Schwanentod - Corina Bomann - E-Book
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Beschreibung

Ein grausamer Fund erschüttert das Leben auf der beschaulichen Urlaubsinsel Rügen: Die aufstrebende Ballerina Sandrine treibt in einem Schwimmbecken – tot, mit abgeschnittenen Füßen und umgeben von weißen Schwanenfedern. Die 17-jährige Clara liest in der Lokalzeitung von dem Mord. Als sie kurze Zeit später eine bedrohliche anonyme SMS erhält, wird ihr klar, dass es jemand auch auf sie abgesehen hat. Etwa Sandrines Killer? Was plant er als nächstes? Clara beginnt zu recherchieren und schaut hinter die Fassade der Ballettwelt, in der ein harter Konkurrenzkampf herrscht. Dabei ahnt sie nicht, dass ein Spiel begonnen hat, bei dem nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihrer Freunde in tödlicher Gefahr ist.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:405


Corina Bomann

ISBN eBook: 978-3-649-66869-5

© 2016 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Corina Bomann

Lektorat: Valerie Flakowski, Sara Mehring

Das Buch (Hardcover) erscheint unter der ISBN 978-3-649-61683-2

www.coppenrath.de

Prolog

Leise knarrten die Dielen unter Sandrines Schritten, als sie den Flur durchquerte. Im Tanzstudio war es kühl. Offenbar hatte die Frau, die hier sauber machte, vergessen, die Heizung anzustellen.

Fröstelnd rieb sich das Mädchen die Schultern. Kälte war Gift für die Muskeln einer Tänzerin. Schnell konnte man sich eine Zerrung einfangen. Das war das Letzte, was sie brauchte, denn schon bald würden die großen Proben am Theater beginnen. Aus diesem Grund hatte ihr die Ballettlehrerin erlaubt, im Studio zu üben, wann immer sie wollte. Madame Rosi war mächtig stolz gewesen, dass eine ihrer Elevinnen die Rolle der Odette in »Schwanensee« ergattert hatte. Es war ein harter Wettbewerb gewesen. Jede freie Minute hatte Sandrine trainiert. Aber letztlich hatte es sich ausgezahlt. Odette, die schöne Prinzessin, die vom Zauberer Rotbart in einen Schwan verwandelt und erst von diesem Bann erlöst wurde, als Prinz Siegfried ihr seine ewige Liebe schwor – Sandrine war überglücklich über ihren Sieg im Tanzwettbewerb und ging völlig in ihrer Rolle als verzauberte Odette auf.

Als Sandrine auf der Bühne stand, brauchte sie nicht so zu tun, als wäre sie ein Schwan. Sie war der Schwan. Der gute wie der böse. Die Juroren waren begeistert. Wo die anderen mit dem Satz »Wir melden uns« davongeschickt wurden, durfte sie bleiben und wurde gecastet. Die Tür zur Umkleide knarrte leise beim Öffnen. Der verblassende Duft von Deospray strömte ihr entgegen. Jemand hatte sein Handtuch auf einer der Bänke liegen gelassen. Wahrscheinlich wieder Olga, ging es ihr durch den Sinn. Die hält sowieso nie Ordnung.

Sandrine legte ihre Tasche auf einem der Stühle ab, dann schälte sie sich aus ihren Kleidern. Schlagartig überzog eine Gänsehaut ihren Körper. Zähneklappernd schlüpfte sie in ihr schwarzes Trikot und die weißen Shorts, dann zog sie ihre Legwarmer über. Anschließend betrachtete sie sich im Spiegel.

Die Angst zuzunehmen, saß ihr ständig im Nacken, obwohl es dafür eigentlich keinen Anlass gab. Ihre Taille war gertenschlank, ebenso ihre Beine, kein überflüssiges Gramm saß auf ihren Hüften. Nicht viele Mädchen aus dieser Ballettschule konnten mit ihr mithalten.

Doch der Druck war hoch, nur die besten Mädchen bekamen ein Stipendium und durften auf eine internationale Karriere hoffen. Sandrine gehörte zu ihnen. Die Ballettschule in Bergen war nur eine Zwischenstation. Wenn ihre Eltern wieder zur Vernunft kamen und nach Frankreich zurückkehrten – es konnte nicht mehr lange dauern, denn dieser Teil Deutschlands war einfach zu öde –, würde sie nach Paris zurückgehen und dort in eine der besten Ballettschulen. So lange würde sie eben hier üben. Sich verbessern. Und beim großen Open Air »Schwanensee« tanzen. Die Ballettschulen würde es nicht kümmern, wo sie aufgetreten war, sondern nur, dass sie aufgetreten war. In einer Hauptrolle, bei der sie sich sogar gegen erwachsene Tänzerinnen durchgesetzt hatte.

Ein Geräusch riss Sandrine aus ihren Gedanken. Irgendwo ging eine Tür. Kam die Ballettlehrerin? Oder eine ihrer Mitschülerinnen?

Es war Samstagnachmittag, das reguläre Training begann aber erst um drei. Sandrine blickte auf ihre Uhr, bevor sie sie abnahm und zu ihren Sachen legte. 14:35 Uhr. Ein bisschen Zeit hatte sie noch, bevor sich die Räume füllten und es schwierig wurde, sich richtig zu konzentrieren.

Rasch strich sich Sandrine das Trikot glatt und holte ihre Spitzenschuhe hervor. Rasch überprüfte sie die Einlagen, dann schlüpfte sie hinein und schloss mit geübten Handbewegungen die Schleifen. Als sie diese Schuhe zum ersten Mal trug, hatte sie geglaubt, sich nie daran gewöhnen zu können. Regelrecht gehasst hatte sie sie!

Aber nun wollte sie sie gar nicht mehr von ihren Füßen wegdenken. Immer wenn Sandrine sie ablegte, kam sie sich nackt vor, ihrer Fähigkeiten beraubt. Natürlich konnte sie auch ohne Spitzenschuhe tanzen, aber jede Bewegung wirkte mit ihnen gleich eleganter.

Als sie fertig war, trat sie nach draußen.

Wer auch immer das Studio betreten hatte, musste sich irgendwo hingesetzt haben, denn Schritte vernahm Sandrine nicht mehr. Vielleicht hatte sich die Ballettlehrerin in ihr Büro begeben, weil sie glaubte, dass noch niemand da sei.

Sandrine war es recht so, dann konnte sie ungestört üben. Und wenn Madame erschien, würde sie sich freuen, dass ihre Meisterschülerin schon eifrig bei der Sache war.

Sie stellte sich vor den Spiegel und begann mit ihren Aufwärm- und Dehnübungen. Diese waren äußerst wichtig, damit sie sich bei den Tanzfiguren nicht verletzte.

Wie immer rief sie sich dabei eine Melodie ins Gedächtnis, diesmal war es der Walzer aus »Schwanensee«. Sie schloss die Augen, während sie ihre Beine an der Ballettstange dehnte und sich dann vorbeugte. Sie sah sich schon vor jubelndem Publikum über die Bühne tanzen.

»Das machst du wirklich gut.«

Die Stimme ließ Sandrine in ihrer Bewegung erstarren. Sie war so versunken gewesen in die Melodie ihrer Gedanken, dass sie nicht bemerkt hatte, dass jemand hinter sie getreten war. Jetzt sah sie die Gestalt im Spiegel. Unter der Kapuze ihres viel zu weiten grauen Pullovers war ihr Gesicht nicht zu erkennen.

Sandrine stieß einen kurzen Schrei aus und wirbelte erschrocken herum.

»Wer sind Sie?«, fragte sie. Dann erstarrte sie, als sie etwas in der Hand der Gestalt aufblitzen sah.

Nein, das konnte nicht sein!

Sandrine stieß einen wimmernden Laut aus. Ihr Herz schlug ihr auf einmal bis zum Hals. Ihre Knie fühlten sich an, als hätte sie tagelang ununterbrochen geübt.

Wäre sie doch bloß nicht so früh von zu Hause aus aufgebrochen!

»Du hast Angst, nicht wahr?«, tönte es ihr höhnisch entgegen.

Verzweifelt suchte Sandrine nach einem Ausweg. Würde sie es bis zur Tür schaffen? Die Gestalt war schlank, trug Jeans und einen Kapuzenpullover – machte einen sportlichen Eindruck. Und war weiblich, wenn man nach der Stimme ging.

»Aber keine Sorge, ich werde dich nicht leiden lassen. Es wird ganz schnell gehen, das verspreche ich dir.«

Sandrine schnappte erschrocken nach Luft. Ihr Herz begann zu rasen. Warum wollte sie ihr etwas antun? Vielleicht wegen der »Schwanensee«-Aufführung? Sandrine hatte keinen Zweifel daran, dass sie versuchen würde, sie umzubringen.

Einen Moment noch stand sie wie erstarrt, dann stürmte sie zur Seite. Sie war körperlich fit, konnte nicht nur tanzen, sondern war auch eine gute Sprinterin. Im Sportunterricht war sie die Schnellste.

Als sie aus dem Ballettsaal stürzte, waren ihr die Schritte ganz nah.

Wenige Augenblicke später erreichte sie die Tür. Sie umfasste die Klinke, wollte den Türflügel aufreißen, doch ihre Finger glitten vom Metall ab. Verschlossen! Die verdammte Tür war verschlossen!

Sandrine wimmerte erneut auf, dann drehte sie sich herum. Ein verzweifelter Gedanke durchzuckte ihr Hirn: Ich muss zum Hintereingang.

In dem Augenblick schoss eine Hand auf sie zu. Etwas Weiches drückte sich auf ihr Gesicht. Sandrine versuchte, die Gestalt abzuwehren, aber sie war stärker als sie.

Ein beißender Geruch füllte die Lungen des Mädchens. Sie versuchte, sich zu wehren, doch da spürte sie plötzlich einen Stich am Hals. Schmerzhaft wurde eine Flüssigkeit in ihr Gewebe gepresst. Eine Spritze, schoss es ihr durch den Kopf, dann erschlafften ihre Glieder und sie stürzte in die Dunkelheit.

Das Mädchen war schwerer, als man es einer Ballerina zugetraut hätte, die sich nur von Orangensaft und Äpfeln ernährte, um ihre Figur zu halten. Die Kleine mochte vielleicht zierlich aussehen, aber ihre Knochen wogen genug, um ins Schwitzen zu kommen.

Es war eine Sache, eine Tänzerin zu heben, wenn sie sich mitten in einem Sprung befand, doch eine vollkommen andere, wenn sie einem leblos in den Armen hing.

Die Gestalt hatte keine andere Wahl, als sie fallen zu lassen. Dumpf schlug der Körper auf dem Boden auf. Das Geräusch widerte sie an.

»Scheiße«, murmelte die Gestalt, während sie die Plastikkappe wieder auf die Kanüle steckte und beides dann in der Jackentasche verschwinden ließ.

Schon bald würden die anderen da sein. Durch das kleine Gespräch war wertvolle Zeit verloren gegangen, jetzt musste sie sich beeilen.

Aber sie hatte an alles gedacht. Ohnehin war es riskant, zu dieser Uhrzeit den Körper durch die Stadt zu karren. Sie würde ihn zwischenlagern, bis es dunkel war. Und dann würde sie dem Schwan die Flügel stutzen.

Sie beugte sich über die Bewusstlose, deren Atem nur noch flach ging. Es war schwierig gewesen, an das Narkosemittel zu kommen. Dafür hatte die Wirkung schneller eingesetzt als gedacht. Zehn Sekunden, hatte man ihr gesagt. Doch die Kleine hatte nur drei gebraucht, um das Bewusstsein zu verlieren, da war sie sicher.

Wenn das Mittel nicht kontinuierlich verabreicht wurde, bestand die Möglichkeit, dass sie nach zehn Minuten wieder erwachte. Aber nur, wenn sie mit Sauerstoff versorgt wurde. Sauerstoff war in diesem Fall nicht nötig.

Allerdings gab es ein Restrisiko. Manche Patienten erlitten keinen Atemstillstand. Manche kamen durch und wurden wieder wach. Auch dafür hatte sie Sorge getragen. Allerdings musste das Mädchen von hier weg. Egal, ob sie erstickte oder nachbehandelt werden musste, hier konnte sie es nicht tun.

Die Gestalt strich noch einmal über das Haar des Mädchens. Eigentlich war sie sehr hübsch. Eine richtige kleine Odette. Zu dumm nur, dass sie sich um den Part der Schwanenkönigin gerissen hatte. Dieser stand nur einer Einzigen zu.

Stimmen vor der Tür vertrieben die Gedanken. Die anderen waren da. Sie musste los. Die verschlossene Tür würde ihr noch etwas Zeit verschaffen, aber es war auch möglich, dass es die Ballettmeisterin war, die den Schlüssel besaß.

All ihre Kraft zusammennehmend, zerrte die Gestalt am Arm des Mädchens. Der Boden war leider nicht glatt, doch irgendwie schaffte sie es, die Bewusstlose zu der kleinen Tür zu bugsieren, die zum Keller führte. Sie öffnete sie rasch, stieß den Körper hinein und zog ihn weiter. An der Treppe angekommen, hielt sie keuchend inne. Im ersten Moment meinte sie, Schritte gehört zu haben. Doch bei näherem Hinhören erkannte sie, dass es nur die Stimmen der Ballettschülerinnen vor der Tür waren.

Sie atmete durch, dann blickte sie auf den leblosen Körper vor sich. Nein, sie würde sich nicht noch einmal damit abschleppen. Mit wutverzerrter Miene versetzte die Gestalt dem Mädchen einen Tritt, sodass es das Gleichgewicht verlor und die Treppe hinunterstürzte. Dann folgte sie dem Körper auf Zehenspitzen in die Dunkelheit. Seltsamerweise kam ihr dabei das Musical »Phantom der Oper« in den Sinn.

Wie das Phantom wollte sie entscheiden, wer die Odette tanzte. Wenn nötig, mit Gewalt.

Sonntag

1

Zum ersten Mal blitzte Sonne durch das Herbstlaub, nachdem es in den vergangenen Tagen nur geregnet hatte.

Spatzen jagten an mir vorbei und über mir krächzten die Krähen. Der erdige Geruch des Herbstes stieg mir in die Nase, als ich das hohe Eisentor hinter mir ließ.

Auf dem Friedhof war kaum Betrieb. Irgendwo in der Ferne hörte ich, dass jemand Laub zusammenharkte, ansonsten war ich ganz allein.

Ich trat an das Grab meiner Eltern mit einem weißen Rosenstrauß in den Händen, den ich in einem kleinen Blumenladen gekauft hatte. Weiße Rosen waren die Lieblingsblumen meiner Mutter gewesen. Wenn mein Vater ihr eine Freude hatte machen wollen, hatte er ihr einen Strauß mitgebracht. Außer am Hochzeitstag, da hatte er ihr immer einen riesigen roten Strauß geschenkt.

Es gab einen Grund für meinen Besuch heute. Genau heute jährte sich der Unfall meiner Eltern zum siebten Mal. Die Bilder dessen, was damals geschehen war, verließen mich nie ganz, aber mittlerweile hatte ich sie besser in den Griff bekommen. Das mochte auch daran liegen, dass ein neues Leben für mich begonnen hatte.

Vor etwas mehr als zwei Monaten war ich ins Elitegymnasium Rotensand eingetreten und ins Internat auf Rügen gezogen. Der Einstand war alles andere als einfach gewesen, besonders wegen der Morde an einigen Mitschülerinnen. Unmittelbar nach meiner Ankunft im Internat hatte die Mordserie begonnen. Beinahe wäre ich selbst auf dem Friedhof gelandet, aber es war mir gelungen, den Mörder zu entlarven und dafür zu sorgen, dass er hinter Gitter kam.

Noch immer überlief mich eine Gänsehaut, wenn ich daran dachte. Wenn ich irgendwo einen toten Vogel liegen sah, wurde mir unwillkürlich übel. Aber wie hätte es mir auch gehen sollen, nachdem die Morde an meinen Mitschülerinnen erst wenige Wochen her waren?

Meine Zimmergenossin Susanne kam mir wieder in den Sinn. Ob sie ihrer Freundin Camilla, die eines der Opfer war, auf dem Friedhof ebenfalls einen Besuch abgestattet hatte? Sie hatte nichts davon gesagt, aber es lag nahe.

Ich schob den Gedanken an Susanne beiseite und blickte auf den Grabstein vor mir. Die Goldschrift war ein wenig angelaufen, auf dem Stein glitzerten Wassertropfen in der Sonne.

Die Namen meiner Eltern zu lesen, erfüllte mich immer mit tiefer Traurigkeit. Es war, als würde sich ein Elefant auf meine Brust setzen. Wären sie noch da, wäre ich nicht in den ganzen Schlamassel geraten. Ich würde jetzt wahrscheinlich in unserem alten Haus auf meinem Sofa liegen und lesen oder Musik hören, vielleicht hätten wir zum Abschluss der Herbstferien einen kleinen Ausflug gemacht. Aber so war es nun mal nicht.

Fest stand allerdings: Meine Eltern wären mächtig stolz auf mich gewesen. Eliteschülerin und Heldin des Internats. Als Letztere wollte ich nicht angesehen werden, aber in Rotensand hielten mich viele Schüler dafür.

Ich legte den Blumenstrauß auf den Grabhügel, um den sich die Friedhofsgärtnerei kümmerte. Das Geld dafür ging von einem Konto ab, auf dem das Geld, das meine Eltern mir vermacht hatten, lag. Es war kein Vermögen, würde aber, inklusive der Waisenrente, die ich bezog, reichen, um mir nach Volljährigkeit ein Studium zu ermöglichen.

Mittlerweile war ich mir sicher, dass es in Richtung Gerichtsmedizin oder Kriminaltechnik gehen würde. Seit ich dafür gesorgt hatte, dass der Krähenmann hinter Gitter gekommen war, konnte ich mir keinen besseren Beruf vorstellen als einen, der die Welt von Verbrechern befreite.

Plötzlich summte mein Handy. Ich war davon überzeugt, dass die Nachricht von Alex kam. Seit er nach Hause abgereist war, schrieb er mir ständig. Lächelnd zog ich das Telefon aus der Hosentasche. Viel zu lange hatten wir uns nicht mehr gesehen oder geküsst. Klar, die Ferien dauerten nur eine Woche, aber diese Woche war furchtbar lang gewesen ohne ihn.

Doch meine Freude wurde abrupt gebremst. Als das Displaylicht aufflammte, sah ich, dass die Nachricht nicht von Alex stammte. Sie kam von einer Trash-Mail-Adresse.

Erschrocken schnappte ich nach Luft, denn ich erinnerte mich noch sehr gut an diese Art der Kontaktaufnahme.

Mit zitternden Händen und klopfendem Herzen öffnete ich die Mail.

Ich hoffe, du hast unser kleines Spiel nicht vergessen.Wie versprochen melde ich mich nun, denn es gibt etwas für dich zu tun. Ich würde dir raten, so schnell wie möglich nach Hause zu fahren. Es gibt Neuigkeiten! Der Ratgeber.

Für einen Moment war ich wie erstarrt. Dass der »Ratgeber«, wie er sich selbst nannte, sich wieder bei mir meldete, konnte nichts Gutes bedeuten. Bei der Mordserie des Krähenmanns hatte er auf eine undurchsichtige Art seine Finger im Spiel gehabt, aber seitdem hatte die ganze Zeit über Funkstille geherrscht. Der Ratgeber hatte mich in Ruhe gelassen. Was wollte er jetzt? Und woher wusste er, dass ich nicht im Wohnheim war, wo ich seit dem Tod meiner Eltern lebte – zumindest während der Schulferien.

Es gibt etwas für dich zu tun. Hieß das, dass wieder ein Mörder zugeschlagen hatte? In unserem Internat?

Mir wurde auf einmal speiübel. Das Wasser lief mir im Mund zusammen und ich begann zu schwanken.

Keine Ahnung, warum, aber mir schoss sofort Alex in den Sinn. War etwas mit ihm?

Ich konnte es mir nicht vorstellen, aber andererseits …

Panisch suchte ich Alex’ Nummer auf der Kontaktliste, fand sie und wählte.

Die Sekunden zogen sich. Ein Klingeln nach dem anderen ertönte, ohne dass er ranging.

Schließlich meldete sich die Mailbox. In meinem Magen krampfte sich etwas zusammen und Schweiß brach mir aus. Gleichzeitig versuchte eine kleine Stimme, mich zu beruhigen. Es ist doch schon öfter vorgekommen, dass er nicht gleich rangegangen ist.

»Hi, Alex, hier ist Clara, bitte melde dich, wenn du meine Nachricht abhörst.«

Mein Versuch, nicht panisch zu klingen, schlug grandios fehl.

Während ich in den nächsten Minuten immer wieder mein Handy überprüfte, lief ich zur Bushaltestelle. Ich ärgerte mich, dass ich mich nicht mal von meinen Eltern verabschiedet hatte. Bis die Linie, die den S-Bahnhof ansteuerte, aufbrach, würden mir zehn Minuten bleiben. Da Sonntag war, fuhren die Busse leider nur stündlich, ich musste diesen Bus also unbedingt bekommen. Ich musste zurück.

An der Haltestelle angekommen, saß ich wie auf heißen Kohlen. Immer wieder checkte ich mein Handy, doch es tat sich nichts.

Also schrieb ich dem Ratgeber eine Antwort:

Was meinst du? Was soll passiert sein? Drück dich klarer aus. Alles andere wäre unfair.

Nicht dass der Ratgeber fair spielen würde. Aber ich fand den Zusatz passend.

Ich schickte die Nachricht ab, doch es dauerte nicht mal eine Minute, bis mir der Mailer Daemon antwortete. Verdammt, er setzte sein Spiel mit den Trash-Mails fort! Er richtete die Adressen ein und löschte sie schnell wieder, wenn er die Unterhaltung nicht fortsetzen wollte. Und noch immer interessierte es ihn nicht, was ich zu fragen hatte. Was nützte denn ein Ratgeber, wenn er nicht bereit war zuzuhören?

Ich verstand ohnehin nicht, warum er sich so nannte. Er gab mir Spuren und verlangte, dass ich den Fall löste. Gleichzeitig schien es mir, als würde er gegen mich arbeiten. Als wollte er meine Arbeit gleich wieder zunichtemachen.

Bevor ich es noch einmal bei Alex versuchen konnte, erschien der Bus. Ich legte auf und stieg ein.

Der Geruch nach nassem Hund stach mir in die Nase. Glücklicherweise richtete ich meinen Blick auf den Boden, bevor ich dem großen braunen Fellknäuel neben einem der Sitze auf die Pfote treten konnte. Der Hund zuckte mit den Augenbrauen, hielt mich aber nicht für so gefährlich, dass er sich bewegen musste.

Kurz nachdem ich mich auf einen der Sitze hatte fallen lassen, fuhr der Bus an.

Erneut versuchte ich es bei Alex.

Auch diesmal ging die Mailbox ran. Verärgert legte ich auf. Verdammt, warum hatte ich die Mail bloß geöffnet? Und warum zum Teufel ließ mich dieser »Ratgeber« nicht in Ruhe? Was wollte er überhaupt von mir?

Wütend starrte ich aus dem Fenster, während der Bus viel zu langsam durch die Straßen Potsdams schaukelte. Eigentlich hatte ich mir einen ruhigen Sonntag gönnen wollen. Nach dem Besuch bei meinen Eltern wollte ich mir noch ein Eis genehmigen und dann entspannt nach Rotensand zurückfahren. Und jetzt das.

Wieder checkte ich mein Handy. Nichts. Ich atmete tief durch und versuchte, mich zu beruhigen. Ohne Erfolg. Mein Mund war auf einmal staubtrocken. Alex, melde dich, flehte ich im Stillen. Zeig mir, dass bei dir alles in Ordnung ist.

Doch es tat sich nichts.

Ich schaute aus dem Fenster und meine Gedanken überschlugen sich. Was hatte der Ratgeber bloß gemeint?

War Susanne etwas passiert? Oder einem anderen meiner Mitschüler? Oder gar einem Lehrer?

Wenn der Ratgeber wollte, dass ich ermittelte, hatte sicher nicht nur irgendwer einen Joint auf dem Schulhof geraucht.

Joint auf dem Schulhof gerauchtMitten in meine Grübelei hinein summte plötzlich mein Handy. Mein Puls, der sich ein wenig beruhigt hatte, schnellte sofort wieder nach oben. Hastig zog ich mein Telefon hervor und ging ran, ohne auf das Display zu achten.

»He, was ist denn los, dass du bei mir Sturm klingelst?«

Alex!

»Ist irgendwas passiert?«, fügte er besorgt hinzu.

Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Mein Herzschlag normalisierte sich wieder. Er war am Leben!

»Nein, ich …«

»Hattest du so große Sehnsucht nach mir?«

Das auch, aber dafür hätte ich nicht Sturm geklingelt.

»Ich … ich meine …«, druckste ich herum. »Es ist so, ich habe eine Nachricht bekommen. Vom Ratgeber.«

Stille am anderen Ende. Alex presste jetzt wahrscheinlich die Lippen zusammen, wie immer, wenn etwas Unangenehmes ihn unvorbereitet traf.

»Und was wollte er?«, fragte er schließlich.

»Er meinte, es gibt wieder etwas für mich zu tun.«

»Oh Gott«, raunte Alex und seufzte tief. »Ist schon wieder so ein Irrer unterwegs? Oder ist dieser Krähenmann ausgebrochen?«

»Das frage ich dich. Hast du in den vergangenen Stunden irgendwas gehört?«

»Nein, woher?«, entgegnete er ratlos. »Ich bin noch zu Hause, fahre nachher erst wieder nach Rotensand. Aber ich kann gleich mal im Internet schauen, wenn du magst.«

»Ja, bitte«, entgegnete ich und spürte, wie sich mein Adrenalinspiegel ein wenig senkte. Das, was der Ratgeber mir geschrieben hatte, war dadurch nicht weniger beunruhigend, aber immerhin wusste ich Alex in Sicherheit.

»Okay, ich lege gleich los.« Alex machte eine Pause. »Du?«

»Ja?«

»Lass dich von diesem Drecksack nicht verrückt machen, ja? Ich pass schon auf mich auf. Und er tut gut dran, sich von dir und mir fernzuhalten, sonst kann er was erleben.«

Ich lächelte. Sonst stand ich ja nicht so auf diese Beschützermasche, die manche Jungs draufhatten, aber bei Alex konnte ich mir sicher sein, dass das nicht nur eine Masche war.

»Gut zu wissen.« Ich spürte, wie tief in meiner Kehle ein Schluchzen aufstieg. Außer Alex und vielleicht noch Susanne hatte ich doch niemanden mehr!

»He, ich freue mich darauf, dich wiederzusehen«, sprach er beruhigend weiter. Der Klang seiner Stimme war wie ein warmer Mantel, mit dem er mich umhüllte. In solchen Momenten konnte ich immer noch nicht glauben, dass ich mit ihm zusammen war.

»Ich freue mich auch.«

»War es denn schwer heute?«

Ich hatte ihm natürlich erzählt, dass ich zu meinen Eltern fahren würde. Auch wenn er beide Elternteile noch hatte, hatte ich bei ihm das Gefühl, dass er nachempfinden konnte, wie ich mich fühlte.

»Es ging«, entgegnete ich. »Leider ist dieser blöde Ratgeber reingeplatzt. Ich wäre gern noch ein bisschen länger dort geblieben.«

»Das kannst du nachholen. Und wenn du möchtest … komme ich beim nächsten Mal mit. Dann brauchst du dir wenigstens keine Sorgen zu machen, wenn dich dieser Idiot wieder anschreibt.«

»Wenn dieser Idiot mich anschreibt, ist es immer ein Grund zur Sorge«, erwiderte ich, aber ich wusste schon, was er damit meinte.

Am Potsdamer Hauptbahnhof angekommen, hatte ich das Glück, sofort in eine S-Bahn springen zu können, die mich zum Berliner Hauptbahnhof brachte.

Ich saß wie auf Kohlen. Dass Alex nichts passiert war, dass er in gewisser Weise auch gewarnt war, hatte schon mal was Beruhigendes, doch was war mit all den anderen? In Rotensand gab es haufenweise Schüler verschiedener Klassenstufen. Es musste niemand sein, den ich kannte …

»Nächster Halt: Berlin Hauptbahnhof«, plärrte die Zugdurchsage. Ich schnappte meine Tasche und ging zur Tür.

2

Während der Zugfahrt versuchte ich, ein paar Informationen auf mein Handy zu bekommen. Der Empfang war schlecht, Brandenburg strotzte ebenso wie Mecklenburg vor Funklöchern. Und das Ferienticket hatte es mir nicht erlaubt, in einem ICE zu fahren, der über ein eigenes WLAN verfügte.

Als es mir beim Halt im Schweriner Hauptbahnhof doch gelang, die Seite einer großen Zeitung zu öffnen, entdeckte ich nichts, was für den Ratgeber interessant gewesen wäre.

War es möglich, dass man die Tat noch nicht entdeckt hatte? Vielleicht lag irgendwo ein Toter herum, und der Ratgeber wollte, dass ich ihn fand. Das traute ich ihm durchaus zu.

Frustriert schloss ich den Browser und ließ mein Handy, das seit der Trash-Mail stumm geblieben war, in der Tasche verschwinden.

Nach der Verhaftung des Krähenmanns, der eigentlich Marc Feldten hieß, hatte ich mich oft gefragt, woher der Ratgeber ihn kannte. Und warum er mich ins »Spiel« geschickt hatte. Hatte unser Schulpsychologe etwas damit zu tun, der Marc Feldtens Akte verwahrt hatte?

Nein, das wäre zu offensichtlich. Doch das hieß nicht, dass nicht jemand diese Akten zu Hilfe genommen hatte. Eliteinternat hin oder her, was Schlüssel anging, war Rotensand ein wenig nachlässig, das hatte ich selbst mitbekommen.

Auf jeden Fall wurde ich das Gefühl nicht los, dass der Ratgeber etwas mit den Morden zu tun hatte. Auch wenn Marc behauptet hatte, allein gewesen zu sein.

Alex hatte eine abenteuerliche Theorie. Er glaubte, dass die Ansage des Ratgebers wörtlich zu nehmen sei. Er spielte ein Spiel – und sorgte dafür, dass die Figuren aufs Brett kamen. Ähnlich wie beim Schach. Er stellte die schwarze Seite ebenso wie die weiße Seite auf und beobachtete ihre Züge. Ich fand diese Vorstellung gruselig.

Jetzt, wo ich mit dem Regionalexpress durch das herbstliche Mecklenburg gondelte, vorbei an gelb und rot gefärbten Bäumen und kahlen Feldern, musste ich zugeben, dass es genauso sein konnte.

Schließlich erreichten wir Stralsund. Hier musste ich noch einmal umsteigen. Einen Zug nach Sassnitz bekam ich nicht, aber einen nach Bergen. Von dort würde ich mich mit dem Taxi nach Rotensand fahren lassen. So viel Geld hatte ich noch.

Der Zug ratterte über den Rügendamm und ich versank für einen Moment in dem wunderschönen Anblick des Himmels über dem Wasser. Meinen Eltern hätte es gefallen.

Es tat mir leid, dass ich mich von der Nachricht des Ratgebers von ihrem Grab hatte wegtreiben lassen. Aber sie hätten es wahrscheinlich verstanden.

Als wir endlich in Bergen ankamen, hatte sich der Himmel rot gefärbt.

Da ich wusste, dass es in der Innenstadt einen Taxistand gab, beschloss ich, mich auf den Weg zu machen.

Ich hatte den Bahnhof gerade zwei Straßenzüge hinter mir gelassen, als mir ein Hupkonzert entgegentönte. Irgendwas schien die Straße zu blockieren. Der Stau hatte zwar keine Großstadtausmaße, aber die Fahrer waren offenbar ziemlich verärgert. Einige von ihnen wendeten hektisch und rasten dann mit röhrenden Motoren die Straße hinunter.

Offenbar hatte ich die Ursache dafür gefunden, dass kein Taxi am Bahnhof stand. Sie kamen einfach nicht durch!

Ich folgte dem Gehweg zu der Autoschlange. Ich konnte die Autofahrer verstehen, die hier ausflippten. Wahrscheinlich wollten sie wieder nach Hause oder zum Kaffeetrinken zu Tante Helga.

Ich ging an Fahrzeugen vorbei, deren Fahrer sich nervös Zigaretten ansteckten oder sich mit ihren Beifahrern unterhielten. Einer kompensierte seinen Ärger offenbar mit lauter Musik.

Aus einem der Wagen wurde mir hinterhergepfiffen – und das, obwohl ich nichts anderes trug als schwarze Docs, schwarze Jeans und eine schwarze Wolljacke. Sogar mein blondes Haar war unter einem schwarzen Beanie verborgen. Nichts, was einen Mann dazu reizen sollte, mir nachzupfeifen. Aber er tat es, und ich strafte ihn dafür, indem ich ihn ignorierte.

Nebenbei hielt ich Ausschau nach einem Taxi, konnte aber keines entdecken. Stattdessen setzten die Wagen wieder zu einem Hupkonzert an – als ob das etwas nutzen würde.

Schließlich ragte ein Gebäude mit hohen Fenstern über der Straße auf. STADTBAD stand in großen Lettern über dem Eingang. Irgendwann musste es ein Architekt für eine gute Idee gehalten haben, die Fassade des Gebäudes mit gelben Kacheln zu fliesen. Jetzt sah es einfach nur hässlich aus.

Aber die Farbe der Kacheln wurde mir im nächsten Augenblick egal, denn ich erkannte, dass das Schwimmbad der Grund für den Verkehrsstau war. Eine Menschenmenge sammelte sich vor dem Eingang. Blaulichter blitzten.

Ich schritt schneller aus und stand wenig später zwischen den Leuten. Offenbar waren sie genauso wie ich auf dem Weg durch die Stadt gewesen. Was gab es hier zu sehen? Drehte man vielleicht irgendeinen Film? Standen alle nur hier, um einen Blick auf einen berühmten Schauspieler zu erhaschen?

»Was ist denn da los?«, fragte ich einen Mann, der sensationslüstern den Hals reckte.

»Weiß ich auch nicht genau«, antwortete er. »Ich glaube, da ist wer in der Schwimmhalle ertrunken.«

Ertrunken? Das Wort traf mich wie ein Fausthieb. Ertrunken. Jemand war ertrunken.

Mir wurde auf einmal heiß und kalt zugleich. Die goldene Herbstsonne blendete mich und stach in meine Wange, während mein Herz zu rasen begann. Er hatte gemeint, dass ich so schnell wie möglich nach Hause kommen sollte, weil es dort etwas für mich zu tun gab.

War es möglich, dass der Ratgeber das gemeint hatte? Aber seine Nachricht war erst einen halben Tag her!

Sofort fragte ich mich, wer der Tote in der Schwimmhalle war. Ein Schwimmer, der einen Herzinfarkt erlitten hatte? Vielleicht einer meiner Lehrer? Der Direktor etwa?

Ich musste näher rankommen!

Vorsichtig schob ich mich durch die Schaulustigen – nicht ohne mir schäbig vorzukommen. Ich gehörte eigentlich nicht zu den Menschen, die sich am Unglück anderer ergötzten. Es ging mir reinweg darum zu erfahren, ob der Tote jemand aus dem Internat war.

Nach einer Weile stieß ich allerdings an meine Grenze. Die Polizei hatte den Eingangsbereich der Schwimmhalle mit Flatterband abgesperrt. Kein Durchkommen.

Ich musste einen anderen Weg finden.

Mein Blick schweifte über die Einsatzfahrzeuge. Etwas abseits stand ein Notarztwagen. Irgendwie unbeteiligt. Waren sie nicht mehr gebraucht worden?

Ich löste mich von der Menge und strebte der Seitenstraße zu, an die die Schwimmhalle grenzte. Dort stand niemand. Auch kein Auto. Die Leute, die hier hätten einbiegen können, hatten den Stau wohl schon gesehen und waren wieder umgekehrt.

Ich drückte mich in einen der Hauseingänge, von dem aus ich einen guten Blick auf die Schwimmhalle hatte. Was war dort drinnen passiert?

Plötzlich näherte sich mir ein schweres Fahrzeug von links. Ich hielt es zunächst für den Transporter einer Klempnerfirma, doch dann erkannte ich die Aufschrift »Institut für Rechtsmedizin Greifswald«.

Ich drückte mich noch weiter in den Hauseingang.

Das Fahrzeug rumpelte an mir vorbei und hielt hinter dem Notarzt. Zwei Männer in Schutzkleidung stiegen aus. Routiniert zogen sie sich weiße Zellstoffhauben über die Köpfe, nickten sich zu und umrundeten das Fahrzeug. Hinten machten sie halt, öffneten die Tür und zogen eine fahrbare Bahre hervor, die mit einem schwarzen Sack ummantelt war.

Ein Leichensack. Ein kalter Schauer ließ mich zusammenzucken.

Das Blut rauschte in meinen Ohren und mein Magen krampfte sich zusammen. Ich konnte den Puls in meinem Hals spüren.

Denk an was Schönes, murmelte ich vor mich hin. Ich spürte, wie mich langsam die Kraft verließ. Denk an Alex. Denk daran, dass er in Ordnung ist. Dass er lebt.

Doch auf einmal wollte ich nur noch weg. Wie in Trance stürzte ich die Straße herunter. Schon wieder hatte mich der Tod eingeholt.

Ich lief zurück zum Bahnhof mit der festen Absicht, mich diesmal nicht einzumischen. Wozu gab es schließlich die Polizei? Wenn im Schwimmbad ein Mord verübt worden war, würde Kommissar Dräger ermitteln, den ich schon von den grauenhaften Ereignissen um den Krähenmann kannte. Ich hatte mit dem Scheiß hier nichts zu tun.

Am Bahnhof angekommen, sah ich, wie gerade ein Taxi auf einen der Stellplätze fuhr. Das war ein Zeichen. Offenbar hatte ich die richtige Entscheidung getroffen.

Ich riss den Arm hoch und rannte los. Dieses Taxi wollte ich mir auf keinen Fall wegschnappen lassen und gerade war ein Zug im Bahnhof eingefahren.

Der Fahrer sah mich ein wenig verwundert an, doch dann öffnete er mir bereitwillig die Tür.

»Wohin geht’s denn, junges Fräulein?«, fragte er.

»Nach Rotensand. Ins Internat.«

Er runzelte die Stirn und musterte mich von oben bis unten. Ja klar, ich sah nicht so aus, als würde ich dort hingehören. Hätte ich nicht das Begabtenstipendium bekommen, wäre ich sicher auch nicht dort gelandet.

Er wartete, bis ich eingestiegen war, dann drückte er aufs Gaspedal und bog wenig später auf die Landstraße ein, die glücklicherweise nicht am Schwimmbad vorbei, dafür aber nach Rotensand führte.

3

Die Sehnsucht kam immer dann, wenn die Dunkelheit heraufzog. Jetzt ein bisschen früher als sonst, denn der Oktober sog alles Licht in sich auf. Sie wusste, was das bedeutete.

Vier Monate lang würde sich ihr Gemüt verdunkeln und ihr Herz einen ganz besonderen Schmerz fühlen. Einen Schmerz, dem sie sich dennoch allzu gern hingab, auch wenn er sie beinahe zerriss.

An diesem Nachmittag hatte sie lange auf ihrem Sofa gesessen und vor sich hin gestarrt. Wieder und wieder hatte sie an das gedacht, was sie getan hatte. An den Händen, die sie vor sich auf den Schoß gelegt hatte, klebte noch immer Blut. Das war sehr leichtsinnig, aber dieses Risiko ging sie ein. Sie wollte das Blut spüren. Es war wie in der Geschichte von dieser verrückten Gräfin, die geglaubt hatte, dass Jungfrauenblut ihr die Jugend zurückgeben würde.

Sie hätte nicht gedacht, dass es so eine eindringliche Erfahrung sein würde, einen Menschen zu töten.

Sie hatte lange überlegt, wie sie den toten Schwan inszenieren sollte. Dann war sie darauf gekommen, ihm das Wertvollste zu nehmen, das er hatte. Ob man sie mittlerweile gefunden hatte?

Sie wagte nicht, den Fernseher oder das Radio einzuschalten. Einfach deshalb, weil sie fürchtete, dass man ihre wunderschöne Arbeit als grauenvoll bezeichnen würde, als Werk eines Verrückten. Aber verrückt war sie ganz und gar nicht – sie wollte nur dafür sorgen, dass ihr niemand wegnahm, was ihr gehörte.Das Klingeln des Telefons holte sie aus ihren Gedanken. War er das?

Es gab kaum Leute, die sie anrufen wollten. Sie war noch nie die Beliebteste gewesen. Aber er hielt zu ihr. Er ließ sie nicht im Stich.

Ihre Hände zitterten in freudiger Erregung, als sie ranging.

»Ja?«, fragte sie. Ihre Stimme klang heller als sonst, das kam von ganz allein, wenn sie erwartete, mit ihm zu sprechen.

»Hallo, Odile«, meldete er sich.

Für einen Moment vergaß sie alles um sich herum. Eine Welle des Glücks breitete sich in ihrem Innern aus. Odile. Das war der Name, den er ihr bei ihrem ersten Gespräch gegeben hatte. Seitdem war er ihr treuer Freund geworden, ihr Rotbart, der Zauberer, der alles dafür tat, dass sie ihren Siegfried bekam. Und der die Schwanenprinzessin um jeden Preis vernichten wollte.

Das hatte sie für ihn erledigt. Er würde stolz auf sie sein.

Manchmal dachte sie, dass sie in ihn selbst verliebt sei. Er war so nett zu ihr, der netteste Mensch seit vielen Jahren. Nach dem Unfall hatte niemand mehr etwas mit ihr zu tun haben wollen.

»Du hast für ziemlich viel Wirbel gesorgt, kleine Odile«, fuhr Rotbart fort. »Sie haben Odette gefunden.«

»Ich habe alles getan, dass man mich nicht sieht.«

»Das mag sein. Und dennoch war es nicht gerade eine gute Idee, dass du sie in die Schwimmhalle geworfen hast. Ein See wäre wesentlich besser gewesen – oder gleich das Meer.« Er klang ärgerlich.

»Es war zu weit«, entgegnete sie eingeschüchtert. Sie hatte ihn nicht erzürnen wollen. »Man hätte sich gewundert, wenn ich zu lange weggeblieben wäre.«

»Nun gut, sei es drum. Früher oder später hätte man sie gefunden. Verhalte dich fürs Erste ruhig und unauffällig. Ich werde dafür sorgen, dass man dich nicht behelligt.«

Davon war sie überzeugt.

»Ich … es …«, stammelte sie, doch da ertönte ein Tuten, das ihr sagte, dass Rotbart aufgelegt hatte. Enttäuscht steckte sie das Handy zurück in die Ladestation. Zehn vor fünf. Sie musste los.

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