Schuld war nur der Mistelzweig - Judy Astley - E-Book

Schuld war nur der Mistelzweig E-Book

Judy Astley

4,5
8,99 €

Beschreibung

Nein, nicht schnulzig, sondern richtig schön romantisch! Schließlich ist bald Weihnachten …

Theas Eltern wollen die ganze Familie zu Weihnachten nach Cornwall einladen, in ein großes Haus am Meer, dabei sind sie eigentlich dabei, sich zu trennen. Thea selbst ist gerade Single geworden, denn ihr Exfreund hat sich gegen ein Kind und für die Welpenzucht entschieden – was für ein Kotzbrocken. Während es draußen wie verrückt schneit, wird drinnen heftig Weihnachten gefeiert. Der riesige Mistelzweig, den Sean, der schwule Verwalter des Hauses, aufhängt, sorgt zusätzlich zu den neuen Partnern der Eltern, die plötzlich auftauchen, für Verwirrung. Sean ist einfach toll, das finden Thea und die Leserin, und vielleicht ist er ja gar nicht schwul?

Nicht umsonst werden gerade zu Weihnachten Filme wie »Tatsächlich Liebe« und »Während du schliefst« im Fernsehen wiederholt – genau so wunderbar romantisch ist dieses Buch, mit dem sich frau mit dicken Socken, Tee und Keksen aufs Sofa verziehen kann. Jetzt kann Weihnachten kommen.

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Seitenzahl: 343

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Judy Astley

Schuld war nur der Mistelzweig

Roman

Aus dem Englischen von Anna-Christin Kramer und Jenny Merling

Kurzübersicht

> Buch lesen

> Titelseite

> Inhaltsverzeichnis

> Über Judy Astley

> Über dieses Buch

> Impressum

> Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

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Inhaltsverzeichnis

DankEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehn
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Ein großes Dankeschön an Janie und Mickey Wilson von www.chez-castillon.com dafür, dass sie mir den perfekten Ort zur Verfügung gestellt haben, um in absoluter Ruhe an diesem Buch zu arbeiten (und für den Spaß dabei).

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Eins

»It’s Christmaaas!«, tönte Noddy Holder aus dem Küchenradio.

»Nein, ist es nicht!«, stöhnte Thea. »Wieder mal viel zu früh dran, Noddy!«

Sie öffnete ihrem Bruder Jimi die Tür und schaltete schnell das Radio aus, um nur ja nichts von dieser überschwänglichen Freude mitbekommen zu müssen.

»Ist doch so ein tolles Lied!«, protestierte Jimi sofort. Er wollte das Radio wieder anschalten, aber Thea erwischte ihn gerade noch am Handgelenk.

»Ja, ja, ein Klassiker, ich weiß. Aber den können wir ja später immer noch hören, oder? Wieso ist neuerdings das halbe Jahr Weihnachten? Bis dahin sind’s noch Monate.« Sie hatte absolut keine Lust, an Weihnachten zu denken. Ihrer Meinung nach könnte es dieses Jahr ruhig ganz ausfallen. Wenn es aber schon unbedingt stattfinden musste, dann wollte sie bitte wenigstens noch eine Weile Schonfrist.

»Na ja, so lange ist es nun auch wieder nicht hin«, erwiderte Jimi. »Ist doch schon November. Oder willst du Weihnachten ganz abschaffen? Kleiner Tipp: An so was merkt man, dass man alt wird.«

»Ich geb dir gleich mal einen kleinen Tipp, du! Und außerdem bist du ja wohl älter als ich. Dann mach halt das Radio von mir aus wieder an, aber nicht so laut. In der Kanne ist noch Kaffee, bedien dich. Ich geh schnell hoch und mach mir die Haare, dauert nicht lange. Ist übrigens wirklich lieb von dir, dass du mich abholst. Ich hätte jetzt echt keine Lust auf Scheibenkratzen. Sind Rosie und Elmo auch dabei?«

»Rosie hat leider ›Kopfschmerzen‹.« Jimi malte Gänsefüßchen in die Luft. »Sie hält Mum und Dad immer noch für verrückte, unverantwortliche Hippies und versteht nicht, wieso die beiden nicht einfach Golf spielen oder sich ehrenamtlich engagieren können wie andere Senioren auch.«

Thea versuchte sich ihren Vater in einem rosa-gelb gemusterten Golferpulli vorzustellen, natürlich nicht ohne sein heiß geliebtes Willie-Nelson-Bandana um die Stirn, wie er einen Golfball abschlug und diesem dann verwirrt hinterhersah – wo war der denn plötzlich hin? Und musste er dem jetzt allen Ernstes hinterherlaufen? Das Spiel wäre überhaupt nichts für ihn. Er lehnte alles ab, was Regeln und einen Dresscode hatte.

»Ich hab ihr noch mal gesagt, dass die beiden uns heute unbedingt alle dahaben wollen«, fuhr Jimi fort. »Aber sie hat wieder mal nur diesen gequälten Gesichtsausdruck aufgesetzt, also hab ich’s gelassen. Aber Elmo ist dabei, der sitzt mit meinem Tablet draußen im Auto. Ich hab ihn gefragt, ob er nicht mit reinkommen will, aber keine Chance. Den Blick hättest du sehen sollen!«

»Teenager sind in dem Alter eben so, die brauchen ihre ganze Energie fürs Wachsen. Da bleibt nichts für andere Sachen übrig.«

»Dann ist der bis zum Sommer bestimmt zwei Meter fünfzig groß. Egal, geh du dich mal chic machen, ich warte so lange.«

 

Thea lief hoch in ihr Zimmer, zog sich den Handtuchturban vom Kopf und kämmte sich die nassen Haare durch. Mittlerweile ging das Trocknen schnell. Als ihr nach der Trennung von Rich irgendwann klar geworden war, dass er wirklich nicht zurückkommen würde, hatte sie sich die langen Haare aus einer »Scheiß-drauf!«-Laune heraus abschneiden lassen. Ein Teil von ihr hatte gehofft, Rich würde noch einmal vorbeikommen und ein paar letzte Sachen abholen, und sie könnte sich dann voller Genugtuung über sein Entsetzen beim Anblick ihrer neuen Frisur freuen. Richs altmodische Auffassung von Weiblichkeit schrieb für Frauen eine lange blonde Mähne vor. Pech gehabt!, dachte sie sich nun, während sie sich die kurzen Haare fransig fönte. Vor Weihnachten musste da unbedingt noch Farbe rein. Vielleicht ein paar kupferfarbene Strähnen? Die würden zwischen dem Blond bestimmt hübsch aussehen. Oder vielleicht sogar Pink oder Rot? Da hätte sich Rich aber aufgeregt …

Von unten drang Radiomusik herauf. Jimi war bestimmt schon bei der x-ten Tasse Kaffee und wühlte im Altpapier nach einer Zeitung mit einem Kreuzworträtsel, das noch nicht komplett gelöst war. Es war schön, jemandem im Haus zu haben. Durch Jimis bloße Anwesenheit fühlte es sich gleich ein paar Grad wärmer an. Dabei war er ja nur kurz vorbeigekommen, um sie für das große Familienessen abzuholen, das heute bei ihren Eltern in London stattfand. Nachdem sie die letzten drei Jahre mit dem Mann, mit dem sie ihr Leben hatte verbringen wollen, und dessen riesigem Hund zusammengewohnt hatte, war sie das Alleinsein nicht mehr gewohnt. Besonders die Wochenenden waren schwer, egal, mit wie viel trotziger Entschlossenheit sich Thea auch ins soziale Leben warf. Schwer vorzustellen, dass sie sich früher gefreut hatte, die Wohnung ab und zu für sich allein zu haben, wenn Rich auf Dienstreise oder mit seiner Schwester bei einer der vielen Hundeshows war, und sie bis Mittag im Schlafanzug herumlaufen oder stundenlang ohne schlechtes Gewissen im Garten lesen konnte. Dabei war Rich nicht einmal eine besonders laute Person. Im Gegenteil, es fiel kaum auf, wenn er zu Hause war. Sogar sein Großpudel Benji (mit vollem Namen Champion Heatherwood Disraeli Gears) war ein extrem ruhiger Hund, der meistens nur als täuschend echte Imitation eines flauschigen Läufers herumlag und sich nicht muckste. Es war jetzt etwas über zwei Monate her (okay, zwei Monate und drei Tage, um genau zu sein), dass Rich ihr in ernstem Tonfall verkündet hatte, er würde sie verlassen, und mit Benji, den kompletten Jahrgängen von Your Dog und Poodle Variety und einer überraschend kleinen Reisetasche mit persönlichen Gegenständen verschwunden war. Bevor Jimi heute Morgen kam, war die Einsamkeit wieder einmal besonders schlimm gewesen, hatte sich klammheimlich ins Haus gestohlen und alle Zimmer mit einer dichten, fast fühlbaren Masse ausgefüllt.

»Scheiß Weihnachten«, murmelte Thea. Als sie Anfang September die ersten Weihnachtskarten in den Läden entdeckt hatte, war ihre Laune schlagartig in den Keller gegangen und wurde seitdem stetig schlechter. Gleichzeitig war sie böse auf sich selbst, dass sie so schlechte Laune hatte, denn früher hatte sie die ersten Anzeichen der Feiertage immer freudig begrüßt. Volle Geschäfte, dekorierte Schaufenster mit Kunstschnee und Glitter, der würzig-frische Duft des Tannenbaums, der jedes Mal viel zu groß ausfiel und das ganze Wohnzimmer vollnadelte, die köstlich-klebrig gefüllten Mince Pies, die man vom Backblech lösen musste, obwohl sie eigentlich noch viel zu heiß waren, das sorgfältig ausgewählte Hundekuchensortiment, das Benji jedes Jahr von Rich geschenkt bekam … und Anfang Dezember ließen sie immer ihre eigenen Weihnachtskarten in einem Copyshop drucken. Letztes Jahr war es ein Foto von Benji gewesen, der ein Rentiergeweih auf dem Kopf trug und unglücklich in die Kamera sah. Dieses Jahr würde sie jedoch fertige Weihnachtskarten kaufen. Wer weiß, ob sie überhaupt eine von Rich bekommen würde. Obwohl – die gemeinsamen Jahre müssten ihr doch zumindest einen Platz in seinem Adressbuch beschert haben, oder? Auch wenn sie ihm den Ring zurückgegeben hatte. Mittlerweile wünschte sie, sie hätte ihn stattdessen verkauft, die Regenrinnen am Haus mussten nämlich dringend repariert werden. Vielleicht wäre sogar noch ein bisschen Geld für einen neuen Küchenanstrich übrig geblieben. Irgendeine schöne frische Farbe, die Rich »viel zu grell« gefunden hätte. Zu spät.

Im Radio lief mittlerweile ein Lied, dessen Sänger sich wünschte, es wäre jeden Tag Weihnachten. Thea warf einen Blick aus dem Fenster. Frau von Gegenüber hängte gerade Lichterketten in ihre Magnolie. Oder besser gesagt, Herr von Gegenüber hängte sie auf, während seine Frau die Operation vom Gartenweg aus überwachte und ihm mit frostigen Atemwölkchen vor dem Mund garantiert hilfreiche Tipps zurief. Vor einer Woche hatten die beiden bereits vier Adventskerzen in ihr Wohnzimmerfenster gestellt, obwohl es noch ewig hin war, bevor die erste Kerze angezündet würde. Spätestens am nächsten Sonntag hing dann bestimmt auch der Kranz aus Tannenzapfen an der Tür, und ihr kleiner Terrier würde auf dem Weg zum Supermarkt wie jedes Jahr seine rot-weiße Winterjacke tragen.

Thea schnappte sich ihr Schminkzeug. Lidschatten und Co. würde sie unterwegs auftragen. Sie wollte Jimi nicht länger warten lassen, und Elmo fror draußen im Auto sicher auch schon.

Sie konnte ihn vom Fenster aus sehen, beziehungsweise die Spitzen seiner riesigen Turnschuhe, die im Takt der Musik wippten, mit der er gerade seine armen Teenagerohren beschallte. War das jetzt auch schon ein Anzeichen fürs Älterwerden, dass sie sich Sorgen um das Hörvermögen ihres Neffen machte? Bestimmt nicht, sie war ja noch nicht einmal fünfunddreißig. Richtig jung war sie allerdings auch nicht mehr.

Auf dem Weg zum Auto entdeckte Frau von Gegenüber Thea und Jimi und winkte ihnen fröhlich zu.

»Nicht mehr lange bis Weihnachten! Ist doch einfach die schönste Zeit des Jahres, oder?«

Der Terrier pflichtete ihr bellend bei und hüpfte aufgeregt auf und ab, als würde er sich auch schon darauf freuen. Thea lächelte und winkte zurück. Wenigstens hatte Frau von G. nicht nach ihren Plänen für die Feiertage gefragt. Theas Gedanken zu dem Thema kreisten bis jetzt nämlich lediglich um die Frage, welcher Ort auf der Welt sich am besten anbot, um dem Trubel dieses Jahr vollständig zu entfliehen. Wenn man doch nur zusammen mit einem dicken, warmen Bären in einer Höhle Winterschlaf halten könnte, bis Weihnachten vorbei wäre und die ersten Schneeglöckchen blühten! Zwischen November und Januar war das Leben für eine frischgebackene Singlefrau wirklich kein Ponyhof.

»Die Feiertage schleichen sich immer so an«, beschwerte sich Thea bei Jimi. »Erst liegen nur ein paar Weihnachtskarten neben den Sommerschlussverkaufsartikeln und in der Quengelzone an der Kasse gibt’s mehr Schokolade, und plötzlich kann man vor Lametta und Plastikbäumen nicht mehr geradeaus gucken.« Sie merkte, wie wehmütig sie gerade klang, fast schon wehleidig. Rich, der immer so verdammt vernünftig war, würde jetzt sagen, sie solle sich gefälligst zusammenreißen. Und damit hätte er recht. Aber Rich war ja nicht mehr da, der Idiot. Wenn er noch da wäre, würde sie sich jetzt nicht so schwach und unglücklich fühlen. Jimi sah sie besorgt an. Frag mich jetzt bloß nicht, ob alles in Ordnung ist, dachte Thea. Bitte. Wenigstens hatte sie sich noch nicht geschminkt, sodass ihre Tränen nichts anrichten würden.

Jimi sagte jedoch nur: »Keine Ahnung, ob man das Anschleichen nennen kann – Elmo hat mir seinen Wunschzettel schon im September gegeben, pünktlich zum neuen Schuljahr.« Er öffnete die Autotür. »Er meinte, dann hätte ich auf jeden Fall genug Zeit zum Sparen. Rührend, nicht? Willst du lieber vorn sitzen? Elmo kann auch nach hinten gehen.«

»Nein, nein, der braucht den Platz für seine langen Beine.« Thea stieg in den BMW und wuschelte Elmo erst einmal durch die blonden Haare. »Na, du?«

Er drehte sich halb zu ihr um und grinste. Seitdem er vor ein paar Jahren einmal nebenbei erwähnt hatte, dass er es hasste, wenn man seine Haare berührte, begrüßte sie ihn immer so. Er war ihr aber nicht böse, für sie machte er eine Ausnahme.

»Hi. Läuft?«

»Läuft«, antwortete sie. »Bei dir auch?«

»Jep.«

Jimi ließ den Motor an und fuhr aus der Parklücke. »Und, was meinst du, worum geht’s diesmal zu Hause? Klang ja schon ein bisschen gruselig, wie Dad meinte, es sollen bitte wirklich alle kommen, weil er und Mum uns was zu sagen hätten. Da krieg ich immer gleich ein ungutes Gefühl. Hast du irgendwas aus Mum rausbekommen?«

»Nein. Sie meinte, ich soll mich gedulden. Vielleicht verkünden sie auch einfach nur, dass sie bis Mitte Januar Urlaub in Australien machen oder so.« Thea hoffte inständig, dass es um etwas ähnlich Harmloses ging. Sie hatte ein wenig Sorge, dass einer der beiden vielleicht krank wäre, aber dafür hatte ihr Dad am Telefon eigentlich zu fröhlich geklungen.

Jimi blieb skeptisch. »Ich weiß ja nicht. Dad war ganz schön aufgeregt, wie so ein Kind, das ein Riesengeheimnis mit sich rumschleppt. Wieso konnten die uns nicht einfach am Telefon sagen, was los ist?«

»Find ich auch komisch. Das letzte Mal, dass sie uns ›was Wichtiges zu sagen‹ hatten, ging’s ja um ihre Trennung. Dabei wohnen sie bis heute zusammen, und es hat sich eigentlich nichts geändert, bis auf die getrennten Betten und dass sie sich ständig gegenseitig damit übertrumpfen müssen, wer sich öfter mit seinen Freunden trifft …«

»Stimmt. Schlimmer als das mit der Trennung kann es eh nicht werden. Das war damals echt ein Schock für mich. Ich meine, damit rechnet man doch einfach nicht, die beiden sind seit fünfundvierzig Jahren zusammen und haben sich höchstens mal darüber in die Haare gekriegt, wer zuerst an das neue Sudoku randarf.«

Thea kramte eine kleine Lidschattenpalette und einen Pinsel aus ihrer Schminktasche. »Vielleicht wollen sie sich ja eine Katze zulegen? Oder Drachenfliegen lernen? Oder vielleicht wurden sie auch in eine Talkshow zum Thema ›Einvernehmliche Trennung‹ eingeladen. In einer halben Stunde wissen wir jedenfalls mehr.«

 

»Sam, hast du Alfies Lieblingstasse eingepackt? Und die Extrahose? Und wo ist Millys Eule? Jetzt sag nicht, die liegt noch auf dem Bett.«

Emilys Stimme nahm ihren typisch schrillen Ton an. Sie holte tief Luft und versuchte, sich ihren Yogakurs ins Gedächtnis zu rufen: Jeden Moment mit Gelassenheit annehmen. Das funktionierte aber nicht so ganz, wenn man gerade versuchte, einen Vierjährigen anzuschnallen, der dabei partout die Kooperation verweigerte. Eigentlich konnte Alfie das mittlerweile schon allein, aber sie ging immer noch lieber auf Nummer sicher. Wenn sie es ihm nur einmal selbst überließ, würde sie garantiert genau an dem Tag jemandem hintendrauf fahren, Alfie würde durchs Auto geschleudert und sowohl sich als auch ihr das Genick brechen. Man kannte ja die Warnplakate.

Alfie merkte genau, wie angespannt sie war. Er machte sich steif, streckte die pummeligen Beinchen weit von sich, drückte den Rücken durch und zerrte an den Gurten. War er nicht schon zu alt für die Trotzphase? Im Januar ging doch die Vorschule los. Emily versuchte, ihn zurück in den Sitz zu drücken, und stieß sich dabei den Kopf am Türrahmen. »Verdammte Scheiße!«, fluchte sie. Alfie wurde plötzlich fügsam, grinste sie an und ließ sich anschnallen. Er entdeckte ein uraltes Stück Keks, das am Gurt klebte, und steckte es sich blitzschnell in den Mund, bevor Emily ihn davon abhalten konnte. Nicht, dass ihm jetzt auch noch schlecht würde!

»Daddy, Mummy hat ein böses Wort gesagt!«

Sam drehte sich auf dem Beifahrersitz zu der siebenjährigen Milly um, die bereits vorbildlich angeschnallt neben Alfie saß, mit ihren Zöpfen spielte und sehr zufrieden aussah.

»Hab ich gehört, Mäuschen. Das darf man aber nicht, Mummy!«

Vater und Tochter kicherten verschwörerisch miteinander. Emily hätten den beiden am liebsten eine Ohrfeige verpasst, aber das war erstens gegen das Gesetz und entsprach zweitens auch nicht dem Prinzip der ganzheitlichen Achtsamkeit. Sie atmete tief durch. »Sam? Was ist denn nun mit der Hose, der Tasse und der Eule?«

»Muss ich das wirklich beantworten? So wie ich dich kenne, hast du doch eh alle Taschen bereits mehrfach kontrolliert.«

Emily stieg ein und ließ den Motor an. »Muss ich eigentlich alles allein machen?«, fauchte sie. »Ich hab dich nur um einen einzigen Gefallen gebeten.«

»Jetzt bleib mal ruhig, Em, ist doch alles gut.« Sam lehnte sich zurück und stützte einen Fuß auf dem Armaturenbrett ab. Garantiert würde das einen Fußabdruck hinterlassen.

Sam gähnte und zählte in übertrieben geduldigem Tonfall auf: »Extrahose, Tasse und Eule sind im Auto, und die Gummistiefel und Handschuhe für die Kinder auch, falls sie den Garten unsicher machen wollen. Wieso bist du eigentlich so nervös, wir fahren doch nur zu deinen Eltern! Die sind doch total entspannt.«

Emily spürte seinen Blick und wusste, dass er in Gedanken »im Gegensatz zu dir« hinzufügte.

Sie konnte ihm deswegen nicht einmal einen Vorwurf machen. In letzter Zeit war sie ständig gereizt, und sie hasste dieses Gefühl. Mit Bachblütentropfen war dem schon lange nicht mehr beizukommen.

Emily fuhr in den Kreisverkehr. »Hast du nachgesehen, ob man über die Hammersmith Bridge fahren kann, oder bauen die da immer noch?«

»Ach, stimmt.« Sam holte sein Handy aus der Tasche. »Moment.«

»Ich habe leider keinen Moment, ich muss mich nämlich jetzt für eine Spur entscheiden. Ach verdammt, dann fahr ich eben über die Kew Bridge. Lieber kein Risiko, ich will heute nicht zu spät kommen.«

Sie versuchte weiterhin, tief und ruhig zu atmen und sich auch nicht aufzuregen, als ein Motorradfahrer ihr die Vorfahrt nahm. Sam drehte seine Sitzheizung voll auf. Emily seufzte.

»Was denn? Kann ich doch nichts dafür, dass du nicht merkst, wie kalt es ist.«

»Heizen erhöht den Benzinverbrauch«, erwiderte sie und bereute es sofort. Sie waren nur ein paar Kilometer unterwegs, da machte es nun wirklich keinen Unterschied. Sie wollte nicht immer nur meckern, aber sie fühlte sich in letzter Zeit ständig überfordert. Egal, was sie tat, immer hatte sie das Gefühl, sie müsste sich eigentlich um etwas ganz anderes viel dringender kümmern. Nahmen die Kinder genügend Vitamine zu sich? Hatte sie ein Geschenk für den Kindergeburtstag, zu dem Milly eingeladen war? Hätte eine wirklich gute Mutter für solche Gelegenheiten nicht immer ein paar fertig verpackte Geschenke im Regal? Hatte sie auch wirklich alle Mitteilungen und E-Mails von der Schule gelesen? Das waren eigentlich alles Sams Aufgaben, aber er war einfach zu entspannt. Unter der Woche, auf der Arbeit, war alles so viel einfacher. Mit Zahlen kannte sie sich aus, die waren vorhersehbar. Steuern waren für andere vielleicht der Inbegriff der Langeweile, sie arbeitete jedoch gern mit Summen und Zahlen, das fühlte sich beruhigend und sicher an.

»Tut mir leid«, sagte sie. Sie standen gerade an einer Ampel. »Ich bin einfach irgendwie …«

»Angespannt?« Sam sah sie liebevoll an und lächelte. Meinte er das wirklich gerade nett?

Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Wenn er jetzt gemotzt hätte, hätte sie zurückmotzen können, aber so blieb ihr nichts anderes übrig, als sich wieder auf den dichten Sonntagmittagsverkehr zu konzentrieren. Der blaue Toyota vor ihnen verschwamm ihr vor den Augen. Oh nein, jetzt nicht auch noch weinen.

»Du musst lernen, auch mal loszulassen«, sagte Sam sanft und reichte ihr ein Taschentuch. »Ich hab die Situation zu Hause gut im Griff, wirklich. Die Kinder bekommen genug zu essen, kriegen Auslauf und jeden Abend ihre Gute-Nacht-Geschichte.«

»Weiß ich ja.« Endlich schaltete die Ampel auf Grün. »Aber vor Weihnachten gibt’s immer so viel zu tun, und ich muss auf der Arbeit noch für Klarschiff sorgen, weil der Januar doch immer so stressig ist …«

»Ich kann mich dieses Jahr doch um die ganzen Weihnachtssachen kümmern. Ich geh einkaufen, ich besorg uns einen Baum, ich schreib die Karten für dich. Mach mir einfach eine Liste!«

›Für dich‹ und ›eine Liste‹, genau das war der Punkt. Emily stiegen wieder die Tränen in die Augen. Sam war gern Hausmann und Halbtagsjournalist und musste pro Woche höchstens ein Dutzend Seiten unterhaltsamen Text zu Papier bringen. Aber selbst nach all den Jahren brauchte er immer noch eine Liste von ihr. Und er kümmerte sich immer noch »für sie« um die alltäglichen Dinge.

»Mummy! Sind wir bald da? Ich muss mal!«, krähte Alfie.

»Ja, wir sind da.« Emily bog von der Straße ab und steuerte das Auto durch das schmiedeeiserne Tor, das mittlerweile so verrostet war, dass man es nicht einmal mehr schließen konnte. Die Reifen knirschten auf dem Kies.

Am Haus ihrer Eltern war einiges zu tun: Von den Fensterrahmen blätterte die Farbe, und die Blumenkästen, in die ihre Mutter bestimmt schon die Tulpenzwiebeln für den Frühling gesteckt hatte, sahen aus, als würden sie jeden Moment herunterkrachen. Trotzdem war das hier immer noch das, was Emily vor Augen hatte, wenn sie an ›Zuhause‹ dachte, ihr mittlerweile zwar etwas heruntergekommener, aber dennoch sicherer Heimathafen.

Sams und ihr Haus war eine einzige Baustelle und noch meilenweit entfernt von dem kuscheligen Nest, das es ihrer Vorstellung nach eines Tages werden sollte. Würden sie jemals die Fliesen im Bad der Kinder verfugen? Würde der windschiefe Lattenzaun im Garten jemals erneuert werden? Wieso standen noch nicht zusammengebaute Bücherregale in Kartons in der Ecke, obwohl sie doch so dringend benötigt wurden? Hör auf damit, wies sie sich selbst zurecht und half Alfie aus dem Kindersitz. Es könnte alles viel schlimmer sein. Mit ihrer Schwester würde sie zum Beispiel für kein Geld der Welt tauschen wollen. Wie schrecklich, nach so vielen Jahren plötzlich wieder Single zu sein! Dabei war doch Thea immer die Hübsche von ihnen gewesen. In ihrem Alter gab es nur leider keine vernünftigen Singlemänner mehr; entweder wollten sie sich nicht festlegen, waren Muttersöhnchen oder nur an Sex interessiert. Und die Geschiedenen mussten Unterhalt zahlen und hatten schon genug eigene Kinder, danke der Nachfrage.

»Na los, rein mit euch«, sagte Sam zu Milly und Alfie, die ihre Befreiung aus dem Auto erst einmal feierten, indem sie wie verrückt auf dem kaputten Rasen in der Mitte des Gartens um den Pflaumenbaum rannten.

Emily schloss das Auto ab und holte noch einmal tief Luft. »Jetzt erfahren wir endlich, worüber sie unbedingt mit uns reden müssen, hm? Ich hoffe, sie wollen nicht das Haus verkaufen. Irgendwann kommt der Tag natürlich sowieso, aber das würde mich ganz schön traurig machen.«

»Aber für deine Eltern wäre ein Umzug schon ganz gut«, antwortete Sam. »Das Haus ist doch viel zu groß für sie.«

»Aber sie meinen doch, sie brauchen mehr Platz, seitdem sie nicht mehr zusammen sind.«

Sam lachte. »Sie müssen also zusammen in diesem Haus bleiben, weil sie sich getrennt haben? Deine Eltern sind doch verrückt.«

Da konnte Emily nicht widersprechen. Sie rief die Kinder zu sich, die mittlerweile unter dem riesigen Hortensienbusch herumkrabbelten, und klopfte an die Haustür. Thea öffnete ihr und umarmte sie. Im Haus duftete es nach Sonntagsbraten.

Emily spähte über Theas Schulter in den Flur. »Und, weißt du schon irgendwas?«, flüsterte sie.

»Nein, und mir ist auch nichts Besonderes aufgefallen. Sie warten anscheinend wirklich, bis alle da sind.«

Plötzlich entspannte sich Emily. »Weißt du was? Bestimmt wollen sie nur von uns wissen, was wir alle zu Weihnachten vorhaben.«

Theas Lächeln verschwand schlagartig, und sofort tat es Emily leid, dass sie das Thema angesprochen hatte.

»Sorry, ich wollte nicht … ich meinte bloß …«

»Schon okay«, sagte Thea leise. Sie gingen gemeinsam in die Küche. »Außerdem hast du bestimmt recht. Es hat auf jeden Fall irgendwas mit Weihnachten zu tun.«

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Zwei

Einen Augenblick lang hatte Anna Zweifel. Aber nein, es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Sie warf den kleinen Flambierbrenner an und karamellisierte vorsichtig die dünne Zuckerschicht auf der Zitronentarte. Wie sich das neue Jahr ohne Mike wohl anfühlen würde? Sie würden natürlich Freunde bleiben, das hatten sie einander versprochen, beste Freunde sogar. Was auch sonst? Fünfundvierzig gemeinsame Jahre – das war mindestens ein halbes Leben. Außerdem war sie knapp zwanzig gewesen, als sie ihn kennengelernt hatte, sie hatte also ihre besten Jahre mit ihm verbracht. So etwas warf man nicht mal eben weg, nur weil ein spannender neuer Pfad vor einem lag.

Ging es Mike genauso? Jetzt, da sie ihre Entscheidung in die Tat umsetzten und das Haus verließen, in dem sie über ein Jahr lang getrennt, aber trotzdem zusammen gewohnt hatten – überkamen ihn da auch manchmal Zweifel? Hätte sie das gern? Sie durfte nicht vergessen, dass das ein großes Abenteuer war, Ausgang ungewiss. Was vorbei war, war vorbei, und sie hatten einander versprochen, nichts zu bereuen.

Sie brannte kleine Herzchen in den Zucker, die rasch ihre Form verloren und zu undefinierbaren Klecksen verliefen. Mike und sie mochten vielleicht vergnügt in die Zukunft sehen, aber was in aller Welt würden die Kinder sagen? Und wann betrachtete man sie eigentlich endlich nicht mehr als »die Kinder«? Ab dem vierzigsten Geburtstag (Jimi war fast so weit)? Dem fünfzigsten? Niemals? Mike und sie waren für sie in erster Linie Eltern, keine eigenständig existierenden Menschen. Ihre Entscheidung würden die Kinder daher nur aus ihrer eigenen Perspektive beurteilen, und das könnte übel enden. Dennoch mussten sie eingeweiht werden, bevor die Maklerin ein Schild am Tor anbrachte. Anna würde noch früh genug rausfinden, wie sie die Neuigkeit aufnehmen würden. Es klopfte. Sie hörte, wie Thea Emily, Sam und den Kindern die Tür öffnete. Jimi wurde wahrscheinlich gerade von Mike in dessen Gartenatelier befragt, welches Lagerhaus sich am besten für seine Gemälde eignete, ohne den Grund dafür zu verstehen.

Zeit, sich der Meute zu stellen.

Sie legte den Brenner neben den Toaster. So viel Zeug, dachte sie und wischte ein paar Krümel von der Arbeitsplatte. Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete die vier Pfeffermühlen, den windschiefen Behälter voller Holzlöffel und Pfannenwender, den Emily in der Grundschule getöpfert hatte, den magnetischen Messerhalter, aus dessen umfassenden Sortiment sie stets nur zwei Messer benutzte, den Stapel ungleicher Untertassen, die sie unter Blumentöpfe stellte, den Metallkorb mit Eiern von Familie Win um die Ecke. An der Wand hingen außerdem drei Woks und mindestens sieben Abtropfsiebe unterschiedlicher Größe. Wer brauchte das alles?

Ihr Blick war neuerdings geschärft, denn in ihre nächste, kleinere Küche würde nur das Allernötigste passen. Es galt so viel zu entrümpeln, so viel zu entsorgen, um dem Neuanfang den Weg zu bereiten. Sie freute sich auf den Befreiungsschlag. In letzter Zeit hatten sie die vielen Dinge enorm belastet. Das Haus war riesig, selbst dann noch zu groß für zwei Leute, wenn diese weder Schlafzimmer noch Bad teilten. Außerdem wirkte es langsam müde und abgenutzt. Es brauchte eine liebevolle junge Familie, die noch viele Jahre vor sich hatte, um es wieder zum Funkeln zu bringen. Das Gleiche wünschte sie sich auch. Einen hellen, neuen Ort ohne dunkle, vernachlässigte Ecken, an dem man nicht befürchten musste, der Boiler könnte jeden Moment den Geist aufgeben oder die jahrzehntealten Wassertanks auf dem Dachboden könnten dem Frost zum Opfer fallen.

Mike kam durch die Hintertür herein. Jimi rauchte draußen heimlich, wobei er die Zigarette immer noch in der Hand versteckte und den Rauch über den Gartenzaun blies, so als könnte ihm Anna jeden Moment eine Standpauke halten. Aber die Zeiten waren vorbei.

»Kann’s losgehen?« Mike holte eine Flasche Champagner aus dem Kühlschrank und strahlte Anna an. Bestimmt sah er diese Charlotte genauso an. Sie war zwar nicht eifersüchtig, keineswegs. Aber trotzdem schob sie den Gedanken lieber rasch beiseite.

»Kann losgehen. Aber vielleicht heben wir uns die große Neuigkeit lieber bis zum Nachtisch auf?«, antwortete sie mit gespielter Fröhlichkeit. »Falls es sie doch hart trifft.« Sie dachte dabei besonders an Emily. Sie war die Konservativste der drei, und manchmal kam Anna der Verdacht, sie wäre als Baby im Krankenhaus vertauscht worden. Wer hätte gedacht, dass die Tochter eines Künstlers und einer Modedozentin sich für eine Karriere als Steuerberaterin entscheiden würde? Sie musste an den Monty-Python-Sketch denken, in dem ein Dichter mit seinem Sohn aneinandergerät, weil der Bergmann werden will.

»In Ordnung«, sagte Mike. »Auch wenn wir sie damit ganz schön auf die Folter spannen.« Er lachte. »Aber das ist ja der Witz an der Sache.« Plötzlich wurde er ernst. »Wobei, witzig ist das eher nicht, oder? Wahrscheinlich sollten wir es ihnen schonend beibringen.«

Am liebsten hätte Anna ihn umarmt und sich an den abgenutzten alten Wollpulli gekuschelt, den sie ihm vor etwa zwanzig Jahren gestrickt hatte. Der große Moment stand kurz bevor, und sie mussten vereint auftreten, um es den anderen leichter zu machen.

 

Thea fand, es lag eine Spannung in der Luft, die sich jeden Moment schlagartig entladen könnte. Als sie alle bei Tisch saßen, hatte Jimi gefragt, was denn nun das große Geheimnis sei, aber Anna war ihm ausgewichen und hatte ihn auf den Nachtisch vertröstet. Das Tischgespräch verlief entsprechend nervös. Alle redeten (und aßen) zu schnell, um die große Enthüllung möglichst bald herbeizuführen.

»Wie läuft’s auf der Arbeit? In der Schule alles in Ordnung?«, wandte sich Mike an Thea, als das Gespräch wieder einmal ins Stocken geraten war.

»In der Schule läuft alles bestens, so wie immer, nur die Kinder sind wegen Weihnachten völlig aus dem Häuschen. In dem ganzen Durcheinander aus Girlanden und Lametta können sie sich auf gar nichts mehr konzentrieren. Wir feiern dieses Jahr ein Julfest und verzichten aufs Krippenspiel, und deshalb hab ich drei Mütter an der Backe, die ihren Nachwuchs schon seit Jahren auf die Rolle als Maria oder Jesus vorbereiten.«

»Wie unangenehm«, sagte Jimi. »Aber auch irgendwie verständlich. Kostüme fürs Krippenspiel sind schneller organisiert als eine Blättermaske. Ein paar Geschirrtücher für die Weisen, eine Puppe, ein Stofflamm, das war’s.«

»Sie beschweren sich auch nicht über die Kostüme, sondern über die Besetzung der Hauptrolle«, sagte Thea. »Dass es gar keine geben könnte, will denen einfach nicht in den Kopf.«

»Ich finde es wichtig, mal was anderes zu machen. Der multikulturelle Aspekt darf nicht zu kurz kommen«, meldete sich Emily zu Wort. »Mit elf Jahren sollten Kinder einen gewissen Bezug zu allen großen religiösen Festen haben.«

»Heidnische Religionen eingeschlossen? Find ich klasse«, sagte Anna. »Wobei ich mir gut vorstellen kann, dass sich einige Eltern dagegen sträuben.«

»Als Lehrer braucht man wirklich einen Doktortitel in Diplomatie. Keine Ahnung, wie du das schaffst, Thea. Ich könnte das nicht«, sagte Sam. »Wenn ich Milly von der Schule abhole, marschieren immer dieselben penetranten Mütter auf ihren High Heels ins Klassenzimmer und wollen wissen, warum niemand das wahre Genie des kleinen Tobias oder der kleinen Tabitha erkennt. Die Schlacht ums Krippenspiel ist da wahrscheinlich noch harmlos.« Dann wandte er sich an Anna. »Wo wir jetzt schon bei Weihnachten sind, was habt ihr dieses Jahr vor? Wie wär’s, wenn wir alle bei uns feiern?«

Thea sah, wie er zusammenzuckte, und vermutete, dass eine wütende Emily ihm einen Tritt gegen das Schienbein verpasst hatte.

»Davon wusstest du noch gar nichts, hm?«, raunte sie ihrer Schwester zu.

»Nein«, flüsterte Emily zurück. »Typisch Sam.«

»Weihnachten!«, rief Alfie. »Der Weihnachtsmann schenkt mir dieses Jahr ein Fahrrad!«

»Tatsächlich, mein Schatz?«, sagte Anna. »Du hast aber ein Glück.«

»Das werden wir noch sehen«, zischte Emily in Richtung Sam. »Wir dachten eigentlich, dass der Weihnachtsmann mit einem Fahrrad noch bis nächstes Jahr wartet.«

»Aber Daddy hat’s mir versprochen!« Alfies Unterlippe zitterte schon gefährlich.

»Was auch sonst«, sagte Emily genervt.

Thea hatte Mitleid mit Alfie. »Ich glaube, am liebsten bringt der Weihnachtsmann den Kindern eine Überraschung. Und er gibt sich richtig, richtig Mühe damit. Dir gefällt ganz bestimmt, was er für dich dabeihat.«

»Ein Fahrrad zum Beispiel«, rief Milly.

»Jetzt hört doch endlich mal mit diesem Fahrrad auf!«, sagte Emily. »Wir werden ja sehen, was der Weihnachtsmann dabeihat. Und kann sich bitte jemand die letzte Kartoffel nehmen, damit ich es nicht machen muss?« Mit finsterem Blick zupfte sie sich das Kleid vom Bauch weg. Jimi nahm die Kartoffel und steckte sie sich direkt in den Mund.

Alfie kicherte. »Mummy sagt, das darf man nicht.«

»Mummy hat recht«, sagte Jimi. »Aber so schlimm ist es auch wieder nicht.«

»Mummy will Alfie nur ein paar Manieren beibringen. Aber auf so was wird heutzutage ja anscheinend kein großer Wert mehr gelegt. So wie bei den Leuten, die sich einfach nicht pünktlich um ihre Finanzen kümmern. Mir graut’s jetzt schon vorm Januar. Wenn jeder ein System hätte, bräuchte niemand in letzter Sekunde in Steuererklärungspanik auszubrechen. Wie soll man denn da als Steuerberaterin die Feiertage genießen?« Emily rieb sich hektisch die Wangen und schien kurz davor, in Tränen auszubrechen. Sie war schon als Kind nah am Wasser gebaut gewesen. Sofern nichts blutete oder in einem komischen Winkel abstand oder ein Haustier das Zeitliche gesegnet hatte, hatte ihre Mutter meist nicht weiter darauf geachtet. Sie hatte stets nur mit den Achseln gezuckt und gesagt, Tränen seien die Waffe des Letztgeborenen gegen stärkere, wortgewandte Geschwister.

»Och, Em, du wirst doch nicht etwa heulen«, neckte sie Jimi.

»Blödsinn«, murmelte Emily und blinzelte entschlossen die Tränen weg.

»Ach, Liebes.« Anna nahm Emilys Hand. »Du klingst immer so angespannt.« Sie warf Mike einen sorgenvollen Blick zu. Er hielt die Weinflasche fragend über Emilys Glas.

»Nein, danke, Dad. Sam fährt zwar, aber ich mag nicht mehr.« Sie schloss seufzend die Augen. »Wir wollen einfach nur wissen, was ihr uns zu sagen habt. Ist einer von euch krank?«

»Krank?«, fragte Mike verdutzt. »Nein, zumindest nicht, dass wir wüssten. Für zwei alte Hippies sind wir noch ganz gut in Schuss. Wie kommst du darauf?«

»Weil ihr die ganze Zeit so geheimnisvoll tut!« Ihre Stimme wurde lauter.

»Da hat sie recht, Dad. Am Telefon klang es, als wär irgendwas passiert«, stimmte Thea zu. »Habt ihr im Lotto gewonnen? Uns könnt ihr’s doch erzählen.«

»Wir räumen jetzt erst mal ab und holen den Nachtisch, und dann erzählen wir es euch. Es ist auch nichts Schlimmes.« Anna stapelte die Teller aufeinander. »Wir wollten euch wirklich nicht erschrecken. Und es hat etwas mit Weihnachten zu tun, also mach dir keinen Kopf, ob du genug Platz hast oder eine Riesenpute bestellen musst. Alles wird gut, versprochen.«

Jimi lachte. »Hm. Versprochen, ja? Ich bin gespannt …«

Thea schnappte sich einen Tellerstapel, folgte ihrer Mutter in der Küche und räumte die Spülmaschine ein. Kurz musste sie an Rich denken. Er würde sich jetzt neben ihr aufbauen und mit raschen Bewegungen das Geschirr in der Maschine nach seinem System umsortieren. Er würde einen Herzinfarkt bekommen, wenn er sähe, wie sie die Löffel mit den Gabeln in einen Korb steckte. Sie ließ ein Messer dazufallen, einfach nur, um ihm eins auszuwischen. Rückblickend war es ziemlich zermürbend gewesen, dass er jeden ihrer Schritte überwacht hatte. »Ich hab es einfach gerne ordentlich«, erwiderte er stets, wenn die Sprache auf seine Angewohnheit kam, Shampoos, Spülungen und Duschgels nach Größe zu sortieren. Einmal, als sie gerade von der Arbeit nach Hause kam und ihm einen kurzen Begrüßungskuss geben wollte, hob er die Hand, ging zur Tür und zog erst einmal die Fußmatte zurecht, die sie beim Reinkommen um zwei Zentimeter verschoben hatte.

Jenny, eine befreundete Lehrerin, vermutete, es könne am »Aufbau des männlichen Hirns« liegen. Thea hatte im Internet danach gesucht, und an der Interpretation schien etwas dran zu sein, wenngleich es für sie eher nach einer höflichen Umschreibung für Richs Zwangsneurosen klang. Es erklärte zumindest, warum er und seine pudelzüchtende Schwester derart von Stammbäumen und Blutlinien besessen waren. Ordnung war dabei das Allerwichtigste. Rassentabellen waren der Stoff seiner feuchten Träume, und natürlich wollte er keine Kinder – was er ihr gerne schon ein paar Jahre früher hätte mitteilen können. Ihre Abstammungslinien konnten mit dem eines perfekten Pudelwelpen einfach nicht mithalten.

Mike trug ein Servierbrett mit Käse und Obst zum Tisch. Thea war plötzlich von Liebe zu ihrem zauseligen Vater erfüllt, der immer noch regelmäßig Gitarre übte, als könnten die Stones ihn eines Tages bitten, Keith Richards zu ersetzen. Mit ein paar alten Freunden hatte er eine Band, die fast jede Woche in nahe gelegenen Pubs auftrat, zwischen ältlichen Folksängern und jungen Mädchen in geblümten Einteilern und elfenhaften Kleidchen, die in der Hoffnung auf einen Plattenvertrag heiser ins Mikrofon hauchten.

»Also, wegen Weihnachten«, sagte Mike, sobald jeder ein Stück Zitronentarte auf dem Teller hatte. »Anna und ich wollen dieses Jahr mit euch allen zusammen feiern. Ich hoffe, ihr seid einverstanden.«

»Klingt ernst«, sagte Jimi.

»Dürfen wir aufstehen?«, fragte Milly. »Ich bin fertig mit essen.«

»Milly!« Emily warf ihr einen warnenden Blick zu, aber Alfie schlug sich auf Millys Seite.

»Ich auch. Schmeckt mir nicht«, sagte er und klatschte den Löffel in die Vanillesoße. »Lass sie doch draußen spielen«, schlug Anna vor. »Die Sonne scheint, und die Schaukel steht auch noch.«

»Darf ich auch? Aufpassen und so?« Elmo hatte seinen Nachtisch schon aufgegessen und verleibte sich rasch Alfies Portion ein. »Super Kuchen«, sagte er zu Anna. »Spitzenessen.«

Die Glastüren knallten auf dem Weg nach draußen hinter den dreien zu.

»Keine Jacken, keine Gummistiefel«, murmelte Emily, aber sie war zu erschöpft, um die Verfolgung aufzunehmen. Thea beobachtete, wie Elmo die Stufen zum Rasen vor Alfie hinunterstieg, um ihn auffangen zu können, falls er stolpern sollte. Er kümmerte sich so liebevoll um seinen kleinen Cousin, dass ihr fast die Tränen kamen.

Mike sprach weiter, sah dabei jedoch auf das Stück zerlaufenen Camembert auf seinem Teller hinunter. »Anna und ich hatten da so eine Idee. Wir würden gerne mit euch nach Cornwall fahren. Anna hat ein tolles Ferienhaus dort gefunden, Cove Manor. Es ist zwar kein Hotel, aber es gibt eine Haushälterin, die sich ums Einkaufen, Putzen und Kochen kümmert. An Weihnachten können wir natürlich selbst kochen und …«

»Cornwall?«, unterbrach ihn Emily. »Wie – wir alle? Wieso das denn?«

»Wieso nicht?«, erwiderte Mike. »Frische Meeresluft, Spaziergänge am Strand – klingt doch verlockend, oder?«

»Wir könnten richtig was draus machen. Uns selbst feiern, sozusagen. Als Familie.« An der Stimme ihrer Mutter erkannte Thea, dass eigentlich alles schon feststand. »Vielleicht klingt das jetzt verrückt, aber wir sollten eine Liste mit Dingen machen, die wir alle gut finden. Ich wünsche mir zum Beispiel einen Filmabend. Wir könnten auf dem riesigen Fernseher dort alle zusammen was schauen.«

»Auf jeden Fall Gesprengte Ketten«, meldete sich Jimi. »Ein Weihnachten, an dem Steve McQueen nicht in letzter Sekunde am Zaun scheitert, ist unvorstellbar.«

»Wiederhol das bloß nicht vor Elmo«, warnte Mike. »Er kennt den Film bestimmt noch nicht, und wir wollen ihm doch nicht das Ende verderben.«

»Ich meine keine Kinofilme«, sagte Anna. »Ich meine die ganzen alten Heimvideos. Mike hat eine … äh … Bekannte, Charlotte, und deren Bruder wandelt die für uns in DVDs um.«

Diese Charlotte war bestimmt Sängerin, vermutete Thea. Als sie noch klein war, war ihr Vater fast jede Woche von einer neuen Sängerin hin und weg gewesen. Einen Monat später fand er dann sein nächstes Opfer und erinnerte sich nicht mehr an deren Vorgängerin. Oder vielleicht war sie auch Malerin.

»Das heißt also«, sagte Emily, »dass der ganze Trip schon beschlossene Sache ist und die Kinder, Rosie und Sam sich Videos anschauen müssen, mit denen sie gar nichts anfangen können?«

»Niemand muss irgendwas anschauen«, sagte Mike sanft. »Es wär einfach bloß nett. Für uns und für euch.« Er grinste. »Manchmal müssen wir uns ins Gedächtnis rufen, wie wir das als junge Eltern eigentlich alles geschafft haben. Oder auch nicht. Auf den Videos gibt’s die eine oder andere herrliche Szene.«

»Und eine ordentliche Grillparty am Strand«, fügte Anna hinzu. »Das war Mikes Idee. Ihr müsst euch auch alle was einfallen lassen, das ihr gerne machen würdet.«

»Eine Grillparty im Dezember?«, fragte Jimi. »Seid ihr komplett übergeschnappt? Da erfrieren wir ja.«

»Wahrscheinlich.« Mike schien sich nicht an der Aussicht zu stören. »Und wir veranstalten einen Quizabend. Alles außer Fernsehen und Rumhängen. Damit wir uns wieder ein bisschen näherkommen.«

»Wir machen das also zusammen?«, fragte Jimi. »Ich meine, ihr beide zusammen?«

Anna lachte. »Ja, wir beide, aber mit euch allen. Wir wollten einfach ein besonderes Weihnachten mit der ganzen Familie feiern, ohne dass jemand die ganze Last auf sich nehmen muss. Reine Demokratie. Das wird ganz fabelhaft. Die Kinder können den Baum schmücken, wir backen Mince Pies und singen Weihnachtslieder und machen vielleicht einen Spieleabend. Keine Computerspiele, sondern Monopoly, Scrabble oder Karten. Thea, du hast doch bald Ferien, da kannst du doch sicher eine Tabelle mit den ganzen Aktivitäten erstellen.«

Jimi schnitt sich noch ein kleines Stück Zitronentarte ab. Thea grinste ihn an. Dem würde ein weiteres Stück folgen und dann noch eins, bis kaum noch ein Hauch Tarte übrig war. Er legte den Finger an die Lippen. »Psst!«

»Eine Tabelle?«, fragte Emily. »Du meinst, so eine Art Dienstplan?«

»Nein, kein Dienstplan. Aber wenn beispielsweise feststeht, dass wir am zweiten Weihnachtsfeiertag morgens am Strand spazieren gehen und Drachen steigen lassen, verschwenden wir nicht den halben Tag mit der Frage, was wir heute machen wollen.«

»Das heißt, alles ist wieder beim Alten?«, fragte Thea. »Du und Dad habt euch von den getrennten Leben verabschiedet?«

»Ach, wie wunderbar!« Emilys Laune besserte sich schlagartig. »Das macht mich so froh. Ich wusste, dass ihr es nicht ernst meint. Ihr habt euch ja nicht mal richtig getrennt.«

»Da habt ihr uns wohl falsch verstanden.« Mike nahm Anna bei der Hand. »Wir wollen dieses Jahr etwas Besonderes machen, weil unsere Trennung ein bisschen offizieller wird.«

»Wir lassen uns scheiden«, sagte Anna mit ruhiger Stimme.

Emily schnappte nach Luft. »Aber wieso denn? In eurem …« Sie verstummte.

»In unserem Alter?« Mike hob eine Augenbraue. »Aber darauf lief es doch seit unserer Trennung letztes Jahr hinaus. War euch das etwa nicht klar?«

»Wir trennen uns in aller Freundschaft.« Anna nahm Emily in den Arm. »Euer Vater und ich werden uns ganz oft sehen. So wie in Skandinavien – neue Partner stoßen dazu, aber man bleibt in Kontakt. Für euch wird sich wirklich kaum etwas ändern.«

»Neue Partner?«, fragte Jimi. »Ehrlich? Wow. Damit hab ich nicht gerechnet.«

»Na ja, die Möglichkeit besteht zumindest.« Mike wich seinem Blick aus. »Aber noch ist es nicht so weit.«

»Und wieso auch nicht?«, sprang Anna ihm bei. »Immerhin sind wir noch nicht völlig weg vom Fenster.«

»Pfui, Mum!«, sagte Thea. »Jetzt übertreib’s mal nicht gleich.«

»Sind alle mit den Weihnachtsplänen einverstanden?«, fragte Mike.

»Meinetwegen«, sagte Emily. »Für die Kinder wär’s toll. Glaube ich.« Sie bemühte sich um Fassung. »Und wer fährt nicht gerne ans Meer?«

»Nur für eine Woche. Und das Haus ist fantastisch.« Anna ging in die Küche und kramte in einer Schublade. »Hier ist die Broschüre. Im Internet gibt’s noch mehr Bilder. Das Haus ist riesig – perfekt, wenn wir was gemeinsam machen wollen, aber man kann sich auch genauso gut zurückziehen.«

»Und was passiert, wenn ihr wieder nach Hause kommt?«, fragte Thea zaghaft.

»Ach ja, das wollten wir euch auch noch erzählen.« Anna wirkte nun doch leicht niedergeschlagen. »Wir verkaufen das Haus und suchen uns beide was Neues.«