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Magisterarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts, Note: 1,3, Humboldt-Universität zu Berlin, Sprache: Deutsch, Abstract: Das ist nicht nur eine Einführung in die Schopenhauersche Philosophie, sondern wendet sich auch an Fortgeschrittene: Eine Haupterkenntnis Schopenhauers lautet: Das Leben ist Leiden. Seine Philosophie kann als Lebensphilosophie, als eine des Leidens, bezeichnet werden. Darüber hinaus bildet ein geheimnisvoll anmutender Begriff, der „Wille“, einen Angelpunkt seiner Theorie. Bei Schopenhauer begegnet uns dieser Terminus als ein zentraler Schlüssel zur Aufdeckung des Wesens der Welt. Auf den Begriff des „Willens“ baut er seine Metaphysik. Nun betonen moderne Interpreten wie Malter zwar Schopenhauers Fokussierung auf das Leid. Jedoch scheinen diese Interpretationen von einem weiteren Merkmal, der Erlösung vom Leid, geprägt zu sein. Die Erlösung wird von einer Erkenntnis abgeleitet. In den Interpretationen verlagert sich der Fokus nun vom „Willen“ hin zur „Erkenntnis“. Nach der Auffassung der Autorin bildet jedoch der Wille das Fundament seiner Philosophie, sie sei eine vom „Leid“ ausgehende Metaphysik, in der der „Wille“ die Hauptrolle spielt. Es ist wichtig festzuhalten, wie seine Überlegungen über das Leid und den Willen in eine Theorie münden, die die Autorin Onuki Willensmetaphysik nennt. Sie erörtert die Theorie kritisch und prägnant.
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Veröffentlichungsjahr: 2008
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Chise Onuki:
Arthur Schopenhauers Willensmetaphysik.
Eine Einführung zum Verständnis Schopenhauers und darüber hinaus.
Vorwort
Die Philosophie Arthur Schopenhauers hat in unseren Tagen einiges von ihrer früheren Anziehungskraft und Brisanz verloren, manch einer hält sie gar für obsolet. Daß dem nicht so ist, bzw. nicht so sein muß, beweisen überzeugend sowohl philosophischliterarische Werke wie Irvin D. Yaloms Roman Die Schopenhauer-Kur (2005) als auch philosophisch-wissenschaftliche Studien wie die vorliegende Schrift Chise Onukis über Arthur Schopenhauers Willensmetaphysik. Mit dieser Untersuchung, die auf ihre 2006 an der Philosophischen Fakultät I der Humboldt-Universität zu Berlin angenommenen Magisterarbeit zurückgreift und die insbesondere das Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung im Blick hat, leistet die Autorin einen erfrischend eigenständigen Beitrag zu der bereits recht umfangreichen Schopenhauerhauer-Forschung. Bemerkenswert erscheint mir dabei auch, daß Chise Onuki bei den in der neueren und neusten Schopenhauerliteratur kontrovers diskutierten Fragen klar und couragiert Stellung bezieht. Sie weist sich mit ihrer Untersuchung als eine kenntnisreiche und eigenständige philosophische Denkerin aus, der bei aller durchaus spürbaren Sympathie für die Schopenhauersche Willensmetaphysik keineswegs die kritische Distanz zu dieser fehlt. Das vorliegende Buch bietet dem Leser eine einführende, interpretativ-aufhellende und gut verständliche Darstellung der Schopenhauerschen Willensmetaphysik. Gleichzeitig verdient die hier entwickelte und begründete originelle These seine Aufmerksamkeit, wonach die Willensmetaphysik ihre Endform dadurch erhalten hat, daß sie letztlich vom Leid bzw. der Erlösung von ihm abgeleitet wird. Chise Onuki sieht nämlich das eigentliche Ziel der Schopenhauerschen "Philosophie des Leidens" darin, das Leid der Welt und die Möglichkeit einer Erlösung von ihm umfassend aufzuklären. Den Nachweis einer Begründetheit dieser anspruchsvollen These tritt sie im ersten Hauptteil ihrer Studie (Kap. 2) an, der die Darstellung und Interpretation der Willensmetaphysik unter Berücksichtigung des Problems des Leids entfaltet. Mit anderen Worten, "die Theorie des 'Willens'" wird hier "von der Theorie des 'Leides' ausgehend analysiert". Dafür stellt die Autorin die beiden scheinbar nebeneinander stehenden "Anfangspunkte" bzw. "Leitthemen" von Schopenhauers Philosophie, das - im Geiste östlicher Weisheitslehren thematisierte - seelisch-leibliche Leiden als eines unabdingbaren Zustandes menschlicher Existenz (samt der Möglichkeit einer Erlösung von ihm) und den "geheimnisvoll anmutenden Begriff" des irrationalen Willens, auf dem seine
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Metaphysik gründet, in einen von der bisherigen Rezeption in der Regel nicht beachteten Zusammenhang. Die Schopenhauersche Philosophie ist von nun an vor allem als "eine vom 'Leid’ ausgehende Metaphysik" aufzufassen, "in der der 'Wille' die Hauptrolle spielt".
Im zweiten Hauptteil ihrer Studie (Kap. 3) legt Chise Onuki eine vertiefende und erklärende Analyse des Schopenhauerschen Willensbegriffs vor. Dies wird erreicht, indem sie - durch die Einbeziehung relevanter Positionen in der Schopenhauerforschung - "zwei diskussionsbedürftige Problematiken" der Willensmetaphysik, nämlich die Prozessualität und die Substantialisierung des Willens, eingehend beleuchtet. Hierbei geht die Autorin repräsentativen Interpretationsmustern des Willens und seiner metaphysischen Bedeutung nach, wie sie von Kuno Fischer und Julius Frauenstädt gegen Ende des 19. Jahrhunderts vertreten wurden. Die Auseinandersetzung mit der von Kuno Fischer vorgetragenen Interpretation samt Kritik der Schopenhauerschen Willensmetaphysik bildet, einschließlich ihrer begründeten Zurückweisung, einen außerordentlich lehrreichen Abschnitt der Untersuchung Chise Onukis. Die fünf grundsätzlichen Einwände oder Interpretationsvorschläge Fischers werden von ihr durch eine detaillierte Argumentation überzeugend relativiert oder gar entkräftet, wobei einiges für die geäußerte Vermutung spricht, Fischer verwechselte gelegentlich Vorstellungs- und reine Willenssphäre in der Metaphysik Schopenhauers. Interessante Überlegungen, einsichtige begriffliche Unterscheidungen und überzeugende Richtigstellungen finden sich auch zu den sich hieraus ergebenden Fragen nach der Prozeßhaftigkeit der Willensaktivität und der Substantialisierbarkeit des Willens. Die von Chise Onuki am Schluß ihrer Studie skizzierten, in der Untersuchung offen gebliebenen Fragen, wie die nach der Rolle der eigentümlichen Ethik, die aus Schopenhauers Philosophie resultiert, regen - als ein Angebot an den Leser - zum weiteren Nachdenken über ihren inneren Reichtum und ihre Aktualität an.
Christian Möckel (Berlin)
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Eine Haupterkenntnis Schopenhauers, die man zugleich als einen Ausgangspunkt seines philosophischen Systems betrachten kann, lautet: Das Leben ist Leiden. Das Leben vollzieht sich in der Welt, die prinzipiell problematisch ist. Aus seinen eigenen scharfen Beobachtungen des menschlichen Lebens leitet Schopenhauer diese Einsicht ab. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass seine ganze Philosophie darauf beruhend aufgebaut ist. Schopenhauer schreibt, dass „einerseits die Leiden und Quaalen des Lebens leicht so anwachsen […] und andererseits wieder, daß sobald Noth und Leiden dem Menschen Rast vergönnen, die Langeweile gleich so nahe ist“.1Ferner bemerkt er: „Jeder wird leicht im Leben des Thieres […] wiederfinden, wie wesentlich ALLES LEBEN LEIDEN ist.“2Dies ist eine der Grundthesen Schopenhauers zum menschlichen Dasein.
Ferner führt er aus: „Der Mensch […] steht […] sich selber überlassen, über Alles in Ungewißheit, nur nicht über seine Bedürftigkeit und seine Noth: demgemäß füllt die Sorge für die Erhaltung jedes Daseyns, unter so schweren, sich jeden Tag von Neuem meldenden Forderungen, in der Regel, das ganze Menschenleben aus. […] Das Leben selbst ist ein Meer voller Klippen und Strudel, die der Mensch mit der größten Behutsamkeit und Sorgfalt vermeidet, obwohl er weiß, daß, wenn es ihm auch gelingt, mit aller Anstrengung und Kunst sich durchzuwinden, er eben dadurch mit jedem Schritt dem größten […] unvermeidlichen […] Schiffbruch näher kommt, dem TODE“.3Diese unbestechliche Beobachtung gibt der Philosophiegeschichte Recht, die schon im beginnenden 19. Jahrhundert einen Ansatz zu einer modernen, existenzialistischen Lebensphilosophie erblickt.4Schopenhauers Philosophie kann tatsächlich als Lebensphilosophie, besonders als eine des Leidens, bezeichnet werden. Darüber hinaus mag Schopenhauer sich verpflichtet gefühlt haben, Fragen des
1WI, §56, S. 408.
2WI, §56, S. 405.
3WI, §56, S. 407f.
4Schopenhauers Ansatz der existenzialistischen Lebensphilosophie beeinflusste somit direkt und indirekt, nachfolgende Philosophen des Abendlandes wie Nietzsche und Heidegger. Nietzsche verfassteSchopenhauer als Erzieher,worin sein tiefes Verständnis der Schopenhauerschen Philosophie ausgedrückt wird. Vgl. Fromm, S. 179ff.
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Lebens und letztlich der Welt von dieser Grundthese ausgehend zu erkunden und in seiner philosophischen Arbeit niederzulegen: „Wenn die Welt nicht etwas wäre, das, PRAKTISCH ausgedrückt, nicht seyn sollte; so würde sie auch nicht THEORETISCH ein Problem seyn: vielmehr würde ihr Daseyn entweder gar keiner Erklärung bedürfen, indem es sich so gänzlich von selbst verstände, daß eine Verwunderung darüber und Frage danach in keinem Kopfe aufsteigen könnte […]. Statt dessen aber ist sie sogar ein unauflösliches Problem“.5Dieser Ausgangspunkt mündet letztendlich in eine Perle der abendländischen Philosophie.
Zwar gibt es Schopenhauer-Interpreten, die besonders in der Frühzeit der Rezeptionsgeschichte mutmaßten, der Ausgangspunkt seiner Philosophie sei anderswo gelegen. Beispielsweise ist Kuno Fischer, dessen Kritiken in dieser Arbeit behandelt werden, folgender Auffassung: „Es sei nicht Buddha gewesen mit der diesen bestimmenden Frage nach dem Leiden, sondern Kant mit seiner Theorie von Erscheinung und Ding an sich, der Schopenhauer zu seiner Philosophie geführt habe.“6Dagegen vertritt der Kantforscher Rudolf Malter die unsere eigene Auffassung stützende These, dass doch das Leiden das Leitthema für Schopenhauers Philosophie gewesen sei.7Will man dem Ursprung dieser Frage nachgehen, wird man weiterhin feststellen, dass Schopenhauer tatsächlich immer wieder auf durchaus unterschiedliche Denker aus der Geistesgeschichte rekurriert und sich zu ihrem Einfluss bekennt. Darüber hinaus bildet ein geheimnisvoll anmutender Begriff, nämlich der „Wille“, einen Angelpunkt seiner Theorie. Bei Schopenhauer begegnet uns dieser Terminus als ein zentraler Schlüssel zur Aufdeckung des Wesens der Welt und des Lebens an sich. Auf den Begriff des „Willens“ baut er seine Metaphysik auf; er ist aus deren Tektonik nicht wegzudenken.
Nun betonen moderne Interpreten wie Malter zwar, wie erwähnt, Schopenhauers Fokussierung auf das Leid. Jedoch scheinen diese Interpretationen stark von einem weiteren Merkmal, der Erlösung vom Leid, geprägt zu sein. Diese Möglichkeit der Erlösung wird, wie wir sehen werden, in seiner Philosophie von einer bestimmten Erkenntnis abgeleitet. In den Interpretationen verlagert sich der Focus nun vom „Willen“ hin zur „Erkenntnis“, indem diese beiden als scheinbar getrennte Entitäten behandelt werden.
Hinter dieser Interpretationsweise stehen vergangene Traditionen der Rezeption von Schopenhauers Philosophie, besonders jener vom Ende des 19. bis zum Anfang des
5WII, S. 673.
6T. Weimer, S. 140.
7Siehe Malter 1991.
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20. Jahrhunderts. Der damalige Zeitgeist war geprägt von einer dynamischprozesshaften Denkweise (im Gegensatz zum statistisch-klassifikatorischen Zugang im 18. Jahrhundert) und einem darwinistisch orientierten Blick. Die im schnellen Gesellschaftswandel - begleitet von der Modernisierung - entstandene Atmosphäre der sozialen Unsicherheit begünstigte zusätzlich, den Schopenhauerschen Begriff des „Willens“ als den alles umfassenden, irrationalen substanziellen Seinsgrund anzusehen, der in seiner Funktion vergleichbar mit dem rationalen Geist der Hegelschen Philosophie ist. In der Gegenwart scheint man von dieser historisch geprägten Sichtweise abgekommen zu sein. Angesichts dieses Hintergrundes gibt es meines Wissens bisher noch keine Untersuchung, die die Theorie des „Willens“ von der These des „Leides“ ausgehend analysiert.
Der Wille - und nicht nur der Begriff der „Erlösung“ - bildet nach meiner Auffassung jedoch das Fundament der ganzen Theorie. Schopenhauers Philosophie ist eine vom „Leid“ ausgehende Metaphysik, in der der „Wille“ die Hauptrolle spielt. Ich nenne seine Theorie daher Willensmetaphysik.8Es ist wichtig festzuhalten, wie Schopenhauers Überlegungen über das Leid und den Willen letztendlich in eine Theorie münden. Aus diesem Grund soll die Willensmetaphysik mit dem Aspekt des Leides der Forschungsgegenstand dieser Arbeit sein.
Ich werde zuerst in Kapitel II Schopenhauers Philosophie der Willensmetaphysik allgemein interpretierend darstellen. Die Interpretation erfolgt ausgehend von der vorher erwähnten These des Leides. In Kapitel III wird dann der Hauptterminus, der „Wille“, fokussiert. Hierbei werden besonders zwei diskussionsbedürftige Problematiken der Willensmetaphysik beleuchtet - die Prozessualität und die Substantialisierung des Willens. Dazu liefere ich Auseinandersetzungen mit einigen Kritiken, um das Schopenhauersche Verständnis für den Begriff des Willens und dessen metaphysische Bedeutung zu vertiefen. In Folge der Auseinandersetzungen kristallisieren sich Schlussfolgerungen heraus, die ich in Kapitel IV zusammenfassend darstelle. In dieser Arbeit werden hauptsächlich Schopenhauers Schriften, besonders das HauptwerkDie Welt als Wille und Vorstellung, 1818(WWV), verwendet. Sekundärliteratur wird insbesondere in Kapitel III herangezogen. Nur eingeschränkte Aufarbeitung der Rezeptionsliteratur wird stattfinden, da der Rahmen dieser Arbeit
8Die von mir benannte Willensmetaphysik ist nicht die so genannte Willensmetaphysik, die von Schopenhauer im zweiten Buch seines Hauptwerkes abgehandelt wird. Ich bezeichne seine gesamte Theorie als Willensmetaphysik.
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begrenzt ist und ihre Fokussierung auf den Hauptaussagen Schopenhauers selbst liegen soll.
Die wichtigste Ausgangsgrundlage Schopenhauers ist seine Erfahrung mit dem realen, harten Leben und Leid in der Welt, die sich seiner Psyche schon in der Kindheit tief einprägt hat. Er erzählt uns darüber u.a. in seinem Tagebuch, das er auf der großen Europareise von 1803/4 führte, die ihm sein Vater, Heinrich Frois Schopenhauer, ermöglicht hat. Heinrich war ein erfolgreicher Vertreter des an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnenden Bürgertums mit der Mentalität des Großkaufmannes. Auf der Reise sieht Arthur neben der Schönheit der Länder und der Natur auch das Elend und den Jammer der armen Bevölkerungsschichten. Bekannt ist die Episode, in der er den Anblick angeketteter Galeerensklaven in Toulon beschreibt, die wie Lasttiere behandelt worden seien.9
Auf Grund seiner für die damaligen Zeitverhältnisse ungewöhnlich breit gefächerten Begegnungsmöglichkeiten mit der sozialen und historischen Wirklichkeit sowie durch sein genaues, sensibles Beobachtungsvermögen meinte Schopenhauer nun das Hauptproblem der Welt begriffen zu haben: Die Welt ist von Qual, Leid, Krankheit, Schmerz, Tod usw. erfüllt. Sie kann „kein Werk eines allgütigen Wesens“ sein, wie die jüdisch-christliche Lehre behauptet.10Das Thema „Leid und Jammer“ begann Schopenhauers Herz einzunehmen. Der rastlose Drang, diese Welt verstehen und erklären zu wollen, trieb ihn zur philosophischen Reflexion. Wenn die Welt gut wäre, bestünde im Menschen kein existenzielles metaphysisches Bedürfnis, dergleichen Überlegungen anzustellen, sozusagen als Rettungsanker. Schopenhauer sieht darin auch den Grund für die Entstehung der Weltreligionen. Er schreibt in WWV, „ohne Zweifel ist es das Wissen um den Tod, und neben diesem die Betrachtung des Leidens und der Noth des Lebens, was den stärksten Anstoß zum philosophischen Besinnen und zu metaphysischen Auslegungen der Welt giebt. Wenn unser Leben endlos und schmerzlos wäre, würde es vielleicht doch Keinem einfallen zu fragen, warum die Welt dasei und gerade diese Beschaffenheit habe; sondern eben auch sich Alles von selbst verstehen.“11Mit dieser leidenschaftlichen Fragestellung nach dem Dasein und Leid des
9Vgl. Spierling 1994, S. 18.
10HN IV I., S. 96.
11WII, Kap. 17.
