Verlag: Droemer eBook Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

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E-Book-Beschreibung Schwarze Blumen - Steve Mosby

Wie aus dem Nichts erscheint eines Tages auf der Promenade eines englischen Seebades ein kleines Mädchen, das eine schwarze Blume in der Hand hält und eine grauenerregende Geschichte erzählt. Ihr Vater entführt Frauen und quält sie auf einer abgelegenen Farm zu Tode. Die Polizei kann die Farm jedoch nicht finden. Doch dann taucht genau diese Geschichte plötzlich in einem Kriminalroman mit dem Titel "Die schwarze Blume" auf. Der Verfasser ist ermordet worden. Und er ist nicht der Einzige, der mit dem Leben bezahlen muss …

Meinungen über das E-Book Schwarze Blumen - Steve Mosby

E-Book-Leseprobe Schwarze Blumen - Steve Mosby

Steve Mosby

Schwarze Blumen

Thriller

Aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer

Knaur e-books

Über dieses Buch

Inhaltsübersicht

WidmungPrologErster Teil1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. KapitelZweiter Teil10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. KapitelDritter Teil25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. KapitelEin Jahr später32. Kapitel33. KapitelDanksagung
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Für Lynn und Zack

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So laufen die Dinge nicht.

Wenn Detective Sergeant Michael Sullivan in den zwölf Jahren bei der Polizei eines gelernt hat, dann das: Kleine Mädchen tauchen nicht einfach so auf. Nach seiner Erfahrung funktioniert die Welt nicht so. Nach allem, was er bisher gesehen hat, passiert in der Regel genau das Gegenteil: der langsame Verfall, der schleichende Niedergang von dem, was gut und richtig ist.

Menschen – besonders Kinder – gehen verloren. Manchmal in einem gleitenden Übergang, bei dem die anständigen Seiten an ihnen, die Hoffnung machen, kaum merklich ausgehöhlt werden; in anderen Fällen gewaltsam und mit einem Schlag. Und gelegentlich kommt es vor, dass Menschen einfach ganz verschwinden. Doch egal, wie es passiert, diese Menschen kommen nicht zurück, schon gar nicht die Kinder. Jedenfalls nicht in einer wünschenswerten Verfassung.

Nein, nach Michael Sullivans Erfahrung kennt die Welt nur das Nehmen.

Es ist ein früher Nachmittag im September 1977. Faverton ist ein langgestreckter Ferienort an der Ostküste. Das alte Dorf auf dem Hügel zieht sich mit seinen kopfsteingepflasterten Gassen bis zur Strandpromenade, den billigen Spielhallen und Cafés hinunter. Hier ist der Asphalt von den braunen Metallschienen der Straßenbahn durchzogen. Zwischen Straße und Meer liegt eine lange Holzbohlen-Promenade, in die verschnörkelte grüne Bänke, Abfallkörbe aus Drahtgeflecht und beige Eiswagen eingesprengt sind. Gemächlich schlendern hier Familien entlang, die ab und zu an die halbhohe Steinbrüstung treten und auf den Strand hinunterblicken. Der Sand ist hart und fest; nur hier und da hat ein Kind beim Buddeln eine Stelle aufgewühlt. In der Ferne liegen die Knitterfalten der grauen See unter einem von Möwen gesäumten weißen Himmel.

Es ist ein gewöhnlicher Tag ohne den leisesten Anflug von Magie. Und doch passiert diese Sache, Sullivans Erfahrung zum Trotz, einfach so.

Es gibt dort ein leeres Stück Promenade. Eine Straßenbahn trudelt vorbei. Sie ist so alt, und die eisernen Triebwagen sind so ramponiert, dass man sich nicht wundern würde, wenn der Stromabnehmer, der die Oberleitungen entlangstreicht, knistern und Funken sprühen würde, doch tatsächlich beschränken sich die Geräusche auf das müde Mahlen der Metallscheiben, auf denen das Gefährt durch die Stadt schleift. Meistens ist die Bahn leer und erinnert an einen Butler, der wie gewohnt seinen täglichen Pflichten im Haushalt nachkommt, nachdem alle Kinder längst ausgezogen sind. Der Fahrer hinter der verschmierten Windschutzscheibe hält die Steuerung mit steifen, reglosen Armen, während an der offenen Ecke der Straßenbahn ein Schaffner mit einem Münzer steht, der ihm wie ein winziges Akkordeon an einem Riemen um den Hals hängt.

Die Bahn hält nicht an. Niemand steigt ein oder aus. Doch als sie langsam weiterfährt, ist die Promenade nicht mehr menschenleer.

Dort steht ein kleines Mädchen.

Die Kleine hat langes, dunkelblondes Haar, das seitlich zu lockeren Zöpfen zusammengebunden ist und ihr auf die zarten Schultern fällt. Sie trägt ein blau-weiß kariertes Kleid und zierliche Schuhe; beides sieht so aus, als passte es eher zu einer Puppe. Unter den Augen hat sie dunkle, traurige Ringe. Vor dem Bauch hält sie eine Handtasche fest. Sie ist hellbraun, aus Leder und für sie viel zu groß – eine Tasche für Erwachsene –, doch sie hält sie umkrallt, als wäre sie schon sehr lange in ihrem Besitz und ihr ungeheuer wichtig.

Das kleine Mädchen steht da.

Und wartet.

Und so fängt es an. Sie taucht wie aus dem Nichts auf der Promenade auf: so als drehte sich die Welt im Schlaf auf die andere Seite und erwachte plötzlich mit einer Idee, die so wichtig ist, so dringend mitgeteilt werden muss, dass sie reale Gestalt annimmt. Und jetzt steht diese Idee da und wartet darauf, entdeckt zu werden.

Wartet darauf, dass sich jemand ihrer annimmt.

 

Sullivan hockt sich vor das kleine Mädchen hin. Sein steif gebügeltes Hosenbein bildet vom Knie herauf und über dem Oberschenkel einen scharfen Kniff. Ihr Blick folgt seiner Bewegung. Sie sind jetzt auf Augenhöhe, und er lächelt sie an, um ihr die Angst zu nehmen.

»Hallo. Wie heißt du?«

Das kleine Mädchen antwortet nicht. Ihr Gesichtsausdruck ist wie ein Panzer. Für ein Kind in ihrem Alter ist sie viel zu ernst, und Sullivan weiß sofort, dass hier etwas nicht stimmt.

Für einen Moment wendet er den Blick ab. Die Frau, der das kleine Mädchen aufgefallen war und die ihn benachrichtigt hat, steht zögernd in einigem Abstand. Sie ist in mittlerem Alter und hält ihre eigene Handtasche fast genauso wie das Mädchen. Sullivan nickt ihr zum Dank noch einmal zu – das wird schon, ich kümmere mich darum – und wendet sich, als die Frau geht, wieder dem Kind zu.

An diesem Punkt weiß er nicht, dass er noch einmal mit der Frau sprechen muss, um sich über die genauen Umstände, unter denen das Mädchen hier gefunden wurde, Klarheit zu verschaffen. Auch wenn er begreift, dass etwas nicht stimmt, ist ihm die Erkenntnis noch nicht ganz ins Bewusstsein gedrungen. Im Moment denkt er immer noch: Sie hat sich verlaufen und sucht ihre Eltern. Weiter nichts.

»Ich heiße Mike«, sagt er. »Und du?«

Auch diesmal antwortet das Mädchen nicht, doch nachdem sie ihn ihrerseits eine Weile angestarrt hat, wendet sie den Blick zur Seite. Und sie sagt auch etwas, doch er versteht nicht, was. Es ist, als spräche sie mit einem Geist oder bäte einen imaginären Freund um Rat.

Kann ich mit ihm reden? Ist es sicher?

»Was hast du gesagt?«, fragt er.

Sie sieht immer noch weg. Hört jetzt zu.

Gott, denkt Sullivan – weil ihm gerade etwas anderes dämmert: Die Kleine hier sieht wahrhaftig wie sie aus. Anna Hanson, das Mädchen, das letztes Jahr ermordet wurde. Sie sind beide etwa im selben Alter, ungefähr sechs, und Anna hatte dasselbe buschige dunkelblonde Haar. Irritiert durch die Ähnlichkeit und das befremdliche Verhalten des kleinen Mädchens, läuft Sullivan ein Schauder den Rücken herunter. Er hat das seltsame Gefühl, dass sie es vielleicht tatsächlich ist und zu ihren verzweifelten, trauernden Eltern zurückkehrt.

Natürlich ist das unmöglich, nicht zuletzt, weil Anna Hanson bereits zurückgekehrt ist – als Leiche an den Strand gespült: winzig zart, grau und leer. Die Ähnlichkeit ist allerdings frappierend, und er hat plötzlich das dringende Bedürfnis, sich um dieses kleine Mädchen zu kümmern und es zu beschützen.

Sie sieht ihn wieder an. In seiner ganzen zwölfjährigen Dienstzeit hat er noch nie eine solche Verzweiflung gesehen.

»Das wird schon«, sagt er. »Ich bin Polizist. Hast du deine Mummy oder deinen Daddy verloren?«

»Meinen Daddy.«

Ihre Stimme ist unglaublich zart.

»Also, wir können ihn bestimmt schnell finden …«

Doch er hält inne. Der Schrecken, der dem kleinen Mädchen ins Gesicht geschrieben steht, zeigt, dass dies die letzte Antwort ist, die sie hören will. Ihr kleiner Körper zittert ein wenig.

Instinktiv, ohne sich zu überlegen, wie sie reagieren wird, legt ihr Sullivan die Hand auf die Schulter und spürt den rauhen Stoff des Kleides unter den Fingern. Das kleine Mädchen zuckt nur ein wenig zusammen, rührt sich jedoch nicht vom Fleck. Das instinktive, verzweifelte Bedürfnis, getröstet zu werden, siegt über die Angst. Es scheint, als habe sie schon eine ganze Weile keine Zuwendung oder Freundlichkeit erfahren, wenn überhaupt jemals, und als koste es sie Mut – einen ungeheuren Vertrauensvorschuss –, auch nur an die Möglichkeit zu glauben.

»Das wird schon, Schätzchen«, sagt Sullivan.

Wieder sieht er sich um. Ein paar Passanten beobachten die Szene, doch die meisten gehen einfach weiter und nehmen von ihnen entweder keine Notiz oder sind davon überzeugt, dass alles seine Ordnung hat. Ein Polizist ist schließlich Herr der Lage. Nach allgemeiner Übereinkunft hat er die Aufgabe, sich um Leute zu kümmern.

Sullivan ist im Begriff, sich wieder dem kleinen Mädchen zuzuwenden, um genau das zu tun, als er den Mann sieht und innehält.

Clark Poole.

Der Greis läuft schwerfällig auf der anderen Straßenseite jenseits der Straßenbahnschienen den Bürgersteig entlang. Er hat einen leichten Buckel, und über seiner Rückgratverkrümmung ist seine Jacke speckig, als ob das Alter nach und nach seinen ganzen Rücken in ein Geschwür verwandelt hätte, das in der Mitte weich ist und nässt. Sein bleicher Kopf ist bis auf einen weißen Haarkranz, der ihm an den Schläfen klebt, kahl und sein jetzt abgewandtes Gesicht mürrisch und breit. Poole geht an einem Rohrstock, den er, wie Sullivan vermutet – ohne es beweisen zu können –, eigentlich nicht braucht.

Tapp, tapp.

Zuerst glaubt Sullivan, Poole hätte ihn nicht gesehen. Doch vor dem Café bleibt der Alte stehen, dreht sich um und erwidert seinen Blick. Poole lächelt und nickt – wie so oft – Sullivan genüsslich zu, bevor er sich abwendet und weiter seines Weges geht. Tapp, tapp. Die Leute machen, eher instinktiv als aus Rücksicht, Platz für ihn, und Sullivan bezähmt das sattsam vertraute Bedürfnis, hinüberzusprinten und ihn zu packen. Bekäme er den alten Mann erst in die Finger, so viel ist gewiss, wäre kein Halten mehr.

Also blickt er ihm hinterher. Steckt Poole in dieser Sache hier irgendwie mit drin? Eher unwahrscheinlich. Schließlich hat er die kleinen Mädchen nie zurückgebracht. Er hat sie vorsätzlich und nach sorgfältiger Planung entführt, so dass man es zwar wissen, aber ihm nicht beweisen konnte. Wie dem auch sei, Sullivan kennt Pooles Adresse. Nach Annas Verschwinden hat er seine Wohnung durchsucht. Doch seitdem hat es Zeiten gegeben, in denen er früh morgens in der Nähe seines Wohnblocks geparkt und sich ausgemalt hat, was er mit dem alten Mann am liebsten machen würde.

Sullivan dreht sich wieder zu dem kleinen Mädchen um.

Sein Blick fällt erneut auf die Tasche. Sie ist für sie viel zu erwachsen. Sie sieht schmutzig aus, als hätte sie irgendwo draußen herumgelegen, doch er hat den vagen Eindruck, als wäre sie einmal teuer gewesen.

»Erlaubst du mir bitte, einen Blick da reinzuwerfen?«

Sie zögert.

»Ich bin vorsichtig«, sagt er. »Versprochen. Und dann bekommst du sie wieder.«

Immer noch unentschlossen. Doch sie hält sie ihm hin.

»Danke.«

Der Reißverschluss klemmt: Wie vermutet, haben sich Erdkrumen in den Metallzinken festgesetzt. Als er sie endlich geöffnet hat und hineinsieht, rechnet er damit, ein kleines Portemonnaie, Taschentücher – vielleicht Schlüssel – darin zu finden, doch die Handtasche ist fast gänzlich leer.

Außer … einer Blume.

Sullivan fasst behutsam hinein und zieht sie heraus. Der Stengel ist geknickt und halb zerfasert; die Blütenblätter, die jemand irgendwann einmal gepresst hat, sind grauschwarz.

Er spürt ein Kribbeln in den Fingern.

Und wieder ist da dieses Gefühl, nur jetzt viel stärker als vorhin. Irgendetwas stimmt hier nicht. Sullivan sieht sich das schmutzige Haar, das seltsame Kleid des Mädchens an. Zum ersten Mal bemerkt er einen leichten Bluterguss an ihrer Wange.

Das kleine Mädchen sagt: »Jane.«

»Heißt du so?«

Sie schüttelt den Kopf und deutet leicht auf die Blume.

»Das ist Jane. Sie spricht nicht mehr mit mir.«

Sullivan starrt sie an. Er versteht nicht, was sie meint – natürlich nicht, noch nicht, trotzdem läuft es ihm bei dieser eigenartigen Antwort kalt den Rücken herunter. Die nächste Bahn rattert über die Straße; er hört, wie sie lauter wird. Vor seinen Augen bröckelt die mühsam aufrechterhaltene Tapferkeit des Mädchens, und sie weint.

Sie sagt: »Bitte hilf mir.«

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Erster Teil

1

Mein Vater war Schriftsteller. Ich wollte in seine Fußstapfen treten, und so hätte ich an diesem Tag sowieso an ihn gedacht, auch ohne das, was später passierte. Doch den größten Teil des Vormittags hatte ich mich mit Kobolden und Wechselbalgen befasst.

Na ja – natürlich auch mit Studenten.

Es war schon fast Mittag. Ich ging um meinen Schreibtisch herum und hob eine Lamelle in der Jalousie hoch. Draußen fiel die Mittagssonne schräg über die Steinplatten unter meinem Büro. Eine Schar neuer Studenten strömte vorbei. Die Jungen schienen in Shorts und T-Shirts alle für den Strand gerüstet. Die Mädchen trugen fließende Sommerkleider, riesige Sonnenbrillen und Flipflops, die auf dem Pflaster klatschten. Es war Orientierungswoche zu Erstsemesterbeginn 2010, und so glich der ganze Campus einer einzigen Party. Den größten Teil des Morgens war von der Union Hall aus, dem Gebäude der Studentenvertretung, Musik herübergedröhnt, die eher nach einem monotonen Herzschlag klang.

Ich ließ die Lamelle wieder los und kehrte zu meinem Schreibtisch zurück. Im Vergleich zur strahlenden Karnevalsatmosphäre dort draußen war mein Büro klein, trist und grau. Hier drinnen roch es nach staubigen Aktenkästen und dem rostigen Heizkörper, der das Fenster unterstrich. Ich hatte die Tür einen Spaltbreit offen gelassen. Ros – meine Chefin – war unten in der Sporthalle und kümmerte sich um die Zulassungen; das Dozentenzimmer war verwaist. Abgesehen vom Stampfen der Musik und einem gelegentlichen gedämpften Schlag irgendwo im Flur war das einzige echte Geräusch hier drinnen das elektrische Surren meines alten Monitors.

Im Moment hatte ich zwei Dateien geöffnet. Bei der ersten handelte es sich um die Datenbank der Studenten, mit der ich schon seit Wochen nicht vorankam. Ich schob vor, sie sei viel schwieriger zu erstellen, als es tatsächlich der Fall war. Bei der zweiten handelte es sich um die Kurzgeschichte, an der ich stattdessen den ganzen Morgen gearbeitet hatte.

Ich überflog sie ein letztes Mal.

Für meine Verhältnisse war sie recht bizarr ausgefallen. Am Anfang findet ein junger Mann heraus, dass seine Freundin schwanger ist. Es war ein Unfall – sie haben sich hinreißen lassen und danach gegrinst. »Ganz schön dämlich, oder?«, sagen sie. »Aber uns wird schon nichts weiter passieren.« Es passiert ihnen doch.

Die Freundin kommt zu dem Schluss, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch nicht über sich bringt, und der Junge akzeptiert das, auch wenn es nicht seinen Wünschen entspricht. Er versucht sein Bestes, doch während die Zeit vergeht, sträubt er sich immer mehr gegen ihre Entscheidung – bis er auf einmal diese Kapuzen-Gangs entdeckt, die an den Straßenecken lungern. Sie beobachten, verfolgen ihn. Nach und nach stellt er sich vor, dass eine Art Mafiaboss, so etwas wie ein Kobold, ein Zwerg, ein Goblinkönig dahintersteckt, der seine Hände nach ihm ausstreckt. Wie die bösen Zwerge im Märchen werden diese städtischen Neuauflagen mit Kusshand sein Kind mitnehmen; der Mann braucht nichts weiter zu tun, als es sich zu wünschen. Irgendwann tut er egoistischerweise genau das.

Danach passiert zwei Tage lang nichts – genügend Zeit, um sich einzureden, dass er sich alles nur eingebildet hat. Und dann verschwindet auf wundersame Weise die Schwangerschaft.

Die Geschichte endet Jahre später damit, wie die männliche Hauptfigur ein Mitglied der Kapuzen-Gang an einer Straßenecke entdeckt und im Gesicht des Jungen hinreichend vertraute Züge erkennt, um zu wissen, dass es sein Sohn ist.

Reichlich bizarr, Neil.

War es auch, aber irgendwie gefiel mir die Geschichte. Außerdem frönte ich gerade zu sehr der Aufschieberitis. Bizarr oder nicht, erfolgreich oder nicht, war sie so fertig, wie sie nur sein konnte. Also speicherte ich die Word-Datei und schrieb eine kurze E-Mail an meinen Vater.

Hi Dad,

hoffe, Dir geht es gut – ich weiß, wir haben ein paar Wochen nichts mehr voneinander gehört, ich vermute also mal, alles geht seinen Gang? Hatte vor, mich zu melden. Bin mal wieder kläglich gescheitert.

Hätte ein paar Neuigkeiten, aber vorerst wollte ich Dich bitten, einmal einen Blick auf das hier zu werfen. Ich hab keine Ahnung, ob es was taugt oder nicht, aber falls Du einen Moment Zeit hast, könntest Du es vielleicht mal lesen. Ich ruf Dich in Bälde an, und wir können uns ausgiebiger unterhalten.

Alles Liebe,

Neil

Ich holte tief Luft und klickte auf »Senden«.

Seltsamerweise war ich nervös. Mein Vater hatte über die Jahre zwanzig Romane veröffentlicht und war hinsichtlich der handwerklichen Qualität meiner Schriftstellerei immer ehrlich gewesen – deshalb schickte ich ihm meine Sachen ja überhaupt. Nein, das war es eigentlich nicht; ich konnte nicht sicher sagen, was es war. Nur dass ich nervös auf den kreisenden E-Mail-Anzeiger starrte und mir wünschte, die Mail zurückholen zu können.

Dann verwandelte sich der Kreisel in ein Häkchen.

Das war’s also. Meine Geschichte war in die Welt hinausgegangen.

Vergiss es.

Als ich auf die Uhr sah, war es kurz vor zwölf. Also minimierte ich das E-Mail-Programm, schloss das Büro ab und verließ das Gebäude.

 

Ally arbeitete am Erziehungswissenschaftlichen Institut, doch heute stand eine Konferenz in der Union Hall auf ihrem Terminkalender. Der Bau befand sich am anderen Ende des Campus, und so musste ich mich dem Strom der Studenten anschließen und mir mitten durch das Gewühl einen Weg bahnen.

Die Verbindung von sonnigem Wetter und dieser Jahreszeit ließ Festival-Stimmung aufkommen. Vor dem Union-Gebäude schien die Sonne auf frisches grünes Gras, und alle saßen mit schäumendem Bier in Plastikbechern da. Der geteerte Platz rings um die Eingangstreppe glich einem Teppich aus weggeworfenen Flyern. Im Obergeschoss balancierten Lautsprecher auf einem Fenstersims und pumpten die Musik hinaus. Ein spindeldürrer Typ – Sonnenbrille und Krempenhut – stand dort oben mit einem Fuß auf dem Sims und brüllte etwas wie eine atmosphärische Störung in ein Megaphon, das hier und da ein artikuliertes Wort enthielt und sich offenbar an die vorbeikommenden Studenten richtete.

Auch wenn ich mit dem Zirkus nichts zu schaffen hatte, wusste ich, dass es wahrlich schlechtere Arbeitsplätze als meinen gab. Zum einen war er so entspannt, dass ich in Jeans und Joggingschuhen ins Büro kommen konnte, und zum anderen gab es – wie heute – häufig Gelegenheit, einige Zeit fürs Schreiben abzuzwacken. Genau genommen wurde ich sogar dafür bezahlt. Andererseits wurde einem an einer Universität mehr als an jedem anderen Arbeitsplatz vor Augen geführt, wie alt man war, auch wenn sich das mit fünfundzwanzig Jahren in Grenzen hielt. Jeden September spitzte sich die Lage mit der Ankunft eines neuen Jahrgangs von Kindergesichtern zu. Man fühlt sich wie ein alter Blumenstrauß, der zwar das Verfallsdatum noch nicht überschritten hat, aber in seiner Ecke langsam vor sich hin welkt, ohne dass ihn jemand kauft.

Ich hatte in meinem ganzen Leben nichts anderes tun wollen als schreiben. Mein Vater hatte mehr schlecht als recht davon gelebt – seine Bücher sprangen zwischen zu vielen Genres hin und her, und ihre Erscheinungsjahre lagen ein bisschen zu weit auseinander –, so dass mir in meiner Kindheit vage bewusst wurde, dass wir im Vergleich zu den Familien meiner Schulkameraden relativ arm waren. Aber das war nicht weiter von Belang. Ich wuchs mit der Liebe zu Büchern und Geschichten auf: Bücher besaßen wir reichlich, und solange mein Vater da war, gingen uns die Geschichten nie aus. Nie hatte ich mir irgendetwas anderes gewünscht, als ein bisschen wie er zu werden.

Doch das war mir nicht vergönnt.

Seit ich hier arbeitete, hatte ich vier Bücher bei Verlagen eingereicht, die ausnahmslos mit einem gut gezielten, kräftigen Baseballschlag abgeschmettert worden waren. Doch sooft man sich auch sagt, dass man sein Handwerk nicht von selbst beherrscht, sondern eine Lehrzeit in Kauf nehmen muss, setzen einem all die unausgeschlafenen frühen Morgen- und späten Abendstunden irgendwann zu. Man muss es ernst nehmen, und so läuft es darauf hinaus, zwei Berufe gleichzeitig auszuüben. Und mir fiel es zunehmend schwer, das alles auch noch mit einem echten Leben unter einen Hut zu bringen. Vielleicht wurde es eben gerade unmöglich. Vielleicht musste ich mich früher oder später den Tatsachen stellen.

Ally zeigte natürlich Verständnis, aber dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, zu viele Eisen im Feuer zu haben. Etwas musste ich opfern. Gewiss nicht meine Beziehung zu ihr. Dafür liebte ich sie viel zu sehr. Vielleicht lief es also darauf hinaus, das Schreiben an den Nagel zu hängen. Ein deprimierender Gedanke.

Doch für sie wäre ich dazu bereit. Ganz bestimmt.

Sie wartete schon auf den Stufen der Union Hall. Es war nicht schwer, sie zwischen den Studenten zu entdecken – zunächst schon mal dank ihrem rot gefärbten Haar. Aber sie hatte sich auch eigens für die Konferenz in Schale geworfen und trug ein schickes schwarzes Kleid zu Stöckelschuhen. In ihrer Freizeit lief sie in schlaksigen Jeans, Sportschuhen und T-Shirt herum und erinnerte gewöhnlich an eine Mischung aus Punk und frecher Göre; man rechnete beinahe damit, dass sie ein Skateboard unter dem Arm hervorzog. Ein flüchtiger Beobachter hätte jetzt vielleicht genickt und gesagt, sie hätte sich ordentlich herausgeputzt, doch jemand mit einem schärferen Blick sah, dass sie, egal, was sie trug, schön war. Beide hätten sich vielleicht gewundert, was sie an mir fand.

»Hey, da bist du ja«, sagte ich.

»Ah, endlich. Du lässt mich ganz schön warten, Dawson, was?«

»Du meinst, ich halte dich ganz schön auf Trab.«

Sie stellte sich auf Zehenspitzen und legte mir die Hände auf die Schultern, um mir einen Kuss zu geben. Auf den ersten Blick sah Ally klein und zerbrechlich aus. In Wahrheit war sie schlank und muskulös, die Art Frau, die einen beim Armdrücken in Staunen versetzen konnte und das auf jeden Fall versuchen würde. Als wir das erste Mal – vor nunmehr einem Jahr, beide betrunken und beide höchst erstaunt – zusammen im Bett gelandet waren, wäre ich ihr, selbst wenn ich es gewollt hätte, kaum entronnen.

»Worauf warten wir«, sagte sie. »Ich komm um vor Hunger.«

»Das kann ich nicht zulassen.«

Wir gingen in die Oyster Bar im Union. Sie hieß so, weil sie sich unten inmitten von glitzernden Spiegeln befand, während sich entlang der Wände in kreisrunden, treppenförmig ansteigenden Ringen weiße Sitze und Tische befanden. Wir erspähten einen freien Tisch und plauderten, während wir auf unser Essen warteten, vor dem Hintergrundrauschen anderer Gäste darüber, wie wir den Morgen verbracht hatten.

Doch mit der Zeit wurde klar, dass sie nicht bei der Sache war und sich für den Smalltalk nicht wirklich erwärmte. Sie stellte Fragen und wartete die Antworten nicht ab oder beantwortete meine Fragen, ohne viel mitzuteilen. Andererseits ist es natürlich nicht einfach, Belanglosigkeiten auszutauschen, wenn ein ernsthaftes Thema ansteht.

»Also«, sagte ich schließlich. »Was geht dir durch den Kopf?«

»Nichts.«

»Du denkst die ganze Zeit über was nach.«

»Na schön. Vielleicht stelle ich mich darauf ein.«

»Auf das Baby?«, riet ich.

Doch unser Essen wurde gerade gebracht, und so lehnte ich mich zurück, damit die Kellnerin die Teller auf dem Tisch abstellen konnte. Ally strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und griff zum Besteck.

»Ich habe mich entschieden«, sagte sie.

»Dass du es behältst.«

»Ja.« Sie deutete mit dem Kopf auf die Bar. »Ich weiß, das hier ist nicht gerade die tollste Kulisse für so eine Unterhaltung, aber ich wollte es dir sagen, sobald ich mir sicher bin.«

Ich rang mir ein Lächeln ab.

»Ich wusste es schon«, sagte ich.

»Ich glaube einfach, es wäre mir völlig unmöglich, es nicht durchzuziehen.«

Sie sah mich an, und hinter ihren Augen schien sich ein bewaffneter Konflikt abzuspielen.

»Ich weiß«, sagte ich. »Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch. Aber es wird alles verändern.«

»Das wird schon irgendwie.«

Ich gab mir redliche Mühe, überzeugend zu klingen. Auch wenn ich gewusst hatte, wie sie sich entscheiden würde, fühlte es sich, als sie es aussprach, so an, als täte sich die Erde unter mir auf. Verstand sich von selbst, dass ich ihr nichts davon sagte.

»Das wird schon«, bekräftigte ich. »Wir schaffen das.«

»Versprochen?«

Wie kann man so etwas versprechen? Wir wussten es erst seit einer Woche, und ich hatte kaum Zeit gehabt, es zu begreifen.

Der Gedanke hatte noch etwas Unwirkliches; es war unmöglich, sich vorzustellen, was es für mich, für sie, für uns bedeuten würde, wenn sich plötzlich alles änderte. Trotzdem beugte ich mich vor und streichelte ihre Hand. Rings um uns schien das Klirren und Scheppern in der Bar fast verstummt zu sein.

Ich versprach es ihr.

 

Zu Hause nahm ich später einen Schluck eiskalten Weißwein und starrte auf den Bildschirm meines Laptops. Unter meinem behelfsmäßigen Schreibtisch zwitscherte der Drucker. Stotternd kam aus der Öffnung vorne Papier heraus und landete mit der Schrift nach oben auf dem Boden. Die Geschichte, die ich verfasst hatte und die in umgekehrter Reihenfolge ausgedruckt wurde, so dass sich das Ende beharrlich zum Anfang voranarbeitete. Ließe sich im Leben doch alles so einfach rückgängig machen.

Mein Wohnzimmer war auch mein Schlafzimmer. Vor dem Fenster neben mir sah ich die vertraute, neonbeleuchtete Reihe bis spät nachts geöffneter Take-aways und Spirituosenläden auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich wohnte in einem ehemaligen Einfamilienhaus, das der Eigentümer in zwei Studio-Wohnungen umgewandelt hatte. Der gesamte zweite Stock – mit sämtlichen drei Räumen – gehörte mir. Mein Nachbar, ein argentinischer Student, der kaum etwas anderes zu tun schien, als sich zu jeder Tages- und Nachtzeit bei voller Lautstärke Actionfilme anzusehen, bewohnte den ersten. Wir teilten uns die Treppe und die Haustür, die sich zwischen einen Zeitungsladen und einen Friseursalon zwängte. Wenn ich abends von der Arbeit heimkam, konnte ich gewöhnlich durch die dünne Wand die Föhne hören und ganz schwach den Geruch nach versengtem Haar riechen.

Es war nicht berückend. Es war nicht einmal besonders sicher. An der Rückseite des Gebäudes war die Kellertür halb aufgebrochen. Wenn man entschlossen genug war, sich zuerst durch den verrottenden Müll und dann durch ramponierte alte Möbel im Keller durchzukämpfen, konnte man bis zu meiner Wohnungstür kommen, ohne ein einziges Schloss aufzubrechen. Zum Glück besaß ich nichts, was einen Einbruch lohnte. Da war lediglich mein billiger Laptop, der gewöhnlich in einer Schublade unter einem Stapel T-Shirts zu Hause war, wo ein Dieb wohl nicht suchen würde.

Der Drucker kam geräuschvoll zum Stehen, und ich war schutzlos den Schüssen und Explosionen vom ersten Stock ausgesetzt. Heute Abend entfalteten sie ihre ganze Durchschlagkraft, so dass der Boden unter meinen Füßen vibrierte. Es fiel nicht schwer, sich vorzustellen, dass dort ein echter Krieg wütete. Ich nippte an meinem Wein, hob die Seiten auf und klopfte sie auf dem Schreibtisch zu einem ordentlichen Stapel, bevor ich die Geschichte noch einmal las.

Ziemlich bizarr.

Und auch ziemlich starker Tobak.

Doch das dürfen Geschichten sein, solange sie ehrlich sind.

Das letzte Buch meines Vaters hieß zum Beispiel Kummerpuppen. Es handelt von einem kleinen Dorf und einem einsamen Jungen mit einem Vater, der ihn und die Mutter schlägt. Ein Puppenmacher bringt dem Jungen bei, wie man eine Kummerpuppe bastelt – ein kleines Figürchen aus Holzstiften und buntem Stoff. Abends vertraut man der Puppe alle seine Ängste an und steckt sie sich unters Kissen, wo sie sich darum kümmert, dass man selber gut schlafen kann. Der Junge bastelt ein Monster. Seiner Puppe ragen benutzte Streichhölzer wie verbrannte Flügel aus dem Rücken, während ihr abgeschnittene Zehennägel als Klauen dienen. Und als in dieser Nacht der Vater betrunken nach Hause kommt und drauf und dran ist, die ganze Familie umzubringen, erwacht die Puppe zum Leben und zerreißt ihn in Stücke.

Die Geschichte funktioniert schon an und für sich, doch in dem Buch geht es um viel mehr. Der Erzähler von Kummerpuppen ist ein sehr alter Mann, der selbst Zeuge der Ereignisse geworden ist. Seine Frau war zu diesem Zeitpunkt sehr krank, und so hat der Puppenmacher auch ihm beigebracht, wie man sich eine Kummerpuppe macht. Der alte Mann gestaltete sie so, dass sie seiner Frau ähnlich sah, und vertraute ihr an, er hätte Angst davor, allein zurückzubleiben. In seinem Fall schien der Zauber nicht aufzugehen, denn seine Frau starb trotzdem. Doch am Ende des Buchs, auf seinem Sterbebett, erkennt er, dass der Geist seiner Frau die ganze Zeit neben ihm gesessen und bis zu seinem Ende ausgeharrt hat, und als er stirbt, nimmt sie ihn an der Hand, und sie gehen zusammen.

Dad hatte vor zwei Jahren mit der Arbeit an Kummerpuppen angefangen, als meine Mutter mit Krebs im Endstadium kämpfte. Es war die letzte Schlacht in einem langen Krieg, und er schrieb die Geschichte kurz nach ihrem Tod zu Ende.

An einer Stelle sagt der Puppenmacher dem Jungen:

Es ist eigentlich egal, wie schäbig oder unvollständig sie dir gerät. Wichtig ist nur, dass es deine ist.

Und für meinen Vater haben Geschichten genau denselben Zweck erfüllt wie Kummerpuppen, nur dass er seine Ängste und Probleme mit Worten einem Blatt Papier anvertraute. In seinem Buch stecken all die Emotionen, die er meiner Mutter niemals zugemutet hätte. Statt zusammenzubrechen und ihr seinen eigenen Schmerz einzugestehen – die panische Angst, ohne sie weiterzuleben und zu sterben –, hatte er sich darauf konzentriert, sich um sie zu kümmern. Indem er beim Schreiben egoistisch war, konnte er im realen Leben das Gegenteil sein.

Genau das hatte auch ich versucht. Meine Geschichte war eine Müllhalde für all den armseligen, negativen Mist, den ich tief in mir vergrub: die Dinge, die eindeutig nicht fair waren und die ich gegenüber Ally nie ausgesprochen hätte. Ganz offensichtlich würde die Sache für sie viel schwerer und ihr mindestens so viele Opfer und Kompromisse abverlangen wie mir. Also mochte der Kerl auf der ausgedruckten Seite ruhig vor Groll und dummem, kindischem Unmut kochen – wenn er mir dabei half, Ally eine Stütze und ein verlässlicher Mensch zu sein. Jedenfalls, so gut ich konnte.

Ich trank den Wein aus.

Trotzdem war es starker Tobak – und mir kam eine andere Idee. Ich griff zu einem Stift und schrieb ans Ende der letzten Seite:

Reue. Vielleicht kommt der Kerl noch zur Einsicht und muss kämpfen, um sein Kind wiederzubekommen?

Ein Abstieg zur Hölle?

Ich starrte einen Moment darauf und dachte darüber nach.

Vielleicht würde das ein besseres, befriedigenderes Ende hergeben.

Noch etwas Wein. Ich stand auf. Immerhin war es noch früh am Abend, und – verflucht noch mal – wenn man sich an dem Tag, an dem einem eröffnet wird, dass man Vater werden soll, nicht betrinken durfte, wann dann?

Ich lief zielstrebig durch die Küche, um der Frage auf den Grund zu gehen, als mein Telefon klingelte. Es war das Festnetztelefon, das in der Ecke neben meinem Bett tirilierte. Ich war erstaunt; ich hatte fast vergessen, dass es existierte. Niemand rief mich je unter der Nummer an. Meine Freunde schickten mir alle SMS und E-Mails.

Ich stellte das leere Glas neben den Computer und ging hin.

»Hallo?«

»Hallo? Spreche ich mit Neil?«

Es war die Stimme einer Frau, aber nicht Allys.

»Ja.« Ich setzte mich aufs Bett. »Am Apparat.«

»Ah, gut. Marsha Dixon. Ich bin die Agentin Ihres Vaters.«

Ich brauchte einen Moment, bis der Groschen fiel, doch dann dachte ich: Ach so, klar.

Ich war Marsha ein paarmal begegnet und sah sie jetzt vor mir. Eine Frau um die fünfzig bis sechzig, mit grauem Haar, das sie wie ein Schulmädchen zu Zöpfen geflochten hatte. Sehr bohème. Als Kind hatte mein Vater mir erklärt, im Verlagswesen seien eine Menge Leute flamboyant, und eine Zeitlang stellte ich mir darunter ein exotisches Geschöpf vor, entfernt verwandt mit Flamingos. Als wir uns das letzte Mal begegnet waren, hatte mir Marsha Luftküsschen auf beide Wangen gegeben und stark nach Parfüm und Wein gerochen. Sämtliche Manuskripte in Buchlänge, die ich fertig geschrieben hatte, waren – anonym – über ihren Schreibtisch gewandert und zu mir zurückgekehrt. Eins hatte ich mir sogar unter die Nase gehalten, um festzustellen, ob es nach Parfüm roch. Nichts.

»Hi, Marsha. Was kann ich für Sie tun?« Sie schwieg, und als sie weitersprach, klang sie beunruhigt.

»Es geht um Ihren Vater, Neil. Ich fürchte, er ist verschwunden.«

2

Dad lebte noch im selben Haus, in dem ich aufgewachsen war.

Wir hatten ein Viertel einer alten, in Wohnungen umgebauten herrschaftlichen Jahrhundertwende-Villa im gotischen Stil bewohnt, die zurückgesetzt lag und über eine gewundene, weiß asphaltierte Einfahrt zu erreichen war. Genauer gesagt war es eine Wohnung, die sich, abgesehen von der nach oben führenden Treppe auf ein Geschoss beschränkte, doch das Bauwerk als Ganzes war riesig und imposant: rußschwarz und aus Klinkern, die mir in meiner Kindheit größer als ich selbst vorgekommen waren. Von außen sah das Haus prächtig und beneidenswert aus, doch der Schein trog. Bei meinen Besuchen als Erwachsener hatte ich zweierlei erkannt.

Zum einen, wie baufällig mein Zuhause in Wahrheit gewesen war. Es hatte etwas Abgewetztes, Fadenscheiniges; wäre es eine Jacke gewesen, hätte es nach Mottenkugeln gerochen und Ellbogenflicken gehabt. Die Wände hatten innen feuchte Flecken, und die alten Teppichböden rollten sich an den schmutzigen Fußleisten auf, da sie nicht mehr festgenagelt waren. Irgendwie erinnerte es mich an mein eigenes Domizil – und das wiederum machte mir deutlich, wie sehr mein Vater in der Ehe meiner Eltern das Sagen gehabt hatte. Dies war das Haus, in dem er, ein dann und wann erfolgreicher Schriftsteller, unabhängig von der Anwesenheit meiner Mutter immer gelebt hätte. Statt mit ihm zusammen ein neues Leben anzufangen, hatte sie sich offenbar damit zufriedengegeben, eine Reisegefährtin in seinem zu sein.

Die zweite Erkenntnis hob die erste auf. Nach dem Tod meiner Mutter wurde mir schlagartig bewusst, wie unglaublich leer sich das Haus ohne sie anfühlte und wie verloren mein Vater ohne sie schien. Doch ich glaubte, ihn zu verstehen. Mein Vater konnte gar nicht anders als schreiben, und Schriftsteller brauchen Leser. Es ist eine Partnerschaft, und auch wenn sie auf den ersten Blick ungleich erscheint, ist sie in Wahrheit genau das. Nur weil eine Person sich damit zufriedengibt zuzuhören, heißt das nicht, dass die andere – der Sprecher – nicht auf sie angewiesen wäre, um dem Ganzen einen Sinn zu geben. Liebe kann genauso sein.

Doch ich hatte mir nie Sorgen um ihn gemacht. Zwar war er im Lauf des letzten Jahres vor meinen Augen gealtert, als hätte die Gegenwart meiner Mutter einen älteren Mann auf Abstand gehalten, der jetzt freien Zugang hatte. Mit jeder Woche, die verging, war er mir kleiner und zerbrechlicher erschienen als zuvor. Doch als die Tränen versiegt waren und er sich darangemacht hatte, sich nach seinem Verlust in seinem Leben neu einzurichten, tat mein Vater, was ich von ihm erwartet hatte, was er schon immer getan hatte. Er fing zu schreiben an.

Also hatte ich mir nie Sorgen um ihn gemacht.

Und auch jetzt gab es keinen Grund, sich zu sorgen. Marsha war einfach nur melodramatisch. Das sagte ich mir trotz leise rumorender Zweifel, während ich, den Hörer am Ohr, auf dem Bettrand saß. Mein Vater hätte sich wegen eines neuen Vertrags nicht zurückgemeldet, sagte sie, und er ginge nicht ans Telefon und riefe nicht zurück, und das sähe ihm so gar nicht ähnlich. Was nicht stimmte. Nach allem, was sie sagte, war das einfach typisch Dad.

»Ich bin sicher, ihm fehlt nichts, Marsha. Sie wissen doch, wie er ist.«

»Ja, bestimmt. Es ist nur, nachdem Ihre Mutter letztes Jahr verstorben ist … das tut mir so leid, mein Junge. So leid.«

»Danke.«

Dieses bohrende Gefühl steigerte sich beharrlich bis zur irrationalen Panik. Wann genau hatte ich das letzte Mal mit ihm gesprochen? Es war über zwei Wochen her, wurde mir bewusst – also wirklich länger als normal. Und wenn ich jetzt daran dachte, dann hatte er bei der Gelegenheit noch geistesabwesender als sonst gewirkt. Als ginge ihm etwas viel Ernsteres durch den Kopf …

Andererseits kann man sich in alle möglichen Befürchtungen hineinsteigern.

»Ich bin sicher, es ist nichts«, sagte ich. »Er ist nicht der Typ, der etwas Unbedachtes tut. Natürlich hat ihn Mums Tod schwer getroffen, aber er wird das in seinen Büchern kanalisieren.«

Wenn man es offen aussprach, klang es irgendwie lächerlich.

Marsha ließ sich nicht so leicht überzeugen. »Ob Sie wohl für mich nachsehen könnten, Neil? Ganz ehrlich gesagt, würde es mich beruhigen.«

Ich strich mir über die Stirn. Bis eben hatte es keinen Grund zur Sorge gegeben, und es gab auch jetzt keinen Grund. Sooft ich mir das einzureden versuchte, scheiterte ich kläglich.

»Ja«, sagte ich. »Selbstverständlich.«

 

Bis ans andere Ende der Stadt war es eine halbe Stunde mit dem Auto, doch eine realistische Einschätzung meines Alkoholkonsums ließ mich an meiner Fahrtüchtigkeit zweifeln. Nachdem ich versucht hatte, meinen Vater unter seinem Festnetzanschluss wie auch übers Handy zu erreichen, rief ich als Nächstes ein Taxi. Kurz vor acht hielt es vor seinem Haus. Der Motor tuckerte vor sich hin, während der Fahrer das Innenlicht anknipste, um den Zähler abzulesen.

Nachdem ich gezahlt hatte, betrat ich die Einfahrt und lief durch den Garten. Die alte Wäscheleine meiner Mutter war noch da und hing wie unter dem Gewicht unsichtbarer Kleider in der Mitte durch. Zur Wand hin waren alte Wäscheklammern an der Schnur befestigt. Außer der Küche, die um die Ecke lag, befanden sich alle Fenster in dieser Flucht. Als ich hinaufsah, stellte ich fest, dass auf dieser Seite des Gebäudes alle Gardinen zugezogen und die Fenster dunkel waren. Entweder war er schon im Bett – um diese Zeit undenkbar –, oder er war nicht da.

Ich hatte einen eigenen Schlüssel. Ich rief die Treppe hinauf. »Dad? Ich bin’s nur.«

Mir schlug Stille entgegen. Oben lag der Flur im Dunkeln, und aus der ganzen Wohnung drang kein Laut. Im ganzen Haus schien niemand zu sein, und der muffige Geruch, der in der Luft lag, ließ darauf schließen, dass die Haustür eine Weile nicht mehr geöffnet worden war.

Ich zog sie hinter mir zu und ging die Treppe hinauf. Auf meinem Weg knipste ich alle Lichter an. So irrational das auch sein mochte, schlug mir jedes Mal, wenn ich einen Raum betrat, das Licht anknipste und nichts Ungewöhnliches vorfand, das Herz bis zum Hals.

Er war nicht da.

Ich konnte kaum glauben, wie erleichtert ich darüber war.

Aber wo steckt er dann?

Das Fenster in der Küche war alt und wurde nur mit einem im Rahmen und in der Leibung verankerten Hebel fest verschlossen. Ich öffnete ihn und ließ einen Schwall Nachtluft herein, während ich nach draußen spähte. Die Garagen für alle vier Wohnungen lagen darunter im Hof, die meines Dads stand offen, und der Wagen war nicht da.

Einen Augenblick lang verharrte ich so, den Kopf aus dem Fenster gesteckt. Ich dachte nach. Mein Vater ging meines Wissens abends nur selten aus, und falls er für länger irgendwohin gefahren war, hätte er es mir vermutlich gesagt.

Ich schloss das Fenster und lief wieder den halben Flur zurück. Betrat sein Arbeitszimmer.

In meiner Kindheit war es mein Zimmer gewesen. Wie Spinnweben in den Ecken hingen immer noch Erinnerungen darin, doch mein Vater hatte so viel umgestellt, dass der Raum kaum wiederzuerkennen war; um mir das Zimmer, in dem ich aufgewachsen war, wieder vor Augen zu führen, musste ich den Vertiefungen im Teppichboden folgen und aus dem Gedächtnis die passenden Möbel ergänzen.

Rechts, wo mein Bett gewesen war, standen jetzt die ganze Wand entlang Regale. Die untersten Fächer füllten Nachschlagewerke und Ablagekästen, die übrigen füllten, bis unter die Decke, offenbar Hunderte Exemplare der eigenen Bücher meines Vaters.

Ich starrte sie einen Moment an. Es waren alles englische Originale, und er hatte jeweils sorgsam die gebundenen Exemplare jedes Romans durch die entsprechenden Taschenbücher ergänzt und die neueren Auflagen dahintergestellt. Die Übersetzungen waren schwerer zu identifizieren, doch auch sie schienen nach Titeln zusammengestellt zu sein. Hatte er ein Exemplar von jedem Buch aufbewahrt? Ehrfürchtig betrachtete ich die Bücherwand. Die Bände schienen, ebenso wie die Anthologien, chronologisch geordnet zu sein, das heißt autobiographisch, so dass Kummerpuppen neu und unangetastet an einem Ende des obersten Fachs stand.

Wie mochte es wohl sein, wenn man sein Lebenswerk auf diese Weise vor sich hatte? Allein schon die Zahl der Buchrücken war ein beeindruckender Anblick, ganz zu schweigen von all den Worten, die die Seiten enthielten. Man hörte sie geradezu flüstern.

Ich drehte mich um und ging zum Schreibtisch. Als es noch mein Zimmer gewesen war, hatte hier ein riesiger Schrank gestanden und eine alte Stehlampe mit Fransen. Der Schreibtisch meines Vaters sah noch älter aus als mein damaliger Schrank. Er bestand aus eingekerbtem Holz und erinnerte mit seiner Textur an den Tisch in einem Schullabor. Die Lampe war einer schwenkbaren, angewinkelten Leuchte aus Metall gewichen. Ansonsten lagen auf dem Tisch nur noch ein zerfleddertes altes Taschenbuch und eine Schicht Staub. In der Mitte allerdings war eine saubere Stelle in Größe und Form eines Laptops zu erkennen. Wo auch immer er hingefahren war, hatte er offensichtlich seinen Laptop dorthin mitgenommen.

Ich sah auf. An der Wand hing ein Kalender mit Sportwagen auf den Fotos; auf dem Blatt zum laufenden Monat fegte ein verschwommener roter Ferrari um die Kurve einer Piste. Unter dem Bild waren mehrere Tage im September durchgehend angestrichen. Für letzten Freitag hatte er Haggerty A. notiert. Für Samstag H Ellis??

Und dann, darunter, Southerton Hotel, Whitkirk, mit einem Pfeil quer durch bis morgen.

Das wäre dann also geklärt. Er war doch weggefahren.

Ich war ein bisschen sauer, dass er mir nicht Bescheid gegeben hatte, andererseits war er ein freier Mann, und schließlich hatte ich selber nicht gerade den engsten Kontakt gehalten. Und falls es mit seiner Arbeit zu tun hatte und er ganz in etwas vertieft war, konnte es gut sein, dass er gar nicht auf die Idee gekommen war, sich zu melden.

Woran arbeitete er?

Ich schaute mir das zerfledderte Taschenbuch noch einmal an. Es sah meinem Vater nicht ähnlich, zum Lesen hier drinnen zu sitzen; er war ein Lehnsessel-im-Wohnzimmer-Leser. Ich nahm es zur Hand. Ein Roman, und zwar ein alter. Das Paperback sah aus, als hätte es im Regen gelegen oder als hätte er es auf einem Feld gefunden – oder als hätte er einfach nur so oft darin geblättert, dass es wie eine alte Landkarte allmählich auseinanderfiel.

Der Titel im unteren Drittel war geprägt und offenbar ursprünglich in Gold abgehoben, das über die Jahre abgerieben worden war.

 

DIE SCHWARZE BLUME

 

und in kleineren Buchstaben darunter:

 

ROBERT WISEMAN

 

Das Bild auf dem Einband war ausgesprochen furchterregend. Es ähnelte einer Rose, nur dass die Blütenblätter schwarz waren und die Mitte so abgewandelt, dass darin ein qualvoll verzerrtes Frauengesicht erschien. Aus dem Stengel kringelten sich spitze Dornen nach oben und drangen in die Blütenblätter, aus denen rote Blutstropfen fielen.

Ich drehte es um und las den kargen Klappentext:

Dies ist nicht die Geschichte von einem kleinen Mädchen, das verschwindet, sondern die Geschichte von einem kleinen Mädchen, das zurückkommt …

Einem kleinen Mädchen, das auf einer Promenade erscheint. Das Mädchen hält eine Handtasche fest, in der sich nichts weiter als eine geheimnisvolle schwarze Blume befindet. Sie hat keinen Namen, niemand weiß, wer sie ist oder wo sie herkommt. Das Einzige, was sie mitbringt, ist die entsetzliche, verstörende Geschichte, die sie erzählt.

Der Polizist, der sich ihrer annimmt, ist entschlossen, die Wahrheit herauszufinden. Denn die Geschichte des Mädchens ist einfach zu unfassbar, um sich so ereignet zu haben. Doch wenn sie stimmt, ist ihr Leben in Gefahr. Und nicht nur ihres.

Ohne nachzudenken, fing ich an zu lesen. Das Buch öffnete sich von selbst in der Mitte, wo, zwischen den Seiten gepresst, eine Blume lag.

Das heißt, es waren die Überreste einer Blume. Sie hatte etwas von einem Fossil. Der Stengel war hauchdünn und spröde; die Farbe der getrockneten Blütenblätter war fast zu Grau verblasst, an der Oberfläche von winzigen schwarzen Adern durchzogen. Ich fühlte mich an die Haut einer sehr alten Frau erinnert.

Eine schwarze Blume.

Für einen Moment überlegte ich, ob es sich vielleicht um eine Art Werbegag handelte, doch das konnte schlecht sein. Denn je länger ich mir die Blume ansah, desto deutlicher spürte ich, dass etwas damit nicht stimmte. Sie war hässlich. Und ganz gewiss nicht etwas, das man freiwillig behielt. Ich klappte das Buch zu, schob es über den Tisch zurück und beschloss, meinen Vater danach zu fragen, wenn ich ihn sah. Auf meinem Rückzug aus der Wohnung, bei dem ich die Lichter ausknipste, kam ich zuletzt ins Wohnzimmer. In einer Ecke neben dem Fernseher blinkte ein kleines rotes Licht am Anrufbeantworter. Nachrichten. Ich ging hinüber und sah eine rote »7« auf dem Display. Waren sie alle von Marsha? Ich drückte auf »Play« und hörte sie ab.

Die ersten beiden stammten tatsächlich von ihr, im Abstand von drei Tagen aufgenommen und – bis jetzt – immer noch relativ gefasst.

Die dritte war von einer Frau, die ich nicht kannte.

»Hallo, hier spricht Barbara mit einer Nachricht für Christopher Dawson. Wegen des Interviews. Falls Sie noch interessiert sind, rufen Sie mich zurück. Sie haben ja meine Nummer.«

Piep. Also eine Journalistin. Mein Vater wäre darüber zweifellos hocherfreut.

Die nächsten drei Anrufe waren alle von Marsha und wurden im Ton immer besorgter. Bei ihrer letzten Mitteilung, die sie am heutigen Nachmittag hinterlassen hatte, erklärte sie ihm, sie wolle versuchen, mit mir in Kontakt zu kommen, um sicherzustellen, dass bei ihm alles in Ordnung sei.

Auch darüber wäre er zweifellos hocherfreut gewesen.

Die allerletzte Meldung auf dem Apparat war erst eine Stunde alt. Noch eine Frauenstimme, die ich nicht kannte.

»Hallo«, sagte sie, »ich versuche, die Familie von Christopher John Dawson zu erreichen. Ich bin District Sergeant Hannah Price von der Polizei Whitkirk. Falls jemand diese Nachricht abhört, möchte er mich bitte zurückrufen. Die Nummer ist null eins …«

Ich kramte nach einem Kugelschreiber und versuchte, die Nummer einzuholen.

»Es ist sehr wichtig«, sagte sie. »Inzwischen werde ich versuchen, Sie auf anderem Wege zu erreichen. Danke.«

Piep.

Einen Moment lang starrte ich auf den Apparat. Wieso rief die Polizei meinen Vater an? Whitkirk. Das war die Adresse des Hotels, das er auf dem Kalender notiert hatte. Das Southerton.

Etwas kroch mir die Brust hoch.

Ich versuche, die Familie von Christopher John Dawson zu erreichen. Seine Familie, nicht ihn.

Wieso rief sie dann hier an?

Ich griff zum Telefon und tippte zögernd die Nummer, die sie genannt hatte, ein. Als es klingelte, wurde das Gefühl, das mich beschlichen hatte, schlimmer. Das dunkle Haus hinter mir schien vor Leere immer schneller zu pochen.

Und eine Minute später erfuhr ich, dass mein Vater tot war.

3

Fünf winzige Kreuze in der Farbe von Blut.

Worüber du dir gefälligst keine Gedanken machst.

Stattdessen zog District Sergeant Hannah Price die Schublade unter ihrem Büroschreibtisch auf und holte das Fotoalbum heraus. Sie wartete, dass Barnes zur Einsatzbesprechung zu Christopher Dawsons Tod erschien, und es gab hundert Dinge, die sie in der Zwischenzeit tun konnte – einen Stapel Berichte zu anderen Fällen schreiben und einreichen, Kontaktpersonen ausfindig machen –, doch in letzter Zeit hatte sie Mühe, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Genauer gesagt, überhaupt irgendetwas zu machen. Selbst zu schlafen. Als ihr heute Morgen dieser Junkie aus dem Spiegel entgegenstarrte, hatte sie gedacht: Du siehst aus wie ein Gespenst, das jemanden heimsucht. Andererseits war sie das vielleicht ja auch. Falls es möglich war, die Dinge auf den Kopf zu stellen, so dass die Lebenden die Toten heimsuchen.

Hannah blickte zur Tür.

Draußen war das zirpende Geräusch der tippenden Hilfskräfte im Sekretariatsdienst zu hören. Über der Tür tickte die Wanduhr die Sekunden herunter. Aus irgendeinem Grund ging ihr das Geräusch auf die Nerven.

Ihre Emotionen fuhren in letzter Zeit Achterbahn, doch am stärksten machte ihr die verdrängte Angst zu schaffen. Beinahe Panik, als ob ihr jeden Moment etwas Schreckliches zustoßen müsste. Seit dem Tod ihres Vaters hatte sie zwischen Angst und Traurigkeit geschwankt. Traurigkeit war natürlich normal, doch ihre Emotionen schienen ungebrochen viel zu intensiv. Erst vor wenigen Stunden hatte Neil Dawson die letzte Habe seines Vaters identifiziert, und obwohl er sich redlich Mühe gab, Haltung zu bewahren, hatte sie sich von seinem Schmerz und seiner Trauer buchstäblich anstecken lassen und sich wie ein Schiff gefühlt, das auf dem Toten Meer das Notsignal eines anderen Schiffs in Seenot empfängt. O Gott, ja, ich weiß, was in dir vorgeht. Hannah bewahrte selbst nur mit Mühe die Fassung.

Sie öffnete das Album.

Wenigstens darin fand sie einen gewissen Trost; das Buch erzählte eine vertraute Geschichte, die ihr Leben von ihrer Geburt bis zu ihrem … zweiundzwanzigsten? … Lebensjahr aufzeichnete. Sie konnte sich nicht erinnern, wann genau sie zur Polizei gegangen war. Ihr Vater hatte immer zwei Fotos auf einer Seite eingeklebt. Auf dem ersten war sie als Baby in den Armen ihrer Mutter zu sehen. Ihre Mutter wirkte darauf müde und mitgenommen, aber auch stolz: sowohl auf das Baby, das sie hielt, als auch auf das, was sie durchgestanden hatte.

Wie sich alles veränderte.

Das unterste Foto war ihr das liebste. Darauf hatte ihr Vater sie in derselben Krankenhausumgebung wie auf dem darüber in den Armen. Doch wo ihre Mutter in die Kamera geblickt hatte, betrachtete er das Baby, das er hielt. Das hier war sein erstes und einziges Kind – Hannah war ein so zartes, winziges Wesen, mit roter Haut und Quetschungen von der Geburt, und dennoch schien sich Colin Price in seiner neuen Rolle als Vater mühelos zurechtzufinden. Dieses Foto gab ihr in zweierlei Hinsicht Gewissheit. Zum einen zeigte es, wie zupackend und selbstsicher er gewesen war – der starke, verlässliche Typ Mann, dem das meiste, was er in die Hand nahm, auf Anhieb gelang. Und zum Zweiten: Er hatte sie vom ersten Moment an geliebt und beschützt.

Etwas, woran man sich halten konnte, nicht wahr?

Sollte man zumindest meinen.

Hannah blätterte weiter. Auf einem anderen Lieblingsbild, ein paar Seiten dahinter, trug ihr Vater seine dunkelblaue, steif gestärkte Uniform. Er war im Hintergrund der Aufnahme und beugte sich mit einem hocherfreuten Lächeln nach vorn. Im Mittelpunkt des Fotos war Hannah, mit einem nicht weniger glücklichen Grinsen. Sie war mit ihrem Fahrrad im festen Glauben, dass ihr Dad ihr noch half, die Balance zu halten, zum ersten Mal ohne Stützräder gefahren. Sie hatte es wahrhaftig ganz alleine geschafft.

Du bist Hannah Price, Tochter von DS Colin Price.

Und das heißt, du schaffst alles, was du willst.

Dieses Mantra war ihre früheste Erinnerung an ihn. Er hatte ihr nicht nur immer ein Gefühl von Geborgenheit gegeben, sondern sie auch ermuntert und davon überzeugt, dass sie alles erreichen konnte, was sie sich vornahm, dass sie sich vor nichts zu fürchten brauchte. Wenn sie als Erwachsene nervös oder ängstlich gewesen war, hatte sie es oft im Stillen wiederholt. Dieses Gefühl der Sicherheit versuchte sie ein wenig wieder einzufangen, indem sie jetzt das Album durchsah.

Jedes Mal, wenn sie eine Seite umschlug, knisterte der Rücken des alten Einbands.

Das letzte Foto war am ersten Tag, an dem sie ihre Polizeiuniform trug, entstanden. Vor nunmehr siebzehn Jahren? Gott. Physisch hatte sie sich nicht sehr verändert – immer noch groß und schlank; dasselbe aschblonde Haar, das sie meist im Nacken zusammenband – doch in ihrem Gesicht hatte sich zweifellos etwas verändert. Sie wusste noch, wie stolz ihr Vater an jenem Tag gewesen war. Er war oft stolz auf sie, doch an dem Tag kam noch etwas hinzu: Seiner Tochter hatte die Welt offen gestanden, doch sie hatte sich dafür entschieden, in seine Fußstapfen zu treten.

DS Hannah Price, Tochter von DS Colin Price.

Die Bilder drohten vor ihren Augen zu verschwimmen, doch sie bekam die Gefühle in den Griff.

Nicht weinen, nicht hier. Schon gar nicht vor Barnes.

Auch wenn es das letzte Bild im Album war, hatte sie noch viele andere von ihm im Kopf. Der ältere Mann, mit schlafferer Haut. Das silbergrau melierte, kurzgeschnittene Haar. Der Fältchenkranz um seine Augen. Der Mann, der schneller, aber nicht mehr so unbeschwert lachte.

Und zuletzt das Bild eines Königs.

Vor drei Monaten war Hannah bei seinem Haus eingetroffen, hatte wie immer mit dem eigenen Schlüssel die Tür geöffnet und den ehemaligen DS Colin Price in seinem bequemen Sessel vorgefunden, in dem er mit hängendem Kopf und Erbrochenem auf der Vorderseite seines Hemds zusammengesackt gesessen hatte. Er hatte die Hände in die Noppen der Armlehnen gekrallt, so dass er sie auf den ersten Blick an einen schlafenden König erinnerte, der sich weigerte, von seinem Thron aufzustehen.

Zunächst hatte sie die Panik wie ein dumpfer Schlag getroffen, als hätte sich durch eine Explosion in der Welt draußen die Achse ein wenig verschoben und die Luft aus diesem Haus gesogen. Doch dann war sie ganz ruhig zu ihm hinübergegangen, weil sie glaubte, dass er tot sei, und eine solche Erkenntnis immer eine Weile braucht, um ins Bewusstsein zu sinken. Erst als sie seinen flatternden, schwachen Puls fühlte, hatte sie die blanke Angst erneut gepackt, als hätte die Explosion jetzt auch dieses Zimmer erfasst und sie in hektische Aktivität katapultiert. Sie hatte nach dem Telefon getastet.

Ein König.

Natürlich waren ihr auch noch spätere Bilder eingebrannt, doch keine, die sie haben wollte. Er habe einen schweren Schlaganfall erlitten, sagten die Ärzte, und sie hätte nichts für ihn tun können. Doch in den Tagen, in denen er im Krankenhaus im Sterben lag, als sein Körper auf der Suche nach seiner endgültigen Farbe, seiner endgültigen Form einfiel, sich gelblich verfärbte und dabei die Bettdecken immer enger um sich zu ziehen schien, war sie an seiner Seite gewesen. Sie war da, bis die Ärzte ihr scheinbar zum hundertsten Mal eine Frage stellten, sie die Augen schloss und für einen endlos langen Moment darüber nachdachte, um schließlich ja zu sagen, schalten Sie jetzt bitte die Apparate ab.

Sie versuchte, nicht daran zu denken, denn in diesen letzten Tagen schien er nicht mehr diese vornehme Würde zu besitzen, die er in jeder anderen Erinnerung besaß. Sie wollte ihren Vater als DS Colin Price, stark und respektabel, im Gedächtnis behalten.

Aus diesem Grund wollte sie auch nicht an diese andere Sache denken.

Fünf winzige Kreuze in der Farbe von Blut …

Diese Sache, die sie vor ein paar Tagen auf seinem Dachboden entdeckt hatte und die alles, was sie über ihn wusste, zu untergraben drohte. Und sie selbst. Das war das Problem, nicht wahr? Wenn man sich auf andere Menschen verließ und sein Leben darauf gründete …

Wenn dir der Boden unter den Füßen wegbricht, stürzt du ab.

»Alles in Ordnung, Price?«

Detective Chief Inspector Graham Barnes zog die Bürotür hinter sich zu.

»Wie bitte, Sir?«

»Sie sehen aus, als hätten Sie geweint.«

Verdammt. Hannah hatte gerade noch rechtzeitig ihren Make-up-Spiegel weggesteckt; sie dachte, man sähe ihr nichts mehr an.

»Nein, Sir, alles bestens.«

»Freut mich zu hören.«

Barnes war ein kleiner, schroffer Mann: Abgesehen von seiner runden Brille war alles an ihm kantig und spitz; selbst das graue Haar hatte sich an seiner Stirn in markanten Dreiecken gelichtet. Er ging auf die Pension zu und war vermutlich der einzige Beamte in Whitkirk, der in dieser Dienststelle noch mit ihrem Vater zusammengearbeitet hatte. Colin Price hatte sich schon Jahre, bevor Hannah zur Polizei ging, nach Huntington, ein paar Meilen von hier, versetzen lassen, und sie war ihm für diesen Schritt ewig dankbar gewesen. Sie hatte befürchtet, dass sonst jeder, der ihn kannte, sie entweder mit Samthandschuhen angefasst oder aber, zu der Kategorie zählte Barnes, sie viel zu streng behandelt hätte, und so war sie froh, dass sie sich aus eigenen Stücken bewähren konnte.

»Dawson«, stellte Barnes fest, »tot.«

»Ja, Sir.«

»Dann setzen Sie mich ins Bild. Ah – PowerPoint. Immer wieder ein Vergnügen.«

Sie hatte das Briefing mit einer ausrollbaren Leinwand an einer Seite des Zimmers vorbereitet, auf der im Moment ein schwarzes Quadrat mit der Fallnummer in der Ecke zu sehen war. Sie zwang sich, Barnes’ Sarkasmus zu überhören.

Mach deinen Job und bring’s hinter dich.

Hannah stand auf und kam gleich zur Sache.