Beobachtungen des „Feuerballs“ erklären, als auch die Tatsache, dass keine Impaktorspuren auffindbar seien, da er ja vor dem Aufschlag explodiert sei. Kulik lässt sich davon nicht überzeugen. Die neue These, so findet er, ignoriere die Brandspuren an den Bäumen.

1938 beauftragt er ein Unternehmen, Luftbilder der Region aufzunehmen. Die Fotos sind wunderschön, die Zone der Verwüstung hat die Form eines Schmetterlings. Wissenschaftlich aussagekräftig sind die Ergebnisse nicht.

1941, nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, meldet sich Leonid Alexejewitsch Kulik zu einer Reservetruppe. Er gerät in deutsche Kriegsgefangenschaft und wird in ein Lager bei Spas-Demensk deportiert.

Am 24. April 1942 stirbt er dort an Typhus.

Sein Rätsel ist noch immer nicht gelöst.

DREI

Herbert Schiller empfing mich in seinem Büro mit einem gönnerhaften Lächeln.

Es war kein protziges Büro, das war meinem Kollegen (oder Vorgesetzten? – ich gewöhnte mich nur widerwillig an den Gedanken) zugutezuhalten. Auch an der Mär – gerne verbreitet von uns sogenannten kritischen Redakteuren –, er hänge vor wichtigen Besprechungen ein Dollfuß-Porträt hinter sich an die Wand, war nichts dran.

Sein braunes Haar neigte zu verspielter Lockenbildung und ließ ihn jünger aussehen, einzig die Schläfen waren ergraut. Aber da spross nichts ungezähmt in alle Richtungen, wie es bei Schläfenhaaren üblich ist; sie waren sorgfältig gekappt, begrenzt und beschnitten, sodass unschwer zu erkennen war, wie viel Mühe jeden Morgen in ihre Gestaltung floss. Zwei silberne Beete. Wenn mich sein Redeschwall in die halbbewussten Zonen der Tagträume driften ließ, sah ich manchmal Bewegungen in seinem Gesicht, sah, wie zwei zentimeterhohe französische Gärtner die Haarflächen mit winzigen Nagelscheren zu Rechtecken trimmten, deren Winkel auch unter dem stärksten Mikroskop exakt neunzig Grad betrugen. Irgendjemand musste ihm einmal den Floh ins Ohr gesetzt haben, Frauen jeden Alters fänden solche Insignien kontrollierter Weisheit unwiderstehlich.

Herbert begann in feierlichem Ton.

„Georg, du weißt, was deine Arbeit für unsere Zeitung bedeutet.“

„Ich seh’s jeden Monat auf dem Gehaltszettel.“

Herbert spielte Erstaunen. „Aber Georg, sag bloß nicht, dass dich der Materialismus in seine Klauen bekommen hat. Dich, den reinen Helden der Wissenschaft?“

„Lass das, Herbert“, brummte ich. „Was willst du?“

„Schlecht geschlafen heute? Aber deine Stimmung wird sich bald heben. Ich habe einen neuen Auftrag für dich.“

„Das klingt nicht gut.“

Herbert ignorierte diesen Satz.

„Du hast sicher vom Fall Jan Koller gehört.“

Hatte ich nicht.

„Er ist letzte Woche in Linz ermordet worden. In der Nacht vor einem großen Kongress.“

„Kriminalfälle interessieren mich nicht“, sagte ich brüsk.

„Du wärst aber der ideale Berichterstatter.“

Ich benötigte einige Sekunden, bis ich begriffen hatte, was er meinte.

Empört sprang ich auf.

„Du willst mir jetzt nicht allen Ernstes verkünden, dass ihr mich als Gerichtsreporter einsetzen wollt? Nur weil der Chef zu geizig ist, mehr Personal einzustellen? Aber nicht mit mir!“

„Beruhig dich doch, Georg!“ Herbert hielt mir seine offenen Handflächen entgegen. „Bist du nicht ein bisschen zu alt, um hier ständig den Oberrevoluzzer zu geben?“

„Zu alt?“, knurrte ich. „Denk an Chomsky.“

„Nun, der arbeitet, Gott sei’s gedankt, nicht in unserer Redaktion.“ Herberts freundliche Grübchen erschienen auf seinen Wangen. „Außerdem gibt es noch gar keine Verhandlung.“

Ich nahm wieder Platz.

„Was willst du dann von mir? Und warum ich?“

„Du bist unser Wissenschaftsjournalist. Und die mutmaßliche Täterin ist Teilchenphysikerin.“ Er machte eine kurze Pause, dann setzte er nach: „Am CERN.“

Aha. Damit wollte er mich also ködern. Mit der Gralsburg der Naturwissenschaftler. Schon stellte ich mir die gewaltigen Ausmaße des ATLAS-Detektors vor, sah mich neben ihm stehen und zu einem Insekt schrumpfen. Doch das war nur eine Finte, ich durfte mich davon nicht beeindrucken lassen.

„Soll ich ein Interview mit einer Mörderin führen?“

„Ganz genau.“

Herbert zog ein Kuvert aus der Schublade, öffnete es, nahm ein Foto heraus und legte es vor mich hin.

„Das ist sie“, sagte er mit siegesgewisser Miene.

Wie anmaßend! Hielt er mich für einen Mann, dessen Urteilsvermögen sich durch hübsche Larven beeinflussen ließ?

Dann schaute ich mir das Porträt doch an. Länger als geplant. Aus dem Nichts fiel mir Taminos Arie ein, obwohl ich mindestens zehn Jahre nicht mehr in der Zauberflöte gewesen war. Das Unbewusste ist zuweilen ein Heckenschütze.

„Sie ist angeblich eine der begabtesten Physikerinnen am CERN“, sagte Herbert. „Die Männer mit eingeschlossen. Ihr Name ist Jelena Karpova.“

„Russin?“

„Ihre Familie stammt aus Krasnojarsk.“ Herberts Grinsen hatte jetzt etwas Warmes, Mitleidiges.

So schnappte die Falle zu und das Unheil nahm seinen Lauf.

Falls es denn eines war.

Nennen wir es lieber: das Unvorhersehbare.

Herbert erhob sich und zog eine dicke Mappe aus dem Regal neben dem Fenster.

„Das ist alles, was wir über sie haben. Ich möchte, dass du jede Seite davon liest.“

„In meiner Freizeit, nehme ich an.“

Herbert seufzte und setzte sich wieder. „Du kannst deine Arbeitsstunden gerne der Zeitung verrechnen. Aber mit Maß und Ziel.“

Ich betrachtete die kleinen Fältchen in seinen Augenwinkeln.

„Warum liegt dir so viel an dem Fall?“

„Er ist mysteriös“, sagte Herbert. „Eine ideale Ausgangslage für eine Aufdeckergeschichte.“

Auch so ein Lieblingswort des Ressortchefs. Wenn die Gesetze es zugelassen hätten, würde als Berufsbezeichnung in seinem Pass Aufdecker stehen. Er träumte von den ganz großen Geschichten, in denen alles steckte: Kabale und Liebe, Betrug und Lügen und natürlich vor allem eine faszinierende, prominente Frau, die vom Titelblatt strahlen würde. Dabei hatte es in den letzten zwanzig Jahren gerade einmal zwei Reportagen gegeben, mit denen der Beobachter Aufsehen erregt hatte.

„Wenn du etwas aufdecken willst, warum machst du es nicht selbst?“

„Erstens, weil ich keine Ahnung von Naturwissenschaft habe. Und zweitens, weil der Chef es so will.“

„Dann soll er mir das selbst sagen.“

„Er hat momentan viel um die Ohren.“

„Soso. Und du? Bist du jetzt nur mehr sein Erfüllungsgehilfe? Sein Befehlsweiterleiter?“

„Georg, ich muss dich bitten, deinen Ton –“

„Weit habt ihr es gebracht“, unterbrach ich ihn, „du und deine Karriere.“

„Wenigstens hocke ich nicht den ganzen Tag im Büro herum und hoffe, dass nichts geschieht.“

Ich versuchte, so finster wie möglich zu blicken, und schwieg.

„Georg“, begann Herbert in sanftem Ton, „das hat doch keinen Sinn. Lass uns wie erwachsene Menschen –“

„Ja, natürlich. Natürlich. Also, was hofft ihr denn herauszufinden? Über Schuld oder Unschuld entscheidet das Gericht.“

„Aber wir können ihm helfen, die Wahrheit ans Licht zu bringen.“

„Das ist doch nicht unsere Aufgabe.“

Herbert setzte seinen Drehstuhl in Bewegung, wie immer, wenn er kurz davor war, die Contenance zu verlieren.

„Leicht machst du es einem nicht, das musst du zugeben.“

„Kann sein.“

Er stoppte die Drehbewegung und schaute mich an.

„Sie wurde von den Beamten des Landeskriminalamts vernommen, dann vom Haftrichter. Sie hat den Mord gestanden –“

„Wunderbar! Dann ist ja alles geklärt! Was ist daran mysteriös?“

„Danach hat sie geschwiegen. Kein Wort über ihr Motiv. Niemand kann sich erklären, warum eine unbescholtene, erfolgreiche Wissenschaftlerin einen Kollegen umbringen sollte.“

„Einen Kollegen?“

„Das Opfer hat viele Jahre ebenfalls am CERN gearbeitet. Vor etwas mehr als einem Jahr hat Jan Koller gekündigt und auf eigene Faust weitergeforscht. Er war also nicht einmal mehr ein Rivale für Frau Karpova.“

„Du meinst, sie lügt?“

Herbert zuckte die Achseln. „Möglich. Irgendetwas stimmt nicht mit dieser Geschichte, das spüre ich.“

Das verhieß nichts Gutes. Wenn Herbert etwas spürte, war er nicht aufzuhalten. Sein Vertrauen in seinen eigenen Instinkt war unerschütterlich.

Ich bemühte mich, Kooperationsbereitschaft zu signalisieren.

„Gibt es irgendwelche anderen Indizien?“

„Jemand hat sie in der fraglichen Nacht aus Jan Kollers Hotelzimmer kommen sehen.“

„Na bitte. Dann haben wir sogar einen Zeugen.“

„Doch es gibt auch Widersprüche. Erhebliche sogar.“

„Die da wären?“

„Die Karpova hat beim Verhör angegeben, sie hätte die Waffe von hinten ins Herz des Opfers gerammt.“

„Wie nett. Und weiter?“

„Die Klinge steckte in Jan Kollers Hals, der Stich wurde ohne Zweifel von vorne geführt und traf präzise die Schlagader.“

„Vielleicht stand sie unter Schock und kann sich nicht mehr genau erinnern.“

„Das ist eine etwas windschiefe These, findest du nicht?“

„Kann sein“, gab ich zu. „Welche Waffe wurde eigentlich verwendet?“

„Ein Brieföffner.“

„Ein Brieföffner?“ Ich musste lauthals lachen. „Bei einem Verbrechen unter Physikern hätte ich etwas Originelleres erwartet. Eine Kapsel mit Antimaterie zum Beispiel.“

Kleine Lachfalten erschienen auf Herberts Gesicht.

„Du liest zu viel Dan Brown, mein Lieber.“

„Ich lese keine Bestseller“, zischte ich. „Und außerdem sind die Mengenangaben für die Antimaterie in Illuminati völlig falsch.“

Jetzt grinste mein Gegenüber. „Du weißt erstaunliche Details über ein Buch, das du nicht gelesen hast.“

Er hatte mich erwischt. „Alles Allgemeinbildung“, entgegnete ich. „Schon eine viel geringere Masse an Antimaterie könnte bei einem Einschlag auf der Erde –“

Ich stockte.

Herbert beugte sich nach vorn und stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte.

„Kann es sein“, begann er langsam, „dass der Nebel von Tunguska mittlerweile auch deine Intelligenz umhüllt?“

Etwas Unverschämtes lag mir auf der Zunge, doch ich schluckte es hinunter.

„Gut“, sagte ich, „also ein Brieföffner. Was gibt es sonst noch Geheimnisvolles?“

„Der Zeitpunkt der Tat. Die Karpova hat beim Verhör angegeben, sich nicht mehr genau zu erinnern. Zwischen 21 und 22 Uhr, sagt sie. Laut Forensik ist der Tod aber erst um 23 Uhr 30 eingetreten.“

„Kann man das so genau feststellen?“, fragte ich.

„Die Gerichtsmedizinerin sagt, der Stich war so exakt, dass Koller sofort tot war. 23 Uhr 30, plus minus eine halbe Stunde.“

„Eine sehr vergessliche Mörderin.“

„Das kann man wohl sagen. Sie behauptet, in der Aufregung –“

„Also doch ein Schock“, unterbrach ich Herbert. „Wann hat die Zeugin Frau Karpova gesehen?“

„Sie kann sich nicht mehr genau erinnern. Zwischen 21 Uhr und 23 Uhr 30, schätzt sie, sie habe nicht darauf geachtet. Ein bisschen groß, dieses Zeitfenster, finde ich. Und es gibt noch ein Detail.“

„Jetzt bin ich aber gespannt.“

„Keine Fingerabdrücke auf dem Griff.“

„Im Ernst?“ Ich musste lachen und mimte den Verblüfften. „Im Fernsehen tragen die Täter meistens Handschuhe.“

Herbert drehte sich auf seinem Sessel einmal um die eigene Achse. Dann stand er auf, hob die Mappe vom Tisch und hielt sie mir hin.

„Das genügt für heute“, sagte er. „Wir reden weiter, wenn du damit durch bist.“

Ich steckte das Dossier in meine Umhängetasche und verließ ohne ein weiteres Wort Herberts Büro.

VIER

Zu Hause legte ich mich aufs Sofa, knipste die Leselampe an und vertiefte mich in das Dossier Jelena Karpova.

Ihre Eltern und ihr Großvater hatten das ostsibirische Krasnojarsk 1984 verlassen und waren mit ihrer damals zweijährigen Tochter Jelena nach Wien gezogen. Ihr Vater, Nikolai Karpov, war in der Sowjetunion ein angesehener Physiker gewesen und erhielt nach dem Umzug überraschend schnell einen Lehrstuhl an der Universität Wien. Immer wieder war er als Gastprofessor nach Genf eingeladen worden. Ab 2007 bekleidete er einen hohen Posten am CERN. Er starb vorige Woche an einem Herzinfarkt, im Alter von sechsundsechzig Jahren. Ekaterina, die Mutter, geboren 1960, war bildende Künstlerin und hatte bereits mehrere Ausstellungen in Wiener Galerien vorzuweisen. Die Feuilletons (auch unseres, übrigens) priesen sie als Erneuerin der abstrakten Malerei. Eine perfekt geglückte Integration auf der ganzen Linie. Nur wenige Misstöne. Nikolai war nachgesagt worden, er hätte gute Kontakte zum KGB, doch das waren Gerüchte. Es gab auch Anzeichen, dass er immer wieder in Konflikte mit den staatlichen Autoritäten geraten war. Einen Hinweis darauf, warum er ausgerechnet 1984, als Konstantin Tschernenko an der Macht war, mit seiner Familie das Land verlassen hatte, konnte ich in den Papieren nicht finden. Im Jahr 1995 ließen sich Nikolai und Ekaterina scheiden.

Jelena war 1982 zur Welt gekommen, war also jetzt siebenunddreißig Jahre alt. Sie galt als hochbegabt und hatte bereits mit siebzehn Jahren begonnen, Technische Physik zu studieren. Sie vermied es, Lehrveranstaltungen zu besuchen, die ihr Vater hielt. Mit knapp zweiundzwanzig Jahren schloss sie ihr Studium mit dem Doktortitel ab. Sie spezialisierte sich auf Experimentalphysik, vertiefte ihre Kontakte in die Schweiz, wobei sie stets betonte, dass ihr Vater sie nicht protegiert hatte. Als am 8. August 2008 die ersten Protonen in den Large Hadron Collider des CERN geschossen wurden, waren Nikolai und seine Tochter mit dabei. Erst 2018 verließ Nikolai das CERN und ging zurück nach Wien. Rasch stieg Jelenas Ansehen am Institut, sie veröffentlichte wichtige Aufsätze und allerorten schwärmte man von ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten. Darüber hinaus attestierte man ihr, besonders teamfähig und kommunikativ zu sein. Es dauerte nicht lange, bis sie die Karriereleiter nach oben stieg – und niemand schien ihr den Erfolg zu missgönnen. Mittlerweile waren vier Bücher von ihr erschienen, die alle in der Fachwelt hitzig diskutiert worden waren und sie zu einer der meistzitierten Physikerinnen der Gegenwart gemacht hatten. Das war sie also: Jelena Karpova, jung, blitzgescheit, auf dem Weg nach oben, leidenschaftlich ihrer Berufung folgend, dazu noch everybody’s darling.

Und nun sollte sie in Linz einen Kollegen getötet haben. Einen, der in Genf beinahe Tür an Tür mit ihr gearbeitet hatte. Eine Tat ohne jegliches Motiv. Ausgeführt mit einem Brieföffner.

Wenn sie es denn war.

Ich brauchte eine Pause. Wie zum Trotz gegen meinen Chef beschloss ich, den Rest des Tages mit meiner Obsession zu verbringen und wieder in die Nebel von Tunguska abzutauchen.

Unter Dutzenden Schlagwörtern sammelte ich Berichte, wissenschaftliche Artikel, Zeitungsausschnitte und allerlei Kurioses in altmodischen Aktenordnern. Auf den Rückenschildern hatte ich verschiedene Begriffe notiert, zum Beispiel „Eiskomet“, „Antimaterie“ oder „Rettendes Raumschiff“. Unter den Buchstaben klebten Bilder, zur rascheren Unterscheidung. Den Rücken von Kuliks Ordner zierte ein Schwarz-Weiß-Foto von hingestreckten Baumstämmen, das er selbst aufgenommen hatte. Auf der Sammlung mit den meisten eingehefteten Zetteln prangte eine Figur aus den Simpsons. Sie war mehrmals in der Serie aufgetreten und trug über dem Kopf einen Karton, auf den ein Fragezeichen gemalt war.

Was ich mir von all dem erwartete? Nun, ich weiß es nicht. Nur aus Versatzstücken besteht die Geschichte des Lebens, es gibt keine Kohärenz. Hat einmal jemand gesagt, an dessen Namen ich mich nicht erinnere. Die vom Einzelnen erfassbare Welt hat keinen dramaturgischen Bogen, sie ist ein Sammelsurium aus beiläufig erzählten Anekdoten. Was mich tröstet, ist vielleicht der Gedanke, dass meine eigene Erzählung aus ebenso vielen Bruchstücken besteht wie der Stein- und Eisenhaufen aus dem All, von dem wir nicht wissen, ob es ihn jemals gegeben hat. Nur in der Zersplitterung können wir die Fiktion der Gesamtheit erfassen, oder widerlegen, oder was auch immer.

„Komm ins Bett, das bringt doch nichts“, sagte Helga, wenn ich zu lange über meinen Zetteln hockte.

Was genau daran nichts brachte, und in Bezug worauf, das konnte sie mir niemals erklären. Wenn ich dann endlich zu ihr kam, schlief sie schon tief. Meine Chemikerin, fest eingebettet in ihr Gefüge aus Formeln, Geborgenheit und Lebenslust.

Sie hatte nie eine Ahnung, wie sehr ich sie beneidete.

FÜNF

Am folgenden Vormittag befiel mich im Büro eine Nervosität, die ich mir nicht erklären konnte. In Google Books suchte ich Jelena Karpovas erste Publikation und versuchte mit höchster Konzentration, ihren Argumentationslinien zu folgen. Mit bescheidenen Ergebnissen. Spätestens bei den komplexen Formeln, die sie entwickelt hatte, stieg ich aus. In meinem Magen begann es zu rumoren. So nahm ich die Akte unter den Arm und machte mich auf den Weg in unsere Kantine. Meistens nahm ich mir zum Essen Arbeit mit, das lenkte von der Beschaffenheit der Speisen ab. Ich bestellte eine müde, in sich zusammengesunkene Lasagne und setzte mich an einen der Plastiktische. Von den Kollegen war noch niemand da.

Plötzlich ging die Tür auf und Herbert trat herein. Das war ungewöhnlich. Herbert mischte sich mittags selten unters Fußvolk, er bevorzugte ein Haubenlokal zwei Straßen weiter. Meine Alarmglocken fingen an zu läuten.

„Hier bist du also“, sagte Herbert. Er kam auf mich zu und bemerkte mit Genugtuung, dass das Dossier Jelena Karpova neben meinem Teller lag. Geöffnet.

„Du bist neugierig geworden, stimmt’s?“

Ich ließ mir Zeit mit der Antwort.

„Die Sache ist interessant. Ohne Zweifel. Aber –“

„Du hast ein Aber. Natürlich. Wie sollte es anders sein?“

Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich mir gegenüber.

Aufreizend langsam trennte ich mit der Gabel ein Stück von der Teigmasse ab, führte es zum Mund und begann zu kauen. Herbert verlor die Geduld.

„Nun sag endlich! Aber – was?“

„Du hast etwas vergessen.“

„Ach ja?“

„Ja. Warum um alles in der Welt sollte diese Frau Interesse daran haben, mit der Presse zu sprechen?“ Ein guter Einwand, fand ich, doch Herbert reagierte zu meiner Überraschung erleichtert. Eine Falte, die sich über seinem Nasenrücken gebildet hatte, glättete sich wieder.

„Ach, das!“, sagte er. „Kein Problem, darum kümmert sich Eva.“

„Welche Eva?“

„Frau Dr. Eva Mattusch. Eine der berühmtesten Anwältinnen des Landes. Und einer der eigenwilligsten Menschen, die ich kenne. Erzähl mir nicht, dass dir der Name nichts sagt.“

Tat er nicht. Herbert verdrehte die Augen.

„Du solltest öfter über deinen Tellerrand blicken.“

„Um was zu sehen? Andere Teller?“

„Alles eine Frage der Perspektive.“

„Wenigstens weiß ich, was ich esse.“

„Lassen wir das.“ Herbert wischte sich etwas aus dem Gesicht. Unsichtbare Spinnfäden.

„Ich habe bereits einen Termin mit Eva vereinbart. Sie ist mir noch einen Gefallen schuldig. Oder zwei.“ Er zwinkerte mir zu.

Es war mir ein aufrichtiges Anliegen, mit meinem Kollegen auszukommen. Schon aus Selbstschutz. Oder Bequemlichkeit. Doch es gab Momente, da gelang es mir nicht. Dieses Zwinkern. Jovial, ein wenig zweideutig, beseelt von der eigenen Unwiderstehlichkeit. Ein Ich-bin-mit-der-ganzen-Welt-auf-Tuchfühlung-Zwinkern. War ich ungerecht? Mag sein. Jedenfalls war ich froh, dass in solchen Augenblicken kein Brieföffner in der Nähe war.

„Alles in Ordnung mit dir?“ Herbert musste hinter meiner Stirn etwas beobachtet haben. Mit großer Konzentration schaffte ich es, meine wildgewordenen Gedanken wieder zu zähmen.

„Ja, warum?“ Fast ohne Zittern führte ich mein Glas Apfelsaft zum Mund und trank einen Schluck.

„Ich dachte nur. Dein Gesicht war so –, so –“ Er stockte. „Na, egal. Also morgen um 15 Uhr.“

„Was?“

„Dein Termin. Mit Eva. Morgen um 15 Uhr, vor dem Landesgericht Linz.“

Ein wenig Recherche konnte nicht schaden. Manchmal ist es praktisch, dass jeder im Netz so viele Spuren hinterlässt. Außer vielleicht der Mann mit dem Karton auf dem Kopf, der Autor, dessen Gesicht fast niemand kannte.

Dr. Eva Mattusch war sechsundvierzig, hatte dreitausendzweihundert Freunde auf Facebook und keine Kinder. Alle ihre Fotos sahen aus, als hätte sie ein professioneller Fotograf aufgenommen. Die meisten zeigten sie in perfekt sitzendem Business-Kostüm, dezent geschminkt, Souveränität ausstrahlend. Wikipedia bezeichnete sie als eine der angesehensten Juristinnen Österreichs, da hatte Herbert also nicht übertrieben. Sie war wohl auch ein Liebling der Presse; ich fand zahlreiche lobende Artikel und Prozessberichte.