SCHRITTE DES TODES - Victor Gunn - E-Book

SCHRITTE DES TODES E-Book

Victor Gunn

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

Als Mörder verdächtigt, flieht Duncan Wayne aus England. Unter falschem Namen gelangt er in den USA zu Reichtum und Ansehen. Da reißt ihn eine Zeitungsmeldung aus seiner trügerischen Sicherheit. Er muss sofort zurück nach England... Kurz nach seiner Ankunft begegnet ihm jener Mann, dem er damals in letzter Minute entkommen ist: Chefinspektor Cromwell von Scotland Yard! Erkennt er Wayne, dann ist alles verloren... Der Roman SCHRITTE DES TODES von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1943; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1962. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

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Seitenzahl: 212

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Victor Gunn

 

 

Schritte des Todes

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 56

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

SCHRITTE DES TODES 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

Siebzehntes Kapitel 

Achtzehntes Kapitel 

Neunzehntes Kapitel 

Zwanzigstes Kapitel 

Einundzwanzigstes Kapitel 

Zweiundzwanzigstes Kapitel 

Dreiundzwanzigstes Kapitel 

Vierundzwanzigstes Kapitel 

Fünfundzwanzigstes Kapitel 

Sechsundzwanzigstes Kapitel 

Siebenundzwanzigstes Kapitel 

Achtundzwanzigstes Kapitel 

Neunundzwanzigstes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

Als Mörder verdächtigt, flieht Duncan Wayne aus England. Unter falschem Namen gelangt er in den USA zu Reichtum und Ansehen.

Da reißt ihn eine Zeitungsmeldung aus seiner trügerischen Sicherheit. Er muss sofort zurück nach England...

Kurz nach seiner Ankunft begegnet ihm jener Mann, dem er damals in letzter Minute entkommen ist: Chefinspektor Cromwell von Scotland Yard! Erkennt er Wayne, dann ist alles verloren...

 

Der Roman Schritte des Todes von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1943; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1962.  

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

   SCHRITTE DES TODES

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Mr. Floyd Trenton saß an seinem Schreibtisch im obersten Stockwerk des gewaltigen Trenton-Hochhauses in Flint, der Industriestadt im amerikanischen Staat Michigan, und öffnete seine Morgenpost. Er widmete sich dieser Tätigkeit mit derselben konzentrierten Aufmerksamkeit, die er allen Aufgaben zuzuwenden pflegte.

Plötzlich lehnte er sich zurück. Er war auf eine zusammengefaltete Zeitung gestoßen, deren Umschlag eine englische Briefmarke zierte. Mr. Trenton zündete sich eine Zigarre an und schlug die Zeitung auf - ein Exemplar des Netherton Record, der in einigen Grafschaften Mittelenglands viel gelesen wurde.

Gemächlich überflog er die Lokalnachrichten aus der alten englischen Industriestadt. Sein Blick glitt über die Rubrik Neues aus der Gesellschaft und plötzlich schien Trenton zur Statue zu erstarren.

»Nein! Niemals!«, flüsterte er vor sich hin. Seine Augen funkelten.

Er stand abrupt auf, trat an das große Fenster und starrte auf die Dächer der Werkhallen der Trenton-Automobilwerke hinunter, ohne sie zu sehen. Seine Hand hatte die Zeitung zerknüllt, aber er sah die Worte der Meldung immer noch vor sich:

 

Wir gratulieren als erste zur Verlobung von Pamela, Tochter von Mrs. Mary Wayne, mit Mr. Nigel Stacey, dem spendenfreudigen und stets für das öffentliche Wohl tätigen Chef der Stacey-Chemie-Werke, der als einer der prominentesten Bürger von Netherton gelten darf. Nach unseren Informationen soll die Trauung schon in Kürze stattfinden.

 

Mr. Floyd Trenton drehte sich um, ging mit schnellen Schritten zum Schreibtisch und drückte auf eine Taste der Wechselsprechanlage.

»Ja, Mr. Trenton?«, ertönte eine weibliche Stimme aus dem Lautsprecher.

»Ich fliege mit der ersten Maschine morgen früh nach New York«, sagte der Millionär knapp. »Reservieren Sie dafür und für den Anschlussflug nach London je einen Platz. Ist das klar?«

»Ja, Mr. Trenton. Aber...«

»Was aber, Miss Schulz?«

»Haben Sie die Autohändlertagung am nächsten Donnerstag vergessen, Sir?«

»Unwichtig!«, wehrte Trenton ungeduldig ab. »Ich muss in dringenden geschäftlichen Angelegenheiten nach Europa. Wie lange ich ausbleibe, kann ich noch nicht sagen. Während meiner Abwesenheit hat Mr. Powers alle Vollmachten. Das wär’s, Miss Schulz.«

»Jawohl, Mr. Trenton«, sagte Miss Schulz geknickt.

 

Nach der Landung auf dem Londoner Flughafen konnte Trenton seine Ungeduld kaum mehr bezähmen. Er hastete die Gangway hinunter und ließ die Pass- und Zollformalitäten widerwillig über sich ergehen. Ein Taxi brachte ihn zum Bahnhof Paddington, wo er ein Abteil Erster Klasse in dem Zug bestieg, der ihn am frühen Abend nach Netherton bringen musste.

Er rauchte mit fahrigen Bewegungen, während der Zug durch die sonnenüberflutete Landschaft brauste, aber er sah von seiner Umgebung nichts. Jetzt, da er sich dem Ziel seiner Reise näherte, überstürzten sich seine Gedanken.

Riskant?, dachte er zum hundertsten Male, seit er Flint verlassen hatte. Riskant? Mehr als das, gewiss, und jede Umdrehung der Waggonräder lässt die Gefahr näher rücken. Aber was hilft’s? Was sein muss, muss sein.

Er warf seine halbgerauchte Zigarre zum Fenster hinaus und holte einen kleinen Koffer aus dem Gepäcknetz. Trenton sperrte ihn auf und wollte gerade etwas herausnehmen, als im Korridor jemand vorbeiging. Zu riskant... Er steckte verstohlen etwas ein und ging zur Toilette des Wagens. Nachdem er die Tür verriegelt hatte, zog er eine Zeitung mit dem Datum vom 18. April aus der Innentasche seines Jacketts.

Auch heute war der 18. April - aber die Zeitung war achtzehn Jahre alt! Es handelte sich um ein Extrablatt des Netherton Record mit der Fotografie eines jungen Mannes, der ein fröhliches und offenes Gesicht hatte und dessen Augen dem Betrachter geradewegs ins Gesicht sahen. Unter der Aufnahme stand jedoch in dicken, schwarzen Lettern:

 

Duncan Wayne - wegen Mordes gesucht.

 

Das Extrablatt war in den frühen Morgenstunden des 19. April gedruckt worden - die Ermordung Sir John Merrimans hatte nämlich am Abend des 18. April stattgefunden.

Floyd Trenton betrachtete sich im Spiegel. Er sah einen breitgebauten, glattrasierten Mann in mittleren Jahren, mit kantigen Zügen und leicht angegrauten Schläfen. Der typische amerikanische Geschäftsmann, vom Erfolg geprägt, dachte er ironisch, während er den Blick auf sein Foto richtete, das vor achtzehn Jahren auf genommen worden war. Eine Ähnlichkeit ließ sich kaum erkennen: Duncan Wayne war schlank und dunkelhaarig. Er trug einen schmalen Schnurrbart, und sein glattes Haar war gescheitelt.

Sie kommen nie dahinter!, dachte Trenton. Ich habe mich verändert, und wie! Achtzehn Jahre machen viel aus, noch dazu, wenn man sich verändern will. Gesicht - Stimme - Gestalt, alles anders. Keine Gefahr. Niemand wird mich erkennen. Ich bin Floyd Trenton, Chef der großen Automobilwerke, und kann es beweisen. Sie kommen nie dahinter! 

Die Beharrlichkeit, mit der er sich einzureden versuchte, dass keinerlei Gefahr bestand, ließ ihm seine innersten Befürchtungen zum Bewusstsein kommen. Vor nicht einmal zehn Minuten hatte er sich eingestanden, dass das Risiko beinahe unermesslich war, dass ihn jede Umdrehung der Räder der Gefahr näherbrachte. Aber durfte er sich beirren lassen?

Duncan Wayne war vor achtzehn Jahren aus Netherton verschwunden. Seitdem hatte ihn niemand mehr zu Gesicht bekommen - niemand wusste, was aus ihm geworden war.

Floyd Trenton war ein völlig anderer Mensch. Er war Floyd Trenton, war es schon seit achtzehn Jahren, als er und der richtige Floyd Trenton in den Urwäldern Kolumbiens gemeinsam nach Gold gesucht hatten. Der arme Floyd war am Fieber gestorben, aber er hatte einen Namen und eine Vergangenheit hinterlassen, die sich der Flüchtling Duncan Wayne aneignete. Der richtige Floyd Trenton hatte seine Heimatstadt Prentice im amerikanischen Staat Wisconsin als Halbwüchsiger verlassen. Der neue Floyd Trenton war kühn nach Prentice zurückgekehrt und von allen Menschen akzeptiert worden, die nur noch undeutliche Vorstellungen von dem elternlosen Jungen hatten. Der neue Floyd Trenton ließ im Friedhof von Prentice ein imposantes Grabmal zu Ehren seiner Eltern errichten. Seine Identität war unangreifbar.

Er war wirklich Floyd Trenton.

Gelassener kehrte er in sein Abteil zurück und betrachtete durchs Fenster die grüne Landschaft Englands. Er hatte keine Pläne gemacht - bis auf einen. Mr. Trenton wusste genau, was er zu tun hatte, sobald er in Netherton ankam. Was danach kam, wussten die Götter.

In der Ferne entdeckte er hohe Schornsteine und Fabrikgebäude. Netherton! Aber die Erregung, die ihn durchpulste, rührte nicht von diesem Anblick her, sondern von dem Gedanken, dass dort irgendwo seine Frau, seine jetzt zwanzigjährige Tochter, und - Nigel Stacey lebten!

Floyd Trentons Augen wurden hart. Warum sich etwas vormachen? Das enorme Risiko, nach Netherton zurückzukehren, ging er nicht ein, um Frau und Tochter wiederzusehen, sondern um den Kampf mit Nigel Stacey aufzunehmen, um ihn anzugreifen und zu vernichten.

Er hatte immer gewusst, dass Stacey ein verschlagener, verlogener Halunke war, aber die Tatsache, dass er sich mit Trentons Tochter verlobt hatte, setzte allem die Krone auf. Grund genug, trotz der drohenden Gefahr die Rückkehr zu wagen! Nigel Stacey - ehemals Privatsekretär Sir John Merrimans, jetzt Chef der Stacey-Chemie-Werke. Nigel Stacey, der hochgeachtete Bürger, dem man den Plan zur Beseitigung der Slums verdankte, dessen Spenden für Zwecke der Wohlfahrt so groß und so zahlreich waren!

Trenton biss die Zähne zusammen. Es würde ihm ein Vergnügen sein, diesem Schurken das Handwerk zu legen.

Er spürte, wie der Zug langsamer wurde, hörte das Quietschen der Bremsen... Er war in Netherton!

Langsam schritt Trenton im Abendsonnenschein dahin, auf einer Straße, die ihm so vertraut war, als hätte er sie vor einer Woche zum letzten Mal gesehen. Es gab neue, hohe Bauten, neue Läden und riesige Busse anstelle der alten Straßenbahnen, aber sonst hatte sich die Central Street nicht verändert. Den kleinen Koffer in der einen Hand, einen Regenmantel über dem anderen Arm, so schritt Floyd Trenton dahin. Und jeder Schritt, den er machte, war ein Schritt mehr ins Verderben - ein Schritt des Todes...

Am Cloisters Place, im Schatten der alten Kathedrale Nethertons, hatte es eine malerische, zum Teil aus Holz erbaute Schenke gegeben, die noch aus dem sechzehnten Jahrhundert stammte - früher eine berühmte Station für Überlandkutschen. Die Schenke Zur Glocke war in Netherton so bekannt wie die Kathedrale; sie galt als eine der besonderen Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Früher, vor allem vor seiner Heirat, hatte Floyd Trenton - damals noch Duncan Wayne - viele Abende in der eichenholzgetäfelten alten Gaststube verbracht. Selbst nach seiner Eheschließung war er wenigstens ein- oder zweimal in der Woche auf einen Schluck und wegen der gemütlichen Unterhaltung zum alten Tobias Cruickshank, dem Wirt, gegangen, dessen Name so wunderbar zu ihm passte, wie er zu seinem Lokal. Floyd Trenton hatte immer das Gefühl gehabt, dass Wirt und Haus einer vergangenen Zeit angehörten...

Er verließ die Cathedral Street, und sein Herz machte einen kleinen Sprung. Er hatte die geschäftigen Ladenstraßen hinter sich gelassen, und hier war alles ruhig und friedlich, die Sonne schien auf die hochragende Turmspitze und warf lange Schatten - der Cloisters Place hatte sich nicht im geringsten verändert. Da war der Holzbau mit dem Steinsockel, den schiefen Wänden und dem würdevollen alten Schild: Zur Glocke. Floyd Trenton ging langsam weiter. Er war sich einer seltsamen, von innen heraus bestimmten Gelassenheit bewusst geworden. Sicher hatte der alte Tobias schon das Zeitliche gesegnet, aber es gab andere, jüngere Leute, die ihn damals sehr gut gekannt hatten. Er stellte sich bewusst dieser Gefahr, weil das die strengste Probe war, der er sich unterwerfen konnte. Es durfte keinen Zweifel, keine Unsicherheiten geben. Wenn er diese Probe überstand, war er überall ungefährdet. Seine Sinne schärften sich bis zum Extrem, und er würde im Bruchteil einer Sekunde wissen, ob seine Stimme oder seine Erscheinung Erinnerungen geweckt hatten.

Er stieß die Tür auf und stand in einem breiten, kühlen Gang mit Steinfliesen. Vor sich sah er zwei Türen. Eine führte zur Bar, die andere zur Gaststube. Die Räume waren so ineinander geschachtelt, dass eine Ecke der Theke auch in die Gaststube reichte.

Floyd Trenton öffnete die Tür zur Gaststube und trat ein... Er blieb stehen. Sein Herz schien Purzelbäume zu schlagen. Auf der breiten, vertrauten Fensterbank saß ein Mann hinter seiner Zeitung verborgen. Hinter der Theke stand der alte Tobias Cruickshank und polierte seine Brille. Der Mann auf der Fensterbank senkte die Zeitung - und Floyd Trentons Herz schien stillzustehen. Der Mann war der Polizeibeamte, der an jenem entsetzlichen Abend vor achtzehn Jahren versucht hatte, ihn festzunehmen!

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

Der Mann, den zu vernichten Floyd Trenton sich vorgenommen hatte, saß in der Bibliothek seiner modernen Villa in Western Heights, dem vornehmsten Wohnviertel Nethertons.

Mr. Nigel Stacey hatte in ein kleines, in Leder gebundenes Buch Zahlen gekritzelt und schien vom Ergebnis sehr befriedigt zu sein. Soweit Mr. Stacey ein erfreutes Lächeln möglich war, zeigte er es jetzt, Dabei eignete sich sein Gesicht für derartige Freudenkundgebungen wenig. Es war breitflächig, dick und fleischig, mit kleinen Augen, die zwischen den ungesunden Speckwülsten fast verschwanden. Besonders großzügig hatte die Natur Mr. Stacey mit Kinnen ausgestattet. Er besaß nicht nur das übliche, jedem Menschen verliehene, sondern noch zwei weitere dazu, sozusagen als Ersatz. Seine Hände waren klein und dick, sein Körper aufgequollen. Zu dieser überreichlichen Ausstattung mit Fleisch und Fett war Mr. Stacey ein absurd rosiges, jugendliches, beinahe pausbäckiges Aussehen verliehen worden. In einem Schulanzug hätte er wie ein unförmiger Junge gewirkt... Mr. Stacey zu vernichten, mochte schon vom physischen Standpunkt her eine Herkulesarbeit bedeuten.

Er legte das kleine Buch in eine Stahlkassette und sperrte sie ab. Nachdem er sie in seinem Safe untergebracht hatte, sah er auf die Uhr und nickte. Die Dämmerung war schon hereingebrochen.

Er läutete und trat in die Halle hinaus. Ein Mann in der Kleidung eines Butlers erschien und half Mr. Stacey in den Mantel.

»Sie haben geläutet, Sir?«

»Ja, Walker«, sagte Mr. Stacey. »Ich bin zum Essen nicht zu Hause. Wenn etwas Dringendes kommen sollte, bin ich während der nächsten halben Stunde in der Glocke zu erreichen. Anschließend finden Sie mich bei Mrs. Wayne.«

»Sehr wohl, Sir.«

Mr. Stacey nickte und ging zu seinem Wagen hinaus. Er besaß mehrere Autos und besoldete einen Chauffeur, aber die große Limousine steuerte er meistens selbst. Mr. Stacey zwängte sich hinters Lenkrad. Augenblicke später glitt das Fahrzeug lautlos zur Straße hinunter.

Auf halbem Weg zur Stadt bog er in eine schmale Nebenstraße ein, die in ein Viertel bedrückender Fabriken und Lagerhäuser an einem düsteren Kanal führte. Die Straßenlaternen brannten, und im letzten Schimmer des Tageslichts gehörte der Anblick nicht zu denen, die Nethertons Stadtverwaltung in ihren Broschüren anzupreisen pflegte.

Mr. Stacey hielt vor einem kleineren Lagerhaus, an dessen Eingang ein kleines Schild verkündete, dass es im Besitz der Stacey-Chemie-Werke war. Im großen Tor eingelassen, zeigte sich eine kleine Tür, die Mr. Stacey aufsperrte. Im Inneren war alles düster und verschattet. Aus der Dunkelheit tauchte stumm ein Mann auf. Er hatte ein hageres Gesicht und stechende Augen.

»Ich bleibe nur einen Augenblick, Ballard«, sagte Stacey leise. »Alles in Ordnung?«

»Ja, Sir«, erwiderte der andere, streckte den Arm aus und betätigte einen Schalter. »Hier ist die Lieferung - sie kann morgen früh auf den Lastkahn verladen werden. Den Austausch habe ich eben vorgenommen.«

Das Licht zeigte einen riesigen Stapel langer Metallzylinder, alle von gleichem Aussehen, alle, mit einer Ausnahme, mit dem gleichen Inhalt, einem ganz normalen Produkt der Chemie-Werke. Es war eine nicht besonders umfangreiche und wenig bedeutsame Lieferung nach Portugal. Mr. Stacey ging an den Zylindern entlang und starrte sie prüfend an.

»Welcher?«, fragte er kurz.

Ballard hob den Finger. Ballard war einer der fähigsten Chemiker in Mr. Staceys Betrieb. Er selbst hatte den Spezialzylinder mit der gefährlichen chemischen Flüssigkeit gefüllt.

»Gute Arbeit, Ballard«, meinte Mr. Stacey nachdenklich. »Wenn Sie nichts übersehen haben - und davon bin ich überzeugt - kann überhaupt nichts schiefgehen. Alles ist bis auf die Zehntelsekunde eingerichtet.«

»Das Risiko ist aber sehr groß, Sir...«

»War es das beim letzten Mal, oder auch vorher nicht?«, unterbrach ihn Stacey ungeduldig. »Leicht verdientes Geld, Ballard - Sie haben es sich niemals leichter verdient. Vergessen Sie das nicht. Und wenn es passiert, dann tausend Meilen von hier.«

»Das ändert nichts an der Tatsache, dass es Menschenleben kostet, Sir«, erklärte der andere. »Als Sie mich dazu überredeten, diese Arbeit für Sie zu übernehmen, versprachen Sie mir, dass dadurch niemand in Gefahr geraten würde. Beim letzten Mal sind aber zwei Mann ertrunken...«

»Ach was!« Mr. Stacey winkte ab. »Sie sind durch ihre eigene Nachlässigkeit zugrunde gegangen. Sie hatten Zeit genug, sich in Sicherheit zu bringen, aber sie waren eben zu langsam. Denken Sie nicht mehr dran, Ballard. Sobald die Sache gelaufen ist, bekommen Sie Ihre tausend Pfund.«

»Ich möchte hundert Pfund Vorschuss«, sagte Ballard.

Mr. Stacey sah ihn mit verengten Augen an, zog dann wortlos die Brieftasche und zählte eine Reihe von Banknoten ab. Stumm reichte er sie Ballard. Die Augen des Chemikers glitzerten, als er das Geld einsteckte.

»Das Foto«, sagte Mr. Stacey, abrupt das Thema wechselnd. »Ist es fertig, wie vereinbart?«

»Es ist recht gut geworden«, gab Ballard zurück.

Er nahm seine eigene Brieftasche und holte eine kleine Fotografie heraus. Von Beruf war Ballard Chemiker, als Steckenpferd betrieb er dagegen Trickfotografie. Vor nicht langer Zeit, als er sich noch nicht für Mr. Stacey bestätigt hatte, war Martin Ballard manchem Medium von Nutzen gewesen, das bei spiritistischen Zirkeln Geisterfotos vorweisen wollte.

»Ausgezeichnet!« begeisterte sich Mr. Stacey. »Unglaublich, Ballard, besser geht es nicht mehr! Kein Fachmann würde das als Fälschung erkennen.«

»Danke, Sir«, sagte Ballard erfreut.

»Sie haben in den letzten Monaten gute Aufnahmen hergestellt, aber das stellt alles in den Schatten«, fuhr Mr. Stacey fort. »Vielleicht ist das die letzte Fotografie, die ich brauche. Ich weiß es noch nicht genau, Ballard.«

»Nein? Aber Sie sind doch schon verlobt...?«

»Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten«, fauchte Mr. Stacey. »Sie werden mir langsam zu frech, Ballard. Ich habe Sie schon einmal gewarnt.«

»Tut mir leid, Mr. Stacey«, sagte Ballard, ohne sich Mühe zu geben, die Verachtung in seiner Stimme zu verbergen. »Das macht zwanzig Pfund, Sir - wie vereinbart.«

»Aber ich habe Ihnen doch eben hundert gegeben!«

»Als Vorschuss in der anderen Sache, Sir«, erklärte Ballard, ohne mit der Wimper zu zucken.

Mr. Stacey zahlte mit zitternden Fingern und zusammengekniffenen Lippen. Er wusste besser als jeder andere, dass er sich Streitigkeiten mit Ballard nicht leisten konnte. Und Ballard wusste es auch.

Die Unterhaltung war zu Ende. Ohne weiteren Kommentar, ohne Gruß verließ Stacey das Lagerhaus, setzte sich in seinen Wagen und fuhr zur Glocke.

 

 

 

 

  Drittes Kapitel

 

 

Chefinspektor William Cromwell von Scotland Yard legte seine Zeitung beiseite und streckte die Beine aus. Er war ein großer, schlaksiger Mann mit grimmigem, scharfgeschnittenem Gesicht. Eigentlich trog seine Miene, denn er war von gemächlicher, wenn auch kritischer Gemütsart. Teilweise wegen seiner Züge, teilweise auch wegen seines historisch berühmten Namens hieß er bei seinen Kollegen Ironsides. Er war in Netherton geboren und aufgewachsen. Seine Familie stammte aber aus Huntingdon, und er behauptete tatsächlich, vom berühmten Oliver abzustammen.

Er stemmte sich von der Fensterbank hoch. Der große, sympathisch wirkende Fremde, der eben die Gaststube betreten hatte, war Amerikaner, und Cromwell dachte an Aufbruch. Breitschultrige, wohlhabend aussehende Amerikaner pflegten ihn schnell zu langweilen.

Floyd Trenton hatte durch keine Bewegung, durch kein Zucken im Gesicht verraten, was in ihm vorging. Er hatte das Schicksal herausgefordert, ihn auf die Probe zu stellen, und das Schicksal hatte sich nicht lumpen lassen. Wenn es auf dieser Welt zwei Männer gab, die ihn erkennen mussten, dann waren es diese beiden - der alte Tobias Cruickshank, von Kindheit an ein enger Freund, und der Mann, den er als Sergeant Cromwell von der Polizei in Netherton kannte!

Trotz der kaum zu ertragenden nervlichen Belastung ließ sich Trenton nichts anmerken. Er nahm sein Zigarrenetui heraus, suchte eine Zigarre aus und zündete sie mit ruhiger Hand an.

»Wunderbar!«, sagte er strahlend und trat an die Theke, um dem Wirt in die Augen zu sehen. »Man hat mir erzählt, dass das alte England nirgends stärker verkörpert ist als in diesem Gasthof.«

»Das ist allerdings wahr, Sir«, meinte Mr. Cruickshank überzeugt. »Möchten Sie etwas trinken?«

»Warum nicht? Geben Sie mir ein dunkles Ale mit einem Schuss Ingwerwein«, erwiderte Floyd Trenton, während er sich in der Gaststube umsah. »Hier hat es sicher genauso ausgesehen, als König Charles...«

Er verstummte. Mr. Cruickshank betrachtete ihn mit besonderer Aufmerksamkeit, und im nächsten Augenblick wusste Trenton auch, warum. In dieser angenehmen, vertrauten Umgebung waren die Jahre zusammengeschmolzen, und er hatte sein Lieblingsgetränk von damals bestellt! Ein unverzeihlicher Fehler, der ihm von neuem klarmachte, wie sehr es auf volle Konzentration ankam.

»Das ist ein ganz seltenes, ungewöhnliches Getränk«, erklärte Cruickshank, während er das Glas volllaufen ließ. »Bei mir hat es seit vielen Jahren keiner mehr verlangt. Sie werden zwar meinen, dass ich Sie auf den Arm nehmen will, Sir, aber der letzte, der bei mir dasselbe Getränk bestellt hat, war ein Mörder!«

In Trentons Adern schien das Blut zu erstarren. Was hier auf ihn niederprasselte, war des Guten durchaus zu viel. Die Erkenntnis, dass er sich die zusätzliche Gefahr selbst zuzuschreiben hatte, brachte keinen Trost. Zum Glück brauchte er nicht zu erwidern, denn Cruickshank fuhr fort: »Sie werden wissen, von wem ich spreche, Mr. Cromwell.« Er schaute über die Brillengläser zu dem Kriminalbeamten hinüber.

»So?«, sagte Cromwell und blieb auf halbem Weg zur Tür stehen. »Wofür halten Sie mich - für einen Gedankenleser? Außerdem bin ich auf Urlaub hier. Mörder interessieren mich nur beruflich. Im Urlaub gehen sie mir auf die Nerven.«

»Na, na, Bill!«, sagte Tobias lachend. »Der junge Duncan Wayne hat Ihnen vor zwanzig Jahren auch ganz schön zu schaffen gemacht, was?«

»Sie werden alt, Tobias - zu alt für Ihren Beruf«, knurrte Bill Cromwell. »Der Mord an Merriman ist genau vor achtzehn Jahren geschehen - fast auf die Minute«, meinte er, nach einem Blick auf die Uhr. »Merkwürdig, dass Sie gerade heute davon anfangen...«

»Ich hab’ nicht damit angefangen - es hat sich ergeben«, korrigierte Cruickshank. »Wenn der Herr hier nicht Ale mit Ingwer bestellt hätte, wäre ich auf den jungen Wayne gar nicht gekommen.«

»Da bin ich wohl ins Fettnäpfchen getreten, meine Herren«, sagte Trenton belustigt. »Ich weiß zwar nicht, wovon überhaupt die Rede ist, aber vielleicht darf ich Sie bei dieser Gelegenheit zu einer Runde einladen.«

Sein Blut rann wieder normal durch die Adern. Er hatte die Krise überstanden. Mr. Cruickshank lächelte ihn an, ohne erkennen zu lassen, dass ihm etwas auffiel, und nicht einmal Cromwell schien hellhörig geworden zu sein.

»Dieser Wayne war wohl so eine Art Lokalgangster?«, fragte Trenton, während die beiden anderen seiner Einladung folgten. »Aber wenn er einen Mord begangen hat, wird er ja seinen Lohn bekommen haben. Man muss zugeben, dass man in Ihrem Land mit Verbrechern umzugehen versteht.«

»Jawohl, Sir - wenn sie erwischt werden!«, gab Cruickshank zurück. »Aber manchmal entwischen Verbrecher auch - sogar Mörder. Das hier ist Chefinspektor Cromwell von Scotland Yard. Vor achtzehn Jahren war er noch Sergeant bei der hiesigen Polizei...«

»Und ich habe Wayne, den Mörder, entkommen lassen«, erklärte Ironsides unwirsch. »Jedesmal, wenn ich auf Urlaub hier bin, erinnern Sie mich daran, Tobias. Eines Tages bin ich an der Reihe, den lachenden Dritten zu spielen. Als Duncan Wayne entwischte, habe ich mir geschworen, dass ich ihn eines schönen Tages fasse - und ich gebe nicht so leicht auf.«

»Wie eine Bulldogge, was?«, sagte Trenton lachend.

»Sie halten das wohl für komisch?«, fragte Cromwell grimmig. »Eines Tages, bevor ich das Zeitliche segne, werde ich meine Hand auf Duncan Waynes Schulter legen, genau wie jetzt!« Er streckte den Arm aus und legte eine knochige Hand auf Trentons Schulter. »Dann ist dieser Schandfleck in meiner Laufbahn auch getilgt!«

Die vorherigen Schrecknisse waren nichts im Vergleich zu dem seelischen Schock, den Trenton empfand, als er die Hand des Kriminalbeamten auf seiner Schulter spürte. Einen entsetzlichen Augenblick lang glaubte er, Cromwell habe mit ihm nur gespielt und ihn vielmehr vom ersten Augenblick an erkannt. Die Zeit schien stillzustehen. Er sog an seiner Zigarre, aber das geschah rein mechanisch.

Ironsides zog seufzend seine Hand zurück und griff nach seinem Whiskyglas.

»Zum Wohl, Sir«, sagte er düster.

»Ich wünsche Ihnen Glück, Inspektor«, erklärte Floyd Trenton, überrascht von seiner Stimme, der kein Schwanken anzumerken war. »Für einen Kriminalbeamten ist es ja sicher nicht sehr erfreulich, wenn ihm eine uralte Geschichte so nachhängt.«

»Er war damals erst Sergeant, Sir. Als er wenige Minuten nach dem Mord auf Wayne stieß, wusste er außerdem noch gar nicht, dass Wayne der Täter war«, sprang der Wirt dem Chefinspektor bei. »Das war sein Pech - Wayne wusste nämlich, wen er vor sich hatte, und schlug ihn nieder.«

Cromwell rieb sein kantiges Kinn und sagte: »Ich bin während meiner Laufbahn zweimal k. o. geschlagen worden, aber für eine halbe Stunde hat mich nur ein einziger Mann außer Gefecht gesetzt, und das war Wayne. Was ich am nötigsten gebraucht hätte, als ich wieder zu mir kam, war ein neuer Unterkiefer.«

»Bei mir zu Hause hätte der Kriminalbeamte eben seinen Revolver gezogen, wenn er mit einem Schwerverbrecher...«, begann Floyd Trenton.

»Jetzt mal langsam, Sir«, widersprach Mr. Cruickshank sofort. »Der junge Duncan Wayne war kein Schwerverbrecher! Er ist einer der anständigsten jungen Männer gewesen, die je über meine Schwelle gekommen sind - und mein Freund dazu!« ergänzte er mit einem Seitenblick auf Ironsides. »Ich habe nie glauben können, dass er den alten Mann wirklich umgebracht hat. Die ganze Geschichte war sehr, sehr merkwürdig, wenn Sie mich fragen. Am schlimmsten fand ich, dass ihn sogar seine Frau für schuldig hielt.«

Floyd Trenton hätte dem alten Tobias am liebsten die Hand gedrückt. Stattdessen griff er nach seinem Glas und trank.

»Vielleicht sind sie nicht gut miteinander ausgekommen«, meinte er beiläufig.