Schwarz steht mir einfach nicht - Anja Lauckner - E-Book

Schwarz steht mir einfach nicht E-Book

Anja Lauckner

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Beschreibung

Eine junge Frau verliert ihren Mann durch Krebs –
und gewinnt eine einzigartige Sicht auf das Leben, die Liebe und die Zukunft


Anja und Kai sind bereits seit ihrer Jugend ein Paar, fast eine Sandkastenliebe. Das Leben scheint perfekt, sie führen eine gute Ehe, haben einen kleinen Sohn, Nils, und ihrem Glück steht nichts im Wege. Das ändert sich radikal, als Kai 2009 an aggressivem Magenkrebs erkrankt und die Welt aus den Fugen gerät. Er ist Anfang 30, Anja ein paar Jahre jünger, Nils noch ein Kindergartenkind. Zwei Jahre bleiben ihnen noch. Es werden die intensivsten und glücklichsten Jahre ihres Lebens ...

Mit bedingungsloser Offenheit, voller Liebe, Hoffnung, Wärme und Zuversicht beschreibt Anja Lauckner, wie die Krankheit und das Sterben ihres Mannes bei aller Traurigkeit eine Bereicherung für ihr Leben waren. Ihre Geschichte macht Mut, andere Wege der Trauer zu gehen, und räumt auf mit falschen Tabus. Vor allem aber zeigt sie, wie man mit dem Tod eines geliebten Menschen umgehen kann, ohne dabei die Freude am Leben zu verlieren.

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Eine junge Frau verliert ihren Mann durch Krebs – und gewinnt eine einzigartige Sicht auf das Leben, die Liebe und auf die Zukunft

Anja und Kai sind bereits seit ihrer Jugend ein Paar, fast eine Sandkastenliebe. Das Leben scheint perfekt, sie führen eine gute Ehe, haben einen kleinen Sohn, Nils, und ihrem Glück steht nichts im Wege. Das ändert sich radikal, als Kai 2009 an aggressivem Magenkrebs erkrankt und die Welt aus den Fugen gerät. Er ist Anfang 30, Anja ein paar Jahre jünger, Nils noch ein Kindergartenkind. Zwei Jahre bleiben ihnen noch. Es werden die intensivsten und glücklichsten Jahre ihres Lebens …

Mit bedingungsloser Offenheit, voller Liebe, Hoffnung, Wärme und Zuversicht beschreibt Anja Lauckner, wie die Krankheit und das Sterben ihres Mannes bei aller Traurigkeit eine Bereicherung für ihr Leben waren. Ihre Geschichte macht Mut, andere Wege der Trauer zu gehen, und räumt auf mit falschen Tabus. Vor allem aber zeigt sie, wie man mit dem Tod eines geliebten Menschen umgehen kann, ohne dabei die Freude am Leben zu verlieren.

ANJA LAUCKNER

mit Doris Mendlewitsch

Mein Leben ohne Kai.

Ein Buch über die Liebe und den Tod

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der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.

Die Erinnerung von Anja Lauckner bildet die Grundlage

für die in diesem Buch enthaltenen Dialoge und Schriftwechsel.

Die Gespräche werden sinngemäß wiedergegeben.

Ein Anspruch auf eine wörtliche Übereinstimmung

mit den tatsächlich erfolgten Dialogen

und Schriftwechseln wird nicht erhoben.

Zum Schutz einiger genannter Personen

wurden ihre Namen anonymisiert.

Copyright © 2015

by Ludwig Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Randomhouse GmbH

www.ludwig-verlag.de

Redaktion: Anja Freckmann, Bernried

Umschlaggestaltung: Eisele Grafik-Design, München

Foto: Anja Lauckner

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN 978-3-641-16967-1

Meiner Familie –

mit deren Vertrauen und Beständigkeit

ich alles im Leben meistern kann

Inhalt

01Jetzt

02Herbst 2009

03Kinderspiele

04Dezember 2009

05Glück gehabt

06Februar 2010

07Warum wir?

08April 2010

09Warten

10Sommer 2010

11Marshmallow

12September 2010

13Verlassen

14Ende 2010

15

01    Jetzt

Wenn ich Leuten Fotos von vorher zeige, erkennen mich die meisten gar nicht. Sie sehen eine nette junge Frau, ein kleines bisschen rundlich im Gesicht (und nicht nur dort), undefinierbar brünettes Haar, zu einem ordentlichen Pagenkopf frisiert, brave Brille. Durchaus sympathisch, aber eher unauffällig. Ein bisschen bieder vielleicht.

Wer mich jetzt sieht, gewinnt einen vollkommen anderen Eindruck: fast schwarzes Haar, Kurzhaarschnitt, grafisch graue Brille, schlanker, oft in einem Kleid mit ausgefallenem Muster.

Zwischen »vorher« und »jetzt« liegen nur ein paar Jahre. Keine lange Zeit, aber eine, in der alles anders geworden ist. Es sind vier Jahre ohne Kai. Kai war mein Mann, ist mein Mann. Als er starb, war er sechsunddreißig. Ich war einunddreißig, und unser Sohn Nils wurde gerade eingeschult.

Sein Tod ist das Schrecklichste, was in meinem Leben passiert ist. Dennoch, so seltsam es klingen mag: Die Zeit seiner Krankheit und seines Sterbens war auch schön. Unglaublich schön sogar. Ich würde sagen: Auf eine sehr besondere Art hat sie uns und unsere Liebe bereichert.

Vermisse ich ihn? Ja, er fehlt mir unendlich, bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus. Warum sehe ich trotzdem nicht aus wie eine trauernde Witwe?

Ein »Problem« ist, dass man mir nicht anmerkt, wenn es mir dreckig geht. Selbst wenn ich die ganze Nacht durchgeweint habe: keine dicken Augen am nächsten Morgen, keine rote Nase, alles prima. Die meisten Menschen beneiden mich darum, aber es hat auch schon richtig unangenehme Missverständnisse gegeben. Die meisten Menschen haben nämlich ganz genaue Vorstellungen davon, wie Trauer auszusehen hat – bei anderen. Und wenn man diesen Vorstellungen nicht entspricht, werden sie sauer.

Die meisten Menschen glauben, dass man mit dem Trauern anfängt, nachdem ein Mensch gestorben ist. Kai und ich haben es anders gemacht, wir haben zusammen das Trauern begonnen, nicht auf die letzte Sekunde gewartet. Denn wer weiß, wann sie kommt und was dann ist.

Wir haben die Zeit, die uns blieb, genutzt, um einander zu lieben und zu spüren und miteinander zu sprechen. Diese Liebe und dieses Zutrauen zueinander, dieses Gemeinsame ist etwas Großartiges, das einem auf der letzten Strecke und danach sehr hilft. Immer denke ich über dieses Geschenk nach, wenn ich höre, dass Menschen durch einen Autounfall oder einen Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind oder von einem Moment auf den anderen tot zusammenbrechen. Mir fährt der Schreck in die Glieder, wenn ich an Verunglückte und ihre Angehörigen denke, die keine Zeit hatten, um sich zu verabschieden.

Aber auch diejenigen, die Zeit hätten, lassen sie verstreichen, das habe ich oft bemerkt, wenn ich Kai im Krankenhaus oder auf der Palliativstation besuchte. Sie leugnen das Unabwendbare, sie glauben, dass man am besten nicht darüber spricht, weil ja alles so traurig ist, weil es den Kranken belastet oder man den künftigen Hinterbliebenen die Wahrheit nicht zumuten darf. Aber das stimmt nicht, oft ist es sogar so, dass der Todkranke ruhiger wäre, wenn er offen über das sprechen könnte, was kommt. Irgendwann weiß er, wie es um ihn steht. Wenn er dann optimistische Durchhalteparolen hört oder Abwehr verspürt, ist er einsam. Er bleibt mit dem, was ihn besorgt, allein.

Kai und ich haben das anders gemacht, wir haben intensiv darüber gesprochen und uns versucht vorzustellen, wie es sein würde, wenn er nicht mehr da wäre. Einige Menschen haben das nicht verstanden, sie hielten uns für frivol, wenn wir über die Zeit »danach« sprachen. Es war aber nicht gefühllos oder gar brutal, ganz im Gegenteil. Es war von einer großen Liebe getragen – die uns auch half, die Krisen während der Krankheit zu überstehen, von denen es einige gab.

Möglicherweise denkt der eine oder andere, dieser Umgang mit dem Sterben und dem Tod sei für ihn selbst unmöglich. Vielleicht ist das so. Vielleicht aber auch nicht. Das waren ja keineswegs nur todtraurige Erwägungen, wir haben auch oft gelacht dabei. Wir haben uns gleichsam noch einmal neu kennen- und lieben gelernt unter diesen ganz besonderen Bedingungen – und das ist für die Zeit danach etwas sehr Wertvolles, eine große Stütze.

Es war unser Weg. Er eignet sich möglicherweise nicht für jeden. Aber ich meine, man sollte sich trauen, das Leben auf den Tod hin als Glück zu empfinden – ob man nun an ein Weiterleben nach dem Tod glaubt oder nicht. Keiner sollte aus Angst vor dem großen Thema des Sterbens die letzte Strecke blind und taub zurücklegen. Ich sage nicht, dass es einfach ist.

Aber es ist gut.

02    Herbst 2009

Paradoxerweise fing die ganze Geschichte eigentlich positiv an. Kai hörte mit dem Rauchen auf, und zwar fast von selbst. Jahrelang hatte ich ihm in den Ohren gelegen, dass er es endlich lassen sollte, auch weil er kein schlechtes Vorbild für unseren Sohn Nils abgeben sollte. Aber es gelang nicht. Und auf einmal: »Anja, ich hör auf zu rauchen. Mein Chef fördert ein Entwöhnungsprogramm für die Mitarbeiter. Wer ein halbes Jahr durchhält, bekommt die Kosten erstattet. Und ich mach da halt jetzt mal mit.« Ich traute meinen Ohren nicht und war – ehrlich gesagt – auch ziemlich skeptisch. Doch es kam tatsächlich so, Kai rauchte nicht mehr. Und das Tollste: Er wurde nicht etwa dicker, sondern nahm sogar einige Kilo ab. Stand ihm ziemlich gut, obwohl er vorher auch nicht gerade übergewichtig gewesen war. Im Sommer hatte er bereits aufgehört, Alkohol zu trinken, weil ihm unerklärlicherweise manchmal schwindelig wurde. Weder eine Computertomografie noch eine große Blutunteruntersuchung ergaben etwas, daher dachte sich Kai, dass er eine Weile lang auf kohlensäurehaltige Getränke im Allgemeinen und auf Bier im Speziellen verzichten würde, vielleicht erledigte sich dann die Sache von selbst. Er war also ziemlich gut in Form.

Wir machten sogar freche Witze, weil er zwar weder Halsweh noch Schluckbeschwerden hatte, das Essen aber trotzdem manchmal nicht richtig rutschen wollte. »Was machst du eigentlich, wenn es Speiseröhrenkrebs wäre?«, fragte ich an einem Samstagabend beim Abendbrot im Scherz, als ihm der Bissen mal wieder im Hals stecken blieb. Wir beide lachten, weil das vollkommen unwahrscheinlich, ja ausgeschlossen war. Wenn er recht viel Wasser nachtrank, klappte es mit dem Schlucken ja, und die Mahlzeiten fanden ihren Weg. Ein bisschen lästig war es schon, und Kai nahm auch weiter ab. Aber er war tagsüber nie ein großer Esser, und da er immer auf Achse war und ich fünf Tage in der Woche arbeitete, konnte es auch gut sein, dass er einfach mal ein oder zwei Mahlzeiten ausließ, weil er gar nicht auf die Idee kam, etwas zu sich zu nehmen. Manchmal schien es mir ein bisschen seltsam, aber ich dachte auch nicht dauernd dran, weil wir einen herrlichen Sommer und Herbst 2009 erlebten.

Mittlerweile bereiteten wir uns auf die Adventszeit vor, und ich begann Listen mit Geschenkideen für die Familie und Freunde anzufertigen. Vor allem freute ich mich auf die gemütlichen Abende zu Hause: Kamin an, Füße hoch und ein Buch lesen oder mit Kai kuscheln. Oder am liebsten alles gleichzeitig. Doch zunächst kam natürlich Sankt Martin. Der große Umzug findet immer am 11. November im Wechsel mit unserem Nachbardorf Neunkirchen statt, ein paar Kilometer von Bayreuth entfernt. In diesem Jahr waren wir in Stockau an der Reihe. Sankt Martin ist wirklich schön bei uns, man trifft sämtliche Kindergarteneltern, Freunde und Bekannte, außerdem Leute, denen man nur einmal im Jahr begegnet, eben an Sankt Martin. Die Kinder sind aufgeregt, schwenken ihre selbst gebastelten Laternen in alle Richtungen, das eine oder andere fängt an zu weinen, weil sich sein Laternenstock in den eines anderen Kindes verhakt hat. Es werden all die Lieder gesungen, die man vorher im Kindergarten geübt hat, in erster Linie die Klassiker, »… sein Ross, das trug ihn fort geschwind«. Das Ross, das an diesem Abend Dienst tat und den Darsteller des heiligen Martin trug, war allerdings schlecht drauf: Es kotzte auf die Straße. Ich dachte immer, das gibt es ja nur im Witz, aber nein, es geschah ganz real. Vielleicht ein schlechtes Omen, aber natürlich wäre ohne das alles genauso gekommen.

Nach der Mantelteilung, als sich der Zug aufgelöst hatte, standen wir schwatzend mit unseren Freunden am Glühweinstand. Es war schon ziemlich kalt, und wir traten von einem Fuß auf den anderen, um nicht festzufrieren. Aber das gehört ja dazu, sonst schmeckt auch der Glühwein nicht so gut. Ich wende mich ein wenig nach rechts, um Kai zu fragen, wo sich Nils gerade herumtreibt – und sehe im selben Moment, dass etwas nicht stimmt. Kais Gesicht ist schmerzverzerrt, er würgt an einem Bissen seines Leberkäse-Brötchens. Ohne dass ich genau sagen könnte, warum, ist mir sofort klar, dass er sich nicht einfach verschluckt hat. Hier geht es um etwas anderes, der Bissen will einfach nicht runterrutschen, er steckt irgendwie in der Speiseröhre fest. Kai krächzt mit weit aufgerissenen Augen nach einem Kinderglühwein und kippt den Becher quasi in einem Zug hinunter. Dabei hasst er Glühwein, mit oder ohne Alkohol.

»Morgen früh rufst du bei Dr. Holtz an und lässt dir einen Termin geben! Versprich’s mir, sonst zerre ich dich an den Ohren dahin!« Ich war ziemlich laut geworden, mir saß der Schrecken in den Gliedern. Und Kai offenbar auch, sonst hätte er nicht so schnell klein beigegeben: »Ist gut, reg dich nicht auf. Ruf du an und mach einen Termin für mich aus. Ich geh hin. Kannst dich drauf verlassen.« Zwei Tage später war er bei unserem Hausarzt in der Praxis und schilderte, was vorgefallen war. Dr. Holtz fragte ihn aus, so gut er konnte, was bei einem eher schweigsamen Mann wie Kai, der an sich selbst niemals ein Krankheitssymptom wahrnahm, nicht ganz einfach war. Dr. Holtz scheint klar gewesen zu sein, dass da wirklich etwas Größeres vorlag, jedenfalls ordnete er eine Magenspiegelung an. Bereits eine Woche später bekam Kai einen Termin in der gastroenterologischen Praxis in Bayreuth.

Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, wäre ich wohl schon misstrauisch geworden. Normalerweise wartet man Wochen oder sogar Monate auf einen Termin. Die Magenspiegelung war für acht Uhr morgens angesetzt, Kai sollte sich nüchtern in der Klinik einfinden. Ich wollte ihn eigentlich begleiten, aber Nils bekam von jetzt auf gleich Halsweh und Fieber, weshalb ich Kai nur am Eingang der Klinik absetzte. Anschließend fuhr ich mit Nils zur Kinderärztin und organisierte danach bei der Nachbarin eine Kurzbetreuung, damit ich Kai wieder abholen könnte, sobald er mich nach der Untersuchung anriefe.

Es dauerte Stunden. Kai kam erst um dreizehn Uhr dran – weil man ihn als dringlichen Fall außer der Reihe dazwischengeschoben hatte. Das wusste ich natürlich nicht, ich fand es hochgradig ärgerlich, dass man ihn da so lange herumsitzen ließ. Als Kai gegen fünfzehn Uhr anrief, dass er fertig sei, sagte er: »Und komm bitte hoch, wir sollen noch in die Sprechstunde.« Ich dachte mir nichts dabei, ja, fand es sogar ganz praktisch, dass man für die Besprechung keinen Extratermin vereinbaren musste. Und dann saßen wir ihm gegenüber, dem Gastroenterologen Dr. Wagner. Weißhaarig, bestimmt Ende fünfzig, ein erfahrener Arzt, der schon eine Menge gesehen hatte. Aber so eine Sache wie bei Kai noch nicht. Die Sache war ein Magentumor, und zwar von enormer Größe. Bereits zwei Drittel des Magens waren davon betroffen. »Haben Sie denn nichts bemerkt?«, fragte er. Diese Frage stellten sie uns alle, immer wieder, jeder neue Arzt. Und jedes Mal verneinte Kai, nein, er habe gar nichts bemerkt. Ob das wirklich stimmte? Zu gern würde ich ihm heute noch die Frage nach oben schicken: »Komm schon, Kai, war dir nicht ab und zu ein bisschen schlecht? Hattest du nicht mal irgendeinen Verdacht, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte? Und als wir vier Wochen vor Sankt Martin beim Chinesen waren und du auf einmal keinen Appetit mehr und schreckliche Bauchkrämpfe hattest: Hast du da nicht doch so ein seltsames Gefühl im Bauch gehabt – im wahrsten Sinne des Wortes?« Letztlich spielt es heute keine Rolle mehr, aber interessieren würde es mich schon.

Dr. Wagner war ziemlich direkt. »Ich sag’s Ihnen gleich: Der Tumor ist wirklich sehr, sehr groß. Wir werden noch weitere Untersuchungen durchführen, wir schicken Gewebeproben ins Labor, aber auch so bin ich schon jetzt sicher, dass es ein bösartiger Tumor ist. Man kann das sehr deutlich an seinem Gewebe erkennen, es hat eine besondere Struktur und wirkt ein bisschen ausgefranst. Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass er bösartig ist. Wir leiten jetzt alles Nötige in die Wege. Möglicherweise gibt es eine Bestrahlung, das müssen wir noch sehen. Mit Sicherheit aber werden Sie eine Chemotherapie erhalten, bevor operiert wird – das ist heutzutage Standard. Nach der Operation kommt noch mal eine Chemotherapie, und Sie werden in die Reha gehen müssen. Wir machen gleich noch ein Blutbild, die Kollegen von der Radiologie erstellen außerdem morgen ein CT vom Bauchraum, nur für den Fall, dass der Krebs gestreut haben sollte. Ich bin zuversichtlich, dass wir das alles in den Griff kriegen, aber Sie müssen damit rechnen, dass Sie ungefähr ein Vierteljahr ausfallen.«

Ein bösartiger Tumor also. Krebs. Keiner von uns beiden sagte etwas. Ich holte tief Luft. Kai schaute zu mir, dann zu Dr. Wagner und dann wieder zu mir. Magenkrebs, ziemlich groß. Weit fortgeschritten.

Ich kann mich noch ganz gut an das Gefühl erinnern, das wir in dem Moment hatten. Ich war erschrocken, Kai natürlich auch. Aber wir gerieten nicht in Panik oder hatten den Eindruck, dass eine Katastrophe über uns hereinbräche. Natürlich war das schlimm – aber wir würden das auf jeden Fall bewältigen. Dr. Wagner hatte es ja gesagt: eventuell Bestrahlung, definitiv Chemo, Operation, Chemo, Reha. Also, wir würden unternehmen, was nötig wäre, und dann würde alles wieder gut.

Ich rief meine Mutter an, denn es war so ausgemacht, dass ich mich gleich nach dem Arztgespräch bei ihr melden würde. Sie war auf einer Fachtagung in Leipzig. »Mama, sitzt du gut? Wir kommen gerade vom Arzt. Die Diagnose ist eindeutig: Kai hat einen Tumor, und der ist allem Anschein nach bösartig. Aber es wird schon alles gut werden. Der Arzt meint, dass wir das bestimmt geregelt kriegen.« Ich war zuversichtlich, sogar ziemlich rigoros in meinem Optimismus. Es war keine Kleinigkeit, natürlich nicht. Aber Kai war jung, stark, in guter körperlicher Verfassung. Er würde die zweifellos schwierigen Monate, die auf ihn und uns zukamen, gut wegstecken, davon war ich überzeugt.

Abends sagte ich sogar beim Abendbrot zu ihm: »Du kannst froh sein, dass du mich geheiratet hast. In meiner Familie sterben die Leute nicht an Krebs.« Und das stimmte. Die meisten Menschen denken bei der Diagnose Krebs sofort an den Tod. Aber ich nicht, meine ganze Familie nicht. Denn sowohl meine Mutter als auch mein Vater hatten schon Krebs – und beide haben ihn überlebt. Meine Mutter bekam Unterleibskrebs, da war sie gerade neunundzwanzig Jahre alt. Meine Schwester und ich waren damals noch klein, sie fünf und ich neun Jahre alt. Knapp zehn Jahre später, mit Mitte vierzig, erkrankte mein Vater an Leukämie. Als es entdeckt wurde, war die Krankheit schon sehr weit fortgeschritten. Seine Aussichten waren ziemlich schlecht, eigentlich gab es gar keine Hoffnung für ihn. Die einzige Chance bestand in einer sehr ungewöhnlichen Medikamentenkombination. Sie schlug nur bei zehn Prozent der Behandelten an. Mein Vater hatte einen unglaublichen Lebenswillen und wollte es unbedingt versuchen, daher willigte er ein. Und es klappte! Später wurde er sogar als Modellpatient in der Uniklinik in Leipzig vorgestellt. Eigentlich hätte es bei dieser Vorgeschichte ja mich treffen müssen, aber nun hatte es Kai erwischt. Doch aus guten familiären Gründen war ich davon überzeugt, dass auch Kai den Magenkrebs besiegen würde. Kai selbst sah es genauso. Er wäre sogar am nächsten Tag wieder zur Arbeit gegangen, wenn da nicht schon das CT anberaumt gewesen wäre.

Nils war immer noch krank, deshalb fuhr Kai allein zur Computertomografie. Es sollte ein Abdomen-CT gemacht werden, also eine Aufnahme des gesamten Bauchraums. Um kurz nach drei kam er zurück. »Und?« Er grinste erleichtert: »Der Doktor sagt, dass er nicht gestreut hat.« Wir fielen uns in die Arme. »Gott sei Dank!« Wie wir es erwartet hatten. Kai, der große Schweiger, dachte vermutlich so was wie: Herrje, was für eine Scheiße, jetzt habe ich Krebs. Aber hilft nichts, da muss ich durch. Ich mach die Therapie, dann lass ich mich noch aufschneiden, und das war’s. Da haben wir noch mal Glück gehabt. Gesagt hat er natürlich nichts. Aber geküsst hat er mich, ziemlich kräftig.

Eine Woche später rief Dr. Wagner an und teilte uns mit, dass sämtliche Befunde nun beisammen wären. Alle Kollegen seien informiert, und wir könnten uns aussuchen, ob Kai für die Chemotherapie ins Krankenhaus ginge oder in die ambulante onkologische Praxis von Dr. Hübner. Kai wollte lieber in die ambulante Praxis. »Ne, Anja, Krankenhaus nicht. Da will ich nicht hin. Ist doch nur ein bisschen Krebs. Und das Essen in der Klinik und so … Lieber nicht. Wenn ich ambulant behandelt werden kann, dann mache ich das lieber so.« Ich hatte nichts dagegen. Und weil solche Angelegenheiten immer meine Aufgabe waren, rief ich bei Dr. Hübner an, und wir bekamen einen Termin, schon für drei Tage später.

Kai und ich gerieten uns vorher noch in die Haare. Ich wollte natürlich mitfahren, und Kai fühlte sich bevormundet. »Was willst du denn da? Ist doch keine große Sache. Die werden mir halt sagen, was ich tun muss und wie das alles abläuft. Das kann ich echt allein machen. Du mit deinem Kontrollwahn.« Er war richtig ungehalten. Aber ich gab nicht nach. Das wollte ich unbedingt alles selbst hören, Kai war in solchen Fällen keine gute Quelle. Außerdem hatte ich bereits ein paar Fragen aufgeschrieben, eine kleine Liste mit allem, was mir so eingefallen war. Kai ließ sich schließlich doch überreden, und so saßen wir dann zu zweit bei Dr. Hübner in der Praxis. Ich kann mich noch ganz genau erinnern. Es war spätnachmittags, draußen war es schon dunkel. Sein Sprechzimmer war angenehm eingerichtet, gar nicht wie eine medizinische Praxis oder wie in einem Krankenhaus. Moderne Farben, alles in Grau und Rot, und warme Holztöne, gutes Licht, beinahe gemütlich. Wir saßen ihm gegenüber, sein Schreibtisch zwischen uns. Dr. Hübner lehnte sich in seinem Schwingstuhl zurück, wippte ein bisschen darauf herum, schwang vor und zurück. Schließlich fragte er: »Was hat man Ihnen denn gesagt?«

Es klang fast beiläufig, keine strenge Frage, mit der er unser Wissen über Krebs im Allgemeinen und Besonderen abfragen wollte. Es war ein zugewandter, eher leise formulierter Auftakt. »Was hat man Ihnen denn gesagt?« In dem Moment wusste ich es – ich wusste, dass alles anders war, als man uns in den letzten zwei Wochen zu verstehen gegeben hatte. Dass wir die Sache keineswegs einfach so in den Griff bekommen würden. Wenn überhaupt.

Kai sagte nichts. Vielleicht dachte er, dass sich die Frage gar nicht an ihn richtete. Wahrscheinlich war er aber in einer Art Schockstarre, denn er verstand genauso gut wie ich, dass sich das Blatt in dieser Sekunde total gewendet hatte. Er schaute mich an, blickte wieder zu Dr. Hübner und sagte weiterhin nichts. Also gab ich Dr. Hübner die Auskunft: »Man hat uns mitgeteilt, dass es ein großer Magentumor ist, bösartig. Und dass er nicht gestreut hat. So hat es der Radiologe gesagt, nach dem CT vom Bauchraum.« Dr. Hübner nickte, mit hochgezogenen Augenbrauen. »Ja, das formulieren die Kollegen offenbar gern so, weil sie den Schwarzen Peter lieber anderen überlassen. Den hab ich jetzt. Ich muss es Ihnen ganz deutlich sagen: Ich habe mir die Bilder des CT angeschaut. Der Tumor ist nicht nur sehr groß, sondern auch schon mit der Bauchdecke verwachsen. Und er hat gestreut. Das bedeutet: Wir können Sie behandeln, Herr Lauckner, doch heilen können wir Sie nicht. Wir können Ihnen aber Zeit verschaffen.«

Zeit verschaffen – was sollte das? Wir hatten alle Zeit der Welt. Kai war vierunddreißig, ich neunundzwanzig, wir hatten ein kleines Kind, dachten sogar an ein zweites. Aber Dr. Hübner sprach von Zeit verschaffen. Wir hatten es offenbar richtig verstanden. Soeben hatten wir erfahren, dass er kein alter Mann werden würde. Dass eine gemeinsame Zukunft unwahrscheinlich war. Oder nur noch sehr kurz.

Ich weiß nicht, wie andere Leute in so einer Situation reagieren. Bei uns jedenfalls ging es seltsam ruhig und sachlich zu, kein Schreien, kein Weinen, keine Ohnmacht. Kai schaute zu mir, dann zu Dr. Hübner, räusperte sich kurz und sagte nur: »Also. Meine Frau. Meine Frau hat sich da ein paar Fragen notiert.« Dafür hätte ich ihn am liebsten geküsst.

Ja, ein paar Fragen. Die bis vor einer Viertelstunde wichtigste Frage stand ganz oben: Können wir unseren bald bevorstehenden Traumurlaub noch antreten? Den wir uns vom ersparten Zigarettengeld leisten wollten. Klare Antwort: Geht auf keinen Fall, unbedingt stornieren. O. k., danke. Was stand noch auf meiner Liste? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es in Wirklichkeit gar nicht mehr um die kleinen Fragen ging, sondern dass das nur Ausweichbewegungen waren, mit denen wir uns in einem großen Bogen der alles entscheidenden, einzig wirklich interessanten Frage näherten: Wenn nichts mehr hilft, was sollen wir denn dann tun? Wie viel Zeit blieb uns noch?

»Was würden Sie denn machen, Dr. Hübner?« Er erklärte es uns, in seiner ehrlichen Art. Es gab – zumindest prinzipiell – drei Möglichkeiten: 1. Gar nichts unternehmen. Das würde bedeuten, dass Weihnachten schon gefährdet wäre, Kai also vielleicht noch sechs bis acht Wochen zu leben hätte. 2. Palliativ behandeln, das heißt, man würde Schmerzen lindern und Symptome erträglich machen. 3. Alles auf eine Karte setzen und mit einer neuen Chemotherapie noch ein bisschen mehr Zeit rausschlagen. Auf meine Nachfrage sagte er: »Ich würd’s versuchen. Es gibt eine neue Chemotherapie, die bisher kaum angewendet wird, weil noch keine Langzeitstudien vorliegen. Ich an Ihrer Stelle würde mich aber dafür entscheiden. Sie sind eine junge Familie, und mit dieser Therapie hätten Sie noch eine Chance, Zeit zu gewinnen.« Was er nicht sagte, war, dass Langzeitstudien für uns sowieso keine Rolle mehr spielten. Für uns gab es keine lange Zeit mehr.

03    Kinderspiele

Als Kai und ich 2004 heirateten, waren wir schon seit zehn Jahren zusammen. Wir lernten uns in meinem Heimatort Wernesgrün im Vogtland kennen, da war er neunzehn und ich vierzehn Jahre alt. Nur fünf Jahre Unterschied, aber zu dem Zeitpunkt in Wahrheit ein Wahnsinnsabstand, ich war ja noch ein Schulkind, neunte Klasse. Er hatte schon seine Dachdeckerlehre abgeschlossen, arbeitete als Geselle, bekam ein Gehalt, war halt einfach erwachsen. Ich bemerkte ihn zunächst gar nicht. Er ergriff die Initiative, sprach mich an mit dem bemerkenswerten Satz: »Hallo, ich bin der Kai.« Er sah gut aus, aber nicht umwerfend. Was ein Glück war, denn zu gut aussehende Männer machen mich misstrauisch, bis heute. Kai wirkte ein bisschen kantig, seine klar geschnittenen Gesichtszüge waren länglich, nicht ganz so wie bei Michael Schumacher, aber ähnlich. Seine Nase war ausgeprägt, aber am markantesten erschienen seine Augen, sie waren von einem unglaublich intensiven Blau. Im Sommer, wenn seine hellbraunen Haare durch die Sonne heller wurden, prägte dieses Blau seine ganze Erscheinung.

Ich war zwar noch ein Kind, aber doch gerade dabei, meine Fühler auszustrecken und zu entdecken, was es jenseits meines sehr behütenden Elternhauses gab. Allerdings lief das nur heimlich, ein Aufbegehren oder eine offene Grenzüberschreitung kamen für mich nicht infrage, das traute ich mich einfach nicht. Wenn ich zurückdenke, muss ich sagen: Was ich mir da leistete, war geradezu tollkühn. Ich büxte nämlich, um jeder Diskussion aus dem Weg zu gehen, nachts regelmäßig aus und unternahm Streifzüge durch den Ort. Schlich durch die Kellertür nach draußen oder kletterte sogar aus dem Fenster. Nicht jede Nacht, anfangs nur ab und zu, dann öfter, sogar mehrmals in der Woche. Und wozu das Ganze? Damit ich dabei sein konnte. Ziel meiner nächtlichen Ausflüge war der Kirchplatz, dort traf »man« sich, eine Clique von unglaublich coolen Jugendlichen, die alle schon viel älter waren als ich, mindestens siebzehn, achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Deren Eltern waren anscheinend toleranter als meine, oder sie hatten den Eindruck, nicht mehr so sehr auf ihre fast erwachsenen Kinder aufpassen zu müssen. Jedenfalls standen diese Jugendlichen beisammen, rauchten und redeten klug daher. Sonst ereignete sich eigentlich kaum etwas. Aber ich fand’s wahnsinnig aufregend, stellte mich dazu und gab mich auch so cool wie möglich.

Einer aus der Clique war Kai, obwohl er nicht aus unserem Ort stammte, sondern aus dem Nachbardorf Rothenkirchen. Ich war ihm offenbar vorher schon mal aufgefallen, im Freibad. Jedenfalls sprach er mich eines Nachts auf dem Kirchplatz an – und dann begann er eine richtige Werbungsphase. Er holte mich zum Beispiel von der Schule ab und brachte mich nach Hause, in seinem eigenen Renault C9, rostbraun mit Sportlenkrad, großen Boxen und allem Drum und Dran. Oder wir gingen spazieren oder zum Schwimmen. Kai war in mich verliebt, von Anfang an, ohne Wenn und Aber. Und ich? Ich war für so ein großes Gefühl noch gar nicht reif. Es schmeichelte mir vor allem, dass sich ein erwachsener Mann für mich interessierte. »Ich hab jetzt übrigens einen Freund« – das machte einfach was her, wenn ich das lässig gegenüber meinen Freundinnen fallen lassen konnte. Oder wenn die anderen in der Klasse neidisch waren »Die Anja mit ihrem Kai …« – das gefiel mir ziemlich gut. Aber Liebe war es nicht. Obwohl wir uns ja auch schon recht bald küssten. An den ersten Kuss erinnere ich mich genau, das ist ein ganz deutliches Bild, sogar das Gefühl kann ich wieder hervorrufen, diese unbefangene, intime Zärtlichkeit, sehr aufregend, aber auch sehr unbeschwert. Wir waren in der Disko – auch solche Unternehmungen waren bei meinen nächtlichen Ausflügen integriert – und hatten es uns in einer kleinen Nische am Rand der Tanzfläche gemütlich gemacht. Irgendwann stand ich auf, um meinen roten Schuh zuzubinden, und während ich daran herumnestelte, schob sich Kai unbemerkt auf meinen Platz. Als ich mich setzte, landete ich auf seinem Schoß statt auf der Bank. Er fing an, meinen Nacken zu kraulen, küsste mich dann mehrmals auf den Hals und arbeitete sich langsam hoch, bis er mir tatsächlich einen Kuss auf den Mund gab. Und ich küsste zurück. Es fühlte sich alles richtig und gut an, vertraut – obwohl es jetzt also ernster wurde.

Bis wir miteinander schliefen, dauerte es aber noch eine ganze Weile. Damals habe ich ja im Grunde kaum verstanden, was da ablief. Heute denke ich, dass Kai dagegen ganz genau wusste: Diese Frau, dieses Mädchen liebe ich, und ich werde nichts unternehmen, was diese Liebe gefährdet, auch keinen frühen Sex. Er hätte es sich bestimmt einfacher machen können. Aber das war nicht seine Art, er wollte eben das Richtige, das lange Währende.

Mit meinem Herumstromern ging es eine ganze Weile lang gut, ehe alles aufflog. Eigentlich erstaunlich, dass es so lang dauerte, denn auf dem Dorf kommt alles raus, normalerweise eher früh als spät. Eines Nachmittags klingelte das Telefon bei uns. Ich nahm den Hörer ab und meldete mich. Ohne ihren Namen zu nennen, antwortete eine Frau in einer sehr speziellen, bedrohlich wirkenden Tonlage: »Ah, Anja, du bist’s. Gib mir mal deine Mutter.« Da wusste ich, dass meine Stunde geschlagen hatte. Ich bekam Gänsehaut und dieses Panikmagengefühl, am liebsten wäre ich aus dem Fenster gesprungen. Die Frau beschrieb meiner Mutter in allen Einzelheiten, was ich machte, während meine Eltern fest schlafend im Bett lagen. »Elke, du hast offenbar nicht mitbekommen, was los ist! Deine Anja ist nachts zwischen Wernesgrün und Rothenkirchen unterwegs. Und steht mit Jungs, die viel älter sind als sie, auf dem Kirchplatz. Kannst dir ja denken, worum es da geht. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass du das weißt und damit einverstanden bist. Wahrscheinlich hast du keine Ahnung, dass die Anja sich draußen rumtreibt.«

Meine Mutter glaubte kein Wort. »Niemals, das ist unmöglich. Das kann nicht sein, ich glaub dir alles, aber das nicht. So was würde meine Anja niemals tun.« Aber sie hatte keine Chance. »So, das glaubst du nicht. Und wer läuft sonst noch mit so einem auffälligen grün-roten Anorak hier rum?«

Meine Mutter raste die Treppe nach oben in mein Zimmer und stellte mich zur Rede. Ein bisschen von dem ganzen Schlamassel gab ich zu, aber längst nicht alles. Schon für das wenige, das ich eingestand, bekam ich eine Ohrfeige, dass mir Hören und Sehen vergingen. Und abends, als mein Vater nach Hause kam und alles erfuhr, versetzte er mir auch noch eine. Na ja, ich hatte es auch verdient.

Die Familie stand kopf, meine Eltern waren erschüttert. Sie machten sich allergrößte Sorgen, und was meine Mutter wahrscheinlich noch zusätzlich kränkte, war die Tatsache, dass andere vor ihr gewusst hatten, was da alles so ablief. Es war ein Riesendrama. Zur Strafe erhielt ich verschärften Hausarrest: Ich war immer unter Kontrolle, musste mich stets an- und abmelden und außerdem für die Schule lernen, bis es mir zu den Ohren raushing. Das war allerdings auch bitter nötig, denn meine Leistungen waren total eingebrochen. Durch mein ausgeprägtes Nachtleben war ich oft zu müde zum Lernen gewesen. Meine arme Mutter hatte zuvor schon bemerkt, dass ich manchmal über den Schularbeiten einschlief. Sie fürchtete, dass die Schule einfach zu schwer sei, und machte sich selbst auch noch Vorwürfe, dass sie mich möglicherweise im Haushalt zu stark beanspruchte. Dabei war ich in Wahrheit – in ihren Augen – dabei, zu verlottern. Heute verstehe ich ihre Besorgnis, ich hätte auch nicht gern, dass mein Sohn solche verrückten und vielleicht auch gefährlichen Aktionen unternimmt. Aber damals hielt ich sie für die größte Spielverderberin aller Zeiten.

Ein Teil meiner Strafe bestand darin, dass ich eine Art Bußbrief schreiben musste, in dem ich mein Verhalten reflektieren und so erkennen sollte, dass ich falsch gehandelt hatte. In dem Brief erwähnte ich auch Kai mit ein oder zwei Sätzen. Meine Eltern waren nicht begeistert, machten aber erstaunlich wenig Aufhebens davon. Sie waren überzeugt, die Sache aussitzen zu können, mehr als ein halbes Jahr gaben sie uns beiden sowieso nicht. Wir durften ab und zu telefonieren, nach ein paar Monaten ließen sie Kai sogar ins Haus, wenn er mich abholte, um mit mir an den See zu fahren oder eine kleine Spritztour zu unternehmen. Alles unter strengen Auflagen, ich war ja noch minderjährig. Ich versuchte mit allen Mitteln, Kai meinen Eltern schmackhaft zu machen, erzählte zum Beispiel, dass er Klavier spielte. Er hatte nämlich, als wir mal im Auto saßen und Musik hörten, mit den Fingern auf meinem Knie herumgetippt, mit sehr fachmännischem Gesichtsausdruck. Als ich ihn fragte, ob er Klavier spiele, bejahte er und bot an, es mir beizubringen. Tatsächlich war das ein Scherz, außer dem Flohwalzer konnte er gar nichts. Aber von da an spielten wir gemeinsam den Flohwalzer, auf seinem oder meinem Knie.

Kurzum: Anders als meine Eltern gehofft hatten, erledigte sich die Sache nicht von selbst. Irgendwann mussten sie sich damit abfinden, dass Kai und ich ein Paar waren und es allem Anschein nach auch blieben. Sie taten es zähneknirschend, weil sie nach wie vor der Ansicht waren, dass wir nicht zueinander passten. Der Altersabstand, die sehr unterschiedlichen Familien, seine Art, ziemlich großzügig mit Geld umzugehen, und überhaupt. Kai ließ sich nicht abschrecken und gab sich alle Mühe, meine Eltern von seiner Ernsthaftigkeit zu überzeugen. Er redete nicht viel, das tat er ja nie, packte aber immer an, wenn irgendwo bei uns im Haus etwas zu reparieren war, frickelte hier und hämmerte da ein bisschen herum, ohne Aufhebens davon zu machen. Dabei legte er eine Akkuratesse an den Tag, die meine Eltern zu schätzen wussten. Aber so richtig anfreunden konnten sie sich mit der Konstellation trotzdem noch nicht.

In unserem eigenen Haus ist alles voll von Kais Werken, stabil und dauerhaft. Für Nils hat er ein Hochbett gebaut, das wird noch stehen, wenn das Haus schon längst zusammengefallen ist. Im Keller befinden sich Werkzeuge und Geräte für jeden Fall. Noch heute ist fast alles ordentlich sortiert, griffbereit. Nach seinem Tod konnte ich es anfangs kaum ertragen, die Werkzeuge anzusehen oder gar zu benutzen. Es kam immer ein Schwall Kai aus diesen Schubladen, seine Freude am Schaffen, sein Geschick im Umgang mit allen möglichen Materialien, sein Spaß am Leben.

Kai sprach durch Taten, ich quassele an einem Streifen – so waren die Rollen bei uns verteilt, bis zum Schluss. Eine Ausnahme gab es von dieser Regel: Kai schrieb wunderbare Briefe, da ging er ganz aus sich heraus. Sie sind voller Rechtschreibfehler, aber so überströmend, so innig und überzeugt von uns und unserer Liebe, dass mir jedes Mal das Herz aufgeht, wenn ich sie lese. Als ich in Bayreuth meine Lehre zur Werbekauffrau machte, war Kai beim Bund und tat Dienst in Berlin, im Wachbataillon. Wir sahen