Schuldig - Jim Butcher - E-Book
Beschreibung

Harry Dresden, Chicagos einziger magiebegabter Detektiv, hat die Seiten gewechselt: Nachdem ihn die Wächter des Weißen Rates jahrelang argwöhnisch auf Schritt und Tritt überwacht haben, trägt er nun selbst den typischen grauen Mantel der magischen Polizeitruppe. Bei seinem ersten offiziellen Fall muss er sich Furchtfressern stellen, Kreaturen, die sich von Angst ernähren und ausgerechnet ein Horrorfilmfestival attackieren. Harry stellt fest, dass der Kampf gegen diese Monster nur ein Aufwärmen für komplizierte Ränkespiele zwischen zwei mächtigen verfeindeten Gruppierungen ist - den Magiern des Weißen Rates und dem Roten Hof der Vampire.

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Seitenzahl:815

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Autor: Jim Butcher

Deutsch von: Dominik Heinrici

Lektorat: Oliver Hoffmann

Korrektorat: Melanie Vajda

Art Director: Oliver Graute

Umschlagillustration: Chris McGrath

© Jim Butcher 2005

© der deutschen Übersetzung Feder&Schwert 2011

E-Book-Ausgabe

ISBN 978-3-86762-128-1

Originaltitel: Proven Guilty

Schuldig ist ein Produkt von Feder&Schwert unter Lizenz von Jim Butcher 2011. Alle Copyrights mit Ausnahme dessen an der deutschen Übersetzung liegen bei Jim Butcher.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die in diesem Buch beschriebenen Charaktere und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zwischen den Charakteren und lebenden oder toten Personen ist rein zufällig.

Die Erwähnung von oder Bezugnahme auf Firmen oder Produkte auf den folgenden Seiten stellt keine Verletzung des Copyrights dar.

www.feder-und-schwert.com

1. Kapitel

Blut hinterließ keine Flecken auf dem grauen Umhang eines Wächters.

Mir war das bis zu dem Tag nicht bewusst gewesen, an dem Morgan, der zweitranghöchste Wächter des Weißen Rates, sein Schwert über der knienden Gestalt eines jungen Mannes erhob, der schwarze Magie ausgeübt hatte. Der Junge, höchstens sechzehn Jahre alt, schrie und tobte unter seiner dunklen Kapuze auf Koreanisch. Seine Lippen versprühten Hass und Wut, und bedingt durch seine Jugend hielt er sich höchstwahrscheinlich nach wie vor für unsterblich. Er merkte nicht einmal, wie das Schwert auf ihn hinabsauste.

Das war eine geringe Gnade. Eine mikroskopisch geringe, wenn man es so betrachtet.

Sein Blut spritzte in purpurnem Bogen durch die Luft. Ich stand nicht mal drei Meter entfernt. Ich fühlte, wie warme Tropfen auf meine Wange klatschten, und weiteres Blut färbte die eine Seite meines Umhanges zornig rot. Der Kopf fiel zu Boden, und ich sah, wie sich das Tuch darüber bewegte, als stoße der Mund des Knaben immer noch Verwünschungen aus.

Der Körper fiel zur Seite. Die Muskeln in einer Wade zuckten und hörten dann auf, sich zu bewegen. Nach gut fünf Sekunden war auch der Kopf gänzlich reglos.

Morgan blieb einen Augenblick über der unbeweglichen Gestalt stehen, das silberne Schwert der Gerechtigkeit des Weißen Rates in Händen. Außer ihm und mir war noch ein Dutzend weiterer Wächter anwesend – und zwei Mitglieder des Ältestenrates, der Merlin und mein ehemaliger Mentor Ebenezar McCoy.

Die schwachen Bewegungen des stoffbedeckten Kopfes erstarben. Morgan sah zum Merlin auf und nickte. Der erwiderte das Nicken. „Möge er Frieden finden.“

„Frieden“, antworteten alle Wächter gemeinsam.

Außer mir. Ich wandte ihnen den Rücken zu und schaffte es, noch zwei Schritte zu taumeln, bevor ich mich auf den Boden des Lagerhauses übergab.

Zitternd stand ich einen Augenblick da, bis ich sicher war, dass ich nichts mehr hochwürgen konnte, bevor ich mich langsam aufrichtete. Ich spürte, wie jemand näherkam, und als ich aufblickte, sah ich Ebenezar dort stehen.

Er war ein alter Mann mit bis auf ein paar letzte Büschel weißen Haars kahlem Haupt. Er war nicht sehr groß, aber stämmig, und sein Gesicht war halb unter einem draufgängerisch aussehenden Bart verborgen. Nase, Wangen und die blanke Kopfhaut waren braungebrannt bis auf eine frische, gerötete Narbe oberhalb seiner Stirn. Auch wenn er Jahrhunderte alt war, bewegte er sich mit einer energischen Lebhaftigkeit, und seine Augen hinter der goldrandigen Brille waren wachsam und nachdenklich. Er trug die formelle schwarze Robe des Rates; die purpurrote Stola darüber zeigte, dass es sich bei ihm um ein Mitglied des Ältestenrates handelte.

„Harry“, meinte er leise. „Alles klar?“

„Nach dem Ganzen hier?“, brummte ich laut genug, dass mich auch wirklich jeder hörte. „Bei niemandem in diesem verdammten Gebäude sollte alles klar sein.“

Ich fühlte plötzliche Spannung in der Luft hinter mir.

„Nein“, stimmte Ebenezar zu. Ich sah, wie er sich zu den anderen Magiern umblickte. Sein Kiefer war stur nach vorn geschoben.

Der Merlin kam zu uns herüber. Auch er trug seine formelle Robe und seine Stola. Er sah genau so aus, wie man sich einen Magier schon immer vorgestellt hatte – groß, mit langem, weißen Haar, einem langen, weißen Bart, durchdringenden, blauen Augen und von Alter und Weisheit zerfurchtem Gesicht.

Nun ja. Zumindest bei den Altersfalten war ich mir sicher.

„Wächter Dresden“, hob er an. Er besaß die klangvolle Stimme eines ausgebildeten Redners, und in seinem Englisch schwang ein britischer Oberklassenakzent mit. „Falls Sie einen Hinweis darauf besaßen, dass der Knabe unschuldig war, hätten Sie diesen während der Gerichtsverhandlung präsentieren sollen.“

„Sie wissen genau, dass ich nichts dergleichen in der Hand hatte“, antwortete ich.

„Wir haben ihn für schuldig befunden“, sagte der Merlin. „Ich habe den Seelenblick vollzogen. Ich habe mehr als zwei Dutzend Sterbliche untersucht, deren Gedanken er verändert hatte. Drei von ihnen haben zumindest die Chance, ihre geistige Gesundheit wiederzuerlangen. Er hatte vier weitere gezwungen, Selbstmord zu begehen. Darüber hinaus hatte er neun Leichen vor den örtlichen Polizisten verborgen, und jedes einzelne seiner Opfer war ein Blutsverwandter.“ Der Merlin machte einen Schritt in meine Richtung, und die Luft in der Halle fühlte sich plötzlich sengend heiß an. Seine Augen blitzten vor azurblauem Zorn, und in seiner Stimme grollte tiefe, unbeirrbare Autorität. „Die Macht, die er einsetzte, hatte seine Gedanken zerfressen. Was wir taten, war notwendig.“

Ich drehte mich um und sah dem Merlin direkt ins Gesicht. Ich schob mein Kinn nicht vor und versuchte auch nicht, ihn niederzustarren. Meine Körperhaltung war weder streitlustig noch provokativ. Zorn war in meinem Gesicht nicht zu erkennen, und in meiner Stimme lag nichts Respektloses, als ich sprach. Die letzten Monate hatten mich gelehrt, dass der Merlin nicht durch eine Werbeanzeige auf einer Zündholzschachtel an seinen Job gekommen war. Er war schlicht und einfach der mächtigste Magier auf Erden. Mit seiner reinen Stärke gingen Talent, Können und Erfahrung einher. Wenn es je soweit kam, dass wir uns magisch in die Haare kriegten, würde von mir nicht einmal genug übrig bleiben, um es in eine Papiertüte zu kehren. Ich wollte auf keinen Falleine Auseinandersetzung riskieren.

Aber ich wollte auch auf keinen Fall klein beigeben.

„Er war ein Kind“, sagte ich. „Wir alle waren das einmal. Er hatte einen Fehler gemacht. Wie wir alle allzu oft.“

Der Merlin betrachtete mich mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Verärgerung und Verachtung lag. „Sie sind sich darüber bewusst, was das Wirken von schwarzer Magie mit einem Menschen anstellen kann“, entgegnete er. Unglaublich subtile Schattierungen und Betonungen in seinen Worten fügten ohne jeden Zweifel einen unausgesprochenen Gedanken hinzu: „Sie wissen das so genau, weil Sie ebenfalls schwarze Magie ausgeübt haben. Früher oder später werden Sie sich einen Schnitzer erlauben, und dann sind Sie an der Reihe.“

Laut sagte er: „Wer einmal schwarze Magie wirkt, wird das erneut tun. Immer wieder.“

„Das höre ich auch dauernd“, antwortete ich. „Sag nein zu schwarzer Magie. Aber dieser Junge hatte niemanden, der ihm die Regeln beibrachte, der ihn unterwies. Wenn irgendjemand von seiner Gabe gewusst und rechtzeitig etwas unternommen hätte…“

Er hob die Hand, und diese einfache Geste trug eine derart endgültige Autorität in sich, dass ich verstummte, um ihn sprechen zu lassen. „Der Punkt, der Ihnen entgeht, Wächter Dresden“, meinte er, „ist folgender. Der Knabe, der einen törichten Fehler begangen hatte, ist lange vor dem Zeitpunkt gestorben, an dem wir den Schaden entdeckten, den er anrichtete. Das, was von ihm noch übrig war, war im Großen und Ganzen nur noch ein Ungeheuer, das in seinem Leben nichts anderes mehr getan hätte, als seinen Mitmenschen Schrecken und Tod zu bringen.“

„Ich weiß das“, erwiderte ich, und diesmal gelang es mir nicht, Wut und Frustration aus meiner Stimme zu verbannen, „und ich weiß, was getan werden musste. Ich weiß, dass das der einzige Weg war, ihn noch aufzuhalten.“

Kurz fürchtete ich, mich erneut übergeben zu müssen, also schloss ich die Augen und stützte mich auf das massive Eichenholz meines beschnitzten Stabes. Ich bekam meinen Magen wieder unter Kontrolle und öffnete die Augen erneut, um dem Merlin direkt ins Gesicht zu sehen. „Aber das ändert nichts daran, dass wir gerade einen Jungen umgebracht haben, dem wahrscheinlich zu wenig bewusst war, was da genau mit ihm geschah.“

„Sie sind wahrhaft nicht in der Position, den Stein zu werfen, jemandem einen Mord zu unterstellen, Wächter Dresden.“ Der Merlin zog eine silberne Augenbraue hoch. „Haben Sie nicht selbst aus kürzester Entfernung eine Pistole auf den Hinterkopf einer Frau abgefeuert, von der sie nur glaubten, es könne sich um den Totengreifer handeln, was diese tödlich verwundete?“

Ich schluckte. Zur Hölle, genau das hatte ich ein Jahr zuvor getan. Das war wohl einer der riskantesten Münzwürfe meines Lebens gewesen. Wenn ich damals falsch gelegen hätte, wenn der körpertauschende Magier, den man unter dem Namen Totengreifer kannte, nicht in den Körper der Wächterin Luccio gefahren gewesen wäre, hätte ich nicht nur eine unschuldige Frau ermordet, sondern außerdem noch eine Gesetzeshüterin des Weißen Rates.

Doch ich hatte mich nicht geirrt – aber bis zu diesem Zeitpunkt … hatte ich noch nie jemanden einfach getötet. Zugegeben, in der Hitze des Gefechtes hatte ich sehr wohl Leben genommen, und indirekt war ich ebenfalls für Todesfälle verantwortlich. Aber den Tod des Totengreifers hatte ich aus nächster Nähe, kalt berechnend und in keinster Weise indirekt herbeigeführt. Einfach nur ich, eine Kanone und eine in sich zusammengesunkene Leiche. Ich konnte mich noch lebhaft an meine Entscheidung zu schießen erinnern, an das Gefühl des kalten Metalls in meiner Hand, den widerspenstigen Abzug meines Revolvers, an das Donnern des Pistolenschusses, die Art, wie der Körper als Haufen erschlaffter Gliedmaßen zu Boden gesunken war und wie das tatsächliche Ausführen dieser Tat irgendwie viel zu einfach für die schreckliche Tragweite schien.

Ich hatte gemordet. Ich hatte absichtlich das Leben eines Menschen ausgelöscht, und das verfolgte mich nächtens nach wie vor in meinen Träumen.

Ich hatte keine andere Wahl gehabt. Wenn ich dem Totengreifer auch nur den Bruchteil einer Sekunde gelassen hätte, hätte er tödliche Magie heraufbeschwören können, und das Beste, worauf ich hätte hoffen können, wäre ein Todesfluch gewesen, der mich in dem Moment umgebracht hätte, in dem ich den Nekromanten niederstreckte. Es waren ein, zwei ganz schön miese Tage und ich war zu diesem Zeitpunkt ziemlich am Ende gewesen. Selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, hegte ich den Verdacht, dass der Totengreifer in einem fairen Kampf mit mir den Boden aufgewischt hätte. Also hatte ich ihm einfach keinen fairen Kampf geliefert. Ich hatte dem Nekromanten in den Hinterkopf geschossen, da ich den Totengreifer aufhalten musste und keine andere Wahl gehabt hatte.

Ich hatte sie auf Verdacht hingerichtet.

Kein gerichtliches Verfahren. Kein Seelenblick. Kein Urteil eines unparteiischen Schlichters. Hölle, ich war nicht mal das Risiko eingegangen, eine gute Beleidigung an den Mann zu bringen. Peng. Platsch. Ein lebender Magier, ein toter Bösewicht.

Ich hatte es getan, um mich und andere vor Schaden zu bewahren. Es war sicher nicht die beste Lösung gewesen – aber der einzige Ausweg. Keine Frage, ich hatte es getan und keine Sekunde innegehalten, da ich mich in dieser Nacht noch weiteren Gefahren zu stellen hatte.

Wie man es als Wächter tut. Irgendwie machte das meine moralische Überlegenheit ziemlich zunichte.

Geheimnisvolle blaue Augen musterten mein Gesicht, und er nickte langsam. „Sie haben sie gerichtet“, stellte der Merlin ruhig fest. „Weil es erforderlich war.“

„Das war etwas anderes“, antwortete ich.

„Das ist wahr. Ihre Tat bedurfte einer weit größeren persönlichen Überzeugung. Es war dunkel, kalt, und Sie waren allein. Die Verdächtige war stärker als Sie. Hätten Sie zugeschlagen, ihn aber verfehlt, wären Sie ums Leben gekommen, und dessen ungeachtet mussten Sie tun, was Sie damals taten.“

„Notwendig ist nicht dasselbe wie richtig“, sagte ich.

„Möglicherweise nicht“, meinte er. „Aber die Gesetze der Magie sind das Einzige, was Magier davon abhält, ihre Macht über Sterbliche zu missbrauchen. Das lässt keinen Spielraum für Kompromisse. Sie sind jetzt ein Wächter. Sie müssen sich auf Ihre Pflicht Sterblichen und dem Rat gegenüber konzentrieren.“

„Was hie und da bedeutet, Kinder umzubringen?“ Diesmal verbarg ich meine Abscheu nicht, auch wenn ich nicht besonders überzeugend klang.

„Was bedeutet, zu jeder Zeit die Gesetze der Magie durchzusetzen“, erwiderte der Merlin, und sein Blick bohrte sich in meinen. In seinen Augen flackerte unnachgiebige Wut. „Es ist Ihre Pflicht. Mehr als je zuvor.“

Ich brach den Blickkontakt als erster, ehe etwas Schlimmes passieren konnte. Ebenezar stand ein paar Schritte von mir entfernt und musterte meinen Gesichtsausdruck.

„Zugegeben, Sie haben für einen Mann Ihres Alters schon sehr viel mit angesehen“, fuhr der Merlin fort, und sein Tonfall wurde fast unmerklich sanfter. „Aber Sie haben noch nicht gesehen, wie schlimm die Dinge wirklich stehen können. Nicht mal ansatzweise. Die Gesetze bestehen aus einem Grund, und sie müssen eingehalten werden, wie sie geschrieben stehen.“

Ich wandte den Kopf ab und starrte auf die kleine, rote Lache auf dem Boden des Lagerhauses neben der Leiche des Jugendlichen. Man hatte mir seinen Namen nicht genannt, bevor sie ihn getötet hatten.

„Genau“, seufzte ich müde und wischte mit einem sauberen Teil meines Wächtermantels über mein blutbeflecktes Gesicht. „Ich sehe auch, womit sie geschrieben sind.“

2. Kapitel

Ich kehrte ihnen den Rücken und verließ das Lagerhaus. Chicago gab sich alle Mühe zu tun, als sei es Miami. Der Sommer im Mittleren Westen fällt meist zumindest schwül aus, doch in diesem Jahr war die Sommerhitze besonders drückend, und es hatte auch häufig geregnet. Das Lagerhaus gehörte zu den Werften am Seeufer, und selbst das kühle Wasser des Lake Michigan war wärmer als gewöhnlich. Die Luft war in einem stärkeren Maß als sonst vom üblichen Geruch des Sees nach Schlamm, Moder und Eau de Totfisch durchdrungen.

Ich passierte die beiden Wächter, die in ihren grauen Capes am Ausgang Wache schoben, und wir nickten einander zu. Beide waren jünger als ich, offensichtlich einige der letzten Neuerwerbungen der Militär-/Polizeiorganistion des Weißen Rates. Als ich an ihnen vorüberschritt, spürte ich kurz das Prickeln eines magischen Schleiers auf meiner Haut, eines Spruches, der gewirkt worden war, um das Lagerhaus vor allen spähenden Augen zu verbergen. Für die Standards, die die Wächter normalerweise setzten, war es kein besonders beeindruckender Schleier, doch er war um einiges besser gewirkt, als ich ihn höchstwahrscheinlich zu Stande gebracht hätte. Außerdem gab es nach der erfolgreichen Offensive des Roten Hofes der Vampire im Herbst zuvor nicht gerade einen Riesenhaufen Wächter, aus dem man sich die Besten aussuchen konnte. In der Not frisst der Teufel Fliegen.

Ich schlüpfte aus Robe und Umhang. Ich trug Sportschuhe, kurze Khakihosen und ein rotes Tanktop darunter. Die schwere Kleidung abzustreifen verschaffte mir auch keine Kühlung – doch immerhin fühlte ich mich eine Spur weniger elend. Ich eilte zu meinem Auto, einem zerbeulten, alten VW Käfer, dessen Fenster heruntergekurbelt waren, um zu verhindern, dass die Sonne das Wageninnere in einen Backofen verwandelte. Das Auto ist in den wildesten Farben zusammengewürfelt, da mein Mechaniker beschädigte Teile des Wagens mit Versatzstücken verschrotteter Käfer ersetzt hat. Irgendwann einmal war das Vehikel dunkelblau gewesen, was ihm den Spitznamen Blauer Käfer eingebracht hatte.

Ich hörte hinter mir schwere Schritte. „Harry“, rief mir Ebenezar nach.

Ich warf schweigend Robe und Umhang auf die Rückbank des Käfers. Vor Jahren schon hatte ich das Auto ziemlich ausweiden lassen, und nun fehlten die inneren Metallverstrebungen. Ich hatte selbst einige nachlässige Reparaturarbeiten mit Bauholz und viel Gewebeband unternommen. Danach hatte ich einen Freund das Wageninnere neu gestalten lassen. Es war nicht die Standardausführung, und es war auch nicht gerade hübsch, aber die Schalensitze waren um einiges bequemer als die Holzkisten, die ich bis zu dem damaligen Zeitpunkt verwendet hatte, und ich verfügte auch wieder über ordentliche Sicherheitsgurte.

„Harry“, rief Ebenezar erneut. „Verdammt, Junge, bleib stehen.“

Kurz überlegte ich mir, einfach einzusteigen und davonzufahren, doch stattdessen hielt ich inne, bis der alte Magier bei mir angelangt war und sich ebenfalls aus seiner formellen Robe und seiner Stola schälte. Darunter hatte er ein weißes T-Shirt und eine Jeanslatzhose sowie schwere Wanderstiefel aus Leder an. „Ich muss mit dir sprechen.“

Ich atmete durch und nahm mir einen Moment Zeit, um meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen – und meinen Magen. Ich wollte mich nicht erneut blamieren, indem ich meine Vorstellung im Lagerhaus wiederholte. „Was ist?“

Er blieb ein paar Schritte hinter mir stehen. „Der Krieg läuft schlecht.“

Damit meinte er den Krieg des Weißen Rates gegen den Roten Hof der Vampire. Anfänglich hatte der Krieg hauptsächlich darin bestanden, auf Samtpfoten herumzuschleichen, sich gegenseitig zu belauern und sich in Seitengassen zu prügeln, doch im vergangenen Jahr hatten die Vampire den Einsatz erhöht. Ihr Angriff war zeitgleich mit den heimtückischen Machenschaften eines Verräters innerhalb der Reihen des Weißen Rates und den Übergriffen mehrerer Nekromanten, vogelfreier Magier, die die Toten erweckten und als wütende Gespenster, Zombies und weitere, noch unappetitlichere Dinge wieder auferstehen ließen, erfolgt.

Die Vampire hatten den Rat getroffen. Hart. Als die Schlacht geschlagen war, hatten sie beinahe zweihundert Magier auf dem Gewissen, vor allem Wächter. Darum hatten mir die Wächter auch ein graues Cape angedeihen lassen. Sie benötigten Hilfe.

Insgesamt hatten die Vampire fast fünfundvierzigtausend Männer, Frauen und Kinder umgebracht, die sich einfach in der Nähe befunden hatten.

Deshalb hatte ich auch das Cape angenommen – das war eine Angelegenheit, die ich nicht einfach ignorieren konnte.

„Ich habe die Berichte gelesen“, sagte ich. „Es heißt, die Venatori Umbrorum und die Bruderschaft des Heiligen Ägidius hätten sich mächtig ins Zeug gelegt.“

„Mehr als das. Wenn sie nicht ihrerseits einen Angriff gestartet hätten, um die Vampire aufzuhalten, hätte der Rote Hof den Weißen Rat vor Monaten vernichtet.“

Ich blinzelte. „Die leisten so viel?“

Die Venatori Umbrorum und die Bruderschaft des Heiligen Ägidius waren die Hauptverbündeten des Weißen Rates im Krieg gegen den Roten Hof. Die Venatori waren ein alter Geheimbund, der sich zusammengeschlossen hatte, um die Dunkelheit zu bekämpfen, wo auch immer er im Stande dazu war. Wie die Freimaurer, nur mit Flammenwerfern. Im Großen und Ganzen war es eher ein Haufen Akademiker, und auch wenn viele Venatori den ein oder anderen militärischen Hintergrund besaßen, lag ihre wahre Stärke darin, das menschliche Rechtssystem zu nutzen und die Informationen auszuwerten, die ihnen ihre weit gestreuten Quellen zutrugen.

Die Bruderschaft des Heiligen Ägidius hingegen war eine etwas andere Sache. Sie hatte bei weitem nicht so viele Mitglieder wie die Venatori, aber kaum welche waren bloß Menschen. Wie ich es verstanden hatte, waren die meisten von ihnen zur Hälfte Vampire. Sie waren mit der finsteren Macht verseucht, die den Roten Hof zu einer solchen Bedrohung machte, doch solange sie nicht willentlich das Blut eines anderen Menschen getrunken hatten, waren sie weiter Menschen. Das machte sie stärker, schneller, versetzte sie in die Lage, Verletzungen einfacher wegzustecken als Normalsterbliche und verlängerte ihre Lebensspanne deutlich. Vorausgesetzt, sie fielen nicht ihrem ständigen, primitiven Blutdurst zum Opfer oder kamen im Laufe einer Operation gegen ihre Feinde am Roten Hof ums Leben.

Eine Vampirin des Roten Hofes hatte eine Frau, die mir einst sehr viel bedeutet hatte, entführt. Wenn ich ehrlich war, hatte ich den Krieg sogar ausgelöst, als ich mit den brutalsten mir zur Verfügung stehenden Mitteln versuchte, sie wieder zurückzubekommen. Ich hatte sie zwar zurückgeholt, doch retten hatte ich sie nicht können. Sie war von der Finsternis berührt, und nun war ihr ganzes Leben ein Kampf – einerseits gegen die Vampire, die ihr das angetan hatten, andererseits gegen den Blutdurst, der ihr aufgezwungen worden war. Nun war sie Teil der Bruderschaft, zu der auch andere wie sie und, wie mir zu Ohren gekommen war, viele Menschen und Nicht-ganz-Menschen gehörten, die sonst nirgendwo ein Zuhause fanden. Der Heilige Ägidius war der Schutzpatron der Aussätzigen und Ausgestoßenen. Seine Bruderschaft erwies sich als überraschend beeindruckende Verbündete, auch wenn sie bei weitem keinen Machtfaktor wie der Rat oder einer der Vampirhöfe darstellte.

„Unsere Verbündeten können sich den Vampiren nicht von Angesicht zu Angesicht stellen“, sagte Ebenezar und nickte. „Aber sie richten ziemliche Verwüstung unter den Nachschublinien des Roten Hofes an und bringen auch deren Aufklärung und Unterstützung durcheinander, indem sie den Hof aus der Welt der Sterblichen angreifen. Sie entlarven Infiltratoren, die der Rote Hof in die Gesellschaft der Sterblichen eingepflanzt hat. Menschen, die der Rote Hof kontrolliert, werden verhaftet, in Intrigen verwickelt oder umgebracht – oder entführt, um sie von ihrer Sucht zu befreien. Die Bruderschaft und die Venatori tun alles in ihrer Macht Stehende, um dem Rat Informationen zukommen zu lassen, was uns im Gegenzug ermöglichte, erfolgreiche Überfälle gegen die Vampire zu führen. Die Venatori und die Bruderschaft haben die Vampire nicht ausschlaggebend geschwächt, aber sie haben den Roten Hof zumindest ausgebremst. Möglicherweise genug, um uns die Chance zu geben, uns ausreichend zu erholen.“

„Wie steht es um das Ausbildungslager?“, fragte ich.

„Luccio ist zuversichtlich, dass sie mit der Zeit unsere Verluste wird ersetzen können“, entgegnete Ebenezar.

„Ich sehe nicht, wie ich helfen könnte“, meinte ich. „Außer ihr sucht jemanden, der auszieht, um neue Generationen von Magiern zu zeugen.“

Er trat näher und blickte sich um. Seine Miene war gelassen, doch es war offensichtlich, dass er sicherstellte, dass niemand nahe genug war, um uns zu belauschen. „Es gibt etwas, was du nicht weißt. Der Merlin hat bestimmt, es solle nicht allgemein bekannt werden.“

Ich drehte mich um, damit ich ihm direkt ins Gesicht sehen konnte, und legte den Kopf schief.

„Du erinnerst dich an den Angriff des Roten Hofes im letzten Jahr“, sagte er, „und dass sie Dämonen von jenseits der Realität beschworen und uns innerhalb der Grenzen Faeries angriffen.“

„Blöde Idee. Die Feen werden es ihnen ganz schön heimzahlen.“

„Der Meinung waren wir alle“, antwortete der alte Mann. „Tatsächlich hat der Sommerhof den Roten den Krieg erklärt und auch die ersten Angriffe eingeleitet. Aber der Winter hat nicht reagiert – und auch der Sommerhof tut wenig mehr, als seine eigenen Grenzen zu sichern.“

„Königin Mab hat keine Kriegserklärung ausgesprochen?“

„Nein.“

Ich runzelte die Stirn. „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass sie sich diese Chance entgehen lässt. Sie fährt doch total auf Gewaltorgien und Gemetzel ab.“

„Das hat uns auch überrascht“, meinte er. „Deshalb möchte ich dich um einen Gefallen bitten.“

Ich musterte ihn, ohne etwas zu erwidern.

„Finde heraus, wieso“, fuhr er fort. „Du hast Kontakte zu den Feenhöfen. Finde heraus, was vor sich geht. Finde heraus, warum die Sidhe nicht in den Krieg ziehen.“

„Was?“, fragte ich. „Der Ältestenrat weiß das nicht? Habt ihr keine Botschafter und Kontakte auf höchster Ebene und offizielle Kanäle und so? Ein rotes Telefon zum Beispiel?“

Ebenezar lächelte ohne allzu viel Heiterkeit. „Die Turbulenzen, die der Krieg nach sich zog, beanspruchen die Geheimdienstaktivitäten aller Seiten bis ans Limit“, erläuterte er. „Selbst im Bereich des Übernatürlichen. Es gibt in diesem Krieg durch den Konflikt übersinnlicher Abgesandter und Spione aller verwickelter Parteien eine völlig neue Ebene, und unsere Botschafter bei den Sidhe waren …“ Er zog die wettergegerbten, starken Schultern zu einem Achselzucken hoch. „Na ja. Du kennst sie ja so gut wie sonst kaum jemand.“

„Sie waren freundlich, zugänglich, haben sich absolut ehrlich geäußert, und am Ende hattet ihr nicht die geringste Ahnung, was vor sich geht“, schlussfolgerte ich.

„Genau.“

„Also bittet der Ältestenrat mich, Licht in diese Angelegenheit zu bringen?“

Er sah sich erneut um. „Nicht der Ältestenrat. Ich und ein paar andere.“

„Welche anderen?“, wollte ich wissen.

„Leute, denen ich traue“, sagte er und sah mich über den Rand seiner Brille direkt an.

Ich starrte einen Atemzug lang zurück und flüsterte dann: „Der Verräter.“

Die Vampire waren in der ganzen Angelegenheit immer etwas zu weit obenauf gewesen, als dass es sich um reines Glück hatte handeln können. Irgendwie war es ihnen gelungen, an wesentliche Geheimnisse über die Aufstellung der Streitkräfte des Weißen Rates und seine Pläne zu kommen. Irgendjemand im Rat hatte den Vampiren diese Informationen weitergegeben, und das hatte viele Magier das Leben gekostet – vor allem während des schwersten Angriffs des Vorjahrs, bei dem die Vampire die Grenzen der Sidhereiche verletzt hatten, um den fliehenden Rat zu verfolgen. „Du bist der Meinung, der Verräter gehört dem Ältestenrat an.“

„Ich denke, wir können kein Risiko eingehen“, entgegnete er leise. „Das ist eine inoffizielle Angelegenheit. Ich kann dir nicht befehlen, es zu tun. Ich kann verstehen, wenn du es nicht tun willst. Aber es gibt niemand besseren für diese Aufgabe – und unsere Verbündeten können den Druck ihrer jetzigen Operationen nicht lange aufrechterhalten. Ihre beste Waffe war immer schon die Geheimniskrämerei, und ihre Taten haben sie einen gewaltigen Blutzoll gekostet, um uns zu helfen, so gut sie konnten.“

Ich verschränkte die Arme vor dem Bauch und sagte: „Wir müssen ihnen helfen, gar keine Frage. Aber jedes Mal, wenn ich auch nur schief nach Faerie schiele, gerate ich in noch tiefere Schwierigkeiten. Das ist das Letzte, was ich brauche. Wenn ich es tun sollte, wie …“

Ebenezar verlagerte sein Gewicht, und Kies knirschte. Ich blickte auf und sah, wie der Merlin und Morgan aus dem Gebäude kamen, wobei sie flüsternd in ein intensives Gespräch vertieft waren.

„Ich wollte mit dir reden“, sagte Ebenezar, ganz augenscheinlich mit etwaigen Zuhörern im Sinn. „Wollte sichergehen, dass Morgan und die restlichen Wächter dich auch anständig behandeln.“

Ich spielte mit. „Wenn sie überhaupt mit mir reden“, meinte ich. „So ziemlich der einzige weitere Wächter, den ich je zu Gesicht bekomme, ist Ramirez. Korrekter Typ. Ich mag ihn.“

„Das spricht für ihn.“

„Dass die tickende Zeitbombe des Rates etwas Gutes über ihn zu sagen hat?“ Ich wollte abwarten, bis der Merlin und Morgan wieder verschwunden waren, aber sie blieben in einiger Entfernung stehen, immer noch in ihr Gespräch vertieft. Ich starrte eine Weile auf den Schotter hinab, ehe ich, um einiges leiser, sagte: „Das heute hätte ich sein können. Ich hätte dieser Junge sein können.“

„Das ist schon lange her“, antwortete Ebenezar. „Du warst kaum mehr als ein Kind.“

„Er auch nicht.“

Ebenezars Miene wurde wachsam. „Tut mir leid, dass du diese Aktion mit ansehen musstest.“

„Ist das der Grund, warum es hier geschah?“, wollte ich von ihm wissen. „Warum sie extra nach Chicago gekommen sind, wegen einer Enthauptung?“

Er atmete langsam aus. „Hier ist einer der größten Verkehrsknotenpunkte der Welt. Hier kommt mehr Flugverkehr durch als irgendwo sonst. Chicago ist eine riesengroße Hafenstadt, wo alles Mögliche für den Weitertransport verladen wird – per Schiff, Eisenbahn oder LKW. Das bedeutet, dass es viele Wege in und aus der Stadt gibt und dass hier viele Reisende durchkommen. Das macht es schwieriger für Spione des Roten Hofes, uns zu entdecken und unsere Bewegungen zu melden.“ Er lächelte mich düster an. „Irgendwie macht es den Anschein, als sei Chicago der Gesundheit aller Vampire äußerst abträglich, die sich in die Stadt wagen.“

„Das ist eine ziemlich gute Vertuschungsgeschichte“, grummelte ich. „Was steckt wirklich dahinter?“

Ebenezar seufzte und hob beschwichtigend die Hand. „Es war nicht meine Idee.“

Ich betrachtete ihn eine Weile und sagte dann: „Der Merlin hat das Treffen hier einberufen.“

Ebenezar nickte und zog eine struppige, graue Augenbraue hoch. „Was bedeutet …?“

Ich knabberte an meiner Unterlippe und kniff die Augen zusammen. Das hatte mir zwar noch nie beim Nachdenken geholfen, aber das war noch lange kein Grund, es nicht weiter zu probieren. „Er wollte mir eine Nachricht zukommen lassen. Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.“

Ebenezar nickte. „Er wollte dich eigentlich deines Amtes entheben, doch Luccio ist rein technisch gesehen immer noch die Kommandantin der Wächter, auch wenn Morgan jetzt im Feld die Befehlsgewalt hat. Sie hat dich gestützt, und der Rest des Ältestenrates hat ihn überstimmt.“

„Wette, das ging ihm runter wie Öl“, ätzte ich.

Ebenezar lachte leise. „Ich hatte schon Angst, er würde gleich einen Schlaganfall erleiden.“

„Oh Freude“, seufzte ich. „Eigentlich wollte ich dieses Amt überhaupt nicht.“

„Ich weiß“, entgegnete er. „Oft hat das Leben nur Beschwerden und Mühsal zu bieten, Junge, und wenig sonst.“

„Also glaubt der Merlin, er zeigt mir eine Enthauptung und jagt mir eine solche Angst ein, dass ich Blödsinn mache.“ Ich überlegte mit gerunzelter Stirn. „Ich nehme mal an, dass es in Hinsicht auf den Angriff letztes Jahr auch nichts wirklich Neues gibt. Ihr habt niemanden gefunden, der plötzlich eine unerklärliche Summe Geldes auf dem Konto hatte, was ihn als Verräter ziemlich belasten würde?“

„Noch nicht“, gab Ebenezar zu.

„Also haben wir einen Verräter, der noch frei herumläuft, und das Einzige, was der Merlin tun muss, ist abzuwarten, bis ich Mist baue. Dann kann er es als Verrat bezeichnen und mich zerquetschen.“

Ebenezar nickte, und ich sah die Warnung in seinen Augen – ein weiterer Grund, den Auftrag anzunehmen, den er mir anbot. „Er glaubt allen Ernstes, du stelltest für den Rat eine Bedrohung dar. Wenn dein Verhalten ihn in diesem Glauben bestärkt, wird er tun, was er für nötig hält, um dich aufzuhalten.“

Ich schnaubte. „Da gab es doch schon einmal so einen Typen, McCarthy. Wenn der Merlin tatsächlich so versessen darauf ist, einen Verräter zu finden, wird er einen finden, egal ob er nun existiert oder nicht.“

Ebenezar starrte finster vor sich hin, und ein kehliger schottischer Akzent kroch in seine Stimme, wie immer, wenn er wütend war. Er funkelte zum Merlin hinüber. „Aye, und ich war der Meinung, du solltest das wissen.“

Ich nickte, doch ich sah nicht zu ihm auf. Ich hasste es, zu etwas genötigt zu werden, doch es machte nicht den Anschein, als wolle Ebenezar mich in eine Ecke drängen. Er bat mich um einen Gefallen. Ich mochte mir selbst durchaus ebenso helfen wie ihm, wenn ich ihm diesen Gefallen tat, aber er würde es mir nicht heimzahlen, wenn ich die Bitte ausschlug. Das war nicht sein Stil.

Ich sah ihm in die Augen und nickte. „Gut.“

Er atmete langsam aus und erwiderte mein Nicken. In seinem Gesichtsausdruck konnte ich stillen Dank lesen. „Oh. Noch was“, sagte er und gab mir einen Umschlag.

„Was ist das?“

„Ich weiß nicht“, entgegnete er. „Der Torwächter bat mich, es dir zu geben.“

Der Torwächter. Er war der stillste Magier des Ältestenrates, und selbst der Merlin brachte ihm großen Respekt entgegen. Er war größer als ich, und das wollte etwas heißen. Er hielt sich aus den meisten politischen Grabenkämpfen im Ältestenrat heraus, was noch mehr heißen sollte. Er wusste Dinge, die er nicht hätte wissen dürfen – mehr als die meisten Magier, will ich damit sagen – und soweit ich es beurteilen konnte, hatte er mir nie etwas anderes aufgetischt als die Wahrheit.

Ich öffnete den Umschlag. Darin war ein einzelnes Blatt Papier. Die Buchstaben in der präzisen, flüssigen Handschrift besagten

Dresden,

in den letzten zehn Tagen kam es wiederholt zu Akten schwarzer Magie in Chicago. Als ranghöchster Wächter dieser Region liegt es an Ihnen, dies zu untersuchen und die Verantwortlichen zu finden. Meiner Meinung nach ist es vonnöten, dass Sie sich dessen umgehend annehmen. Meines Wissens nach ist sich sonst niemand dieser Situation bewusst.

Rashid

Ich rieb mir die Augen. Na toll. Noch mehr schwarze Magie in Chicago. Wenn es nicht irgendein sabbernder, psychotischer Bösewicht mit einem schwarzen Hut war, handelte es sich wahrscheinlich um ein weiteres Kind wie den Jungen, der ein paar Minuten zuvor gestorben war. Dazwischen gab es nicht viel.

Ich hoffte stark auf einen mordlüsternen Irren – bitte vielmals um Verzeihung, oh ihr politischen Korrektheitsfetischisten, auf eine mordlüsterne, in Hinsicht ihrer geistigen Gesundheit zweideutige Person. Damit hatte ich Übung.

Ich glaubte, mit der anderen Möglichkeit nicht fertig werden zu können.

Ich schob den Brief in den Umschlag zurück und dachte nach. Ich nahm an, das sei eine Angelegenheit zwischen dem Torwächter und mir. Er hatte mich nicht in aller Öffentlichkeit angesprochen oder Ebenezar eingeweiht, was vor sich ging, was bedeutete, es stand mir frei, wie ich an die Sache heranging. Wenn der Merlin von der Sache gewusst und mir den Auftrag offiziell erteilt hätte, hätte er verdammt noch mal sichergestellt, dass ich möglichst wenig freie Hand hatte – und ich hätte den ganzen Auftrag unter einem Mikroskop ausführen müssen.

Der Torwächter traute mir zu, damit umzugehen, was immer auch im Argen lag. Das war fast noch schlimmer.

Mann.

Manchmal war ich es ganz schön leid, der Typ zu sein, von dem man erwartete, dass er mit allen Situationen, mit denen man selbst niemals fertig würde, klarkam.

Ich sah auf und bemerkte, dass mich Ebenezar mit zusammengekniffenen Augen musterte. Dieser Ausdruck verwandelte sein Gesicht in ein Wirrwarr aus Runzeln und Falten.

„Was?“, fragte ich.

„Hast du einen neuen Haarschnitt, Hoss?“

„Äh, nichts großartig Neues, warum?“

„Du siehst …“ Die Stimme des alten Magiers verklang nachdenklich. „Anders aus.“

Mein Herz raste. Soweit mir bewusst war, hatte Ebenezar keine Ahnung von der Entität, die sich in den unbenutzten Regionen meines Gehirns eingenistet hatte, und ich fand, das könne ruhig so bleiben. Doch auch wenn ihm der Ruf vorauseilte, ein magischer Schläger zu sein, dessen Markenzeichen es war, die ursprünglichen Kräfte der Zerstörung heraufzubeschwören, hatte er doch bei weitem mehr in petto, als man ihm im Rat zugestehen wollte. Es war also möglich, dass er einen Hinweis auf die Präsenz des gefallenen Engels in mir gefühlt hatte.

„Na ja. Ich trage schon einige Zeit den Umhang der Leute, die ich einen Großteil meines erwachsenen Lebens verachtet habe“, meinte ich. „Einmal abgesehen und der Draufgabe, dass ich ein Krüppel bin, habe ich fast ein ganzes Jahr kaum Schlaf bekommen.“

„Das kann natürlich der Grund sein“, stimmte mir Ebenezar mit einem Nicken zu. „Wie geht’s deiner Hand?“

Ich verkniff mir die ursprüngliche, unwirsche Antwort, dass sie immer noch verstümmelt und vernarbt war und aussah wie ein übel zerschmolzener Teil einer Wachsfigur. Ein paar Jahre zuvor hatte ich mich mit einem bösen Buben mit verdammt viel Grips angelegt, der herausbekommen hatte, wie man meine defensiven Zauber umgehen konnte, die dafür geschaffen waren, kinetische Energie aufzuhalten – aber leider keine Hitze. Ich musste das auf die harte Tour lernen, als einige seiner psychotischen Schergen improvisiertes Napalm in meine Richtung warfen. Mein Schild konnte zwar das brennende Gel aufhalten, aber die Hitze war ohne innezuhalten einfach durchgesickert und hatte mir die Hand gegrillt, die ich ausgestreckt hatte, um die Energie für den Schild zu bündeln.

Ich hob die behandschuhte Linke und wackelte ruckartig mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Die anderen beiden bewegten sich kaum, außer, wenn ihre Nachbarn sie mitzogen. „Nicht viel Gefühl darin, aber ich kann ein Bier halten. Oder ein Lenkrad. Ein Arzt zwingt mich, Gitarre zu spielen, um sie mehr zu bewegen und einzusetzen.“

„Gut“, sagte Ebenezar. „Übung ist gut für den Körper, aber Musik ist gut für die Seele.“

„Nicht so, wie ich spiele“, sagte ich.

Ebenezar grinste pfiffig und zog eine Taschenuhr aus der Vordertasche seiner Latzhose. Er spähte darauf. „Mittag“, stellte er fest. „Hast du Hunger?“

Auch wenn ich es aus seinem Tonfall nicht heraushören konnte, konnte ich doch zwischen den Zeilen lesen.

Ebenezar war in einer Zeit, in der ich es dringend brauchte, mein Lehrer gewesen. Er hatte mir alles beigebracht, was ich für wichtig genug hielt, es mir zu merken. Er war immer zuverlässig, großzügig, geduldig, loyal und freundlich zu mir gewesen.

Aber er hatte mich auch die gesamte Zeit über belogen und selbst die Prinzipien missachtet, die er mich gelehrt hatte. Einerseits hatte er mir beigebracht, was es bedeutete, Magier zu sein, wie die Zauberkraft eines Magiers seinen tiefsten Glaubensgrundsätzen entsprang und dass es weit mehr als ein Verbrechen war, Böses mit der eigenen Magie zu bewirken – es war eine Verhöhnung des Wesens der Magie. Es war ein Frevel. Andererseits war er die ganze Zeit über der Schwarzstab gewesen – ein Magier mit der Lizenz zu töten, die Gesetze der Magie zu brechen und im Namen der politischen Notwendigkeit all das in den Schmutz zu ziehen, was an seiner Macht gut und ehrenwert war, und genau das hatte er getan. Oft.

Ich hatte Ebenezar vertraut, wie ich noch nie jemandem vertraut hatte. Ich hatte mein Leben auf dem Fundament dessen aufgebaut, was er mich über das Wirken von Magie und über Richtig und Falsch gelehrt hatte. Doch er hatte mich enttäuscht. Er hatte eine Lüge gelebt, und es war grausamst schmerzhaft gewesen, eben dies herauszufinden. Selbst zwei Jahre später drehte sich mir der Magen um, und ich fühlte mich auf ekelerregende Art unwohl.

Mein Mentor bot mir die Friedenspfeife an und versuchte, die Dinge, die zwischen uns standen, auszuräumen. Mir war bewusst, dass ich mitgehen sollte. Ich wusste, er war nur ein Mensch, fehlbar wie alle anderen auch, und ich wusste auch, dass ich über diesen Dingen stehen und neue Brücken schlagen sollte, um dann weiterzuleben. Das hätte Mitgefühl und Verantwortung gezeigt. Es wäre das Richtige gewesen.

Aber ich konnte es nicht.

Es schmerzte immer noch zu sehr, als dass ich klar darüber hätte nachdenken können.

Ich sah zu ihm auf. „Wenn mir jemand durch eine formelle Enthauptung eine Todesdrohung zukommen lässt, verdirbt mir das immer irgendwie den Appetit.“

Er nickte, nahm die Ausrede mit einem geduldigen, gelassenen Ausdruck zur Kenntnis, auch wenn ich Bedauern in seinen Augen erkennen konnte. Er hob seine Hand zu einem stummen Winken, wandte sich ab und ging zu seinem zerbeulten, alten Ford-Pickup hinüber, der aus der Zeit der großen Wirtschaftskrise stammte. Gedanken brandeten in mir hoch. Vielleicht sollte ich etwas sagen. Vielleicht sollte ich mit dem Alten einen Happen essen gehen.

Andererseits entsprach meine Ausrede durchaus der Wahrheit. Es bestand nicht die geringste Chance, dass ich jetzt etwas schlucken konnte. Ich spürte immer noch, wie die heißen Blutstropfen auf mein Gesicht geprallt waren, sah, wie unnatürlich verdreht der Körper in der Blutlache lag. Meine Hände begannen zu zittern, und ich schloss die Augen, um diese lebhaften, bluttriefenden Erinnerungen aus dem Rampenlicht meiner Gedanken zu zwingen. Dann stieg ich in mein Auto und versuchte, sie ganz hinter mir zu lassen.

Der Blaue Käfer hat nicht besonders viele PS, doch er schleuderte eine ganz schön ansehnliche Menge Kies in die Luft, als ich losfuhr.

Die Lage auf den Straßen war nicht so schlimm wie üblich, aber es war auch immer noch heißer als in der Hölle, also kurbelte ich an der ersten Ampel alle Fenster herunter und versuchte nachzudenken.

Ermittlungen bei den Feen. Na toll. Das würde unter Garantie verdammt kompliziert werden, bevor ich irgendwelche nützlichen Antworten herausbekam. Wenn es etwas gab, das Feen wie die Pest hassten, dann waren es klare Ansagen, egal worum es ging. Ihnen eine klare, deutliche Aussage aus der Nase zu ziehen ist wie Zähne ziehen. Die Eigenen. Durch ein Nasenloch.

Aber Ebenezar hatte recht. Ich war höchstwahrscheinlich das einzige Ratsmitglied, das Bekannte sowohl am Sommer- als auch am Winterhof hatte. Wenn jemand im Rat etwas herausfinden konnte, dann ich. Yippie!

Nur um die ganze Chose noch spannender zu gestalten, musste ich die Quelle nicht näher definierter schwarzer Magie aufstöbern und dem Treiben ein Ende setzen. Genau das taten Wächter die ganze Zeit, wenn sie nicht gerade Kriege ausfochten, und ich selbst hatte es auch schon das eine oder andere Mal getan, auch wenn es nie eine hübsche Angelegenheit gewesen war. Schwarze Magie bedeutete Schwarzmagier der einen oder anderen Sorte, und die wiederum hatten die Tendenz, zu der Art von Leuten zu gehören, die einen störenden Magier nur zu gerne um die Ecke brachten und außerdem fähig waren, das zu bewerkstelligen.

Feen.

Schwarze Magie.

Ein Unglück kam selten allein.

3. Kapitel

Von einem Herzschlag zum nächsten war der vorher leere Beifahrersitz des Blauen Käfers plötzlich besetzt. Ich schrie erschreckt auf und hätte mit meinem Auto fast einen Lieferwagen touchiert. Die Reifen quietschten protestierend, und ich kam ins Schleudern. Ich stemmte mich dagegen und bekam den Wagen wieder unter Kontrolle, aber wenn ich noch eine weitere Lackschicht auf dem Auto gehabt hätte, wäre ich mit Sicherheit mit einem anderen Wagen zusammengestoßen. Mein Herz raste, doch ich schaffte es, die Fahrt einigermaßen zivilisiert fortzusetzen. Ich wandte mich zur Seite, um meine neue Beifahrerin wütend anzufunkeln.

Lasciel alias die Verführerin alias die Netzweberin, anscheinend eine Art Fotokopie der Persönlichkeit eines gefallenen Engels, saß auf dem Beifahrersitz. Sie konnte jede Gestalt annehmen, die ihr in den Sinn kam, aber normalerweise erschien sie als hochgewachsene, flotte Blondine in einer griechischen Tunika, die ihr bis zu den Knien reichte. Sie saß mit den Händen im Schoß da und starrte mit der Andeutung eines leichten Lächelns durch die Windschutzscheibe des Wagens nach vorn.

„Was zur Hölle glaubst du tust du hier eigentlich?“, fauchte ich sie an. „Versuchst du, mich umzubringen?“

„Jetzt benimm dich nicht wie ein Baby“, antwortete sie mit einem amüsierten Unterton in der Stimme. „Niemandem ist etwas passiert.“

„Das verdanken wir sicher nicht dir“, knurrte ich. „Schnall dich an!“

Sie sah mich diskret gelangweilt an. „Sterblicher, ich besitze keine körperliche Gestalt. Ich existiere nur in deinen Gedanken. Ich bin ein geistiges Abbild. Eine Illusion. Ein Hologramm, das nur du sehen kannst. Es besteht nicht der geringste Grund, einen Sicherheitsgurt anzulegen.“

„Es geht ums Prinzip“, sagte ich. „Mein Auto, mein Gehirn, meine Regeln. Schnall dich verdammt noch mal an oder verschwinde!“

Sie seufzte tief. „Na gut.“ Sie wandte sich zur Seite, wie es jeder gewöhnliche Mensch getan hätte, zog den Gurt nach vorn um ihre Taille und ließ den Verschluss einrasten. Ich wusste, dass sie nie nach dem wirklichen, stofflichen Gurt hätte greifen können, um das zu tun, also war das, was ich jetzt sah, ein Illusion – aber eine ganz schön überzeugende. Ich würde mich ziemlich anstrengen müssen, um zu bemerken, dass sich der tatsächliche Sicherheitsgurt keinen Millimeter bewegt hatte.

Lasciel sah mich an. „Ausreichend?“

„Gerade so“, sagte ich, während ich fieberhaft nachdachte. Lasciel, wie sie mir soeben erschienen war, war Teil eines tatsächlichen gefallenen Engels. Der wahrhaftige Engel war innerhalb eines Silberdenars gefangen, einer römischen Münze, die ich unter einem guten Meter Beton in meinem Keller begraben hatte. Als ich die Münze berührt hatte, hatte ich der Persönlichkeit des Dämons einen gewissen Ausweg geschaffen – verkörpert durch das eigenständige Gedankenkonstrukt, das nun in meinem Kopf hauste, wahrscheinlich in den neunzig Prozent des Gehirns, die wir Menschen nicht nutzen. Na ja, in meinem Fall wohl eher fünfundneunzig. Lasciel konnte mir erscheinen, konnte sehen, was ich sah und fühlte, konnte zu einem gewissen Grad meine Erinnerungen durchstöbern und, was am verstörendsten war, sie konnte Illusionen erschaffen, die ich nur mit größter Mühe zu durchschauen vermochte – genau wie sie eben gerade die Illusion ihrer körperlichen Präsenz in meinem Auto erschuf. Eine äußerst anziehende, attraktive und absolut reizende Präsenz. Das Miststück.

„Ich war eigentlich der Meinung, wir hätten uns geeinigt“, fauchte ich. „Ich will nicht, dass du einfach angetrabt kommst, außer, wenn ich dich rufe.“

„Ich habe dieses Übereinkommen auch respektiert“, antwortete sie. „Ich bin nur gekommen, um dich daran zu erinnern, dass dir meine Dienste und Ressourcen zur Verfügung stehen, wenn du sie brauchst, und dass mein vollständiges Ich, das im Moment unter dem Boden deines Labors ruht, genauso bereit ist, dir zu helfen.“

„Du tust gerade so, als hätte ich mir gewünscht, dass du da bist. Wenn ich wüsste, wie ich dich aus meinen Gedanken löschen kann, ohne mich dabei umzubringen, würde ich das tun, ohne mit der Wimper zu zucken“, entgegnete ich.

„Der Teil von mir, der sich mit dir deine Gedanken teilt, ist nur ein Schatten meines wahren Ichs“, sagte Lasciel. „Doch gib Acht, Sterblicher. Ich bin. Ich existiere, und mir ist sehr daran gelegen, dass das so bleibt.“

„Wie gesagt, wenn ich es könnte, ohne dabei selbst ins Gras zu beißen“, knurrte ich. „Bis dahin geh mir aus den Augen, außer du bestehst darauf, dass ich dich in einem Abstellkämmerchen in meinem Gehirn ankette.“

Ihre Mundwinkel zuckten, vielleicht war es Ärger, doch ansonsten konnte ich in ihrem Gesicht nichts lesen. „Wie du willst“, meinte sie und legte den Kopf schief. „Aber wenn schwarze Magie in Chicago tatsächlich einmal mehr im Kommen ist, kann es sein, dass du jedes Werkzeug brauchen wirst, das dir zur Verfügung steht, und da du überleben musst, damit auch ich am Leben bleibe, habe ich allen Grund, dir zu helfen.“

„Ein schwarzes Schächtelchen“, sagte ich. „Ohne Löcher im Deckel. Die riecht wie ein Umkleideraum in einer High School.“

Sie schürzte abermals die Lippen, ein Ausdruck wachsamer Belustigung. „Wie du willst, mein Gastgeber.“

Damit war sie verschwunden, hatte sich in die finstersten Gewölbe meines Gedankengebäudes oder wohin auch immer sie sich sonst verzog zurückgezogen. Ich bebte. Ich stellte sicher, dass meine Gedanken so gut wie möglich abgeschirmt und vor ihrer Neugierde geschützt waren. Es lag nicht in meiner Macht zu verhindern, dass Lasciel mitbekam, was ich hörte oder sah, oder dass sie wild in meinen Erinnerungen herumstöberte, doch hatte ich gelernt, wenigstens meine augenblicklichen Gedanken vor ihr zu verschleiern. Das tat ich auch ständig, um zu verhindern, dass sie zu schnell zu viel über mich erfuhr.

Das hätte ihr nur geholfen, ihr Ziel zu erreichen – mich zu überzeugen, die antike Silbermünze auszugraben, die geschützt durch Sprüche und Beton unter meinem Labor in der Erde schlummerte. In dieser Münze, einem römischen Denar – einem aus einer Sammlung von insgesamt dreißig – hauste das gesamte Wesen des gefallenen Engels Lasciel.

Wenn ich mich entschlossen hätte, mich mit ihr zu verbünden, hätte mir beträchtliche Macht zur Verfügung gestanden. Die Macht und das Wissen eines gefallenen Engels konnten einen Menschen in eine tödliche und so gut wie unsterbliche Bedrohung verwandeln – zum niedrigen Discountpreis der eigenen Seele. Wenn man einmal bei einem der sprichwörtlichen Engel der Hölle unterschrieben hatte, war man nicht mehr der Kapitän am eigenen Steuerrad. Je mehr man zuließ, dass sie einem halfen, desto mehr gab man ihnen gegenüber den eigenen Willen auf, und schon traf der gefallene Engel die Entscheidungen.

Ich hatte mir die Münze einen Herzschlag bevor das Kleinkind eines Freundes danach greifen konnte geschnappt, und schon ihre Oberfläche zu berühren hatte ausgereicht, einen Teil von Lasciels Persönlichkeit, ihres Intellekts, in meinen Kopf zu transferieren. Sie hatte mir im vergangenen Herbst geholfen, ein paar echt miese Tage zu überstehen, und ihre Unterstützung war wirklich unschätzbar gewesen. Aber genau da lag das Problem. Ich durfte mir nicht erlauben, mich auf ihre Hilfe zu verlassen, denn früher oder später würde ich mich daran gewöhnen, und dann würde ich sie genießen, und irgendwann würde es mir wie gar keine so blöde Idee mehr vorkommen, die Münze in meinem Keller auszubuddeln.

Das Ganze wiederum hatte zur Folge, dass ich den Vorschlägen des gefallenen Engels gegenüber ständig auf der Hut sein musste. Auch wenn der Preis nie deutlich war, er war immer da. Lasciel hatte recht, was die Gefährlichkeit von Situationen anging, wenn tatsächlich wahre schwarze Magie im Spiel war. Es war gut möglich, dass ich tatsächlich Hilfe benötigen würde.

Ich dachte an die, die in der Vergangenheit an meiner Seite gekämpft hatten. Ich dachte an meinen Freund Michael, dessen Kind nach der Münze gegriffen hatte.

Ich hatte Michael seither nicht mehr gesehen. Ich hatte ihn nicht angerufen. Er hatte sich ein paarmal bei mir gemeldet, um mich zum Thanksgiving-Essen einzuladen und um zu fragen, ob es mir gut ginge. Ich hatte jede Einladung ausgeschlagen und alle Telefongespräche so kurz wie möglich gehalten. Michael wusste nicht, dass ich einen der Schwarzen Denare aufgehoben und somit ein Symbol in meinen Besitz genommen hatte, das unter Umständen einen Ritter des Schwarzen Denars aus mir machen konnte. Ich hatte bereits mit mehreren Denariern die Klingen gekreuzt und einen von ihnen getötet.

Sie waren Ungeheuer der übelsten Sorte, und Michael war Kreuzritter. Er war einer von drei Menschen auf Erden, die auserwählt waren, ein heiliges Schwert zu führen, und damit meine ich ein waschechtes heiliges Schwert. Jede dieser Waffen enthielt der Legende nach, eingearbeitet in die Klinge, einen Nagel des wahren Kreuzes. Michael bekämpfte die Dunkelheit, besiegte sie. Er rettete Kinder und Unschuldige aus Gefahr, und er würde sich den düstersten Kreaturen in den Weg stellen, ohne mit der Wimper zu zucken, so stark war sein Glaube, dass Gott ihm die Kraft verleihen würde, die Finsternis zu überwinden.

Er hegte keine Sympathien für seine Gegner, die Denarier, machthungrige Psychopathen, die ebenso entschlossen waren, Leid und Trauer zu verbreiten, wie Michael sich bemühte, eben diese einzudämmen.

Ich hatte ihm nie von der Münze erzählt. Ich wollte nicht, dass er wusste, dass ich mein Hirn mit einem Dämon teilte. Ich wollte nicht, dass er schlecht von mir dachte. Michael besaß Integrität. Einen Großteil meines Erwachsenendaseins war der Weiße Rat überzeugt gewesen, dass ich eine Art Monster war, das nur auf die Gelegenheit wartete, sich in seine wahre Gestalt zu verwandeln und alles um es herum in Schutt und Asche zu legen. Aber Michael hatte von dem Zeitpunkt an, an dem wir uns zum ersten Mal getroffen hatten, immer unerschütterlich auf meiner Seite gestanden. Seine bedingungslose Unterstützung war der Grund, dass ich mich in meiner Haut verdammt viel besser fühlte. Ich wollte nicht, dass ich in seinen Augen dasselbe war wie die Denarier. Also würde ich ihn auch nicht um Hilfe bitten, bis ich Lasciels blöde geistige Sockenpuppe wieder los war.

Ich würde mich alleine darum kümmern.

Ich war ziemlich sicher, dass der Tag nicht viel schlimmer werden konnte.

Doch sobald mir dieser Gedanke durch den Kopf geschossen war, hörte ich ein lautes Knirschen, und mein Kopf knallte gegen die Kopfstütze des Fahrersitzes. Der Käfer erzitterte und schlingerte wild, während ich darum kämpfte, ihn unter Kontrolle zu halten.

Man sollte meinen, ich müsste es jetzt wirklich langsam besser wissen.

4. Kapitel

Ich schaffte es, einen hektischen Blick über die Schulter zu werfen und konnte ein wahres Schlachtschiff von altem Chrysler erspähen, dunkelgrau und mit getönten Scheiben, bevor das Auto erneut in den Käfer krachte und ihm einen tödlichen Drall verpasste. Mein Kopf peitschte zur Seite, knallte gegen das Fenster, und ich konnte die qualmenden Reifen fast riechen, als diese gleichzeitig nach vorn und zur Seite schlitterten. Ich spürte, wie das Auto gegen den Randstein prallte und dann leicht nach oben ruckte. Ich riss das Lenkrad herum und trat auf die Bremse, als mein Körper auf Dinge reagierte, denen mein betäubtes Gehirn immer noch hinterher hechelte. Ich glaube, mir gelang es zu verhindern, dass die Angelegenheit ein totales Fiasko wurde, da ich in einem spitzen Winkel gegen eine Mauer donnerte, statt in den entgegenkommenden Verkehr zu schießen. Ich schaffte es, die Beifahrerseite des Käfers großflächig gegen das Gebäude an der Straße zu rammen. Backsteine schmirgelten über Stahl, bis ich etwa zwanzig Meter weiter zum Stehen kam.

Vor meinen Augen schwammen Sternchen, die ich beiseite zu wedeln versuchte, um mir das Nummernschild des Chryslers genauer anzusehen – doch der war innerhalb eines Herzschlages verschwunden. Zumindest glaubte ich das. Wenn ich ganz gnadenlos ehrlich bin, brummte mir so der Schädel, dass der Wagen in einem lila Tutu einen Ausdruckstanz vor mir hätte vollführen können, ohne dass es mir aufgefallen wäre.

Einfach dazusitzen klang nach einer echt guten Idee, also saß ich einfach da. Nach einiger Zeit beschlich mich der vage Verdacht, ich sollte eventuell doch sicherstellen, dass niemandem etwas passiert war. Ich sah mich um. Kein Blut, was immer positiv ist. Ich blickte benommen rund um das Auto. Keine Hilfeschreie. Keine Leichen im Rückspiegel. Nichts brannte. Auf der Beifahrerseite war überall zerborstenes Sicherheitsglas, doch die Rückscheibe hatte ich schon vor einiger Zeit durch eine durchsichtige Plastikplane ersetzt.

Der Käfer, wackerer Streiter gegen die Mächte des Bösen und alternative Treibstoffe, tuckerte weiter vor sich hin, auch wenn sich in das Motorengeräusch im Gegensatz zu seinem üblichen griesgrämigen Pfeifen ein stöhnendes Pfeifen gemischt hatte. Ich versuchte, die Tür zu öffnen. Sie ging nicht auf. Ich kurbelte das Fenster herunter und hievte mich langsam aus dem Auto. Wenn ich die Energie aufbringen konnte, cool über die Motorhaube zu rutschen, ehe ich wieder einstieg, stand einer Bewerbung für „Ein Duke kommt selten allein“ nichts mehr im Wege.

„Hier in Duke-Land“, nuschelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart, „mögen wir keine vorsätzlichen Unfälle mit Fahrerflucht!“

Es dauerte keine Ahnung wie viele Minuten, bis sich der erste Cop blicken ließ, ein Streifenpolizist namens Grayson, den ich kannte. Grayson war ein älterer Polizist, ein Hüne mit einer großen, roten Nase und einem gemütlichen Bierbauch, der aussah, als könnte er wütende Besoffene vermöbeln oder unter den Tisch saufen, je nachdem, wonach ihm gerade der Sinn stand. Er stieg aus seinem Wagen aus und begann, mir in einer leisen, besorgten Stimme Fragen zu stellen. Ich antwortete, so gut ich dazu in der Lage war, aber irgendein Kabel zwischen meinem Gehirn und meinem Mund war wohl durchgeschmort, und ich bemerkte, wie er mich genau musterte und dann das Innere des Käfers nach offenen Behältern absuchte, bevor er mich anwies, mich auf den Boden zu setzen, um den Verkehr um uns herum zu regeln. Ich setzte mich auf den Randstein, was mir ganz recht war. Ich sah zu, wie sich der Gehsteig fröhlich drehte, bis mich jemand an der Schulter berührte.

Karrin Murphy, die Leiterin der Sondereinheit der Polizei von Chicago, sah aus wie die typische süße Teenagerschwester aus dem Fernsehen. Sie war eine Haaresbreite größer als eins fünfzig, hatte hellblondes Haar, blaue Augen, ein Stupsnäschen und beinahe unsichtbare Sommersprossen. Sie bestand fast ganz aus drahtigen Muskeln; der Körperbau einer Leichtathletin, der jedoch nicht an weiblichen Kurven sparte. An diesem Tag trug sie ein weißes Baumwollhemd und Bluejeans sowie eine Baseballkappe der Cubs auf dem Kopf und eine verspiegelte Sonnenbrille im Gesicht.

„Harry?“, fragte sie. „Bist du in Ordnung?“

„Onkel Jesse wird furchtbar enttäuscht sein, dass Boss Hoggs Gauner General Lee so zerbeult haben“, schniefte ich und zeigte auf mein Auto.

Sie starrte mich einen Augenblick lang an und sagte dann: „Weißt du, dass du eine ganz schöne Beule auf der einen Seite deines Kopfes hast?“

„Nö“, sagte ich. Ich tastete mit einem Finger danach. „Habe ich?“

Murphy seufzte und schob sanft meinen Finger weg. „Jetzt mal im Ernst. Wenn du dermaßen durcheinander bist, dass du nicht mal mit mir reden kannst, muss ich dich in ein Krankenhaus bringen.“

„Tut mir leid“, seufzte ich. „War ein langer Tag. Ich habe mir ziemlich den Schädel angedonnert. In einer Minute bin ich wieder klar.“

Sie atmete aus, nickte und ließ sich neben mir auf dem Randstein nieder. „Macht es dir was aus, wenn ich einen der Rettungssanis bitte, sich dich mal anzusehen? Einfach nur, um auf Nummer sicher zu gehen?“

„Die wollen mich sicher ins Krankenhaus schleifen“, widersprach ich. „Zu gefährlich. Ich könnte dem Lebenserhaltungssystem eines armen Teufels einen Kurzschluss verpassen. Außerdem hat der Rote Hof die Kliniken unter Beobachtung, um unseren Verwundeten Hinterhalte zu legen. Ich könnte das Feuer auf andere Patienten ziehen.“

„Das weiß ich“, sagte sie ruhig. „Ich werde nicht zulassen, dass sie dich mitnehmen.“

„Oh. Na dann“, sagte ich. Ein Rettungssanitäter untersuchte mich. Er leuchtete mir in die Augen, wofür ich ihm leicht gegen das Schienbein trat. Er murmelte eine Minute lang vor sich hin, stupste mich hier und da an, untersuchte, maß und zählte und so weiter. Dann schüttelte er den Kopf und verkündete: „Vielleicht eine leichte Gehirnerschütterung. Er sollte einen Arzt aufsuchen, nur um sicherzugehen, Lieutenant.“

Murphy nickte, dankte dem Sani und sah bedeutungsschwanger zum Krankenwagen hinüber. Der Sani wieselte von dannen, und man sah ihm klar an, dass ihm das ganz und gar nicht recht war.

Murphy setzte sich wieder neben mich. „Na gut. Raus mit der Sprache. Was ist passiert?“

„Jemand in einem dunkelgrauen Chrysler hat versucht, auf meiner Rückbank einzuparken.“ Ärgerlich wedelte ich mit der Hand, als sie den Mund öffnete. „Nein. Ich habe das Nummernschild nicht mehr sehen können. Ich war zu beschäftigt, mir die Karriereoptionen als Crashtest-Dummy durch den Kopf gehen zu lassen.“

„Den Schnupperkurs hast du hinter dir“, meinte sie. „Steckst du wieder in irgendwelchen Schwierigkeiten?“

„Noch nicht“, klagte ich. „Bei den Toren der Hölle, Murphy! Vor einer verdammten halben Stunde hat man mich informiert, dass irgendwo in Chicago die metaphysische Kacke am Dampfen ist. Ich hatte noch nicht mal Zeit, auch nur zu beginnen, mir das Ganze anzusehen, und schon versucht jemand, aus mir einen Werbestar für Sicherheitsgurte und Airbags zu machen.“

„Bist du sicher, dass es Absicht war?“

„Uneingeschränkt. Aber wer auch dahintersteckt, es war kein Profi.“

„Warum?“

„Ein Profi hätte mich leicht ins Schleudern bringen können. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass er da war, bis er in mich hinein gedonnert ist. Hätte mich ins Schleudern bringen können, bevor ich die Chance gehabt hätte, das Auto wieder unter Kontrolle zu bekommen. Hätte mich ein paar Mal überschlagen – was mich höchstwahrscheinlich ziemlich gründlich getötet hätte.“ Ich massierte mir den Nacken. „Das hier ist auch nicht gerade der beste Ort dafür.“

„Gelegenheitsangriff“, sagte Murphy.

„Wassn das?“

Sie grinste flüchtig. „Wenn du die Gelegenheit nicht erwartet hast, sie sich dir trotzdem bietet und du beschließt, sie zu ergreifen und nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.

„Oh. Ja, wahrscheinlich.“

Murphy schüttelte den Kopf. „Sieh mal. Vielleicht ist es ja wirklich besser, wenn ich dich zum Arzt bringe.“

„Nein“, sagte ich. „Wirklich. Mir geht’s gut. Aber ich will so schnell wie möglich verschwinden.“

Murphy atmete langsam ein und nickte. „Ich werde dich nach Hause bringen.“

„Danke.“

Grayson kam zu uns herüber. „Der Abschleppwagen ist auf dem Weg“, informierte er Murphy. „Was haben wir denn?“

„Unfall mit Fahrerflucht“, sagte Murphy.

Grayson zog seine Brauen hoch und musterte mich eindringlich. „Ja? Sieht eher so aus, als hätte er Sie mehr als einmal erwischt. Wie mit Absicht.“

„Soweit ich es beurteilen kann, war es ein Unfall“, versicherte ich.

Grayson nickte. „Da sind noch Klamotten auf Ihrem Rücksitz. Sieht aus, als wäre Blut darauf.“

„Überbleibsel vom letzten Halloween“, sagte ich. „Das ist Kostümkram. Ein Umhang, Roben und so Zeug. Vollkommen eingesudelt mit Kunstblut. Sah total abgeschmackt aus.“

Grayson schnaubte. „Sie sind noch schlimmer als mein Sohn. Er hat immer noch sein Football-Trikot vom letzten Herbst auf dem Rücksitz.“

„Aber er fährt höchstwahrscheinlich ein besseres Auto.“ Ich blickte zum Käfer hinüber. Mein Wagen war ziemlich geschrottet, und ich zuckte leicht zusammen. Es handelte sich bei dem Käfer nicht um eine kostbare Antiquität, aber er war meinAuto. Ich fuhr mit ihm herum. Ich mochte ihn. „Ich bin sogar sicher, dass er ein besseres Auto hat.“

Grayson kicherte verschmitzt. „Ich muss ein paar Formulare ausfüllen. Sind Sie in der Lage, mir zu helfen?“

„Aber klar“, versicherte ich.

„Danke für den Anruf, Sergeant“, sagte Murphy.

„De nada“, antwortete Grayson und tippte sich mit einem Finger an den Schirm seiner Kappe. „Ich besorge die Formulare, sobald der Abschleppwagen hier ist, Dresden.“

„Cool“, antwortete ich.

Grayson verzog sich, und Murphy starrte mich für einen Augenblick kühl an.

„Was?“, fragte ich leise.

„Du hast ihn angelogen“, antwortete sie. „Was die Gewandung und das Blut anbelangt.“

Ich zuckte mit einer Schulter.

„Du hast verdammt geschickt gelogen. Ich meine, ich wusste überhaupt nicht …“, sie schüttelte den Kopf. „Es überrascht mich. Das ist alles. Du warst immer ein absolut erbärmlicher Lügner.“

„Äh“, entgegnete ich schlagfertig. Ich war nicht sicher, wie ich das auffassen sollte. „Danke?“

Sie kicherte ironisch. „Was steckt wirklich dahinter?“

„Nicht hier“, sagte ich. „Lass uns später reden.“

Murphy musterte mein Gesicht für eine Weile, um mich dann noch fürsorglicher anzusehen. „Harry? Was ist passiert?“

Das Bild des schlaffen, kopflosen Körpers des namenlosen jungen Mannes kam mir in den Sinn. Zu viele Emotionen brandeten hoch, bis mein Hals so zugeschnürt war, dass ich kein Wort mehr über die Lippen hätte bringen können. Also schüttelte ich andeutungsweise den Kopf und zuckte die Achseln.

Sie nickte. „Kommst du klar?“

Ich bemerkte eine seltsame Sanftheit in ihrer Stimme. Durch ihre Arbeit bei der Sondereinheit der Polizei von Chicago befand sich Murphy fast ausschließlich in einem männlichen Umfeld, und sie umgab sich ständig mit einer Aura der Zähigkeit, die sie fast so beeindruckend erscheinen ließ, wie sie tatsächlich war. Diese Fassade blieb so gut wie immer gleich, zumindest in der Öffentlichkeit und wenn andere Gesetzeshüter in der Nähe waren. Aber als sie mich ansah, machte ich eine leise, definitive Verletzlichkeit in ihrer Stimme aus, derer sie sich nicht schämte.

Wir hatten in der Vergangenheit Meinungsverschiedenheiten gehabt, doch Murphy war eine verdammt gute Freundin. Ich warf ihr mein bestes schiefes Lächeln zu.

„Ich komme immer klar. Mehr oder weniger.“

Sie streckte die Hand aus und strich mir eine Haarsträhne aus meiner Stirn. „Du bist voll das Mädchen, Dresden. Ein kleiner Rums mit dem Auto, und schon wirst du ganz gefühlsduselig und pathetisch.“ Ihr Blick schweifte erneut zum Käfer, und in ihren Augen brannte himmelblaues Feuer. „Weißt du, wer das war?“

„Noch nicht“, knurrte ich in dem Augenblick, als der Abschleppwagen eintraf. „Aber du kannst deinen Arsch darauf verwetten, dass ich es herausfinden werde.“

5. Kapitel

Als wir bei mir daheim ankamen