Schwarz gefiederte Zeugen - Thomas A. Rauch - E-Book

Schwarz gefiederte Zeugen E-Book

Thomas A. Rauch

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Beschreibung

Die Totgeglaubte ist fein säuberlich in einen Teppich gewickelt und bereit, ihre letzte Reise anzutreten. Der Unfall, dem sie während des Streits zum Opfer fiel, spielt sich immer wieder vor dem inneren Auge ihres Liebhabers ab, während er ihr Grab in seinem Garten vorbereitet. Bis sie plötzlich die Augen aufschlägt. Es ist eine Nacht, die das sorgenfreie Leben Georgs in ihren Grundfesten erschüttert, ihn mit seinen dunkelsten Seiten konfrontiert und in einen Strudel aus Lügen und Gewalt reißt.

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Seitenzahl: 227

Veröffentlichungsjahr: 2015

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… das kann ja mal passieren

BUCHER

Personen und Handlung der folgenden Geschichtesind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit realen Personenoder Begebenheiten ist rein zufällig.

© 2014 Thomas Rauch

1. AuflageBUCHER VerlagHohenems – Wien – Vaduzwww.bucherverlag.comAlle Rechte vorbehalten

Lektorat Wortkiosk, Robert LacknerKorrektorat Ulli WagnerUmschlaggestaltung Günter Bucher

ISBN 978-3-99018-321-2

Die Entsorgung

DIE ENTSORGUNG

Es war kurz nach Mitternacht. Die Nacht war ruhig, wenn auch etwas zu kühl für diese Jahreszeit. Grillen zirpten ihre Lieder, ansonsten herrschte Stille. Wenn da nicht dieses leise Knarren gewesen wäre … Eine hölzerne Flügeltüre, die von der Rückseite einer Garage in einen wunderbaren Garten führte, öffnete sich. Durch den Spalt huschte eine Gestalt ins Freie, von der in dieser stockdunklen Nacht einzig die Glut einer Zigarette zu erkennen war – vorausgesetzt, es wäre noch jemand anwesend gewesen, der den glühenden Punkt hätte bemerken können.

Nervös um sich blickend vergewisserte sich Georg, der Besitzer des riesigen Anwesens, dass er unbeobachtet war. Da er in der Dunkelheit nicht das Geringste sehen konnte, horchte er angestrengt nach Geräuschen, die in der ruhigen Wohngegend nichts zu suchen hatten. Stille. Da waren zwar das vertraute, leise Rauschen des Windes zu hören, der sanft durch die Blätter der alten Baumbestände wehte, außerdem der Hauch der Brandung des an das Grundstück grenzenden Sees, der Ruf einer Eule, die sich vermutlich im Dickicht des nahe gelegenen Wäldchens verbarg und die Grillen, die um die Wette zirpten. Aber Georg vernahm absolut nichts, was ihm verdächtig vorkam. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass er ganz alleine war, verschwand er leise fluchend wieder im Dunkeln der Garage, die Arbeit verwünschend, die ihm bevorstand. Jetzt, wo alles schlief, war die Zeit dafür gekommen. »Denn was du heute kannst entsorgen, das vergrabe nicht erst morgen.« Und das galt ganz besonders, wenn es sich bei dem zu Entsorgenden um illegalen Sondermüll handelte.

Es dauerte nicht lange, bis Georg erneut erschien – dieses Mal jedoch nicht mit leeren Händen. Er zog etwas Schweres aus der Garage auf seinen gepflegten Rasen. Das dicke Bündel war in einen Rest von einem Spannteppich eingerollt und mit einem Gürtel gut verschnürt. Schwer schnaufend ließ er die Last auf den Boden fallen und schloss dann behutsam, Zentimeter für Zentimeter, das Tor. Das leise Knarren, das ihm beim Öffnen nicht zum ersten Mal aufgefallen war, kam ihm in diesem heiklen Moment über die Maßen laut und verräterisch vor.

»Noch bevor der Hahn kräht: Scharniere ölen. Dieses Knarren ist nicht auszuhalten, einfach schrecklich«, sprach er verzweifelt zu sich selbst, als wäre das knarrende Scharnier in diesem Moment seine größte Sorge.

Immerhin hatte Georg Urlaub und damit genügend Zeit, unbedeutende Sachen zu erledigen, die schon ewig nervten. Jene Nichtigkeiten und kleinen Sorgen des Alltags, die man erst bemerkt, wenn es gilt, nichts zu tun. Doch im Moment hatte er Explosiveres zu erledigen. Ja, es gab da eine Sache, die ihm erheblich mehr Kopfschmerzen bereitete als das knarrende Tor, und diese Sache war im Begriff, die Gelöstheit, die er durch den Urlaub bereits erlangt hatte, ins pure Gegenteil umzuwandeln. Kurzum, Georg war erschöpfter als vor Urlaubsantritt. Das war nicht geplant gewesen. Aber wer kennt sie nicht, diese unangenehmen Überraschungen, die einen heimsuchen, wenn man sie am wenigsten brauchen kann?

Lustlos beugte er sich über die verschnürte Rolle. Er musste die unangenehme Arbeit in Angriff nehmen und hinter sich bringen. Doch da kam ein hinterhältiger Gefühlausbruch unerwartet über ihn. Der psychische Stress und der Kräfteaufwand, die es zu bewältigen galt, verbanden sich mit Verzweiflung über die heikle Situation, in der er sich ungewollt und aus heiterem Himmel befand. Plötzlich war Georg richtig wütend. Seine Gedanken überschlugen sich und begannen zu rebellieren – gegen die Vernunft, die ihm riet, mit der Arbeit fortzufahren. Doch sein Körper wollte ihm nicht mehr gehorchen. Georg fühlte sich wie eine Gewitterwolke, die eine riesige Spannung loswerden musste. Eine emotionale Explosion, einen Blitz. Und so ließ er in diesem Moment der größten Verzweiflung seinen Empfindungen freien Lauf.

»Alles hättest du von mir bekommen«, zischte er der Rolle zu. »Habe ich dir nicht alle Wünsche von den Augen abgelesen? Habe ich nicht alles, was du dir nur ersehnt hast, in deinen unersättlichen, süßen Hintern geschoben? Angefangen bei teurem Schmuck, über schicke Kleider aus edlen Boutiquen und Parfüms und Kosmetika der obersten Preisklasse, bis zu Schuhen, so kostbar, dass ich sie selbst mir nicht gegönnt hätte – ganz zu schweigen von den wunderbaren Abenden in den besten Restaurants von hier bis Hamburg. Ich habe dich bekochen lassen, und das, ganz nebenbei erwähnt, von den berühmtesten Sterneköchen der Welt. Speisen wurden dir kredenzt, geschaffen von anbetungswürdigen Göttern der Genüsse mit einer geradezu unerschöpflichen Kreativität in der Zubereitung und Präsentation der wundervollsten Köstlichkeiten. Kleine kulinarische Kunstwerke, Wellness für den Gaumen und Feuerwerke für die Zunge, die, zumindest bei mir, eine Art von Geschmacksknospenorgasmus auslösen können. Ein jedes dieser Gerichte war eigentlich zu schade, um es mit dem Besteck zu ruinieren. Immer wieder aufs Neue staunte ich, wie viele Gänge der wunderbaren Schöpfungen in deinem zierlichen Körper Platz fanden. Dabei empfandest du keine Sekunde Ehrfurcht vor der kredenzten Kunst. Ohne einen Moment innezuhalten, hast du diese Kostbarkeiten innerhalb von Sekunden einfach zerstört. Ich fand diesen Frevel widerlich und deine Gier überhaupt nicht witzig. Ja, von wegen witzig: Weder bei Witzigmann, bei dem wir vom Feinsten speisten, noch bei einem seiner Berufskollegen zeigtest du Respekt vor dem Servierten.

Ganz nebenbei erwähnt: Die Rechnungen für diese als Geschäftsessen deklarierten Genüsse hatten eine standesgemäße Höhe. Mein Buchhalter fand die Belege nicht unbedingt amüsant; seiner Meinung nach überschritten sie jedes Maß. Aber was sollte man schon groß erwarten von einem unbedarften Liebhaber von Cordhosen, der diese Beinkleider zu allem Übel auch noch mit kleinkarierten, bunten Hemden zu kombinieren beliebt? Diese modische Entgleisung in Person verfügt nicht über die nötige Kompetenz, um die – natürlich völlig berechtigte – Höhe der Honorarrechnung für ein solches Vergnügen beurteilen zu können. Vermutlich ist er selber noch niemals in einen derartigen Olymp der Leckereien getreten. ›Schuster, bleib bei deinen Leisten‹, fällt mir dazu bloß ein.

Vom Gesichtspunkt eines Genießers aus betrachtet, waren es jedenfalls durchaus angemessene Preise. Ich für meine Person bereue keinen Cent davon, aber ob du über die Qualitäten verfügtest, die Ausgaben zu schätzen, ist mehr als fraglich. Auch für dich war diese Genusswelt ja völliges Neuland, denn du warst diesen schrecklichen Fastfood-Dreck gewohnt, das Fressen der heutigen Jugend, sagt man. Ihr denkt womöglich, diesem amerikanischen Trend zu folgen sei ›hip‹, aber was ihr euren Körpern damit antut, ist euch nicht bewusst. Mit jedem Bissen dieses von Fett triefenden Kehrichts gefährdet ihr eure Gesundheit. Jede vierte Person in deinem Alter ist aufgrund dieser unnatürlichen Nahrung übergewichtig. Ich weiß, du warst natürlich eine Ausnahme, schlank und rank warst du, trotz deiner Fresserei. Dein tägliches Fitnesstraining war es, dem du deinen perfekten Körper verdanken konntest. Dem Bewahren deiner Idealmaße hast du auch größtmögliche Beachtung geschenkt – kein Wunder, war doch dein Körper das einzige Kapital, das du vorzuweisen hattest.

Wie auch immer … Was war denn nach diesen romantischen Candle-Light-Dinners? Na? Da wird doch bei dir etwas hängengeblieben sein? Nein? Nun, ich aktiviere dein Erinnerungsvermögen gerne: Meistens waren danach noch Besuche in den nobelsten Clubs und Discotheken angesagt. Und du warst diejenige, die auf diese Besuche bestand. Oft hast du mich geradewegs dazu genötigt, selbst wenn ich todmüde war. Stets wolltest du nur noch auf einen ›kleinen Absacker‹ in diese überreichlich laut beschallten Laserhöhlen. Um dies zu erreichen, hast du deinen ganzen Charme spielen lassen – und natürlich war es für dich nie sonderlich schwer, mich zu überreden. Dabei ging es dir einzig und alleine darum, zu sehen und gesehen zu werden. Mit der Prominenz von München und Umgebung zu flirten und abzufeiern, das war für dich das Größte, nicht wahr? Kaum hatten wir die Clubs betreten, hast du dich auch schon in Pose geschmissen: Seht her, ich bin Susi, die Dancing Queen. Du dachtest, du müsstest lediglich ein wenig mit dem Hintern wackeln, und schon verliert die Männerwelt den Verstand und liegt zu deinen Füßen. Hahaha …

Ich weiß natürlich, warum du jedes Mal eine solche zirkusreife Nummer aufführtest. Nicht etwa deshalb, weil du einfach gerne getanzt hast. Nein, nein. Der wahre Grund, der dich diese Clubs aufsuchen und deine Show abziehen ließ, war deine völlig absurde Idee, du könntest von einem Regisseur oder Modezaren entdeckt werden. Lächerlich! War dann wirklich einer dieser Größen anwesend – mit den meisten von ihnen bin ich per Du –, benahmst du dich wie eine Burlesque-Tänzerin auf Drogen. Grauslich. Wenn du wüsstest, wie viele sich köstlich über deine erfolglosen Bemühungen amüsierten und das Spektakel belächelten. Ja, es war zum Lachen. Und zugleich wusste ich: Wäre wirklich einer auf dein billiges Getue angesprungen, hättest du mich umgehend ausgetauscht, gegen jeden x-Beliebigen, ohne mit der Wimper zu zucken. Wir Alten sind für euch junge Dinger eben schnell austauschbar, und rasch ist ein anderer zahlungskräftiger Dummkopf gefunden. Doch vorerst war dies bei dir nicht der Fall.

Tja, es gibt eben Tausende deiner schönen Gattung, die ebenfalls meist vergeblich denselben Träumen hinterherjagen. In die Betten der Promis schaffen es die wenigsten. Sollte aber doch das beinahe Unmögliche eintreffen, war es das auch schon. Nach dem Koitus zerplatzt der Traum, an der Seite eines Stars zu schweben, schneller als eine Seifenblase. Beinahe alle werden unmittelbar danach von der Bettkante gestoßen und vor die Hoteltüre komplimentiert. Wenn es doch eine von Tausenden mit einem Foto, das sie gemeinsam mit ihrem Geangelten zeigt, in irgendeine Klatschzeitung schafft, ist sie A noch schöner als du und B wesentlich klüger, als du es jemals geworden wärst. Du hast es zumindest versucht, Respekt – doch geschafft hast du es nicht, und so brauchtest du mich, einen kleinen B-Promi mit einem Haufen Kohle. Du wusstest, ohne mich hättest du Nobody nicht die geringste Chance gehabt, an den Türstehern vorbei ins Innere der von dir so heißbegehrten Tanztempel zu gelangen. Vom Bezahlen der teuren Drinks wollen wir gar nicht erst reden.

›Nobel geht die Welt zugrunde‹, das war dein Grundsatz. Nach dieser Maxime wolltest du behandelt werden. Stinknormaler Sekt war dir und deinesgleichen stets zu wenig exklusiv. Champagner musste her, den ihr – wohlgemerkt: Ich meine damit dich und all die anderen vorübergehenden Begleiterinnen meiner Freunde – flaschenweise in Rekordzeit durch eure gierigen Kehlen fließen ließt.

Wenn also etwas Gutes in euch vorhanden gewesen wäre, dann hätte man diesen in euren Kehlen gefunden. Ihr wart allesamt vom selben Schlag: Flittchen, die man durchaus dem horizontalen Gewerbe zuordnen kann. Ihr wart diejenigen, die uns brauchtet, nicht umgekehrt, denn ihr hättet euch in diesen Luxusschuppen selbst noch nicht mal eine Cola leisten können. Gut, ich gebe zu, ihr habt dafür bei uns Alten ein paar knabenhafte Gefühle geweckt. Ihr habt es geschafft, zumindest einem kleinen Ausläufer unserer Träume, denen wir stetig nachjagen, um sie im selben Moment wieder zu vergessen, ein Memorandum zu setzen. Dafür danke ich dir. Aber warum trauern wir eigentlich immerzu der guten alten Zeit nach? Es ist mir selbst ein Rätsel. Es fehlt uns doch an nichts. Wir Alten, die von euch längst schon der Alzheimer-Generation zugerechnet werden, sind für unser Handeln verantwortlich und somit auch selber schuld.

Wahrscheinlich ist die Wahrheit, wie so oft, ganz einfach: Männer brauchen solche Spielchen eben. Genauso, wie unsere Frauen nach ihren Botox-Behandlungen verlangen, um sich wohler zu fühlen. Auch sie rennen ihrer Jugend nach, lediglich mit anderen Mitteln. Für sie ist es bedeutsamer, ihre Falten verschwinden zu lassen. Wobei ich gerechterweise erwähnen muss: Die meisten der wirklich gut sichtbaren Sorgenfalten verdanken sie uns, ihren Männern. Für den Rest, die vielen kleinen, sind sie aber voll und ganz selbst verantwortlich. Viele dieser Fältchen sind bestimmt durch die Qual der Wahl der Garderobe und andere wichtige Alltagssorgen entstanden. Zum Beispiel: Was trägt Frau und, ebenso wichtig, der Mann, der sie begleitet, zu den verschiedensten Anlässen? Du verstehst sicher, was ich damit sagen will.

Ja, genauso, wie sie diese Termine bei ihren ›Schönheitsberatern‹ brauchen, benötigen wir, die Herren der Schöpfung, eure jungen Körper, die uns für kurze Zeit samt unserer Falten in eine andere Sphäre katapultieren und unser Selbstwertgefühl erheblich steigern. Aus diesem Ego heraus, nur darum, haben wir die horrenden Forderungen der unverschämten Hausherren dieser diversen Clubs bezahlt und berappt. Oh, es ist bestimmt nicht das Geld, dem ich nachtrauere. Eure Haltung ist es, die mich traurig macht. In diesem Punkt, nämlich uns auszunehmen, unsere Naivität – oder sollte ich ›vorübergehende jugendliche Geilheit‹ sagen – schamlos auszunutzen, habt ihr euch verstanden. Beinahe wie beste Freundinnen. Davon abgesehen wart ihr einander sogar das Zahnweh neidisch. Von Eifersucht und Habgier geleitet, suchte eine jede von euch nach dem Zahlungskräftigsten unter uns. Schon möglich, dass bei der einen oder anderen von euch sogar ein Funke von ehrlicher Zuneigung für uns vorhanden war. Aber seien wir ehrlich: Der Hauptgrund, warum ihr euch überhaupt mit uns abgegeben habt, war, dass auch ihr nur das Beste von uns wolltet – nämlich unser Geld. Und wir spielten mit. Machten, was immer ihr wolltet. Und stell dir vor, auch wir haben euch in eurer Abwesenheit zerfleddert, über euch getratscht und köstlich gelacht. Ihr seid für uns nicht mehr als ein teures Hobby. Ein Spielzeug, das man wegwirft, wenn es langweilig geworden ist. Wanderpokale, sonst nichts. Aber obwohl ich dies vor meinen Freunden nie zugegeben hätte – auf irgendeine Art habe ich dich trotz allem geliebt. Nun denn.

Weißt du, was ich dir wirklich übelnahm? Dass du mir meine Großzügigkeit nicht etwa ebenfalls mit Liebe und Zärtlichkeit honoriertest, wie es sich für eine, die dafür entlohnt wurde, gehört hätte. Nein, das hast du nicht. Du hast meinen Träumen von unseren Nächten in den diversen Prominenten-Herbergen, in denen wir abgestiegen sind, keinerlei Beachtung geschenkt. Der wahre Verlauf dieser Nächte entsprach nicht im Geringsten meinen Wünschen. Gib es doch zu, du hast ohnehin nichts mehr zu verlieren! Ja, ja, ja, du hast deinen Part als erfüllt gesehen – das war er aber nicht. Meinen absolut berechtigten Forderungen kamst du in keiner Weise nach, im Gegenteil, statt mir meine Träume zu erfüllen, bist du meistens völlig betrunken sofort eingeschlafen. Mein Gott, konntest du schnarchen, unglaublich! Und am nächsten Morgen warst du angeblich zu verkatert, um mich zu lieben, und zu allem Übel hattest du meistens auch noch schlechte Laune. Ein Geschäftsmodell übelster Art. Ich hasste dich dafür, und ich hasste mich selbst, dass ich nicht einfach in ein professionelles Etablissement ging, anstatt auf dich zu hoffen. Selber schuld.

Ach, noch viel mehr könnte ich dir aufzählen, wenn ich nicht deinetwegen unter einem solchen Zeitdruck stehen würde. Aber etwas will ich doch noch loswerden, auch wenn die Zeit drängt. Wärst du mir nicht über den Weg gelaufen, hätte ich mir eine ganz schöne Stange Geld gespart und etliche Nerven obendrein. Was um Himmels Willen ist bloß in dich gefahren? Warum musste das so enden? Warum warst du bloß so gierig?«, zischte Georg dem leblosen Körper leise ins Ohr – zumindest nahm er an, dass sich dieses an der betreffenden Stelle unter dem Teppich befand.

Er stand auf, ergriff wütend den Teppich, der um Susis Beine geschlungen war und zerrte die Verschnürte weiter über die Wiese. Ihre Beine fühlten sich noch warm an, beinahe als würde sie noch leben. Er hatte zwischen Susis schrecklichem Unfall, ihrer Verschnürung und dem Transport ja auch nur wenig Zeit vergeudet, sie konnte noch gar nicht richtig kalt geworden sein.

»Wie lange braucht denn eine frische Leiche, bis sie völlig kalt und steif ist?«, fragte er sich leise. Und blieb sich selbst die Antwort darauf schuldig.

Um die Restwärme des Beins nicht zu spüren, klemmte sich Georg das untere Ende des Teppichbündels unter den Arm und zog weiter. Mit jedem Schritt bohrte sich der Stöckel von Susis Schuh in seine Achselhöhle. Diese unangenehmen Stöße setzten ihm ganz schön zu. Von einem Stoß zum Nächsten wurde Georg etwas schwächer, und so musste er schon nach wenigen Metern, von seinen Kräften verlassen, erneut eine Pause einlegen. Georg setzte sich auf die Rolle, steckte sich eine Zigarette an, rang nach Luft, hustete in den Teppich und fluchte über seine Kraftlosigkeit. Doch die besten Flüche nützten nichts. Er musste sich eingestehen, dass sein Körper die Ruhezeit dringend benötigte, auch wenn die Belastung noch so kurz gedauert hatte.

Georg legte sich auf die Rolle und blickte flehentlich zu den Sternen hoch. Sie konnten ihm nicht helfen, wie auch? Niemand konnte ihm in dieser Situation helfen, er war ganz auf sich gestellt. Undenkbar, einen Freund anzurufen mit der Bitte, ihm beim Verscharren einer Leiche zu helfen – noch dazu einer Leiche, die dieser Freund vielleicht zu Lebzeiten bewundert hatte … Nein, das ging gar nicht. Nicht einmal seinen besten Freund Winfried konnte er darum bitten. Dessen Hilfe wäre ihm zwar gewiss gewesen, das wusste Georg genau. Hatte er Winfried nicht auch schon aus der Patsche geholfen? Damals, als das Finanzamt hinter ihm her gewesen war. Hätte er, Georg, Winfrieds Büchern nicht eine Schönheitsoperation verpasst, die viele hässliche Details verschwinden und einige schmucke neue Finessen erscheinen ließ, hätte es ziemlich unangenehme Folgen für seinen Freund gehabt. Georg hatte Winfried eine astrein weiße Weste übergezogen. Die Behörden waren machtlos gewesen. Obwohl sie über mehrere Wochen alles überprüft hatten, hatten sie nicht die geringste Ungereimtheit in den Büchern entdecken können. Zumindest hatten sie nichts beweisen können. Winfried hatte ihm damals ewige Freundschaft versprochen.

»In jeder noch so misslichen Lage werde ich dich unterstützen und dir helfend beistehen, Georg, in jeder!«, hatte Winfried geschworen. Dennoch wollte und konnte Georg seinen Freund nicht in diese leidige Geschichte mit hineinziehen.

Und was seine anderen angeblichen Freunde betraf: Die hätten ohnehin nicht den Mumm dazu. Außerdem brachte er keinem von denen absolutes Vertrauen entgegen. Und das wäre in dieser Situation bitter nötig. Es half alles nichts – kein Grübeln, kein Bitten und Flehen, er musste die unerfreuliche Arbeit ganz alleine durchziehen.

Aber Georg war zu aufgewühlt, um fortzufahren. Außerdem wollte er mit seinen Kraftreserven gut haushalten, um später mit neuem Elan den Endspurt ohne weitere Pause zu schaffen. Er legte sich auf die Wiese, benutzte die Rolle als Rückenpolster und ließ den Abend, der hinter ihm lag, gedanklich noch einmal Revue passieren.

Warum ausgerechnet mir, Gott verflucht noch mal, einem angesehenen Bürger der oberen Schicht? Ich war immer überzeugt, mir könne so etwas nie passieren. Solche Dramen spielen sich doch nur in zweifelhaften Gegenden ab, so etwas erleben asoziale Subjekte, gestrandete Naturen oder, meinetwegen, frustrierte Hartz-IV-Empfänger. Aber sie passieren doch nicht einem seriösen Geschäftsmann, dachte er bitter, drehte sich um, drückte sein Gesicht in den Teppich und sprach nun wieder zu Susi, als läge diese lebend neben ihm im Bett und sie würden ungezwungen über etwas plaudern.

»Ach Susi, es ist alles so schrecklich. Andererseits, je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer sehe ich den Lernfaktor, der sich für mich aus dieser Geschichte entwickelt. Lass mich dir erzählen, was ich damit meine. Sah oder hörte ich bislang von Tötungsdelikten in den Nachrichten, im Fernseher oder Radio, oder las ich in einer Zeitung davon, verurteilte ich die von der Polizei geschnappte und vorgeführte Person möglicherweise etwas vorschnell. Die wirklichen Hintergründe kannte ich ja nicht. Hinter jedem Verdächtigen ahnte ich umgehend eine mutwillige Straftat. Sogleich habe ich mir Erklärungen zurechtgestrickt, mutmaßte ein Verbrechen aus Leidenschaft, Habgier, Rache oder was auch immer. Nicht einen einzigen Gedanken verschwendete ich daran, dass die Damen und Herren der Exekutive einen Unschuldigen anprangern könnten, der dann für ein Verbrechen, das er gar nicht begangen hatte, büßen musste. Mir, einem Mitglied der braven Bevölkerung, wie auch den Herren Kommissaren, Staatsanwälten und Richtern waren vage Indizien Beweismittel genug, um unschuldige Bürger hinter Schloss und Riegel zu verbannen.

Diesen Umstand verdanken wir einzig und alleine uns selbst. Die Exekutive wird von uns genötigt, eine rasche Aufklärung eines Falles zu liefern. Es entsteht ein immenser Druck auf die Gesetzeshüter, einerseits durch die Medien und andererseits durch uns, die Bevölkerung. Und weißt du, was das Schlimmste daran ist? Diese sogenannten Indizien würden in unserem Fall ebenfalls ausreichen, um mich zu verurteilen. Und hast du eine Ahnung, wer noch zu einem großen Teil mitverantwortlich für diese wilden Spekulationen und wackeligen Indiziengerüste ist? Ja, richtig! Unsere zuverlässigen Medienvertreter, die uns mehr mitteilen, als wir wissen wollen. Und was, glaubst du, macht das Volk mit diesen scheinbar zuverlässigen Berichterstattungen? Genau, die große Masse der braven Bürger schlingt alles in sich rein, schenkt allem Glauben, was von übereifrigen Journalisten veröffentlicht wird, ob es der Wahrheit entspricht oder nicht. Hauptsache ist doch, einer ist am Ende hinter Schloss und Riegel, nicht wahr? Ob das nun der richtige Täter ist oder nicht, das ist doch scheißegal. Wir fühlen uns wieder sicher, und das ist für uns das Wichtigste an der ganzen Sache. Placebo-Effekt, kann ich nur dazu sagen. Alle sind zufrieden – das Opfer von Justiz und Presse, der Inhaftierte, natürlich ausgenommen.

Sicher sind nicht alle, die im Gefängnis sitzen, unschuldig, und schon gar nicht jeder Sträfling, der das behauptet. Viele von ihnen haben ihre verdiente Strafe erhalten, und damit ist der Gerechtigkeit Genüge getan. Die sogenannte Information ist es, der man nicht uneingeschränkt Glauben schenken sollte. Doch in diesem Punkt sind wir beinahe ausnahmslos Proleten. Wir wollen geradezu von irgendwelchen Gräueltaten lesen, und sei es nur, um uns selbst damit aufzuheitern. Ja, so ist das, wenn man im Sumpf der Unzufriedenheit steckt, freut man sich über schlimme Nachrichten, die einen selbst nicht betreffen. Das ist auch der Grund, weshalb etliche Käseblätter nicht schon längstens insolvent sind – eben, weil sie von einer sensationslustigen Meute unterstützt werden. Ich muss zugeben, dazu gehörte leider auch ich. Ich habe all die Schauer-Schlagzeilen geradezu aufgesogen und eifrig mit Freunden über das Geschriebene diskutiert. Sogar wenn der Angeklagte einen Freispruch zweiter Klasse erhielt, ›im Zweifel für den Angeklagten‹, galt er trotzdem bei vielen als schuldig. Diese bedauernswerten Personen werden abgestempelt und von der Gesellschaft gemieden. Ich sage nur: Kachelmann. Kannst du dich an diese Schlammschlacht erinnern? Auch er wurde ein Opfer der Presse und von zahlreichen Bürgern, die sich von dieser beeinflussen ließen. Auch ich machte diesen Fehler, ich will da gar nichts schönreden. Doch jetzt wurde ich eines Besseren belehrt, und ich beginne zu begreifen, dass eine Person oft gar nicht verantwortlich gemacht werden kann für was auch immer geschehen sein mag. Das beste Beispiel dafür ist unsere Geschichte. Ich bin unschuldig. Aber diese Indizien! Sie würden mir das Genick brechen. Ich würde vergeblich auf eine faire Verhandlung hoffen. Deshalb muss ich dich begraben, das verstehst du doch? Und sonst hör mir mal gut zu: Jede vierte Verurteilung im deutschen Rechtsstaat ist ein Fehlurteil. Ja, so ist es, meine Liebe.

Auch für mich ist das, was ich gerade erleiden muss, Neuland. Schon möglich, dass ich den falschen Weg eingeschlagen habe. Aber es herrscht in mir ein Ausnahmezustand, und wer wüsste da immer so genau, was richtig oder falsch ist? Ich denke trotzdem, dass ich mit deiner Beerdigung die einzig richtige Entscheidung getroffen habe. Und ich bin froh über meine neue Erkenntnis, was die Medien und deren Berichterstattung angeht. Revolverblätter sind ab sofort gestrichen, und ich werde in Zukunft solche ›Verbrechen‹ etwas anders betrachten, sie möglicherweise mit meinem – Entschuldigung, unserem – Fall vergleichen, um mir dann eine eigene Meinung zu bilden. Ja, ich denke, so werde ich das in Zukunft handhaben. Nun musst du entschuldigen, wenn ich unsere ungezwungene Plauderei unterbrechen muss, aber es gibt noch viel zu tun.«

Georg atmete tief durch, dann stand er auf und zerrte das Bündel weiter über den Rasen. Meter für Meter kämpfte er sich fort. Um sein Leid mit jemand zu teilen, sprach er stetig mit seiner Verblichenen. Das wirkte entspannend auf ihn. Und besonders viel Kraft gab es ihm, ihre Fehltritte noch einmal vor ihr auszubreiten und sich dabei beiläufig selbst Recht einzureden. So wurde ihm immer klarer, dass Susi nicht nur ihm, sondern der gesamten Gesellschaft auf Dauer nur eine Last gewesen wäre. Ja, die Allgemeinheit konnte ihm geradezu dankbar sein, dass sie einen Parasiten weniger durchfüttern musste.

»Ach, was bist du doch für ein Flittchen, selbst jetzt raubst du mir noch den Atem, nur leider diesmal auf sehr unangenehme Weise«, fauchte Georg.

Er war nervlich völlig am Ende und hätte am liebsten alles hingeschmissen. Ein kurzer spitzer Schrei platzte aus Georg heraus, doch geistesgegenwärtig hielt er sich blitzartig den Mund zu. Die Nachbarn zu wecken, das war nicht in seinem Interesse, schon gar nicht in seiner momentanen Lage. Sich mit einer in einen Teppichrest eingewickelten Leiche ertappen zu lassen, würde ihn in ziemliche Erklärungszwänge bringen. Aber Georg wusste, dass seine Gedanken abwegig waren. Den kurzen Schrei hatte bestimmt niemand gehört. Und was sollten seine Nachbarn auf seinem Grund und Boden machen, noch dazu um diese unchristliche Zeit? Weshalb sollten sie ihn nachts besuchen wollen, wenn sie nicht einmal tagsüber auf eine Stippvisite vorbeiguckten? Es gab nun wirklich keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Sicher lagen die Alten alle in ihren Betten und schliefen tief. Außerdem hatte er lediglich flüchtigen Kontakt zu seinen Nachbarn, so gut wie keinen, und das war ihm nur recht. Hector und Anna etwa, die vor einem Jahr in diese schöne Gegend gezogen waren, sie suchten die Ruhe und mieden engeren Kontakt zur Außenwelt. Man war zwar trotz den raren Treffen beim Du und Vornamen angelangt, grüßte sich höflich und winkte dabei ein wenig, aber dabei beließ man es.

Georg kämpfte mit Krämpfen in den Armen und Fingern, aber eisern wie ein Ackergaul seinen Pflug zog er die Leblose weiter. Bis zu der Stelle, die er für die Entsorgung vorgesehen hatte, war es noch ein langer Weg. Ja, sein Grundstück hatte ein gigantisches Ausmaß, und jetzt ärgerte sich Georg maßlos darüber, und leise verfluchte er alles und jeden, der mit diesem Kauf zu tun hatte. Den Makler – angeblich ein Freund eines Freundes von ihm –, jenen Freund, der den Kontakt hergestellt hatte, ganz besonders seine Frau, die dieses Anwesen unbedingt hatte haben wollen, und zu guter Letzt sich selbst, dass er ihr nachgegeben hatte. Doch als sich Georg wieder etwas beruhigte, musste er sich eingestehen, dass die Sache in Tat und Wahrheit ganz anders aussah. Auch ihm hatte dieser wunderschöne Ort von Anfang an gefallen, und selbst jetzt musste er froh sein über die Größe des Grundstückes. Denn so hatte er nicht nur eine wesentlich größere Wahl, um einen Platz zu finden, wo er jemanden unter der Erde verschwinden lassen konnte, sondern es minderte auch das Risiko, dass jemand sofort die frische Grabungsstelle entdeckte.

Angenommen, er hätte irgendwo in der Stadt gelebt, dann hätte er dieses regungslose Ding wohl oder übel in den Kofferraum seines Autos heben müssen, um sich dann auf eine abenteuerliche Fahrt zu begeben, mit dem Ziel, einen geeigneten Ort für die Beseitigung zu finden. Das hätte durchaus mit erheblich mehr Stress verbunden sein können. Auch wäre die Gefahr, mit dem Auto in eine Verkehrskontrolle zu geraten, recht groß gewesen, da diese neuzeitlichen Wegelagerer beinahe täglich ihr Unwesen trieben und sämtliche Straßen absperrten. Selbst auf den geheimsten Schleichwegen war man nicht mehr sicher vor ihnen. Noch ein ganz wichtiger Punkt: Bei sich zu Hause hatte er nicht mit Beobachtern zu rechnen. Mit Leuten etwa, die aus Einsamkeit oder purer Neugier selbst nachts mit ihren Ferngläsern die Umgebung durchpflügten wie Grenzsoldaten, um stets auf dem neuesten Stand der Dinge zu sein.