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In Berlin läuft Arztgattin Vicky Meier frühmorgens durch den Park am Schöneberger Rathaus. Dabei entdeckt sie in den Büschen neben niedlichen Kaninchen auch eine Leiche mit grausamen Verletzungen. Der halbnackte Tote ist gesteinigt worden und entpuppt sich als schwuler Ex-Priester, bekannt für seine Hetze gegen geflüchtete Muslime. Der junge Kriminaloberkommissar Max Kühn muss in alle Richtungen ermitteln: unter arabischen Männern im tatortnahen Flüchtlingsheim und bei Antifaschisten, die dem rechtspopulistischen Ex-Priester schon einmal den Tod gewünscht haben. Am anderen Ende des politischen Spektrums haben christliche Fundamentalisten dem Toten das öffentliche Coming-out nie verziehen. Als ein Bezirksverordneter der AfD den Mord auf einer Mahnwachepolitisch instrumentalisiert, eskaliert die angespannte Lage zwischen den Gruppierungen. Danach bleibt in Schöneberg vom Volkspark über den Akazienkiez bis zum Nollendorfplatz kein Stein auf dem anderen. Max und sein Team müssen sich Stück für Stück zwischen Attentaten und Hass-Postings zur Wahrheit vorkämpfen.
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die Handlung, die Figuren und manche Schauplätze dieses Romans sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind unbeabsichtigt.
Erste Auflage März 2019
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung eines Fotos von ©IngolfBLN (https://flickr.com/photos/58927646@N02/11279253956).
ISBN 978-3-89656-656-0
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Akazienstraße 25, 10823 Berlin
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Für Ralph und Dario
Ein Kaninchen kam in einer Frühlingsnacht aus seiner Höhle, um Futter zu suchen. In den vergangenen Nächten hatte es nahe an seinem Bau alles abgefressen. Diesmal wollte es mutig sein und an den frischen Knospen eines weit entfernten Fliederstrauchs nagen. Wachsam hoppelte es im Schutz der Büsche zum verlockenden Genuss und labte sich an den saftigen Trieben.
Mitten im Fressen nahm es eine Witterung auf und zog ein Ohr hoch. Ein Fuchs war in der Nähe. Das Kaninchen flüchtete, um den Schutz seines Baus zu erreichen. Zu spät. Der Fuchs stellte sich ihm in den Weg, das Kaninchen schlug einen Haken und schoss durchs dichte Unterholz. Der Räuber nahm die Verfolgung auf. Das Kaninchen sprang einen Hügel hinab, durchbrach in der Senke eine Heckenwand, tappte mit seinen Hinterläufen in frisches Blut, setzte mit zwei Sprüngen an einer Leiche vorbei und hetzte den gegenüberliegenden Hügel hoch.
Dort duckte es sich im Schutz eines dichten Hartriegels, weil der rettende Bau noch weit entfernt war. Es atmete schnell. Doch mit einem Male stutzte das Kaninchen, denn es hatte die Witterung des Räubers verloren. Zitternd schnupperte es durch die Blätter. Kein Fuchs. Der Räuber war verschwunden.
Das Kaninchen verharrte noch einige Zeit in seinem Versteck. Endlich fasste es sich ein Herz und hoppelte bedachtsam in die heimatlichen Höhlengänge.
Suche nicht immer den direkten Weg in den sicheren Hafen, manchmal liegt in einem Umweg die Rettung.
Die Zeiger der Uhr am Schöneberger Rathaus zeigten sechs Uhr dreißig. Vicky lag im Zeitplan und hatte gute Laune; sie war ein Morgenmensch. Ick bin ein Berliner, dachte sie mit Blick auf den Balkon des Rathauses und schloss ihr Fahrrad an den Pfosten eines Verkehrsschilds. Vicky atmete die angenehm kühle Frühlingsluft dieses Stadtmorgens ein und zurrte den Gummi fest, der ihre langen, blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammenhielt. Während sie wartete, dass die Lauf-App auf dem Smartphone startet, zwinkerte sie den nackten Männerstatuen auf dem Rathausturm zu. Morgen, Jungs! Dann trabte sie los.
Sie sprang die Stufen zum Park hinunter und umrundete den Brunnen. Auf einer Säule in der Mitte hob ein goldener Hirsch das Geweih in den wolkenlosen Himmel über Schöneberg. Danach lief sie die Rampe zur Carl-Zuckmayer-Brücke hoch und checkte mit kurzem Blick auf die Armbandtasche, ob die Lauf-App auch korrekt aufzeichnete. Sechzig Meter, passt. Diese erste Steigung joggte sie bewusst langsam. Nicht aus der Puste kommen. Vicky lief jeden Morgen, denn sie liebte das Joggen, weil es ihr eine zweite Leidenschaft ermöglichte: Schokolade in großen Mengen.
Vicky hörte ein sanftes Rumpeln, weil eben in der Brücke eine U4 in den Bahnhof einfuhr. Sie lief durch die Fahrradsperren in den westlichen Teil des Rudolph-Wilde-Parks. Wie immer ein traumhafter Anblick. Eingefasst von riesenhaften Trauerweiden erstreckte sich vor Vicky ein kleines Tal, durch das sich ein schmaler Sandweg Richtung Wilmersdorf schlängelte. Die sanften Hügel daneben sind beliebte Liegewiesen, weil die dichten Büsche und Bäume die Stadt rundherum völlig ausblenden. Um diese Zeit waren die Wiesen jedoch leer. So früh am Morgen tummelten sich nur wenige Menschen im Park und sie gehörten einem von drei Teams an.
Die Jogger. Vicky kannte viele vom Sehen. Zum Beispiel das ältere Ehepaar, das langsam lief, manchmal auch nur schnell ging, dabei immer in ein angeregtes Gespräch vertieft. Vicky erfreute sich an dem Gedanken, dass die beiden seit Jahrzehnten jeden Morgen gemeinsam joggten. Oder der Rothaarige, wie Vicky ganz in schwarzen Sportklamotten, der beim Laufen das Gesicht verzog, als hätte er Schmerzen. Vielleicht seine übliche Miene. Manchmal nickte man sich zu, aber nicht immer.
Team zwei waren die Hundebesitzer, die ihre Lieblinge Gassi führten. Sie standen entfernt mitten in den Wiesen und unterhielten sich, während die Hunde herumtollten. Manchmal warfen sie Stöckchen. Einige hatten Schleudern, um Bälle besonders weit zu werfen. Vickys Ehemann Oliver erzählte oft, wie er als Arzt in der zentralen Notaufnahme Hundebesitzer behandeln musste, die im Streit mit der Schleuder eins übergezogen bekommen hatten. So eine Schleuder liegt im Eifer des Gefechts gut in der Hand. Vicky schmunzelte und lief locker weiter.
Die städtischen Gärtnerinnen waren Team drei. Diese Frauen harkten und zupften in den Blumenbeeten und schienen alles um sich herum zu ignorieren. Zu Team drei zählte Vicky auch die Ein-Euro-Jobber, die den Park vom Abfall befreiten. Mit Harken und langen Pickern liefen sie morgens über die Wiesen und sammelten verstreuten Müll ein.
Heute stützte sich auf Höhe der Spielplätze der Große mit dem enormen Bauchumfang auf seine Harke und rauchte. Diese Truppe beachtete die Jogger nicht, doch heute spürte Vicky, dass der Große sie anstarrte. Eine Millisekunde lang trafen sich ihre Blicke und Vicky drehte sich sofort weg. Da hörte sie sein Pfeifen. Vicky stutzte. Pfeift er mir hinterher? Sie wollte ihn ignorieren, wäre dann aber den nächsten Kilometer zornig gejoggt. Sie drehte um, blieb vor dem Typen stehen und atmete kurz durch.
„Ick zeig dir gleich was ’ne Harke ist, Freundchen“, sagte sie grimmig. Diese Prügelandrohung hatte ihr Ingeborg beigebracht. Ihre Haushälterin war eine eingeborene Westberlinerin.
Der Mann schaute erschrocken auf seine Harke und stammelte „Sori“.
„Geht doch“, sagte Vicky und lief weiter.
Sie nutzte die Adrenalinausschüttung und überquerte mit großen Schritten die Prinzregentenstraße, die den Park durchschnitt. Rechts sah sie einen Security-Mann vor dem Gymnasium Frühschicht schieben. Seit vergangenem Herbst diente die Turnhalle als Notunterkunft für Geflüchtete. Vicky winkte. Der Mann winkte zurück, denn sie half dort gelegentlich in der Kleiderkammer aus.
Weiter ging es auf die Fußgängerbrücke über die Bundesallee. Mini-Golf, Fußballplatz, zurück auf die Brücke, dann die Runde um das Denkmal des Speerwerfers. Vicky freute sich auf die Meter, mit denen sie die Bronzestatue des nackten Sportlers umrundete. Der Anblick seiner festen Arschbacken motivierte sie. Vor Ostern leuchteten seine Hoden manchmal grün, manchmal rot. Klarer Fall von Vandalismus. Vicky lachte. Diesen Brauch des Eierfärbens liebte sie.
Nach dem Kifferhügel und den angrenzenden Kleingärten erreichte sie auf Höhe des Hauses von Deutschlandfunk Kultur wieder das kleine Tal. Diesmal joggte sie südlich daran vorbei, jenseits der Bäume und Sträucher. Aus dem Weg vor ihr ragten Bruchstücke von Ziegelsteinen. In Berlin läuft man ständig über Zeitgeschichte. Vicky vermutete, dass hier Schutt zerbombter Häuser abgeladen und planiert worden war. In Österreich haben sie das Alpenpanorama, Mozart und die Wiener Sängerknaben darüber gelegt. Da ragt nichts mehr raus. Als Österreicherin kannte sich Vicky mit den verschiedenen Methoden der Vergangenheitsbewältigung aus.
Ein hoppelndes Kaninchen kreuzte Vickys Weg. Die nachtaktiven Tiere waren frühmorgens noch unterwegs. Süßes Kerlchen. Vickys Blick folgte ihm, bis es in einer dicht bewachsenen Senke verschwand.
Ein Frösteln schoss durch ihren Körper. Jemand starrte sie an. Erneut.
Bleib stehen!
Ihre Beine bewegten sich im Laufrhythmus weiter.
Halt!
Vicky drehte um und ging die Böschung hinunter, in der das Kaninchen verschwunden war. Sie schluckte. Ein Auge starrte sie durch dicht wuchernde Zweige an.
Lauf weg!
Doch sie schob einen Zweig beiseite, um besser sehen zu können. Ein Mann mit nacktem Oberkörper hockte im Busch. Sein Blick war auf Vicky gerichtet. Ein Auge. Wo sich das andere Auge befinden sollte, hing ein fleischiger Klumpen herab. Er war braun und rot. Getrocknetes Blut.
***
Vicky stand auf dem Weg oberhalb der Böschung und wartete auf die Polizei. Eben hatte sie den Notruf getippt und war überzeugt gewesen, dass der Euro-Notruf 112 bei der Berliner Polizei landet. Tut er aber nicht.
„Berliner Feuerwehr.“
„Hallo, ich wollte den Polizeinotruf, Mist.“
„Das ist die 110, bitte rufen Sie dort an.“
„Ich habe eine Leiche gefunden.“
„Wie?“
„Ich habe eine Leiche im Volkspark Schöneberg gefunden.“
„Ich verbinde Sie mit der Polizei. Bleiben Sie dran.“
Vicky hörte eine Tonfolge, gespielt auf einer Bontempi-Orgel. Dann kurze Pause mit einem Knacken. Die Tonfolge startete von Neuem. Knacken. Vickys Herz hämmerte. Knacken. Sie sah, dass der Rothaarige mit dem mürrischen Gesichtsausdruck auf sie zulief.
Ihn ansprechen?
Der Rothaarige nickte ihr zu.
Vicky nickte zurück und wandte sich ab. Besser nicht reden. Sie hätte ohnehin nicht die richtigen Worte gefunden. Tonfolge. Knacken.
„Polizeinotruf.“
„Ich habe eine Leiche im Volkspark Schöneberg gefunden“, presste Vicky hervor.
„Sind Sie verletzt?“, fragte die Männerstimme.
„Bin ich nicht.“
„Sind Sie in Gefahr?“
„Ich denke nicht.“ Vicky schaute sich erschrocken um, denn die Leiche sah nicht nach einem Unfall aus. Es muss auch einen Mörder geben. Obwohl niemand zu sehen war, hielt Vicky den Atem an.
„Wo sind Sie?“
„Im Volkspark Schöneberg, an der Südseite kurz nach den Kleingärten.“
„Wie heißen Sie?“
Vicky nannte ihren Namen. Das Telefonat dauerte ihr zu lange.
„Wie haben Sie die Leiche gefunden?“
„Ich joggte und habe jemanden in einer merkwürdigen Position in einem Busch gesehen. Da habe ich nachgeschaut.“
„Sind Sie sicher, dass die Person tot ist?“
„Der Mann bewegt sich nicht mehr. Das Gesicht ist halb zerschmettert und die Schädeldecke ist Brei. Der Mann ist tot.“
„Haben Sie die Leiche berührt?“
„Nein.“
„Sehr gut. Ich informiere den nächstliegenden Abschnitt. Die Kollegen kommen sofort zu Ihnen. Bleiben Sie, wo Sie sind, und berühren Sie nichts, halten Sie am besten Abstand. Versuchen Sie Ruhe zu bewahren und rufen Sie wieder an, sollte etwas in der Zwischenzeit passieren. Ich lege jetzt auf.“
„In Ordnung.“
Also stand Vicky keine drei Meter von der Leiche entfernt und wartete. Sie ekelte sich, war aber auch neugierig. Die Neugier siegte. Sie ging die Böschung wieder hinunter, umrundete die dichte Hecke und fand seitlich eine kleine Lücke, die den Blick auf ein schmales Areal freigab. Vicky war überrascht, denn die Leiche hockte nicht, sondern kniete bis zum Bauchnabel in einer Mulde. Ein Steinhaufen daneben hielt den nackten Oberkörper aufrecht. Der Rumpf war auffällig lang und dürr. Vicky sah Wunden auf der Brust, braunroter Schorf klebte daran, der Mann musste stark geblutet haben. Messerstiche? Vicky fröstelte. Der rechte Arm des Mannes stützte mit abgewinkeltem Ellenbogen auf der anderen Seite den misshandelten Rumpf ab. Die Finger lagen gespreizt auf der sandigen Erde, als hätte der Mann Halt gesucht. Vickys Blick wanderte die Leiche wieder hoch, sie versuchte dabei den Blick des starren Auges zu vermeiden. Die Schädeldecke darüber lag offen, Matsch war ausgetreten, der nun getrocknet war. An ein paar Stellen klebten Haare, an der rechten Kopfhälfte hing ein Ohr. Dahinter blitzte nackte Haut mit drei winzigen blauen Spitzen auf. Wie aufgemalt. Gedanken stürmten durch Vickys Kopf, ohne ein Ziel zu erreichen, und ihr Puls lag so hoch wie beim Joggen. Alles unwirklich. Ich muss Oliver anrufen. Vicky schluckte. Das Starren war wieder da, sie spürte, dass sie beobachtet wurde, und stieß einen Schrei aus. Der Rothaarige glotzte sie von der anderen Seite der Hecke an.
***
Vicky hoffte, bald die Sirenen der Polizeiautos zu hören, als sie mit dem Rothaarigen an der Straße stand und wartete. Obwohl er ihr vor drei Minuten bei der Leiche einen ordentlichen Schrecken eingejagt hatte, war sie froh gewesen, nicht mehr allein mit dem Toten zu sein.
„Ach, du Kacke“, hatte der Rothaarige nach Vickys Schrei gesagt. „Waren Sie das?“
„Blödsinn, ich habe ihn so gefunden.“
„Wer war das?“ Erschrocken sah sich der Rothaarige um.
„Als ich ihn gefunden habe, war niemand hier“, antwortete Vicky.
Der Rothaarige drehte den Kopf unablässig in alle Richtungen, um zu kontrollieren, ob jemand käme.
Wie ein Kaninchen.
Beim Sprechen sah er Vicky nicht an. „Wir müssen die Polizei rufen“, sagte er.
„Schon erledigt.“
„Wo bleibt sie denn?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach er weiter. „Klarer Fall, der ist tot. Umgebracht. Der hat kein Gesicht mehr, nur dieses Auge, eklig. Alles Pampe. Sehen Sie das am Bauch? Da hat ihm jemand Fleisch herausgerissen. Mann, ist mir schlecht.“
Zum ersten Mal seit Entdeckung der Leiche spürte Vicky auch ihren Magen. Er krampfte. „Ich laufe hoch zur Straße, um die Polizei hierherzulotsen“, sagte sie.
„Ich bleib mit dem nicht allein“, sagte der Rothaarige und lief ihr nach.
Jetzt standen sie an der Straße und warteten. Der Mann redete immer noch.
„Welches Schwein macht so etwas? Es wird immer schlimmer, was ist nur aus unserer Welt geworden?“
Vicky war erleichtert, als sie endlich die Sirene hörte und aus Richtung Martin-Luther-Straße ein Funkstreifenwagen heranraste. Sie winkte. Der Rothaarige stellte sich auf die Straße und breitete die Arme aus. Eine Polizistin hielt den Wagen vor ihm an, ein Polizist sprang auf der Beifahrerseite raus. Die Sirene verstummte, nur das Blaulicht kreiste weiter am Autodach.
„Eine Leiche zwischen den Hecken. Sie ist übel zugerichtet, alles Matsch!“, rief der Rothaarige.
„Beruhigen Sie sich“, sagte der Polizist.
„Bei uns hat eine Frau angerufen“, bemerkte die junge Polizistin. Sie ließ den Wagen mitten in der Straße stehen.
„Die Leiche ist da unten in den Büschen, Mann, da wird einem speiübel, so böse zugerichtet“, sagte der Rothaarige.
„Sie sind jetzt still“, sagte die Polizistin.
Der Rothaarige schaute pikiert.
„Ich habe angerufen“, sagte Vicky. „Ich kann Sie zur Leiche führen.“
In diesem Moment bellte im Park ein Hund. Er klang heiser und nervös. Das Gebell schwoll an, als weitere Hunde zu kläffen begannen.
„Los, los!“, rief die Polizistin ihrem Kollegen zu und rannte in den Park. Ohne nachzudenken, lief Vicky hinterher.
***
Vicky saß auf einer Parkbank. Ein Sanitäter hatte ihr eine Decke gegeben, dabei war ihr nicht kalt. Der Mann ließ jedoch nicht mit sich diskutieren, deshalb trug sie nun eine braune Wolldecke um die Schultern.
Als sie zur Leiche gerannt war, da waren ihre Hände und Füße kalt, das hatte sie gespürt. Das Bellen klang noch infernalisch in ihren Ohren nach.
Um die Leiche tobten fünf Hunde mit lautem Gekläffe und bellten den Toten an. Um ihre Hunde zurückzupfeifen, rannten zwei Herrchen und ein Frauchen panisch um das Heckenversteck in der Senke, doch die Tiere ließen sich davon nicht beeindrucken. Erst ein lauter Schrei der Polizistin hatte Erfolg. Als die Hunde überrascht aufsahen, nutzte das Frauchen die Chance und klickte die Leine bei ihrem massigen Sennenhund ein, der sich widerstandslos fortziehen ließ.
„Alle Hunde rüber zu den Bäumen“, ordnete der Polizist an.
Ein Herrchen schnappte sich eine kleine Bulldogge, nahm sie auf den Arm und rief: „Kira, Sonny, bei Fuß!“
Zwei Promenadenmischungen trotteten gemächlich auf ihn zu. Das zweite Herrchen stand mit kreidebleichem Gesicht vor der Leiche.
„Nehmen Sie Ihren Hund weg“, sagte die Polizistin.
Der Mann schluckte. „Goldie, komm.“
Die Schäferhündin ließ von der Leiche ab und spazierte auf die offene Wiese. Der Mann stolperte hinterher.
„Sie warten bei den Bäumen auf uns“, rief der Polizist ihm nach.
Dann hatten sie den Platz mit der Leiche inspiziert, telefoniert, um Verstärkung zu rufen, den Rothaarigen gebeten, endlich ruhig zu sein, und Vicky auf eine Parkbank in der Nähe gesetzt.
Der Polizist stellte sich als Polizeimeister Mario Haschkey vor. „Wie Husky nur mit Sch“, sagte er. Der Mann trug eine Ray-Ban-Sonnenbrille und fragte Vicky in ruhigem Ton, wie sie die Leiche gefunden hat. Vicky spürte, wie sich seine Ruhe auf sie übertrug. Während der Befragung waren immer mehr Polizeibeamte in Uniform aufgetaucht. Haschkey bedankte sich für Vickys klare Antworten und bat sie, sitzen zu bleiben, bis der zuständige Kriminaloberkommissar eingetroffen sei. Der habe sicher auch Fragen an sie. Dann machte er sich auf den Weg zu den Bäumen, wo die Hundebesitzer warteten.
Vicky beobachtete zwei uniformierte Männer, die das Areal mit einem rot-weiß gestreiften Plastikband weiträumig absperrten. Durch die Bäume erkannte sie, wie das ältere Ehepaar auf dem Weg oberhalb der Böschung am Absperrband mit einem Polizisten sprach. Jene Polizistin, die als Erste am Tatort eingetroffen war, kam dazu.
Tatort.
Noch immer fühlte sich das Geschehen unwirklich an.
Ich muss Oliver anrufen.
Sie nahm ihr Smartphone aus dem Armband, tippte in der Anrufliste auf Oliver und das Telefon verband sie mit dem Diensthandy ihres Ehemanns. Neben seinem Namen sah sie auf dem Display ein Smiley mit schwarzer Sonnenbrille und ein rotes Herz.
„Telefon Dr. Meier.“
„Hallo, hier Viktoria Meier, bitte geben Sie mir meinen Mann.“
„Dr. Meier operiert gerade.“
„Es ist dringend.“
Kurze Pause. „Einen Moment.“
Vicky wusste, dass die OP-Schwester Oliver jetzt das Handy ans Ohr hielt, während er weiteroperierte.
„Ja?“, sagte Oliver.
„Sorry, dass ich dich störe.“
„Ist was passiert? Ist was mit Heidi?“
„Nein, alles gut. Na ja, so weit, so gut. Ich habe beim Joggen eine Leiche entdeckt.“
„Wie?“
„Einen Toten, ist wohl ein Mordopfer.“
„Renate, Telefon höher bitte. Ist dir etwas passiert, Vicky? Bist du verletzt?“
„Nein, mir geht’s gut. Ich habe mich nur erschrocken. Die Polizei ist hier, sie haben mich befragt. Ich muss noch auf den Kommissar warten.“
„Geht es dir gut?“
„Ja.“
„Ich ruf dich nach der OP an. Pass auf dich auf. Danke, Renate.“ Dann war er weg.
Geht es mir gut? Vicky wunderte sich. Ja, es geht mir gut.
***
„Was haben Sie gesehen?“, fragte die junge Polizistin über das Absperrband und unterdrückte ein Seufzen. Vor ihr stand das ältere Ehepaar. Beide trugen enge Laufhosen und gelbe Jacken.
„Eigentlich gar nichts, wie gesagt“, antwortete die Frau.
Ihr Mann sah sie von der Seite an. „Ein bisschen komisch war es heute Morgen schon“, sagte er.
Die Polizistin versuchte einen neuen Anlauf. „Was kam Ihnen komisch vor?“
„Gar nichts war komisch“, sagte die Frau.
„Du hast gesagt, dass heute etwas anders sei als sonst.“ Der Mann sprach behutsam, als hielte er seine Frau ein wenig für vergesslich.
„Daran kann ich mich nicht erinnern“, sagte sie und rückte mit dem Daumen den Gummibund ihrer Dreiviertelhose zurecht.
Die Polizistin bemerkte genervt, dass die Frau das bereits zum dritten Mal gemacht hatte.
„Aber …“, sagte der Mann.
„Kein aber“, unterbrach ihn seine Frau.
Die Polizistin sah zwischen den beiden hin und her.
„Mensch, Cornelia, ich spinn doch nicht. Als wir an den Trauerweiden vorbeigelaufen sind, hast du gesagt: Heute ist was anders.“
„Weiß nicht. Sollte es mir unbewusst entschlüpft sein, habe ich wohl das Wetter gemeint.“ Sie sah ihn streng an.
„Vielleicht habe ich etwas verwechselt“, sagte der Mann zur Polizistin und lächelte.
Die Polizistin seufzte. „Sollte Ihnen doch einfallen, dass etwas ungewöhnlich war, melden Sie sich. Hier die Karte mit der Telefonnummer unseres Abschnitts.“
Die Frau quetschte die Karte in eine Gesäßtasche ihrer Hose und lächelte freundlich. „Alles klar.“
Die Polizistin ging Richtung Böschung, wo bereits große weiße Planen den Fundort der Leiche abschirmten. Als sie außer Hörweite war, fasste die Frau ihren Mann am Handgelenk.
„Harry, bist du von allen guten Geistern verlassen? Ich erzähl der doch nicht, dass ich eine Blockade in meinen Chakren spürte. Die lässt mich in die Klapse einweisen.“ Sie tätschelte ihn an der Schulter. „Ab nach Hause. Ich mach uns ein reinigendes Ritual. Das brauchen wir dringend. Zu viel schlechte Energie im Park.“ Sie trabte los.
„Mir reicht eine Dusche zur Reinigung“, brummte Harry und lief hinterher.
***
„Sammy liebt Flash, deshalb habe ich Basti gewunken, dass er zu uns rüberkommen soll. Sonst war er immer gleich bei uns mit seinen drei Schätzchens, aber Basti schien mich nicht gesehen zu haben, er hat zumindest nicht reagiert“, sagte die Hundebesitzerin. Sie wischte sich Haare aus der Stirn, dabei waren ihre grauen Haare sehr kurz. Quer über die Allwetterjacke trug sie die Hundeleine.
„Wer ist Sammy, wer ist Flash und wer ist Basti?“, fragte Polizeimeister Haschkey.
„Sammy ist mein Großer.“ Die Frau deutete auf den schwarzen Sennenhund mit den weißen Pfoten, der ein paar Meter entfernt auf der Wiese lag und hechelte. „Flash ist die junge Bulldogge und Basti sein Herrchen.“
Der Polizist schaute zum zweiten Hundebesitzer, der mit zugeknöpftem Sakko auf einem Baumstumpf saß. Er trug Halbschuhe ohne Socken, die schwarzen Haare akkurat gescheitelt und pomadisiert. In seinem Schoß lag die Bulldogge, zu seinen Füßen zwei zottelige Mischlingshunde, einer mit hellem Fell, der andere mit dunkelbraunen Haaren. Beide lagen an der Leine. Als der Mann den Blick von Polizeimeister Haschkey sah, hob er eine Hand.
„Entschuldigung, dauert es noch lange? Ich bin Lehrer und muss in der Schule melden, dass ich zu spät komme“, rief er.
„Bin gleich bei Ihnen, Herr …“ Haschkey blickte auf den Notizblock in seiner Hand. „… Pöhls. Dauert nicht mehr lange.“ Haschkey wandte sich wieder der Frau zu. „Was ist dann passiert?“
„Flash kam zu uns gelaufen, Sebastian wollte ihn zurückpfeifen, Flash hat aber nicht gehorcht.“ Die Frau lachte. „Werner und ich fanden das witzig.“
„Wer ist Werner?“
„Werner gehört zu Goldie.“
Auf einer Bank unter den Bäumen saß Werner. Seine Schäferhündin lag halb unter der Bank. Der große Mann war im Gesicht immer noch blass. Ein Sanitäter hatte ihm eine Decke gebracht und sprach auf ihn ein.
„Wie ging es weiter?“
„Die Hunde haben herumgetollt wie immer, die mögen sich.“
„Man trifft sich also öfter hier am Morgen?“
„Die Hunde müssen ja raus, aber wir sind nicht verabredet. Wir treffen uns zufällig mit unseren Schätzchens auf der Wiese, da ist man schnell im Gespräch.“
„Wie kamen die Hunde dann zur Leiche?“
„Ich glaube, Kira ist als Erste quer über die Wiese zu dieser Hecke hin.“
Auf den fragenden Blick von Haschkey deutete die Frau auf die Hündin mit dem braunen Fell neben dem Baumstumpf.
„Basti hat noch ,Kira, bleib hier‘ geschrien, aber sie besitzt von allen das meiste Temperament. Als sie zu bellen begann, sind alle anderen Hunde nach.“
„Und Sie?“
„Wir sind auch hin, natürlich. Wir wollten sehen, was los ist. Manchmal stöbern die Hunde ein totes Kaninchen auf, geschah in letzter Zeit häufiger. Wir wollen alle nicht, dass die Hunde damit rummachen. Was wir dann aber gesehen haben, war kein totes Karnickel. Ich bin einiges gewohnt, ich war ja Krankenschwester, also kurz mal, aber das war der Hammer. Die Hunde haben sich nicht eingekriegt.“
„Ist Ihnen am heutigen Morgen was aufgefallen? War etwas anders als sonst?“
„Außer der Leiche?“
„Klar, außer der Leiche.“
„Nee, würde mir nichts einfallen. Eigentlich alles wie immer.“
„Gut, Frau Fertig, die Kripo meldet sich bei Ihnen, wenn sie noch zusätzliche Fragen hat.“
„Fertig ist fertig?“
Haschkey grinste. Frau Fertig hatte den Witz sicher nicht zum ersten Mal angebracht.
„Ja, Sie können gehen.“
„Darf ich noch bleiben? Zum Gucken?“
„Besser nicht“, sagte Haschkey im Weggehen, „Fertig ist fertig.“
„Okay, okay“, murmelte Frau Fertig. „Sammy, komm! Wir müssen los!“
Der Hund sprang auf.
„Man ist unserer Anwesenheit überdrüssig.“ Im Weggehen lachte Frau Fertig noch lange über ihre Formulierung.
***
Vicky tippte eine WhatsApp-Nachricht an Ingeborg.
– Bin aufgehalten, komm später heim. Bis gleich.
Vicky blickte auf. Unter die Polizisten in Uniform hatten sich Leute gemischt, die weiße Overalls trugen, einige mit Mundschutz. Vicky war froh, dass der Fundort der Leiche mit Tüchern abgedeckt war und sie nichts mehr von dem toten Mann sehen musste. Das Smartphone vibrierte in ihrer Hand.
– Kindchen! Hast dich beim Joggen verlaufen? :-) Alles klar. Heidi ist schon zur Schule. Magst du ufm Weg Parkettpflege bei DM holen? Ist fast aus. Daaaaaanke :-) Die Ingeborg
– Mach ich gern.
Life goes on. Vicky hatte Durst. Sie winkte nach dem Sanitäter und der machte sich auf die Suche nach Wasser. Freundlicher Mann. Der Polizist vom ersten Einsatzwagen befragte auf der Wiese den Mann mit den drei Hunden. Außerdem sah sie am Weg oben den Ein-Euro-Jobber unter dem Absperrband durchschlüpfen. Sofort waren zwei Polizisten bei ihm. Packt die Handschellen aus. Die Polizisten redeten auf den Mann ein und die junge Polizistin kam dazu.
„Ihr Wasser.“ Der Sanitäter reichte Vicky eine kleine Plastikflasche. „Sie waren beim Joggen? Da müssen Sie trinken. Sonst alles schick?“
„Ich warte auf den Kommissar. Dauert es lange, bis er kommt?“
„Sobald im LKA klar ist, wer den Fall kriegt, ist er hier.“
Ein Schrei ließ die beiden aufhorchen. Am Absperrband rangen die Polizisten den Ein-Euro-Jobber zu Boden. Einer drückte ihn an den Beinen nieder, die Polizistin drehte ihm den Arm auf den Rücken, dabei ließ der Ein-Euro-Jobber einen markigen Schmerzensschrei los, der in ein Winseln überging.
***
„Ich jogge gern im Park. Mache ich fast täglich, bin daher ein Top-Läufer. Im Park laufen einem immer süße Häschen über den Weg. Oft sehe ich auch die anderen Häschen, die mit den langen Ohren. Haha. Sie wissen, wie ich das meine. Ich hab die Hübsche mit den langen Beinen gerne getroffen beim Laufen. Ihr blonder Zopf schwingt immer hin und her, wenn sie läuft. Das mag ich. Deshalb laufe ich auch gerne von hinten auf. Haha. Also, die Hübsche und ich, wir kennen uns nicht, aber man sieht sich gelegentlich im Park, da kennt man sich. Die läuft flott, easy überholen ist da nicht. Ich mag an ihr, dass sie nicht so knallige Farben trägt wie andere Frauen. Manche sehen aus wie Leuchtstifte on tour mit dem Neonzeugs. Auch noch mit Blümchen und so. Die Hübsche … wie heißt die eigentlich? Sie können mir ihren Namen nicht sagen, oder? Okay, vermutlich Datenschutz, ich verstehe. Egal, ich nenne sie jetzt einfach mal die Hübsche. Haha. Also, die Hübsche trägt nur Laufklamotten in gedeckten Farben. Schwarz und maximal mal grau. Das mag ich. Das finde ich sexy. Oh, Entschuldigung. Darf man das sagen? Sexy? Oder ist das sexistisch? Ist sexy sexistisch? Haha. Ich kann auch sagen, dass ich dunkle Laufklamotten attraktiv finde, falls das jemanden stört, wenn ich sexy sage. Egal, heute Morgen ist sie mir öfter begegnet. Manchmal sieht sie absichtlich nicht zu mir. Wohl schüchtern, ein scheues Reh. Das mag ich. Ist letztlich doch alles nur ein Spiel. Bei einer Begegnung war sie aber anders, die Hübsche. Sie hat da gestanden und telefoniert. Ihr Gesichtsausdruck war, wie soll ich sagen, besorgt. Da dachte ich mir, dreh um, da stimmt was nicht. Vielleicht braucht Sie Hilfe. Ja, ich helfe gerne Frauen. Mann, Mann, und dann das. Ein Fleischklumpen mit einem Auge. Arme Sau. Welches Schwein hat das gemacht? War es der Gärtner, der da eben verhaftet wurde, der Vollschlanke? Ah, klar, Datenschutz. Wir haben das dann aber cool gecheckt, die Hübsche und ich. So bis die Polizei kam. Wie lange muss ich eigentlich noch warten? Ich arbeite in der Privatwirtschaft, da ist Zeit gleich Geld, da kann ich nicht unendlich Zeit verplempern, das geht alles von meinem Verdienst ab. Das verstehen Sie vielleicht nicht, aber meine Zeit ist mein Kapital. Es wäre super, wenn die Bürokratie sich ein wenig beschleunigt. Ich kann nicht einfach herumsitzen und nichts tun. Bei mir läuft der Taxameter“, sagte der Rothaarige.
„Alles gut“, sagte der Sanitäter. „Das können Sie gleich alles der Polizei erzählen. Ich bringe Ihnen eine Flasche Wasser.“
***
Max stand vor der Leiche. Nicht auf die Leiche gucken. Sein Blick blieb trotzdem an dem einsamen Auge hängen. Fuck. Die bewährte Methode konnte er diesmal vergessen. Ignorieren, ausblenden. Kam er an einen Tatort, untersuchte er nicht sofort die Leiche, denn der Anblick eines toten Menschen löste bei ihm noch immer große Bestürzung aus. Klar, er hatte gelernt, professionell damit umzugehen. Außen war er cool, aber in ihm tobte trotzdem ein Kampf. Der emotionale Aufruhr verhinderte, dass er kleine, aber wichtige Details am Tatort wahrnahm. Max zwang sich, nicht mehr auf das Auge zu sehen.
„Niemand hat die Leiche berührt, seit wir hier sind, Herr Kriminaloberkommissar“, sagte die junge Polizistin.
„Sagen Sie Max zu mir.“
Max war der Titel zu sperrig. Trotz seiner jungen dreißig Jahre war ihm der potenzielle Autoritätsverlust egal, denn seine Glatze ließ ihn hinreichend als Respektsperson wirken.
Die Polizistin nickte. „Ich bin Judith. Davor waren leider die Hunde dran.“
„Ärgerlich, aber Sie haben gut reagiert, Judith“, sagte Max.
„Ich bin Herbert“, sagte der Mann im weißen Overall, der neben der jungen Polizistin stand.
„Alles klar, Herbert, dann wollen wir mal. Fotos sind gemacht?“
Herbert nickte, hob mit seinem Assistenten den Leichnam aus der Mulde und bettete ihn auf eine Plane. Der Tote lag gekrümmt, der zugerichtete Schädel sah zur Seite.
„Der ist fast zwei Meter groß“, sagte Herbert überrascht.
Jeans und Sneakers waren sauber, aber der nackte Oberkörper war braun vom getrockneten Blut. In der Flanke des Mannes klafften tiefe Löcher.
„Eklig“, sagte Herbert. Seine Stimme war kaum hörbar.
„Bisswunden“, sagte Max.
Die Spurensicherer nestelten mit behandschuhten Fingern in den Hosentaschen des Mordopfers.
„Leer“, sagte der Assistent nach einer Weile.
„Hier auch leer“, sagte Herbert.
„John Doe wurde vermutlich auch ausgeraubt“, sagte Max. „Vielleicht hilft uns sein Tattoo mit der Identität.“
„Tattoo?“, fragte Judith.
„Die blauen Spitzen hinter dem Ohr. Sind kaum zu sehen, weil das Ohr nur mehr am Knorpel hängt.“
Max zog einen Kugelschreiber aus der Innentasche seiner Lederjacke, hielt aber inne und steckte ihn zurück. „Darf ich, Herbert?“ Max deutete auf die Wattestäbchen in der Instrumentenmatte der Spurensicherung.
„Nur zu, Meister“, sagte Herbert.
Max hob mit einem Stäbchen das Ohr ein wenig an. Dahinter tauchten auf dem einzig heil verbliebenen Hautstück des Kopfes drei blaue Spitzen auf.
Judith wandte sich ab. „Ich lasse noch mal fotografieren, falls es übersehen wurde“, sagte sie.
„Danke, Judith. Danach könnt ihr ihn wegbringen.“
Max sah konzentriert auf das Auge, das im Liegen versteinert zur Seite starrte. Was erzählt dieser Ausdruck? Max registrierte eine hochgezogene Augenbraue, was für ihn auf Angst deutete. Das Auge war weit geöffnet, auch das sprach für Angst. Dennoch hatte Max Zweifel, denn das obere Augenlid war nicht angehoben und das untere nicht angespannt. Damit war sich Max sicher. John Doe hatte keine Angst, als er starb. Er war überrascht.
***
„Warum sind Sie unserer Anweisung nicht gefolgt?“
„Ick wollte nur durchjehn“, sagte der Ein-Euro-Jobber. Er saß in Handschellen in einer Berliner Wanne. Es roch streng und Polizeimeister Haschkey bereute, den Mann für die Vernehmung in den Mannschaftswagen gesetzt zu haben.
„Wohin durchgehen?“, fragte Haschkey.
„Nach Hause, ick war durch mit de Arbeit.“
„Wo wohnen Sie?“
„Dort.“ Er hob beide Arme und zeigte Richtung Kleingärten und Innsbrucker Platz.
Haschkey seufzte. „So weit waren wir schon. Sagen Sie mir die Adresse.“
Der Mann legte die Hände auf seinem dicken Bauch ab.
„Sie kriegen ernsthaft Probleme, wenn Sie bei der Identitätsfeststellung nicht kooperieren.“
Der Mann schwieg.
„Wir kriegen alles raus. Dauert nur ein wenig länger, aber Sie haben ein Problem mehr.“
Der Ein-Euro-Jobber ließ den Kopf sinken. Polizeimeister Haschkey sah, dass dem Mann Tränen über die Wangen rollten.
***
Vicky wurde unwohl, denn sie wartete schon zu lange auf den Kommissar. Als sie in ihrem Magen ein Ziehen spürte, schaute sie auf die weißen Planen, um sich abzulenken. Wie bei einem Bienenstock schwärmten Menschen zwischen den Abdeckungen ein und aus. Der Ein-Euro-Jobber war aus ihrem Blickfeld verschwunden. Vicky war schockiert gewesen, als sie den Mann in Handschellen abgeführt hatten. War er der Mörder?
Zum Glück hatten sie den Rothaarigen nicht neben sie gesetzt. Der saß auf der anderen Seite der Wiese und redete auf den Sanitäter ein. Armer Sani! Muss sich wegen eines blutenden Ohrs bald selbst verarzten. Vicky grinste.
Die Absperrungen der Polizei liefen quer über die Wiese bis zur entfernten Anhöhe gegenüber. Dort gafften Leute hinter dem Absperrband zu ihr herüber. Schaulustige. Vicky sah einen Mann mit leuchtend blauem Pulli auf einem Motorroller an der Prinzregentenstraße einparken. Kleine Jungs mit Schultaschen liefen an ihm vorbei bis zum Absperrband und winkten in ihre Richtung. Vicky war irritiert. Bengels. Sie schaute demonstrativ in die andere Richtung, wo sie zwischen den Bäumen Leute an den Fenstern des Sendehauses von Deutschlandfunk Kultur auf den Tatort schauen sah. Ihr Magen meldete sich erneut. Ab wann geht es mir schlecht? Sie überlegte, den Sanitäter zu rufen, dabei fiel ihr Blick wieder auf die gaffende Gruppe auf der Anhöhe gegenüber. Zwischen den kleinen Jungs stand der Mann im blauen Pulli und richtete ein großes Teleobjektiv auf sie. Vicky sah direkt hinein. Mit einem Mal sackte ihr Magen ab und ihr Gesicht fühlte sich kalt an. Das geht zu weit. Vicky zog die Decke über den Kopf und lief auf den Sanitäter zu.
„Wann kommt endlich der Kommissar?“ Vicky ärgerte sich, weil ihre Stimme piepsig klang.
Der Sanitäter berührte sie an der Schulter. „Alles gut, der Kommissar ist schon da. Da drüben kommt er.“
Vicky drehte sich um und sah einen Mann mit Glatze und in Lederjacke auf sie zukommen. Das ist jetzt nicht wahr. Sie spürte, wie ihr Kreislauf wieder in Schwung kam. „Hallo, Max“, sagte sie, als der Kommissar sie erreichte.
„Hallo, Vicky“, antwortete Max.
***
Vicky hatte bessere Laune, als sie auf der Busspur der Schöneberger Hauptstraße Richtung Kaiser-Wilhelm-Platz radelte. Vor ihr explodierten die Farben des riesigen Wandgemäldes an der Hausfassade neben dem Odeon-Kino. Die Farbspritzer in Rot, Grün, Blau und Orange schossen fröhlich aus der Mitte des Bilds. Vicky war mit Oliver zur Vernissage eingeladen gewesen. „Adanzé!“ Herzlich Willkommen in einem westafrikanischen Dialekt. Das Kunstwerk eines Baselitz-Schülers wärmte wie immer Vickys Herz. Nach dem furchtbaren Fund und der langen Wartezeit freute sie sich, aus den Laufklamotten zu kommen. Davor wollte sie Parkettpflege für Ingeborg kaufen. Ja, das Leben geht weiter. Über die überraschende Begegnung mit Max amüsierte sie sich.
„Hallo, Max.“
„Hallo, Vicky.“
„In Klamotten hätte ich dich fast nicht erkannt, Max.“
Er hatte gelacht. „Auf dem Trockenen erkenne ich dich auch kaum.“
Vicky und Max trainierten ein– bis zweimal die Woche in derselben Schwimmgruppe. Sie kannte ihn von ein bisschen Smalltalk am Beckenrand und wusste bloß, dass Max bei der Polizei arbeitete. Für sie war er ein Mann mit angenehm tiefer Stimme in knappen Speedos und einer schwarzen Badekappe. Sie mochte sein gleichmäßiges Gleiten beim Kraulen.
Nach der Überraschung entspannte sich Vicky und erzählte vom Fotografen hinter dem Absperrband. Max war verärgert. Er ging mit ihr hinter eine Baumgruppe, die dem Fotografen die Sicht versperrte, und ließ sich die Ereignisse des Morgens chronologisch erzählen. Seine Reaktionen waren fürsorglich. Ob mit ihr alles in Ordnung sei, ob sie sich Betreuung wünsche oder nach Hause gebracht werden wolle.
Vicky lehnte dankend ab. „Aber vielleicht könnte jemand mit zum Fahrrad kommen?“, fragte sie.
Max beauftragte einen Polizisten, Vicky durch den Park zum Platz vor dem Rathaus Schöneberg zu begleiten.
„Ein Klassiker für dich zum Abschied: Falls dir noch etwas einfällt“, sagte Max und gab ihr grinsend seine Visitenkarte.
Maximilian Kühn. Kriminaloberkommissar.
„Auf diesen Satz warte ich schon die ganze Zeit.“ Vicky lachte.
„Bis demnächst im Pool?“
„Man sieht sich. Finde den Mörder, Max.“
„Ich gebe mein Bestes.“
Vicky war inzwischen bei DM angekommen. Sie schnappte sich eine Flasche Parkettpflege und kramte an der Kasse in der Seitentasche ihrer Laufhose. Zwischen Schlüssel und Visitenkarte von Max zog sie einen gefalteten Fünf-Euro-Schein heraus, den sie immer dabeihatte, falls sie nach dem Laufen Lust auf ein Croissant zum Frühstück bekam. Natürlich ein Schokocroissant. Vicky bemerkte, wie hungrig sie war. Von wegen nervöser Magen.
Vor dem Drogeriemarkt klemmte Vicky die Plastikflasche in den Gepäckträger. Als die Fußgängerampel auf Grün schaltete, radelte sie schnittig über den Fußgängerübergang in die Akazienstraße. Duschen, Essen, alles wird gut.
Während Vicky die Straße überquerte, fuhr ein Mann mit seinem Motorroller vor dem DM aus einer Parklücke und hielt an der Ampel. Dabei drehte er am Gasgriff, was den Motor nervös aufheulen ließ. Als er Grün bekam, bog er trotz Abbiegeverbot rasant in die Akazienstraße ein. Der Gegenverkehr hupte, doch das beeindruckte den Fahrer im leuchtend blauen Pullover nicht. Konzentriert setzte er die Verfolgung fort.
***
Ingeborg hatte die Teleskopstange des Staubsaugers auf volle Länge ausgefahren. Ick hab ja Rücken. Sie stand mit dem Gerät vor dem dunkelblauen Ledersofa im Wohnzimmer. Über ihr tanzten nackte Frauen einen Reigen als Stuckdeko an der hohen Zimmerdecke. Ingeborg saugte aber nicht, sondern stützte sich auf das Metallrohr. Ne jute Nacht jewesen. Sie kicherte. In ihren Tagtraum hinein vibrierte das Smartphone in der Tasche ihrer Trainingshose.
– hi ingeborg, deutsch fällt aus, komm früher nach hause. bin hungrig. noch eier und parmesan da? bitte guck für mich nach. voll lieb, heidi.
Die Püppi. Ingeborg legte den Staubsauger beiseite und lief vom Wohnzimmer durch das Esszimmer in den Küchenbereich. Vicky und Oliver hatten in der Altbauwohnung die Zwischenwände entfernt, dadurch wirkte die Wohnung wie ein Loft. Im knallroten Retro-Kühlschrank fand sie Parmesan. Noch immer blitzeblank, der Kühlschrank. Sie hatte ihn erst vergangene Woche sauber gemacht. Dann ging sie durch den Flur in den hinteren Teil der Wohnung und öffnete in der Kammer einen Pappkarton für Eier.
– Alles da für lecker Omelette. Die Ingeborg.
Sie tippte Emojis dazu: Smiley, Spiegelei, Emmentaler Käse und Sonne. Nach dem Absenden erhielt sie sofort eine Antwort: Daumen hoch und eine Sonne. Ingeborg war versucht, mit weiteren Emojis zu antworten, hielt sich aber zurück. Ingeborgs Emoji-Spam, sagt Heidi immer und lacht mich aus. Ingeborg grinste. Auf dem Weg in den Küchenbereich wischte sie mit einem Lappen über die Türklinke der hohen Flügeltür und hob im Vorbeigehen eine Fluse vom Parkettboden auf. Dann stand sie wieder mit dem Staubsauger auf dem Teppich und kicherte. Wirklich ’ne jute Nacht jewesen. Sie trat mit ihren orangefarbenen Crocs auf den Schalter des Staubsaugers und saugte mit großer Sorgfalt den aquamarinfarbenen Teppich aus tibetanischer Wolle.
***
„Hallo, Ingeborg, nicht erschrecken, ich bin da.“ Vicky winkte, doch Ingeborg bearbeitete mit dem Rücken zu ihr den Teppich. Vicky wollte ihr keinen Schrecken einjagen. Vergeblich, denn als Vicky in ihr Blickfeld kam, ließ Ingeborg die Stange des Staubsaugers fallen und fasste sich an den Busen.
„Willst du ’ne alte Frau ins Grab bringen?“
„Sorry. Eine Leiche pro Tag reicht mir.“
Mit einem Croc trat Ingeborg auf den Schalter des Staubsaugers. Es war still im Raum.
„Wie bitte?“
„Ich habe heute beim Joggen eine Leiche gefunden. Ein Mordopfer.“
„Det is ’n dicker Hund!“
„Deshalb war ich so lange weg. Musste auf den Kommissar der Mordkommission warten.“
„Kindchen, det is ja wie beim Tatort. Du bist sicher janz jeschockt. Setz da hin.“ Resolut führte Ingeborg Vicky zum langgezogenen Esstisch im Übergang vom Wohnzimmer zum Küchenbereich und drückte sie sanft in einen von den acht Freischwingern mit schwarzer Rückenlehne.
„Alles in Ordnung bei mir, Ingeborg.“
„Nee, nee, du bist janz blass um de Nase. Du kriegst erst ma’n Schnäpperken.“
„Schnaps brauch ich nicht, ehrlich.“
„Säufste, stirbste. Säufste nich, stirbste ooch. Also säufste“, sagte Ingeborg in belehrendem Tonfall.
„Haben wir überhaupt Schnaps zu Hause?“
Ingeborg holte aus der Kammer eine schlanke Flasche mit einer roten Flüssigkeit. Am Etikett stand Nalewka z Pigwowca.
„Ich weiß nicht, was da drin ist“, sagte Vicky. „War ein Geschenk von Wiktor und Milosz.“
„Ich kaufe zwar meine Fluppen am Polenmarkt, Polnisch kann ich trotzdem nicht. Sieht aber hochprozentig genug aus.“
Ingeborg stellte zwei Schnapsgläser auf den dunklen Holztisch. „Ick lass da nich alleene trinken, Kindchen. Prost!“
Vicky wusste, dass Duschen jetzt keine Option war, und nahm einen Schluck.
„’n Likörchen, schmeckt lecka nach Quitte“, sagte Ingeborg und leerte ihr Glas. „Jetzt erzähl.“
„Angefangen hat es, als ein Kaninchen beim Laufen meinen Weg kreuzte“, begann Vicky.
Ingeborg saß ihr mit großen Augen gegenüber und unterbrach sie gelegentlich mit Ausrufen wie „Ach, du dicker Vata!“ Als Vicky erzählte, wie die Polizisten den Ein-Euro-Jobber überwältigten, sperrte ein Schlüssel die Wohnungstür.
„Püppi hat eine Stunde früher aus“, sagte Ingeborg.
Sie hörten Heidis Longboard gegen den Schuhschrank knallen. Die Tür vom Flur öffnete sich und Heidi blickte erschrocken vom Wohnzimmer in den Essbereich. Ihre Augen hinter den runden Brillengläsern waren weit aufgerissen. „Da ist ein Mann. Der wollte unbedingt mit rein.“
Der Parkettboden knarrte und ein Mann betrat das Wohnzimmer. Quer über seinen blauen Pullover trug er einen Fotoapparat umgehängt.
***
„Du kriegst gleich Dresche!“
Ingeborg stand in der Wohnungstür, vor ihr im Treppenhaus der Mann im blauen Pulli. Sie ging einen Schritt auf ihn zu.
„Ich wollte doch nur …“, sagte er und setzte einen Schritt zurück.
„Dit ham wa schon besprochen. Is allet jesagt. Zieh Leine!“ Ingeborg knallte die Tür zu.
Es war erst eine Minute vergangen, seit der Mann plötzlich im Wohnzimmer gestanden war. „Da ist ein Mann. Der wollte unbedingt mit rein“, hatte Heidi gesagt. Ihre Stimme klang so erschrocken, dass Vicky und Ingeborg aufsprangen.
„Entschuldigen Sie die Störung. Ich bin Polizeireporter und habe ein paar Fragen an Sie.“ Er hielt einen Ausweis vor sich und deutete auf Vicky.
„Polizeireporter? Wie jetzt? Nein!“, rief Vicky.
Ingeborg nahm das „Nein“ als Startzeichen und setzte sich in Bewegung. „Püppi zu Vicky“, sagte sie.
Heidi lief zu Vicky an den Tisch, während sich Ingeborg auf den Mann zubewegte.
„Nur ein paar kurze Fragen“, sagte der Mann.
Ingeborg hatte sich vor ihm aufgebaut. „Polizeireporter is nich Polizei. Sie sind nich einjeladen und verschwinden, aber dalli!“
„Sie wollen doch auch, dass der Mord im Park aufgeklärt wird“, sagte der Mann und versuchte an Ingeborg vorbei mit Vicky ins Gespräch zu kommen.
Ingeborg stupste ihn mit ausgestrecktem Zeigefinger. „Sprech ick Chinesisch?“
